VII.

Indigobereitung. -- Verfall des Landbaues. -- Schlimme Aussichten

für Ansiedler. -- Gefährliche Galanterie. -- Zunahme der ärztlichen

Praxis. -- Einfluß des Mondes. -- Selbsthülfe zu rechter Zeit.

-- Die Schwefelquellen von Tipitapa. -- Gefährliche Begegnung. --

Kriegsanstalten. -- Militairische Exercitien.

Ihr habt mich zuletzt Anfang August 1851 auf der Rückreise von Leon nach

Granada verlassen, woselbst ich mein Malergeräth und sonstige Effecten

in Verwahrung gelassen und nun endlich meinen Reisegefährten, Mr.

_Squier_, selbst, oder doch wenigstens gewisse Nachricht über die Zeit

seines Eintreffens vorzufinden hoffte. Da beides nicht der Fall war,

beschloß ich wenigstens, die Zeit zu fleißigen Arbeiten für mein

Portefeuille und kleinern Ausflügen in der Umgegend zu benutzen.

Mein erster ging über den Bergrücken, welcher Granada von Rivas trennt,

nach einer Hacienda des Don Emanuel B.........., die mir als eine

der vorzüglichsten geschildert worden war, sowohl für den Kaffee- und

Cacaobau, wie für Erzeugung des Indigo, mir also die beste Gelegenheit

bot, mich über den Betrieb des hiesigen Landbaues zu unterrichten. Ich

war in Begleitung eines so gebildeten wie liebenswürdigen jungen Mannes

aus Granada, Don Jose S.... Unser Weg führte theils durch herrliche

Wälder, theils durch angebautes Land, dessen Hauptproducte Indigo, Mais

und Bananen sind.

Ziemlich auf der Höhe eines kleinen Gebirgsrückens, etwa 8 Miles von

Granada, hatte ich die Freude, die Ueberreste eines wahrscheinlich

aztekischen Idols aufzufinden; obgleich nur aus geringem und weichem

Material gearbeitet und arg mitgenommen von der Witterung, wie von der

Zerstörungslust der Maulthiertreiber, die im Vorbeiziehen gern einen

Streich mit der Macheta (lange, schwertartige Messer, die zugleich als

Waffe und als einziges Hau- und Schneidewerkzeug dienen) gleich einem

alten Sündenbocke danach führen, zeigte es doch noch deutlich die

nicht unschönen Proportionen und auffallende Aehnlichkeit mit den

flachstirnigen Physiognomien mexicanischer Monumente.

Mehrfach bemerkte ich unterwegs einen merkwürdig lauten Hall des

Hufschlages unserer Pferde, entweder von den Lavafeldern herrührend,

über die sich die wunderbar üppige Vegetation dieses Himmelsstriches

gebreitet, oder vielleicht auch von vulkanischen Höhlungen, die der

Erdoberfläche ziemlich nahe liegen. Ich habe bis jetzt noch nirgends

eine so bedeutende Verstärkung und Weitertragung des Schalles vernommen

wie hier, am auffallendsten aber bei Besteigung eines etwa 10 Miles

von Granada liegenden Berges, der eine entzückende Fernsicht von den

Gebirgen von Leon bis hinab nach St. Carlos bietet und wo ich, zufällig

am Boden liegend, ganz deutlich Trommeln und Musik aus Granada vernahm,

während man stehend nichts davon hören konnte.

Rings um den Mombatch, den Hauptstock des Gebirges von Granada, dessen

eingestürzter, gewaltiger Krater von allen Seiten die malerischesten

Umrisse bietet, erheben sich eine Menge größerer und kleinerer

Hügel, theils noch jetzt fortwachsend, getrieben von der Gewalt des

unterirdischen Feuers, das einen derselben in den letzten vier Jahren

über 30' gehoben hat, vielleicht aber doch nicht mehr Kraft genug

besitzt, um noch kleinere Nebenkrater zu bilden, wie sie sonst bei

Vulkanen mehr oder minder vorkommen.

