Abreise von New-York. -- Die Brig Rogelin. -- Ansicht von Haiti. --
Eintritt in die Wendekreise. -- Unbewohnte Insel. -- Mosquitoküste.
-- San Juan di Nicaragua. -- Deutsches Gasthaus. -- Lebensweise.
San Juan de Nicaragua, 19. Jun. 1851.
Am 28. Mai 1851 früh 9 Uhr lichtete die Brig Rogelin die Anker, und mit
einer leichten Südsüdwest-Brise glitten wir den Hudson hinab über
die Bay von New-York. Das Land, das bei seinem ersten Anblick solch
angenehmen Eindruck auf mich gemacht, dünkte mir jetzt, beim Scheiden
auf unbestimmte Zeit, noch einmal so lieblich. Die freundlichen Ufer von
New-Jersey, der Castle-Garden, dessen Bäume sich eben mit dem frischen
Frühjahrsgrün geschmückt hatten, Staten-Island mit seinen reizenden
Landhäusern, wo ich noch den letzten Tag in Gesellschaft von Freund
Schmidt und seiner lieben Familie verlebt -- alles schien mir ein
freundliches Lebewohl zuzurufen, und als das schöne Glockenspiel von
Trinity-Church aus der Ferne herüber klang in wohlbekannter Weise, war
mir's als ob »der Freund des Freundes Hand noch wärmer drückt, wenn er
sie lassen soll.«
Unsere Brig war just nicht größer als nöthig um auf der See nicht zu
sehr beengt zu sein; Passagiere waren außer mir nur einer, Hr. D.,
welcher nach Segovia zurückkehrte, wo er mit einem Compagnon eine
Silbermine betreibt, unser Capitain, ein gemüthlicher Neu-Engländer,
beides Leute mit denen es sich gut einige Wochen aushalten ließ, mithin
keine schlimmen Aussichten. Das einzige Ungemach das ich zu leiden
hatte, war eine sehr kurze bewegte See, die mich während 36 Stunden
recht unangenehm seekrank machte, nachdem ich aber recht weidlich H.
Ulrich um Hülfe angeschrieen, kehrte mein Wohlbefinden zurück, und hat
mich bis zur Landung nicht verlassen.
Am 1. Junius durchschnitten wir den Golfstrom mit Nordost, und befanden
uns schon am 4. südlich vom Cap Henry, doch hielten uns von da widrige
Winde und Windstille auf bis zum 11. Morgens, wo uns ein heftiger
Südost-Sturm bei Turks-Island, bekannt durch seine Salzfabrication, in
den Handkerchief-Paß der westindischen Inseln trieb. Um Mitternacht war
östlich abermals Land sichtbar, und bei Sonnenaufgang waren wir in
Sicht der Nordwestspitze von Haiti -- eine Ansicht von langgestreckten
Berglinien, unterbrochen von einigen Spitzen, ähnlich den Bergen am Lake
Champlain und in Böhmen. So weit durch das Glas erkennbar, waren die
Berge mit kurzem Gesträuch bedeckt, hie und da Gruppen von großen
Bäumen, stellenweise felsiges Gestein, am Fuß der Berge ein langer
flacher Landstrich, theils Sand, theils mit Gebüsch bedeckt, bewohnte
Plätze nirgend sichtbar.
Am 12. Jun. waren wir westlich vom Cap Donna Maria, welches mit hohen
schönen Gebirgen bedeckt ist, deren höchste Spitze, gegen 6000 Fuß, ganz
in Gewitter eingehüllt war.
Mit dem Eintritt in die Wendekreise eröffnet sich dem beobachtenden
Freund der Natur eine neue Welt. Die bekannten Sternbilder des
heimathlichen nordischen Himmels verschwinden allgemach, und neue
fremde Sterne strahlen herab aus dem tiefblauen Aether. Die senkrecht
herabfallenden Sonnenstrahlen brennen heiß auf den Scheitel, während
der Schatten des Haupthaares sich auf den Füßen zeichnet, und die so
beleuchteten Gegenstände mit ihren scharfen Reflexen ein seltsames
fremdartiges Ansehen erhalten. Das Meer bedeckt sich des Morgens
und Abends mit einem schweren Dunst, und die Sonne sinkt als ein
dunkelglühender Feuerball hinab. Fremdartig gestaltete Seevögel lugen
neugierig nach dem einsamen Segler, und lassen sich oft auf den Raaen
des Schiffes nieder. Schlafende Riesenschildkröten sonnen sich träg in
der Mittagshitze, bis Schaaren fliegender Fische, verfolgt von ihrem
grimmen Feind, dem Delphin, sich mit großem Geräusch über das Wasser
erheben und bald wieder in dasselbe zurückfallen, während des Menschen
Feind, der gefräßige Hai, dem Lauf des Schiffes folgt, sein Opfer zu
erspähen. Die dunstige Atmosphäre giebt den fernen Gebirgen eine zarte
violettgraue Farbe, ist aber auch Ursache, daß diese Küstenstriche
fieberisch und ungesund sind.
