I.

Vorwort. -- Zweck der Reise. -- Allgemeine Bemerkungen über

Central-Amerika -- Canalproject zur Verbindung des atlantischen und des

stillen Oceans.

Am Bord der Brigg Rogelin, im atlantischen Ocean, Junius 1851.

Ehe ich angelangt bin in jenen Tropenländern, welche für die nächste

Zukunft mein Aufenthalt sein sollen, halte ich es für angemessen, einige

erläuternde Worte, sowohl in Bezug auf den Zweck meiner Reise, als in

Bezug auf mich selbst vorauszuschicken.

Glückliche Zufälligkeiten hatten mich in New-York in Verbindung mit

Herrn Squier gebracht, einem Mann, welcher sich bereits durch seine

Verdienste um archäologische Forschungen in Nord- und Central-Amerika,

so wie durch seine ehrenhafte Thätigkeit in einer Angelegenheit, die

tief eingreift in die Handelsinteressen fast des ganzen Erdenrundes,

einen bedeutenden Ruf erworben.

Herr Squier war mehre Jahre Gesandter der Vereinigten Staaten von

Nordamerika bei den verschiedenen Republiken von Central-Amerika, und

hatte während dem die beste Gelegenheit, einen großen Theil dieser

Länderstriche genau zu erforschen. Das Ergebniß dieser Forschungen ist

ein Werk, mit dessen Beendigung Herr Squier jetzt eben beschäftigt ist,

während ich, nach getroffener Uebereinkunft mit ihm, vorausgegangen bin,

um mich einstweilen mit dem tropischen Klima und der Lebensweise jener

Länder vertraut zu machen, bis Herr Squier sofort nach Beendigung und

Publikation jenes Werkes mir nachfolgen wird, um seine Forschungen in

Gemeinschaft mit mir in den bis jetzt fast noch gar nicht bekannten

Strichen Central-Amerikas fortzusetzen. Gestalten sich die Umstände

diesem Unternehmen günstig, so soll dessen Resultat ein zweites Werk

Squier's sein, an welchem ich mich nur in Bezug auf dessen artistische

Ausstattung mit landschaftlichen Ansichten betheiligen werde.

Was nun mich betrifft und dasjenige von meinen persönlichen

Reiseerlebnissen, was vielleicht vorher und ganz unabhängig von dem

projektirten Werke zur Oeffentlichkeit gelangt, so nöthigt mich

die tadelnde Aufnahme, welche Herrn Fröbel's Nachrichten über

Central-Amerika zu Theil wurden, zu folgenden Bemerkungen.

Ich bin Künstler, und habe nur als solcher die Reise unternommen, aus

Liebe zur Kunst und aus Freude an wissenschaftlichen Forschungen. Es

kann nicht in meiner Absicht liegen Reiseberichte zu schreiben, welche

diesen oder jenen Strich Landes in zu günstigen Farben schildern und

welche vielleicht Veranlassung werden könnten, einen größeren oder

kleineren Theil der Auswanderung nach irgend einem bestimmten Punkt

der neuen Welt zu lenken. Der Widerspruch, den oberwähnte Berichte

mehrseitig erweckt, beweist klar genug, wie überaus schwer es ist, eine

feste Meinung über irgend ein Land als unbedingt maßgebend

aufzustellen. Das Schicksal des Auswanderers hängt überall von zu vielen

Nebenumständen ab, und durchschnittlich gehen an jedem Platze eben so

viele zu Grunde, als andere wiederum den Grund zu ihrer Existenz, zu

Wohlhabenheit oder gar zu Reichthum legen, wenn nicht gar der ersteren

Zahl die überwiegende ist. Jedenfalls sind stets Personen genug

vorhanden, welche triftigen Grund haben, Lob oder Tadel eines Landes, je

nach individuellen Umständen, übertrieben zu finden.

Ich werde meine Zeit während meines Aufenthaltes in Central-Amerika wohl

anderweit bedürfen, als dieselbe mit Entgegnungen von derlei Einwürfen

hinzubringen, wenn überhaupt solche mir zu Gesicht kommen sollten,

bemerke also im voraus, daß das, was ich etwa in dieser Beziehung zu

sagen haben könnte, eben nur individuelle Ansichten und Wahrnehmungen

sind, die ich unbefangen und wie sie sich meiner unmittelbaren

Anschauung darstellen wiedergebe. Sollte ich wichtige Thatsachen zu

berühren haben, so werde ich mich bemühen, stets die Quellen anzugeben,

aus denen ich geschöpft.

