Der geendigte Krieg in Nicaragua. -- Aufregung in Granada. --
Unangenehme Conflicte. -- Meeting in Massaga. -- Hauptquartier
in Managua. -- Don Fruto Chamorro. -- Gefecht von Nagarote.
-- Erkrankung. -- Gefecht von Chinandega. -- Mißverhältniß der
Streitkräfte. -- Vertrag von Posolteja. -- Treubruch des Generals
Lopez. -- Ehrenhaftes Benehmen des amerikanischen Gesandten. --
Traurige Aussichten.
Leon, d. 1. December 1851.
So widerlich und betrübend für den Menschenfreund auch das seit meinem
letzten Berichte hier zu Ende geführte Drama ist, kann ich mich doch
nicht enthalten Euch das schmachvolle Ende dieses neuesten zahmen
Revolutionskampfes von Nicaragua zu schildern. Ich will eine möglichst
ausführliche und getreue Darstellung der letzten Ereignisse versuchen,
einmal, weil, soviel ich weiß, keine der bisherigen Correspondenzen in
amerikanischen Blättern frei von Irrthümern war, was seinen natürlichen
Grund darin hat, daß keine dieser Correspondenzen von Leon aus erfolgte,
wo die Haupttragödie -- oder Comödie, wie man es nehmen will -- gespielt
hat und hier zu Lande, wie anderwärts, jede Meile ein wenig an der
Nachricht verändert, so daß eine Mosquitofliege, welche in den Straßen
von Leon ausfliegt, schon in Granada als ein zweiköpfiger Drache anlangt
und bis St. Juan zu einem Monstrum mit hundert Köpfen und tausend Armen
anschwillt.
Nebstdem vermag aber auch nichts einen deutlicheren Begriff der
hiesigen unglückseligen Landesverhältnisse zu geben, als eine schlichte
Darstellung solcher Ereignisse, die sich schon so oft in gleicher
Weise wiederholt haben und noch wiederholen werden, mit dem einzigen
Unterschiede, daß dann immer andere Hauptacteurs figuriren; die
Hauptsache bleibt aber dieselbe.
Meine letzte (dritte) Reise von hier nach Granada und zurück, um einen
meiner Creditbriefe in klingende Münze zu verwandeln, so wie eine
zufällige Unterhaltung mit dem eben zurückgekehrten Präsidenten Pineta,
der mir aber zu jener Zeit noch unbekannt war, in Massaga, erlauben
mir die genaueste Auskunft über das zu geben, was sich auf Seite der
Granadiner zutrug. In Betreff der Leoneser Partei setzen mich die
detaillirsten Mittheilungen eines, zur Zeit hier noch residirenden,
höchst achtbaren Amerikaners, dessen verantwortliche Stellung mir jedoch
die Nennung seines Namens verbietet, der aber von allen Vorfällen auf
das Genaueste unterrichtet ist, in den Stand auch dasjenige zu berichten
was sich zutrug, als ein hitziges Fieber mich ans Bett fesselte und
somit verhinderte, Augenzeuge der Vorfälle zwischen dem General Lopez
von Honduras und dem Leoneser General Munoz zu werden. Endlich aber
überzeugten mich mehre Unterhaltungen mit dem Minister Chicodilla,
welcher fast täglich das Haus meines gütigen Wirthes und Pflegers, des
=Dr.= Livingston besuchte, von der vollkommenen Richtigkeit aller jener
Mittheilungen.
Ich übergehe meine letzte Hinreise nach Granada, die den früher schon
beschriebenen gleich war, bis auf den Umstand, daß ich diesmal meinen
Weg über Tamarinta-Bay nahm, welche ich jedoch nur in der Entfernung
einer (engl.) Meile zu Gesicht bekam, da der Sumpfboden, in welchem mein
armes Pferd bis an den Sattelgurt versank, mir nicht verstattete, näher
hinan zu gelangen. Dieser Abstecher brachte mir nebenbei auch noch das
Vergnügen einer schlaflosen und höchst qualvollen Nacht ein, in der ich
von Mosquitos und Sandfliegen, -- das allerlästigste Insect von der Welt
-- beinahe aufgefressen worden wäre.
