XIV.

Glücklicher Zufall. -- Abschied von Leon. -- Ein Jahr

Unterschied. -- =Stars and Stripes!= -- Verändertes Aussehen von

St. Juan di Nicaragua. -- Abschied von Central-Amerika. --

Allgemeine Bemerkungen und Warnungen für Auswanderer. 254

Künstlerausflug durch den Staat New-York.

1.

Die Glocke des Steamers New-York läutet zum drittenmale, der Ingenieur

giebt das Zeichen, das schöne große Schiff setzt sich in Bewegung, an

seinem Bord drei lustige deutsche Maler. Der Abend war angenehm und

lieblich, wie die Abende im Monat August nach einem heißen Tage an den

Ufern des Hudson in der Regel sind.

Auf dem Deck und im Salon des Steamers gab es gutgekleidete

Lustreisende, Leute aus der =beau monde=, welche in die Bäder von

Saratoga, zu den lieblichen Trentonfällen oder dem großartigen

Niagarafall reisten; Frauen und Mädchen, hold und anmuthig, wie sie

Amerika und vor allem New-York aufzuweisen hat, in süßem Müßiggange

sich im einladenden Schaukelstuhle wiegend, lachend, kokettirend;

Büreau-Generale, nach ihren Landhäusern gehend, um den Sonntag

dort zuzubringen; Brod- und Schweinehändler =en gros=, welche nach

abgeschlossenen Geschäften sich wiederum ins Land hinein begeben, um

alsbald mit neuen Sendungen nach New-York zurückzukehren; mitunter auch

wohl ein finsterer Pfaffe, deren einer, ein Methodist, sogar später das

Publikum mit einer Art Reisepredigt erlabte, an der jedoch nur blutwenig

Zuhörer Geschmack zu finden schienen.

Die große wandernde Stadt, auf der wir uns befinden, Euch näher zu

beschreiben, erlaßt Ihr mir wohl, meine Lieben; Fritz Gerstäcker hat

es in seinen Mississippi-Bildern bereits besser gethan, als ich es im

Stande sein würde. Die achthundert Pferdekraft der Dampfmaschine trieben

uns rasch den prachtvollen, hier ziemlich sechshundert Fuß breiten

Hudson stromaufwärts. Zur Linken streckten sich hohe Felswände in die

Höhe, die Palisaden genannt, zur Rechten lagen lachende Landhäuser in

üppig blühenden Gärten, kleinere oder größere Dorfschaften dazwischen,

hier und da ein Bach oder ein Flüßchen, dessen Wasser sich entweder

still und geräuschlos mit dem Hudson vermählt, oder eine kleine Bucht

bildet, an deren Saum freundliche Spaziergänge den Reisenden zu längerem

Verweilen anzulocken scheinen.

Wahrlich, wer sich die Staaten Nord-Amerikas als arm an malerischen

Naturschönheiten vorstellt, der befindet sich in großem Irrthume; sie

sind freilich von ganz anderem Charakter wie unsere europäischen, wollen

studirt und in ihrer Eigenthümlichkeit aufgefaßt sein, bieten dann aber

auch dem Künstler gar manche schätzbare Ausbeute.

Ermüdet vom Getreibe der riesigen Hauptstadt, erlabte ich Augen und Herz

an den lieblichen Gemälden.

Der Kessel von Sing-Sing, wo der Strom eine große Bai von vielleicht

einer deutschen Meile im Durchmesser bildet, ward mit Sonnenuntergang

passirt, und von den Bergen von West-Point strahlte bereits der Mond

sein mildes Licht über die lieblichen Gefilde. Der Abend rückte weiter

vor und nachdem die schön geformten Berge von Katshill in der Ferne

vorüber geglitten, ging ich in meine Koje, mich für den kommenden Tag zu

stärken, da die Ufer von hier an bis Albany flach werden und nicht mehr

die Mühe des Aufbleibens lohnen.

Bei meinem Erwachen legte der Steamer gerad am Quai von Albany an,

weshalb ich auch außer dem Quai und der Straße, die nach der Eisenbahn

führt, nichts von dieser Stadt sah. Kurze Rast nebst Frühstück,

und weiter ging es beim ersten Strahl der lauen Morgensonne auf dem

Schienenwege hin, durch das Mohawkthal. Ueberall blühende, fruchtbare

Felder, nette Ortschaften, freundliche Landhäuser, großartige

Fabrikgebäude längs der ganzen Bahn; der zur Seite sich hinziehende

große Kanal voll regen Lebens, überall thätige, kräftige, gesunde

Menschen, überall Leben, Licht, Freiheit. So ging's bis Utica, dem

ersten Haltpunkte.

Nachdem wir uns glücklich durch die lärmende, drängende Menge

hindurchgearbeitet, mietheten wir einen Wagen, der uns mit seinen vier

Rößlein zu den Trentonfällen bringen sollte. Auf einem gut unterhaltenen

Bohlenwege, dessen holzverschwenderische Anlage und Erhaltung -- der

ganze Weg ist mit zwölf Fuß langen, zwölf Zoll breiten und vier Zoll

starken Bohlen belegt -- manchen unserer gewissenhaften deutschen

Forstmänner zur Verzweiflung bringen würde, rollten wir munter dahin;

die acht Miles waren verhältnißmäßig schnell zurückgelegt und bald

empfing uns das gastliche Dach des Herrn Moore.

Unsere gespannte Neugierde erlaubte uns zuvörderst kein langes Verweilen

unter demselben, wir eilten den Fällen zu und hatten schon bei ihrem

ersten Erblicken die freudige Ueberzeugung, daß dieser eine Punkt allein

schon der Reise werth war.

Der West-Canada-Creek stürmt hier durch tiefe Schluchten, längs welcher

sich starre, hier und da mit Bäumen und Buschwerk gekrönte, oft

auch nackte, in bizarren Formen gebildete, zwischen dreihundert und

vierhundert Fuß hohe Felswände, senkrecht aus dem Flusse erheben.

Dazwischen hin schäumt der Fluß, manchmal in einer Breite von

hundertfünfzig Fuß, über die geradlinigen Flötzgebirgformationen

weggleitend, dann wieder in einen viel engeren Raum zusammengezwängt,

durch zerklüftete Felsblöcke sich Bahn brechend, mit einer Fallhöhe von

dreihundertachtzig Fuß auf eine kleine halbe (engl.) Meile. Nach Freund

Müller's Aussagen gleicht der größte dieser Wassersturze in mehren

Absätzen den Wasserfällen, welche er auf seiner letzten europäischen

Reise in Dalmatien gesehen.