Auf der erwähnten Hacienda, die wir gegen Abend auf den jetzt überall

durch den Regen grundlos gewordenen Wegen erreichten, ward uns eine

überaus gastliche und freundliche Aufnahme zu Theil, wie denn überhaupt

Gastfreundschaft die hervorragendste Tugend der Einwohner dieses Landes

ist.

Die Hacienda enthält nebst einem ziemlich bedeutenden Viehstande eine

Pflanzung von etwa 12,000 Cacaobäumen und eben so viel Kaffeebäumen;

sehr große Strecken waren mit den für den Wirthschaftsbedarf nöthigen

Mais und Bananen, hauptsächlich aber mit Indigo bebaut, dessen

Fabrication mich am meisten interessirte. Bekanntlich ist der Indigo nur

ein Oxyd des durch Gährung aus der Pflanze gezogenen und ursprünglich

grünen Saftes. Die Pflanze wird zu diesem Zwecke kurz über der Wurzel

abgeschnitten, in großen gemauerten Bassins dicht aufgespeichert und das

Ganze unter Wasser gesetzt. Die darauf wirkende heiße Sonne färbt das

mit dem Pflanzensafte geschwängerte Wasser bald grün, worauf es in

andere, tiefer liegende Behälter abgelassen, dort durch fortwährendes

Rühren und Peitschen mit der Atmosphäre in Contact gebracht wird und

so allmälig erst jene schöne tiefblaue Farbe bekömmt. Das Umrühren wird

anderwärts gewöhnlich durch einen Ochsengöpel oder durch Wasserkraft

bewerkstelligt, hier aber durch eine Procedur, die einen wirklich

höchst possirlichen Anblick gewährte, nämlich durch eine quer durch den

Behälter gehende, mit kurzen Stangen gespickte Holzwelle, in welcher

in der Mitte eine Art Schaukelbret angebracht ist, an dessen Enden zwei

Männer sitzen, die durch abwechselndes Aufstehen und Niederkauern

die ganze Maschine, nach Art der Nürnberger Sägemännchen, in Bewegung

setzen. Man kann kaum etwas Komischeres sehen, als diese hockenden,

schreienden, schwitzenden, oben kupferfarbigen und unten _echt_

indigogefärbten Indianer.

Die ganze Plantage war in früherer spanischer Zeit, aus welcher

überhaupt alle umfassenden Anlagen und bessern Einrichtungen herstammen,

mit großer Umsicht angelegt; weit ausgedehnte gemauerte Kanäle brachten

das Wasser nach allen Theilen der in geordneten Reihen stehenden

Pflanzung. Fortwährende Revolutionen, deren ungefähr aller drei bis

vier Jahre eine ist und durch welche jedesmal die Reichern durch

Contributionen arg geschröpft werden, haben das Vermögen der Besitzer

sehr heruntergebracht; die Kanäle sind verschlammt, die Indigofelder

voller Unkraut, in traurigem, wüstem Zustande, der nur eben so weit

bewältigt wird, um nicht Alles ganz einschlafen zu lassen.

Traurige Zustände, denen allein durch eine recht gesunde, kräftige

Einwanderung abgeholfen werden könnte, wozu aber wiederum nur eben

solche Leute tauglich wären, welche sich zuvor in den Vereinigten

Staaten die Hörner ein wenig abgelaufen und dort erst gelernt hätten,

wie man sich in fremdem Lande am besten organisirt und seine Kräfte

anwenden muß, um die mehrsten Körner aus seinem Weizen zu dreschen.

Solche aber, welche direct aus Deutschland herüberkommen und etwa

meinen, es würden ihnen bei nur geringer Mühe die gebratenen Tauben in

den Mund fliegen, werden hier wahrlich schlechte Rechnung finden. Doch

hierüber werde ich mir am Schlusse meiner Reiseberichte noch einige

besondere Gesammtbemerkungen erlauben.