Am Tage, oder richtiger am Abend, wo ich Granada wieder verließ, war die
Stadt aus zweierlei Anlaß in lebhafter Aufregung. Zuerst war früh 9 Uhr
die Nachricht eingetroffen, daß der vertriebene Präsident Pineta aus
seiner Verbannung über Segovia und Tipitapa eintreffen werde, infolge
dessen jedermänniglich und weibiglich sein Haus aufs Beste mit Fahnen,
Teppichen und Blumen zu schmücken bemüht gewesen war. Diese Freude
der Granadiner ward jedoch unangenehm durch den blinden Lärm gestört,
Colonel Mac-Claen sei mit einer großen Anzahl Amerikaner in St. Juan del
Sur den Leonesern zu Hülfe gekommen und rücke mit Heeresmacht heran, um
Granada zu bedrohen. Daß diese letzte Nachricht völlig unwahr, wußte
ich sehr wohl, denn noch bevor ich Leon verließ war besagter Colonel
mit nicht mehr als 14 Mann amerikanische Freiwillige dort eingetroffen,
welche Heeresmacht noch durch etliche Zuläufer bis zu einer sehr
schwachen Compagnie angewachsen war, die Mac-Claen eben noch möglichst
einzuexerziren sich abmühete.
Es hatte sich in Granada, Gott weiß aus welchem Grunde und auf welchem
Wege, das Gerücht verbreitet, ich sei Träger einer bedeutenden Geldsumme
für Munoz, welche seine Freunde in Granada ihm zusendeten. -- Du lieber
Himmel! als ob ein armer reisender Maler überhaupt jemals Träger einer
bedeutenden Geldsumme sein könnte? -- und als ich die Plaza passirte,
ward ich vom Pfeifen und Schreien der Menge begleitet, während ein
junger, ziemlich anständig gekleideter Mensch sogar unverschämt genug
war, mich auf englisch zu insultiren und mich als Parteigänger Munoz
bezeichnete, den man anhalten, das Pferd wegnehmen müsse und endlich
gar das Wort Scoundrel (Schurke) gebrauchte. Wer ein gut Gewissen
hat, braucht sich nicht schimpfen zu lassen, dachte ich, wendete
augenblicklich mein Pferd und zog, auf den Laffen losgaloppirend, den
Ladestock meiner Büchse, um ihm die verdiente Züchtigung angedeihen zu
lassen; er flüchtete sich aber in ein Haus, durch dessen verschlossene
Thür ich ihm freilich nicht folgen konnte, was mir für den Moment um
so lieber war, als die späte Tagesstunde, so wie ein heraufziehendes
schweres Gewitter mich zur Eile antrieb; treffe ich aber den Burschen
jemals wieder, so dürfte unsere Begegnung zur Folge haben, daß ich mir
einen neuen Ladestock anschaffen müßte.
Ich wünschte noch vor später Nacht Massaga zu erreichen und legte die
5 Leguas, durch den unaufhörlichen Regen bodenlos gewordenen Weges bis
dahin so schnell wie möglich und mit all der Vorsicht zurück, die eine
Vedette in Feindesland anwendet, denn nach den gemachten Erfahrungen
mußte ich jeden Augenblick gewärtig sein, den Pfeil eines Meuchelmörders
aus dem Dickicht schwirren zu hören. Nichts der Art trug sich indessen
zu und gegen 10 Uhr Abends ritt ich in das Gehöft einer bekannten
Familie ein, bei der ich schon zweimal übernachtet hatte.
