XIII.

Süßer Abschied. -- Cerro di Ule. -- Prachtvolles Panorama. --

Heimweh. -- Portillo de la Victoria. -- Künstlerische Ausbeute. --

Indianische Fiesta. -- Große Hitze. -- Ein tropisches Gewitter.

-- Ankunft zu rechter Zeit. -- =Fata morgana.= -- San Martin. --

Choluteca. -- Esteroreal. -- Noch etwas über das Canalproject. --

Ankunft in Leon.

Das alte Lied vom Maulthiermiethen, satteln, packen ging wieder

los; diesmal aber hatte mich die Güte der Sennora L.... mit einem

vorzüglichen Vorrath von Proviant aller Art versehen, worunter sich

sogar ein außerordentlicher Luxusartikel befand: Brod, wirkliches

ordentliches Brod! Gegen Mitte des Mai rückte ich mit dem Frühesten aus,

denn ein harter, langer Tag stand mir bevor.

Der Abschied war mir weniger schmerzlich, als vielmehr sehr wonniglich,

denn ich hatte ein ganzes Pelotonfeuer von Umarmungen und rosigen Lippen

zu passiren -- =honni soit qui mal y pense!= das ist hier Landessitte,

und Landessitte muß man ehren! Ganz nach der Regel fing ich mit der

ältesten Dame an und endigte mit der jüngsten, gleichwie man erst

Tischwein trinkt und dann Cabinetswein nippt, und »als das Spiel ein

Ende nahm, da fing ich wieder von vorne an« -- dann aber machte ich, daß

ich in den Sattel kam, sonst wäre ich wohl gar ganz kleben geblieben.

Und bergauf, bergab ging's wieder, und immer mehr bergauf, und immer

pittoresker und schöner ward die Landschaft -- o hätte ich den Genuß mit

so manchem meiner Kunstgenossen theilen können! Zuerst ließ ich hinter

mir die herrliche, luftige Palme, dann die majestätische Buche, dann die

knorrige Eiche, zuletzt selbst die Kiefer, bis ich ein hohes Tafelland

erreichte, wo nur noch niedrige Sträucher und endlich eine Art mir noch

gänzlich unbekannter Bäume wuchsen. Zwischen Steinen und Felsgerüll

schafften sich riesige Aloës von 30 bis 35 Fuß, wohl auch noch höher,

Raum, jene fremdartigen Bäume aber waren mit langen Streifen hellen

Mooses behangen, das in dicken Fasern bis hernieder zur Erde hing und,

vom leisesten Winde lautlos hin- und hergewiegt, der ganzen Natur das

Ansehen eines ehrwürdigen, nachdenklichen Greises gab.

Wie so fremd, so heimathlos fremd und einsam fühlte ich mich da

plötzlich in solch' lautloser Beweglichkeit, daß mir graute wie im

Reiche der Schatten, und ich ordentlich froh war, wenn der Hufschlag

meines Thieres die unheimliche Stille unterbrach.

Bald hörte auch die letzte Vegetation auf und allmälig dröhnte der Tritt

der Thiere hell auf der gefrorenen Erde; die seltsamsten Empfindungen

regte der Contrast des fremdartigen Anblicks mit diesem eigenthümlich

heimischen Schall in mir auf. Die Sonne sank tiefer und tiefer, und als

sie ungefähr noch zwei Hände hoch über dem Horizonte stand, hatte ich

die letzte Höhe des Cerro di Ule erreicht.

Wen solche Naturscenen nicht zur Andacht stimmen, der, meine ich,

ist überhaupt keiner Herzenserhebung zum Herrn und Schöpfer fähig!

