für keinen Augenblick. Man hat die ganze Zeit das Gefühl, als stünde
man unmittelbar vor irgendwelchen Katastrophen des allgemeinen oder
persönlichen Lebens, man wird es erst los, wenn man das Schiff besteigt,
um nach Europa zurück zu fahren. Dann atmet man ordentlich auf. Der Grund
dieser sonderbaren Aufregung ist, glaube ich, nicht in der fabelhaften
Großartigkeit des äußeren Stadtbildes, auch nicht im schwindelerregenden
Straßenverkehr und im rasenden Tempo des geschäftlichen Lebens zu
suchen, obzwar auch dieses alles genügt, um in der ersten Zeit ein
Durchschnittstemperament außer Rand und Band zu bringen. Aber schließlich
sind London und Paris auch keine Dörfer, und zu Zeiten geht es dort
ebenfalls recht lebhaft her. Endlich gibt es keinen Radau, an den man sich
nicht gewöhnen könnte. Warum sollte also der New Yorker Straßenverkehr eine
Ausnahme machen?
Nein, der Grund, weshalb man in New York innerlich nicht ruhig werden kann,
liegt darin, daß man den prinzipiellen Unterschied zwischen den Begriffen
»amerikanisch« und »europäisch« fühlt, und sich von Stunde zu Stunde mehr
der unüberbrückbaren Kluft bewußt wird, die unseren guten alten Kontinent
von der neuen Welt trennt, trotz des täglichen Verkehrs, der zwischen ihnen
aufrecht erhalten wird.
Dem Nordamerikaner ist die Psychologie des Europäers ebenso fremd, wie
diesem das Innenleben eines Schimpansen. Man versteht sich gegenseitig
nicht, denn man ist aus ganz verschiedenem Material geknetet. Und
ebensowenig, wie man den einzelnen Menschen versteht, begreift man die
Formen, die das Leben dort angenommen hat. D. h. mit dem Verstande wohl,
nicht aber mit dem Herzen. Das jedoch ist die Grundbedingung dazu, um sich
irgendwo heimisch, oder auch nur gemütlich zu fühlen.
Dieser Umstand braucht einen nicht zu hindern, den Vereinigten Staaten den
Zoll aufrichtiger Bewunderung zu entrichten. Es ist ein wundervolles Land,
und man bedauert vielleicht schmerzlich, daß es einem innerlich immer
verschlossen bleiben muß.
* * * * *
Einen unvergeßlichen Anblick bietet die Bucht von New York, wenn man an
einem sonnigen Sommermorgen die Einfahrt passiert. Weithin sichtbar erhebt
sich die kolossale Freiheitsstatue auf ihrem breiten Granitsockel. Ihr
goldenes Haupt scheint Blitze zu sprühen. Unzählige Dampfer, Segelschoner,
Schaluppen schaukeln sich auf den Wellen, dazwischen schießen pfeilschnell
in allen Richtungen Motorboote und die kleinen Dampfkutter, die den Verkehr
zwischen der Stadt, den vielen Inseln der Bucht und den weiter gelegenen
Vororten vermitteln. Es ist ein unwahrscheinlich buntes und belebtes Bild.
Im Vergleich dazu scheint Cuxhaven der Vorhof einer Toteninsel.
Bald wird die Aufmerksamkeit von der nächsten Umgebung des Dampfers
abgelenkt: vom Morgennebel noch ein wenig verhüllt zeichnet sich die
Silhouette der Stadt in immer deutlicher werdenden Umrissen am Horizont ab.
Im ersten Augenblick ist es schwer, sich über die Linie dieser Silhouette
klar zu werden. Sie hat so merkwürdig viele Ecken und gerade Linien, die
hoch in den Himmel hineinragen. Wenn man näher kommt und einzelne Bauwerke
unterscheiden kann, begreift man, was man vor sich hat.
Das also sind die berühmten Wolkenkratzer! Vom Meer aus erfaßt man ihre
Dimensionen noch ganz und gar nicht. Sie sehen nur so merkwürdig aus, weil
sie vereinzelt dazustehen scheinen, denn die Häuserzeile mit Gebäuden unter
zehn Stockwerken bleibt unbemerkt.