Ich hatte hier wiederum Gelegenheit zu bedauern, daß mir noch so vieles
Wissen mangelt. Eine genauere Kenntniß der Astronomie würde mich in
den Stand gesetzt haben in den schönen klaren Nächten nützliche
Beobachtungen zu machen, und alles was ich thun konnte war, die
astronomischen Berechnungen der Längen- und Breitengrade mitzumachen.
Südwestlich von Haiti liegt eine kleine unbewohnte Insel, ungefähr zwei
Miles im Durchmesser. Windstille die uns in unmittelbarer Nähe davon
überfiel, machte eine Landung auf einer Düne an der Westseite der Insel
möglich; der andere Theil besteht aus Felsen, ungefähr in der Höhe von
100 bis 120 Fuß, bedeckt mit kurzem Gestrüpp. Möven, Seeraben, Boobees,
Seeschwalben und Strandläufer verdunkeln die Luft und erfüllen sie
mit ihrem Geschrei. Die Menge dieser Vögel ist annähernd nur mit den
ungeheuern Taubenzügen zu vergleichen, welche im Herbst die canadischen
Seen kreuzen, und sie umschwärmen den Menschen, dessen fremdartige
Erscheinung ihnen nicht Furcht, sondern Neugierde einflößt, gleich
Mückenschwärmen. Ich beabsichtigte einige Specimen zu schießen, fand
dies aber unnöthig, da unsere Matrosen die Vögel mit Knüppeln und
Steinen aus der Luft herabwarfen, und ich selbst einen lebendig mit
meinem Schnupftuch und darein gebundenen Stein fing. Der Boden besteht
aus Sand und rundlichen Kieseln, zwischen denen spärliche Gräser
sproßten, stellenweise deckte aber eine dicke Kruste der Excremente der
Vögel den Boden. Das Wasser wimmelt buchstäblich von Fischen.
Leider war es nicht möglich den felsigen Theil der Insel zu untersuchen,
denn ein schnell heraufziehendes Gewitter machte unsere schleunige
Rückkehr nöthig, und in der That hatten wir auch nur Zeit das Schiff zu
erreichen, als der losbrechende Sturm und die hohl gehende See es
schon für unser Boot unmöglich machten länger See zu halten. Die
eingesammelten Eier, sowie einige frische Fische mundeten uns köstlich.
Der Sturm, welcher unsere Untersuchung so unangenehm unterbrochen hatte,
förderte unsere Reise trefflich, so daß wir schon am 14. Morgens weit
südwestlich von Jamaica waren.
Von jetzt an war unsere Reise wiederum unausgesetzt von Stürmen
begleitet, und ich lernte hier zuerst die Macht eines tropischen
Gewitters kennen. Oft scheint der ganze Horizont in Feuer zu stehen, und
der Donner kracht, als ob hundert Kanonen zugleich abgefeuert würden.
Dazu peitscht ein mächtiger Wind die Wogen, daß sich die Masten,
trotz der wenigen Leinwand, gleich dünnen Gerten biegen, und eine neue
Sündfluth scheint alles Lebendige von der Welt wegwaschen zu wollen.
Wegen der großen Nähe der Küste und der vielen kleinen Inseln und Riffe
war unsere Lage nicht ganz gefahrlos, doch stieß uns kein weiterer
Unglücksfall zu, als daß durch das von der großen Hitze leck gewordene
Deck eine Menge Wasser hereinströmte, das uns unsere Cojen und einen
Theil unseres Gepäcks jämmerlich durchweichte. Mir ward durch diesen
Umstand ein unangenehmer Verlust verursacht, da mehrere für das
Daguerreotyp nöthige Chemikalien mir verdarben -- ein Verlust den ich
jedoch dadurch auszugleichen hoffe, daß ich umgehend Nachricht an Hrn.
