ballten sich zusammen und krönten die Bergspitzen, die uns umgaben. Der
Himmel wurde klar. Eine Symphonie von Blau und Weiß ringsumher, wie man sie
in solch makelloser Reinheit und Schönheit wohl selten zu sehen bekommt.
Schade, daß es zu kalt war, um dieses einzigartige Bild lange zu genießen.
Uns fehlten seit einigen Tagen auch die künstlichen Wärmemittel. Ein
Gemisch aus Brennspiritus und Wasser war doch nur ein sehr mangelhafter
Ersatz für Whisky und Kognak.
Abgestiegen und im Laufschritte hinunter! Die Wärme, nach der wir uns so
sehnten, wurde uns bald im Übermaße zuteil. Die fünf Stunden Abstieg vom
Yachazani-Paß nach Sorata bringen einen in dieser Jahreszeit aus Eis
und Schnee direkt in die Tropentemperatur von 30-35 Grad Celsius -- ein
Temperaturwechsel, wie man ihn schärfer anderswo kaum erleben kann.
Ein Kleidungsstück nach dem anderen wurde den Mulas aufgeladen, bis das
Tropen-Déshabillé glücklich wieder erreicht war.
Kurz vor Sorata, beim Passieren eines Indianerdorfes, hatten wir
Gelegenheit, das höchst interessante Leben und Treiben bei einer
indianischen Festlichkeit mitanzusehen. Es wurde eine Hochzeit gefeiert.
Das gibt sämtlichen Bewohnern des Dorfes Anlaß, nicht mehr und nicht
weniger als eine volle Woche lang sich unentwegt zu betrinken und ebenso
unentwegt zu tanzen. Was die Indianer im Tanzen leisten können, grenzt
ans Unwahrscheinliche. Es gibt Burschen, die von Sonnenaufgang bis zur
Dunkelheit in unausgesetzter Bewegung sind. Eine Art Extase, ähnlich dem
Delirium der indischen Drehderwische, scheint sie zu überkommen. In
Gruppen von zehn bis fünfzehn Mann drehen sie sich in langsamen gemessenen
Bewegungen, deren Tempo nur selten gesteigert wird, im Kreise und um die
eigene Achse herum. Sie sind alle im Festtagskleide, oder irgend einem
spezifisch indianischen, phantastischen Maskenanzuge. Hier ist eine Gruppe
im herrlichsten Federschmuck, auf dem Kopf ein meterhoher Aufputz von
vielfarbigen Papageifedern, der Oberkörper nackt, von der Taille bis zu
den Knien wieder eine Art Ballettröckchen von grellgrünen oder roten, in
dichten Kränzen aneinandergefügten Federn. Dort eine andere Gruppe hat sich
mit Tigerfellen geschmückt. Sie haben eine Art Panzer aus den harten Fellen
gebogen, der in Beulen von Rücken, Schultern und Brust absteht, die Beine
stecken in Hosen und nur die Rückseite ist mit einer mächtigen grünen
Federtournüre ausgestattet. Die Kerls sehen aberwitzig aus, drehen sich
stieren Blickes in die Runde, wobei sie sich auf langen Flöten eine
grauenhaft mißtönende Musik selber liefern.
Eine andere Gruppe hat abschreckende Tier- und Teufelsmasken vorgebunden,
sie schwingen dreigezackte Kriegsspeere und springen mit unmelodischem
Geheul regellos durcheinander. Der ganze Dorfplatz scheint sich zu drehen.
Dem Zuschauer wird nach zehn Minuten schwindlich zu Mute, man begreift
nicht, wie es die Tänzer stundenlang aushalten, ohne Rast und Ruhe in die
Runde zu wirbeln.