Es dauert überhaupt eine ganze Weile, zum mindesten einige Tage, bis man
das Straßenbild von New York mit vollem Bewußtsein in sich aufzunehmen
vermag. Wir sind solche Dimensionen nicht gewöhnt; der Blick gleitet
darüber hinweg, ohne daß der Verstand erfaßt, was das Auge sieht. Erst
allmählich lernt man begreifen, was man vor sich hat, und erst dann kann
man anfangen zu staunen.
Alle Achtung vor den amerikanischen Architekten, deren berühmtester
übrigens -- eine Frau ist. Sie verstehen es, die kolossalen Steinmassen
so zu gliedern, daß man sich von den enormen Gebäuden, die die Straßen
umsäumen, keinen Augenblick bedrückt oder eingeengt fühlt. Zählen lassen
sich übrigens die Stockwerke der Wolkenkratzer ebensowenig, wie etwa die
Waggons eines vorüberfahrenden Güterzugs. Man hat keine Anhaltspunkte. Ist
man glücklich in die Gegend von zwanzig gekommen, so muß man sicherlich
wieder von vorne anfangen.
Kurz vor unserer Ankunft war das höchste Gebäude New Yorks, auf das sogar
die Amerikaner ganz besonders stolz sind, fertig geworden. Es steht
in vollster Pracht, von Gerüsten befreit, am Broadway da. Es ist die
Kleinigkeit von siebenundsechzig Stockwerken hoch, d. h. es soll so viele
Etagen haben. Nachzählen habe ich sie nicht können. Bei einem Zählversuche
muß hier auch das sicherste Auge versagen, aus dem einfachen Grunde,
weil man in der schwindelnden Höhe der obersten zwanzig Stockwerke keine
einzelnen Fenster unterscheiden kann, man mag noch so weitsichtig sein.
Man kann sich von den Dimensionen des Gebäudes annähernd eine Vorstellung
machen, wenn man erfährt, daß es fast dreihundert Meter, d. h. beinahe
ebenso hoch wie der Eifelturm ist. Da es trotzdem durchaus den Eindruck
eines Hauses und nicht den eines Turmes macht, kann man sich denken, welch
einen enormen Flächenraum es bedeckt. Wie mag es den Leuten zumute sein,
die etwa im sechzigsten Stockwerke wohnen und eine Fernsicht fast bis
Europa genießen? Unsereines hätte sicherlich nicht die innere Ruhe für
solch ein luftiges pied-à-terre, das übrigens in diesem Falle lieber
pied-en-air heißen sollte. Schon der Feuersgefahr wegen. Es brennt in
New York täglich an allen Ecken und Enden, und zwar vorzugsweise in den
Wolkenkratzern. Kein Mensch regt sich mehr darüber auf. Die Zeitungen
registrieren ganz geschäftsmäßig die Zahl der Leichen.
Die Wolkenkratzer in New York rangieren nicht als gleichberechtigt unter
der großen Masse der übrigen Häuser. Sie sind Aristokraten, und werden
individuell behandelt. Bei den Lebenden leugnet die demokratischste aller
Nationen den Adel ab, unter toten Gebäuden schafft sie ihn sich. Das
äußert sich darin, daß jeder »sky-scraper« seinen Namen hat. Dieser Name
bezeichnet entweder den Besitzer des Gebäudes: »Astor-Haus«, oder eine
Bestimmung: »Rubber-building«, »Times-building«, oder ist einfach aus
freier Phantasie geschöpft: »Atalanta«, »Independencia« usw. Dieser Name
genügt natürlich als Adresse, sowohl der Post, als auch den Lenkern der
Verkehrs-Vehikel.
Das Wolkenkratzer-Viertel ist die Geschäftsgegend der Stadt, New York-City.