Bin ich übrigens etwa irgendwo im Irrthume, soll mir's lieb sein, wenn

sich Jemand findet, der es besser weiß und seine Ansicht ausspricht.

Was die etwaigen naturhistorischen und archäologischen Entdeckungen

betrifft, welche während der vereinigten Expedition von Herrn Squier

und mir gemacht werden sollten, so bemerke ich, daß das hier von mir zu

Sagende nicht als wissenschaftliche Doctrine anzusehen ist. Dieses Feld

bleibt einer geschickteren Feder überlassen als der meinigen, der meines

Freundes Herrn Squier. Ich selbst sehe ab von allem und jedem System,

wünsche nichts als die Eindrücke wiederzugeben, welche Natur, Menschen

und Kunstwerke, als in engster Verbindung mit einander stehend, auf mich

als Mensch und Künstler hervorrufen, und fühle mich hierzu veranlaßt

durch die Ansicht, daß es Pflicht eines Reisenden in wenig bekannten

Länderstrichen ist, seine Beobachtungen zur Kenntniß des Publikums zu

bringen, um so, wenn auch nur in einem Minimum, seinen Tribut zum Schatz

des menschlichen Wissens beizusteuern.

Nebenbei fühle ich mich gegenwärtig hierzu noch besonders durch den

Umstand veranlaßt, daß die Schaubühne von Herrn Squier's und meinen

Forschungen sich auf einem Theil des amerikanischen Continents befindet,

welcher für diesen Welttheil eine ähnliche Bedeutung hat wie Aegypten

und Assyrien für die alte Welt, und ich fühle mich freudig erhoben in

dem Gedanken, einen wenn auch noch so kleinen Theil zur Entwicklungs-

und Kunstgeschichte des Landes beizutragen, das den Fremden gastlich auf

seinem Boden aufgenommen.

Weder Hr. Squier noch ich sind die ersten, welche diesen Gedanken

erfaßt: der vorzüglichste Pionier der Neuzeit, im erhabenen Sinne des

Worts, der große Humboldt ist es! Viele namhafte Gelehrte und Künstler

haben seitdem mannichfaches Licht über jene Gegenden verbreitet, und die

letzten Veröffentlichungen Herrn Squier's haben dasselbe vermehrt. Doch

noch viel, sehr viel bleibt zu thun übrig, und speciell in den Staaten

Nicaragua, Honduras, St. Salvador und Guatemala hemmen unendliche

Schwierigkeiten die Fortschritte des wißbegierigen Sammlers. Wie weit

unser Unternehmen dieselben überwinden kann, bleibt Gott anheimgestellt;

mögen die Resultate indeß sein wie sie wollen, ich werde mich stets

dem Schicksal dankbar verpflichtet fühlen, das mir gestattet, meine

Thätigkeit mit der eines gleichgesinnten Mannes zu einer so schönen und

edlen Unternehmung zu vereinigen.

Es scheint mir zuvörderst dienlich einige topographische Mittheilungen

in Bezug auf den zukünftigen Schauplatz unseres Unternehmens und seine

Verhältnisse zu machen, zu denen ich die Mittheilungen benutze, welche

mein würdiger Freund, Hr. Squier, bereits früher dem amerikanischen

Publikum übergeben.

Geographisch ist Nicaragua der größte und bedeutendste Theil von

Central-Amerika. Es dehnt sich aus von einem Ocean zum andern, und

umfaßt in seinen Gränzen die großen Seen von Nicaragua und Managua,

durch welche, wie jetzt einstimmig festgestellt ist, die einzig mögliche

Linie für einen Schifffahrtscanal über diesen Theil des amerikanischen

Continents (Isthmus) führt. Die Nordgränze ist eine unregelmäßige

Linie vom Golf di Fonseca am stillen Ocean zum Cap Gracias a Dios am

atlantischen, die Südgränze hingegen eine gerade Linie von der Spitze

des Golfs von Nicoga zu einem Punkt inmitten der Mündung des San Juan

und dem Hafen von Matina in Costarica am atlantischen Ocean.