Ich fand in diesem Hause, wo ich sonst nie einen Mann, außer dem
Besitzer, getroffen hatte, eine Versammlung von zehn bis zwölf Männern
vor, von denen einer, ein hochgewachsener helläugiger Mann mit blondem
oder grauem Haare, -- wegen mangelhafter Beleuchtung konnte ich den
Zweifel nicht lösen -- der gutmüthig in die Welt hinausblickte, el
Sennor Directore genannt wurde. Ich war zu sehr mit dem Gedanken
an meine Weiterreise mitten durch die, einander feindlich
gegenüberstehenden Heere, so wie mit der Befriedigung meines Appetits
beschäftigt, um der Unterhaltung dieser Gesellschaft absonderliche
Aufmerksamkeit zu schenken; allein auf einige an mich gerichtete Fragen
über Zweck und Endpunkt meiner Reise, so wie um meine Meinung über das
Land, die Revolution und die Stimmung der Fremden, antwortete ich frank
und frei, ohne mir ein Blättchen vor den Mund zu nehmen, so daß ich
sicher war, verstanden zu werden. Zudem sorgte auch noch ein junger
Mann, Namens Rivas, dafür, aus einer der angesehensten Familien
Massagas, der geläufig englisch und französisch sprach und meinen
Dollmetscher machte. Auf meine Aeußerungen der Entrüstung: daß in einem
kleinen Lande wie Nicaragua, das man selbst auf der größten Specialkarte
bequem mit der Hand bedecken könne und dennoch zwanzigmal mehr
Flächenraum habe als zum Unterhalte seiner Bewohner nöthig, die Menschen
nicht einmal in Ruhe und Frieden mit einander leben könnten, lachte
jener blondgraue Herr recht aus vollem Herzen und schnitt dazu ein
Gesicht wie mein Schimmel, wenn ich ihm die Schüssel voll süßen Mais
vorhalte.
Ohne weitere Abenteuer langte ich andern Tages bei guter Zeit in Managua
an, wo man mich nach meinem Paß vom Präfecten von Granada fragte und
mich auf meine verneinende Antwort an den commandirenden General Don
Fruto Chamorro verwies. Ich war vortrefflich mit doppelten Pässen
versehen, einen vom Ministerium in Washington und einen zweiten von
Sennor Don Marcoleta, spanischer Gesandter bei der Regierung der
Vereinsstaaten und den Staaten von Central-Amerika, dachte mithin nicht
im mindesten daran, umzukehren.
Nachdem ich mich und mein Roß erst mit einigem Imbiß gestärkt, ritt
ich straks vor Don Fruto's Hauptquartier. Es wimmelte von Officieren,
Ordonnanzen und Soldaten aller Waffen, wohl ihrer hundert, kurz einem
Generalstabe, mit dem sich eine Armee von 50,000 Mann allenfalls
hätte begnügen können. Das erste Beginnen dieser Helden war, mich zu
entwaffnen, ja einer schnallte mir sogar die Sporen ab, während zwei
Andere mein Pferd hielten. Ein Officier bezeigte sogar Lust, Hand an
mein Toledoschwert zu legen, was ich jedoch fest entschlossen war nicht
_auf_-, sondern dem dreisten Menschen eines damit _über_ den Kopf zu
geben, als Don Fruto's Dazwischenkunft noch bei Zeiten alle weiteren
Gewaltthätigkeiten verhinderte, bei denen meine Wenigkeit am Ende doch
wohl den Kürzeren gezogen haben dürfte. Da ich aber nun einmal auf hohem
Pferde saß, ließ ich ihm einige sehr scharfe Redensarten verschmecken,
worauf er, wie ich nicht anders erwartet hatte, sein Visa ohne weiteres
Zögern unter meine Pässe setzte.