Da draußen, in weiter, unermeßlicher Ferne, lag der stille Ocean, in

welchen bald die herrliche, glühende Sonne hinabtauchen sollte, wie in

ein ersehntes Land der Verheißung; da lag, in grauvioletten, unendlich

zarten Duft gehüllt, der schöne Golf von Fonseca mit seinem gebirgigen

Archipelagus; da lag gen Süden die Ebene von Nicaragua, begränzt von

der imposanten Kette von Vulkanen, deren letzter und höchster, der

alte Monotombo, sein graues Haupt über die Spitze eines näher liegenden

Gebirges noch erhebt, während der Viejo, als anderer riesiger Endpfeiler

dieser Kette, seinen Fuß von den Wellen des unendlichen Meeres bespülen

läßt; da lag die Tierra caliente von Choluteca, durchschnitten von

vielen in der Abendsonne blinkenden Flüssen und Flüßchen, und

weiterhin eine zweite Vulkankette, la Consequina, la Union, St. Miguel,

St. Vicente, St. Salvador, Itzalko, bis sich weit, weithin nach

Nordwesten Alles in grauen Nebel verlor; ringsum aber in größerer Nähe

streckten starre, steile Felsgebirge die nackten Häupter aus der

Tiefe empor, und hier und da brannte das Gras und erhöhte durch die

leichthinziehenden weißen Rauchwolken noch den Reiz der großartigen

Landschaft. Gott ist groß und die Natur der erhabenste Prophet seiner

Größe!

Aber wie so häßlich störend rüttelten mich die Lamentionen meines

klappernden, frierenden Mozo auf, der mich endlich einholte und mir

vordemonstrirte, daß die Thiere noch weit mehr frören als er, daß sie

krank werden würden, wenn sie die Nacht hier blieben, wo keine Weide,

kein Wasser und nur wenig Holz sei, und dies und das, bis ich fuchswild

ward und Alle zum Kuckkuk wünschte, was von hier aus wohl ziemlich

ebenso weit sein mag, als das Pfefferland von Europa; er nahm sich den

Wunsch zu Herzen und zog ab -- nach einer der tiefer liegenden Hütten,

ich aber behielt mein Poncho, meine Büchse, meinen Feldkessel und etwas

Wasser, machte Feuer an, kochte mir Kaffee, wickelte mich in den

Poncho und überließ mich meinen Gedanken, die schneller noch als alle

elektromagnetischen Telegraphen dahinflogen in weite Ferne.

Es wurde aber wirklich recht frisch in der Nacht, und das Gefühl der

Kälte war mir ganz wunderlich, denn seit Jahr und Tag hatte ich es fast

verlernt; ich lief hin und her im klaren Mondschein, rieb mir die Hände

und schüttelte mich, suchte mehr Wurzeln für's Feuer und lief wieder

umher -- und plötzlich ward mir's recht seltsam zu Muthe, ich kam mir

vor wie einer jener armen Jungen am Weihnachtsmarkte meiner Vaterstadt,

die auch frierend hinter ihren kleinen Verkaufstischchen mit den

winzigen papiernen Pyramiden und Christbäumchen hin- und hertrippeln,

und sich ebenso, wie ich jetzt, die Hände reiben; ich gedachte der

heiligen Christabende meiner Jugend und es überfiel mich ein seltsames

Gefühl -- mit einem Worte: ich bekam das Heimweh.

Der Morgen kam und mit ihm der Mozo, und die Maulthiere, und der Kaffee

und Tortillas, =nota bene= nicht auf einmal, sondern Eins nach dem

Andern, und als nichts mehr kommen wollte, machten wir uns auf die

Socken, oder richtiger, auf die Hufe unserer Maulthiere.

Der höchste Punkt meiner ganzen Tour war nun überschritten, und bald

sollte ich aus der Tierra fria, wie das ganze Hochland benannt wird, in

die Tierra caliente am Pacific, das heißt aus dem kalten Striche in den

warmen kommen.

Zuvörderst suchte ich dem Golf von Fonseca näher zu kommen, um eine

malerische Ansicht zu erlangen; die vom Cerro di Ule war zu ausgedehnt

für ein Bild, und als solche war mir der Portilla (soviel wie Engpaß)

de la Victoria gerühmt worden. Zunächst erreichte ich das freundliche

Indianerdorf Coyolar, wo mir in einem freundlichen steinernen Hause von

einem noch freundlichern Wirthe die allerfreundlichste Aufnahme ward.

Der Eigenthümer war auch einer jener sich arm nennenden Besitzer von

circa 20,000 Acker Landes und 6000 bis 7000 Stück Rindvieh, eine Armuth,

bei der es sich indeß allenfalls leben läßt. Sehr in Erstaunen setzte

mich hier die Größe des Rindviehs, das von hier durch die ganze Gegend

bis Choluteca dem größten Schweizervieh nichts nachgiebt.