Hin und wieder verläßt eine Gruppe den Platz, torkelt und taumelt
im Gänsemarsch durch ein paar Straßen, um jedoch bald wieder auf den
Ausgangspunkt zurückzukommen. In einigen Gruppen machen Knaben von zehn
Jahren aufwärts mit. Nur sekundenlang sind die Pausen, in denen ein tiefer
Zug aus der kreisenden Flasche mit Patinno-Schnaps getan wird. Die Tänzer
scheinen alle total vertiert, in Blick und Ausdruck haben sie nichts
Menschliches mehr an sich. Seit vier Tagen erlebt keiner von ihnen eine
nüchterne Minute. Doch sind es ausschließlich Männer, die sich an diesem
wahnwitzigen Treiben beteiligen. Die Frauen halten sich zaghaft im
Hintergrunde. Sie sehen mit glänzenden bewundernden Blicken ihre
taumelnden Ehegesponse an und sind glücklich, wenn sie die vor Erschöpfung
niedersinkenden Tänzer mit einem Schluck kühler »Chicha« wieder auf die
Beine bringen dürfen. Vor Zuschauern haben diese exotischen Tänzer übrigens
nicht die geringste Scheu, auch nicht vor photographischen Apparaten. Mir
schien, daß kein einziger von ihnen mehr begriff, was überhaupt um ihn
herum vorging.
Gegen 5 Uhr nachmittags erreichten wir Sorata und das gastliche Haus seines
»Königs« G. Das Städtchen erschien nach den kulturellen Entbehrungen
der letzten fünf Wochen wie ein kleines Paris. Ich glaubte, nie einen
herrlicheren Konzertflügel unter den Händen gehabt zu haben, als das alte
gelbgezähnte Scheusal von Pianino, das dem Salon des G.'schen Hauses als
Zimmerzier diente.
Wir waren in Sorata an einem aufregenden Tage angelangt, dem Tage der
Präsidentenwahl. An diesem Tage herrschte in Sorata eine ganz fürchterliche
Besoffenheit. Soweit die indianischen Bewohner der Stadt nicht in der Gasse
lagen, zogen sie mit Pfeifen, Singen und Gebrüll durch die Straßen und
trugen den Kaufpreis ihrer Wahlzettel aus einer Kneipe in die andere.
Bis in den frühen Morgen hörte man an allen Enden und Ecken der Stadt das
unmelodische, sinnlose Geklimper der »Charangos«, einer Art Gitarre, deren
Leib aus dem Panzer eines Gürteltieres besteht, dem beliebtesten Instrument
der städtischen Indianer.
Im gastfreien Hause des »Königs von Sorata« durften wir uns, dank der
überaus liebenswürdigen Einladung des Hausherrn, drei Ruhetage gönnen.
Wir konnten sie nach den Strapazen des zweiten Kordilleren-Überganges
gut gebrauchen. Es würde zu weit führen, wollte ich noch alle die schönen
Ausflüge, die wir zu Fuß und zu Maultier von Sorata aus machten, im
einzelnen beschreiben. An den Abenden versammelten wir uns meist auf der
luftigen Terrasse des Hauses, die in einen paradiesischen Tropengarten
hineinragt, zu einem echt deutschen Skat. Das heißt ganz deutsch war er
nicht immer. Wenn der spanische Arzt des Städtchens zu unseren
Partnern gehörte, wurde auf spanisch gespielt. Die spezifisch deutschen
Skatausdrücke nehmen sich in der Sprache des Cervantes höchst kurios aus:
»sastre« (Schneider), »negro« (schwarz), »curazon« (Herzen) usw.
Erst am vierten Tage wurde uns gestattet, von einer langentbehrten
Kulturerrungenschaft -- dem Telegraphen -- Gebrauch zu machen, und eine
Kutsche von La Paz nach Achecachi zu bestellen. Bis Achecachi mußten
wir noch einen Tag per Maultier reisen. Nicht ohne Bedauern nahm ich --
sicherlich für lange, wenn nicht für immer -- von dieser Verkehrsmethode
Abschied. Hat man sich erst an den Fischgabelsitz in den bolivianischen
Gebirgssätteln gewöhnt und sein Temperament dem des Maultieres angepaßt, so
ist es ein Hochgenuß, langsam und gemütlich durch die herrliche Gebirgswelt
der Kordillere zu reiten. Auf den Weg braucht man nicht aufzupassen. Das
besorgen die Tiere. Man genießt die wundervoll reine Luft, die wilde weite
Aussicht und läßt seine Gedanken weithin in die Ferne schweifen.
