In dieser Kanalzone nun ist das beste und einzig komfortable Hotel Panamas

gelegen. Dort lebt man natürlich, und befindet sich folglich in den

Vereinigten Staaten, spricht englisch, zahlt mit Dollars und wird von

amerikanischen Negern bedient. Ums Haus herum promeniert ein »policeman« in

dem für die nordamerikanische Polizei charakteristischen Tropenhelm. Macht

man jedoch drei Schritte zum Hotelgarten hinaus, so befindet man sich

plötzlich und unvermutet in der spanischen Republik Panama. Will man eine

Auskunft haben, so muß man sie auf spanisch einholen, an den Straßenecken

stehen spanische Polizisten in kühnen Torreadorhüten, macht man einen

Einkauf, so heißt es mit spanischen Pesos bezahlen. Da man aber, vom Hotel

kommend, nie spanische Pesos in der Tasche hat, wird man beim Wechseln

amerikanischer Dollars mit notorischer Sicherheit übers Ohr gehauen. Im

Hotel gibt es nur Goldwährung, in der Stadt jedoch Gold-, Silber- und

Papierwährung. Kurz, es ist ein unbeschreiblicher Kohl, und schließlich

kauft man lieber gar nichts mehr, um nicht eine halbe Stunde lang

Rechenexempel mit Pesos und Dollars lösen zu müssen und in der nächsten

halben Stunde doch zu merken, daß man Golddollar statt Silberdollar bezahlt

hat.

Im übrigen ist Panama ein ganz interessantes kleines Städtchen mit schönen

alten spanischen Kirchen, anständigen Droschken und sogar Automobilen, die

die engen Straßen verpesten. Man hat im allgemeinen durchaus den Eindruck,

daß hier europäische, respektive nordamerikanische Kultur mehr abgefärbt

hat, als in allen Städten der westlichen südamerikanischen Republiken

zusammengenommen.

Wenige Minuten außerhalb der Stadt Panama und der Kanalzone ist das Land

freilich noch ganz wild. Davon konnten wir uns überzeugen, als es uns eines

schönen Tages gelang, ein Unternehmen in Szene zu setzen, auf das wir uns

schon seit Brasilien gespitzt hatten -- eine Alligatorjagd. Alle derartige

Unternehmungen sind hier stets mit solchen Schwierigkeiten verbunden, daß

man von besonderem Glück reden kann, wenn es gelingt, einen gefaßten Plan

auch wirklich auszuführen. Wer hätte, z. B., gedacht, daß man im Lande der

Revolver einen offiziellen Erlaubnisschein zum Tragen von -- Jagdgewehren

braucht. Ich will nicht schildern, was wir zu leiden hatten, bis wir diesen

Erlaubnisschein bekamen. Wer einen russischen Utschastok kennt, weiß genau,

auch ohne daß ich viele Worte mache, wie es in der Kanzlei des »Alkaden«

von Panama hergeht. Doch Beharrlichkeit führte auch hier zum Ziel. Endlich

war alles in Ordnung.

Wohlausgerüstet mit Büchsen, Patronen und Proviant machten wir uns auf den

Weg. Dieser Weg ist nicht ganz kurz. Er führt quer über die ganze Bucht von

Panama, dann vier Stunden stromaufwärts in einem der vielen Flüsse, die den

Isthmus bewässern. Wir hatten ein Motorboot gemietet, dessen Besatzung aus

zwei Mann bestand, die auf die stolzen Namen »Kapitän« und »Mechaniker«

hörten. Leider rechtfertigten sie nachher ihre Titel in keiner Weise. Wir

wußten noch nicht, was uns bevorstand, als unser Boot am Morgen fix und

geschmeidig über die Bucht von Panama dahinglitt, vorüber an glitzernden

kleinen Felseilanden und palmenbestandenen Märcheninseln. Wir freuten

uns über die Morgensonne, die das Meer in eine Fläche flüssigen Silbers

verwandelte, und über die aberwitzigen langgeschnäbelten Pelikane, die in

Scharen unser Boot umschwärmten.