Der folgende Tagemarsch sollte mich bei Zeiten Nachmittags an besagten

Portillo bringen, allein just am entscheidenden Punkte ließ mich,

oder ließ ich den Weg im Stiche, wenn man nämlich einen einfachen

Rindviehpfad so nennen kann; statt rechts wandte ich mich links, und

nach dreistündigem mühe- und gefahrvollem Hinabklettern befand ich mich

plötzlich auf einem stark abschüssigen Terrain, einige Hundert Fuß über

einem kleinen Flusse, und gegenüber, aber hoch, hoch über mir lag der

fragliche Punkt.

Zurückzugehen war so schlimm als vorwärts, ersteres aber zu zeitraubend,

und so blieb mir denn nichts übrig, als, bald rutschend, bald kletternd,

bald fallend, einen Pfad zum Fluß hinab zu suchen, was besonders für die

armen Thiere sehr beschwerlich war, endlich aber doch trotz

mehrmaligem störrischen Protestes ihrerseits ohne Hals- oder Beinbruch

bewerkstelligt ward; die Passage des Flusses ergab gleichfalls ein

beträchtliches Risico für die Gebeine von Menschen und Vieh von

wegen des schlüpfrigen, ungleichen Terrains zwischen scharfkantigen

Felsbrocken, nach dessen glücklicher Ueberwindung zu allgemeiner

Erholung ein fünfstündiges Klimmen begann, bergauf durch pfadloses

Gerüll, und bei einer Sonnengluth! -- ohne Schatten, ohne erfrischenden

Trunk, -- das Wasser im Calabash (Kürbisflasche) hatte so ziemlich eine

Temperatur, um Eier weich darin zu sieden.

Alles aber erreicht sein Ende, so auch das Klettern; Dank dem Umstande,

daß ich glücklicherweise so ungewöhnlich starke Maulthiere erwischt

hatte.

Spät gegen Abend langte ich am Portillo in einem Trupp indischer

Hütten an, in deren bester ich mein Standquartier nahm, und sogleich

Erkundigungen wegen des mir empfohlenen Punktes einzog. Ich erfuhr, daß

ich ihn auf dem Gipfel einer südlich emporsteigenden steilen

Felswand finden würde, auf welcher aber zuvörderst eine Anzahl Bäume

niedergehauen werden müßten, um eine volle Fernsicht zu gewinnen. --

Hätte ich Geld geboten, um Führer und Arbeiter zu dingen, so würde ich

manche Schwierigkeiten gehabt haben, deshalb griff ich zu einem andern

Mittel. Ich ernannte den Mozo zu meinem Herold, und befahl ihm, laut dem

Volke zu verkünden: ich sei in Gnaden gewillt, eine pompöse »Fiesta« zu

geben, und jedermänniglich sei dazu geladen, der mich morgen begleiten

und mir helfen wolle, Bäume umzuhauen. Ein lautes =E viva!= von der

einige Dutzend Kehlen starken Bevölkerung war die Antwort.

Als Zeit des Aufbruches ward früh 3 Uhr festgesetzt, allein schon vor

der bestimmten Zeit fanden sich dienstfertige Geister ein, und als ihre

Zahl bis zwölf angewachsen war, ging die Kletterei über Stock und Stein

im Mondschein los; meinen Sancho hatte ich mit einer kleinen Geldsumme

versehen, um aus einem tiefer gelegenen größern Dorfe den bei einem

indischen Feste unerläßlichen Vorrath von Agua ardiente zu requiriren,

meiner Wirthin hatte ich ein junges Schwein abgekauft und Vollmacht

ertheilt, Bohnen, Tortillas und Kaffee =en masse= bereit zu halten; ich

war gewillt, etwas Großes loszulassen, denn heute war ja der 15. Mai,

der Tag, an dem Du, mein guter Vater, das Licht der Welt erblickt!

Wie ich mit meinen kupferfarbigen Gefährten die Wand hinaufkam, wie die

Machetas, deren Anzahl sich nach und nach verdoppelt, lustig zu arbeiten

begannen, die Stämmchen rechts und links krachten und fielen, und wie

sich, da eben die Sonne hervorlugte, neugierig das frevle Treiben der

Menschlein zu beschauen, vor meinen vor Entzücken trunkenen Blicken ein

wahres Prachtstück aus der großen Gemäldegallerie der Natur entrollte,

das erlaßt mir, Euch zu schildern. Landschaften lassen sich nicht

beschreiben; denkt Euch aber Robert Kummer's Bild: der Fernblick vom

Gipfel des Montenegrinergebirges nach dem See von Scutary hinab,

ins Tropische übersetzt, und Ihr habt einen schwachen Begriff des

wundervollen Landschaftmotives, das ich glücklicher Sterblicher am Abend

des fleißig benutzten Tages mit gutem Gewissen als mein Eigenthum in der

Malermappe davontrug.