Hier schied ich auch von einem alten Landsmanne, D. M., der nur

vorläufig nach Amerika herübergekommen war, um sich das Land, behufs

einer etwaigen späteren Uebersiedelung, zu besehen und uns junges Volk

bis hierher begleitet hatte. Er schien von dem, was er bis da gesehen,

nicht sehr befriedigt; das paßte alles nicht recht zu seinen deutschen

Agriculturbegriffen. Der Abschied von dem alten Knaben war ein

wehmüthiger und schwerlich dürfte ich ihn noch einmal wiedersehen.

Die schönen landschaftlichen Vorwürfe wurden nun fleißig ausgebeutet und

nach zehntägigem Aufenthalt hatten wir unsere Malermappen mit manchen

höchst schätzenswerthen Motiven bereichert.

Herr Moore, der gastfreundliche, humane Besitzer des großen Hotels, ein

großer Kunstliebhaber, bestellte bei uns einige Bilder mittlern

Formats für recht anständigen Preis, und überdies noch einen Cyclus von

Zeichnungen, als Illustrationen einer beabsichtigten Beschreibung der

Trentonfälle. Trotzdem sich Herrn Moore's selbst erworbenes Vermögen

kaum über einen angenehmen Wohlstand hinaus erstreckt, ist derselbe doch

ein eifriger Beförderer der schönen Künste und besitzt eine, für seine

Mittel nicht unbedeutende Sammlung von Gemälden, größtentheils von

Künstlern, die bei ihm einsprachen. Nebstdem hat er auch noch den

gewöhnlichen Hotelpreis von zwei Dollars täglich, für Künstler auf die

Hälfte herabgesetzt, was bei der ganz vorzüglichen Bewirthung eine sehr

mäßige Bezahlung ist. Herr Moore trieb seine Artigkeit so weit, uns

selbst nach Utika zurückzufahren, wo wir herzlich und auf baldiges

Wiedersehen von ihm schieden.

Und weiter ging es per Dampf, über Syrakus, wo bei Ankunft des Zuges

zwanzig Glocken, in den Händen von zwanzig Kellnern, vor eben so vielen

Hotels, einen wahren Heidenlärm erhoben, um allen Ankommenden recht

eindringlich das Zeichen zum Essen zu geben; dann wieder weiter, nach

Oswego hin, oft durch Wälder und ödes Sumpfland. Die Gegend sieht hier

fiebrig und unheimlich aus, so daß man kaum zu athmen wagt.

In Oswego, einer Stadt von nahe an fünftausend Einwohnern, bestiegen

wir von Neuem einen Steamer und rasch dahin glitten wir über die blaue

Wasserfläche des Ontariosees, bald nur noch einen schmalen Streifen Land

im Gesicht behaltend. Vier Uhr Morgens langten wir in Lewis-Town an,

noch ein kurzes Stück Eisenbahn, und zwar das erbärmlichste, das je von

Menschenhand erbaut worden ist, und mit Tagesanbruch standen wir da, wo:

»schäumendes Gewässer mit Donnergebrüll hinabstürzt in

die grausige Tiefe!«

Es kann nicht meine Absicht sein, geognostische Abhandlungen zu

verfassen, und eben so wenig poetische Reisenovellen zu schreiben; doch

muß ich gestehen, daß das großartige Naturschauspiel, ohne Zweifel das

größte dieser Art auf dem bekannten Erdenrund, erst allmälig begann,

einen tiefen und gewaltigen Eindruck auf mich zu machen, je länger ich

davor verweilte und die colossalen Proportionen zu messen begann.

Die ganze Länge des Falles mag etwa tausend Schritte betragen, die

senkrechte Höhe, nach dem Augenmaß beurtheilt, vielleicht ein

Drittheil so viel, und ist in der Mitte von einer kleinen Felseninsel

unterbrochen, zu der oberhalb des Falles eine Brücke führt. Der Niagara

selbst ist von brillantem Smaragdgrün und bis weit unterhalb des Falles

vom Schaume milchig gefärbt, was dem Maler reizende Farbenabwechselungen

und Uebergänge gewährt; auf beiden Seiten begränzen den Fall

hundertachtzig bis zweihundert Fuß hohe Felswände. Alle diese

Formationen (Flötzgebirge) tragen Spuren der Gewalt des Gewässers und

bis eine (engl.) Meile unterhalb seiner jetzigen Stelle hat der Fall

die Merkmale seiner Zerstörungswuth zurückgelassen. Man hat nach

Wahrscheinlichkeitsgründen berechnet, daß der Fall dreißigtausend

Jahre gebraucht habe, um sich diese Bahn auszuwaschen; aber bei

aller möglichen Hochachtung vor den Berechnungen der Gelehrten und

Naturforscher, erscheint mir die hier in Frage gestellte denn doch etwas

problematisch, ohngefähr so wie die Berechnung der Entfernung mancher

Fixsterne. Da heißt es auch: wer's nicht glaubt, mag das Gegentheil

beweisen! Das ganze Ufer zunächst des Flusses ist bedeckt mit

herabgestürzten Felstrümmern, deren eben so viele in den Fluthen

begraben sein mögen, gleich dem Table-Rock seligen Andenkens, der etwa

vier Wochen vor unserer Ankunft glücklich zur Tiefe abgefahren ist. Ich

besinne mich, irgendwo von der Berechnung eines englischen Ingenieurs

gelesen zu haben, der ganz vor Kurzem erst herauscalculirt haben wollte,

wie lange das Wasser sich durchaus noch zu strapaziren habe, bevor es

mit der Unterwaschung besagten Table-Rocks glücklich zu Stande

gekommen sei; ich möchte wohl wissen, wie weit er in seiner Berechnung

fehlgeschossen haben mag? -- Die Ufer des Niagara waren in den Jahren

1812 bis 15 der Schauplatz zahlreicher Gefechte mit den Engländern,

und in einer Schlacht ohnweit der Fälle sollen an viertausend Todte

geblieben sein.