Es beschränkt sich auf die Straßen, die den Anfang des Broadway
durchqueren. Dieser Broadway ist übrigens eine unfaßliche Straße,
nach europäischen Begriffen wenigstens. Er ist -- sage und schreibe --
45 Kilometer lang. Wenn man als Kind an einem Ende ausgeht, kommt man als
Greis am andern an.
Seine Häuser individualisiert New York, die Straßen dagegen nicht. Es
gibt nur wenig Straßen, die einen Namen haben. Die Numerierung der Straßen
erleichtert einem zwar das Orientieren in der Stadt, hat aber im
übrigen etwas Geisttötendes an sich, ebenso, wie die »Linien« auf dem
»Wassili-Ostrow« in Petersburg. Längelang wird die Stadt vom Broadway
und zwölf Avenuen durchschnitten, von denen nur eine einen Namen hat:
die »Amsterdam Avenue«, quer durch gehen ca. 270 Straßen, deren jede
ihre Nummer hat, durch zwei Zahlen und die Hausnummer läßt sich also jede
beliebige Stelle der Stadt genau fixieren. Dieses Verfahren ist ebenso
bequem wie langweilig, was sich übrigens auch von manchen anderen
»amerikanischen« Einrichtungen sagen läßt.
Von den Avenuen ist die großartigste die berühmte »Fünfte«. Die verwegenste
Rechenkunst muß an dem Exempel versagen, wieviele Milliarden schwer die
Bewohner dieser Straße sind. Im Rayon der ersten siebzig bis achtzig
Querstraßen ist die 5. Avenue die vornehmste Kaufstraße New Yorks.
Die ganze »Rue de la paix« und »Avenue de l'Opéra« von Paris, die
»New-bond-street« aus London haben hier ihre Filialen. Am meisten ins
Auge stechen die fabelhaften Juwelierläden und die märchenhaften
Blumengeschäfte. Nebenbei bemerkt, trägt jede fashionable New Yorkerin, die
die 5. Avenue zu Fuß oder im Auto passiert, einen ziemlich umfangreichen
Blumenstrauß im Gürtel, meistens Orchideen oder Rosen.
Beim sogenannten »Central-Park«, einem entzückend gepflegten
Stadtgarten, beginnt die vornehmste Wohngegend New-Yorks, der Rayon
der »Einfamilienhäuser«. Hier hat sich unter anderem die ganze Dynastie
Vanderbilt angesiedelt. Ein Palast steht neben dem anderen. Jeder Chauffeur
nennt einem die Bewohner der einzelnen Häuser und erzählt gerne und
ausführlich ihre Familiengeschichten. Die Paläste der Dollarkönige zeugen
übrigens von einigem Geschmack der -- Architekten. Nur dokumentiert sich in
fast allen eine gewisse Vorliebe für schwere klobige Steinmassen und wenig
Lichtfreudigkeit. Die Häuser sind meistenteils in etwas finster anmutendem
romanischem Stil erbaut.
Von den Bewohnern weilt übrigens jetzt kein Mensch in der Stadt. Die ganze
5. Avenue hinauf sind alle Fenster ohne eine einzige Ausnahme verhängt.
Ohne sie zu sehen, kennt man diese Bewohner, wenn man einen schwatzhaften
Chauffeur hat. Man weiß auch bald, wieviel Geld sie haben, ob sie in
glücklicher oder unglücklicher Ehe leben, wieviel ihre Häuser gekostet
haben usw. Das teuerste Haus besitzt ein Sohn des berühmten Cornelius
Vanderbilt. Es soll die Kleinigkeit von 7 Millionen Dollar gekostet haben,
sieht aber nicht danach aus. Einen verhältnismäßig bescheidenen Eindruck
macht das Haus des jüngst verstorbenen Pierpont Morgan. Es ist nicht an der
5. Avenue, sondern in einer ihrer Querstraßen gelegen. Der Besitzer hat
die wenig geschmackvolle Idee gehabt, mitten zwischen die umgebenden
Mietskasernen einen griechischen Tempel für seine weltberühmte
Bildergalerie hinbauen zu lassen. Das ganz aus weißem Marmor aufgeführte
Gebäude ist an sich wunderschön, ideal in den Proportionen, rein und
edel in allen Linien, doch nimmt es sich an dieser Stelle aus, wie eine
Edelpalme auf einem Kohlfelde.