Einige landesübliche Galanterien sind hier doch solcher Art, daß der

nicht eingewohnte Europäer sich dagegen bei Zeiten verwahren muß, wenn

er nicht, wie ich, die üblen Folgen verschmecken will. Die jungen Damen

vom Hause hatten die Artigkeit gehabt, mir zur Nacht eine mächtige

Schale voll Jasmin unters Bett zu stellen. So gut gemeint dies auch war

und vermuthlich eine landesübliche Sitte gegen Gäste, hatte es doch zur

Folge, daß mein armer Kopf mir andern Tages noch viermal so dick und

schwer, als gewöhnlich vorkam. Ich empfehle meinen Nachfolgern also

nicht blos _Vor_-, sondern auch _Unter_sicht beim Zubettgehen!

Aber nicht nur in Bezug auf Land und Leute, sondern auch an mir selbst

habe ich Entdeckungen gemacht, die Euch in Erstaunen setzen werden. Wie

Ihr wißt, hatte mein trefflicher Freund, =Dr.= _Gescheidt_ in New-York,

mich beim Antritte meiner Reise mit einem kleinen chirurgischen Besteck,

Anleitung zum Aderlassen, sowie einigen allgemeinen medicinischen Regeln

ausstaffirt. Schon während der Fahrt auf dem St. Juan-River hatte ich

Gelegenheit gehabt, von ersterm verdienstliche Anwendung zu machen. Hier

aber sollte ich in noch ganz andere Versuchung geführt werden.

Der alte Herr, dessen Gastfreundschaft ich genoß, von Umfang des Leibes

ziemlich einem Falstaff gleich, befand sich am Abend sehr übel und

wollte guten Rath von mir. Solchen nicht geben, heißt hier sehr

unhöflich sein, denn selbst Demosthenes würde diese braven Leutchen

nicht überzeugt haben, daß ein Europäer (zumal ein Deutscher) und ein

Doctor nicht ganz identisch seien. Zum Glück war der Fall ziemlich

einfach, da der Hauptgrund der Krankheit augenscheinlich in täglich

fünfzehn- bis achtzehnstündigem Schlaf im Hammock und etlichen

Tagesmahlzeiten =à proportion= seines Leibesumfanges lag. Nach

Pulsfühlen und gewichtigem Fingerandienaselegen verabreichte ich ihm

eine gehörige Dosis meiner prächtigen Aloëpillen, die, wenn sie nichts

nützten, doch auch nicht schaden konnten, machte ihn aber aufmerksam,

ja nicht zu Nacht zu speisen, was jedoch eine unmöglich zu befolgende

Vorschrift war, weil der gute alte Papa eine mörderliche Angst hatte,

in diesem Falle über Nacht Hungers zu sterben. Zwei Becher gewürzter

Chocolade mußte ich also =nolens volens= concediren. Trotzdem war der

Zustand des Patienten am andern Morgen bedeutend besser, da die Pillen

ihre bekannte Eigenschaft kräftigst bethätigt hatten, und ich empfing

von der gesammten Familie die feierliche Versicherung, daß ich ein

großer Doctor sei -- was denn doch in der That eine nagelneue Entdeckung

genannt werden kann!

Am Tage darauf kam jedoch ein bedenklicherer Fall: ein Knecht war von

einem Maulthiere an den Schlaf geschlagen worden und lag für todt da.

