welches waren diese?« Das wußte ich nicht. »Und hat nicht Ihr Herr Vater
vielleicht einen gütlichen Vergleich ausgeschlagen?« Auch darüber konnte
ich keine Auskunft geben, kurz, mit der Gewißheit in mir, daß falsches
Spiel gespielt worden sei, stand ich endlich vertheidigungslos da, wie
eine unerfahrene Schwärmerin, welche den Dingen, wie sie einmal sind, keine
Rechnung trägt. Das war die erste bittere Erfahrung, die ich in dieser
Angelegenheit auf eigene Hand machte und zwar an einem wohlwollenden
Menschen. Ich zog darauf die Fühlhörner ein und entschloß mich vor allem,
mir bei meiner Mutter, wenn es thunlich, genaue Auskunft zu holen über
jene angeblichen Ansprüche und manches Andere, um ein anderes Mal besser
gerüstet zu sein. Ziemlich kalt verabschiedete ich mich von dem Pfarrherrn;
seine guten Rathschläge nahm ich nicht so willig und unbefangen hin, wie
es vor wenig Tagen geschehen sein würde, sondern hörte sie, innerlich in
Angriffsstellung, schweigend an. Die meiner Mutter sagten mir besser zu;
sie ermahnte mich, nicht zu vergessen, wer ich sei.
»Etwas aber«, fügte sie hinzu, »möchte ich Dir noch anempfehlen, was Dir
Deine Arbeit erleichtern wird. Wie Du Dich gegen diejenigen, welche über
Dir, und die, welche unter Dir stehen werden, zu verhalten hast, das wird
Dir Dein Standesgefühl und Deine Vernunft sagen; die Kinder aber, bei denen
mache Dir's leicht: suche sie zu lieben, dann geht Alles und kommt Alles
ins rechte Gleis. Und nun segne Dich Gott! O Margarethe, er wird die Gebete
einer einsamen alten Frau hören und Dich behüten!«
Damit schieden wir. Ich fuhr von der Heimat fort mit einem Gefühl der
Verlassenheit und des Jammers, welches dadurch nicht leichter für den
Einzelnen wird, daß es so Viele schon empfunden haben und noch empfinden
werden.
Drittes Kapitel.
Die Familie der Mrs. Gray, in welche mich das Schicksal und zwar ein
freundliches geführt hatte, bestand aus dem Vater, der Mutter, zwei fast
erwachsenen Söhnen, zwei jüngern Mädchen, meinen Zöglingen, und einer
ganzen Menge kleinerer Kinder, von damals sechs Jahren an abwärts, deren
Zahl sich, da sie sich regelmäßig jedes Jahr um eins vermehrten, auf die
Dauer nicht feststellen ließ. Zwischen der fünfzehnjährigen Blanche und
dem sechsjährigen Gordon waren mehrere Kinder gestorben und durch diesen
Zwischenraum die vier ältern von der Heerde der »Kleinen« ganz abgesondert.
Herr und Frau Gray kamen mir bald mit Herzlichkeit entgegen und betonten es
in ihren freundlichen Gesinnungen ganz besonders, daß von seiten der Dame
sich deutsches Blut in der Familie befinde, während Herr Gray schottischer
Abkunft war. Durch diese Umstände herrschte in der Familie nicht der
specifisch englische Ton, welcher unangenehm sein mag; man war etwas
kosmopolitisch im Hause und meinem Vaterlande besonders zugethan. Von
Demüthigungen, welche die Stellung einer Gouvernante oft mit sich bringen
soll, habe ich nie etwas erfahren. Die Geselligkeit der Familie war eine
liebenswürdige, angeregte und ich bewegte mich in derselben bald mit Genuß,
nachdem mir Idiom und Gebräuche geläufig geworden waren.