Amerika ist das Land der Industrie und Speculation, Niagara das Land der

fünfundzwanzig Cents: Du gehst auf die Heiligeninsel, kostet 25 Cents,

-- Du gehst zwei Meilen unterhalb der Fälle über die Hängebrücke, kostet

25 Cents, -- Du läßt Dich in einem kleinen Boote über den Fluß setzen,

kostet 25 Cents, -- Du willst unter den Fall selbst steigen, kostet 25

Cents u. s. w.

Der hiesige Gasthof war das Gegentheil von Herrn Moore's Hotel; zwei

Dollars täglich und alles mordschlecht. Wir machten Studien so viel als

möglich, und beeilten uns fortzukommen, so viel als möglich, und zwar um

so mehr, als wir beim Arbeiten viel von der unerträglichen Neugierde des

reisenden Publikums zu leiden hatten.

Noch am letzten Tage hatten wir das traurige Schauspiel, ein armes

Pferd, welches sich, oberhalb der Fälle von Hunden gehetzt, in den

Fluß retirirt haben mochte, den Fall hinunterstürzen zu sehen. Weiter

unterhalb fanden wir das arme Thier, zerschellt und kaum noch kenntlich,

von den Fluthen auf's Ufer geschleudert daliegen. Ein Canalboot mit

einer Schweinefleischladung, welches vor etwa sechs Wochen den Fluß

hinabgetrieben worden war, hängt inmitten des Falles, von einem

emporragenden Felsen aufgehalten, auf dem Rand des Sturzes, von

brausenden Gewässern umtobt; das Treibeis des nächsten Winters wird es

wohl noch vollends zertrümmern. Seltsam, trotzdem es nur ein lebloser

Gegenstand ist, kann man es nicht ohne ein Gefühl des Bangens da hängen

sehen und empfindet unwillkürlich eine Art von Mitleid mit dem armen

Ding.

Kurz und gut, unsere Studien waren beendet, unsere Zeit gemessen und wir

hatten nicht Lust, länger hier müssig liegen zu bleiben; wir begaben

uns daher vermittelst obbemeldeter schlechten Eisenbahn wieder auf die

Wanderschaft und an Bord des nämlichen Steamers, der uns in Lewis-Town

ans Land gesetzt hatte.

2.

Unsere zweite Fahrt auf dem Ontariosee war bei weitem länger als

die erste, denn wir befuhren ihn in seiner ganzen Längenausdehnung,

berührten nochmals Oswego, landeten in Sacketts Harbour, ein Name, der

sowohl im britisch-französischen, als im amerikanischen Befreiungskriege

vielfach genannt worden, als wichtigster Posten am Ontariosee; sahen

später Kingston und die rothen Röcke der englischen Soldaten und

passirten am Nachmittage die Tausend-Inseln. War schon die Fahrt über

den See mit seinen langgedehnten flachen Ufern langweilig, so wird

die Fahrt zwischen diesen kleinen, niedrigen, mager bewaldeten, sich

ähnelnden Inselchen zuletzt im höchsten Grade ermüdend. Ob es ihrer

gerade tausend waren, weiß ich nicht, denn ich habe sie wahrhaftig

nicht gezählt, war aber herzlich froh, als uns am Abend die Lichter von

Ogdensburg das Ziel unserer Wasserfahrt andeuteten.

Hier wurden wir auf dem Landgute des Herrn von R......... höchst

gastfreundlich aufgenommen und bewirthet. Diese Farm, von ungefähr

eintausend Acres geklärten Landes, kann als ein vollendetes Muster

amerikanischer Landwirthschaft gelten und ich hätte wohl gewünscht,

mein alter Landsmann D. M. hätte seine Untersuchungsreise bis hierher

ausgedehnt. Herr v. R......... hat in unglaublich kurzer Zeit Alles, was

er besitzt, aus einer Wüste geschaffen; denn als er sich in Ogdensburg

ansiedelte, wurden noch da Hirsche geschossen, wo jetzt sein schönes

Wohnhaus steht, und dunkle Kieferwaldung stand noch da, wo jetzt

ein lieblicher Park angenehme Spaziergänge bietet und in großartigen

Glashäusern Südfrüchte und tropische Pflanzen reifen. Mühlen aller Art,

Manufakturen, Eisenwerke, fast alle von Herrn v. R........ gegründet,

liegen in und um Ogdensburg. Es kam ihm allerdings bei seinen

Unternehmungen trefflich zu Statten, daß er ein sehr bedeutendes

väterliches Vermögen mitbrachte, was freilich unter allen Umständen das

Farmerleben aller Orten wesentlich angenehmer macht; immer aber kann man

sich hier überzeugen, daß sich auch ohne jenes Zaubermittel Fleiß und

Ausdauer hier reichlicher lohnen, wie in vielen andern Ländern. Nach

so manchen Beobachtungen möchte ich daher überhaupt jedem in der Union

Einwandernden dringend anrathen sich, wenn es seine Mittel irgend

verstatten, erst in den verschiedenen Strichen des Landes umzusehen

und sich mit dem landwirthschaftlichen Betrieb da und dort recht genau

bekannt zu machen, bevor er sich für einen Punkt entscheidet und dann

das Ganze nach vielleicht getäuschten Erwartungen beurtheilt. Eben so

Viele sind durch Nichtbeachtung dieser Vorsicht zu Grunde gegangen, als

andrerseits durch deren Beachtung binnen nicht sehr langer Zeit Andere

zu Wohlstand, ja sogar zu Reichthum gelangt sind. Wer aber aus

Trägheit oder Unwissenheit darauf beharrt, sich am ersten besten Fleck

niederzulassen und das Land nach den aus Deutschland mitgebrachten

Begriffen zu bebauen, dem wird es nicht besser ergehen, wie es

wahrscheinlich einem Amerikaner ergehen würde, dem es einfiele

unbebautes Land in Ungarn oder Rußland zu aquiriren und nach

amerikanischem Systeme auszubeuten.

Nicht verschweigen kann ich es, daß ich auch in Frau v. R........ eine

der liebenswürdigsten, feingebildetsten Frauen kennen lernte, die nicht

nur die Erziehung und den Unterricht ihrer Kinder fast allein besorgt,

sondern auch durch rastlose Thätigkeit und umsichtige Leitung ihres

großen Hausstandes, eine Gewohnheit, die sonst den amerikanischen

Frauen, bei vielen anderen Vorzügen, nicht eben sehr eigen ist,

wesentlich zum Gedeihen des Ganzen beiträgt.