Natürlich sollte und mußte der =Sennor e'strangero= da wieder Rath

schaffen. Ich spürte noch einige Lebenszeichen an ihm und verfuhr nun

flugs wie der gute =Dr.= de Montegre mit mir vor vier Jahren in Paris

verfahren, als ich jenen unfreiwilligen Purzelbaum von 44' Höhe vom

Gerüste herab gemacht hatte, d. h. ich ließ dem Scheintodten von mehrern

Personen zugleich die Hände und Füße mit ganz heißem Wasser waschen,

bis ich wieder Pulsschläge fühlte, worauf ich ihm eine Ader öffnete,

und hatte die Freude, ihn bald wieder bei voller Besinnung zu sehen. Die

Moral der Sache ist, daß etwa hierher pilgernde Landschaftsmaler sich

darauf gefaßt machen müssen, nebst ihrer Kunst auch noch ganz andere

Künste zu üben. Dergleichen Kopfstöße scheinen übrigens hier etwas sehr

Gewöhnliches zu sein, denn besagtes Individuum ward wenigstens, außer

jener kurzen Gefahr, eine Reise in den Himmel zu machen, weiter nicht

sehr von den Nachwehen belästigt, und hülste schon am Nachmittage ganz

gemüthlich und zu meiner großen Freude Cacao aus, denn ich habe eine

wahre Heidenangst, daß meine wider Willen ausgeübte Doctorpraxis mich

einmal recht ordentlich in die Klemme bringt, wo die gute Absicht einen

kaum ausreichenden Trostgrund für angerichtetes Uebel gewähren dürfte.

Auch die in der tropischen Zone so heftigen Einflüsse des Mondes wie der

Sonne habe ich einige Zeit darauf an mir selbst erfahren. Von ersterem,

als ich eine Nacht so lag, daß die Strahlen des Mondes eine Zeitlang auf

mein Gesicht schienen. Nach lebhaften, ängstigenden Träumen, von denen

mich doch sonst mein gesunder Schlaf nach körperlicher Ermüdung immer

frei läßt, erwachte ich mit überaus heftigem, nervösem Kopfschmerz, der

den ganzen folgenden Tag anhielt und meine ganze, vom Monde beschienene

Gesichtshälfte dick aufschwellte.

Schlimmer bekam mir die andere Erfahrung in Bezug auf die Sonne, die

möglicherweise sogar den Grund zu der bösen Krankheit gelegt haben kann,

die mich bald darauf befiel. Ich hatte =Dr.= _Livingston_ wieder

ein Stück nach Leon zurückbegleitet, um später von dieser himmlisch

gelegenen Stadt aus meine Malerexcursionen vorzunehmen; vorher aber

wollte ich trotz des Abmahnens allein den heißen Schwefelquellen von

Tipi-Tapa und dem Vulkane von Massaga einen Besuch abstatten. Von

Managua aus führt der Weg über die große Ebene, welche die Seen von

Granada und Managua trennt, theils durch herrlichen, hochstämmigen Wald,

theils durch baumloses Sumpfland. Die Sonne brannte heiß hernieder

auf den einsamen Wanderer, das 5 bis 6 Fuß hohe Schilf gewährte keinen

Schutz gegen die senkrechten Strahlen, und die Sumpfluft lag bleiern

über der lautlosen Landschaft. Roß und Reiter trieften von Schweiß

und suchten vergebens nach erquickendem Schatten und Wasser. Mir ward

plötzlich so schwindlich und unwohl, daß ich mich nicht mehr im Sattel

zu halten vermochte und, da ich die Ursache meines Uebelbefindens

errieth und allenfalls noch Bewußtsein genug hatte, um meinen Rock

abzustreifen und meine Lanzette hervorzuholen, so versuchte ich hier zum

ersten Male meine Kunst an mir selbst und öffnete mir eine Ader. Nach

einiger Zeit erwachte ich wieder aus der Ohnmacht, in die ich verfallen

war, hatte starken Blutverlust gehabt, fühlte mich aber auch sehr

erleichtert dadurch. Mein Schimmel dachte nicht ans Fortlaufen, sondern

beschnoperte neugierig bald mich, bald die Blutpfütze. Ich band mir das

Taschentuch so fest ich konnte, um den Arm und kletterte mühsam auf's

Pferd, konnte aber diesen Tag vor Mattigkeit Tipi-Tapa nicht mehr

erreichen, sondern mußte in einer kleinen Hacienda übernachten, wo mein

armes Pferd, da kein Futter vorhanden war, sich das seinige selbst im

=Protero= (Weideplatz) suchen mußte, der noch dazu über eine englische

Meile entlegen war. Dieser letztere Uebelstand tritt sehr oft ein und

deshalb bringt jede Reise die Thiere sehr herunter, besonders wenn man

schwer laden muß, wie ich es genöthigt war, da ich bei solchen kleineren

Excursionen aus öconomischen Gründen weder Diener noch Packthier bei mir

habe.