Von den öffentlichen Gebäuden New Yorks ist das schönste die
»Carnegie-Hall«, ein stilvoller Tempelbau in der vornehmen Umgebung der
5. Avenue. Er beherbergt unter anderem eine wundervolle Bibliothek, in
deren Zeitungssaal ich täglich die hauptsächlichen Moskauer Zeitungen lesen
konnte.
Schöner noch als die 5. Avenue, wenngleich sie für etwas weniger vornehm
gilt, ist die sogenannte »River-side«, das hochgelegene Ufer des imposanten
Hudson-River. Unter den herrlichen Villen, die dort stehen, erregt am
meisten Bewunderung die Besitzung eines gewissen Mr. Schwab, des getreuen
Mitarbeiters Andrew Carnegies. Es ist eine altdeutsche Burg, ungefähr von
den Dimensionen des Münchener Nationalmuseums.
Entzückend sieht der Hudson-River mit seinen grünen Ufern an sonnigen
Sommertagen aus. Unzählige Segel- und Motor-Jachten beleben seine glänzende
Wasserfläche. Einen unbeschreiblich großartigen Eindruck machen die vier
Riesenbrücken, die ihn überwölben und die Verbindung zwischen New York und
Brooklyn herstellen. Der Anblick dieser zwei Kilometer langen Brücken, die
in kühnem Bogen die beiden gegenüberliegenden Ufer verbinden, und mit
ihren kolossalen Strebepfeilern fast in die Wolken hineinzuragen scheinen,
benimmt einem geradezu den Atem.
Von allen Städten, die mir bis jetzt zu Gesicht gekommen sind, ist
New York bei weitem die internationalste. Jedes Volk fast hat dort
sein Stadtviertel, in dem es seine Eigenart vollkommen bewahrt. Am
interessantesten sind die Stadtviertel der Italiener, Juden, Chinesen und
Neger.
2. HOTELS, ZEITUNGSWESEN, REKLAME.
Der Hotel-Komfort in Europa wird immer raffinierter und raffinierter. Das
verdanken wir den Yankees. Sie sind es »bei sich zu Hause« so gewöhnt und
wollen es in Europa, wenn sie uns mit ihrem Besuch beehren, auch nicht
schlechter haben. Und da dürfen wir nun mitgenießen, obgleich wir es bei
»uns zu Hause« durchaus nicht so gewöhnt sind.
Aber trotz aller unserer Anstrengungen gelingt es uns nicht, die Amerikaner
in bezug auf Hotel-Luxus auch nur annähernd zu erreichen, geschweige
denn zu übertrumpfen. Weder »Cecil« und »Carlton« in London, noch die
glänzendsten Hotels in Paris, noch »Adlon« in Berlin können mit den
amerikanischen Hotelpalästen konkurrieren.
In Amerika geht bekanntlich alles ins Grandiose. Neben der Qualität kommt
auch die gemeine Quantität zu ungebührlicher Bedeutung. Die Sucht nach
großen Zahlen beseelt das Leben und Streben der Amerikaner. Das gilt ganz
besonders auch vom Hotel-Betriebe.
Das »Astor-Hotel« in New York genießt den Ruf »vornehm und ruhig« zu sein.
Was soll man nun dazu sagen, wenn man hört, daß in diesem »ruhigen« Hotel
neun Orchester beschäftigt werden, die zu allen Tages- und Nachtzeiten in
den verschiedenen Speisesälen des Hauses konzertieren. Aber selbst damit
ist dem unersättlichen Musikbedürfnis der Hotelleitung und ihrer Gäste
nicht Genüge getan. Im »Astor-Hotel« steht im großen Bankett-Saal die
größte Orgel der Vereinigten Staaten, ein wundervolles Werk amerikanischer
Orgelbaukunst, auf der ein eigens angestellter Organist -- nebenbei gesagt
ein Meister seines Faches, der mit seinen 6000 Dollar Gehalt gewiß nicht zu
hoch bezahlt ist -- die Tafelfreuden der reichen Yankees würzt.