Ogdensburg gegenüber wurden in der Insurrection von 1837 mehre Gefechte

geliefert; unter andern hatten die Insurgenten eine sehr feste Stellung

inne, die nur nach hartnäckigem Kampfe genommen werden konnte. Im

Lande ist sie unter dem Namen: die Schlacht bei der Windmühle, bekannt

geblieben.

In Ogdensburg war während unseres Aufenthaltes daselbst von der Miliz

des Districtes ein Uebungslager bezogen worden, an das man allerdings

nicht den Maßstab unserer europäischen Revuen und Manövers legen darf.

Diese Miliztruppen waren nämlich in vier Gattungen getheilt, als:

erstens, Bewaffnete und Uniformirte; zweitens, Bewaffnete und

Nichtuniformirte; drittens, Uniformirte und Nichtbewaffnete; viertens

endlich, Nichtuniformirte und Nichtbewaffnete. -- So passirte dieses

Corps von beiläufig dreihundert Köpfen die Revue, durchzog die Stadt mit

Musik und erfüllte sie mit kriegerischem Gepränge. Nichtsdestoweniger

hat jedoch die Erfahrung bereits bewiesen, daß diese Leutchen, sobald es

einmal Ernst gilt, ebenso wacker zu kämpfen wissen, wie nur irgend

eine Truppe der Welt. -- Wir aber zogen von dannen, denn nun sollte der

zweite Theil unseres Ausfluges, das Waldleben beginnen.

Wir hatten uns dazu die Ufer des Roquette-River ausersehen. Wollt Ihr,

meine Lieben, diesen Platz auf einer Spezialkarte der Vereinstaaten

finden, so sucht ihn im Norden des Staates New-York, auf dem westlichen

Abhange des Höhenzuges, welcher ihn von Süd nach Nord durchschneidet.

Dort ist noch eine undurchdringliche Wildniß in einer Ausdehnung von

hundertzwanzig bis hundertdreißig Meilen, die uns reichen Stoff zu

solcher Art landschaftlicher Studien verhoffen ließ. In jeder

Richtung hin keine Ansiedelung zu finden; dagegen bevölkern Hirsche

im Ueberflusse und selbst Elenthiere den Wald, zahllose Forellen der

vorzüglichsten Gattung die Bäche und Flüsse, und wilde Enten, Fasanen,

Truthühner, wilde Tauben sind in solcher Masse vorhanden, daß der Jäger

die reichste Beute findet. Inmitten dieser Wälder, auf der Hochebene

des Gebirges, ist ein ziemlich bedeutender See, Long-Lake genannt, der

südwärts den Hudson und nordwärts drei parallel laufende Flüsse, den

St. Regis-, den Roquette- und den Gros-River entsendet.

Ueber Canton, Stockholm, Potsdam, Rom kamen wir bis Parisville, wo die

Poststraße aufhört. Ein kleines Wägelchen führte unser Gepäck weiter,

wir selbst aber wanderten =per pedes= nebenher, über Knüppeldämme, Sumpf

und Moor in den Wald hinein, selten eine Ansiedelung treffend, die hier

schon sehr dünn werden. Zu zehn englischen Meilen brauchten wir einen

ganzen Tag; fünfmal brach unser Wägelchen und zuletzt so rettungslos,

daß wir es zurücklassen mußten, und die letzten Meilen mit unserer

Bagage auf den Schultern marschirten, bis wir spät Abends zum Tode

ermüdet im letzten Settlement anlangten.

Hier ließen wir den größten Theil unseres Gepäckes zurück, uns nur auf

das Nothwendigste beschränkend, und am anderen Morgen ging die Wanderung

auf einem Canoe weiter, dasselbe nach Art der Indianer bei jedem Rapid

(Stromschnelle) auf den Schultern um diese herumtragend. So leicht nun

auch ein solches Bootchen von Birkenrinde ist, so ist es doch nichts

destoweniger eine harte Arbeit, es immer weiter zu schleppen, und oft

haben wir bei solcher Bergstelle von kaum einer englischen Viertelmeile

mit Aus- und Einladen, Weitertragen, drei bis vier Stunden zugebracht.

Noch weitere fünfzehn Meilen wurden auf diese Weise mühsam zurückgelegt

und endlich langten wir am Starks-Fall, unserm Bestimmungsorte an.

Eine Schanty d. h. eine kleine Hütte von rohen Stämmen, mit Rinden

bedeckt, an der vierten, dem Feuer zugekehrten Seite offen, wie sie

Holzfäller bei ihrem Aufenthalt im Walde, oder Jäger die längere Zeit

an einer Stelle verweilen, errichten, fanden wir noch in ziemlich gutem

Zustande und hatten uns bald so wohnlich, als es irgend gehen wollte,

eingerichtet. Ein helles Feuer von mächtigen, acht Fuß langen Klötzen

loderte lustig im Abendwinde und in unsere Decken gehüllt, brachten wir

unsere erste Nacht in einem amerikanischen Walde trefflich schlafend zu.

Unser Leben war freilich ein etwas beschwerliches, denn da wir

allein auf uns verwiesen waren, mußten wir uns selbst Nahrungsmittel

verschaffen, Holz für die Feuerung hauen und unser einfaches Mahl selbst

bereiten. Meine Hände sahen bald so rauh aus, als zu jener Zeit, da

ich Maurerlehrling war, und gar oft klebte mein Blut am Axtstiel.

Nichtsdestoweniger wurde fleißig gemalt, wozu wir hier herrliche Studien

fanden, und immer noch blieb genugsam Zeit übrig, dem edlen Waidwerk

obzuliegen.

Allmorgendlich, sobald es nur hell genug war um Korn und Visir erkennen

zu können, ging ich am Flußufer pirschen. Nie habe ich so zahlreiche

Fährten nebeneinander gesehen, es war, als ob eine Herde Schafe durch

den Wald getrieben worden wären. Da ich aber keine genaue Kenntniß der

Wechsel hatte, so jagte ich nur auf der Fährte und hatte das Glück,

schon am zweiten Morgen ein altes Thier und zwei Spießhirsche in Zeit

von einer Stunde zu schießen; so hatten wir Fleisch im Ueberfluß

und besonders gab das der Spießer, auf indianische Manier auf einen

Baumzweig gespießt, einen gar saftigen, köstlichen Braten.

