schwellen und ihre Besitzer reich werden: die Reklame. Über das
Reklame-Unwesen in Amerika ließen sich Bände schreiben und sind wohl auch
schon geschrieben worden. Doch zeigt es sich zuweilen in ganz amüsanten und
sogar hübschen Formen. Zu diesen gehört die fabelhafte Lichtreklame, die
abends und nachts in den Straßen von New York getrieben wird. Man kann sich
denken, welch wunderbare Flächen für Elektrizitäts-Orgien die Brandmauern
der Wolkenkratzer abgeben. Diese Gelegenheit nutzen die Amerikaner denn
auch gründlich aus. Ganz New York scheint am Abend in Flammen zu stehen.
Die Beleuchtungstechnik feiert Triumphe. Die unglaublichsten Dinge spielen
sich an den Wänden der Häuser ab, dargestellt durch elektrische Lampen:
Boxerkämpfe, Pferderennen, Tänze, weiß der Himmel was alles noch. Diese
Illumination bietet ein feenhaftes Bild, an dem man sich anfangs gar nicht
satt sehen kann. Außerdem sind diese weithin leuchtenden Reklameschilder
vortreffliche Orientierungstafeln für alle Fremde. Zu unserem Leitstern
wurde ein zirka dreißig Etagen hoher Frauenkopf, der freundlich mit dem
linken Auge blinzelte. Er lud zum Einkauf von »Spearmint« ein. Das ist
eine besonders beliebte Sorte des amerikanischen Kaugummis. In Amerika kaut
nämlich jedermann von morgens früh bis abends spät Gummi. Hoffentlich
ist das ebenso hygienisch, wie es unästhetisch ist. Der Fremde freilich
verwünscht den Gummi in der Amerikaner Munde. Zu einer Konversation wird
dieser Gummi nämlich nicht etwa herausgenommen oder ausgespuckt, sondern
bloß mit der Zunge beiseite geschoben. Nun spricht der Amerikaner sowieso
sein Englisch als wenn er Brei im Munde hätte. Dieser Gummiballen in
der Backentasche verwandelt seine Aussprache vollends in eine Folge
unartikulierter Laute und Geräusche. Wenn man gerade eine halbe Stunde
lang mit einem Chauffeur oder Schutzmann geredet hatte, um ihr
Kautschuk-Englisch endlich doch gründlich mißzuverstehen und dann zu der
freundlich blinzelnden Spearmint-Dame aufblickte, schien ihr Lächeln nur
noch Spott und Schadenfreude auszudrücken, und man wußte nicht, was
man mehr verwünschen sollte, die Gummi-Industrie oder die elektrische
Beleuchtungstechnik, die für sie Reklame macht.
3. POLIZEIWESEN, DETEKTIVS, VERBRECHERKNEIPEN UND OPIUMHÖHLEN.
Der Mord-, Spiel- und Skandalprozeß des amerikanischen Polizeileutnants
Becker hat die New Yorker Polizei in den Augen Europas diskreditiert. Wir
sind ja froh, wenn wir den Nachbarn jenseits des Großen Wassers nachsagen
können, daß bei ihnen irgend etwas faul ist. Müssen wir doch in vielen
Dingen, wenn auch noch so ungern und widerstrebend, ihre Überlegenheit
zugeben. Aber auch in bezug auf die amerikanische Polizei sollte man sich
hüten, auf Grund sensationeller Zeitungsnachrichten ein vorschnelles
Urteil zu fällen. Eine Eiterbeule beweist noch lange nicht, daß der ganze
Organismus krank ist.
Tatsache ist jedenfalls, daß die Einrichtungen der New Yorker Polizei über
jedes Lob erhaben sind. Wie diese Einrichtungen funktionieren, ist eine
andere Frage, die man erst nach gründlichem Studium der einschlägigen
Verhältnisse beantworten könnte.
Bei flüchtigem Einblick wirkt die Organisation der Kriminalpolizei in
New York verblüffend. Dank einer einflußreichen Empfehlung durften wir die
Einrichtungen des Haupt-Polizeiamts aufs Genaueste in Augenschein
nehmen. Es scheint unmöglich, daß jemand, der einmal mit der New Yorker
Kriminalpolizei in Berührung gekommen ist, sich jemals wieder vor ihr
verbergen könnte.
