Als wir uns durch das Gewirr der Stiegen und Korridore wieder auf die

Straße gefunden hatten, atmeten wir die frische Morgenluft wie ein

langentbehrtes Labsal ein. Das Auto mußte uns mit einem weiten Umwege nach

Hause fahren. Aber das Opium ist zudringlich. Als wir uns die erste Papiros

ansteckten, hatten wir wieder den süßlichen Geruch in der Nase, und noch

zwei volle Tage lang verfolgte uns das penetrante Parfüm als lebendiges

Zeichen des Cauchemars, den wir erlebt hatten.

4. AMERIKANISCHER SPORT UND AMERIKANISCHE VERGNÜGUNGEN.

Nirgends tritt der Gegensatz zwischen den beiden Ländern, die dieselbe

Sprache reden, England und Nord-Amerika, schärfer hervor, als auf dem

Gebiete des Sports. Aus dem Verhalten beider Nationen zum Sport kann man

die weitgehendsten Schlußfolgerungen ableiten.

In England wird der Sport um seiner selbst willen getrieben. In Amerika ist

er nur und in allen seinen Formen Mittel zum Zweck. Dieser Zweck ist die

Wette. Ohne »betting« ist jeglicher Sport in Amerika undenkbar. Seit in den

Vereinigten Staaten, laut Parlamentsbeschluß, allenthalben der Totalisator

abgeschafft worden ist, ist der Rennsport dort bekanntlich total in Verfall

geraten.

Aber bei allen anderen Gattungen des Sports wird das »betting«, wenn auch

nicht mit Hilfe des Totalisators, so doch unverfroren genug betrieben.

In England gehört der Sport zu den Betätigungen, und zwar zu den

wichtigsten Betätigungen des »gentleman«. In Amerika wird er fast

ausschließlich von »professionals« betrieben. Die »gentlemen« beschränken

sich aufs Zusehen und aufs -- Wetten.

In England steht bekanntlich unter allen Sport-Spielen das Cricket weitaus

an erster Stelle. Dem Lawn-Tennis und dem Fußball-Spiel kommt daneben

nur eine untergeordnete Bedeutung zu. Es gibt keinen Engländer, der nicht

Cricket spielt, oder in seinen jungen Jahren wenigstens gespielt hat. Der

Cricket-Match zwischen den Universitäten Cambridge und Oxford gehört zu

den wichtigsten nationalen Ereignissen. Das ganze Land nimmt mit dem Herzen

daran Teil. Professionelle Cricket-Spieler gibt es aber in England, soviel

mir bekannt ist, nur zum Zweck des Trainings.

Amerika hat auch sein nationales Spiel -- das »base-ball« --, doch wird

dieses höchst interessante und aufregende Spiel fast ausschließlich von

professionellen Spielern betrieben. Alle öffentlichen Wettspiele wenigstens

vollziehen sich zwischen professionellen Kommandos. Dennoch ist die Rolle,

die dieses Spiel im öffentlichen Leben Amerikas inne hat, mindestens der

des Cricket in England zu vergleichen.

Ich machte die erste Bekanntschaft mit dem base-ball-Spiel, von dem ich bis

dato nichts gehört hatte, ganz zufälliger Weise.

Als ich während eines der ersten Tage meines Aufenthalts in New York den

Broadway passierte, kam ich in der Nähe des Brooklyn-Squares buchstäblich

nicht vorwärts und nicht rückwärts mehr. Der ganze riesengroße Platz war

von einer vieltausendköpfigen Menschenmenge dicht bestanden. Auch in allen

Querstraßen stauten sich die Passanten. Alle hatten die Köpfe erhoben und

starrten in derselben Richtung auf die Fassade eines Wolkenkratzers. Von

Zeit zu Zeit ging ein Gemurmel des Unwillens durch die Menge, oder sie

wurde von Ausbrüchen des Entzückens bewegt. Nachdem ich das alles eine

Zeitlang verständnislos mitangesehen hatte, entdeckte ich endlich die

Zielscheibe aller Blicke. An besagtem Wolkenkratzer, ungefähr in der Höhe

der sechsten Etage war eine viereckige grüne Tafel angebracht, die man auf

den ersten Blick für einen aufrecht gestellten Billardtisch halten konnte.