Nach ungefähr fünf Stunden erreichten wir die Mündung des Flusses, dessen

Namen, der nichts zur Sache tut, ich vergessen habe. Das Ufer ist zu beiden

Seiten mit dichtem Urwalde bestanden. Man erwartet nicht, kaum 60 Kilometer

vom kultivierten Panama solch eine Wildnis zu finden. Dieselben dichten

Wände von Schlingpflanzen, die wir vom tropischen Bolivien her genügsam

kannten, machen den Wald unpassierbar. Allerhand merkwürdiges Wassergetier

flatterte von Zeit zu Zeit am Ufer auf. Ich konnte meine Schießgelüste,

die schon bei den Pelikanen erwacht waren, nicht bezähmen und machte einem

wunderschönen schneeweißen Reiher den Garaus. Allerdings hielt ich ihn (er

verzeiht mir diesen Irrtum wohl noch nach dem Tode) für eine wilde Gans.

Er hätte seinen stolzen langen Hals nicht einziehen sollen, wenn er für das

genommen werden wollte, was er war.

Alligatoren gab es in dem breiten Strome, den wir uns hinaufarbeiteten,

keine. Die sollten wir erst an der Mündung eines kleinen Nebenflusses,

tiefer im Lande, finden. Mit begreiflicher Spannung sahen wir diesem

Ziel entgegen. Endlich stoppte der Motor. Es ist 3 Uhr nachmittags. Der

»Kapitän« macht uns auf einige mächtige Baumstämme aufmerksam, die in

einem schmalen Seitenflüßchen unter den überhängenden Schlinggewächsen des

Ufergebüsches daliegen. Hallo, da setzt sich einer von den Baumstämmen

in Bewegung und rudert nach dem anderen Ufer hinüber. Das also sind die

Alligatoren. Donnerwetter! Klein sind sie nicht. Ich hatte sie mir ungefähr

von der Größe der Nilkrokodile gedacht, aber diese »fellows«, wie sie der

Kapitän zärtlich nennt, erreichen eine Länge von mindestens 3-4 Metern.

Imposante Kerle. Doch zeigen sie leider nur ihren Rücken. Wenn man genau

hinsieht, entdeckt man ein schläfrig blinzelndes Auge von der Größe einer

Backpflaume. Und dahinein soll man treffen? Ausgeschlossen, wenigstens bei

der Entfernung, in der wir uns vorläufig befanden, d. h. ca. 150 Schritt.

Um unseren Jagdeifer etwas zu dämpfen, gab uns der Kapitän außerdem die

tröstliche Versicherung, daß es unter allen und jeden Umständen unmöglich

sei, eines Alligators habhaft zu werden, mag man ihn noch so tot schießen.

Er geht sofort unter Wasser und bleibt dort, bis ihn sein aufgeblasener

Leib an die Oberfläche hebt. Dann gab uns der offenbar sehr bewanderte Mann

noch den Rat, zu warten, bis die Ebbe einsetzen würde, d. h. ungefähr drei

Stunden. Bei niedrigem Wasserstand sei Hoffnung, daß sich die Alligatoren

auf den Sandbänken sonnen würden. Nun versuche man, ausgerüstet mit einer

trefflichen Winchester-Büchse, von Alligatoren rings umschwommen, drei

Stunden ruhig zu warten. Schon nach zwanzig Minuten pfiffen wir auf Ebbe

und Sandbänke und befahlen, unsere kleine Nußschale von Ruderboot ins

Wasser zu lassen. Der »Mechaniker« wurde zum Ruderknecht. Die Büchse im Arm

fuhren wir das Flüßchen hinauf. Die ersten zehn Schüsse wurden aus einer

Entfernung von 20-30 Metern abgegeben. Es erfolgte darauf prompt ein

heilloser Skandal im Wasser, mächtige Wellenkreise erfaßten unser kippendes

und schwankes Boot, und wer nicht mehr zu sehen war, war der Alligator. Da

sahen wir denn selbst ein, daß die Sache auf diese Weise aussichtslos

war. Wir wappneten uns also mit Geduld und Schweigen und glitten stumm und

regungslos unter den Uferbüschen dahin, jedes Geräusch mit den Rudern wurde

vermieden. Ja ein empörter Blick des Ruderers traf mich, als ich mir eine

Zigarette anzünden wollte.