Ein besonderer Raum enthält die Verbrecher-Albums, d. h.
Photographien-Schränke, in denen an beweglichen Rahmen, sorglich geordnet
und numeriert, die Porträts sämtlicher Personen zu finden sind, die das
Kriminalamt als verdächtig passiert haben. Jede Karte zeigt zwei Aufnahmen,
die eine en face, die andere im Profil. Für den Physiognomiker ist diese
Porträt-Galerie natürlich eine wahre Fundgrube, aber auch dem Laien
fällt es schwer, die Durchsicht der Schränke einzustellen. Leider ist
es unmöglich, diese ganze, weit über Hunderttausend Nummern umfassende
Sammlung in Augenschein zu nehmen.
Man findet unter den Verbrecher-Physiognomien außerordentlich interessante
Gesichter. Man möchte gerne einen oder den anderen Kopf genauer betrachten.
Und es reizt einen natürlich, die Geschichte der betreffenden Personen
kennen zu lernen. Das ist dem Beschauer übrigens leicht gemacht. Neben der
Photographie befindet sich eine zweite Karte, die nicht nur das Signalement
des Verbrechers enthält, sondern auch eine kurze Angabe der Art und
der Zahl seiner Verbrechen. Neben Raubmördern finden sich dort harmlose
Hochstapler, neben Dieben und Wechselfälschern -- Heiratsschwindler
und Falschmünzer. Eine Nummer auf der Karte verweist einen an einen der
Schränke des nebenanliegenden Archivs. Dort findet man in dem betreffenden
Schubfache nicht nur das ganze Aktenmaterial, sondern auch alle
Zeitungsnotizen über den betreffenden Verbrecher und alle Darstellungen,
die seine Schandtaten in der Presse gefunden haben. Oft ist es eine ganze
kleine Bibliothek, die zu diesem oder jenem Verbrecherkopf gehört. Wieder
eine andere Nummer gibt die Stelle an, wo man das genaue Signalement des
Mannes, die Resultate der an ihm vorgenommenen anthropometrischen Messungen
und die Photographie seiner Fingerabdrücke finden kann. Überall herrscht
eine so musterhafte Ordnung, daß sich jeder Laie sofort zurechtfinden kann,
ohne fremder Beihilfe zu bedürfen.
Ein Kapitel für sich bilden die Fingerabdrücke. Der uns begleitende
Kriminalbeamte konnte sich nicht genug tun in Lobpreisungen dieses
angeblich unfehlbaren Mittels zur Diagnostik von Verbrechern. Das
Liniensystem der Fingerspitzen ist jetzt minutiös klassifiziert. Mit
kabalistisch anmutenden Zahlen und Buchstaben kann jeder Fingerabdruck aufs
genaueste rubrifiziert werden. Das erleichtert nachher seine Auffindung
unter dem schon vorhandenen Material sehr erheblich. Unser Führer zeigte
uns nachher die Abdrücke eines Zeige- und Mittelfingers, die kürzlich am
Tatort eines Verbrechens an einem silbernen Eßlöffel nachgewiesen worden
waren und die zur unfehlbaren Identifizierung des Verbrechers -- es
handelte sich um einen ganz scheußlichen Raubmord -- geführt hatte.
Wenn man sich das Gewirr der Linien eines Fingerabdrucks unter der
Lupe betrachtet, wird allerdings ohne weiteres klar, daß eine genaue
Wiederholung dieses komplizierten und bizarren Labyrinths an einem anderen
Finger unmöglich ist. Leider sind jetzt nur schon viele amerikanische
Verbrecher so schlau, in Handschuhen zu »arbeiten«.
Eine höchst wichtige Rolle im amerikanischen Kriminalwesen spielen die
Detektivs. Es wimmelt in New York von Geheimpolizisten. Auf Schritt und
Tritt begegnet man allerhand Nick Carters und Nat Pinkertons aus Fleisch
und Bein.
In allen Theatern und großen Kaufläden, auf den Bahnhöfen, in den
Stadtbahnzügen, an allen öffentlichen Plätzen und in sämtlichen großen
Hotels sind sie in Massen zu finden.