Der Grund und Boden hat ein mannichfaltiges Aeußere und eine unbegränzte

Fruchtbarkeit. Das große Becken der Seen besteht aus Ebenen und sanft

ansteigendem Hügelland, abwechselnd begränzt und unterbrochen durch hohe

steile Vulcane, und bietet alle Produkte der Tropenländer im reichsten

Maße dar. Die nördlichen Departements Segovia und Choutales sind höher

gelegen, gebirgiger, besitzen einen Ueberfluß an Metallen und bringen

eine Menge Früchte der gemäßigten Zone hervor; die Temperatur ist

vergleichsweise kühl und frisch.

Die atlantische oder, wie sie zumeist genannt wird, Mosquito-Küste ist

im ganzen flach, der fast das ganze Jahr sich ergießende Regen höchst

beschwerlich, die Atmosphäre drückend heiß und weniger zuträglich als in

andern Theilen des Staates. Die ziemlich dünne Bevölkerung besteht

aus Indianern vom Stamm der Charibs, entlaufenen Negern von den

westindischen Inseln und einer Mischlingsrace zwischen beiden. Der

größte Theil der Bevölkerung von Nicaragua jedoch bewohnt den Abhang

gegen den stillen Ocean hin. Hier ist der Boden nicht nur überaus

fruchtbar und leicht zu bearbeiten, sondern auch das Klima unendlich

gesünder und angenehmer. Es giebt hier nur zwei Jahreszeiten: die

Regenzeit, von Mitte Mai's bis Mitte Novembers, und die trockene,

während welcher sehr selten Regen fällt. Die Temperatur ist ziemlich

gleichmäßig, etwa zwischen 70 und 82° Fahrenheit, und schwerlich

dürfte sich eines der Tropenländer eines angenehmeren Klima's, einer

günstigeren Lage zu erfreuen haben.

Der Staat Nicaragua ist in fünf Departements eingetheilt und hat, trotz

seiner großen Ausdehnung, eine Bevölkerung von nur 250,000 Einwohnern,

die jedoch hauptsächlich die Städte bewohnen. Die Hauptstadt und der

Sitz der Regierung ist Leon, mit 25 bis 30,000 Seelen; die zweite

Masaya, eine fast durchaus indianische Stadt, bemerkenswerth durch ihre

Manufacturen, die dritte Granada, am See von Nicaragua, durch welche ein

großer Theil des Verkehrs des Landes über den See und den Fluß St. Juan

geht, mit 12 bis 14,000 Einwohnern. Außerdem sind Managua, Sitz der

gesetzgebenden Versammlung, und Rivas schon ziemlich bedeutende Plätze.

Der nichtindianische Theil der Bevölkerung stammt von den ersten

spanischen Eroberern her, und ist an Sitte und Charakter seinem

Stammblut ziemlich treu geblieben. Ein näheres Eingehen hierauf behalte

ich mir noch einer persönlichen Bekanntschaft mit den edlen Dons und

Sennores vor.

Der bedeutendste Hafen am stillen Ocean ist der von Realejo, zwischen

welchem und St. Francisco sich bereits ein lebhafter Verkehr entwickelt.

Zweifelsohne wird Central-Amerika binnen Kurzem für Californien und das

Oregon-Gebiet was die westindischen Inseln für die Union waren. Zucker,

Tabak, Reis, Cacao, Baumwolle, Indigo, Mais und fast alle tropischen

Früchte sind in Nicaragua in bester Art wie im größten Ueberfluß zu

finden, und bieten Millionen fleißiger Menschen noch reichliche Quellen

des Lebensunterhaltes dar. Eine ungeheure Anzahl von Hornvieh ist

vorhanden, und Häute, Indigo, Kaffee und kostbare Nutzhölzer bilden den

Haupt-Export.

Die Verfassung von Nicaragua ist entschieden liberal, und die

freundschaftlichsten Gesinnungen für die Vereinigten Staaten überall und

durch alle Classen der Bevölkerung vorherrschend; überall sprechen

sich Güte und Gastfreundlichkeit aus. Die Regierung besteht aus einem

obersten Director, alljährlich wählbar, einem Haus der Repräsentanten

und einem Senat, letzterer für zwei Jahre, ersteres für ein Jahr

wählbar. Die ersten Staatsbeamten in San Salvador und Honduras sind

Präsidenten benannt.

