V.

Lavafelder. -- Managua. -- Reisebekanntschaft. -- Landschaftliches.

-- Puebla nuova. -- Ein Raubmord. -- Nächtliche Störung. -- Ankunft

in Leon.

Fünf Miles von Massaga erreichte ich, nachdem ich noch einige

allerliebst zwischen Cocospalmen gelegene indianische Dörfchen passirt,

die Lavafelder des Vulcans von Massaga. Seine Thätigkeit beschränkt sich

nur noch auf zeitweilige Entwickelung von Schwefelwasserstoff und starke

Erhitzung des Schlammbodens in dem erloschenen Krater; ein kleiner

Salzsee auf der Südseite, welcher einen andern Krater ausfüllt, so

wie ungeheure, sich wohl 6 bis 7 Miles gegen Norden hin erstreckende

Lavafelder, geben Zeugniß seiner früheren Verheerungen. Ueberhaupt

ist das ganze Land mit trachitischen Gebilden, Osidien und todten

Lavaströmen bedeckt, welche die alles überwuchernde üppige Vegetation

später mit neuem Leben bekleidet hat. Ein großer Theil der Quellen

ist gleichfalls voller mineralischer Substanzen, und viele haben einen

beträchtlichen Hitzegrad. In den Lavafeldern von Massaga fielen mir

besonders eine Menge seltsamer Höhlen auf, ähnlich ungeheuren Backöfen,

wahrscheinlich herrührend von den durch sich entwickelnde Gase

gebildeten Blasen.

Am Nachmittage brach wieder ein Gewitter mit gewohnter tropischer

Heftigkeit los. »Donnere du bis du es satt hast!« dachte ich, und

wickelte mich zum Schutze gegen die herabströmende Sündfluth in

meinen Poncho, eine dicke Wolldecke, mit einem Loch in der Mitte, zum

Durchstecken des Kopfes, welche als Mantel den ganzen Menschen einhüllt,

während der Kopf durch einen breitkrämpigen Hut geschützt wird; mein

armes Pferd aber schritt schwermüthig auf der, in einen Gießbach

verwandelten Straße einher und mein Sancho Pansa hinterdrein, höchst

kleinlaut und verdrüßlich auf seinem Maulthiere hockend.

Menschen und Thiere waren froh, als wir am Abend Managua erreichten,

eine ziemlich ansehnliche Stadt am See gleiches Namens gelegen und Sitz

der gesetzgebenden Versammlung, übrigens durch nichts bemerkbar als

durch eine nicht unschöne Hauptkirche von ziemlich reicher Architektur,

in dem oben erwähnten Mischlingsstyl.

Ein wilder Truthahn, den ich unterwegs geschossen, bildete unser

Abendessen, welches ich mit einem Italiener theilte, der, gleichfalls

auf der Reise nach Leon begriffen, in Verzweiflung war, daß sein

Reisegefährte, ein Spanier des Landes, ihm durch seine permanente

Trunkenheit die Reise äußerst beschwerlich und unangenehm machte. Die

regelmäßig schönen Gesichtszüge dieses Mannes, von antiker Strenge, aber

durch die freundlichen blauen Augen, aus denen herzliches Wohlwollen

blickte, sehr gemildert, so wie seine stramme soldatische Haltung,

gepaart mit ritterlicher Anmuth, zogen mich wider Willen an und in

stillschweigender Uebereinkunft brachen wir am anderen Morgen um 3 Uhr

gemeinschaftlich auf, den lästigen Trunkenbold zurücklassend, der noch

seinen gestrigen Rausch ausschlief.

Mein neuer Bekannter hatte, nachdem er die letzten Kriege seines

Vaterlandes mit durchgekämpft und sein geliebtes Weib, das alle Gefahren

und Beschwerden treu mit ihm getheilt, auf schreckliche Weise verloren,

die friedliche Beschäftigung des Landmannes erwählt, und war jetzt

auf dem Wege nach Californien, wo er beschlossen hatte, im Vereine mit

mehren seiner Schicksalsgenossen sich lediglich auf die Agricultur zu

verlegen und so, wenn auch langsamer, die wahren Schätze dieses Landes

auszubeuten, das in nicht gar zu langer Zeit vielleicht noch einer der

blühendsten Staaten der nordischen Union werden wird. In Leon, wo ich

mehrere Mitglieder dieser projectirten Colonie, meist Genueser, kennen

lernte, die einen sehr erfreulichen Gegensatz zu den Fehlern bildeten,

die man meist den Italienern vorwirft, vernahm ich erst zufällig

den Namen dieses, in der neuesten Periode seines Vaterlandes berühmt

gewordenen Mannes, aber das strenge Incognito achtend, das er angenommen

um sich vor Zudringlichkeiten zu schützen, war und blieb er für mich nur

Signor Giuseppe, oder auch Monsieur Joseph.