Da, plötzlich wird er selbst unruhig. Mit einem mehr als ausdrucksvollen

Minenspiel weist er nach einer Stelle des gegenüberliegenden Ufers hin

und lenkt den Kahn in der angedeuteten Richtung. Ich sehe gar nichts, mein

Freund augenscheinlich auch nicht. Halt, da nicht weiter als drei Schritte

vom Steuer ein dicker, grünlicher Balken -- der Kopf eines Alligators mit

geschlossenen Augen. Ich kann mich nicht umwenden, um zu schießen. Mein

Freund sitzt bequemer. Er nähert den Lauf seiner Büchse buchstäblich auf

einen halben Meter dem berühmten Auge und drückt los. Donnerschlag, der

Radau, der sich erhob! Aus Lederstrumpf und Konsorten wußte ich, daß

Alligatoren, wenn angeschossen, die Kähne ihrer Jäger mit Vorliebe

vermittelst des Schwanzes umkippen. Ich sah mich im Geiste schon

zerfleischt und verdaut im Magen des grünen Ungeheuers. Aber nein, Gott sei

Dank, wir leben. Der Alligator leider auch. Mit donnerähnlichem Getöse war

er unter Wasser verschwunden.

Also so geht die Sache auch nicht. Was tun? Wie recht hatte unser Kapitän!

Wir beschließen, das Flüßchen so weit als möglich hinaufzufahren, die Ebbe

abzuwarten und dann mit der Strömung noch lautloser, als vorhin längst

einem Ufer hinabzugleiten. Der Ruderknecht legt sich fester in die

Riemen. Ich tue mir keinen Zwang an, weder mit Zigarettenrauchen, noch mit

Schießen. Mancher exotische Wasservogel muß sein Leben lassen. Das Flußbild

ringsherum ist von einer bezaubernden Romantik. Über unseren Köpfen

schlagen die Kronen der Palmen und Riesenfarren fast zusammen. Der Fluß

fällt rapide. Der Wald am Ufer sieht aus, als sei er auf einem kunstvoll

angelegten Damm aus braunen, schlammbedeckten Pfählen erwachsen.

An der nächsten Biegung scheint der Fluß versperrt durch ein weißliches

Gebirge. Bei genauerem Hinsehen entdeckten wir, daß dieses Gebirge auf uns

zuschwimmt. Es ist der himmelwärts gekehrte Bauch einer Alligatorleiche.

Das Tier ist von einer unheimlichen Größe, wir müssen unser Boot dicht ans

Ufer drängen, um den Kadaver vorbei zu lassen. Er nimmt die ganze Breite

des Flusses ein. Darauf sitzt krächzend ein Schwarm von zwanzig oder

dreißig Aasgeiern. Scheußliche, kahlhalsige Tiere. Ich töte mit einem

Schrotschusse vier. Die anderen fliegen träge auf, setzen sich aber sofort

wieder zum leckeren Mal auf das faulende stinkende Fleisch nieder.

Bei der Abwärtsfahrt sehen wir an den Ufern des inzwischen durch die Ebbe

stark verengten Flußbettes eine Unmenge Alligatoren, aber immer nur Kopf

und Rücken. Kein einziger wagt sich auf eine Sandbank hinauf, um seinen

weichen Bauch als bequemere Zielscheibe darzubieten. Wir verschießen

unseren ganzen Patronenvorrat, mehr aus Freude an dem daraufhin

entstehenden Wasserbeben, als in Hoffnung auf Beute. Erst bei der Mündung

des Flüßchens sehen wir den grünlich-blauen Riesenleib eines prächtigen

Alligators, langhingestreckt auf dem sandigen Ufer. Aber ehe wir in

Schußweite sind, gleitet auch die letzte Hoffnung stumm und lautlos ins

Wasser. Ich glaube, das infame Tier hat uns dabei nicht ohne Sarkasmus

angeblinzelt. Die Flintenkugel, die so ein Amphibium ins Gehirn bekommt,

regt es wohl nur zu lebhafterem Denken an, ohne seine Lebensgeister

ernstlich zu gefährden. Und mit Kanonen hatten wir uns leider nicht

bewaffnet.