Genug, der Abend war da, meine Gäste gleichfalls, der Schnaps und

anderweite Festrequisiten dito; ein freier Platz vor dem Hause,

zur höchstgewölbten Festhalle bestimmt, war reingefegt -- »und die

Schmauserei ging los, und der Spaß war himmlisch groß!« u. s. w.

Messer, Gabel, Löffel, Teller, Gläser, Tische, Stühle, Servietten und

all' dergleichen Ueberflüssigkeiten waren freilich nicht vorhanden. Die

Tortillas, kleine runde Maiskuchen (welche hier die Stelle der Teller

und Servietten vertreten und vor diesen noch den großen Vortheil haben,

selbst verzehrt werden zu können), mit Bohnen und Fleisch bedeckt, hielt

Jeder vor sich auf den Knieen, statt des Stuhles auf den eigenen Fersen

kauernd. Für den Kaffee hatte Jeder seinen eigenen Gualqual oder Hykaro

mitgebracht, Flaschenkürbisse, deren erstere einer flachen Trinkschale,

letztere unten abgerundeten Bechern gleichen; ich aber saß inmitten der

vielen, auf meine Veranlassung wackelnden Mäuler auf meinem Feldstuhle,

und kam mir wie recht was Großes vor, selbst tüchtig mitschmausend,

denn der lange Fasttag hatte meinen Appetit in ungewöhnlicher Weise rege

gemacht, wobei ein Hofstaat von Muchachas (indische Mädchen) mir die

Ehre erwiesen, mich immer wieder mit neuem Stoff an Fleisch und Bohnen

zu versehen, welches erstere mein Sancho Pansa mit mehr Schnelligkeit

als Grazie zerlegte, und dabei sich selbst nicht vergaß, ganz wie

weiland sein europäischer Ahnherr.

Die Muchachos (junge Burschen) hatten ringsum an den Bäumen lange

Kienspäne befestigt, deren Feuer weithin ein rothes Licht verbreitete;

es hätte ein allerliebstes Bild abgegeben, wenn Hunger und Müdigkeit

nicht so heftig gegen das Malen protestirten.

Nachdem die Arbeit des Essens vorüber, fingen die Guitarren an zu

klimpern. Der mühsam herbeigeschaffte Schnaps stand in weitbauchigen

Korbflaschen da, Kaffee brodelte im Kessel und der Majordomo des Festes

hatte aus eigenem Antriebe eine mächtige Battea (hölzerne Waschschüssel

von 4 Fuß im Durchmesser) voll Chicha brauen lassen, ein Getränk von

Ananas, Wasser und Zucker, das eben so angenehm schmeckt als kühlend

ist; daneben noch ein ansehnlicher Vorrath von Pinolia, d. i. geröstetes

Maismehl, Cacao, Zucker und Wasser, das gleichfalls eine wesentliche und

gar nicht unangenehm schmeckende Erfrischung bildet; endlich Zuckerrohr

=a discretion= -- kurz, es war ein Leben wie im Schlaraffenlande!

Diesmal war mir's nicht möglich, wie in Totogalpa, mich vom Tanze

abzudrücken, denn das wäre als große Beleidigung aufgenommen worden.

Zum Glück führte man zuerst den sogenannten spanischen Tanz auf, der

ziemlich einfach in seinen Bewegungen ist und darin besteht, daß die

tanzenden Paare in einer langen Reihe, je zwei und zwei mit dem Gesichte

gegen einander gekehrt, stehen, einigemale die Runde machen, dann

changiren, wodurch sie gegen ein neues Paar zu stehen kommen, und

so weiter bis ans Ende der Reihe, wo sie sich wenden und wieder

zurücktanzen. Das war mir leicht, denn ich hatte ja etwas dem Aehnliches

schon in New-York gelernt und verübt, auf Kosten der Fußzehen einiger

tanzenden jungen Damen. So nahm ich denn die ganz niedliche Muchacha,

die man mir als Partnerin präsentirte, bei der Hand und entledigte mich

meiner Obliegenheiten mit möglichstem Anstand und ohne weiteren Unfall;

dann aber ließ ich meinen Hammock etwas weiter hinauf am Berge an Bäumen

aufbinden und zog mich in meine inneren Gemächer zurück.