Unser Appetit ward aber auch durch die ungewöhnte Lebensweise und den

steten Aufenthalt in freier Luft so geschärft, daß wir, im Verein mit

ein paar Jägern, die weiter hinauf an den Fluß wollten und einen

halben Tag bei uns verweilten, die zwei Spießer in drei Tagen radical

aufzehrten, wobei ich indeß bemerken muß, daß die Hirsche hier zu Lande

bedeutend schwächer sind, als in Europa.

Einen ganz vorzüglichen Braten bot uns auch die sogenannte schwarze

Wildente, welche vom Fressen einer gewissen, nur hier in den Sümpfen

vorkommenden Wasserpflanze außerordentlich fett und schmackhaft wird.

Aus Mangel an Schrotladung und einer Flinte, war ich genöthigt den

Fasan, die Ente und selbst die wilde Taube mit der Büchse zu schießen.

Da man indeß selten weiter als vierzig bis fünfzig Schritt zu schießen

hat, gewöhnte ich mich bald daran und habe selten gefehlt. Häuten,

Aufbrechen und Ausweiden der Thiere, Trocknen der Häute und Räuchern des

Fleisches auf indische Weise, gaben manche spaßhafte Beschäftigung und

gute Gelegenheit etwas zu lernen. Meinen dritten Hirsch habe ich so

tadellos aufgebrochen und ausgewirkt, daß jeder gelernte Waidmann seine

Freude daran gehabt hätte.

Wölfe, obgleich dieselben noch ziemlich häufig sein sollen, habe ich

noch nirgend gesehen, selbst nicht Spuren, und ebensowenig Füchse,

Panther und Bären, die hier nur höchst selten vorkommen sollen.

An einem Regentage, der das den Boden bedeckende dürre Laub vollkommen

durchweicht hatte, folglich höchst günstiges Wetter zu einem Pirschgange

bot, hatte ich, obschon auf viele Fährten treffend, erfolglos vom

Morgen an gejagt und mich etwas weiter als gewöhnlich von unserm Lager

entfernt. Gegen Abend kam ich auf eine ganz frische Fährte die ich

verfolgte und mich denn auch bald auf einer kleinen Waldwiese einem

stattlichen Hirsche gegenüber befand. Die Entfernung war zwar etwas

weit, hundertdreißig bis hundertvierzig Schritt, doch die Zeit drängte,

denn wir brauchten Fleisch, und nirgend sah ich eine Deckung um näher

heran zu schleichen. Langsam hob ich die treue Büchse, ein scharfer

Krach erschütterte die Atmosphäre und mit einem dumpfen Schrei stürzte

das edle Thier zu Boden. »Guter Braten!« dachte ich, und stieß in aller

Ruhe eine frische Kugel in den Lauf hinab, doch ehe ich noch mit Laden

fertig war, erhob sich der Hirsch plötzlich wieder, ein angestrengter

Satz und er tauchte in das bunte Dickicht der Sassafrasbüsche nieder.

Auf dem Anschuß fand ich Schweiß in Menge und Lungenkrümel. Der deutlich

ausgeprägten und mit Schweiß ganz übergossenen Spur folgend, ward

ich aber nach dreißig bis vierzig Schritten von undurchwadbaren Sumpf

aufgehalten; ich umkreiste denselben, der Hirsch war darin, ich hörte

ihn deutlich nur wenige Schritte vor mir, im Todeskampfe die Büsche

knicken, und konnte nicht zu ihm, denn so oft und von welcher Seite ich

es auch versuchte, versank ich gleich beim ersten Schritt bis über die

Knie in den morastigen Boden.

Das war denn nun höchst fatal! nicht nur weil ich sehr ungern das schöne

Stück Wild einbüßen wollte, sondern auch weil ich den ganzen Tag noch

nichts gegessen hatte und folglich Fleisch brauchte. Doch, was war zu

machen? Ich verbrach den Anschuß, schnallte mir den Hungerriemen

fester und machte mich auf den Weg, um wo möglich noch unser Lager zu

erreichen, denn die Sonne war bereits zu Rüste. Ich suchte mich so gut

wie möglich in der Richtung zu orientiren und marschirte tapfer vorwärts

in die Dunkelheit, die schnell hereinbrach.

Nach zweistündigem Marsch erreichte ich ein ansteigendes Terrain, das

ich für dasselbe hielt, welches ich nach meiner Berechnung auf dem Wege

zu unserm Lager allerdings passiren mußte; allein schon war ich eine

gute Weile gegangen und statt flacher, ward das Terrain immer steiler.

Ich ward nun wohl inne, daß ich mich verirrt hatte, wußte aber durchaus

nicht, wo ich mich etwa befinden konnte. Vor allen Dingen war es mir

darum zu thun, bald möglichst eine Lichtung zu gewinnen, denn der Theil

des Waldes, in dem ich mich befand, war so dicht, daß auch nicht ein

Zoll breit Himmel zu sehen war. Ich drang also weiter vor, nach der

Spitze des Hügels, auf dem ich mich aller Wahrscheinlichkeit nach

befinden mußte; das Terrain war felsig und ebnete sich bald, so daß

ich schon Halt machen wollte, um den Aufgang des Mondes abzuwarten,

als plötzlich meine Füße ausglitten, ich mich über Moos, Steine und

Sträucher rasch dahinrutschen fühlte, endlich wieder ebenen Boden

unter mir hatte, aber so im Schusse war, daß ich mich nicht zu halten

vermochte, mit dem Kopfe im nämlichen Augenblicke so derb an einen

Baumstamm hämmerte, daß mir die Sinne vergingen und ich um und um

kollerte. Ein Weilchen mochte ich wohl so dagelegen haben, als ich aber

allmählig wieder anfing meine fünf Sinne zusammen zu lesen, ward ich

inne, daß ich außer denselben bei dem Purzelbaum auch noch Büchse,

Pulverhorn, Mütze und Messer verloren und dafür etliche Knuffe und Püffe

eingetauscht hatte, die sich ziemlich unangenehm fühlbar machten. Nach

langem Umhertappen fand sich endlich mein Eigenthum, mit Ausnahme des

Messers, wieder zusammen, welches letztere ich selbst, als der Mond

seine Laterne durch die allmählig dünner gewordenen Wolken heraus

steckte, nicht wieder finden konnte. Zu gleicher Zeit belehrte mich auch

der Stand des Mondes, daß ich, statt nordwestlich zu gehen, südöstlich

gegangen war.

