IX.

Neue Erkrankung. -- Excursion in das Hochgebirge und die

Minendistricte. -- Reiseanstalten. -- Aufbruch von Leon. --

Nachtlager. -- Räubergerüchte. -- Nächtlicher Ueberfall. -- Eintritt

ins Gebirge. -- Trockenheit. -- Zuckererbauung. -- Aztekische Sage.

-- Beschwerlicher Marsch. -- Heimathliche Erinnerung.

Leon, Ende Mai 1852.

Die in meinem letzten Briefe ausgesprochene Hoffnung, durch ein

mehrwöchentliches hitziges Fieber den Tribut der Acclimatisation

vollständig entrichtet zu haben, sollte leider nicht in Erfüllung gehen

und das schlimmste Ende noch nachkommen. Das allzukühne Vertrauen

auf meine Jugendkraft und feste Constitution, die Nichtbeachtung

gutgemeinter Warnungen, in Bezug auf die schädlichen Wirkungen des

Klimas, habe ich, wie Euch mein Brief vom Ende Januar d. J. gezeigt

haben wird[2], durch einen sehr bösen Rückfall, der mich nahe an den

Rand des Grabes brachte, und mehre Monate an's Krankenlager fesselte,

gebüßt. Gottes väterlicher Schutz und die liebevolle Pflege wackerer

Menschen haben mich aber die herbe Leidensperiode glücklich überstehen

lassen und mich dem Leben, der Gesundheit, der Thätigkeit zurückgegeben.

[2]: Dieser, so wie einige andere Briefe, waren jedoch nicht an ihre

Bestimmung gelangt.

Laßt mich die traurige Zeit der Krankheit und langsamen Reconvalescens

mit Stillschweigen, und sofort zum letzten und angenehmsten Theile

meiner Fahrten und Erlebnisse in der Tropenwelt Central-Amerikas

übergehen, nämlich zu meiner:

_Excursion in das Hochgebirge und die Minendistricte von Nicaragua und

Honduras._

Während meiner Krankheit hatte ich endlich bestimmte Nachricht von Mr.

Squier erhalten, daß er sein Unternehmen hierher aus wichtigen

Gründen leider aufgeben müsse, wenigstens vor der Hand, und somit die

eigentliche Absicht meines hiesigen Aufenthalts vereitelt sei. Theils

um denselben nun doch wenigstens zu möglichst reicher Ausbeute für mein

Malerportefeuille und mein Tagebuch zu benutzen, theils aber auch, um

die vom Fieber hinterlassene Schwäche vollends aus meinen Gebeinen zu

verjagen, beschloß ich, die noch übrige Dauer der heißen Jahreszeit in

dem gesunden Gebirgsklima zu verbringen, womit mein freundlicher Arzt

und ärztlicher Freund, =Dr.= Livingston, vollkommen einverstanden war.

Für eine Reise durch jene noch sehr wenig bevölkerten Gegenden ist

es nöthig, sich gleich anfangs mit einem Paar kräftiger Segovier

Maulthieren zu versehen, für sich und seinen Diener, da die aus der

Plaine nicht zu so beschwerlicher Gebirgskletterei geeignet sind; dabei

möglichst wenig Gepäck und einigen Proviant, denn in diesen Gegenden

ist der Reisende meist auf sich selbst verwiesen; Gasthöfe kennt man

daselbst nicht einmal dem Namen nach. Auf der andern Seite herrscht

freilich eine fast unbegrenzte Gastfreundschaft; ein bloßer

Empfehlungsbrief sichert einem fast überall die freundlichste Aufnahme

und man kann bleiben, so lange man nur immer Lust hat; allein unterwegs

ist es oft unmöglich bewohnte Orte zu erreichen, man bleibt, wo man

Wasser und Futter für die Thiere findet, den Hammock zwischen zwei

Bäumen aufgehangen, wenn nämlich solche da sind, die nackte Erde, auf

welcher, der blaue Himmel das Dach, unter welchem man schläft. Ein

wenig an der Sonne gedörrtes Fleisch, etwas Totoposke (doppelt gebackene

Maiskuchen) bilden Frühstück, Mittag- und Abendessen und ein kleiner

blecherner Feldkessel, den man mit sich führt, dient um Kaffee zu

kochen, bei welchem die Sahne natürlich meist der Phantasie

überlassen bleibt. Die Thiere werden »gehobbelt«, d. h. die Vorderfüße

zusammengebunden, und lassen sich während der Nacht die Weide schmecken,

wenn nämlich welche da ist.