Während unseres Aufenthaltes im »Astor-Hotel« wurde dort von verschiedenen
offiziellen und inoffiziellen deutschen Vereinigungen das 25jährige
Regierungsjubiläum Kaiser Wilhelms gefeiert. Der gewöhnliche Betrieb des
Hotels erlitt dadurch keine Einbuße. Doch erzählte der Direktor des Hotels
nachher nicht ohne Stolz, daß an diesem Abend Diners für insgesamt 2800
Personen serviert worden waren, womit jedoch das Küchenpersonal des Hotels
und die 600 Kellner keineswegs überanstrengt wurden.
Eine Sehenswürdigkeit von New York ist der »roof-garden«, des
»Astor-Hotels«. Es gibt auch anderswo in der Welt Dachgärten, z. B. in
Petersburg auf dem »Hotel d'Europe«. Doch kann er sich mit der vorwitzigen
Probe amerikanischer Gartenbaukunst auf dem Dache des »Astor-Hotels«
natürlich nicht im entferntesten messen. Schon den Dimensionen nach ist
der »Astor-roof-garden« unendlich viel imposanter. Dort gibt es offene und
geschlossene Wandelhallen, Squares mit wundervollen Blumenrabatten, ganze
Palmenhaine und weiß der Himmel was alles noch. Eine wahrhaft geniale
Einrichtung kann man während der mit Recht berüchtigten amerikanischen
Hitzwellen nicht genug preisen. Ein großer Teil des Gartens hat nämlich ein
Dach aus Glas, und über dieses Dach rieselt ununterbrochen kühles Wasser,
wodurch die Temperatur dort immer erträglich ist. Überdies machen diese
fließenden Wasser abends beim Lichte unzähliger bunter elektrischer Flammen
einen höchst phantastischen Eindruck. Man wähnt sich auf dem Grunde des
Ozeans und wartet auf die Fische und Seesterne, die gleich vorbeischwimmen
werden. Dekoration zu Rheingold, erster Akt. Und das alles in der Höhe des
fünfzehnten Stockwerkes.
Entsprechend diesem Restaurant-Luxus sind natürlich auch die Wohnräume des
Hotels aufs raffinierteste eingerichtet und mit allen Bequemlichkeiten der
modernen Hoteltechnik versehen. Daß jedes Logis sein eigenes Badezimmer hat
und auch im Waschtisch fließendes heißes Wasser, versteht sich in Amerika
von selbst. Weniger selbstverständlich, aber ebenso angenehm ist das
Telephon in jedem Logis, und zwar ein Telephon, mit dem man nicht nur die
Dienstboten anruft, sondern Anschluß nach Chicago, Philadelphia, mit einem
Wort überallhin, wo es Telephonleitungen gibt, haben kann. Elektrische
Glocken sind übrigens verpönt. Auf einen Anruf der Zentrale des Hotels
erscheint prompt der gewünschte dienstbare Geist.
Ein Patent des »Astor-Hotels« ist eine ingeniöse Einrichtung, vermittels
derer jeder Hotelgast sofort erfährt, wenn Post für ihn da ist. Jede Nummer
hat ihr Postfach. Wenn nun ein Brief oder auch nur eine Visitenkarte in das
Postfach hineingeschoben wird, schließt sich eine elektrische Leitung,
und in der betreffenden Nummer leuchtet an der Wand ein Menetekel in
roter Schrift auf: »mail for you in the office«. Natürlich freut man sich
diebisch über diese frohe Botschaft, wenn man abends sein Zimmer betritt.
Ein Ruf ins Telephon, und nach fünf Minuten ist man im Besitze seiner
Briefe.
Dennoch gab es in New York eine Zeit, in der wir sowohl die Post als auch
das Telephon verwünschten. Das war während der ersten vier bis fünf
Tage. Und verekelt wurden uns diese beiden nützlichen und angenehmen
Institutionen durch meine lieben Kollegen -- die New Yorker Journalisten.