Gern wäre ich jetzt liegen geblieben, denn ich fühlte mich erschöpft

und meine zerstoßenen Gliedmaßen schmerzten mich in der That recht

empfindlich, aber zwei Umstände verhinderten mich daran, zuerst

brennender Durst, sodann der Verlust meines Messers, und Mangel an

trocknen Holz; denn ohne Feuer hätte ich die recht beißend naßkalte

Nacht in meiner dünnen und durchnäßten Leinwandblouse nicht ausgehalten.

Ich »calculirte,« daß ich mich wahrscheinlich auf dem scheidenden

Rücken des St. Regis- und dem Roquette-River befand, nördlich mindestens

zwanzig Meilen von der nächsten Ansiedelung, östlich sechs bis acht

Meilen vom St. Regis und westlich etwa eben so weit vom Roquette-River

entfernt, südlich aber vielleicht hundert Meilen weit dichte Waldung vor

mir hatte.

Ich selbst war ohne Kompaß, ohne Feuerzeug, ohne Messer, ohne Decke,

dünn gekleidet, nüchtern seit dem Morgen, eine Kugel in der Büchse

und nur noch zwei in der Tasche, allerdings eine etwas ungemüthliche

Situation. Nach reiflicher Ueberlegung hielt ich es für das Beste, vor

allen Dingen den Roquette-River aufzusuchen und dann an seinen Ufern

hinabzugehen; ich mußte dann doch am Ende auf unser Lager, oder auf

irgend eine Ansiedelung stoßen. Fand ich nur erst Wasser, so konnte ich

es im schlimmsten Fall wohl noch einen ganzen Tag ohne Speise aushalten.

Das Empfindlichste war mir vor der Hand der Mangel eines guten,

erwärmenden Feuers.

Den Mond zur Linken, gings nun westlich und nach dreistündigem höchst

beschwerlichem Marsche, während welchem mein Fuß oft über Stämme und

Steine stolperte und ich einen gefährlichen Moorbruch passiren

mußte, befand ich mich glücklich am Ufer des Flusses. Ich verrichtete

zuvörderst ein geringfügig Waidmannsgebetlein, und zwar keinesweges in

der Meinung, daß dadurch irgend etwas Verdienstliches geschehe, sondern

weil es mich in Wahrheit drängte, Dem, der ja auch hier mir nahe war,

meinen Dank abzustatten. Mein Durst war mit zwei Mützen voll Wasser

gestillt, aber nunmehr verlangten meine durchkälteten Gliedmaßen desto

ungestümer nach Wärme.

Neue Verlegenheit: kein Messer, kein Feuerzeug. Ich suchte in allen

Taschen nach etwas Papier, um mit Hülfe der Büchse Feuer zu bekommen,

aber auch das fehlte; ich fand nichts als einen Brief von meinen Lieben

aus der Heimath, der während meiner Abwesenheit in New-York eingetroffen

und mir noch zur letzten Station nachgesendet worden, und den wollte

ich doch nicht gern verbrennen; war er mir doch jetzt doppelt theuer in

meiner Einsamkeit, als freundliches Liebeszeichen aus weiter Ferne! --

Endlich fand ich einen ziemlich trocknen, verfaulten Stamm, derselbe

ward tüchtig mit Pulver eingerieben, die Büchse dicht davor losgedrückt,

die Funken zur Flamme angeblasen, und bald loderte der Stamm hell empor,

durch seine wohlthuende Wärme die Mühe reichlich lohnend. Bei seinem

Scheine hatte ich die Freude, als Ersatz für das mangelnde Nachtmahl,

die lieben Zeilen noch einmal zu durchlesen, dann warf ich mich todtmüde

unter die breiten Aeste einer Ceder, als einziges Kopfkissen ein gut

Gewissen, über mir als Bettdecke den gestirnten Himmel, diesen großen

Mantel aller Trostbedürftigen. Meine Uhr zeigte auf halb Zwei, ich war

demnach ziemlich sieben Stunden in der Irre umher marschirt.

Mehrmals ward ich aus dem tiefen Schlafe aufgeschreckt durch den

gellenden Schrei einer Nachteule, so nahe, daß ich aufsprang und nach

der Büchse griff, meinend, ein Panther wolle mich mit seinem nächtlichen

Besuche beehren.

Am anderen Morgen nach dem Frühstück, d. h., nachdem ich abermals aus

dem Fluße getrunken, machte ich mich auf, den Fluß hinabzugehen, wegen

der vielen Sumpfstellen, die man entweder umgehen oder durchwaden muß,

ein etwas beschwerlicherer Marsch, als eine Promenade im Dresdner großen

Garten.

Auch fand ich hier eine alte, oftgehörte Jagderfahrung sehr

handgreiflich bestätigt, daß nämlich der Jäger, der am nöthigsten Wild

braucht, keine Klaue zu sehen bekommt. Wenigstens ging es mir an dem

Tage so, und mit knurrenden Magen mußte ich durch den Wald schreiten,

der von Wild wimmelt, alle Augenblicke einmal frische Fährten kreuzend.

Es war die Geschichte vom Herrn Tantalus.

Einmal rauschte ein prächtiger Adler kaum dreißig Schritte vor mir

empor, die Jagdpassion riß mir die Büchse an den Backen, aber im Zielen

fiel mir noch zu rechter Zeit ein, daß ich jetzt nur noch eine Kugel

in der Büchse und eine in der Tasche hatte, die dritte war ja in den

Baumstamm gefahren, und so blieb das Rohr stumm.

Endlich gegen zehn Uhr stieß ich wieder auf das Lager, und ich

versichere Euch, von der Hirschkeule die ich in Angriff nahm, blieb

außer dem Knochen auch nicht ein Atom übrig.

Die Genossen waren besorgt um mich gewesen und hatten wiederholt ihre

Gewehre abgefeuert; allein zu jener Zeit war ich wenigstens schon vier

Meilen von ihnen entfernt.

Zweierlei höchst weise Erfahrungen hatte ich bei dieser Gelegenheit

gesammelt, erstens, daß es sehr unklug ist, ohne Compaß und ohne

Feuerzeug in solcher Wildniß zu jagen, und zweitens, daß man sich in

einem amerikanischen Urwalde doch nicht so leicht zurecht findet, als in

unseren von Flügeln und Schneusen durchschnittenen königlichen Forsten.

