Lavafelder. -- Managua. -- Reisebekanntschaft. -- Landschaftliches.
-- Puebla nuova. -- Ein Raubmord. -- Nächtliche Störung. -- Ankunft
in Leon.
Fünf Miles von Massaga erreichte ich, nachdem ich noch einige
allerliebst zwischen Cocospalmen gelegene indianische Dörfchen passirt,
die Lavafelder des Vulcans von Massaga. Seine Thätigkeit beschränkt sich
nur noch auf zeitweilige Entwickelung von Schwefelwasserstoff und starke
Erhitzung des Schlammbodens in dem erloschenen Krater; ein kleiner
Salzsee auf der Südseite, welcher einen andern Krater ausfüllt, so
wie ungeheure, sich wohl 6 bis 7 Miles gegen Norden hin erstreckende
Lavafelder, geben Zeugniß seiner früheren Verheerungen. Ueberhaupt
ist das ganze Land mit trachitischen Gebilden, Osidien und todten
Lavaströmen bedeckt, welche die alles überwuchernde üppige Vegetation
später mit neuem Leben bekleidet hat. Ein großer Theil der Quellen
ist gleichfalls voller mineralischer Substanzen, und viele haben einen
beträchtlichen Hitzegrad. In den Lavafeldern von Massaga fielen mir
besonders eine Menge seltsamer Höhlen auf, ähnlich ungeheuren Backöfen,
wahrscheinlich herrührend von den durch sich entwickelnde Gase
gebildeten Blasen.
Am Nachmittage brach wieder ein Gewitter mit gewohnter tropischer
Heftigkeit los. »Donnere du bis du es satt hast!« dachte ich, und
wickelte mich zum Schutze gegen die herabströmende Sündfluth in
meinen Poncho, eine dicke Wolldecke, mit einem Loch in der Mitte, zum
Durchstecken des Kopfes, welche als Mantel den ganzen Menschen einhüllt,
während der Kopf durch einen breitkrämpigen Hut geschützt wird; mein
armes Pferd aber schritt schwermüthig auf der, in einen Gießbach
verwandelten Straße einher und mein Sancho Pansa hinterdrein, höchst
kleinlaut und verdrüßlich auf seinem Maulthiere hockend.
Menschen und Thiere waren froh, als wir am Abend Managua erreichten,
eine ziemlich ansehnliche Stadt am See gleiches Namens gelegen und Sitz
der gesetzgebenden Versammlung, übrigens durch nichts bemerkbar als
durch eine nicht unschöne Hauptkirche von ziemlich reicher Architektur,
in dem oben erwähnten Mischlingsstyl.
Ein wilder Truthahn, den ich unterwegs geschossen, bildete unser
Abendessen, welches ich mit einem Italiener theilte, der, gleichfalls
auf der Reise nach Leon begriffen, in Verzweiflung war, daß sein
Reisegefährte, ein Spanier des Landes, ihm durch seine permanente
Trunkenheit die Reise äußerst beschwerlich und unangenehm machte. Die
regelmäßig schönen Gesichtszüge dieses Mannes, von antiker Strenge, aber
durch die freundlichen blauen Augen, aus denen herzliches Wohlwollen
blickte, sehr gemildert, so wie seine stramme soldatische Haltung,
gepaart mit ritterlicher Anmuth, zogen mich wider Willen an und in
stillschweigender Uebereinkunft brachen wir am anderen Morgen um 3 Uhr
gemeinschaftlich auf, den lästigen Trunkenbold zurücklassend, der noch
seinen gestrigen Rausch ausschlief.
Mein neuer Bekannter hatte, nachdem er die letzten Kriege seines
Vaterlandes mit durchgekämpft und sein geliebtes Weib, das alle Gefahren
und Beschwerden treu mit ihm getheilt, auf schreckliche Weise verloren,
die friedliche Beschäftigung des Landmannes erwählt, und war jetzt
auf dem Wege nach Californien, wo er beschlossen hatte, im Vereine mit
mehren seiner Schicksalsgenossen sich lediglich auf die Agricultur zu
verlegen und so, wenn auch langsamer, die wahren Schätze dieses Landes
auszubeuten, das in nicht gar zu langer Zeit vielleicht noch einer der
blühendsten Staaten der nordischen Union werden wird. In Leon, wo ich
mehrere Mitglieder dieser projectirten Colonie, meist Genueser, kennen
lernte, die einen sehr erfreulichen Gegensatz zu den Fehlern bildeten,
die man meist den Italienern vorwirft, vernahm ich erst zufällig
den Namen dieses, in der neuesten Periode seines Vaterlandes berühmt
gewordenen Mannes, aber das strenge Incognito achtend, das er angenommen
um sich vor Zudringlichkeiten zu schützen, war und blieb er für mich nur
Signor Giuseppe, oder auch Monsieur Joseph.