Gerade zur Zeit, als ich meine Reise antreten wollte, waren Maulthiere

beinahe gar nicht zu bekommen und ich gerieth dadurch in einige

Verlegenheit, bis ich an das »Maison« gewiesen wurde, dort Abhülfe

derselben zu finden. Das Maison ist nämlich ein großes, den

orientalischen Caravanserais ähnliches Gebäude, bestehend aus Höfen

und Säulengängen, wo jeder ankommende Maulthiertransport seine Ladung

deponirt, die Zölle entrichtet und dort gleich verkauft oder einzeln an

ihre Bestimmung abliefert. -- Dort miethete ich nun von einem Caravanos

aus St. Rafael (nahe Matagalpa) ein großes starkes Segovier Pferd (groß

im Vergleich mit der kleinen Race des Landes) und ein dito Maulthier

für das Gepäck, denn mein eigenes Pferd und Maulthier waren durch

Futtermangel während und nach der Revolution zu wahren Skeletten

herabgekommen und bedurften erst der längeren Ruhe im Protero

(Weideplatz), um sich wieder zu kräftigen.

Am 3. März gegen Abend, als eben die Glocken zur Oration geläutet,

kletterte ich, wegen meiner Schwäche nicht ohne Schwierigkeit, in den

Sattel, und unsere ganze Streitmacht, aus 7 Mann und 13 Maulthieren

bestehend, setzte sich in Bewegung. Die Cavallerie bestand, außer mir

selbst, aus Don Eusebio, dem Eigenthümer der Maulthiere wie der Ladung,

und Don Cesario, seinem =Major domo=; die Infanterie aber aus zwei Mozos

(Dienern), Basilio und Apolinario, und zwei Jungen von 12-15 Jahren,

Innocente und Candelario, zu deutsch: _Leuchter_ -- und so »mit Licht

und Unschuld im Geleite -- zog frohen Muthes ich ins Weite.« Jeder war

auf seine Weise so gut wie möglich bewaffnet, denn man sprach viel

von einer, aus Ausreißern beider Revolutionsarmeen gebildeten

Spitzbubenbande in der Gegend des Monte-Rota, die einige Reisende

angehalten und sogar mehre Haciendas ausgeraubt hatte. Ich führte die

deutsche Spitzkugelbüchse und die amerikanischen Revolvers, die Dons

Pistolen, sämmtliche Cavallerie aber unendlich lange Toledo-Schwerter;

die Infanterie hatte ihre Machetas (lange Messer), Basilio und

Apolinario aber Bogen und einige Dutzend Pfeile. Don Eusebio und ich

bildeten die Avantgarde, dann folgte das Gros der Armee sammt Bagage

und als Nachhut Don Cesario, dem dieser Posten zugleich die große

Annehmlichkeit gewährte, den ganzen Tag inmitten einer großen Staubwolke

zu reiten.

So ging denn der Zug vorwärts in stiller, klarer Mondnacht, lieblich und

wollüstig wie nur eine tropische Nacht sein kann. Wir befanden uns zwar

noch mitten in der heißen Jahreszeit, seit November hatte kein Wölkchen

den tiefblauen Azur des Himmels getrübt; allein obschon die Tage glühend

heiß waren, so schien doch in der Nacht die ganze Natur, von

einem kühlen Südost erfrischt, der nur leise in den Blättern der

majestätischen Palmen spielte, neues Leben zu athmen. Die große Ebene

von Leon erstreckt sich auf der einen Seite hinaus bis an den Pacific

(stillen Ocean), auf der andern bis zum See von Managua, und wird im

Norden von der prachtvollen Kette von Vulkanen begrenzt, als deren

Endpfeiler der Viejo und der ehrwürdige, über 6000 Fuß hohe Monotombo

sich in überaus zarten, grauen Tinten vom Horizonte absetzen.

Feierliche Ruhe schien über die ganze Natur verbreitet, nur hier und

da unterbrochen vom Hufschlage eines Maulthieres oder der kurzen,

melancholischen Melodie einer spanischen Romanze. Wäre ich Dichter, so

hätte ich hier die passendste Gelegenheit zu poetischen Ergüssen gehabt.