Uebrigens aber war ich sehr froh, daß meine abhärtende Lebensweise und

frühzeitiges Vertrautsein mit unangenehmen Situationen mich in den Stand

setzten, mich vorkommenden Fährnissen leichter zu entziehen. Ersteres

verdanke ich Eurer Erziehungsweise, geliebte Eltern, letzteres

großentheils dem wackeren alten Ohm. Sei Euch allen mein Dank dafür

übers Meer geschickt, dem guten Ohm aber insbesondere noch für die treue

Büchse, die mir in kalter Nacht Feuer, und außerdem noch manchen guten

Braten verschafft hat.

3.

Wir hatten nun Studien vollauf gesammelt und genug der Freuden des

Waldlebens, denn unsere Decken boten uns nicht mehr genügenden Schutz

gegen den Frost, der in letzter Nacht über einen halben Zoll Eis

gebracht hatte. Nach dreiwöchentlichem Aufenthalt, am 6. October brachen

wir daher auf, um uns wieder der Civilisation zuzuwenden. Unsere Reise

ging den Fluß entlang, gen Potsdam zu.

Wir hatten in unserm Lager den Besuch eines Amerikaners, eines Dokter

H.... aus Potsdam gehabt, der mehre auf Kosten der Regierung zur

Erleichterung des Holzflößens im Fluße erbaute Dämme zu inspiciren

hatte. Dieser Gentleman ersuchte uns, ihm einige correcte Skizzen

dieser Dämme zu zeichnen, um dieselben seinem Rapporte an die Regierung

beizufügen, eine Arbeit die in wenigen Tagen erledigt war und uns die

Summe von 50 Dollars einbrachte, sehr willkommene Subsidien, da unsere

Reisekasse verwünscht knapp zu werden begann. Unterwegs erhandelte

ich von einem Indianer ein schönes Paar Elenhörner, von einem Ende zum

andern sechs und einen halben Fuß lang und in den Schaufeln acht Zoll

breit, in hiesigem Lande ein wahres Prachtexemplar.

Auch die Feuerjagd habe ich versucht, doch in anderer Art als Fritz

Gerstäcker sie uns beschrieb. Wir jagten auf dem Fluß in Gesellschaft

eines alten Jägers, der die Führung des Bootes übernommen hatte, eine

jener ächt Cooperschen Gestalten, die hier immer seltener zu werden

beginnen. Statt der Kienpfannen hatten wir eine Art viereckige Kappe,

oder Helm, an drei Seiten geschlossen, die vierte vor dem Gesicht offen,

und oben drauf eine Art Laterne mit einem sehr starken Talglichte,

dessen Schein die Umgegend nach vorn auf zwanzig bis fünfundzwanzig

Schritte erhellte. Wir fuhren ganz geräuschlos am Flußufer hin, und erst

als wir den Hirsch im Wasser hörten, ward die Laternenmütze angezündet

und aufgestülpt. Es war eine Doe (Thier), die bis ans Blatt im Wasser

stand, gerade gegen uns gekehrt, und gewaltig blies und schreckte, als

sie des Lichtes ansichtig ward. Die fertig gehaltene Büchse fuhr an den

Backen und die Kugel der Doe in den Halswirbel. Weil diese Art zu jagen

mir noch neu war und man auch gewöhnlich des Nachts Alles überschießt,

hatte ich es nur dem Umstande, daß die Doe mir gerade zugekehrt stand,

zu verdanken, daß ich sie überhaupt bekam.

Nach kurzer Rast in Potsdam, wo wir unser zerrissenes Schuhwerk und

unser durchlöchertes Waldnegligé als milde Stiftung zurückließen und

uns wieder etwas säuberlich machten, um als honnette Menschen in der

Gesellschaft erscheinen zu können, gingen wir mit der Eisenbahn hinüber

nach dem Champlain-See.

Dieser lange, schmale See bietet ungleich mehr Reiz dar, als die

canadischen Seen, denn seine Breite beträgt selten mehr als vier

bis fünf engl. Meilen, und die oft längs desselben hinlaufenden

Gebirgsketten des Staates Vermont, so wie auf der anderen Seite

des Staates New-York, gewähren dem Auge eine eben so angenehme als

malerische Abwechselung. Möglich auch, daß der angenehme Eindruck, den

die Gegend auf uns machte, noch gesteigert ward durch den lieblichen

Duft der auf der Landschaft lag, und die herrlichen Herbstfarben der

Bäume, welche das Ufer bekränzen. Noch nirgend habe ich bis jetzt

solchen Farbenreichthum einer Landschaft gesehen. Amerika ist berühmt

wegen seiner prachtvollen bunten Herbstblätter, und verdient diesen

Ruf im vollsten Maße. Dabei haben seine Wälder noch den Reiz der

außerordentlichsten Mannichfaltigkeit der Hölzer; sogenannte Familien-

oder Geschlechtswaldungen, wie bei uns, habe ich hier nirgend getroffen;

auf verhältnißmäßig sehr kleinem Raum sahen wir dicht gedrängt bei

einander die Eiche, die Buche, den Ahorn mit hochrothen Blättern, Hikory

und Sassafrasstämme, dazwischen wieder die schwarze melancholische

Tanne, die knorrige Kiefer, und manchmal sogar die Birke mit

ihrem hellgelben Laube und weißem Stamme durchblitzend. Durch das

verschiedenzeitige Welken all dieser Blätter entstehen tausend

Schattirungen und Uebergänge, vom dunkelsten und zugleich möglichst

brillanten Purpurroth, bis zum hellsten Goldgeld, und von da in

gleicher Weise durch alle Abstufungen bis zum saftigsten Dunkelgrün, was

besonders bei Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang, wo die Ferne bald in

blauen, bald in violetten Duft gehüllt ist, eine wahrhaft zauberische

Wirkung hervorbringt.

Den See kreuzend, gelangten wir nach Whitehall, malerisch in einer

Schlucht gelegen, an der Mündung des Sees, wo ein Canal ihn mit dem

Hudson in Verbindung setzt. Durch diesen Canal kommen die Produkte

des fernsten Westen über den Ontario, den Sanct-Lorenzstrom, den

Champlainsee und Hudson bis New-York, ein Weg von vier- bis fünftausend

engl. Meilen, welchen die verschiedenen Handelsgegenstände zurücklegen,

ohne das Schiff zu verlassen, in das sie in Detroit oder Michican

geladen worden sind. Außerdem laufen noch zwei andere Canalwege südlich

nach demselben Punkt, von drei Hauptbahnlinien und zahllosen Canälen und

Zweigbahnen nach anderen Staaten durchkreuzt, wo ein ähnlicher Stand der

Dinge herrscht, und führen die Güter dem Orte ihrer Bestimmung zu.