Auf halbem Wege zur nächsten Station (Mitiares) begegnete mir ein
Officier in großer Hast und Eile und von äußerst mürrischem Ansehen;
im Dorfe selbst angelangt, welches der letzte befestigte Posten der
Granadiner war, fand ich etwa 200 bis 250 Mann, ganz entkräftet, mit bei
Seite geworfenen Waffen überall schlafend umherliegen, während von Zeit
zu Zeit immer noch Andere vereinzelt und eben so erschöpft anlangten. Am
Ausgange des Dorfes erfuhr ich die Ursache hiervon. In vergangener Nacht
war ein vorgeschobenes Corps von 350 Mann im Dorfe Nagarote von den
Leonesern plötzlich mit großem Ungestüm angegriffen und in die Flucht
geschlagen worden. Genauere Details konnte ich zur Zeit nicht erfahren,
außer daß ein Colonel Silaga -- auch Cachirullo genannt -- durch einen
Lanzenstich getödtet worden sei, was mich aufrichtig betrübte, denn
ich war schon bei meiner ersten Anwesenheit in Leon mit diesem Colonel
persönlich bekannt und befreundet worden und hatte ihn als braven,
gebildeten Officier und auch sonst um Vieles höher schätzen lernen, als
einen großen Theil seiner Landsleute.
Bis Abends 7 Uhr begegnete ich noch Nachzüglern, theils einzeln, theils
in kleinen Trupps, theils mit, theils ohne Waffen, theils auf der
Heerstraße einherschwankend, theils aus dem Walde kommend, wohin sie
sich in ihrem Schrecken geflüchtet hatten.
Tief in der Nacht und triefend von Regen langte ich in Nagarote an; am
Eingange des Dorfes lagen einige getödtete Pferde und die Bewohner waren
noch so voller Schrecken über die letzte Affaire, daß ich nur erst,
nachdem man meine von früherher noch bekannte Stimme wieder erkannt
hatte, Einlaß ins Wirthshaus erhielt.
Dies waren die einzigen persönlichen Rencontres, die ich mit den Heeren
der kriegführenden Mächte von Central-Amerika zu bestehen hatte, und
aller Wahrscheinlichkeit nach waren es diese Vorfälle, aus denen der
Correspondent eines New-Yorker Blattes die grausenhafte Geschichte
meiner Gefangennehmung und tödtlichen Verwundung zusammengeschmiedet
hatte, die Euch, Ihr Lieben, leider in so große Sorge und Angst um mich
versetzte. Die Münchhausiade sei ihm in Gnaden verziehen.
In Leon, das ich am andern Morgen ohne weitere Fährlichkeiten erreichte,
erfuhr ich erst die genaueren Details über jenes Gefecht von Nagarote.
Dreißig Mann Infanterie, ungefähr eben so viele Cavalleristen und etwa
ein Dutzend amerikanischer Scharfschützen waren unter Befehl des Colonel
Silaga auf eine Recognoscirung detachirt worden und stießen unvermuthet
auf den Feind. Als die Vorposten feuerten, ging's gleich mit Hurrah und
Halloh drauf los, und da die Dunkelheit die geringe Anzahl der Leoneser
verbarg, so brachte der erste entschiedene Angriff eine eben so
entschiedene Niederlage hervor und die Granadiner liefen nach allen
Seiten davon, wie ich noch selbst hatte sehen können, und so wild war
die Flucht gewesen, daß mehre Armee-Papiere, Geld, Effecten und die
ganze Bagage der Officiere, insoweit dieselben dergleichen hatten, in
die Hände der Leoneser fielen. Noch am Morgen nach dem Gefechte wurden
von den Dorfbewohnern fünf Granadiner aus einem flachen Brunnen gezogen,
wohinein sie in der Todesangst gesprungen waren.
Doch genug der Thaten der zerlumpten Helden. Ich war, wie gesagt,
glücklich und wohlbehalten in Leon angekommen, mußte aber gleich nach
meiner Ankunft den nur aufgeschobenen Tribut der Acclimatisation zahlen,
indem ich in ein hitziges Fieber verfiel, das mich über vierzehn Tage
ans Bett fesselte und mich sehr von Kräften brachte; nur durch die
größte Schonung, treffliche Pflege in =Dr.= Livingston's gastfreiem
Hause, gute Nahrung, Porter u. s. w. kam ich nach und nach wieder auf.