Hinter Managua führt der Weg über eine steile, mit großen Felsbrocken
bedeckte Anhöhe, welche, da wir sie noch im Morgendunkel passiren
mußten, unsere armen Thiere weidlich zum straucheln brachten. Wir
erreichten jedoch ohne erheblichen Unfall mit Tagesanbruch den Gipfel,
wo die aufgehende Sonne ein wahres Paradies vor unsern entzückten
Blicken entrollte. Südöstlich sahen wir noch den See von Granada,
nordwestlich aber, jenseits des See's von Managua, dessen Brandung dumpf
zu uns herauf tönte, dehnte sich langhin das schöne Thal von Leon, über
welches der hohe Viejo sein rauchendes Haupt über die Wolken erhob.
Der Weg gleicht von hier an dem prachtvollsten Park, der Wald ist
fortwährend durchbrochen von üppigen Wiesenflächen, in deren hohem Grase
schöne Rinder, größer als ich sie bis jetzt hier zu Lande gesehen, und
muntere Stuten mit ihren Füllen weideten. Die einzige Calamität dieses
gesegneten Landes ist der Mangel an fließendem Wasser, denn während
der trockenen Jahreszeit, wo die kleinen Teiche und Tümpel meist
austrocknen, der Wald, seines grünen Blätterschmuckes beraubt, nur
noch in brillantem rothen und gelben Blätterkleide erscheint, irrt das
geängstete Rindvieh, durstend, geplagt von Schwärmen von Insecten,
dumpf brüllend umher, nach vereinzelten Quellen suchend, um seinen
Durst gemeinsam mit dem schüchternen Reh und dem possirlichen Affen zu
stillen. Zahlreich umherliegende Gerippe geben Zeugniß, wie viele schon
als Opfer des Durstes, oder auch des grimmen Jaguars gefallen waren.
In Pueblo nuevo, unserm Nachtquartier, fanden wir im Gasthause einen
kleinen englischen Schiffsjungen und erfuhren von ihm die genauen
Details eines nur vor wenig Tagen erst verübten Raubmordes, den ich, als
ich im letzten Nachtquartier und unterwegs davon reden hörte, für
eine der gewöhnlichen Aufschneidereien gehalten hatte. Ein englischer
Capitain, dessen Schiff in Realejo gestrandet war, hatte den Erlös der
geretteten Waaren nebst einigen anderen Gegenständen mit sich auf einem
Ochsenkarren geführt. Dieser Umstand war, wie man vermuthet, durch den
Karrenführer, von dessen Mitgenossenschaft an der Gräuelthat man sogar
ziemlich stark munkelt, bekannt geworden und eine kurze Strecke
hinter Pueblo nuevo überfielen sechs Strauchdiebe den Capitain, der
in Gesellschaft des kleinen Schiffsjungen ein Stück Wegs hinter dem
Fuhrwerke herging, auf welchem er seine Waffen gelassen hatte und
von denen er auf diese Weise abgeschnitten war. Ein Mann von
Entschlossenheit und großer Körperkraft, leistete er waffenlos
nichtsdestoweniger tapferen Widerstand, warf einen der Strolche zu
Boden und verwundete ihn mit dessen eigener Macheta. Von den übrigen
hinterrücks zu Boden geworfen, ward auf ihn losgehauen wie auf ein
Bündel Brennholz, und als der arme Junge, den ein Schlag über den
Kopf besinnungslos niedergestreckt hatte, wieder zu sich kam, war der
todtähnliche Capitain in ein nahes Gebüsch geschleppt, der Karren
des Geldes, des Schiffschronometers und einiger anderen leicht
transportablen Gegenstände beraubt, die Banditen aber verschwunden.
Einige Amerikaner, -- die ich später in Leon kennen lernte -- des Weges
kommend und gut bewaffnet, setzten zwar den Räubern eine Strecke nach,
aber ohne Erfolg. Sie mußten sich damit begnügen den Verwundeten, der
noch einige Lebenszeichen von sich gab, zu verbinden und nach Pueblo
nuevo zu schaffen, wo man ihn unter der Pflege der Wirthsleute, ein paar
gutmüthiger alter Jungfern, noch zu retten hoffte. Zwei Aerzte aus
Leon, =Dr.= Livingston und =Dr.= Seidel, ein Sachse, die man schnell von
dorther zu Hülfe geholt hatte, fanden nicht weniger als fünfzehn Hieb-
und Stichwunden und zwei Knochenbrüche an dem Unglücklichen, der trotz
aller angewandten ärztlichen Sorgfalt am dritten Tage, in Folge des
vielen Blutverlustes den Geist aufgab. Große Erbitterung herrscht hier
über diesen Mord, dem in nicht langen Zwischenräumen bereits mehre
vorangegangen, und sobald sich nur erst Gelegenheit dazu findet, wird
Judge Lynch, glaube ich, auf tüchtige Beschäftigung rechnen können.