Hinter Managua führt der Weg über eine steile, mit großen Felsbrocken

bedeckte Anhöhe, welche, da wir sie noch im Morgendunkel passiren

mußten, unsere armen Thiere weidlich zum straucheln brachten. Wir

erreichten jedoch ohne erheblichen Unfall mit Tagesanbruch den Gipfel,

wo die aufgehende Sonne ein wahres Paradies vor unsern entzückten

Blicken entrollte. Südöstlich sahen wir noch den See von Granada,

nordwestlich aber, jenseits des See's von Managua, dessen Brandung dumpf

zu uns herauf tönte, dehnte sich langhin das schöne Thal von Leon, über

welches der hohe Viejo sein rauchendes Haupt über die Wolken erhob.

Der Weg gleicht von hier an dem prachtvollsten Park, der Wald ist

fortwährend durchbrochen von üppigen Wiesenflächen, in deren hohem Grase

schöne Rinder, größer als ich sie bis jetzt hier zu Lande gesehen, und

muntere Stuten mit ihren Füllen weideten. Die einzige Calamität dieses

gesegneten Landes ist der Mangel an fließendem Wasser, denn während

der trockenen Jahreszeit, wo die kleinen Teiche und Tümpel meist

austrocknen, der Wald, seines grünen Blätterschmuckes beraubt, nur

noch in brillantem rothen und gelben Blätterkleide erscheint, irrt das

geängstete Rindvieh, durstend, geplagt von Schwärmen von Insecten,

dumpf brüllend umher, nach vereinzelten Quellen suchend, um seinen

Durst gemeinsam mit dem schüchternen Reh und dem possirlichen Affen zu

stillen. Zahlreich umherliegende Gerippe geben Zeugniß, wie viele schon

als Opfer des Durstes, oder auch des grimmen Jaguars gefallen waren.

In Pueblo nuevo, unserm Nachtquartier, fanden wir im Gasthause einen

kleinen englischen Schiffsjungen und erfuhren von ihm die genauen

Details eines nur vor wenig Tagen erst verübten Raubmordes, den ich, als

ich im letzten Nachtquartier und unterwegs davon reden hörte, für

eine der gewöhnlichen Aufschneidereien gehalten hatte. Ein englischer

Capitain, dessen Schiff in Realejo gestrandet war, hatte den Erlös der

geretteten Waaren nebst einigen anderen Gegenständen mit sich auf einem

Ochsenkarren geführt. Dieser Umstand war, wie man vermuthet, durch den

Karrenführer, von dessen Mitgenossenschaft an der Gräuelthat man sogar

ziemlich stark munkelt, bekannt geworden und eine kurze Strecke

hinter Pueblo nuevo überfielen sechs Strauchdiebe den Capitain, der

in Gesellschaft des kleinen Schiffsjungen ein Stück Wegs hinter dem

Fuhrwerke herging, auf welchem er seine Waffen gelassen hatte und

von denen er auf diese Weise abgeschnitten war. Ein Mann von

Entschlossenheit und großer Körperkraft, leistete er waffenlos

nichtsdestoweniger tapferen Widerstand, warf einen der Strolche zu

Boden und verwundete ihn mit dessen eigener Macheta. Von den übrigen

hinterrücks zu Boden geworfen, ward auf ihn losgehauen wie auf ein

Bündel Brennholz, und als der arme Junge, den ein Schlag über den

Kopf besinnungslos niedergestreckt hatte, wieder zu sich kam, war der

todtähnliche Capitain in ein nahes Gebüsch geschleppt, der Karren

des Geldes, des Schiffschronometers und einiger anderen leicht

transportablen Gegenstände beraubt, die Banditen aber verschwunden.

Einige Amerikaner, -- die ich später in Leon kennen lernte -- des Weges

kommend und gut bewaffnet, setzten zwar den Räubern eine Strecke nach,

aber ohne Erfolg. Sie mußten sich damit begnügen den Verwundeten, der

noch einige Lebenszeichen von sich gab, zu verbinden und nach Pueblo

nuevo zu schaffen, wo man ihn unter der Pflege der Wirthsleute, ein paar

gutmüthiger alter Jungfern, noch zu retten hoffte. Zwei Aerzte aus

Leon, =Dr.= Livingston und =Dr.= Seidel, ein Sachse, die man schnell von

dorther zu Hülfe geholt hatte, fanden nicht weniger als fünfzehn Hieb-

und Stichwunden und zwei Knochenbrüche an dem Unglücklichen, der trotz

aller angewandten ärztlichen Sorgfalt am dritten Tage, in Folge des

vielen Blutverlustes den Geist aufgab. Große Erbitterung herrscht hier

über diesen Mord, dem in nicht langen Zwischenräumen bereits mehre

vorangegangen, und sobald sich nur erst Gelegenheit dazu findet, wird

Judge Lynch, glaube ich, auf tüchtige Beschäftigung rechnen können.

