VI.

Freundliche Aufnahme in Leon. -- General Munnoz. -- Ein demüthiger

Apostel Christi. -- Rückkehr nach Granada.

Ich fand für mich, für Diener und Thiere eine gastliche Aufnahme im

Hause des =Dr.= Livingston, eines sehr geachteten Arztes, dem ich

meine Depeschen, gleich einer Art von Empfehlungsbrief vom Pferde herab

überreichte. Ehe ich mir jedoch Ruhe vergönnte, machte ich mich auf,

gestiefelt, bespornt und staubbedeckt, wie ich war, vor allen Dingen

diese Depeschen abzugeben, die mir dringend ans Herz gelegt waren und

wozu ich noch besondere Veranlassung in den kriegerischen Gerüchten

fand, welche überall laut wurden. Später habe ich mich jedoch überzeugt,

daß dergleichen hier eben nicht viel zu bedeuten hat. Man schreit und

zankt sich eine Weile herum, feuert, wenns hoch kommt, ein paar Dutzend

Flintenschüsse ab, sperrt auch vielleicht hinterher einige Hauptschreier

auf kürzere oder längere Zeit ins Loch, dann ist alles vorbei, um in

einigen Monaten wieder von vorn anzufangen.

Von meinem Empfange bei der Regierung ist nicht viel zu sagen. Schon

vielfach ist das Lächerliche eines kleinen Staates, gleichviel ob

Republik oder Monarchie, ohne inneren Gehalt, ohne Macht und äußern

Einfluß, der sich aber gleichwohl das Ansehen und Gewicht eines größeren

geben möchte, besprochen worden. Der Unterschied zwischen Washington

und Leon ist ungefähr dem eines Empfanges am Hofe von St. Petersburg

und eines in Bernburg zu vergleichen. General Munnoz, der eine Art

von Dictatorrolle spielt, war noch in Unter-Inexpressibles, warf aber

schnell ein kleines gelbes spanisches Mäntelchen um, das wahrscheinlich

eine Art von Interimsuniform vorstellen sollte. Ich ward übrigens

äußerst freundlich und zuvorkommend aufgenommen und in mehren Häusern

ward mir Wohnung und Unterhalt angeboten. Ich zog es jedoch vor da

zu bleiben, wo ich war, d. h. bei =Dr.= Livingston, wo ich mich einer

trefflichen Verpflegung und wahrhaft liebenswürdigen Umganges zu

erfreuen hatte.

Mein Zeichnen- und Maler-Material hatte ich in Granada zurückgelassen

und es drängte mich endlich an die Arbeit zu kommen, deshalb dachte ich

auf meine baldige Rückkehr dahin, auf welcher Rückreise =Dr.= Livingston

und Mr. Lane, ein zeitweilig hier lebender Amerikaner, mich begleiten

wollten.

Am Tage vor der Abreise saß ich mit letzterem eben vor der Thüre, als

ein wohlbeleibter Prälat, in Begleitung seiner gewöhnlichen Sauvegarde

von zwei Soldaten, auf seinem Ochsenkarren angeklingelt kam. Wir nahmen

ganz höflich die Hüte ab, allein dies schien dem frommen Manne noch

keineswegs zu genügen, denn er sendete einen seiner Soldaten ab, der

uns zum Niederknieen nöthigen sollte. Das kam uns denn doch ein wenig

allzuspanisch vor, zumal er ja nicht das Venerabile mit sich führte.

Als wir nicht schleunigst gehorchten, holte der Soldat aus, um Mr. Lane

einen Kolbenstoß zu versetzen. Ein ächter Yankee versteht in diesem

Punkte nicht viel Spaß und mein Gefährte zog rasch eine jener

sechsschüssigen New-Yorker Pistolen hervor, was auch mich veranlaßte

mein Bowiemesser ein wenig zu lüften; beim Anblick unseres guten

Vertheidigungszustandes retirirte der Kriegsheld über Hals und

Kopf hinter den Karren des Prälaten, der die Faust ballte und die

schrecklichsten Maledictionen auf uns herabdonnerte. Die ganze

Gesellschaft entfernte sich aber so eiligen Schrittes, als ein

Ochsengespann vermittelst Hieben fortzubringen ist. Mein Gefährte

forderte mich auf sogleich mit ihm zum Präfekten zu gehen, wo wir

den zornentbrannten Prälaten bereits vorfanden. Der Mann des Gesetzes

gerieth durch unsere Gegendeposition so in Verlegenheit, daß er die

ganze Sache, als nicht vor seinen Richterstuhl gehörig, von sich

wies. Der Amerikaner wandte sich nun mit seiner Beschwerde an den

Militaircommandanten, der den allzueifrigen Soldaten auf 24 Stunden ins

Loch sperren ließ. Der arme Bursche dauerte mich, da er ja gar nicht

wußte, wem er es eigentlich recht machen sollte, und erinnerte mich

lebhaft an jenen Rekruten in den fliegenden Blättern, der auf die Frage:

»Was ist ein Soldat?« die Antwort giebt: »A armer geplagter Mensch!«

Der Rückweg nach Granada bot nur den Unterschied, daß ich einige

prachtvolle Arten von Vögeln sammelte, und einen recht einfältigen Mord

an einem armen Affen beging, der ein Kleines auf dem Rücken trug, was

ich leider vorher nicht bemerkt hatte. Ich nahm mich der hinterlassenen

Waise pflichtschuldigst an und päppele sie bis diesen Tag mit Milch und

Wasser weiter, bis sie im Stande sein wird, sich durch eigenes Ingenium

ihren Lebensunterhalt zu verschaffen. Eine ganz neue Erscheinung waren

für mich die Quadusen, im Baue ähnlich dem Hasen, doch mit kürzeren

Ohren und Springfüßen und trippelnd wie der Dachshund.

Auch machte ich von Massaga aus dem Vulkane gleiches Namens einen

Besuch, um vorläufig einige Zeichnenstudien dieser eigenthümlichen

Naturbildungen zu nehmen. Ich hätte sehr gewünscht ins Innere des

Hauptkraters hinabsteigen zu können, der mehre höchst interessante und

groteske Schwefelformationen enthalten soll; dies allein zu unternehmen

ward mir jedoch als eine absolute Unmöglichkeit dringend widerrathen,

da ebensowohl die während der Regenzeit sehr häufigen und plötzlich

eintretenden Nebel den Weg ungemein erschweren, als auch die noch

fortwährenden Entwickelungen von Schwefelwasserstoffdämpfen den einsamen

Wanderer leicht der Gefahr des Erstickens aussetzen. Auch hätte ich

mein armes Pferd um keinen Preis über die verglaste Schlackenmasse

hinweggeschunden und eben so unmöglich war es, trotz aller Nachfragen

und Geldanerbietungen einen Führer und ein Maulthier zu erlangen.

Nichtsdestoweniger habe ich die Lavafelder so viel als möglich kreuz und

quer durchstrichen und auch einen kleineren Nebenkrater erklettert,

bis mich körperliche Erschöpfung und meine total zerrissenen Schuhe zur

Rückkehr nöthigten, habe auch, trotz der erschwerenden Umstände einige

höchst interessante Studien zustandegebracht.

Das Durchwandern dieser öden, und doch dabei an malerischen Schönheiten

so reichen Landschaft, gewährte mir einen eigenthümlichen Reiz, dem ich

nicht Worte zu geben vermag.

Wanderbilder aus Central-Amerika. Skizzen eines deutschen Malers · 第 23 / 33 题