Es wurde dunkel, und wir rüsteten uns zur Heimfahrt. Dabei hatten jedoch

Kapitän und Mechaniker die Rechnung ohne die Ebbe gemacht. Kurz, nach einer

halben Stunde saßen wir fest. Regungslos, rettungslos, hoffnungslos. Drei

Stunden galt es, zu warten, bis die Flut unser Boot wieder flott machte.

Unsere Mannschaft fand das ganz in Ordnung. Wir nicht. Zumal wir für solche

Extrastationen durchaus nicht genügend verproviantiert waren und sich

Hunger nie fühlbarer macht, als wenn man eine aufregende Jagd hinter sich

hat.

Endlich spüren wir einen Ruck. Das Boot, siehe da -- es bewegt sich,

schwebt. In weniger als zwei Stunden ist die Bucht erreicht. Vertrauensvoll

lassen wir uns ins Meer hinaussteuern. Alles geht glatt, in der Ferne sieht

man schon die Lichter von Panama aufblitzen. Da, auf einmal ruckt und huppt

der Motor so merkwürdig, jetzt setzt er ganz aus, jetzt springt er wieder

an, setzt wieder aus, noch einmal, die Pausen werden immer länger, und

endlich gibt er mit einem langen Seufzerhauche seinen letzten Lebensodem

von sich. Selten ist mir ein Todesfall so nah gegangen.

Was soll ich nun weiter von dieser traurigen Begebenheit erzählen? Um

es kurz zu machen: natürlich gelang es weder dem »Mechaniker«, noch dem

»Kapitän«, den Motor wieder in Gang zu bringen. Diese würdigen Meister

ihres Faches eröffneten uns kaltlächelnd, daß wir die Nacht auf dem Wasser

zubringen würden und hoffen könnten, am nächsten Morgen von irgend einem

zufällig vorbeifahrenden Dampfer aufgesammelt zu werden. Zwar hatte das

Boot einen Mast und auch ein Segel und obgleich niemand zu segeln verstand

(auch der »Kapitän« eingestandenermaßen nicht), zogen wir es auf, aber in

Ermangelung des leisesten Windhauches hing es schlaff und kraftlos herunter

und war nicht dazu zu bewegen, sich zu blähen.

So schaukelten wir denn auf den Wellen als willenloses Spielzeug der

Ozeandünung. Das letzte Butterbrot war längst verspeist, der letzte Tropfen

Tee getrunken. Es gibt Stimmungen, die man »weißglühende« nennt. Als uns

gegen 5 Uhr morgens die Zigaretten ausgingen, glühte ich weiß, schneeweiß,

durchsichtig. Begegnungen mit der Mannschaft vermied ich, um nicht zum

Mörder zu werden. An Schlaf war vor Wut und Hunger kein Gedanke.

Das wundervolle Schauspiel des Sonnenaufganges konnte unter solchen

Umständen natürlich auch nicht gebührend genossen und bewundert werden.

Endlich um 10 Uhr morgens erblickten wir am Horizonte ein anderes

Motorboot, das direkt auf uns zusteuerte: der Besitzer unseres Bootes, von

Sorge um unseren Verbleib erfüllt (wir hatten noch nicht bezahlt), kam uns

suchen. Freundlich war der Empfang, den wir ihm bereiteten, trotz aller

Freude, nicht. Er nahm uns, schuldbewußt, in Schlepptau, und nach drei

langen Stunden kamen wir in Panama an, wo wir uns in die erste beste

Hafenkneipe stürzten.

Darüber, daß wir keinen Alligator mithatten, war der Bootsbesitzer

keineswegs erstaunt. Er erzählte uns zum Trost, daß er vor einigen Wochen

zweiundzwanzig Amerikaner in dieselben Jagdgründe expediert hatte, und

daß sie nach einem mörderischen Feuer von Tausend Schuß ebenso beutelos

heimgekehrt waren wie wir. Vor unserer Abfahrt hatte er uns diese

lehrreiche Geschichte wohlweislich verschwiegen. Und die Moral von der

Geschicht'? Fahr auf dem Meer auf Motorbooten nicht.

18. BRIEF.

VON PANAMA NACH NEW YORK. -- JAMAIKA. -- CUBA.