Auf dieser Tafel bewegten sich mit großer Geschwindigkeit einige weiße und

blaue Pflöcke sowie eine kleine weiße Kugel hin und her.

Ein freundlicher Straßenjunge lieferte mir die Erklärung zu diesem

Schauspiel, an dem ich vorderhand nichts Bemerkenswertes oder gar

Interessantes entdecken konnte. Er erklärte mir, daß die weißen Pflöcke die

»Geants« seien und die blauen die »Yankees« und daß die weiße Kugel

einen Ball vorstelle, und das Ganze -- einen base-ball-Match, der soeben

60 Kilometer außerhalb New Yorks ausgespielt werde. Der Gang des Spieles,

jeder Ballwurf und jeder Schlag wird telephonisch übermittelt und auf

elektrischem Wege auf der grünen Tafel reproduziert. Echt amerikanisch. Auf

diese Weise kann man sich das Wettspiel ansehen und doch die Fahrkarte zum

Spielplatz sparen.

Da jeder der Zuschauer natürlich seinen Favoriten hatte, dessen Schicksal

mit gewetteten 10 Cents bis 10 und mehr Dollars eng verknüpft war, so

wurden auch die das Spiel begleitenden Ausrufe psychologisch verständlich.

In New York und Umgegend sind eine ganze Anzahl wundervoller

base-ball-Spielplätze gelegen. Enorme Tribünen in amphitheatralischer

Anordnung, auf denen 10-15000 Zuschauer Platz haben, schließen die

Rasenfläche, auf der gespielt wird, ein. Jeden Tag wird irgend ein Match

ausgefochten, und die Tribünen sind fast immer spickevoll besetzt. Wo in

New York die vielen Tagediebe herkommen, die von 3 bis 6 nichts zu tun

haben, als base-ball-Spiele anzusehen, bleibt rätselhaft.

Das Spiel, für das die Amerikaner sich so begeistern, ist eigentlich nichts

anderes, als ein qualifiziertes »Ballschlagen«. Nur ist es gefährlicher.

Denn der steinharte Ball fliegt aus der Hand der Spieler mit der

Geschwindigkeit und Kraft einer Büchsenkugel. Die Zuschauer sind durch

ein feinmaschiges Netz, das vor den Tribünen aufgespannt ist, vor ihm

geschützt. Es gehört eine unfaßliche Geschicklichkeit dazu, den Ball in

seinem rapiden Fluge mit einer kurzen flachen Keule abzuschlagen, und ihn

dabei so gut zu treffen, daß man Zeit zu einem »run« in eine der vier Ecken

des Grenzgebietes findet, bevor der Ball, mit kolossaler Geschwindigkeit

von Hand zu Hand geschleudert, dort eintrifft.

Die Begeisterung, die das amerikanische Publikum dem base-ball-Spiel

entgegenbringt, hat es zu einem höchst lukrativen Geschäft gemacht. Der

Kapitän des berühmten Kommandos »Yankees« bezieht ein Ministergehalt,

nämlich 30000 Dollar im Jahr. Die Bedeutung, die dieses Spiel in Amerika

hat, erkennt man schon daraus, daß alle amerikanischen Zeitungen an erster

Stelle d. h. dort wo in vernünftigen Blättern die Leitartikel stehen, die

Resultate sämtlicher base-ball-Spiele buchen, die am vorhergehenden Tage in

den Vereinigten Staaten abgehalten worden sind.