Wir blieben jedoch nicht lange in Marsch; schon nachdem wir etwa 2

Leguas zurückgelegt, wurde Halt gemacht, die Thiere abgeladen und

gehobbelt, Feuer angezündet, die Hammocks an einzelne Bäume aufgehangen

und bald schlief Jeder, in seinen Poncho gewickelt, sanft und süß,

während einer der Mozos über Menschen und Vieh Wache hielt; letzteres

delectirte sich an dem dürren, schlechten Grase, als ob es das süßeste

Heu wäre. Meine Ruhe ward leider sehr unangenehm von den Garralatos,

zu deutsch Holzböcken, gestört, ein höchst lästiges Insect, mit dem man

während der heißen Jahreszeit ganz bedeckt ist, sobald man durch ein

Gebüsch geht oder reitet, und dessen Biß wie Feuer brennt. Zuletzt

schlief ich aber denn doch recht tapfer bis zum nächsten Morgen, wo bei

guter Zeit das Frühstück genossen, die Maulthiere beladen, was stets

mit größter Sorgfalt geschieht, damit die Thiere nicht aufgerieben oder

gedrückt werden, und dann der Marsch wieder angetreten ward.

Ziemlich früh kamen wir an einem kleinen Vulkan vorüber, der sich erst

vor ungefähr zwei Jahren gebildet hat und sich noch immer fleißig in

Eruptionen übt; der Patron soll überaus reizbaren Temperaments sein,

denn wenn ein Stein in den Krater geworfen, heftig auf den Boden

gestampft, ja nur besonders laut gesprochen wird, soll er seinen Verdruß

alsogleich durch höchst unmanierliche Expectorationen kundgeben, weshalb

wir auch in mäuschenstiller Ehrerbietung an ihm vorbeizogen. Mr. Squier

giebt in seinem neuesten Werke über Nicaragua eine genaue Beschreibung

davon.

Gegen Mittag überschritten wir die Vulkankette am Monte-Rota und stiegen

dann nach kurzer Rast, um die Thiere zu tränken, in die nördlich von den

Vulkanen gelegene Thalebene hinab, wo wir die Nacht auf einer kleinen

Waldwiese, das Caimito genannt, zubrachten. Diese zweite Ebene erstreckt

sich vom nordwestlichen Ende des Sees von Managua gegen den Golf von

Fonseca hin. Es ist dies einer der fünf Punkte, welche schon der große

Humboldt als geeignet für eine künstliche Verbindung zwischen den beiden

Oceanen bezeichnete. Capitain Sir Edward Belcher, =H. B. M. N.=, welcher

diesen Theil des Landes vom Golf von Fonseca aus untersuchte, bezeichnet

diese Ebene sogar als den vielleicht einzigen Punkt, wo ein Kanal,

brauchbar für Schiffe erster Größe, angelegt werden kann. Auch Squier

spricht in seinem Werke eine ähnliche Meinung aus; da ich aber auf

meinem Rückwege Gelegenheit hatte, noch einen andern, größeren Theil

dieser Ebene zu untersuchen, so werde ich mir später erlauben, meine

Bemerkungen über diesen Gegenstand mitzutheilen.

Die beiden nächsten Tage verfolgten wir eine mehr östliche Richtung,

in nicht allzu großer Entfernung vom See von Managua. Die flache, meist

bewaldete und nur hier und da ein Stück Wiesen- oder Ackerland zeigende

Ebene glich im Charakter ziemlich den Flächen im südlichen Frankreich,

und sah in seinem ganzen Habitus, Häusern, der Art und Weise zu leben

und zu reisen, so zu sagen mittelalterlich aus. Wenn da oder dort der

Klang einer Holzaxt durch den Wald schallte, meinte ich immer, Moliere's

Scagnarelle erscheinen zu sehen, und ein Paar Reiter glichen bald

Don Juan und Leporello auf der Flucht vor den Dienern der heiligen

Hermandad, bald wieder Don Quixote mit seinem getreuen Sancho Pansa, auf

Abenteuer ausziehend. -- Jeder Reisende hier zu Lande hat übrigens,

wie ich schon früher bemerkte, etwas mit dem berühmten Ritter von der

traurigen Gestalt gemein, theils des imposanten Kriegsapparates halber,

den man hier mit sich schleppen muß, theils der mehr als spanischen Diät

wegen, zu der man hier gezwungen ist. Hier erst ging mir ein Licht auf,

wie wahr und getreu der gefräßige Charakter jener Bedienten der alten

Komödien aufgefaßt ist, denn man lugt selbst begierig aus, wo man etwas

Leidliches zu schnappen bekommt. Uebrigens ist der Haupterwerbszweig

durch diese Ebene die Rindviehzucht.