In der Halle des »Astor-Hotels« lernten wir sie, durch den Direktor
aufmerksam gemacht, bald von anderen Hotelgästen unterscheiden. Mit einem,
der ganz besonders vertrauenerweckend aussah, befreundeten wir uns sogar.
Der Mann erzählte so viel Interessantes von seiner Tätigkeit, daß in meinem
Reisekameraden und in mir der Wunsch erwachte, das Feld seiner früheren
Tätigkeit, d. h. die eigentliche Verbrecher-Gegend New Yorks kennen zu
lernen. Daraufhin machte uns der Brave den Vorschlag, uns eine Nacht in den
verrufensten Stätten des dunkelsten New York herumzuführen. Nachdem uns
die Hotel-Administration versichert hatte, daß wir uns dem Mann ruhig
anvertrauen könnten, nahmen wir diesen Vorschlag mit Freuden an.
Am nächsten Abend um 12 Uhr fuhr das Auto vor, und los ging es -- ins
dunkelste New York. Dieser Ausdruck gilt zunächst im buchstäblichen Sinn
des Wortes. Durch eine Reihe von miserabel erleuchteten Straßen erreichten
wir das Neger-Viertel der Stadt. Das größte Kontingent der Verbrecher in
den Vereinigten Staaten ist unter den Schwarzen zu suchen. Wenn man sieht,
wie diese Leute behandelt werden, kann man es ihnen eigentlich nicht übel
nehmen, daß sie von Haß und Rachedurst gegen die Weißen erfüllt sind.
Der weiße Amerikaner sieht den Neger nicht als Menschen an, sondern als
inferiores Wesen, vor dessen Berührung ihn ekelt. Ich lernte in New York
eine alte Dame kennen, die täglich die unzähligen Treppenstufen zu ihrer
im achten Stockwerk gelegenen Wohnung hinauf keuchte, weil sie es für nicht
vereinbar mit ihrer menschlichen Würde hielt, den Lift zu benutzen, der von
einem Negerboy bedient wurde. Doch das nur nebenbei.
Dieser Horror vor allem, was ein »colored man« ist, zwingt die Neger, in
dem für sie reservierten Stadtviertel zu leben und zu sterben. Wir suchten
zuerst eine Negerkneipe dritten Ranges auf. Unser Nick Carter schien dort
wohlgelitten zu sein. Der Wirt empfing ihn mit ausgesuchter Höflichkeit. Es
ging in dem Lokal etwas laut, aber keineswegs anstößig zu. In der Mitte des
ziemlich kleinen Raumes drehten sich einige Negermädchen und -burschen
im Tanz. Die Musik dazu lieferten ein schwarzer Pianist und zwei ebenso
schwarze Gitarristen. Sie eroberten meine Sympathien sofort. Ich habe
eine große Schwäche für die originellen Rhythmen der Negermelodien. Sie
enthüllen ihren ganzen Reiz aber erst, wenn man sie von Negern selbst
spielen hört. Diese Selbstverständlichkeit und Elastizität der stets
synkopierten Rhythmen bringt ein Europäer nie und nimmer heraus, er mag
noch so musikalisch sein. Furchtbar aber ist es, wenn die Neger anfangen zu
singen. Leider tat das eine anwesende Negermaid. Sie hatte, wie alle ihre
Stammesgenossen, eine grauenhafte Stimme, ein Mittelding zwischen einem
schlecht geschmierten Wagenrad und einem verbeulten Gießkannenrohr.
Trotzdem erntete sie beim anwesenden Publikum rauschenden Beifall.
Wir waren die einzigen Weißen, und wurden von den Nebentischen aus scheel
angesehen. Die Zuvorkommenheit des Wirtes, der uns selbst bediente, mag die
Unzufriedenen im Zaum gehalten haben. Wenn man die Neger en masse beisammen
sieht, kann man den animalischen Vorzügen ihrer Rasse seine Bewunderung
nicht versagen. Es ist ein Vergnügen, diese tadellos gebauten Gestalten
anzusehen, deren Muskelkraft legendarisch ist. Auch die Gesichter der
nordamerikanischen Neger sind nicht häßlich. Die Nasen freilich sind nicht
gerade von römischem Schnitt, doch fehlen die abstoßenden Lippenwülste der
afrikanischen Schwarzen.