Die Sport-Spiele, mit denen sich der amerikanische »gentleman« selbst

befaßt, sind Polo und Golf. Sie sind schon deswegen in Amerika beliebt,

weil es die teuersten aller Arten von Rasensport sind. Am Tage nach meiner

Ankunft in New York wurde dort das Match zwischen dem besten amerikanischen

und dem besten englischen Polo-Kommando ausgetragen. Das Interesse

dafür war, natürlich nur auf Grund der abgeschlossenen Wetten, ein ganz

außerordentliches. Die Billett-Aufkäufer, die ihr Unwesen in New York genau

ebenso dreist und unverfroren treiben, wie anderswo, verlangten 50 Dollars

und mehr für einen annehmbaren Sitzplatz. Am Tage des Matches war auch für

diesen Preis keine Eintrittskarte mehr aufzutreiben. Doch konnte man

die Aufregungen dieses Wettspiels in der Stadt genießen, ohne nach dem

Polo-Ground hinauszufahren, denn der Gang des Spieles wurde alle fünf

Minuten auf Riesenplakaten an den Wolkenkratzern der New Yorker »Times« und

des »Herald« bekannt gegeben. Von der dichtgedrängten Menschenmenge, die

diese Gebäude umstand, wurde jedes »Goal« der Amerikaner mit frenetischem

Beifall, jeder Erfolg der Engländer mit ohrenbetäubendem Pfeifen und Johlen

begrüßt.

Dem Golf huldigen die New Yorker Millionäre in reiferen Jahren ausnahmslos.

Die nähere Umgebung von New York macht den Eindruck, als bestehe sie

nur aus »Golf-Greens«. Mehr als hundert Golf-Klubs haben hier ihre ideal

gepflegten Spielplätze. Überall sieht man die samtweichen, kurz geschorenen

Rasenflächen, sauber beschnittene Hecken, künstliche Hügel, durch Wiesen

geleitete Wasserläufe mit künstlich hergerichteten Ufern aus feinem, weißen

Seesand. Dort erholen sich die »business«leute von des Tages Last und Mühe.

Die wundervolle Besitzung Rockefellers am Ufer des Hudson-River scheint

auch ein einziger großer Golfplatz zu sein. Dieses Spiel ist bekanntlich

die einzige Leidenschaft des »reichsten Mannes der Welt«, der von seinem

Boy begleitet stundenlang den kleinen, weißen Ball aus einem Loch ins

andere treibt.

Eine eigentümliche Stellung nimmt in Amerika der Box ein. In dem Staate

New York ist er seit einigen Jahren verboten, weil bei den durch Rassenhaß

geschürten Boxer-Kämpfen zwischen Negern und Weißen alle Augenblicke ein

Totschlag zu registrieren war. Dieses Verbot stört jedoch die findigen

Amerikaner keineswegs, mindestens zweimal in der Woche auch in New York

die aufregendsten Boxer-Kämpfe zu inszenieren. Man nennt sie offiziell

»exhibitions«, und angeblich werden auf diesen »Ausstellungen« nur die

Griffe, Stöße und Schläge des regelrechten Box theoretisch und praktisch

demonstriert. In Wahrheit jedoch vollziehen sich genau dieselben Kämpfe

wie andernorts, es werden genau ebensoviele Physiognomien zerschlagen und

kommen die gefährlichsten »knock-out's« vor. Nachher heißt es dann, das sei

»aus Versehen« passiert, Staat und Polizei fallen auf diesen Bluff mit der

gleichen Grazie hinein.

Die sportlichen Veranstaltungen stehen unter den Vergnügungen, die New York

im Sommer bietet, an erster Stelle. Die übrigen Amüsements sind noch

minderwertigerer Art. Die Kunst schweigt vollständig. Aber schließlich ist

es ja anderswo während der Sommerzeit auch nicht besser. In keinem einzigen

ernsthaften Theater wird gespielt. Es gibt im Sommer weder Oper noch

Schauspiel in New York.

In den Varieté-Theatern werden »Revuen« aufgeführt, die zum Teil mit

fabelhaftem Luxus inszeniert sind und bei denen der mit Recht so beliebte

»amerikanische Humor« oft zu unwiderstehlicher Wirkung gelangt. Man verläßt

diese Theater meist mit Muskelschmerzen im Gesicht. Übrigens zeigt es

sich, daß die Amerikaner bei dem leichten Genre von Musik, die diese

Vorstellungen begleitet, höchst Anziehendes zu erfinden und zu gestalten

verstehen. »Pikant« ist die Bezeichnung, die auf die Melodik, Rhythmik und

Harmonik dieser amerikanischen Musik in gleicher Weise anwendbar ist. Ich

habe einige der amerikanischen Revuen aus diesem Grunde zwei und mehr

Male mit Vergnügen angehört, zumal die Orchester in allen amerikanischen

Varietés nicht wie bei uns aus drei Violinen und einigen mehr oder

weniger belanglosen Anhängseln bestehen, sondern den vollen Bestand eines

symphonischen Orchesters mit 50-60 gutgeschulten Mitwirkenden darstellen.