Nachdem ich mich bei dem gutmüthigen Besitzer der Hacienda einen Tag

ausgeruht, riskirte ich, trotz der erhaltenen Witzigung, noch einen

Besuch der Schwefelquellen von Tipi-Tapa, welche ungefähr eine Meile vom

genannten Flecken, an der Stelle liegen, wo der Rio di Tipi-Tapa (ein

Ausfluß des Sees von Managua) sich zwischen großen Felsbrocken verliert.

Die stärkste dieser Quellen erhebt sich inmitten eines, theils

sumpfigen, theils mit Steingerölle gefüllten flachen Kessels aus einem,

durch Niederschlag der das Wasser sättigenden Mineralien gebildeten

Hügelchen von acht bis zehn Fuß Höhe. Das Wasser quillt ganz siedend

hervor und entwickelt eine Menge von Schwefelwasserstoffdämpfen,

die mich, als ich beim Losbrechen und Sammeln einzelner Stücken des

Niederschlages etwas zu lange verweilte, ganz schwindlich machten.

Ich befürchtete eine Rückkehr des vorerwähnten Ohnmachtanfalles und

entfernte mich so schnell als ich vermochte. Es ging auch bald vorüber,

als ich nach einiger Zeit in freiere Luft kam, und ein Fußbad in dem

etwas weiter entfernten abgekühlten Wasser wirkte besonders wohlthätig

auf mich.

Eine zweite heiße Schwefelquelle entspringt inmitten eines kleinen

Teiches von ganz kaltem Wasser, wie dies auch bei den Liparischen

Inseln an der Küste Siciliens gefunden wird, und noch mehre andere,

von minderer Bedeutung, nicht weit davon. Alle diese Quellen enthalten

augenscheinlich eine große Menge Schwefel, Kochsalz, sowie einige

andere kräftige Substanzen, und werden dereinst einmal, wenn erst eine

zahlreichere und betriebsamere Bevölkerung das Land etwas empor gebracht

haben werden, gewiß eine sehr besuchte Heilquelle bilden, und einen

nicht weniger bedeutenden Exportartikel liefern.

In Folge dieser beiden eigenen Erlebnisse kann ich alle, mir etwa

nachfolgenden Reisenden, zumal so lange sie sich noch nicht völlig an

das hiesige Klima gewöhnt haben, nicht dringend genug warnen, selbst

kleinere derartige Ausflüge niemals allein zu unternehmen.

Als ich Tags darauf auf meinem Rückwege durch einen Wald über eine Art

von Kreuzweg kam, riefen mir von der Seite drei Berittene, mit Lanzen

bewaffnet, ein grimmiges »Halt!« zu; ich verspürte jedoch nicht

sonderlich viel Lust mich mit ihnen in nähere Expectorationen

einzulassen, und als einer davon mit erneutem Rufe ein Pistol aus der

Halfter zog, nahm ich, so miserabel und unkriegerisch mir auch noch zu

Muthe war, meine getreue Büchse herauf, was die drei Helden, zu meiner

großen Befriedigung, bewog, Kehrt zu machen und sich nicht weiter um

mich zu bekümmern. Ich erfuhr bald darauf, daß es der Vorposten eines,

in Managua garnisonirenden, etwa 300 Mann starken Corps der Granadiner

Reichsarmee war, welche zum bevorstehenden Kampfe mit den Leonesern

zusammengezogen wird.