Eines Abends, wohl ein halbes Jahr nach meiner Ankunft, saß ich in meinem
Zimmer, welches auf eine Veranda hinausging, die auf drei Seiten das Haus
umgab, und die Aussicht auf den schönen parkartigen Garten hatte. Noch eine
Stunde fehlte bis zur Zeit des Abendessens, und da mehrere Gäste sich im
Hause befanden, war ich mit meinem Anzuge beschäftigt und eben recht in das
Ausputzen meines leichten Kleides vertieft, als mir plötzlich durch eine
Ideenverbindung, vielleicht von dem geringsten Umstand angeregt, ein
anderes Kleid einfiel, welches ich oft mit Ehrfurcht und Entzücken
betrachtet hatte und das für meine ganze Jugend der Inbegriff von Pracht
gewesen war -- das Brautkleid meiner Mutter. Nun war freilich meine Mutter,
meine einsame, geliebte Mutter, nie ganz aus meinen Gedanken, aber jetzt
überfiel mich plötzlich eine Sehnsucht nach ihr, wie ich sie lange nicht
mehr gefühlt hatte, und zugleich ein Gefühl des Unrechts, daß ich so ganz
in dem Leben hier aufgegangen war, daß ich kein Heimweh mehr gehabt hatte,
daß ich vergnügt, ja glücklich gewesen, während meine Mutter stets die
Bürde ihrer Einsamkeit und ihrer traurigen Erinnerungen trug. Was that ich
denn für sie? Ihre äußere Lage freilich konnte ich erleichtern, aber hatte
ich keine andere Mission? Was hatte ich damals bei ihrer Erzählung, was bei
den Worten des Pfarrers gefühlt! War es mir nicht klar geworden, daß meine
Stellung zu der Welt eigentlich keine andere als eine feindliche sein
konnte? War es nicht eine Schwäche, jemals, auch nur auf Augenblicke,
das Unrecht zu vergessen, unter welchem wir lebten, welches uns in unsere
gegenwärtige Lage hinabgedrückt hatte? Und mein fröhliches Mitleben in
dieser Gesellschaft, von deren Existenz ich vor einigen Monaten noch nichts
gewußt, war das nicht ein hohler Compromiß mit der uns feindlichen Welt?
So dachte ich, schämte mich meiner Charakterschwäche und fühlte mich dabei
sehr unglücklich. Auf den mir bevorstehenden heitern Abend blickte ich nur
mit Beklommenheit hin; wäre es nicht recht, daß ich mich von dergleichen
Vergnügungen zurückzöge? Ich überlegte, wie sich dies thun lasse, ohne
Aufsehen zu erregen, da hörte ich John's, des jüngsten der beiden ältern
Söhne, fröhliche Stimme auf der Veranda. Er kam an die Glasthür, welche
aus meinem Zimmer auf dieselbe führte, klopfte und trat auf meinen Wink mit
einer komischen Geberde schalkhafter Schüchternheit herein. Das war auch
ein Zeichen meiner Schwäche, warf ich mir jetzt im Stillen vor, daß ich den
siebzehnjährigen wunderhübschen Jungen so rasch vorzugsweise lieb gewonnen
hatte. Es wäre freilich schwer gewesen, das zu verhindern, er war
der Liebling aller, die ihn kannten. Auch jetzt warf er mit seiner
Aufforderung, mich doch zu eilen, man wolle im Garten zu Abend essen
und dann noch auf dem Flusse eine Kahnfahrt unternehmen, alle meine
misanthropischen Entschlüsse über den Haufen. Aber die Gedanken, welche vor
kurzem wieder in mir aufgewacht waren, blieben thätig. Als ich spät, nach
einem herrlichen Abend, in mein Zimmer trat, ergriffen sie mich wieder, als
hausten sie in der Luft desselben, nur nahmen sie jetzt eine andere Form
an. Durch die Stunden froher Geselligkeit, welche hinter mir lagen, fühlte
ich mich beschämt, meine vorherigen Anwandlungen kamen mir thöricht vor.