Im allgemeinen tut man jedoch besser daran, die sommerlichen Vergnügungen

in New York im Freien aufzusuchen. Schon um der Abendkühle wegen, die

nach der barbarischen Hitze, die tagsüber in New York herrscht, höchst

erquickend wirkt. Wer es irgend ermöglichen kann, flieht abends aus

New York an die Küste des Ozeans, der sich z. B. bei »Long-Beach« oder bei

»Long-Island« in seiner ganzen majestätischen Pracht vor einem ausbreitet.

Wundervolle Automobilstraßen, 50-100 Kilometer außerhalb der Stadt immer

noch unter Asphalt, führen dorthin. Exquisite Restaurants sorgen für des

Leibes Wohl. Die Eisenbahnzüge, die alle zwei Minuten aus New York in jene

Gegenden abgehen, sind allerdings derart überfüllt, daß ihre Benutzung

mit Lebensgefahr verbunden ist. Am tollsten geht es natürlich auf den

Verkehrswegen zu, die nach »Coney-Island« führen. Dieses Eldorado der

New Yorker Kleinbürgerschaft ist mit der Bahn oder per Dampfer in zirka

einer halben Stunde zu erreichen.

Auf Coney-lsland befindet sich das Urbild aller »Luna-Parks« der Welt, das

von keiner Nachahmung erreicht, geschweige denn übertroffen worden ist.

Der Anblick, den diese Amüsier-Insel nachts gewährt, ist tatsächlich

überwältigend. Eine Orgie von Elektrizität, gegen die sogar die

Straßen-Illumination von New-York verblaßt, wird dort allabendlich

gefeiert. Die Konturen sämtlicher Vergnügungspaläste, Aussichtstürme,

Restaurations- und Theaterbauten, die Wege der kilometerlangen Berg- und

Talbahnen, Fesselballons- und Aeroplan-Karussels, Wasserrutschbahnen und

Riesenschaukeln -- alles ist mit elektrischen Glühbirnen nachgezeichnet.

Der ganze Nachthimmel scheint in Flammen zu stehen, wenn man sich über

die Hudson-Brücke Coney-lsland nähert. Der Ort hat die Dimensionen

einer mittelgroßen Provinzstadt und besteht ausschließlich aus

Vergnügungslokalen. Man würde Wochen brauchen, um sie alle kennen zu

lernen. Ein Dutzend Leipziger Messen, ebensoviele Münchener Oktoberwiesen

und russische Jahrmärkte würden nur einen kleinen Teil von Coney-lsland

bedecken. Ein betäubender Radau herrscht in allen Straßen. Für alle

Nationen ist gesorgt.

Der Deutsche findet einige enorme Biergärten mit echtem und unechtem

»Münchener« und »Pilsener«, echten und unechten Tiroler Sängern,

Käsestullen, Radis, deutschen »Humoristen« und ähnlichen für sein

Amüsierbedürfnis unerläßlichen Dingen.

Der Italiener hat seine Osterias mit Mandolinen-Chören und Straßensängern,

der Spanier kann sich an spaßhaften Stiergefechten ergötzen, für den

Chinesen sind seine heimischen Ball- und Kugelspiele da, den Russen locken

Balalaika-Klänge, Chorlieder und übertemperamentvolle Kosakentänze. Daß der

Franzose an Chansonetten nicht zu kurz kommt, versteht sich von selbst.

