XIV.

Glücklicher Zufall. -- Abschied von Leon. -- Ein Jahr Unterschied.

-- =Stars and Stripes!= -- Verändertes Aussehen von St. Juan

di Nicaragua. -- Abschied von Central-Amerika. -- Allgemeine

Bemerkungen und Warnungen für Auswanderer.

Am Bord des Steamers Illinois auf der Höhe von Cuba, Juli, 1852.

So war denn, für jetzt wenigstens, die mir gestellte Aufgabe in

Central-Amerika erledigt, da manche unvermuthete Zwischenfälle die von

Squier und mir projectirte Exploration der noch unbekannten Striche

desselben auf eine entferntere Zeit zu verschieben nöthig machen.

Meine Bestimmung rief mich wieder nach New-York zurück, aber in meiner

jetzigen Lage war eine Reise von mehr als 3000 Miles ein Kunststückchen,

über dessen Lösung ich mir wohl vergebens hätte den Kopf zerbrechen

können, wenn nicht der liebe Gott und mein sehr geehrter Freund und

Gönner, Mr. Kerr, Gesandter der Vereinigten Staaten in Central-Amerika,

mir eine gute Gelegenheit geboten hätten, dies zu bewerkstelligen, und

Letzterm zugleich einen Dienst zu erweisen: zwei wichtige ratificirte

Traktate waren nach Washington zu überbringen, welche Mission Mr. Kerr

mir anvertraute.

Meine Sachen waren bald gepackt, mein alter Schimmel hatte sich in

der Zwischenzeit auf guter Weide von den Entbehrungen der trockenen

Jahreszeit recht wacker wieder erholt und ward mir von seinem jetzigen

Besitzer freundlichst zu diesem letzten Ritt geliehen; das Maulthier

eines neuen Sancho Pansa trug mein ziemlich umfängliches Gepäck, und

nach kurzem, herzlichem Abschiede von Land und Leuten befand ich mich

bald in Gesellschaft meines gütigen Arztes und Gastfreundes =Dr.= L.,

den ebenfalls Geschäfte nach den Vereinigten Staaten riefen, auf dem

Wege nach Granada. Während wir durch die klare tropische Mondnacht

dahintrabten, sandten uns noch die Glocken der ehrwürdigen Kathedrale,

das morgende Frohnleichnamsfest einläutend, den letzten Scheidegruß

nach, und in dem leisen Wellengemurmel, mit dem der stille Ocean

einstimmte, verklang der Schlußaccord meines Lebens in den Tropen.

* * * * *

Nach scharfem zweiundzwanzigstündigen Ritt (für 110 Miles) langten wir

in Granada an, wo =Dr.= S., einer meiner früheren Bekannten, sofort

einen seiner kleinen Schooner segelfertig machen ließ; bald waren wir

mit meinen Skizzen und Sammlungen an Bord, und eine günstige Brise

trieb uns in 36 Stunden über den See. In St. Carlos war uns der

Duanendirector, der sich lachend meines Champagnerschusses vom vorigen

Jahre erinnerte, behilflich, schnell ein Boot für den Fluß fertig zu

machen, und nach abermals 36 Stunden waren wir in St. Juan.

