Freundliche Aufnahme in Leon. -- General Munnoz. -- Ein demüthiger
Apostel Christi. -- Rückkehr nach Granada.
Ich fand für mich, für Diener und Thiere eine gastliche Aufnahme im
Hause des =Dr.= Livingston, eines sehr geachteten Arztes, dem ich
meine Depeschen, gleich einer Art von Empfehlungsbrief vom Pferde herab
überreichte. Ehe ich mir jedoch Ruhe vergönnte, machte ich mich auf,
gestiefelt, bespornt und staubbedeckt, wie ich war, vor allen Dingen
diese Depeschen abzugeben, die mir dringend ans Herz gelegt waren und
wozu ich noch besondere Veranlassung in den kriegerischen Gerüchten
fand, welche überall laut wurden. Später habe ich mich jedoch überzeugt,
daß dergleichen hier eben nicht viel zu bedeuten hat. Man schreit und
zankt sich eine Weile herum, feuert, wenns hoch kommt, ein paar Dutzend
Flintenschüsse ab, sperrt auch vielleicht hinterher einige Hauptschreier
auf kürzere oder längere Zeit ins Loch, dann ist alles vorbei, um in
einigen Monaten wieder von vorn anzufangen.
Von meinem Empfange bei der Regierung ist nicht viel zu sagen. Schon
vielfach ist das Lächerliche eines kleinen Staates, gleichviel ob
Republik oder Monarchie, ohne inneren Gehalt, ohne Macht und äußern
Einfluß, der sich aber gleichwohl das Ansehen und Gewicht eines größeren
geben möchte, besprochen worden. Der Unterschied zwischen Washington
und Leon ist ungefähr dem eines Empfanges am Hofe von St. Petersburg
und eines in Bernburg zu vergleichen. General Munnoz, der eine Art
von Dictatorrolle spielt, war noch in Unter-Inexpressibles, warf aber
schnell ein kleines gelbes spanisches Mäntelchen um, das wahrscheinlich
eine Art von Interimsuniform vorstellen sollte. Ich ward übrigens
äußerst freundlich und zuvorkommend aufgenommen und in mehren Häusern
ward mir Wohnung und Unterhalt angeboten. Ich zog es jedoch vor da
zu bleiben, wo ich war, d. h. bei =Dr.= Livingston, wo ich mich einer
trefflichen Verpflegung und wahrhaft liebenswürdigen Umganges zu
erfreuen hatte.
Mein Zeichnen- und Maler-Material hatte ich in Granada zurückgelassen
und es drängte mich endlich an die Arbeit zu kommen, deshalb dachte ich
auf meine baldige Rückkehr dahin, auf welcher Rückreise =Dr.= Livingston
und Mr. Lane, ein zeitweilig hier lebender Amerikaner, mich begleiten
wollten.
Am Tage vor der Abreise saß ich mit letzterem eben vor der Thüre, als
ein wohlbeleibter Prälat, in Begleitung seiner gewöhnlichen Sauvegarde
von zwei Soldaten, auf seinem Ochsenkarren angeklingelt kam. Wir nahmen
ganz höflich die Hüte ab, allein dies schien dem frommen Manne noch
keineswegs zu genügen, denn er sendete einen seiner Soldaten ab, der
uns zum Niederknieen nöthigen sollte. Das kam uns denn doch ein wenig
allzuspanisch vor, zumal er ja nicht das Venerabile mit sich führte.
Als wir nicht schleunigst gehorchten, holte der Soldat aus, um Mr. Lane
einen Kolbenstoß zu versetzen. Ein ächter Yankee versteht in diesem
Punkte nicht viel Spaß und mein Gefährte zog rasch eine jener
sechsschüssigen New-Yorker Pistolen hervor, was auch mich veranlaßte
mein Bowiemesser ein wenig zu lüften; beim Anblick unseres guten
Vertheidigungszustandes retirirte der Kriegsheld über Hals und
Kopf hinter den Karren des Prälaten, der die Faust ballte und die
schrecklichsten Maledictionen auf uns herabdonnerte. Die ganze
Gesellschaft entfernte sich aber so eiligen Schrittes, als ein
Ochsengespann vermittelst Hieben fortzubringen ist. Mein Gefährte
forderte mich auf sogleich mit ihm zum Präfekten zu gehen, wo wir
den zornentbrannten Prälaten bereits vorfanden. Der Mann des Gesetzes
gerieth durch unsere Gegendeposition so in Verlegenheit, daß er die
ganze Sache, als nicht vor seinen Richterstuhl gehörig, von sich
wies. Der Amerikaner wandte sich nun mit seiner Beschwerde an den
Militaircommandanten, der den allzueifrigen Soldaten auf 24 Stunden ins
Loch sperren ließ. Der arme Bursche dauerte mich, da er ja gar nicht
wußte, wem er es eigentlich recht machen sollte, und erinnerte mich
lebhaft an jenen Rekruten in den fliegenden Blättern, der auf die Frage:
»Was ist ein Soldat?« die Antwort giebt: »A armer geplagter Mensch!«
Der Rückweg nach Granada bot nur den Unterschied, daß ich einige
prachtvolle Arten von Vögeln sammelte, und einen recht einfältigen Mord
an einem armen Affen beging, der ein Kleines auf dem Rücken trug, was
ich leider vorher nicht bemerkt hatte. Ich nahm mich der hinterlassenen
Waise pflichtschuldigst an und päppele sie bis diesen Tag mit Milch und
Wasser weiter, bis sie im Stande sein wird, sich durch eigenes Ingenium
ihren Lebensunterhalt zu verschaffen. Eine ganz neue Erscheinung waren
für mich die Quadusen, im Baue ähnlich dem Hasen, doch mit kürzeren
Ohren und Springfüßen und trippelnd wie der Dachshund.
Auch machte ich von Massaga aus dem Vulkane gleiches Namens einen
Besuch, um vorläufig einige Zeichnenstudien dieser eigenthümlichen
Naturbildungen zu nehmen. Ich hätte sehr gewünscht ins Innere des
Hauptkraters hinabsteigen zu können, der mehre höchst interessante und
groteske Schwefelformationen enthalten soll; dies allein zu unternehmen
ward mir jedoch als eine absolute Unmöglichkeit dringend widerrathen,
da ebensowohl die während der Regenzeit sehr häufigen und plötzlich
eintretenden Nebel den Weg ungemein erschweren, als auch die noch
fortwährenden Entwickelungen von Schwefelwasserstoffdämpfen den einsamen
Wanderer leicht der Gefahr des Erstickens aussetzen. Auch hätte ich
mein armes Pferd um keinen Preis über die verglaste Schlackenmasse
hinweggeschunden und eben so unmöglich war es, trotz aller Nachfragen
und Geldanerbietungen einen Führer und ein Maulthier zu erlangen.
Nichtsdestoweniger habe ich die Lavafelder so viel als möglich kreuz und
quer durchstrichen und auch einen kleineren Nebenkrater erklettert,
bis mich körperliche Erschöpfung und meine total zerrissenen Schuhe zur
Rückkehr nöthigten, habe auch, trotz der erschwerenden Umstände einige
höchst interessante Studien zustandegebracht.
Das Durchwandern dieser öden, und doch dabei an malerischen Schönheiten
so reichen Landschaft, gewährte mir einen eigenthümlichen Reiz, dem ich
nicht Worte zu geben vermag.