Das ist ein Kapitel für sich und sein Inhalt ist tragikomisch. Wenn ich bei
seiner Wiedergabe etwas persönlich werde, werden mir das meine verehrten
Leser hoffentlich nicht verübeln.
Die Amerikaner bilden sich bekanntlich ein, die demokratischste aller
Nationen zu sein. Das hindert sie jedoch keineswegs, einem so dreisten und
naiven Snobismus zu huldigen, wie er in Europa glücklicherweise nur noch
ausnahmsweise vorkommt. Mein Reisekamerad führt vor seinem Namen einen
nach amerikanischen Begriffen außerordentlich hohen Titel. Dieser Umstand
genügte, um bei unserer Ankunft in New York an der Landungsbrücke der
Hamburg-Amerika-Linie ein ganzes Heer von Reportern und Photographen
zu versammeln, denn die Passagierliste des Dampfers war nach New York
telegraphiert worden. Da wir auf diesen Ansturm völlig unvorbereitet waren,
gaben wir den Herren bereitwilligst Auskunft über alles, was sie wissen
wollten, in der Annahme, daß sie sich wirklich für unsere Erlebnisse in den
südamerikanischen Tropen interessierten. Stutzig wurden wir, als auch bei
unserer Ankunft im Hotel, wo wir ebenfalls telegraphisch angemeldet waren,
uns die Visitenkarten einiger Berichterstatter amerikanischer Zeitungen
überreicht wurden. Sie folgten uns auf Schritt und Tritt, wo wir gingen und
standen, assistierten uns beim Frühstück, notierten sich eifrig das Menü,
fragten nach lauter Dingen, die sie ganz und gar nichts angingen und
interessierten sich besonders für unsere Meinung über die amerikanischen
Frauen. Am nächsten Morgen schon durften wir die Früchte dieser aus
angeborener Höflichkeit gewährten Interviews genießen. Alle New Yorker
Zeitungen brachten spaltenlange Artikel, die sich aufs ausführlichste mit
unserer Wenigkeit beschäftigten. Die Phantasie der Reporter feierte dabei
wahre Orgien. Von unseren südamerikanischen Erlebnissen kein Wort, dagegen
die Mitteilung von lauter zu sensationellen Ereignissen aufgebauschten
Nichtigkeiten.
Wir hatten unseren Koffer, der unsere Gesellschaftsanzüge enthielt, nicht
gleich bekommen können und waren infolgedessen gezwungen, in Jackettanzügen
zum Mittagessen im Speisesaal des Hotels zu erscheinen: Daraus wurde ein
fulminanter Artikel: »Russian Prince dining in the Astor-Hotel in a white
flannel suit«. Der phantasiebegabte Journalist schilderte in lebhaften
Farben das Entsetzen, das wir beim maitre d'hôtel hervorgerufen hatten,
das Aufsehen, das wir bei der Tischgesellschaft erregten, zählte die Gläser
»wodki« auf, die wir angeblich getrunken, und die Portionen Kaviar, die wir
gegessen hatten, schilderte dann den Inhalt unserer vierzehn (!) Koffer,
als wenn er sie selbst eingepackt hätte, und schloß mit der weisen
Sentenz, daß wahre Vornehmheit sich auch in einer weißen Flanelljacke nicht
verleugnen könne. Von alledem war nur wahr, daß wir statt in Smokings
in blauen Anzügen klein und bescheiden in einer Ecke des Speisesaales zu
Mittag gespeist hatten.
Ein anderer Reporter ging gleich in medias res. »Russian Prince in
New York not for a bride but for study« war sein Artikel mit Riesenlettern
überschrieben. Darin standen die wunderbarsten Dinge, die wir angeblich
über die Frauen sämtlicher Weltteile und besonders über die amerikanischen
Damen geäußert hatten. Sittliche Entrüstung hatten bei uns der »Tango«,
der »Turkey-Trot« und wie alle diese geschlichenen, geschaukelten und
geschwungenen amerikanischen Schiebetanz-Scheußlichkeiten sonst noch
heißen, hervorgerufen. Dem »Mondscheintanz« (??) der bolivianischen
Indianerinnen gaben wir entschieden den Vorzug. Diesen ganzen Unsinn
hatte sich der kühne Federheld bis auf den letzten i-Punkt aus den Fingern
gesogen.