Und der Amerikaner? Der nimmt, wie das ja überhaupt so seine Art ist, von

allem ein wenig und zwar das Beste. Besondere Vorliebe bekundet er außerdem

für die sogenannten »Wutstillungsbuden«, in denen er für 10 Cents soviel

Fayence-Geschirr zerschmettern darf, als er mit fünf Holzbällen zu treffen

vermag. Wenn er seinen Rassenhaß auszutoben beabsichtigt, findet er sogar

einen lebendigen Neger, nach dessen grinsender Fratze er für 5 Cents mit

einem steinharten Kautschukball werfen darf. Nur ist der Neger viel zu

geschickt, um sich treffen zu lassen. Das gelang in meinem Beisein nur

einem augenscheinlich virtuosen base-ball-Spieler. Der Neger verschwand

darauf mit verbundener Nase von der Bildfläche, wurde jedoch sofort durch

einen ebenso grinsenden und herausfordernd plattnasigen Stammesgenossen

ersetzt.

Eine weitere »nationale« Eigenschaft des Amerikaners ist die Vorliebe

für seine Schiebetänze. Denen kann er auf Coney-Island nach Herzenslust

fröhnen. Es gibt dort Tanzsäle, in denen sich mehr als 2000 Paare

gleichzeitig drehen können, ohne die gegenseitigen Hühneraugen als

Tanzboden zu benutzen. Die Pausen werden dort durch Varieté-Darbietungen

ausgefüllt, wobei die Bühne auf einer Art elektrischen Bahn um den

Riesensaal herumfährt, damit niemand vom Galerie-Publikum zu kurz komme.

Bewundernswert und nicht genug zu loben ist der Anstand, der wie überall in

Amerika, so auch auf Coney-Island herrscht. Der New Yorker Proletarier, der

in seinem Privatleben vielleicht Stiefelputzer oder Schornsteinfeger

ist, beträgt sich auf dem Tanzboden und bei den zum Teil sehr gewagten

Vergnügungen des Luna-Parks genau so wie jeder Gentleman in den Salons der

sogenannten »guten Gesellschaft«. Wenn man dagegen daran denkt, was man

unter Umständen in den Luna-Parks von Paris und Berlin zu sehen bekommt,

so kann man dem Anstandsgefühl des amerikanischen Bürgers seine Hochachtung

nicht versagen. Ob die innere Moral und Sittlichkeit der Amerikaner

diesem äußeren Bilde entspricht, ist natürlich eine andere Frage, deren

Beantwortung jedoch ferner Stehende im Grunde genommen ganz und gar nichts

angeht.

5. DAS JUGENDGERICHT.

Zu meinen liebsten Erinnerungen an New York gehören die Stunden, die ich,

dank der Vermittlung eines einflußreichen Mannes, in einer der nützlichsten

und besten Institutionen der Vereinigten Staaten, dem Jugendgericht,

zubringen durfte. Ich wohnte einer Sitzung bei, die von 10 Uhr morgens bis

4 Uhr nachmittags dauerte, doch ist mir die Zeit keinen Augenblick lang

geworden, und das Einzige, was ich bedauerte, war, daß ich am nächsten Tage

abreisen mußte, wodurch dieser erste Besuch im Jugendgericht leider auch

zum einzigen wurde.

Das niederdrückende Gefühl, eine Verantwortung zu übernehmen, die man

eigentlich nicht verantworten kann, muß den Jugendrichter in viel stärkerem

Maße überkommen, als jeden anderen Rächer der gesellschaftlichen Ordnung.

Denn er hat es ausschließlich mit Kindern zu tun, mit werdenden Menschen,

die in den wenigsten Fällen selbst für ihre Handlungen einstehen können.

Und davon, wie er diesen oder jenen Fall »angreift«, hängt vielleicht das

Schicksal eines oder vieler Menschenleben ab.

Wenn man abends in den Straßen von New York umherwandert, fällt es einem

sofort auf, daß man nach 10 Uhr keinem Kinde mehr begegnet. Das Gesetz

verbietet es Kindern unter 16 Jahren, sich abends in den Straßen

herumzutreiben. Und dieses Gesetz wird mit großer Strenge gehandhabt, wie

ich mich während der erwähnten Gerichtssitzung überzeugen konnte.

Natürlich wäre das Gesetz allein wahrscheinlich machtlos, wenn ihm nicht

die in ganz Amerika weitverzweigte »Kinderschutzgesellschaft« zur Seite

stände. Diese Gesellschaft beschäftigt in New York allein Tausende von

Agenten und Agentinnen, die zum größten Teil aus reiner Liebe zur Sache

ihrem schweren aber lohnenden Beruf nachgehen.