Gegen Abend des dritten Tages näherten wir uns endlich dem Hochgebirge,

das rauh genug aussah und strapazenreiche Märsche versprach. Die

Berichte über Spitzbuben mehrten sich hier in bedenklicher Weise; erst

zwei Tage vorher hatten dieselben eine Hacienda geplündert und ein

reisender Leoneser war seines Pferdes, Gepäckes, selbst seiner Kleider

bis auf die Unter-inexpressibles beraubt worden, und noch dazu von

seinem eigenen, leiblichen Bruder, der sich im Lande aufhielt. Süße,

heilige Bande der Natur! -- Ich hatte ordentliche Sehnsucht, mit solch'

lieben Burschen eine handgreifliche Bekanntschaft zu machen. -- Don

Eusebio wurde nachdenklich und hatte allerdings Ursache dazu, denn nicht

nur, daß Maulthiere und Ladung, so wie der Erlös aus seiner Reise nach

Leon einen beträchtlichen Theil seines Vermögens ausmachten, sondern er

hatte auch eine ziemliche Geldsumme für einen der Bergwerksbesitzer in

Matagalpa unter seine Verantwortung genommen. Meine Befürchtungen waren

in dieser Beziehung nicht so bedeutend, dem alten Sprichworte gemäß: »Wo

nichts ist u. s. w.« Indeß hielten wir doch für gut, unsere bisherige

Marschordnung etwas mehr zu concentriren, um nöthigenfalls einander

schnellen Beistand zu leisten.

Zur Nacht campirten wir dicht am Fuße des Gebirges auf einer Savannah

mit einigen zerstreuten Bäumen und einer kleinen Waldspitze, welche in

die Wiese auslief. Ein scharfer Nordost blies von den Bergen herab,

und um mich ein wenig dagegen zu schützen, baute ich mir aus drei

Packsätteln und einer Pferdedecke eine Art von Zelt. Die gewöhnliche

Wache ward ausgestellt, und wir Uebrigen legten uns im schönen klaren

Mondlichte zum Schlafen nieder. Es mochte etwa gegen 2 Uhr Morgens sein,

als mich Don Eusebio plötzlich weckte, mit ganz verstörtem Aussehen

rief: »=Sennor, Sennor, los ladrones vienen!=« und fast zu gleicher

Zeit plafften einige Flintenschüsse von oberwähnter kleinen Waldspitze

herüber. -- Sie mögen in Gottes Namen kommen! dachte ich und blieb still

liegen, wo ich war, denn die Sättel bildeten eine ganz hübsche Art von

Brustwehr, sah aber doch für den Nothfall nach meinen Revolvers und

machte die Büchse schußfertig. Die Mozos liefen hin und her, um die

Thiere zusammenzutreiben, und ließen ihre Machetas gar fürchterlich im

Mondlichte blitzen, wozu sie schrieen wie vom bösen Geiste besessen. Die

Dons Eusebio und Cesario schossen ihre Pistolen gegen das Gehölz ab, was

mit einigen Flintenschüssen erwiedert ward. Wenn die Spitzbuben wirklich

die Absicht hatten, uns Eins auszuwischen, so müssen es mordschlechte

Schützen gewesen sein, denn ich kann versichern, auch nicht eine einzige

Kugel pfeifen gehört zu haben.

Während dieser Scene der Verwirrung sah ich deutlich eine weiße Jacke

nebst dazu gehörigen Modesten gleich einer Schlange auf dem Bauche nach

jener Stelle hinkriechen, wo mein Pferd graste, augenscheinlich in der

Absicht, dasselbe zu stehlen. Da ich nun durchaus nicht gewillt war, die

beschwerliche Reise zu Fuß fortzusetzen, auch der Mond noch hell

genug schien, um Korn und Visir zu erkennen, so ließ ich eine meiner

Spitzpillen hinübersausen. Sobald der Schuß knallte, sprang die

weiße Jacke wie electrisirt in die Höhe und die Modesten tanzten mit

bewundernswürdiger Gelenkigkeit und Eile nach der Waldspitze zurück. Mit

Gewißheit kann ich allerdings nicht behaupten, den Eigenthümer dieser

Kleidungsstücke verwundet zu haben, wenn aber, so muß es unzweifelhaft

an derselben Stelle gewesen sein, wo Cooper's Natty Bumpo seinem

verhaßten Gegner, dem Zimmermann Hiram, eine Kugel applicirte, denn ich

bemerkte, wie der eine Aermel der Jacke während des Schnelllaufes höchst

verdächtige Bewegungen nach einer gewissen, nicht wohl anständig zu

bezeichnenden Gegend besagter Modesten machte. Hiermit endete die Scene

und Alles ward wieder ruhig, wie vorher, nur daß Jeder noch für einige

Zeit seinen bewiesenen Heldenmuth bedeutend pries. Dies war der einzige

Schuß, den ich je in Central-Amerika zu meiner Vertheidigung abgefeuert;

vielleicht wäre er nicht einmal nöthig gewesen: allein man hatte bisher

so viel Lärmen und Aufhebens von solchen Räubergeschichten gemacht, daß

man mir vergeben wird, wenn ich vielleicht zu voreilig meinen kleinen

Beitrag zu denselben lieferte.