Da der Kanal noch nicht schiffbar ist, muß der Isthmus im Schnellzuge

durchquert werden. Die Fahrt dauert knappe zwei Stunden. Aus dem bequemen

Pullman-Car läßt man noch einmal die wechselnden Bilder der Kanalbauten

an sich vorüberziehen, denn der Schienenstrang hält ziemlich genau

die Richtung des Durchstiches ein. Die weiten Sümpfe, mit dichtem

Tropen-Urwalde bestanden, bieten stellenweise ein überaus reizvolles

landschaftliches Bild. Beruhigend hinsichtlich der Moskito-Gefahr

wirken die mächtigen Petroleum-Behälter, an denen man von Zeit zu Zeit

vorüberfährt.

Colon, an der atlantischen Seite der Landenge gelegen, ist der

wichtigste Hafen Mittel-Amerikas. Er ist der Knotenpunkt des gesamten

Schiffahrt-Verkehrs zwischen Europa, den Westindischen Inseln, Nord- und

Mittel-Amerika.

Am Pier erwartete uns ein prächtiger neuer Dampfer der

Hamburg-Amerika-Linie »Karl Schurz« -- also benannt nach dem Kölner

Freiheitskämpfer, der in den Vereinigten Staaten zu der Stellung eines

führenden Staatsmannes gelangte und dem kürzlich ein prächtiges Standbild

über der Amsterdam-Avenue in New-York enthüllt worden ist.

Die achttägige Seefahrt von Colon bis New York gehört zu den angenehmsten

Erinnerungen unsrer Reise. Aus Dankbarkeit möchte ich die Hauptursache

unseres Wohlbefindens an Bord des »Karl Schurz« erwähnen. Es war dies

die außerordentliche Liebenswürdigkeit und Zuvorkommenheit des gesamten

Schiffspersonals, vom Ober-Steward bis zum letzten Schiffsjungen. Alle

Angestellten des Dampfers sorgten sich um jeden einzelnen Passagier so,

als hinge von dessen Wohl und Wehe ihr eigenes Seelenheil ab. Herrlicher

Zustand! Ich glaube, ich bin mein Lebtag nicht besser bedient worden, als

im Rauchsalon und im Speisesaale des »Karl Schurz«.

Auf der Route Colon--New York sind zwei Stationen vorgesehen: in Kingston

auf Jamaika und in Santiago de Cuba. Auf Jamaica hatten wir einen ganzen

Tag Aufenthalt. Diese Insel -- wenigstens soviel wir davon zu sehen bekamen

-- ist ein bezauberndes Fleckchen Erde. Vom ersten Schritt an, den man auf

Jamaica tut, spürt man mit Behagen, daß die spanische Lotterwirtschaft, die

einem manche Strecken Süd-Amerikas verekelt, aufgehört hat.

Englische Kultur weit und breit. Ihre Vorzüge kann man erst richtig

ermessen, wenn man sie sechs Monate lang entbehrt hat.

Eine mehrstündige Automobilfahrt führte uns weite Strecken am Ufer der

Insel entlang. Zum ersten Mal konnten wir über die Herrlichkeiten einer

_gepflegten_ Tropen-Flora staunen. Es ist bekanntlich eine Spezialität der

Engländer, die Natur in Parks zu verwandeln. Das haben sie auch auf Jamaika

fertig gekriegt.

Samtene Rasenflächen -- echte »greens« -- dehnen sich kilometerweit um die

Fahrwege, die, nebenbei gesagt, von vorzüglicher Beschaffenheit sind. Die

Palmenhaine sind überall vom Unterholz sorglich gereinigt. Blühende Hecken

phantastischer Tropenblumen ziehen sich an den Wegen entlang. Man erhält

den Eindruck, als sei die ganze Insel ein großer wohlgepflegter Garten. Aus

dem Grün blickten überall saubere Villen hervor, deren Bauart vollkommen

dem Stil englischer Landhäuser ähnelt.