* * * * *

Daß meine vor einem Jahre ausgesprochenen Prophezeiungen in Bezug auf

den St. Juan River und den Platz gleiches Namens so schnell in Erfüllung

gehen würden, hätte ich wahrlich nicht gedacht. Die Veränderung war fast

wunderbar; da, wo noch vor'm Jahre (ich passirte die Stelle am selben

Tage und fast zur selben Stunde) die Ruinen von Castillo Viejo einsam im

Walde vergraben lagen, flatterten jetzt lustig die =Stars and Stripes=

(Sterne und Streifen, die Flagge der Vereinigten Staaten) über einem

entstehenden Wohnplatz; die alte Festung und die sie beschattenden

Bäume waren verschwunden, ein großes Hotel und eine Anzahl hölzerner

Wohnhäuser lugten wundersam neugierig hinüber in die jungfräulichen

Wälder; über den Rapids lag ein kleiner Steamer, unterhalb noch einer,

am Serapique River wieder einer, und zwei kleine Schlepp-Steamer gingen

eben letztern Fluß hinauf, um Ladungen von Kaffee aus Costa Rica zu

holen. Das kleine Dampfboot, das voriges Jahr, kurz vor meiner Ankunft,

an dem Machucha-Rapids gestrandet war, hing zwar immer noch an derselben

Stelle, seiner völligen Zertrümmerung entgegenharrend, aber eine Menge

Treibholz war an dasselbe angeschwemmt, und hatte schon angefangen, eine

kleine Insel zu bilden, auf der Büsche lustig grünten. In St. Juan hatte

der größte Theil der Schilfhütten hübschen hölzernen Wohnhäusern Platz

gemacht, was dem pittoresken Aussehen zwar Abbruch that, das Leben aber

denn doch bedeutend angenehmer machte. Manche der alten Bekannten

waren noch da und freuten sich meines Wiedersehens, und wie in Leon die

Glocken der Kathedrale, so ward mir hier beim frohen Mahle im Klange der

Gläser das Abschiedsgeläute von Central-Amerika.

* * * * *

Die große Bedeutung, welche diese Länderstriche gewiß binnen Kurzem

für den Welthandel erhalten müssen, versprechen ihnen eine reiche,

gedeihliche Zukunft, werden aber auch viele Ansiedler aus europäischen

Ländern hierherlocken, zumal Deutsche, und zu ihrem Nutz und Frommen

sei es mir hier noch verstattet, einige auf eigene Erlebnisse und

Anschauungen gegründete allgemeine Bemerkungen anzuschließen.

* * * * *

Wer es irgend vermag, der vermeide hier, zumal im Innern, das

Alleinreisen, das tausend Beschwerlichkeiten und Verlegenheiten

bereitet, und versorge sich mit einem Mozo, einem Packthiere und wo

möglich mit einem Hammock, sowie auch mit Lebensmitteln, denn nicht

nur, daß man alle Sorge für Satteln, Packen und Füttern des Pferdes

übernehmen muß, bieten selbst viele der sogenannten Gasthäuser, außer

einer Bettstelle mit roher Ochsenhaut überzogen, nur höchst spärliche

Mahlzeiten, ja jenseits Leon hören sie sogar ganz auf. Besonders lästig

dabei ist die Verpflegung des Pferdes, da das nöthige Futter meist

schwierig aufzutreiben ist, und man, selbst bis zum Tode ermattet, das

müde Thier oft noch eine Stunde weit nach dem Protero bringen muß.

Was die Preise der Lebensmittel anlangt, so sind diese durchgängig

billig, ausgenommen wenn eben ein starker Durchzug nach Californien die

große Heerstraße etwas theuer macht, und nur aus dem Umstande, daß Herr

Thiele, derselbe, welcher so heftig gegen Fröbel's Berichte auftrat,

nie weiter als nach dem Hafen von St. Juan di Nicaragua gekommen, wohin

allerdings die Lebensmittel theils von Granada, theils von Bluefield,

über 30 Meilen die Küste entlang, gebracht werden müssen, lassen sich

dessen übertriebene Preisangaben der Lebensmittel erklären, wie z. B.

ein Ei 1 Media (etwa 2 Silbergroschen), ein Pfund Rindfleisch 1 Real,

u. s. w. Ich kann versichern, daß ich selbst an Plätzen, wie Massaya und

Managua, wo nach den Landesbegriffen höchst luxuriöse Gasthäuser sind,

sogar in Begleitung eines Dieners nie mehr als 1 Dollar für Nachtessen

(bestehend aus gebratenem Huhn, Fisch, Eiern, Käse und Chocolade),

Nachtlager und Frühstück, incl. des Futters für zwei Pferde, bezahlt

habe. Auch die schädlichen Einflüsse des Klimas werden diejenigen nicht

zu befürchten haben, welche sich meine Erfahrungen in dieser Beziehung

zu Herzen nehmen und dergleichen Extravaganzen vermeiden, wie ich sie

mir unvorsichtigerweise zu Schulden kommen ließ.