Ihr müßt nämlich wissen, daß seit etwa zwei Wochen wiederum eine neue

Revolution sammt allen Gräueln des Bürgerkrieges im Anzuge ist, ohne

daß ich selbst bis jetzt viel davon bemerkt hatte. Die respectiven

Regierungen von Granada und Leon haben einen Aufruf an alle waffenfähige

Bürger erlassen, zur Rettung des Vaterlandes herbeizueilen, welcher

Aufruf jedoch, wenigstens auf Seite der Granadiner, eben keinen

absonderlichen Enthusiasmus erregt zu haben scheint. Eine Abtheilung

dieser barfüßigen Prätorianer liegt, wie gesagt, in Managua,

größtentheils mit Flinten bewaffnet, von denen die eine keinen

Ladestock, die andere kein Bajonett, die dritte sogar kein Schloß hat,

sehr viele davon aber wohl beim ersten Schuß springen werden. Dieses

Corps steht unter dem Commando eines Generals, der sich in besseren

friedlichen Zeiten damit beschäftigt, verdorbene Uhren noch mehr zu

verderben.

Auf der Durchreise ward mir das Glück zu Theil, diese tapferen Spartaner

manövriren und exerciren zu sehen. In Erwartung nämlich, daß der Feind

kommen werde, laufen die Helden einstweilen täglich einige Stunden,

einer hinter dem andern, rings um den geräumigen Marktplatz herum,

wozu abwechselnd auf einer faßartigen, von zwei Mann getragenen großen

Trommel, oder auf zwei kleinen übereinandergebundenen, Tambourins

gleichenden Trömmelchen tapfer darauf losgepaukt wird. Auch

Festungswerke hat man errichtet, wenn man nämlich einige, 4 Fuß hohe,

einen Fuß dicke Mäuerchen aus Luftziegeln und von Holzklötzen und Balken

gestützt, mit diesem Titel beehren will. Auf der Gegenpartei mag es

wohl auch nicht viel besser aussehen, und so stehen sich denn die Löwen

kampfgerüstet einander gegenüber.

Der Hauptkern dieser ewig wiederkehrenden Katzbalgereien, die das arme

Land nur aussaugen und keinen gedeihlichen Zustand zur Blüthe kommen

lassen, beruht auf einem individuellen Streite der Machthaber von Leon

und Granada, und diesmal scheint mir die Granadiner Partei insofern im

Rechte zu sein, als sie einen, meiner Ansicht nach, ganz vernünftigen

Zusammentritt zu einer größeren Föderativrepublik zum Feldgeschrei

haben, während die Leoneser eine Art von Sonderbündelei im Schilde

führen, aus der natürlich immer wieder neuer Same der Zwietracht

erwachsen muß. Das Seltsamste dabei ist aber, daß die ganze Sache

sich eigentlich nur um das Privatinteresse von etwa einem Dutzend

tonangebender Personen dreht, die Hauptmasse der Bevölkerung derselben

ziemlich fremd bleibt und nur insofern Interesse daran hat, als sie

immer wieder das blutende Opfer dieser Kämpfe werden muß; von wahrem

Patriotismus, freudiger Hingebung an das allgemeine Wohl des Vaterlandes

habe ich aber verwünscht wenig bemerkt, trotzdem die Leute derlei

pomphafte Reden ewig im Munde führen.

Solche Wahrnehmungen, so viel sie auch zur Erweiterung meiner Welt- und

Menschenkenntniß beitragen, betrüben doch recht herzlich in einem Alter,

das noch für allerhand schöne und ideale Illusionen empfänglich ist.

Hat man auch endlich hier und da noch einige edle Züge entdeckt, so

schrumpfen bei näherer Prüfung auch davon noch die meisten zu einer

gedörrten Frucht zusammen, die sich nur das Ansehen einer frischen zu

geben strebt. So jung ich auch noch bin und so wenig Welterfahrung ich

auch in dieser Hinsicht noch gesammelt, ist mir doch der Appetit nach

mehren schon ziemlich vergangen.

Wanderbilder aus Central-Amerika. Skizzen eines deutschen Malers · 第 24 / 33 题