Die Reise bis La Paz verlief ohne bemerkenswerte Erlebnisse. Kurz vor der
Stadt, noch im Wagen, überfiel meinen Gefährten ein heftiger Fieberanfall,
dasselbe Schicksal ereilte gleich nach der Ankunft in La Paz noch einen
Teilnehmer unserer Reise, den kerngesunden und vergnügten Sch. Übrigens
sind die unvergeßlichen Eindrücke solch einer Reise im Tropengebiete mit
ein paar tüchtigen Schüttelfrösten nicht zu teuer bezahlt.
~Tafel 13~
[Illustration: ~Sonnenaufgang beim Yalhazani-Paß (Bolivien)~]
[Illustration: ~Frühstückspause~]
[Illustration: ~Indianisches Denkmal~]
~Tafel 14~
[Illustration: ~Indianisches Stubenmädchen in Sorata~]
[Illustration: ~Der Balzero »Sonnenschein«~]
[Illustration: ~Indianerin beim Maismahlen~]
16. BRIEF.
IM SCHNELLZUG DURCH PERU. -- DER TITICACA-SEE. -- MOLLENDO. -- LIMA.
Der Abschied von La Paz wurde uns schwer. Nicht ohne Wehmut schieden wir
von Bolivien. Erstens mußten wir uns nun von unseren beiden Reisegefährten
und den zahlreichen lieben Freunden, die wir uns während des ziemlich
langen Aufenthaltes in La Paz erworben hatten, trennen. Zweitens scheint
uns -- hoffentlich zu Unrecht -- daß der interessanteste Teil der Reise
jetzt hinter uns liegt.
Die Verbindung zwischen La Paz und der peruanischen Küste kann keineswegs
bequem genannt werden. Sie besteht aus drei Etappen: Eisenbahnfahrt bis
zum Titicaca-See, Dampferfahrt über den See nach Puno, Eisenbahnfahrt
vom Peruanischen Ufer des Sees bis zur Küstenstadt Mollendo. Nun scheinen
leider die drei Betriebsgesellschaften in Fehde miteinander zu leben. Man
kann nie mit Sicherheit darauf rechnen, daß man Anschluß findet. Verspätet
man sich auf einer der beiden ersten Etappen, so ist man verloren, denn die
Dampfer auf dem Titicaca-See und die peruanischen Schnellzüge verkehren
nur zweimal in der Woche. Gewartet wird nicht. Das ist besonders ärgerlich,
wenn man in Mollendo einen bestimmten von den auch nicht allzu häufig
verkehrenden Küstendampfern erreichen will.
Die bolivianische Hochebene, die wir zweimal im Wagen passiert hatten,
durchquerten wir nun im Eisenbahn-Coupé. Kein Mensch wird behaupten, daß
der enge Waggon mit seinen schlüpfrigen Wachstuchpolstern bequemer wäre,
als der geräumige Phaeton. Aber reizvoll war die Fahrt auch so. Zum
letzten Mal verabschiedeten wir uns vom majestätischen Illimani und seinen
schneegekrönten Trabanten.
Die interessanteste Station auf dieser Eisenbahnfahrt ist Tiguanaco --
eine uralte, von Einwohnern fast verlassene Inka-Stadt. Als der Zug hielt,
stürzte eine Horde schmutziger Indianerbuben in den Waggon herein. Mit
ohrenbetäubendem Geschrei priesen sie »Reiseandenken« an, zerbrochene
Löffel und verrostete Stricknadeln, die sie für Pfeilspitzen und
prähistorischen indianischen Hausrat ausgaben. Als Goldplättchen alter
Inka-Schätze konnte man zusammengeknetete Kapseln von Subercaseaux- und
Santa Rita-Flaschen, chilenischen Weinsorten, erstehen. Ja, an diesen
Plätzen eines lebhafteren Fremdenverkehrs muß man beim Einkauf von
Antiquitäten vorsichtig sein.
Die Stadt Tiguanaco mit ihren grandiosen Inka-Ruinen, die nun allerdings
fraglos echt sind, bietet von weitem einen sehr pittoresken Anblick. In der
Nähe konnten wir sie leider nicht besehen.
Den Titicaca-See erreichten wir nach Anbruch der Dunkelheit.