Der Zusammenstoß mit einigen heitern, klaren und sicher lebenden Menschen
hatte bewirkt, daß mir meine vagen, weltschmerzlichen Ideen unnütz und
kleinlich erschienen. Wenn ich nun einem der Herren hier, einem dieser
gebildeten, weltgewandten Männer meine Geschichte erzählte, dürfte ich
etwas verlauten lassen von meinem Entschlusse, mich von nun an der
Welt gegenüber in das Gefühl des Unrechtleidens pathetisch und thatlos
einzuhüllen? Ein Engländer würde diese deutsche Gefühlsseligkeit gar nicht
verstehen. Aber -- der Gedanke durchzuckte mich plötzlich -- würde er nicht
wahrscheinlich fragen: Und können Sie sich nicht wieder zu Ihrem Rechte
verhelfen? Konnten wir nicht unser Recht geltend machen, konnte das
damalige elende Spiel nicht jetzt aufgedeckt werden, wo wir unter den
Gesetzen standen, wie sie eine unparteiische Regierung verwaltete?
Konnte man nicht handeln, anstatt nur zu leiden? Es erschien mir jetzt
unbegreiflich, daß ich nie früher daran gedacht, daß meine Mutter nicht
diesen Weg eingeschlagen hatte. Sollte ihre Mittellosigkeit sie vor einem
Processe haben zurückschrecken lassen? Nein, dazu kannte ich ihren Stolz
und die Starrheit ihres Charakters zu gut. Hätte sie müssen ihr Letztes
daran setzen, hätte sie es wagen müssen, sich bei dem Versuche vollständig
und wörtlich zur Bettlerin zu machen, so würde sie das Alles nicht
abgehalten haben, ihr Recht zu fordern. Es mußten andere Gründe, in der
Angelegenheit selbst liegend, bei ihrem Verhalten den Ausschlag gegeben
haben. Ich wollte mir von ihr Auskunft verschaffen; schon am folgenden Tage
schrieb ich und bat sie, mir die nähern Umstände jenes Rechtshandels so
genau wie möglich auseinander zu setzen und mir zu sagen, ob ihr nie
der Gedanke gekommen, nach meines Vaters Tod die unrechtmäßigen Besitzer
unserer Güter mit dem Gesetze anzugreifen. Während ich gespannt auf Antwort
wartete, traten Umstände ein, welche mich merkwürdig unterstützen zu wollen
schienen.
Ich saß eines Nachmittags mit meinen Zöglingen im Garten; die regelmäßigen
Lehrstunden waren durch die Vacanz der Brüder, während welcher die Familie
gewöhnlich eine Erholungsreise unternahm und auch diesmal zu machen
gedachte, aufgehoben. Wir lasen »Iphigenie«, zur allgemeinen Erbauung; auch
John, welcher von seiner öffentlichen Schule einen guten Grund im Deutschen
mitgebracht hatte, betheiligte sich und unvergleichlich klangen aus seinem
Munde die Worte des Orestes, da er von künftigen Thaten spricht, die wie
Sterne aus dem Nebel auf seine Jugend hineinglänzten. Ich sage, sie klangen
unvergleichlich, und doch hörte ich ihn kaum, die Mängel der ausländischen
Aussprache konnten mich daher auch nicht stören. Der Sinn des Ganzen sprach
zu mir und wurde wunderbar unterstützt durch sein Aussehen, sein Gesicht;
ich sah ihn an und erfreute mich daran, daß man kein schöneres Bild eines
griechischen Jünglings sich hätte denken können als ihn. Während wir so
saßen, trat Roger, der älteste Sohn, mit einem fremden Herrn zu uns, dessen
Namen ich bei der Vorstellung nicht verstand; ich hielt ihn für einen
Universitätsfreund Roger's, welcher damals in O. studirte.