Fast alle diese Riesenwerke sind erst in den letzten fünfzig Jahren

entstanden und ohne daß der Staat als solcher auch nur einen Dollar dazu

gegeben. Das sind die Segnungen einer gesetzlichen Freiheit, wie die

ungesetzliche Freiheit und Anarchie der Fluch der Völker ist! -- Eine,

im Verhältniß zu dem ungeheuren Territorium schwache Bevölkerung, hat

diese Werke vollführt und vollführen können, weil ihrer Entwickelung

nach allen Seiten hin ein unbegränztes Feld offen stand, weil der kühne

Unternehmungsgeist der Einen, wie der Fleiß und die Thätigkeit Anderer

nicht eingezwängt wird von veralteten Zunftgesetzen, der Erwerb nicht

geschmälert und aufgezehrt wird vom Zahn des alles verschlingenden

Monopolwesens. Doch ist das Alles ja von so vielen Anderen viel besser

gesagt und beleuchtet worden, als ich es zu thun vermöchte, und wollte

ich das Lob Amerikas mit vollen Backen posaunen, so gliche dies einer

Abhandlung über den wohlthätigen Einfluß des Sonnenlichts.

Auf unserm Wege begegneten wir überall Werkstätten voll rüstiger

und thätiger Arbeiter, welche den Mineralreichthum der Berge in den

verschiedensten Formen der Welt übergeben, oder die Riesen des Waldes,

zu Brettern, Latten, Kisten, Kasten, Fässern, Geräthen aller Art

zerschnitten und verarbeitet, ihre Reisen zum Markt antreten lassen.

Ueberall zeigt sich dies Land dem aufmerksamen Beschauer wie eine Art

von Riesenkind, das oft Riesenwerke spielend verrichtet, daneben aber

wieder Manches, das ihm zu tief dünkt, bei Seite wirft für spätere

Zeiten, immer aber wachsend, sich kräftigend und Wunder für die Zukunft

versprechend.

Die Gegend, durch die wir mußten, ist mit Blut getränkt; hier war der

Schauplatz von Kämpfen ohne Zahl, zuerst mit den Indianern, um ihnen das

Land abzugewinnen, dann die langen Fehden zwischen den Eingeborenen, den

französischen und britischen Heeren. Namen wie Ticonderoga, Fort-Edward,

Fort-William, Fort-Henri, rufen blutige Greuelscenen vor das Gedächtniß

und selbst unser Jahrhundert hat bereits dergleichen blutige Spuren

hinterlassen, im Jahre 1812 bei Plattsburg, wo viertausend Briten ihr

Leben auf der Wahlstatt aushauchten.

Wir durchkreuzten auch den Boden, wo Cooper's letzter der Mohicans

spielt. Bei Fort-Edward hielten wir an und wanderten hinüber nach

Gleen-Falls. Dort stürzt der Hudson, noch ein unbändiger Knabe, wild

durch zerklüftetes Gestein hinab, zu beiden Seiten der kleinen Insel,

auf welche Lederstrumpf den Major Howard und die Töchter Monrooes

führte. Wollt Ihr eine genaue Beschreibung der Localität, so les't

Cooper's meisterhaften Roman, der Platz ist darin nach der Natur

geschildert. An der Stelle, wo Nahuga den verfolgenden Indianern

entschlüpfte, ist jetzt ein Marmorbruch; die Höhle, in welcher die

Schwestern die Nacht zubrachten, ist ziemlich von Treibholz verstopft,

doch kann man noch hineingelangen. Da, wo Hawkeye den Indianer vom Baume

herunterschoß, stehen eine Menge Mühlen, statt des todten Kriegers,

fallen jetzt Abschnitzel von Brettern in die schäumende Fluth, und die

Spitze, welche zu erreichen zwei Kriegern das Leben kostete, wo Unca's

Messer den Major vom Tomahawk des Feindes rettete, ist jetzt bloßgelegt

von Wasser, was den Fällen durch einen Canal für den Betrieb der Mühlen

entzogen wird.

Von hier ging es nach Saratoga, ehedem der heilige Platz des rothen

Mannes, jetzt der Badeort =par excellence= für die elegante Welt. Noch

springt die Quelle, die Hawkeye wieder aus dem Boden grub, doch statt

der Calabasse, aus der die ermüdeten Jäger den Durst löschten, gewährt

eine elegante Trinkhalle einen bequemen Raum, und da, wo früher in der

heiligen Waldesruhe die Mineralquelle dem rothen Thonboden entsprang,

wandelt jetzt der Fuß schöner Frauen, dem Stutzer auf Spaziergängen

kokettirende Blicke zuwerfend.

Nicht zieht mehr der rothe Krieger an die heilige Quelle, um zu seinen

Göttern zu beten, aber dennoch wallfahrten die neuen Kinder des Landes

allsommerlich in Schaaren fashionabler Zugvögel hierher, um anderen

Götzen zu opfern, um entweder in den Tanz- und Spielsälen Gesundheit

und Vermögen zu zerrütten, oder die erstere in Kurhäusern wieder

zusammenzuflicken. Verdrehtes Leben der sogenannten feinen Welt,

die kokettirend, brillirend, raffinirend, intriguirend dahin zieht,

denjenigen am meisten bewundernd, der es am besten versteht, durch die

größte Modethorheit ihre Aufmerksamkeit so lange zu fesseln, bis eine

andere, noch größere, sie schnell wieder in Vergessenheit bringt. =C'est

tout comme chez nous!=

Als wir aber durch Saratoga kamen, sahen wir von alle dem nichts mehr;

die Saison war zu Ende, das Kurhaus geschlossen, und außer einigen

schläfrigen »Niggers«, die sich in den Hausthüren herumlümmelten, Alles

todt und öde. Die Blätter fielen, die Schwalben zogen südwärts und die

Maler heimwärts in ihr Atelier, beutelleer, aber beuteschwer, Geld, wie

Farben und Leinwand aufgebraucht.

Ein Jahr in Central-Amerika.

Wanderbilder aus Central-Amerika. Skizzen eines deutschen Malers · 第 17 / 33 题