Seit der Eroberung von Californien ist der Plan für Eröffnung einer

directen Canalverbindung zwischen dem atlantischen und stillen Ocean,

über San Juan und den See von Nicaragua, nicht nur erneuert

worden, sondern man hat sich auch ernstlich mit seiner praktischen

Ausführbarkeit beschäftigt; eine große Menge Contracte sind bereits

darüber aufgesetzt worden, leider aber noch keine Resultate erfolgt.

General Taylor war sofort nach seiner Präsidentenwahl auf das

Lebhafteste mit diesem wichtigen Unternehmen beschäftigt, und eine der

ersten Handlungen seiner Verwaltungsperiode war die Absendung einer

Spezial-Gesandtschaft in der Person des Hrn. Squier nach Nicaragua, mit

Vollmacht in Unterhandlung mit diesem Staat zu treten. Eine Compagnie

bildete sich in New-York unter dem Namen: =The American Antlantic

and Pacific Canal Company= im August 1849, und im folgenden September

unterzeichneten Hr. Squier und die Bevollmächtigten von Nicaragua

den (am 27. d. M. auch von der Regierung dieses Staates ratificirten)

Vertrag, welcher die Neutralität dieses Canals, freien Durchgang jedes

amerikanischen Bürgers und seines Eigenthums durch denselben für ewige

Zeiten garantirt, ingleichen die unbeschränkte Freiheit aller Häfen

des Landes, und selbige Bestimmungen sollten auf alle Nationen, welche

später dem Vertrag beitreten wollten, ausgedehnt werden.

Dieser Vertrag wurde vom General Taylor geprüft und dem Senat der

Vereinigten Staaten zur Ratificirung übersendet; es ist jedoch bis jetzt

nichts weiter in dieser Sache gethan worden. Ebenso erfolglos ist ein

später zwischen Hrn. Clayton, Staatssecretär der Vereinigten Staaten,

und Sir Henry Bulwer, Gesandten Ihrer großbritannischen Majestät,

entworfener Vertrag zum Zweck der Zusicherung gegenseitigen Schutzes

beider Nationen für jeden Communicationsweg, welcher je über diesen

Continent eröffnet werden wird, geblieben, und hier mag wohl das

Haupthinderniß in den Territorial-Ansprüchen liegen, welche England

unter dem Namen eines Protectorats auf das Reich des ziemlich imaginären

Mosquito-Königs, und mithin auf die in dessen Gränzen gelegenen Mündung

des San Juan, erhebt.

Was nun aber die Hauptsache, d. h. den projectirten Canal selbst

betrifft, so würde nach der Schätzung des Hn. Squier, laut officiellem

Bericht an das Staatsdepartement, die ganze Länge der vorgeschlagenen

Wasserlinie betragen:

=a)= Länge des San Juan-River 90 =Miles=,

=b)= Länge des zu passirenden Theils

des Sees von Nicaragua 110 "

=c)= Länge des Tipitapa-River 18 "

=d)= Länge des Sees von Managua 50 "

=e)= Vom See nach Realejo 45 "

-------------

313 =Miles=,

oder nach Wegfall der 160 Miles =sub b= und =d= -- 153 Miles

eigentlicher Fluß- und Canalfahrt. Aber auch von dieser Summe würden

noch 25 Miles wegfallen, wenn man die Canalmündung nach Tamarinda

verlegte. Einige andere Projecte lasse ich unerwähnt.

Schon vor dem Jahr 1838 hatte Herr Bailey, englischer Officier in

Halbsold, im Auftrag der central-amerikanischen Regierung einen

ähnlichen Plan ausgearbeitet, und dessen Kosten auf 20 bis 25 Millionen

Dollars veranschlagt -- eine Summe, welche, der Wichtigkeit und

Großartigkeit dieses Unternehmens gegenüber, nur gering erscheint, und

deren Aufbringen, wenn nur erst obige Hindernisse beseitigt wären,

gewiß keine so große Mühe erheischen würde. Geschieht dies aber, so

verwirklichen sich nach drei und einem halben Jahrhundert die

Plane, welche unausgesetzt den Geist eines der größten Männer seines

Jahrhunderts, Christoph Columbus, beschäftigen, deren Ausführung sein

Leben geweiht war, und an deren Verwirklichung er noch in seinen letzten

Jahren gearbeitet.

Wanderbilder aus Central-Amerika. Skizzen eines deutschen Malers · 第 18 / 33 题