Die Angekommenen baten, daß man sich nicht stören lasse; wir lasen weiter,
unvermerkt aber nahmen die beiden Neuangekommenen die Rollen des Thoas und
des Pylades auf, welche ihnen meine Zöglinge, die sich dem fremden Zuhörer
gegenüber nicht behaglich gefühlt haben mochten, willig genug überließen,
während Iphigenie mir blieb. Mir fiel bald das vortreffliche Lesen des
Fremden auf; ich sah ihn zuweilen verwundert von der Seite an -- sollte
es ein Deutscher sein? Aber warum hätte er dann nicht die Landsmannschaft
geltend gemacht? Es entspann sich in den Pausen der Lectüre bald ein
Gespräch, und an der Aussprache des Ankömmlings wurde es mir vollends klar,
daß ich es nicht mit einem Engländer zu thun hatte, ich befestigte mich in
meiner Ueberzeugung, daß er ein Deutscher sein müsse. Warum aber hatte er
als solcher mich nicht als Landsmännin begrüßt? Das Unterlassen hatte etwas
fast Beleidigendes, denn er hatte gehört, wer ich sei. So ließ ich es denn
auch bei dem fremden Idiom, und Herr Forster -- aus seinem Namen freilich
konnte man auf die Nationalität nicht schließen -- Herr Forster und ich
begegneten uns von da ab auf dem neutralen Gebiete des Englischen. Er
wollte, wie ich bald erfuhr, einige Zeit bei uns bleiben und die Familie
sogar auf ihrem Ausflug in die schottischen Hochlande begleiten.
Die Vorbereitungen zur Reise wurden gemacht und es gab viel zu thun im
Hause; das deutsche Lesen unterblieb und wir alle waren fast nur während
der Mahlzeiten vereinigt, wo Herr Gray sich ein Vergnügen daraus zu
machen pflegte, mir politische und andere Nachrichten aus Deutschland
mitzutheilen, von denen er wußte, daß sie mir Interesse einflößten, wie
mir denn jetzt in der Fremde erst für die staatlichen Verhältnisse meines
Vaterlandes einiges Verständniß aufging. Wir sprachen dann häufig viel von
deutschen Zuständen, und nun wurde auch Herr Forster in diese Unterhaltung
hineingezogen, von dessen Umständen übrigens Niemand außer Roger viel zu
wissen schien. Eines Tages gab er uns bei einer solchen Gelegenheit
so eingehenden Aufschluß über deutsche Rechtszustände, daß ich zu der
Ueberzeugung kam, wir hätten einen deutschen Juristen vor uns. Ein
deutscher Rechtskundiger, hier, in meinem Bereiche, der mir über das,
was mich Tag und Nacht beschäftigte, Aufklärungen geben konnte! Vor einer
solchen Chance mußte meine, wie mich dünkte, berechtigte Zurückhaltung ihm
gegenüber weichen. Noch an demselben Tage traf ich ihn in den Gängen
des Gartens mit einem Buche; er grüßte und wollte wieder fremd an mir
vorübergehen, da trat ich auf ihn zu und bat ihn, ein wenig mit ihm reden
zu dürfen.
»Warum«, fragte ich ihn nun auf Deutsch, »warum, mein Herr, reden Sie nicht
unsere Muttersprache zu mir? Es scheint sonderbar, daß zwei Deutsche, die
sich in der Fremde treffen, nicht in ihrer Sprache mit einander verkehren;
es ist fast, als riefe man sich durchs Sprachrohr an, wenn man nahe bei
einander steht.«
Er lächelte über den Vergleich und sagte ganz gelassen: »Es ist vielleicht
eine Grille von mir, gnädiges Fräulein, daß ich mir vorgenommen habe,
Deutschen gegenüber im Auslande mich nicht als Landsmann zu geriren;
doch läßt sich mein Verhalten theilweise begründen: man könnte durch die
Bekanntschaft mit mir compromittirt werden -- ich bin ein politischer
Verbrecher.«
Ich hatte in meinem einsamen Leben zu Hause wenig über die zeitbewegenden
Fragen gehört, kannte die Stichwörter nicht und mag daher bei diesen Worten
nicht wenig entsetzt ausgesehen haben. Herr Forster lächelte wieder und
schien nun schon mehr Gefallen an einer Unterhaltung zu finden, bei der die
naivsten Vorurtheile zu überwinden waren.