Der arme Schiffsjunge war noch sehr niedergeschlagen und fühlte sich

bang unter all den fremden Menschen hier, von denen keiner seine Sprache

kannte. Ein gutes Abendessen, das wir mit ihm theilten, ein Glas alten

Portwein aus unserm Reisekeller, so wie einige kleine Geldgeschenke

heiterten ihn indeß ein wenig auf. Am andern Tage ward er nach Leon

abgeholt, um von dort über Realejo auf einem englischen Schiffe in seine

Heimath befördert zu werden.

Im Hause fanden sich nur zwei Gastbetten und davon war eines das

Todesbett des unglücklichen Capitains gewesen; die Strohmatte, aus

der hier einzig die Betten bestanden, starrte noch von den dunklen

Blutflecken des Ermordeten. Obschon ein solcher Umstand nicht eben die

Annehmlichkeiten eines Nachtlagers erhöhet, sind doch 45 Miles zu Pferd

ein probates Mittel um alle etwaigen Bedenklichkeiten niederzuschlagen

und ich entschlummerte sanft, während Mr. Joseph ein Gleiches auf der

anderen Strohmatte that.

Gegen Morgen weckte mich ein Luftzug und ein seltsames Geräusch; die

Thüre ins Freie stand auf, ich hörte an meinem Gepäck zerren und ein

unbekanntes Etwas dumpf brummen. »=En garde!=« rief ich, und das Knacken

eines Pistolenhahnes gab mir vom Nachtlager meines Reisegefährten

herüber Antwort, wobei mir dieser zugleich zurief, ich möge schnell

Licht machen, er wolle die Thüre vertheidigen. Die eintretende

Helle überzeugte uns jedoch, daß der vermeintliche Spitzbube nur ein

friedliches Schwein war, welches, angelockt vom Geruche einiger schönen

Vogelbälge, an meinen Satteltaschen herumzupfte, in welchen ich sie

verwahrt hatte. Ich war so grausam seinen Drang nach ornithologischen

Studien durch einige Hiebe zu dämpfen. Die dadurch erregte Heiterkeit

hatte allen Schlaf verscheucht; wir sattelten und machten uns auf den

Weg, um Leon wo möglich noch bei guter Zeit am Vormittage zu erreichen.

Ein seltsames Concert bildet noch in jedem Dorfe das fortwährende

Geschrei der Hähne und das Bellen einer zahllosen Menge von Hunden, das

die ganze Nacht ununterbrochen fortdauert, als wollten letztere damit

gegen das alte Mährchen, daß die Hunde in diesen Tropenländern stumm

wären, recht eindringlich protestiren. -- Eine höchst praktische

Schutzwehr der Höfe bilden hier die Cactushecken, welche sich

pallisadenartig, mit scharfen harten Stacheln besetzt, oft in einer

Höhe von 8 bis 10 Fuß ringsherumziehen, und vorzüglich zum Abhalten

der Jaguare geeignet sind, die sich häufig des Nachts zu ihrem Schmause

Hunde aus den Dörfern holen.

Um 7 Uhr Morgens stiegen wir hinab in das herrliche Thal von Leon, das

an Schönheit wie an Fruchtbarkeit wohl kaum von irgend einem Lande

der Welt übertroffen werden kann. Ueberall wo nur der mindeste Fleiß

angewandt ist, lohnt sich derselbe im reichsten Maße. Dabei habe ich bis

jetzt noch nirgend gesehen, daß die Cultur wirklich so zur Verschönerung

der Natur beitragen kann, wie eben hier, denn da die Felder meist 50-60

Acres betragen und sich dazwischen immer Gebüsche und schöngezeichnete

reiche Baumgruppen hinziehen, während dichte Waldung da und dort einen,

bald bunten, bald dunklen Hintergrund bildet, so wird dadurch die

angenehmste und zugleich malerischeste Abwechselung hervorgebracht.

Inmitten dieser großen Thalebene liegt Leon, mit seinen vielen Kirchen,

lieblich auf Hügelhängen an einem kleinen Fluße, zwischen majestätischen

Baumparthien. Hier und da wiegen Cocospalmen, einzeln oder in Gruppen

ihre vom Morgenwinde bewegten Häupter auf zierlichen Stämmen; jenseits

der Stadt aber zieht sich die imposante Gebirgskette hin, auf welcher

fünf Vulkane fortwährend Rauchsäulen gleich gigantischen Stoßseufzern,

gen Himmel senden, Kunde gebend von ihrer geheimnißvollen Thätigkeit

tief im Schooße der Erde. Im Osten steht der Monotombo, über 6000

Fuß hoch, im Westen der Viejo, 5500 Fuß hoch, als die gewaltigen

Strebefeiler dieser Riesenmauer, während der stille Ocean sich am fernen

Horizont als dunkelblaue Linie hinzieht.

Um 10 Uhr ritten wir in Leon ein und mit einem Händedruck schied ich

von meinem liebenswürdigen Reisegefährten, der seine Fahrt nach Realejo

fortsetzte. Ob wir uns je wiedersehen, weiß Gott allein.

Wanderbilder aus Central-Amerika. Skizzen eines deutschen Malers · 第 22 / 33 题