Jetzt endlich traten wir in das Gebirge ein, durch ein Thal, rechts

und links von bewaldeten Bergen eingeschlossen, die sich allmälig zu

beträchtlicher Höhe erheben und deren Gipfel eine Art Tafelland, mit

Savannahs, steinigtem Terrain und einigen armseligen Bäumen bedeckt,

bildet. Durch das Thal herab fließt ein ziemlich breiter Fluß, der

sich in den See von Managua ergießt, jetzt aber freilich nur einige

Wasserlachen enthielt, an deren Rändern die wunderschönen alten Bäume

ihr frisches Grün behalten hatten, ein Herz und Augen erlabender Anblick

in dieser Jahreszeit, wo die ganze Natur bis ins innerste Mark

verbrannt aussieht, und die großen Besen gleichenden Bäume ihre nackten,

blätterlosen Arme wie hülfeflehend gen Himmel emporstrecken. Die

Flüsse, welche wir bisher passirt, und wo an manchen Stellen während der

Regenzeit schon Menschen und Thiere ertranken, waren jetzt so trocken,

daß wir tiefe Löcher in den Sand graben mußten, um nur etwas schmutziges

Wasser für die Thiere zu erlangen.

Ungefähr 9 bis 10 Miles wand sich der Weg in der Schlucht fort, bis zu

dem Dörfchen Hykaral, und dann begann ein mühseliges Bergsteigen

über einen heißen, mit Felsbrocken bestreuten Boden, den nur eben ein

Segovia-Maulthier passiren kann, ohne die Beine zu brechen. Rechts und

links sendeten nackte weiße Sandsteinfelsen die Strahlen der tropischen

Sonne mit verdoppelter Stärke zurück und mein Reisethermometer zeigte

ziemlich 110° Fahrenheit im Schatten, =nota bene= wo etwa Schatten war.

Von jetzt an war die Reise nichts mehr als ein beständiges Auf- und

Niederklettern, bei Gelegenheit eine kleine Strecke im Thale bleibend

oder für einige Miles auf hohem Tafellande, bedeckt mit Wiesen und

einigen Hykarobäumen, aus deren kürbisartigen Früchten man hier

Trinkgefäße macht. Elend aussehende kleine Rohrhütten, in die man von

allen Richtungen hinein- und auf der andern Seite wieder hinausschauen

kann, waren die einzigen Zeichen, daß hier noch Menschen wohnten. Die

Nächte wurden allmälig kühler und jeden Morgen gegen 2, 3 Uhr stellte

sich ein dichter Nebel und starker Thau ein, der, indem er meine Kleider

bis auf die Haut durchnäßte, sehr lästig fiel, denn in diesen Klimaten

wird die Haut sehr empfindlich gegen Feuchtigkeit und Kälte.

In den Thälern und in der Nähe fließenden Wassers wurde viel

Zuckerrohr gebaut, doch meist nur in kleinen Abtheilungen von einzelnen

Indianerfamilien; die oben erwähnten Hochebenen dagegen werden

großentheils für Rindviehzucht benutzt, doch ist das Vieh hier klein und

nur von geringer Qualität. Da gerade die Zeit der Zuckerernte war, so

brodelte in allen Kesseln über starkem Feuer der Zuckersaft, und so oft

wir eine Pflanzung passirten und Appetit verspürten, bekamen wir zum

Geschenk ein Bündel köstlichen Zuckerrohres, bei dessen Verspeisung

wir so ziemlich einer Bande ambulanter Flötenspieler glichen, und

durch welche Nahrung man nach einiger Zeit so fett wird, wie ein Bär im

Herbste.