»Und was, denken Sie wohl, kann ich verbrochen haben, Fräulein?« fuhr er
fort und sah mich zum ersten Male mit den hellbraunen Augen ganz freundlich
an. »Gemordet, gestohlen, Brand gestiftet?« Und dabei lachte er hell
auf. »In den feudalen Kreisen hat man von unsereinem oft wunderliche
Vorstellungen; wer weiß, vielleicht hat Ihre Wärterin Sie in den
Schlaf gesungen mit schrecklichen Geschichten von wilden Demagogen und
mordlustigen Rebellen.«
»Sie machen sich über mich lustig, Herr Forster«, sagte ich nun
meinerseits, »und meine Unwissenheit mag das wohl verdienen. Ich weiß
nicht, was dazu gehört, zum politischen Verbrecher gestempelt zu werden.«
»Dazu kann, um Ihnen ein Beispiel zu geben, gehören, daß man eine Rede
gehalten hat, in der man sich mit zu großer Aufrichtigkeit über einige
Maßregeln der Regierung ausgesprochen und den Ausspruch des persischen
Dichters nicht beherzigt hat: Wer die Wahrheit spricht, muß statt der Arme
Flügel haben. Diese Flügel haben mir nun freilich gute Freunde geliehen,
denn ich bin aus der Untersuchungshaft entkommen und, wie Sie sehen, hier
und frei.«
»Und können Sie nicht in die Heimat zurück?« fragte ich, der jede Art von
Exil ein schweres Schicksal schien.
»Nein, vorerst und vielleicht auf Jahre hin nicht.«
»Ach«, sagte ich, »dann sind Sie auch nicht frei; frei ist nur der, welcher
gehen kann, wohin er will.«
Herr Forster sah mich an und nickte schweigend mit dem Kopfe, dann sprach
er weiter:
»Ich bin Jurist und habe die Staatsexamina hinter mir; die Anstellung wird
nun freilich eine Weile auf sich warten lassen. Auf einer Ferienreise in
der Schweiz traf ich vor mehreren Jahren Roger Gray und wir fanden Gefallen
an einander. Er hat mich seitdem in meiner Vaterstadt besucht, und als
ich vor einigen Wochen in England ankam, schrieb ich an ihn und erhielt
sogleich eine Einladung nach seines Vaters Hause auf so lange, als es mir
gefallen würde.«
Herr Forster hatte mit großer Offenheit erzählt; dafür war bei mir auch
lebhafte Theilnahme an seinen Mittheilungen erwacht. Ich schwieg und dachte
über dieselben nach, dann fragte ich, aus diesen Gedanken heraus:
»Aber warum haben Sie die Untersuchung nicht an sich herankommen lassen?
Sie hatten doch keinesfalls so schwer gefehlt, daß man Sie hätte hart
bestrafen können, und jetzt steht es gewiß weit schlimmer um Sie als
damals.«
Er schien überrascht über diesen Beweis von Verständniß; überhaupt ließ er
auf seinem Gesicht meist ganz unbesorgt den Eindruck erscheinen, den die
Worte eines Andern auf ihn machten, und sah den Sprecher manchmal,
beinahe die Höflichkeit aus den Augen setzend, lange und forschend an, als
betrachte er ihn als Gegenstand psychologischer Studien.
»Es ist wahr, ich bin schlimm daran«, sagte er, »insofern als meine
Carrière in Deutschland fürs erste ganz bestimmt hin ist, =to the dogs=,
wie man hier sagt; aber sie wäre es so wie so gewesen. Ich war mir als
Rechtskundiger wohl bewußt, nach unserer Auslegung der Gesetze einige Jahre
Festung verdient zu haben, und diese Aussicht mißfiel mir.«
»Wie schade, daß Sie sich in Ihrer Rede haben hinreißen lassen«, sprach ich
mehr zu mir selber als zu ihm. »Was nützt es denn, an der Welt ändern und
bessern zu wollen? Es geht nicht und man geht dabei zu Grunde.«
»Mein liebes Fräulein, wie kommen Sie zu einer so gereiften Weltanschauung
in Ihrem Alter?« rief er spöttisch, indem er sich setzte; wir waren an
einer Laube des Gartens angekommen und ließen uns beide nieder.