Der arme Schiffsjunge war noch sehr niedergeschlagen und fühlte sich
bang unter all den fremden Menschen hier, von denen keiner seine Sprache
kannte. Ein gutes Abendessen, das wir mit ihm theilten, ein Glas alten
Portwein aus unserm Reisekeller, so wie einige kleine Geldgeschenke
heiterten ihn indeß ein wenig auf. Am andern Tage ward er nach Leon
abgeholt, um von dort über Realejo auf einem englischen Schiffe in seine
Heimath befördert zu werden.
Im Hause fanden sich nur zwei Gastbetten und davon war eines das
Todesbett des unglücklichen Capitains gewesen; die Strohmatte, aus
der hier einzig die Betten bestanden, starrte noch von den dunklen
Blutflecken des Ermordeten. Obschon ein solcher Umstand nicht eben die
Annehmlichkeiten eines Nachtlagers erhöhet, sind doch 45 Miles zu Pferd
ein probates Mittel um alle etwaigen Bedenklichkeiten niederzuschlagen
und ich entschlummerte sanft, während Mr. Joseph ein Gleiches auf der
anderen Strohmatte that.
Gegen Morgen weckte mich ein Luftzug und ein seltsames Geräusch; die
Thüre ins Freie stand auf, ich hörte an meinem Gepäck zerren und ein
unbekanntes Etwas dumpf brummen. »=En garde!=« rief ich, und das Knacken
eines Pistolenhahnes gab mir vom Nachtlager meines Reisegefährten
herüber Antwort, wobei mir dieser zugleich zurief, ich möge schnell
Licht machen, er wolle die Thüre vertheidigen. Die eintretende
Helle überzeugte uns jedoch, daß der vermeintliche Spitzbube nur ein
friedliches Schwein war, welches, angelockt vom Geruche einiger schönen
Vogelbälge, an meinen Satteltaschen herumzupfte, in welchen ich sie
verwahrt hatte. Ich war so grausam seinen Drang nach ornithologischen
Studien durch einige Hiebe zu dämpfen. Die dadurch erregte Heiterkeit
hatte allen Schlaf verscheucht; wir sattelten und machten uns auf den
Weg, um Leon wo möglich noch bei guter Zeit am Vormittage zu erreichen.
Ein seltsames Concert bildet noch in jedem Dorfe das fortwährende
Geschrei der Hähne und das Bellen einer zahllosen Menge von Hunden, das
die ganze Nacht ununterbrochen fortdauert, als wollten letztere damit
gegen das alte Mährchen, daß die Hunde in diesen Tropenländern stumm
wären, recht eindringlich protestiren. -- Eine höchst praktische
Schutzwehr der Höfe bilden hier die Cactushecken, welche sich
pallisadenartig, mit scharfen harten Stacheln besetzt, oft in einer
Höhe von 8 bis 10 Fuß ringsherumziehen, und vorzüglich zum Abhalten
der Jaguare geeignet sind, die sich häufig des Nachts zu ihrem Schmause
Hunde aus den Dörfern holen.
Um 7 Uhr Morgens stiegen wir hinab in das herrliche Thal von Leon, das
an Schönheit wie an Fruchtbarkeit wohl kaum von irgend einem Lande
der Welt übertroffen werden kann. Ueberall wo nur der mindeste Fleiß
angewandt ist, lohnt sich derselbe im reichsten Maße. Dabei habe ich bis
jetzt noch nirgend gesehen, daß die Cultur wirklich so zur Verschönerung
der Natur beitragen kann, wie eben hier, denn da die Felder meist 50-60
Acres betragen und sich dazwischen immer Gebüsche und schöngezeichnete
reiche Baumgruppen hinziehen, während dichte Waldung da und dort einen,
bald bunten, bald dunklen Hintergrund bildet, so wird dadurch die
angenehmste und zugleich malerischeste Abwechselung hervorgebracht.
Inmitten dieser großen Thalebene liegt Leon, mit seinen vielen Kirchen,
lieblich auf Hügelhängen an einem kleinen Fluße, zwischen majestätischen
Baumparthien. Hier und da wiegen Cocospalmen, einzeln oder in Gruppen
ihre vom Morgenwinde bewegten Häupter auf zierlichen Stämmen; jenseits
der Stadt aber zieht sich die imposante Gebirgskette hin, auf welcher
fünf Vulkane fortwährend Rauchsäulen gleich gigantischen Stoßseufzern,
gen Himmel senden, Kunde gebend von ihrer geheimnißvollen Thätigkeit
tief im Schooße der Erde. Im Osten steht der Monotombo, über 6000
Fuß hoch, im Westen der Viejo, 5500 Fuß hoch, als die gewaltigen
Strebefeiler dieser Riesenmauer, während der stille Ocean sich am fernen
Horizont als dunkelblaue Linie hinzieht.
Um 10 Uhr ritten wir in Leon ein und mit einem Händedruck schied ich
von meinem liebenswürdigen Reisegefährten, der seine Fahrt nach Realejo
fortsetzte. Ob wir uns je wiedersehen, weiß Gott allein.