Das Ziel unserer Fahrt war eine hügelige, mit dichtem Walde bestandene

Landzunge, die wir in den Ozean hineinragen sahen. Wer beschreibt unser

Erstaunen, als wir erfuhren, daß dies der Aufenthaltsort englischer

Zwangssträflinge sei! Wäre nicht die in der Tropenglut doch einigermaßen

erhitzende Arbeit im nahen Steinbruch, so möchte man fast einen kleinen

Einbruch verüben, um für ein Weilchen hierher deportiert zu werden.

Die Stadt Kingston bietet nichts besonders Bemerkenswertes. Der Eindruck,

den man von ihr davonträgt, ist der einer Farbe: Weiß. Weiß sind alle

Häuser, weiß die Straßen, weiß ist der Staub, der von Automobilen und

verschiedenerlei Fuhrwerken in sehr reichlicher Quantität aufgewirbelt

wird, weiß ist die Kleidung aller Passanten männlichen und weiblichen

Geschlechts. Nur eines ist nicht weiß: die indigene Einwohnerschaft der

Stadt. Die ist nämlich schwarz. Übrigens sind die Jamaika-Neger grauenhaft

häßlich, besonders die Frauen, die ja überhaupt bei allen »wilden« Völkern

nie und unter keinen Umständen Anspruch darauf erheben können, das schönere

Geschlecht zu sein.

Ich ahne, daß man von mir erwartet, ich solle nun etwas vom Jamaika-Rum

erzählen. Leider kann ich diesen Wunsch nicht erfüllen. Von diesem Trost

aller Grogtrinker habe ich auf Jamaika nicht mehr gesehen als in Europa.

Eher weniger. Vielleicht, weil die dampfende Hitze hier jeden »Nasenwärmer«

völlig überflüssig macht.

Als wir zum Dampfer zurückkehrten, erwartete uns ein eigenartiger Anblick:

eine schier endlose Negerprozession wanderte vom Hafenquai zum Dampfer.

Jeder trug einen Bananenkolben auf dem Kopfe. Vor dem Laderaum des

Zwischendecks stand ein enormer Neger, mit einem langen Schlachtmesser

bewaffnet. Damit hieb er nach dem Kopf jedes vorüberziehenden

Prozessionsmitgliedes. Man glaubte, sie müßten alle enthauptet in die

Luke purzeln. Das taten sie jedoch nicht. Es stellte sich heraus, daß der

grimmige Henker nur die Strünke der Bananenkolben abschlug. Jeder Neger

nahm seinen Strunk wieder mit. Er mußte ihn am Ladeplatz abliefern, um

einen neuen herübertragen zu dürfen. Eine höchst primitive, aber unfehlbare

Ehrlichkeitskontrolle.

An Kuba habe ich nur eine dumpfe Erinnerung, obgleich der Besuch dieser

Insel wenige Tage zurückliegt. Mir kommt es immer noch merkwürdig vor, daß

ich Santiago wirklich lebend verlassen habe.

So was an Hitze! Dagegen erschien die Treibhaus-Atmosphäre des Mapiri-Tales

als Eiskellerluft.

Ein Halbkreis blendendweißer Kalksteinfelsen umgibt die Stadt. In diesem

Fokus sammelt die Sonne ihre sengenden Strahlen. Der Boden, den man

betritt, scheint weiß zu glühen. Den Druck der heißen Luft auf dem Kopf

empfindet man als physischen Schmerz.

Um vom Hafen in die Stadt zu gelangen, muß man einen zirka zweihundert

Schritte breiten Platz überschreiten, der den Sonnenstrahlen schutzlos

preisgegeben ist. Trotz eines reichlichen Aufgebots von Energie konnte

ich den Entschluß nicht fassen, mich auf diesen Platz hinauszuwagen. Ich

fühlte, daß ich die andere Seite nicht lebend erreichen würde und umschlich

ihn mit großem Bogen im kümmerlichen Schatten der Hauswände.

Kuba ist das Eldorado aller Tabakraucher. Die Kuba-Zigarren hatten auch

mich verlockt, den Dampfer zu verlassen. Nachdem ich meinen Einkauf in halb

besinnungslosem Zustande besorgt hatte, eilte ich -- soweit die Temperatur

das zuließ -- auf den Dampfer zurück.