»Ich weiß es selber nicht«, entgegnete ich; »sie kommt mir eben erst und
paßt gar nicht in meine Absichten, denn ich möchte auch an etwas lange
Bestehendem rütteln und es womöglich über den Haufen werfen. Haben Sie
jetzt Zeit, Herr Forster, mich eine Viertelstunde anzuhören?«
»Solange Sie wollen, mein Fräulein«, antwortete er verbindlich; das
»gnädige«, was er vorhin als eine Art abwehrender Förmlichkeit gegen mich
gebraucht hatte, war ganz weggefallen. »Ich habe erzählt und nun ist die
Reihe an Ihnen.«
»Ich wünsche nur Ihre Meinung über etwas zu hören«, sagte ich und gab ihm
in kurzen Worten an, wie unsere Güter uns verloren gegangen waren, indem
ich jedoch den Fall ganz allgemein darstellte und meine Beziehungen zu
demselben aus dem Spiele ließ. Er schüttelte den Kopf.
»Solchen veralteten Geschichten ist schwer beizukommen«, sagte er. »Die
Besitzenden haben sich meist in Betreff der Förmlichkeiten gut vorgesehen,
und wenn auch alle Welt einmal wußte, daß sie im Unrecht waren, so ließ
sich das nicht beweisen, und jetzt hat sich alle Welt daran gewöhnt, sie
im Besitze zu sehen, und fühlt sich, wenn man sie angreift, in der eigenen
Unfehlbarkeit angegriffen.«
»Aber das ist nicht die Antwort eines Juristen«, warf ich ein; »das Gesetz
wird doch durch die Meinung der Leute nicht beeinflußt; ich will wissen,
ob man nicht die Ansprüche der Besitzer auf die Güter noch einmal prüfen
lassen kann.«
Mein Landsmann lächelte über den Ernst, welchen ich zeigte, und bat mich,
ihm den Fall noch einmal zu erzählen und zwar so genau wie möglich. »Und
auch die Data, bitte; wann trug sich die Sache zu?«
»Es sind zwanzig Jahre her«, antwortete ich und nun erzählte ich Alles noch
einmal, genauer als zuvor.
»Wie stehen Sie zu den Parteien?« fragte er plötzlich mit einer Amtsmiene.
Ich stutzte, aber da ich keinen Grund hatte, meine Verhältnisse zu
verhehlen, entgegnete ich ihm, daß der unglückliche Freiherr, von dem ich
gesprochen, mein Vater gewesen sei.
»Das dachte ich mir. Nur weiter!«
Ich hatte wenig mehr zu berichten; die bedrängte Lage meiner Mutter gehörte
nicht zur Sache, ebenso wenig wie die Beziehungen des Fürsten zu meinen
Aeltern; sein Uebelwollen, seine Verfolgung hatte ich freilich hervorheben
müssen. Diese Umstände fielen dem Doctor auf.
»Erlauben Sie mir, jetzt eine Art von Verhör anzustellen«, sagte er
ernsthaft, »damit ich mir einige Momente Ihrer Geschichte klar machen
kann.«
Ich nickte lächelnd.
»Hatten zwischen den andern Vertretern Ihrer Familie und Ihnen vor dem
Rechtsstreite schon unangenehme Beziehungen bestanden?«
Das wußte ich eigentlich nicht; ich dachte an den Charakter der andern Frau
von Günthershofen und antwortete, wie ich kaum glaube, daß meine Aeltern
mit jenen auf gutem Fuße gestanden.
»Darf ich fragen, warum nicht?« fuhr Herr Forster fort.
Ich überwand mich, was ich um so leichter konnte, als mir unser Gespräch
schon geschäftlich vorkam, und entgegnete, Frau von Günthershofen könne
keines guten Rufes genossen haben.
»So, war sie mit dem Fürsten liirt?« fuhr mein rücksichtsloser Inquirent
fort. Ich nickte schweigend, indem ich seinen juristischen Scharfsinn
bewunderte.
»Und woher schrieb sich die Gehässigkeit des Fürsten gegen Ihre Aeltern?«
»Von einer Familienangelegenheit, Herr Forster.« Er schwieg und schien zu
warten. »Der Fürst hatte meine Aeltern beleidigt und mein Vater sich gegen
ihn vergessen«, sagte ich endlich.