Während dieser Zeit war die Entwickelung des traurigen Possenspiels in
folgender Weise vor sich gegangen:
Am 4. November war eine Escolta von fünfundzwanzig Infanteristen und
fünfundzwanzig Cavalleristen nach Chinandega, einer kleinen Stadt
von circa 10,000 Einwohnern, halbwegs zwischen hier und der Küste des
Pacific gelegen, entsendet worden, um eine Geldcontribution zu erheben.
Commandant des kleinen Trupps war Major Silaga II., Bruder jenes
erstgenannten Colonel Silaga, der übrigens nicht in jenem Gefechte von
Nagarote geblieben war, sondern nur drei leichte Wunden davon getragen
hatte. Dieser Leoneser Trupp war bereits bis auf die Plaza von
Chinandega vorgerückt, mit Befremden nur durch leere Straßen
marschirend, als er plötzlich von allen Seiten mit einem mörderischen
Feuer begrüßt ward. Es waren dies Hondurenser Truppen, welchen Staat
Granada für sich zu gewinnen gewußt hatte, unter Commando des Generals
Lopez, begleitet von dem Minister Chicodilla von Nicaragua, welcher mit
dem Präsidenten Pineta die Verbannung getheilt hatte. Schon einige Zeit
vorher hatte das Gerücht vom Abfall Honduras und vom Eintreffen dieser
Truppen in Leon circulirt, Niemand hatte aber recht daran glauben
wollen.
Ein kurz zuvor eingetretener Regensturm hatte zum Unglücke der Leoneser
Truppen auf dem Marsche den größten Theil ihrer Munition durchnäßt; die
Uebermacht nicht beachtend commandirte Major Silaga dennoch muthig zum
Angriff und warf den Feind auch wirklich fünf Straßen weit zurück, über
einen kleinen Fluß. Hier aber ward er mit solcher Heftigkeit von drei
Seiten angegriffen, daß er nicht länger Stand zu halten vermochte;
nachdem jeder seiner Leute die wenigen etwa noch trocken gebliebenen
Patronen bis auf die letzte verschossen hatte, zerstreuten sie sich und
suchten einzeln, so gut sie konnten, sich einen Ausweg zu bahnen. Der
Major Silaga und sein Adjutant, denen beiden die Pferde unter dem Leibe
getödtet worden waren, mußten zu Fuß den Weg bis Chichigalpa suchen, an
welchem Orte sie so glücklich waren frische Pferde zu erlangen. Von der
ganzen Escolta trafen im Laufe der nächsten Tage noch 26 Mann, ohne ihre
Officiere, ein; etwa 12 Todte waren auf dem Platze geblieben, worunter
die Mrs. Bradburry und Lane. Das Häuflein erreichte glücklich Leon
auf weitem Umwege über Realejo. Feindlicher Seits waren bedeutend mehr
geblieben. Im Ganzen sollen sich jedoch die Hondurenser, obschon ihnen
ihre große Ueberzahl zu statten kam, immer noch besser geschlagen haben,
als die Granadiner Helden.
Der General Munoz sah nach diesem Gefechte ein, daß die neuesten
zuverlässigen Nachrichten über die nummerische Stärke des Feindes ihm
ein sehr zweifelhaftes Resultat in Aussicht stellten. Die Granadiner
zählten, die allerdings nur schwachen Garnisonen von Granada, Rivas,
St. Juan del Sur, Matagalpa nicht mit eingerechnet, über 1100 Mann,
wovon ein großer Theil zuletzt noch in aller Eil ganz gut mit Uncle
Sams Musqueten bewaffnet worden war, die Mr. White als Preis seines
nichtswürdigen Monopols erschachert hatte; dazu die Hondurenser,
zwischen 300 und 400 Mann stark, also zusammen über 1500 Mann disponible
Truppen. Diesen hatte Munoz Alles in Allem nicht ganz 700 Mann
entgegenzustellen, allerdings besser disciplinirte und exerzirte Leute,
mit einer halben Batterie leichter Artillerie unter Commando eines
französischen Officiers. Auch sein kleines Häuflein Cavallerie war
nicht ganz übel beritten und einexerzirt. Bei solchem nummerischen
Mißverhältniß und geringem Vertrauen auf die kriegerische Ausdauer der
Eingeborenen, war es daher das Klügste was man thun konnte, mit der
Gegenpartei in Unterhandlungen zu treten, um die Stadt doch wenigstens
unter möglichst guten Bedingungen zu übergeben.