Noch ein anderer schilderte in tragischen Tönen ein völlig belangloses
Erlebnis: »Real Russian Prince lost in the L-train«, dem die wahre
Begebenheit zugrunde lag, daß wir uns am ersten Abend vergeblich bemüht
hatten, mit den Untergrund- und Hochbahnen nach Coney-lsland zu kommen, was
mißlang, da wir stets in die falschen Wagen einstiegen und von den bis
zur Grobheit unhöflichen Yankees auf keine Weise eine vernünftige Auskunft
erhalten konnten. Lange leutselige Gespräche, die mein Kamerad dabei mit
den Schaffnern und Mitreisenden geführt hatte, erfuhren wir aus diesem
Artikel zum erstenmal.
Da meine Person als solche den amerikanischen Journalisten zu gering
war, avancierte ich je nach Bedarf zum »Baron« oder »Professor«. Ein ganz
dreister Reporter, den ich nie gesehen habe, leistete sich dabei eine
wundervolle Beschreibung meiner äußeren Erscheinung, wobei er sich lange
bei der Schilderung meines wallenden weißen Bartes aufhielt und voller
Rührung erzählte, welch ein herrliches Verhältnis zwischen dem »genial old
gentleman«, dem intimsten Freunde des Grafen Tolstoi (das war ich), und
seinem Schutzbefohlenen (mein Reisekamerad) herrsche und mit welch einer
Andacht der junge Springinsfeld von Prinz die Weisheit von den
Lippen seines »general adviser« lese, der übrigens zuweilen auch als
»safety-brake« (Sicherheitsbremse) zu funktionieren habe.
Zuerst amüsierten wir uns über den Unsinn, dann ärgerten wir uns, endlich
schnaubten wir Wut, besonders als uns auch aus anderen amerikanischen
Städten, Boston, Chicago, Philadelphia Zeitungsausschnitte zugingen,
die denselben haarsträubenden Blödsinn, noch verbrämt und ausgeschmückt,
enthielten. Den ganzen Tag rasselte das Telephon. Erst waren es nur
Reporter, dann Photographen, die uns bei uns, bei sich, vor dem Hotel, im
Auto, auf der Straße, immer unentgeltlich photographieren wollten, dann
klingelten allerhand Agenten, Wucherer, Damen »der Gesellschaft«, die uns
zu Fünfuhr-Tanzkränzchen einluden, verkrachte Russen, darunter ebenfalls
einige Fürstinnen und Gräfinnen, die die unglaublichsten Anliegen hatten
usw. Denn alle Zeitungsartikel erschienen mit voller Nennung unserer Namen
und genauer Angabe der Adresse. Da wir nur wenige gute Freunde in New York
hatten, die der Hotel-Administration ausnahmslos bekannt waren, war es
glücklicherweise nicht schwer, Gegenmaßregeln zu ergreifen. Wir ordneten
kurz entschlossen an, daß kein Mensch, wer es auch sei, empfangen werde
und daß keine Telephonverbindung mit unserer Nummer herzustellen sei. Dann
hatten wir endlich Ruhe. Aber der »Russian Prince« spukte noch lange in den
amerikanischen Blättern.
Für den Snobismus der Amerikaner und ihr Zeitungswesen ist das Erzählte
sehr charakteristisch. Es gibt nur zwei Dinge, von denen sich die
amerikanischen Journalisten nähren: Klatsch und Sensation. Sonst existiert
für sie nichts. Das Niveau aller amerikanischen Zeitungen -- auch der
deutschen -- ist ein geradezu klägliches. Die verpöntesten Pariser
Klatschblätter sind trockene wissenschaftliche Revuen dagegen.