»Und Sie wissen nicht, wodurch die Ansprüche jener Familien auf Ihre Güter
begründet wurden?«
»Ich habe an meine Mutter geschrieben, um mir Auskunft über diesen Punkt
und noch andere zu verschaffen.«
»Gut, wir müssen also warten.«
Dies »wir« entzückte mich; er schien meine Angelegenheit unter seine
Interessen aufgenommen zu haben. Als ich aufstehen wollte, bat er mich, ihm
einstweilen Alles zu sagen, was ich über die jetzigen Besitzer von Erbrück
und Günthershofen wisse. Das that ich, und so kam es, daß ich auch des
Besuchs erwähnte, den uns der Freiherr vor meiner Abreise gemacht hatte.
Diesen Umstand griff Herr Forster lebhaft auf, ließ sich jedes Wort der
Unterhaltung wiederholt erzählen und schien die Zusammenkunft ebenso
sonderbar zu finden wie meine Mutter damals. Endlich sagte er: »Mein
Fräulein, Sie haben mir Vertrauen geschenkt, und ich kann dasselbe vorerst
nur dadurch lohnen, daß ich Sie sich nicht falschen Hoffnungen hingeben
lasse. Ich habe Ihre Mittheilungen nur hinnehmen können als ein
unparteiischer Rechtskundiger, dessen Gutachten Sie wünschen. Dasselbe
kann ich Ihnen erst dann aussprechen, wenn wir über den Hauptpunkt, die
Ansprüche Ihrer Verwandten, unterrichtet sein werden. Und dann kann ich
Ihnen insoweit nützen, als Sie von mir werden erfahren können, ob es
thunlich wäre, jene Ansprüche vor Gericht in Frage zu ziehen.«
Er stand jetzt auf und verbeugte sich, da ich mich zum Gehen anschickte,
ohne mir zu folgen; so schritt ich denn, nachdem ich ihm herzlich für seine
Aufmerksamkeit gedankt hatte, allein und gedankenvoll dem Hause zu.
Im Ganzen war ich mit der Unterredung recht zufrieden; hatte doch der
Jurist unsern Fall ernster Beachtung werth gehalten, war doch derselbe wie
aus der Luft auf den festen Boden gerückt. Die Hoffnung wachte mit einem
Male mächtig in mir auf, aber ich wies die sich herbeidrängenden Gedanken
zurück. Meine Mutter, meine verehrte, angebetete Mutter wieder in Besitz
und Rang -- es war zu viel, es konnte nicht so kommen, das Glück wäre zu
groß gewesen. Ich konnte mich jedoch nicht enthalten, fast beständig an die
mir so wichtige Angelegenheit zu denken. Die Unruhe im Hause, welche die
Reisevorbereitungen mit sich brachten, kam mir dabei zu statten, meine
Zerstreutheit und Ruhelosigkeit würden sich sonst schwer haben verbergen
lassen.
Herr Forster hatte seit unserer Unterredung sein Benehmen gegen mich
geändert; wir nahmen jetzt oft gemeinsam unsere deutschen Interessen wahr
und verkehrten in der ungezwungenen Weise des Hauses mit einander. Die
Uebrigen bemerkten das und sprachen nun erst mit mir über den Gast, was sie
bisher, einem richtigen Gefühl folgend, vermieden hatten. Roger erzählte
von seinem ersten Zusammentreffen mit meinem Landsmann auf dem Rigi, wo er,
zufällig mit ihm ins Gespräch gerathen, bald durch seinen klaren Verstand
und sein einfaches, männliches Wesen gefesselt worden war.
»Er ist ein seltener Mensch«, sagte mir Roger einstmals vertraulich, da
wir zusammen auf der Veranda vor meiner Glasthür standen; »besonders
liebenswürdig ist an ihm das Geltenlassen Anderer und eine Naivetät den
Formen der Gesellschaft gegenüber. Nur in einem Punkte ist er schwach, in
dem nämlich, was die politischen Verhältnisse Ihres Vaterlandes betrifft.
Die scheinen nun freilich auch danach angethan zu sein, den Vernünftigsten
zu ärgern.«