Einen allerliebsten Anblick hatte ich von oben hinab auf den Tanzplatz,

da sowohl am Berghange als das ganze Thal herauf eine Menge rothe

Kienfackeln schimmerten, denn der Ruf der Fiesta, die der =Sennor

estrangero= gab, hatte im Laufe des Tages weithin verbreitet und von nah

und fern Gäste herbeigelockt, deren Fackeln wie Leuchtkäfer durch die

Nacht schimmerten.

Auffällig war mir die ungewöhnliche Menge von Kröpfen, deren ich in

solchem Umfange selbst in Central-Amerika noch nicht gesehen und von

denen manche wie ein Kürbis von leidlicher Größe ihren Eigenthümern

am Halse baumelten. Ich griff voll Schrecken selbst mehrmals an meine

eigene Gurgelgegend, um mich zu vergewissern, ob sich nicht auch da im

Laufe des Tages ein solches Gewächs eingefunden hätte.

Wie lange das Fest dauerte, weiß ich nicht, denn nach so anstrengendem

Tagewerke schlief ich natürlich hart und fest, nur erinnere ich mich,

daß noch eine geraume Zeit Guitarrengeklimper und Jauchzen sich in meine

Träume mischten und am andern Morgen Sancho kaum aus dem Schlafe zu

rütteln war, was Zeugniß gab, wie fleißig er in der Nacht Beine und

Gurgel in Bewegung gesetzt; von =agua ardiente= und allen anderen

Festgenüssen war aber auch nicht ein Atom mehr vorhanden.

Mein nächstes Ziel waren nun die Minen von St. Martin, in kurzer

Entfernung vom Golf von Fonseca gelegen, die man mir als die reichsten

rühmte. Gegenwärtig werden dieselben vom Capitain M.... H. B. M. N. und

Herrn R......., der eine der vielen Schwägerinnen des Herrn George C....

geheirathet, betrieben.

Es war wieder die alte Strapaze, durch steile, kahle Felsenthäler

ohne Schatten hinab, wozu noch die liebe Sonne ihre Strahlen in allzu

freigebiger Hitze spendete und die Atmosphäre auch nicht vom leisesten

Lufthauche gekühlt ward. Der berühmte russische Reisende Krusenstern,

wenn ich nicht irre, berichtet von einem südsibirischen See, in welchem

eine Fischart existirt, die nur aus Gräten und Haut und dazwischen einer

öligen Substanz statt des Fleisches bestünde. Mir war zu Muthe, als sei

ich solch' ein armer Fisch und all' mein Fleisch sei geschmolzen wie

Butter von der Sonne. Diese übergroße Hitze hatte ihren Grund darin, daß

man in diesen Tagen den ersten Regen erwartete, wo immer die Hitze

den höchsten Grad erreicht, und in der That begannen sich auch schon

mächtige Wolkenmassen am fernen Horizont zusammenzuballen.

Am Nachmittag war ich endlich hinab in die Ebene gelangt, das Gewitter

aber war heraufgezogen. Da der Boden eben war, ließ ich meinen Macho

ausgreifen, was er nur konnte, um St. Martin möglichst noch vor Ausbruch

des Gewitters zu erreichen. Zwei Reiter, die wir überholten, riefen mir

zu, nicht so zu eilen, wir hätten noch Zeit; besser ist besser! dachte

ich aber, winkte dem Mozo und trottirte frisch weiter. Es dauerte auch

gar nicht lange, so schlugen schon einzelne mächtige Tropfen mit dem

Knalle einer Peitsche auf die harttrockene Erde nieder, während weiße

Staubwolken, emporgewirbelt vom daherbrausenden Sturme, grell gegen den

rabenschwarzen Horizont abstachen, hie und da ein zischender Blitz

durch die Luft züngelte und dumpfer Donner das Herannahen des Unwetters

verkündete.