Von Santiago habe ich infolgedessen wenig gesehen. Hatte auch keine

Sehnsucht, die Tiefen der engen Gassen zu erforschen. Die Stadt macht einen

unappetitlichen, unordentlichen Eindruck. Sie scheint ein einziger großer

Drogenladen zu sein: überall stehen Fässer, Kisten, Kasten, Warenballen,

Tonnen, Flaschenkörbe umher. Die Straßen werden, scheint's, nie gefegt.

Spanische Wirtschaft!

Entschädigt wird man dafür durch das reizvolle und malerische Bild, das die

Insel darbietet, wenn der Dampfer in langsamer Fahrt die Bucht von Santiago

verläßt. Die Ausfahrt ist übrigens so schmal, daß man wetten wollte, unser

Kapitän würde sein Schiff nicht durchzwängen. Wider Erwarten gelang es

doch. An einer Seite des Felsentores steht eine spanische Festung. Mit

einer Batterie kann man hier eine ganze Armada in Schach halten.

Auf der Fahrt von Colon nach New York erlebten wir unseren ersten

regelrechten Sturm auf dem Ozean. Die Wellen, die übers Schiff sprangen,

verwandelten das Promenadendeck in eine Schlittschuhbahn -- ein Umstand,

der von allen Pikkolos und Schiffsjungen, soweit sie seefest waren,

natürlich eifrigst ausgenutzt wurde. Den ganz Geschickten gelang es, unter

dem Druck eines Windstoßes ohne Aufenthalt vom Vorderdeck bis zum Heck zu

schliddern. Ein pudelnasser, aber zweifellos sehr vergnüglicher Sport.

Er mußte eingestellt werden, als der Dampfer sich gar zu steil zu bäumen

anfing. Es war ein wundervolles Schauspiel, wenn sich die Spitze des

6000-Tonnen-Schiffs so tief senkte, daß es regelrecht Wasser schöpfte, und

der schäumende Gischt sich wie ein Sturzbach vom Bug zum Steuer ergoß.

Das Betreten des Deckes war unter solchen Umständen natürlich verboten.

Übrigens gab es unter den Passagieren nur sehr wenige, die dieses Verbot

hätten übertreten können.

Erst wenn man den Ozean im Sturm gesehen hat, weiß man, wie großartig schön

er sein kann. Nur den ganz Gewaltigen raubt ein Zornesausbruch nichts von

ihrer Majestät.

~Tafel 16~

[Illustration: ~JAMAICA~]

19. BRIEF.

NEW YORK.

1. DER ERSTE EINDRUCK.

Schon vierundzwanzig Stunden, bevor man die Metropole der Vereinigten

Staaten zu Gesicht bekommt, bemächtigt sich des Reisenden eine

unerklärliche Unruhe. Selbst wenn man vorher unter den abenteuerlichsten

Bedingungen einen ganz fremden, ebenso phantastischen wie interessanten

Kontinent -- Südamerika -- bereist hat. Trotzdem fühlt man es deutlich: das

eigentliche Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten beginnt erst

mit den Vereinigten Staaten, präziser ausgedrückt mit -- New York.

Dieses Vorgefühl trügt in der Tat nicht. Überall in Südamerika, in den

Städten und selbst in der Wildnis, gelingt es, wenngleich nicht immer ohne

Anstrengung, irgendwelche Anknüpfungspunkte mit dem europäischen Leben

zu finden. Die Vergleichsmöglichkeit überhaupt ist gegeben. In New York

dagegen muß man von vornherein darauf verzichten, mit den uns gewohnten

Lebensbedingungen Vergleiche anzustellen. Mir wenigstens ist es so

ergangen.

Ich habe mich nirgendwo, weder in den argentinischen Pampas, noch in den

Urwäldern Boliviens, weder auf dem ungastlichen Rücken der Kordilleren

noch im buntbewegten Panama so fremd, so wenig heimisch gefühlt, wie in

New York. Und dieses Gefühl ist nicht geschwunden, obgleich ich in

New York länger geblieben bin und bessere Gelegenheit hatte, mich mit

allen Lebensbedingungen vertraut zu machen, als in irgend einer der

südamerikanischen Städte.

Rund um Süd-Amerika: Reisebriefe · 第 12 / 16 段