Weiße siedeln sich im Neger-Viertel von New York nur ausnahmsweise an. Es
gibt nur wenige Weiße, die die Neger gerne unter sich dulden. Dazu gehören
alle Personen, die irgend etwas mit der Boxerwelt zu tun haben. Der Box ist
das Gebiet, auf dem sich Weiße und Schwarze am besten verstehen, vielleicht
weil sie sich dabei von Zeit zu Zeit gegenseitig halb oder ganz totschlagen
können. Der »berühmte« Ex-Boxer Tom Charkey, in gewissen Kreisen New Yorks
eine der populärsten Persönlichkeiten, der in seinen besten Zeiten
sogar »den« Joe Jeffries umgelegt hat, besitzt ein Café im Neger-Viertel
New Yorks. Ihm galt unsere zweite Visite.
Im kleinen Lokal wimmelte es von Gestalten, denen man sonst wahrscheinlich
mit großem Bogen aus dem Wege gegangen wäre. Der berühmte Mann empfing
uns mit huldvoller Herablassung, spie einen langen braunen Strahl -- das
Resultat eifrigen Tabakkauens -- hinter den Ladentisch, unbekümmert
darum, wohin er traf und setzte uns dann, ohne sich nach unseren Wünschen
erkundigt zu haben, eine Flasche Sekt auf den Tisch. Die trank er
dann nachher mit großem Wohlbehagen selbst aus. Der Mann war überhaupt
klassisch. Er war so durchdrungen von der Unwiderstehlichkeit seiner
Erscheinung, daß er es nicht für nötig befand, irgend etwas zu äußern. Er
saß da, stumm und großartig, spuckte von Zeit zu Zeit aus und ließ sich
bewundern. Doch bewunderten wir mehr die Tragfähigkeit seines Stuhles, der
unter dieser unglaublichen Last nicht zusammenbrach. Unnachahmlich war die
Geste, mit der er in gemessenen Zeitabständen stumm und ernst seinen Arm
über den Tisch herüberreichte, um uns seinen Bizeps befühlen zu lassen,
wobei er wahrscheinlich erwartete, daß wir in Krämpfe des Entzückens und
der Bewunderung verfallen würden. Wer beschreibt unser Erstaunen, als zu
der leisen Musik eines unsichtbaren Orchesters dieser Mann plötzlich zu
singen anfing, und zwar mit einem zittrigen dünnen Fistelstimmchen, das aus
dem Mund eines schwachen Kindes zu kommen schien. Ihn selbst rührte sein
Gesang so, daß ihm eine Träne über das Gebirge seiner Backe lief. Es war
augenscheinlich der letzte Trumpf, den er wohlüberlegt ausspielte, um uns
endgiltig aus der Fassung zu bringen. Das gelang ihm auch, aber in einem
Sinne, der ihm schwerlich lieb war. Zwei Kouplets konnte ich mit dem
nötigen Ernst anhören, doch als ich beim dritten die verzweifelten
Muskelspannungen in meines Gefährten Gesicht bemerkte, war meine Fassung
tatsächlich dahin. Ich mußte aufspringen und mich auf die Straße retten,
sonst wäre ich zweifelsohne in nähere Berührung mit dem soeben befühlten
Bizeps geraten.
Nun brachte uns das Auto quer durch New York in noch entlegenere Gegenden.
An einer Straßenecke hielt es. Den Rest des Weges mußten wir, um nicht
aufzufallen, zu Fuß zurücklegen. Auf den Rat des Detektivs hatten wir
uns schon beim Antritt dieser Fahrt bemüht, unserm Aussehen einen etwas
rowdyhaften Anstrich zu geben. Nun zogen wir die Mützen noch tiefer herab,
schlugen die Rockkragen hoch und schlichen an den Wänden entlang durch
die dunklen Gassen. Hin und wieder begegneten uns ähnliche Gestalten, die
jedoch den Vorzug der Echtheit hatten.