Munoz sendete daher am 9. November einen Parlamentair ab, der eine
Zusammenkunft in Posolteja mit General Lopez stipulirte. Bei Munoz
Annäherung mit der gegenseitig accordirten Escolta (die Munozsche
bestand aus 2 Officieren, 2 Amerikanern und 6 Lanziers), lief die
Granadiner Escolta über eine Legua zurück, bis Chichigalpa, und war erst
dort zu überzeugen, daß von dieser, in friedlicher Absicht gekommenen,
handvoll Leute nichts zu befürchten sei.
Die Capitulation kam denn auch wirklich zu Stande, und einige
ihrer Hauptbedingungen waren: gänzliche Amnestie für alle an dem
Revolutionskriege Betheiligten, Entlassung der beiderseitigen
Kriegsheere, Freiheit für die amerikanischen Freiwilligen, zu gehen,
oder sich friedlich im Lande niederzulassen u. s. w.
Am 12. November ward in Folge dieser Capitulation Leon übergeben; die
Amerikaner feuerten den üblichen Salutschuß, während die eingeborenen
Artilleristen in den stehenden Batterien postirt waren. Wie groß
war aber das Erstaunen des Generals Munoz, als er sich, nachdem er
seinerseits pünktlich alle Artikel erfüllt, die Waffen gestreckt und
alle seine Truppen entlassen hatte, plötzlich von der eingerückten
Abtheilung Leoneser, die er mit einem Handgriff hätte erdrücken können,
so lange er seine Truppen noch unter Waffen hatte, überfallen und mit
eilf der vornehmsten Officiere gefangen sieht. Der Traktat war dem
Präsidenten Abaonza (von Leon) übergeben, dann aber diesem wieder
heimlich entwendet worden, und jetzt leugnete General Lopez sogar dessen
Existenz ganz ab.
Auf wessen Seite von Anfang her das Unrecht lag, sei hier ganz
dahingestellt, und eben so die Erörterung der Frage, ob ein Sieg der
Leoneser Partei dem unglücklichen Lande eine bessere Zukunft in Aussicht
gestellt haben würde; aber jeder Unbefangene wird sich nach Obigem einen
Begriff machen können, was man in Central-Amerika auf die Heiligkeit der
Verträge, auf Soldaten- und Mannesehre zu geben hat.
Die Gefangenen hatten sich noch am selben Nachmittage an den sehr
ehrenwerthen Mr. Kerr, bevollmächtigten Gesandten der Vereins-Staaten
in Nicaragua gewandt und dieser stand keinen Augenblick an sich dieses
Vertrauens, so wie der Regierung, die er repräsentirte, vollkommen
würdig zu beweisen. Trotzdem er früher laut und unverhohlen kund
gegeben, wie weit entfernt er sei, mit der Revolutionspartei und dieser
steten Erneuerung der Mißhelligkeiten zu harmoniren, eilte er jetzt bei
so grober Rechtsverletzung nichtsdestoweniger, obschon es schon spät in
der Nacht war, zum feindlichen General, um unter dem Schutze der Sterne
und Streifen auf der Stelle eine energische Protestation gegen solch
nichtswürdiges und wortbrüchiges Verfahren, so wie gegen jede etwaige
militairische Verurtheilung und Tödtung der Gefangenen, diese geradezu
als niedrigen Meuchelmord bezeichnend, niederzulegen. Dieser Akt war
keineswegs so leicht und gefahrlos, wie er daheim unter civilisirten
Nationen erscheinen mag; denn hier, wo durchschnittlich immer die Hälfte
der Soldaten betrunken, und die andere noch nicht völlig nüchtern ist
und demnach fortwährend Excesse aller Art vorkommen, war es gar nicht
unmöglich, daß einige Soldaten, statt ihren patriotischen Heldenmuth
durch Freudenschüsse in die Luft kund zu geben, wie man es hier sehr
liebt, aus Versehen dem verhaßten amerikanischen Gesandten, der
ihrem General so starke Sachen zu riechen gab, eine Kugel durch den
Hirnschädel jagte.