Eine erwähnenswerthe Unterbrechung der Einförmigkeit meiner Reise war

bei dem Dorfe Guaximala, seitwärts am Wege, eine große Höhle, an deren

Eingang einige Felsen mit Sculpturen bedeckt waren, im Charakter den

alten Bildwerken an den beiden Seen von Nicaragua und ihren nächsten

Umgebungen gleichend. Eine kleine indische Legende knüpft sich an

diese Höhle, nach welcher eine aztekische Prinzessin, von den Spaniern

verfolgt, sich in dieselbe flüchtete und durch einen dichten giftigen

Nebel, den sie erscheinen ließ, die Verfolger am weiteren

Vordringen hinderte. Hier soll sie noch weilen, umgeben von fremden,

geheimnißvollen Wesen, jeden Neumond oben auf dem Gipfel des Berges

erscheinend, um zu sehen, ob nicht ein Adler einen Geier bekämpft und

tödtet, denn geschieht dies, so ist der Augenblick der Befreiung des

Landes gekommen; die weißen Fremdlinge werden ausgerottet und der

alte indische Fürstenstamm wird wieder in erneuter Glorie das Land

beherrschen. -- Der neueste Lauf der Begebenheiten wird, wie mir

scheint, diesen Augenblick noch bedeutend hinausschieben, denn die

rothhemdigen, tabackkauenden Männer des Nordens, welche sich neuerdings

im Lande niedergelassen haben, scheinen mir eine schwer auszurottende

Race. --

Ich hätte sehr gewünscht, diese geheimnißvolle Höhle näher zu

untersuchen, von deren großer Ausdehnung, zahlreichen labyrinthischen

Gemächern mit Sculpturen und theilweiser Vergoldung die Leute viel zu

erzählen wußten; aber nicht eine bedeutende Summe hätte einen Indianer

vermocht, mir als Führer zu dienen, und allein das Unternehmen zu wagen,

nahm ich denn doch Anstand, denn in dieser Art von Höhlen entwickeln

sich häufig Schwefelwasserstoffgase, und schwach, wie ich noch war, war

mehr als Wahrscheinlichkeit vorhanden, dem Unternehmen zu erliegen; da

ich zudem in diesen Theil des Landes zurückzukehren dachte, so verschob

ich die Untersuchung dieses interessanten Monuments für später, leider,

wie ich jetzt sehe, vielleicht für immer.

Am achten Tage meiner Reise stiegen wir in ein Thal hinab, so steil und

so tief, daß es wirklich schien, als solle es direct bis ins Centrum der

Erde gehen; unten erreichten wir endlich ein niedliches Dörfchen, »la

Concordia«, inmitten zahlreicher Zuckerrohrfelder und Gruppen schöner

alter Bäume, am Ufer eines kleinen Bergflusses gelegen, der rasch und

lustig über Felsen und Gestein dahin hüpfte. Um so theuerer mußte ich

aber den lieblichen Anblick durch das Erklettern des jenseitigen, noch

viel steilern Bergpfades erkaufen, noch erschwert durch den Umstand, daß

ich Basilio, der am Tage vorher von einem Maulthiere geschlagen worden

war und gar nicht gehen konnte, mein Pferd geliehen hatte, und so,

theilweise auf Don Eusebio's Thier, theilweise aber auch zu Fuß, in

meinen schweren Reitstiefeln den Weg zurücklegen mußte. Ein bitter Stück

Arbeit!

Gegen Abend indeß erreichten wir den nördlichen Saum eines Tafellandes

und befanden uns plötzlich im Angesichte von St. Rafael, dem Orte

unserer Bestimmung.

Hier bot sich dem Auge ein wunderliches Spiel der Natur: gegen Süden

erstreckte sich eine großartige Gebirgslandschaft in den so ernsten und

doch so graziösen Conturen, ganz ähnlich den Gebirgen Griechenlands

und Kleinasiens; nordwärts dagegen war auch nicht mehr ein Schatten

tropischer Natur zu sehen. Das Thal von St. Rafael, von kleineren

vulkanischen Hügeln umgeben, glich frappant dem Thale von Teplitz in

Böhmen und war bewaldet mit Massen von Rotheichen, dazwischen Wiesen

und Zuckerrohrfelder, die aus solcher Entfernung für das Auge die

Getreidefelder ersetzten; die Gipfel der Hügel mit einer Menge der

schönsten Kiefern bedeckt. Selbst die Hütten des Dorfes glichen in

Form und Größe von weitem den Häuserchen des sächsischen und böhmischen

Erzgebirges -- mit einem Worte: es sah beinahe aus wie daheim im lieben

Sachsenlande.

Wanderbilder aus Central-Amerika. Skizzen eines deutschen Malers · 第 26 / 33 题