Diese Agenten haben nicht nur das Recht, sondern die Pflicht jedes Kind,

das ihnen abends in den Straßen von New York begegnet, aufzugreifen und an

die Kinderasyle abzuliefern. Und das schuldige Kind hat sich jedesmal vor

dem Jugendgericht zu verantworten.

Man gewinnt manch trostlosen Einblick in die amerikanischen

Familienverhältnisse, wenn man den Verhandlungen solch einer

Jugendgerichtssitzung folgt. In den allermeisten Fällen sind es die Eltern,

die die Kinder dazu anhalten, das Gesetz zu übertreten und sich abends

in den Straßen umherzutreiben, sei es zu dem verhältnismäßig unschuldigen

Zweck, Zeitungen und Streichhölzer zu verkaufen, oder um sich vorzeitig

einem liederlichen Lebenswandel und leichten Gelderwerb zu ergeben.

Man hat dem amerikanischen Kindergericht zum Vorwurf gemacht, daß es die

elterliche Autorität untergrabe. Das tut es jedoch in den seltensten Fällen

und nur, wenn es absolut notwendig ist. Der Richter wird jeden Augenblick

in äußerst schwierige Lagen versetzt. Es gehört ein seltenes Feingefühl,

große Menschenkenntnis und ein unfehlbarer Takt dazu, um dieses Amt in

wünschenswerter Weise zu versehen.

Ein kleiner sechsjähriger Spatz wird vorgeführt. Als er ins freundliche

aber ernste Gesicht des Richters blickt, quellen ihm schon die hellen

Tränen aus den Augen.

»Du hast gestern abend um 11 am Herold-Square Zeitungen verkauft?«

Ein kaum hörbares »Ja«.

»Warum tatst du das? Du weißt aus der Schule, daß du abends nicht auf die

Straße, sondern früh zu Bett gehen sollst.«

»Die Mutter hat mich doch geschickt.«

Nun wird die Mutter aufgerufen. O diese Mütter! Meistens sind es polnische

oder italienische Judenweiber. Die Ausländer und Einwanderer bestreiten,

nebenbei gesagt, mehr als 80% aller Fälle, die vor den Jugendgerichten in

New York verhandelt werden. In irgend einem fremdsprachigen Idiom ergießt

sich ein kaum einzudämmender Redeschwall über den Richter. Ein Dolmetscher,

der stets zur Hand ist, übersetzt das Notwendigste. Die Familiengeschichte

mehrerer Generationen, die die redelustige Dame zum besten gibt, läßt er

natürlich fort. Solchen Müttern gegenüber kann der Richter sehr unangenehm

werden. Zum ersten Male bekommt sie eine äußerst scharfe Verwarnung, zum

zweiten Male schon nimmt man ihr das Kind fort und bringt es »probeweise«

in einem der zahlreichen, großartig organisierten Kinderheime unter.

Erfolgt später noch ein Rezidiv, so bekommt sie ihr Kind überhaupt nicht

mehr nach Hause, bis es erwachsen ist. Auf diese Weise schützt sich der

amerikanische Staat vor heranwachsenden Verbrechern. Freilich sind dazu

drei Institutionen nötig, die aufs engste zusammengehören, obgleich sie

völlig unabhängig voneinander arbeiten: die Kinderschutzgesellschaft, das

Jugendgericht und die Gesellschaft für Kinderheime und Besserungsanstalten

für jugendliche Verbrecher.