Glücklicherweise verspäteten wir uns nicht und fanden im Hafen einen zwar
sehr kleinen, aber äußerst appetitlichen Dampfer vor, der natürlich
»Inka« hieß. Die Pietät, mit der man dieses durch die brutalen Eroberer
ausgerotteten stolzen Volksstammes gedenkt, ist wirklich rührend.
Die Überfahrt über den Titicaca-See dauerte eine ganze Nacht. Es war
herrlichster Mondschein, als der »Inka« seine Anker lichtete. Die schwarze
Silhouette der Königskordillere hob sich ordentlich gespenstisch vom hellen
Nachthimmel ab. Wie ein silberner Strom teilte die glitzernde Mondstraße
die unergründlichen schwarzen Fluten des Sees. Allmählich verdüsterte sich
jedoch der Himmel. Es wurde empfindlich kalt und windig, die Fahrt des
»Inka« immer weniger stolz und immer unruhiger. Plötzlich setzte ein
regelrechter Schneesturm ein. Nicht schnell genug konnte man in die winzige
Kabine flüchten. Kolossale Schneemassen fegten über das Verdeck. Man muß
in dieser Gegend auf die merkwürdigsten Überraschungen gefaßt sein. Am
nächsten Morgen noch lag auf Bug und Achterdeck des Dampfers eine dichte
Schneedecke, die die Sonne freilich schnell zum Schmelzen brachte.
Die Eisenbahnfahrt vom Ufer des Titicaca-Sees an die peruanische Küste
des Stillen Ozeans ist sicherlich eine der schönsten, interessantesten
und aufregendsten, die man auf den fünf Erdteilen machen kann. Der
Höhenunterschied zwischen beiden Endstationen beträgt mehr als 4000
Meter. Man legt die Strecke in ca. 12 Stunden zurück. Der Zug rast mit
atemversetzender, echt amerikanischer Geschwindigkeit vorwärts, obgleich
der Winkel des Gefälles oft ein beträchtlicher ist, und kühne Kurven das
Geleise nur meterweit an gähnenden Abgründen vorbeiführen. Die Passagiere
des Pullman-Wagens fliegen von ihren Sesseln nicht selten unerwarteter und
meistens unerwünschter Weise einander in die Arme. Zwischendurch promeniert
der Schaffner und erzählt in lässigem Spanisch wenig erheiternde Anekdoten
von abgestürzten Eisenbahnzügen.
Die ganze Fahrt über hat man die herrlichste Hochgebirgs-Landschaft vor
Augen. Ein Panorama mit den charakteristischen, schon oft geschilderten
Farbenspielen der Kordillere. Hier ist die Färbung vorzugsweise hellrosa
oder rötlich braun. Weite Strecken des Gerölls sind mit feinem hellgrauen
Sande bedeckt. Es sieht aus, als hätte man Decken aus zartestem
schwedischen Leder über die Berge gebreitet. In einigen Talkesseln fegt
der Wind diesen Sand zusammen, und es bilden sich merkwürdige Hügel, die
einander so genau gleichen, als seien sie aus einer Form gegossen. Sie
ähneln den Kratern kleiner Vulkane, oder den Brustwehren alter Burgen, denn
von einer Seite -- woher der Wind weht -- sind sie offen. Natürlich wird
diese Menge von Flugsand dem Bahnbetriebe oft gefährlich.
Der Zug hält auch bei den wichtigsten Stationen, den Schwefelbädern Jura
und der peruanischen »Großstadt« Arequipa nur wenige Minuten.
Arequipa ist im fruchtbarsten Teil des peruanischen Küstengebietes gelegen
(immerhin noch 2500 Meter hoch). Hier fließen eine ganze Menge kleiner
Gebirgsflüsse zusammen. Man kann ihren Lauf vom Eisenbahnwagen aus weithin
verfolgen. Gleich schmalen grünen Bändern ziehen sie sich durch das öde,
unwirtliche Gestein. Fast unwahrscheinlich wirkt dank seiner absolut
regelmäßigen, geradezu mathematisch genauen Kegelform der schneebedeckte
Vulkan Misti, der das Landschaftsbild von Arequipa krönt.
Ein grauenvolles kleines Nest ist die sonnendurchglühte Hafenstadt
Mollendo. Hier muß man seine Ansprüche auf Komfort auf ein nicht mehr zu
unterbietendes Minimum herunterschrauben.