* * * * *

Vorwärts jagten die keuchenden Thiere, als wüßten sie besser wie

Menschen was da kommen würde, und die Bagage auf dem Lastthiere

rasselte, als ob Alles in zehn Millionen Stücken gehen sollte, bis ich

endlich, Gott sei Dank! die ersten Häuser von St. Martin erreichte, in

deren ersten einem Mr. R...... eben unter seiner Veranda stand; dessen

»=Good day Sir, glad to see you, expected you since two days!=« ward

dabei von einem furchtbaren Donnerschlage unterbrochen, zugleich war's,

als ob alle Schleusen des Himmels geöffnet würden, und hernieder strömte

die Wasserfluth, als wollte es alles Fleisch, das nicht in der Hitze

verschmort, vollends ersäufen. Mr. R....... war hoch erfreut mich unter

seinem Dache zu sehen, ich aber sicherlich noch viel mehr, denn in

solchem Wetter war es wahrlich kein Spaß, auf offener Haide zu sein.

Schlag auf Schlag sauste hernieder und dazu brüllte der Donner in einer

Weise, gegen die alle Proben tropischer Gewitter, die ich nur je erlebt,

als ein wahres Erbsengerolle erschienen.

Es waren zwei Gewitter, eins von der Küste, das andere vom Gebirge

herziehend, die sich gegenseitig bekämpften; letzteres schien das

schwächere, denn nach kurzem Kampfe ward es von seinem Gegner in die

Schluchten zurückgedrängt, der noch lange Zeit ein dumpfes Knurren hören

ließ, wie ein Bulldogge nach der Beißerei, sich dann endlich auch

zur Ruhe begab und der erfrischten Natur noch einen schönen Abend zu

genießen verstattete.

Am andern Morgen sah die ganze Landschaft aus wie eine =Fata morgana=;

die graue Pergamentfarbe vom vorigen Tage war wie durch einen

Zauberschwamm weggewaschen und liebliches, sanftes Grün erlabte ringsum

das Auge. So etwas war mir noch in meinem Leben nicht vorgekommen:

dem Boden, der noch gestern für ewige Zeiten der Vegetation erstorben

schien, waren über Nacht zwei Zoll lange Grashalme entsprossen, und

Blätter von beträchtlicher Größe hatten sich in Zeit von kaum zwölf

Stunden vollkommen entwickelt.

Ich machte mit Herrn R....... einen Spaziergang durch seine Werke,

die wohl ergiebiger sein mögen als die von Dipilto und Yuscaran, deren

Betrieb sich aber in nichts von jenen unterscheidet.

Von einem Burschen, der des Weges daher kam, hörten wir, daß die beiden

Reiter, die ich am Tage vorher überholt, vom Blitze getroffen worden

waren, der eine nebst dem Pferde getödtet, der andere schwer beschädigt.

Wie froh war ich, ihren Worten kein Gehör gegeben zu haben! Mit dem

vielen Metallgeräthe, das ich an mir trug, Büchse, Pistolen, Schwert

u. s. w., hätte ich, gleich einem alten Ritter in der Rüstung, einen

ganz herrlichen Blitzableiter abgegeben!

Die Minen von St. Martin rechtfertigen ihren Ruf allerdings in

hohem Grade; ich sammelte hier die reichsten Stufen; allein wie alle

Bergwerksbesitzer klagte auch Mr. R. sehr über Mangel an hinreichenden

und sachverständigen Arbeitern und die daraus erwachsende Unmöglichkeit

eines ausgedehnteren Betriebes. Eine Compagnie, die während einiger

Jahre 5000 bis 10,000 Dollars für Einführung des verbesserten Bergbaues

verausgaben könnte, würde ohne allen Zweifel sehr brillante Geschäfte

machen.

Ein Ruhetag, ein Abschied und weiter ging's dann, denn von jetzt an

stellten sich jeden Nachmittag Gewitter ein, weshalb ich nur kurze

Tagemärsche zurücklegen konnte. Die erste Nacht kam ich bis Choluteca,

3 bis 4 Miles von den Ufern des Golfs von Fonseca gelegen, am Flusse

gleiches Namens, der hier in der Ebene ziemlich eine halbe (englische)

Meile breit, aber nicht sehr tief ist und sich leicht zu Pferde passiren

läßt. Der Ort selbst ist traurig und todt und bietet jetzt keinerlei

Vortheil, als in seiner Umgebung gutes Acker- und Weideland, auf dem

schönes Rindvieh graset. Einwohner mögen höchstens 2000 da sein. Am

Abend warf ich vom Thurme der kleinen Kirche noch einen letzten Blick

auf den schönen, lieblichen Golf und die wilden, zackigen Gebirge, die

mich so weidlich in Schweiß gebracht hatten. Ich schlief im Hause

des Mayor, eines jovialen Kauzes, mit dem ich ein Glas trefflichen

Burgunders leerte, das ich hier wahrlich nicht zu finden erwartet hätte.