Selbstverständlich sind nicht alle Fälle, die vors Jugendgericht kommen,

so harmloser Art, wie der eben angeführte. Viele der kleinen Delinquenten

müssen sich für Diebstahl, Betrug, Tätlichkeiten verantworten. Oder auch

für Straßenraub und Mord. Aber Schuleschwänzen gehört ebenfalls zu den

Vergehen, die von diesem vielseitigen Gerichtshofe geahndet werden. Die

Verhandlungen werden sehr leise geführt, um das Schamgefühl der Kinder

zu schonen. Keiner von den jungen Galgenvögeln, die auf der Anklagebank

sitzen, braucht zu wissen, was dem anderen zur Last gelegt wird. Auch das

Publikum von Tanten und Verwandten kann schwerlich vernehmen, was vor dem

Richtertisch verhandelt wird, es mag noch so sehr die Ohren spitzen. Ich

hatte meinen Platz neben dem Richter erhalten. Daher entging mir kein Wort

der Verhandlungen. Dieser Richter, ein verhältnismäßig junger Mann, hat

einen unauslöschlichen Eindruck auf mich gemacht. Fast mit einem Seherblick

verstand er es, in die feinsten Geheimnisse der Kinderseele einzudringen.

Sein Resumee entbehrte oft nicht eines gewissen Humors.

Ein trotz seiner nicht gerade herkulischen Figur immerhin ganz

stämmig aussehender jüdischer Kleinkramhändler behauptete, von einem

dreizehnjährigen Jungen »verprügelt« worden zu sein. Als sachlichen Beweis

zeigte er eine Beule an der Stirn. Darauf wurde der Angeklagte abgerufen.

Es erschien ein schmächtiges, buchstäblich braun und blau geschlagenes

Bürschlein. Der Angeklagte behauptete, der Angegriffene gewesen zu sein,

stellte im übrigen den Hieb, der die Beule an seines Widersachers Stirn

verursacht hatte, nicht in Abrede, und sah so aus, als ob er neben diese

erste Beule nicht ungern eine zweite setzen würde. Die Zeugenaussagen

neigten zu seinen Gunsten. Der Richter resümierte, daß die Schuld der

beiden Widersacher wahrscheinlich im umgekehrten Verhältnis stehe, wie die

Größe ihrer Beulen, diktierte dem Jungen eine geringe Freiheitsstrafe zu,

und der Jude mußte zahlen, was ihm augenscheinlich sehr viel bitterere

Schmerzen verursachte, als seine Beule.

Der ernsteste Fall an diesem Verhandlungstage betraf einen vierzehnjährigen

Knaben, der tags zuvor seinen Spielkameraden erschossen hatte. Der Fall lag

ziemlich kompliziert. Die beiden Jungen hatten eine alte rostige Pistole

gefunden und sich um ihren Besitz heftig gestritten. Der Streit war in

Tätlichkeiten ausgeartet und dabei war der unselige Schuß gefallen. Der

Angeklagte war sofort ausgerissen, für zwei Tage verschwunden und erfuhr

erst, als er sich am dritten Tage zu Hause einstellte, daß er seinen

Freund erschossen hatte. Die Mutter des Erschossenen bestand auf

der Absichtlichkeit des Verbrechens, auch die Zeugenaussagen einiger

Spielgefährten und ihrer respektiven Mütter und Tanten ergaben wenig

Günstiges. Demgegenüber stand nur die Aussage des Erschossenen selbst, der

im Hospital kurz vor seinem Tode geäußert hatte, »sein Freund« habe »es«

ganz sicherlich im Versehen getan.

Der Junge wurde vorgeführt. Trotzig und wild sah er aus, und manchen dummen

Streich mochte er auf dem Gewissen haben. Aber seine Augen, die jetzt

voller Tränen standen, blickten so offen und ehrlich, daß für mich seine

Schuldfrage sofort außer jedem Zweifel stand. Aber der Richter war weniger

voreilig.

Mit vorsichtigem Fragen, die mehr den Charakter einer freundschaftlichen

Unterredung, als den eines Verhörs hatten, versuchte er dieser Knabenseele

auf den Grund zu kommen. Ja, der Junge hatte auf den Freund gezielt, aber

nur um ihn zu erschrecken, die Pistole sei losgegangen, er wisse selbst

nicht wie. Viel mehr war aus ihm nicht herauszubekommen. Aber die Art und

Weise, wie er seine Antworten gab, schnell, unüberlegt, jungenhaft, genügte

dem Richter. Er neigte sich zu mir: »He is not a murderer.«

Rund um Süd-Amerika: Reisebriefe · 第 15 / 16 段