Vor einem Hoftor blieb unser Führer stehen. Nach langem vorsichtigen
Klopfen wurde uns geöffnet. Der sehr wenig einladend aussehende Zerberus
ließ uns herein, nachdem sich unser Führer ausgewiesen hatte. Durch eine
kleine Hintertür betraten wir ein geräumiges Schenkzimmer. Am liebsten
wären wir freilich sofort wieder umgekehrt. Ein lebendig gewordenes
Verbrecher-Album aus dem Kriminalamt schien den Raum zu bevölkern. So
in Freiheit vorgeführt sind die Verbrecherfratzen doch sehr viel weniger
anziehend, als auf dem schönen Glanzpapier der Photographie. Wir
drückten uns scheu in eine Ecke mit dem schlechten Gewissen unbefugter
Eindringlinge. Man sollte das Hausrecht jeder Gesellschaftsklasse
respektieren. Übrigens wurden wir überhaupt nicht beachtet. In dem ganzen
Lokal herrschte Totenstille. Die Leute saßen einzeln und in Gruppen um die
schmutzigen viereckigen Tische und stierten teilnahmslos vor sich hin. Wir
befanden uns dort, wofür Gorki den wunderbar treffenden unübersetzbaren
Ausdruck »na dnje« (auf der Neige) gefunden hat. Gewesene Menschen umgaben
uns. Ihr erloschener Blick verriet keine Möglichkeit von Initiative mehr,
nicht einmal zu einem neuen Verbrechen. Die meisten saßen im Halbschlaf da,
nur wenige hatten ein Riesenglas Bier vor sich stehen, das dort wohlfeil
und schlecht zu 5 Cents verschenkt wird. Unser Führer bedeutete uns, daß
die Besucher dieses Lokals ungefährlich, obgleich der Polizei wohlbekannt
seien. Es waren »gewesene« Verbrecher, deren Energie durch lange
Zuchthausstrafe endgiltig gelähmt war, oder die einfach zu alt waren, um
neue Schandtaten auszuhecken. Der Detektiv holte einige an unseren Tisch
heran und für ein Glas Bier erzählten die Leute bereitwillig aus ihrem
vielbewegten Leben. Ich müßte ein Buch schreiben, wollte ich ihre zum Teil
hochinteressanten Erzählungen wiederholen.
An einem der Nebentische war mir von Anfang an die Gestalt eines älteren
Mannes aufgefallen, der mit einem trotzig-verächtlichen Ausdruck vor
sich hinstarrte und unserem Erscheinen nicht die geringste Aufmerksamkeit
geschenkt hatte. Wäre er nicht so unrasiert gewesen und hätte er einen
weniger zerrissenen Rock und einen weniger schäbigen Hut gehabt, so hätte
man in ihm ebenfalls einen neugierigen Besucher vermuten können. Ja,
mehr als das. Der Mann sah richtig vornehm aus und hatte ein ganz
außerordentliches intelligentes Gesicht. Ich fragte unsern Detektiv, ob er
ihn nicht kenne. Freilich kannte er ihn. Vor zehn oder fünfzehn Jahren war
dieser Bettler eine der geachtetsten Persönlichkeiten der New Yorker
haute volée, Bankdirektor und ein schwer reicher Mann. Infolge einiger
mißlungener grandioser Spekulationen wurde er Wechselfälscher, kam ins
Zuchthaus und jetzt saß er hier. Nur widerwillig folgte er der Einladung an
unseren Tisch. Er sprach kaum ein Wort, nahm aber dankend ein Glas Bier an,
da er sich selbst keines bezahlen konnte. Es machte einen niederdrückenden,
trostlosen Eindruck, in dieser Umgebung einen Menschen zu finden, der in
jeder Geste den Gentleman verriet und der sich mit einer gewohnheitsmäßigen
Bewegung den schmutzigen Kragen zurechtschob, als er an unseren Tisch trat.
Zu helfen war diesem Manne nicht, der jetzt nichts mehr sein konnte, als
ein wandelndes Beispiel der Unerbittlichkeit und Grausamkeit amerikanischer
Lebensverhältnisse. Dennoch verstand ich nur zu gut die Gefühlsregung
meines Gefährten, der gerade diesem Manne, als wir weggingen, seine ganze
Barschaft heimlich in die Rocktasche steckte.