Die Hauptschwierigkeiten, welche sich, meines Erachtens, dem Einwanderer

entgegenstellen, sind: _Erstens_ die wenig consolidirte Stellung,

welche der Fremde hier noch einnimmt, theils infolge der politischen

Zerrüttungen des Landes, theils infolge der Kurzsichtigkeit der

Einwohner, deren ganzes Bestreben nur dahin gerichtet ist, vollauf

Bananen und Tortillas essen zu können, und welche sich gewissermaßen

fürchten, zu einer angestrengtern Thätigkeit genöthigt zu werden, sobald

kräftige, arbeitsame Einwanderer ihnen als Concurrenten gegenüberstehen.

Aus diesem Grunde allein werden sie, statt, wie in der Union, durch

eine zweckmäßige Gesetzgebung dem neuen Ankömmlinge Erleichterungen

zu verschaffen, und durch günstige Bedingungen fleißige Hände

herbeizuziehen, welche sich bemühen, dieser in jeder Beziehung fast

unerschöpflichen Natur einen stärkern Tribut aufzuerlegen, als

ihre jetzigen Gebieter es thun, im Gegentheil noch durch allerhand

Einschränkungen und Schwierigkeiten dem Ansiedler sein saures Geschäft

noch saurer zu machen sich bestreben.

Die oben erwähnten politischen Zerrüttungen leisten natürlich dieser,

theils indolenten, theils böswilligen Opposition der kurzsichtigen

Landesbevölkerung noch bedeutenden Vorschub, und so lange es nicht einer

ebenso verständigen, humanen, wie energischen Regierung gelingt, eine

stabilere Ordnung einzuführen und kräftig aufrecht zu erhalten, dürfte

es auch einer fremden Colonisation kaum möglich werden, mit glücklichem

Erfolge gegen alle jene Hemmnisse anzukämpfen.