Erst zwei Tage darauf wagte es endlich Don Fruto Chamorro mit seiner
gesammten Heldenarmee in die Stadt zu rücken, nachdem er sich vorher
sorgfältig überzeugt hatte, daß ihm keinerlei Gefahr mehr drohe. Ich
hörte von meinem Krankenbette aus die Freudensalven der Soldaten,
konnte aber leider den Anblick des mit Lorbeern und Lumpen bedeckten
Siegesheeres nicht genießen.
Am 18. brachte eine Escolta Hondurenser 10 Amerikaner, die sich
laut Vertrag im Hafen von Realejo hatten einschiffen wollen und im
Augenblicke ihrer Einschiffung von den nachgeschickten Truppen gefangen
genommen worden waren, in die Stadt. =Dr.= Livingston und ich, da
ich wieder so weit Reconvalescent war, um ausgehen zu dürfen, gingen
sogleich um die Gefangenen zu sehen, wurden aber zurückgewiesen. Wir
kehrten sogleich um, ich um zu Mr. Kerr zu gehen und ihm den Vorfall
anzuzeigen, während =Dr.= Livingston schriftlich von Don Fruto Chamorro
eine Erklärung über diese neue Vertragsverletzung verlangte.
Nach einigem Hinundherverhandeln ward uns endlich allen Dreien der
Zutritt verstattet, und traurig genug war der Anblick der armen Leute;
in einem wahren Hundeloche, voller Schmutz und Ungeziefer, ohne Essen,
Trinken, noch irgend eine Spur von Versorgung. Es wurden indeß vier,
welche infolge der Mißhandlungen bedeutend erkrankt waren, sogleich auf
=Dr.= Livingstons Bürgschaft an diesen ausgeliefert, während der Rest,
Dank den energischen Schritten des Mr. Kerr, später gegen Handgelöbniß
entlassen, und seit gestern in völlige Freiheit gesetzt wurden, bis
zu welchem Tage sie alle im gastfreien Hause des =Dr.= Livingston eine
Zufluchtsstätte gefunden hatten.
Die Lage der eingeborenen Gefangenen blieb jedoch nach wie vor dieselbe,
und ohne Mr. Kerr's unermüdliche Wachsamkeit, der sich überhaupt während
dieser ganzen Zeit kein geringes Verdienst um die Ruhe und Sicherheit
der Stadt erworben, wären sie vielleicht schon längst ihres Lebens
beraubt worden. Man hatte mehrfach beabsichtigt, dieselben aus dem
bischöflichen Palaste, wo sie gefangen gehalten wurden, an einen anderen
Ort zu bringen, und es entspräche ganz dem niedrigen Charakter der jetzt
herrschenden Partei, bei der sich, wie dies so häufig der Fall ist,
Feigheit mit Grausamkeit paart, während des Transportes unter möglichst
schwacher Bedeckung, die Gefangenen von einem Haufen gedungener Mörder
überfallen und abschlachten zu lassen. Das Gouvernement kann ja dann mit
Leichtigkeit alle Schuld von sich abwälzen und öffentlich mit größtem
Eifer nach den Dolchen suchen, die es in der eigenen Schärpe trägt.