Im nächsten Lokal, das wir aufsuchten, ging es vergnügter zu. Von den
»gewesenen« kamen wir zu den gegenwärtigen Verbrechern. Auch hier galt es,
verschiedene Präliminarien zu erledigen, bevor wir -- wieder durch eine
Hintertür -- in eine Restaurationsstube hineingelassen wurden, in der eine
ausgelassene Fröhlichkeit herrschte. Im dichten Tabaksqualm war anfangs
nichts zu unterscheiden. Eine wenig liebenswürdige Gestalt -- vielleicht
ein Meuchelmörder oder Leichenschänder -- klimperte auf einer Mandoline,
einige junge Burschen stampften dazu einen wilden Niggertanz. Unser
Erscheinen wurde mit Halloh begrüßt. Natürlich waren wir sofort
als »outsider« erkannt, trotz der aufgeklappten Rockkragen und der
Apachenmützen. Vor dem Detektiv, der natürlich auch allen bekannt war,
hatte man nicht die geringste Scheu. Hier waren die Verbrecher bei sich
zu Hause. Um einen von ihnen herauszuholen, dazu hätte es schon eines
beträchtlichen Polizeiaufgebots bedurft, ein einzelner Geheimpolizist
flößte ihnen keinen Respekt ein. Da wir in der Minderzahl waren,
beschlossen wir, uns mit den Herrschaften gut zu stellen, und ließen eine
Runde Bier für die ganze Gesellschaft auffahren. Wir wurden reichlich
belohnt. Es wurden uns zu Ehren Tänze aufgeführt und Lieder gesungen, die
wir sonst sicherlich nie in unserem Leben zu sehen und zu hören bekommen
hätten. Überhaupt kann ich nicht verhehlen, daß die New Yorker Apachen,
wenigstens die jüngeren Jahrgänge, unter sich ein höchst unterhaltendes und
gar nicht unsympathisches Völkchen sind, d. h. solange sie einem nicht an
die Gurgel fahren und die Hände in den eigenen Taschen lassen. Daß sie
die gesellschaftliche Ordnung nicht respektieren, ist schließlich ihre
Privatangelegenheit.
Nicht ohne Freundschaftsbeteuerungen nahmen wir von den Galgenvögeln, deren
Gesellschaft wir bald genugsam genossen hatten, Abschied. Ihre abgefeimten
Gaunerphysiognomien bemühten sich dabei, ehrbar und anständig zu blicken,
was jedoch nur mangelhaft gelang. Auf den Straßen dieser Gegend war uns
entschieden ungemütlicher zumute, als in der verräucherten Kneipe. Das
lichtscheue Gesindel, das unseren Weg auf Schritt und Tritt kreuzte, sah
sehr wenig vertrauenerweckend aus. Als wir wieder im Auto saßen, fühlten
wir uns in Sicherheit.
Die nächste Station war an der Peripherie der Chinesenstadt. Wieder hieß es
aussteigen und ein Gewirr von Gassen und Gäßchen zu Fuß durchwandern. Vor
einem finsteren alten Hause blieb unser Führer stehen. Wir traten durch
das offene Hoftor ein. Durch dunkle Korridore, über schmale Stiegen ging
es immer tiefer ins alte Haus hinein. Wir mußten leise auftreten. Endlich
wurde Halt gemacht. Wir befanden uns in einem schmutzigen Flur, der durch
eine Petroleumlampe -- welch ein Anachronismus anno 1913 in New York! --
nur spärlich erleuchtet wurde. Der Detektiv klopfte an eine kleine Tür.
Nach geraumer Zeit wurden dahinter schlürfende Schritte laut. Ein schmaler
Spalt öffnete sich. Als der Detektiv irgend ein geheimnisvolles »Sesam,
Sesam, tue dich auf« hineingeflüstert hatte, wurde er breiter. Eine alte
Schlampe, auf deren Gesicht alle sieben Totsünden verzeichnet standen, ließ
uns eintreten.