Am andern Morgen, als ich mich eben in den Sattel schwingen

wollte, kaufte ein Indianer in seinem Laden 1 Vara (etwa 2 Ellen)

Baumwollenstoff; der würdige Magistrat machte mich darauf aufmerksam und

meinte lachend, wenn ich ein Buch über Central-Amerika schreiben wollte,

möchte ich ja nicht vergessen, Choluteca als bedeutenden Handelsplatz

mit anzuführen. Je nun, was nicht ist, könnte wohl noch werden, wenn

erst die große Welthandelsbahn rings um den Erdball Central-Amerika

durchschneidet und dessen reichen Bodenschatz der Mühe des Ausbeutens

werth macht.

Von Choluteca aus geht der Weg durch fettes, herrliches Weideland, meist

flach und nur an den ersten zwei Tagen hier und da von niedrigen Hügeln

unterbrochen. In vielen der kleinen Flüßchen, die bis dahin trocken

gelegen, fing schon an Wasser zu rieseln, und trotzdem nur erst wenig

Regen gefallen, mußten sich die armen Thiere doch an einigen sumpfigen

Stellen schon arg quälen.

Der erste bedeutendere Fluß, über den ich kam, war der Rio negro,

welcher in den Estero real fällt. Von da an ist das Land so eben wie

ein Tisch. Den Estero real überschritt ich am andern Morgen ungefähr

10 Meilen höher, als Mr. Belcher, der englische Ingenieur, mit seinem

Schiff gekommen war. Selbst da noch hat der Fluß 200 bis 250 Fuß Breite;

das Wasser war jetzt freilich noch spärlich, kaum 3 Fuß tief, allein

die Ufer sind sehr hoch und von sehr starken, gerad nach dem Wasser sich

absenkenden Wurzeln, gleich einem festen Pfahlwerke, geschützt, so

daß die Natur die Anlegung und Vertiefung eines schiffbaren Kanals zum

großen Theil selbst vorgearbeitet hat.

Nachdem ich das fragliche Terrain in mannichfachen Richtungen

durchstreift und untersucht, steht auch bei mir die Ueberzeugung fest,

daß der Atlantic-Pacific-Ship-Kanal entweder an dieser Stelle nach dem

Golf von Fonseca zu führen, oder überhaupt in eine ganz andere Richtung

zu verlegen ist. Erlaubt es meine Zeit, so werde ich späterhin eine

genauere technische Erörterung dieser Frage versuchen.

Das Ende dieses Gebirgsausfluges ist kurz beschrieben. Ich zog am Fuße

des Viejo hin, bis zu einem Engpaß zwischen diesem Vulkane und dem

Teliva, und stieg von da endlich in die Ebene von Leon hinab, wo ich

gegen Ende Mai anlangte, mit leichtem Herzen, noch viel leichterem

Beutel, als ich es verlassen, und mit schauderhaft zerfetzter Garderobe,

übrigens aber mich einer so trefflichen Gesundheit erfreuend, wie seit

lange nicht, fett wie ein Bär im Herbste und geistig im besten Humor.

Meinen Mozo hatte ich die letzte Tagereise zu Fuß machen lassen, denn

auf sein Maulthier hatte ich einen starken Hirsch und ein halbes Dutzend

Pavon real geladen, ein herrlicher Vogel, bedeutend größer als der

Truthahn, von schönem Gefieder und noch köstlicherem Geschmack, deren

der Viejo und die Ufer des Estero real in ungeheuerer Menge beherbergen,

und welches Wildpret ich zum Geschenk für meine Freunde bestimmte,

die mich nach fast dreimonatlicher Abwesenheit mit alter Herzlichkeit

willkommen hießen.

Wanderbilder aus Central-Amerika. Skizzen eines deutschen Malers · 第 30 / 33 题