Das politische Wetter ist übrigens noch entsetzlich schwül und ich
müßte mich sehr täuschen, wenn nicht binnen ganz kurzer Zeit ein neues
Ungewitter losbräche. Durch den, vor einigen Tagen erfolgten Abmarsch
der Hondurenser, so wie massenhafte Desertionen unter den Granadinern
ist die Stärke der Besatzung, welche Chamorro noch unter seinen Händen
hat, auf circa 260 Mann zusammengeschmolzen, und schon tauchen hin und
wieder Gerüchte von einem vorbereiteten neuen Aufstande auf. Dazu hat
Chamorro in seinem kindischen Unverstande die von Munoz sehr zweckmäßig
angelegten Batterien um die Kathedrale, welche dieselbe zu einer, nach
hiesigen Verhältnissen, fast uneinnehmbaren Stellung machten und mit
deren Hülfe er die ganze Stadt leicht in Schach halten konnte, rasiren
und die Geschütze demontiren lassen, während er in seiner ganzen Armee
nicht einen Officier besitzt, der fähig wäre sie wieder in Stand zu
setzen. Bricht nun früher oder später eine neue Revolution aus, so wird
sie jedenfalls grausamer und verderblicher wie die vorhergegangene, und
wahrscheinlich würde es dann wiederum den Granadiner Grundbesitzern und
Handelsherren ebenso scharf an die Börsen und Waarenlager gehen, wie
jetzt den Leonesischen.
Noch muß ich hinzufügen, daß auch Don Fruto Chamorro, auf die offizielle
Anfrage seiner Regierung, die Existenz der mit Munoz abgeschlossenen
Capitulation gänzlich ableugnete, trotzdem Mr. Kerr die schriftlichen
Beweise dafür in Händen hat und dieselben präsentirte, ein Verfahren,
für welches in jedem nur halb civilisirtem Lande einem solchen Officier
der Degen zerbrochen worden wäre.
Wann wird doch dieses herrliche, von der Natur in jeder Hinsicht so sehr
begünstigte Land aufhören, durch die niedrigen Leidenschaften seiner
erbärmlichen Bewohner, durch die Schwäche und Hinterlist seiner
Machthaber in immer tiefere Degradation zu sinken? Wahrscheinlich nicht
eher, als bis die Sterne und Streifen über dem ganzen Isthmus wehen,
und zum Heile der Civilisation muß man wünschen, daß dies recht bald
geschehen möge.
=Quien sabe!= -- wie die Leute hier zu Lande immer zu sagen pflegen.
Wenig bleibt mir noch hinzuzufügen. Betrachtet man diese letzte
Revolution im Ganzen, so ist es allerdings in keiner Weise zu
rechtfertigen, den Präsidenten so ohne Weiteres bei Nacht und Nebel
über die Grenze zu werfen, so wenig befähigt dieser sich auch für seine
Amtsführung zeigen, oder dieselben mißbrauchen mochte; andrerseits
dient aber auch das Benehmen eben dieser Schützer der Gesetze den ewigen
Revolutionen, wenn auch nicht zur Rechtfertigung, so doch zu einiger
Entschuldigung. Ich kenne bis jetzt wenigstens noch kein Volk,
das weniger befähigt ist sich selbst zu regieren, und eine Art von
russischem Gouvernement würde ihm eine wahre Wohlthat sein.
Die Geschichte bietet Beispiele, wie durch lang anhaltende Tyrannei
civilisirte Nationen gänzlich demoralisirt worden sind; dies Volk
aber ist ein Beispiel des umgekehrten Falls, der Demoralisation durch
Unabhängigkeit, denn von da an datirt sich dieselbe, wenn schon die
Ursachen vielleicht noch viel weiter zurückliegen mögen.
Von mir habe ich nur noch zu sagen, daß die Folgen des Fiebers allgemach
schwinden und ich dessen quitt zu sein hoffe. Es drängt und treibt mich
wieder hinauszukommen, an die Fortsetzung meiner Studien und Arbeiten.
Zunächst nach der Küste des Pacific, um mich durch die Seeluft zu
stärken, dann nach dem Dorfe Felica, etwa 7 Meilen von hier, wo ich kurz
vor der Erkrankung einen altindischen Begräbnißplatz und beim Nachgraben
mehre höchst interessante Alterthümer aufstöberte, die ehemöglichst
ausgebeutet werden müssen. -- -- --