Ein merkwürdig penetranter süßlicher Geruch schlug uns entgegen. Die
Bestimmung des Raumes, der uns aufnahm, ließ sich nicht feststellen. Es war
ein Mittelding zwischen Küche, Vorzimmer und Rumpelkammer. Auf dem Fußboden
lagen zerschlagene Flaschen und zerbrochenes Geschirr, an den Wänden hingen
allerhand phantastische Kleidungsstücke. Was sich sonst noch darin befand,
ließ sich im mystischen Halbdunkel nicht unterscheiden. Das alte Scheusal
von Türhüterin führte uns stumm in den nebenanliegenden Raum. Dort bot sich
uns ein höchst eigenartiges Bild, wie man es sonst nur in bösen Träumen
sieht. Die eine Hälfte des winzig kleinen Zimmers nahm eine mit weichen
Kissen belegte Ruhebank ein. Darauf lagen zwei Chinesen und eine Frau
mittleren Alters. Zwischen ihnen standen zwei Tabletts mit allerhand
geheimnisvollen Gerätschaften, auch zwei trübe brennende Öllampen, die als
einzige Beleuchtungskörper dienten. Die Luft war von demselben süßlichen
aber nicht unangenehmen Geruch geschwängert.
Opium! Der eine Chinese regte sich nicht mehr. Vielleicht schlief er. Aber
auch der andere verriet nicht die geringste Anteilnahme an dem, was um ihn
herum vorging. Mit einer ganz mechanischen Bewegung griff er von Zeit zu
Zeit nach einem Glasstäbchen, tauchte das in ein Flakon mit der braunen
Opium-Salbe, hielt es ohne hinzusehen über die Flamme der Lampe, wo sich
das Opium aufblähte, drehte dann ebenso mechanisch und teilnahmslos eine
Pille, steckte sie in seine Pfeife, die den Kopf merkwürdigerweise in der
Mitte hatte, und sog in fünf bis sechs langen Zügen mit einem ekelhaft
schnarchenden Geräusch den giftigen Rauch ein. Dann sank er wieder
erschlafft in die Kissen zurück, um nach fünf Minuten dieselbe Prozedur
zu wiederholen. Genau dasselbe tat seine Nachbarin, die übrigens ihrer
Kleidung nach entschieden den besseren, wenn nicht gar den sehr guten
Ständen New Yorks angehören mußte.
Der Chinese reagierte auf keinerlei Fragen. Dagegen zog mich die Dame, die
neben ihm lag, selbst in ein Gespräch. Sie pries das Opium als das einzige
Ding, das das Leben lebenswert mache. Sie selbst rauchte seit einigen
Monaten und behauptete, seither der glücklichste Mensch der Welt zu sein.
Jetzt lag sie seit einigen Tagen auf dieser Ruhebank, nahm fast gar
keine Nahrung zu sich, schlief wenig, befand sich aber immer in einem
Dämmerzustande, der ihr die höchsten Glücksempfindungen vortäuschte.
Einen Rausch stellte sie in Abrede. Das sei durchaus nicht die Wirkung des
Opiums. Man verliere nicht für einen Augenblick die Besinnung, genieße aber
unausgesetzt das höchste körperliche und seelische Wohlbehagen. Man
liebt alle Menschen, fühlt sich von allen geliebt, glaubt edel, gut und
tugendhaft zu sein und verlangt vom Leben nichts weiter, als -- eine Pfeife
und ein Flakon von dem süßen braunen Gift.
Je länger man die Opiumdünste einatmet, desto verführerischer erscheint
einem der Geruch. Nur mit Mühe konnte ich der Versuchung widerstehen,
einige Züge aus der mir angebotenen Pfeife zu entnehmen.
In New York wird das Opiumrauchen bekanntlich mit drakonischer Strenge
bestraft. Auf den Vertrieb von Opium stehen als Strafe sieben Jahre
Zuchthaus. Dennoch gelingt es nicht, des Lasters Herr zu werden. Wer ihm
einmal ergeben ist, kann nicht davon lassen, auch wenn man ihn mit der
Todesstrafe bedroht. Woher übrigens unser Detektiv Zutritt zu dieser
Opiumwirtschaft hatte, blieb unaufgeklärt.