Ebenso kann man endlich auch noch als den schlimmsten Feind, den der

europäische Einwanderer, und vor Allem der Deutsche, zu begegnen hat,

_ihn selbst_ und seine Landsleute bezeichnen. Auswandern ist an und für

sich selbst keine Kleinigkeit, das nehme sich Jeder zu Herzen, der

seine Heimath verläßt, er möge sich wenden, wohin er wolle, zumal aber

hierher. Dazu kommt aber noch, daß in Deutschland der Unterthan fast in

Bezug auf jede staatliche und communliche Einrichtung fortwährend

unter Leitung zahlreicher Regierungsbehörden steht, die, so lästig

und einengend sie ihm auf der einen Seite auch erscheinen mag, auf

der andern Seite aber auch ebenso viele Anlehnungspunkte und

Bequemlichkeiten bietet. Im neuen Lande fällt dies nun plötzlich weg,

der Auswanderer hüpft wie ein Springteufelchen aus der Dose, alle die

Institutionen, Verordnungen und Gesetze, an welche er gewöhnt ist und zu

denen er bei jeder vorkommenden Gelegenheit seine Zuflucht nahm, fehlen

ihm nun hier plötzlich. Unwissend und ohne Erfahrung, wie eine neue

Gesellschaft in einem neuen Lande zu bilden sei, und statt sein Bestes

für das Gemeinwohl, auf dem ja das Wohl des Einzelnen mit beruht, zu

thun, verharrt der Einwanderer, bei aller körperlichen Uebermühung und

einer Menge unnützer Anstrengungen, geistig in einer gewissen

Trägheit, und überläßt aus alter Gewohnheit die Organisation des Ganzen

denjenigen, welche Selbstaufopferung oder Ehrgeiz genug besitzen, es zu

übernehmen, oder auch von Sonderinteressen dazu getrieben werden. Sind

nun alle jene getroffenen Anordnungen nicht nach Wunsch, oder entspricht

der neue Zustand nicht vollkommen dem Bilde, welches sich der Ansiedler

zuvor davon entworfen, so bricht er, statt den Grund in sich selbst

zu suchen und sein Möglichstes zur Abhilfe des Uebels beizutragen, in

maßloses Schimpfen über das elende Land und die Schurken aus, die ihn

ins Verderben gelockt. Dies sind meines Erachtens die Ursachen, warum so

viele Pläne von deutschen Colonien, in der Union sowohl als anderwärts,

gescheitert sind, dies und die unglückliche Theorienreiterei, welche

schon daheim einen vollständigen Plan ausarbeitet, bis auf die

Gartenbeete womöglich, ob sie Zwiebeln oder Spargel tragen sollen,

gleichviel, ob der Plan ausführbar ist oder nicht.

Haben sich diese Betrachtungen schon in der Union als richtig und

begründet erwiesen, wo doch so Manches zur Erleichterung des Einwanderns

gethan wird, so wird dies hier um so mehr der Fall sein, wo dem

Fremdlinge im Gegentheil eine Menge Erschwernisse in den Weg kommen,

und so sehe ich denn auch in dem neuerlichen Versuche der Gründung einer

deutschen Colonie in Central-Amerika, so aufrichtig ich demselben auch

den besten Erfolg wünsche, kein sonderliches Heil erblühen. Ich setze

voraus, daß die Principien dieser Gesellschaft liberaler und praktischer

sein werden, als die des Mainzer Schutzvereins in Texas; es kann

dieselbe auch schon aus andern Gründen wohl nicht so ganz scheitern wie

jene Colonie; dennoch kann ich kaum glauben, daß eine größere Anzahl

von Leuten so viel Thatkraft und Resignation besitzt, die namenlosen

Mühseligkeiten einer Ansiedelung hier im Lande gemeinsam zu bewältigen,

nur um _ihren Kindern_ ein besseres Loos zu bereiten, als _sie selbst_

dabei erwartet. Solche Gesinnung gehört aber unbedingt dazu, soll der

Ansiedler frohen Muthes über das Ungemach hinwegkommen, das überall sein

Beginnen begleitet. Geschieht dies jedoch und kommt die junge Colonie

nur erst glücklich über die Kinderjahre hinaus, so wird ganz gewiß diese

herrliche, üppige Natur dem gut angewandten, redlichen Fleiße einen

reichen Lohn nicht versagen.

_Druckfehler-Verzeichniß._

Seite 7 Zeile 9 v. u. lies: _Müller_ statt Moore.

" 25 " 12 v. o. " _Schusse_ st. Schlusse.

" 28 " 4 " " _von meinen_ st. von meiner.

" 90 " 5 " " _erhoben_ st. erhob.

" 105 " 10 v. u. " _junger_ st. ganzer.

" 112 " 8 " " _Giuseppe_ st. Giuseppa.

" 133 " 7 " " _Becher_ st. Beche.

" 137 " 6 v. o. " _Protero_ st. pastura.

" 141 " 12 " " _Granadiner_ st. Leoneser.

" 141 " 15 " " _Leoneser_ st. Granadiner.

" 150 " 4 " " _Chamorro_ st. Chamorra.

" 152 " 7 v. u. " _Heeren_ st. Herren.

" 157 " 6 " " _Chichigalpa_ st. Chidrigalpa.

" 196 " 11 v. o. " _Holftern_ st. Halftern.

Druck von _Ferber & Seydel_ in Leipzig.

[Hinweise zur Transkription

Das Buch ist ursprünglich in Fraktur gesetzt. Fremdsprachige Abschnitte,

die abweichend in Antiqua gesetzt wurden, sind in der Transkription

markiert, ausgenommen römische Zahlen.

Sofern in den Kapitelüberschriften Punkte fehlten, wurden diese ergänzt.

Der Text des Originalbuches wurde generell beibehalten, einschließlich

uneinheitlicher und ungebräuchlicher Schreibweisen, mit folgenden

Ausnahmen:

Wanderbilder aus Central-Amerika. Skizzen eines deutschen Malers · 第 31 / 33 题