Squier sende, der, augenblicklich noch durch Geschäfte in New-York
zurückgehalten, in der Mitte nächsten Monats gleichfalls hieher abreisen
wird.
Die kleinen Inseln, welche wir passirten, gewährten einen überaus
lieblichen Anblick, so z. B. Little und Great Corn Island, mit in
frischem Grün prangenden Hügeln und kleinen Gehölzen mit Cocospalmen
durchstreut. Endlich am 18. Morgens zeigte sich die ersehnte Küste
unsern Augen. Langgedehntes Hügelland, nach der See das Ufer ganz flach,
überall jedoch in der üppigsten Vegetation prangend. Eine kleine Pirogue
aus Mahogany mit zwei Indianern bemannt, brachte einen Piloten an Bord,
und wir liefen in der Rhede ein als just der Steamer Mexico dieselbe
verließ. Ich mußte lächeln als auf unsere aufgehißten Sterne und
Streifen von der Küste die Flagge des imaginären Mosquitoreiches uns
Antwort gab, blau und weißgestreift, in der Ecke ein rothes Doppelkreuz
auf weißem Grunde. Bald brachte uns ein Boot, gleichfalls unter der
Mosquitoflagge, den Hafencapitain und den Hafenarzt an Bord, und
als nach wenigen Minuten uns beide verließen, machte ich von ihrem
freundlichen Anerbieten Gebrauch und benutzte das Boot, um an Land zu
gehen.
San Juan de Nicaragua oder Greytown, wie es die Engländer in der Neuzeit
getauft haben, ist eine abenteuerlich aussehende Niederlassung von 4
bis 500 Einwohnern, von denen drei Fünftel Indianer oder Neger sind. Es
liegt an der Mündung des St. Juan Flusses an einem ungesunden Platz,
und ist ringsum von undurchdringlichem Wald eingeschlossen, von dem
eben nicht mehr niedergehauen ist als nöthig um den jämmerlichen
Schilfhütten, an die sich in der Neuzeit einige Bretterhäuser der
neueren Ansiedler angeschlossen, Raum zu schaffen. Die Einwohner leben
lediglich vom Umsatz der importirten Produkte gegen die Roherzeugnisse
des Binnenlandes. Cultur ist gar keine da; Korn, Kartoffeln etc.
beziehen sie von oberhalb der Seen oder von Bluefield, 30 bis 40 Miles
weiter hin an der Küste; einige Pferde, weniges Vieh und einige Bungos
(Flußboote) bilden den ganzen Reichthum. In der ziemlich geräumigen
Bay liegt ein englischer Kriegsschooner vor Anker, und in einer Baracke
zunächst der des Königs der Mosquitos, die zugleich Posthaus und
Gouvernementshaus ist, eine Besatzung von 15 bis 20 blaubejackten
Negersoldaten.
Ich nahm ein kleines Zimmer in einem neuerbauten Gasthaus des Hn.
Wiener für 1½ Doll. täglich, und vertreibe mir nun, bis ich meinen Bungo
bekommen kann um den Fluß hinaufzureisen, nach besten Kräften die Zeit
mit Zeichnen, Sammeln von Pflanzen, Vogelbälgen und Reptilien und der
Alligatorjagd, damit ich die Rückfahrt unseres Schiffes nach New-York
benützen kann, um eine kleine Sendung gleich von hier zurückzuschicken.
Hoffentlich wird mein Aufenthalt möglichst kurz sein, denn einestheils
wünsche ich aus diesem Land des Fiebers hinwegzukommen, anderntheils
brenne ich vor Begierde mich recht gründlich mit dem Studium der
tropischen Natur, von der die Küste nur einen schwachen Abglanz bietet,
in Granada zu beschäftigen, wo ich einen angenehmeren Aufenthalt habe,
und Herrn Squiers Ankunft abwarten werde. Der amerikanische Steamer
Prometheus, der in diesen Tagen ankommen muß, mag diesen Brief, den
ersten aus so großer Entfernung, mitnehmen, der nächste wird aus Granada
datirt sein, und euch Näheres über meine Flußreise berichten, die
jedenfalls sehr beschwerlich sein und 9 bis 10 Tage dauern wird. Mein
Befinden ist bis jetzt außerordentlich gut, und soll's, so Gott will,
bleiben, da ich eine sehr strenge Diät beobachte, auch in Hinsicht der
Strapazen, sowie in Bezug auf das Aussetzen der Sonnenhitze die Regeln
der Vorsicht befolge.