In der Stadt selbst und in ihrer Umgebung fehlt, ebenso wie in
den chilenischen Küstenstädten, jede Spur vegetativen Lebens. Die
Sonnenstrahlen prallen überall auf nacktes Gestein und strahlen mit
verdoppelter Glut zurück. Ganz wundervoll ist hier allerdings die
Ozeanbrandung, die himmelhoch über das weit in die See hineingebaute
Hafenbollwerk herüberschäumt.
So schön die Wellen der Brandung aus der Entfernung aussehen, so wenig
angenehm sind sie, wenn man sich auf ihnen schaukeln muß. Und das muß man
leider.
Die Küstendampfer ankern weit draußen auf der Reede. Kleine Ruderböte, die
wie Nußschalen auf den majestätisch dem Ufer zurollenden Wogen herumtanzen,
besorgen den Verkehr mit dem Hafen. Nie in meinem Leben habe ich eine
ungemütlichere Ruderpartie gemacht. Die Böte haben außer dem Ruderknecht
noch eine andere ständige Bemannung: ein bis zwei Knaben, die das immerfort
hereinschlagende Wasser ausschöpfen. Eine nicht geringe Geschicklichkeit
gehört auch dazu, um zu verhindern, daß das Boot beim Anlegen an die
Falltreppe des Dampfers umkippt oder zerschellt. Als ich das gehörig
schwankende Deck der »Orissa« betrat, kam es mir nach dieser fürchterlichen
Ruderpartie vor, als hätte ich endlich wieder festen Boden unter den Füßen.
Die Küstenfahrt bietet keinerlei neue Eindrücke, sondern immer nur dasselbe
Bild, das wir von der Fahrt zwischen Valparaiso und Antofogasta her schon
genugsam kannten. In zwei Tagen brachte uns die »Orissa« nach Callao.
Callao ist der Hafen der peruanischen Haupt- und Residenzstadt Lima.
Hier zum ersten Male zeigt die pazifische Küste Süd-Amerikas ein etwas
freundlicheres Aussehen. Mit Behagen ruht das Auge auf dem saftigen
Grün der üppigen tropischen Vegetation, die sich bis dicht an den Ozean
hinzieht.
Callao und Lima sind durch eine elektrische Bahn verbunden. Die Fahrt
dauert eine knappe halbe Stunde. Von allen Städten der Westküste
Süd-Amerikas ist Lima ohne Frage die europäischste. Breite, gutgepflasterte
Straßen, konventionelle Regierungsgebäude, anständige Hotels, vorzügliche
Läden, Droschken im Stil der Wiener Fiaker, Automobile, gute Restaurants,
in denen die Speisenzubereitung nach den bolivianischen Stiefelsohlen
geradezu raffiniert, lukullisch erscheint. Alles in allem: recht kulturell,
aber -- uninteressant.
Nur eine Merkwürdigkeit, eine »Spezialität« von Lima kann ich nicht
unerwähnt lassen. In einem fashionablen Laden wurde sie uns als
»Reiseandenken« angeboten, jedenfalls war es das sonderbarste Souvenir,
dem ich je begegnet bin, denn es war nichts anderes, als -- der Kopf, nicht
Jochannaans, sondern eines indianischen Mädchens. Keine Nachahmung, kein
Papier-maché, kein bluff, sondern echt. Der Kopf eines einst lebendig
gewesenen Menschen, oder der Kopf einer Leiche, wie man will. Kein nackter
Totenschädel, sondern ein virtuos balsamiertes menschliches Gesicht, mit
Glasaugen und langem Haarschopf. Nur die Haut ein wenig verschrumpft.
Mir schauderte, als ich mir dieses anmutige Reiseandenken auf meinem
Schreibtisch als Briefbeschwerer, oder unter einer Glasglocke in der guten
Stube vorstellte.
Die Europäer in Lima treiben mit diesen Scheußlichkeiten einen
schwunghaften Handel. Der Absatz ist enorm. Die Indianer, die sehr rasch
begriffen, daß ihre Leichenköpfe als Handelsartikel gut bezahlt wurden,
fingen an, Freund und Feind hinzumorden, balsamierten ihre Köpfe ein
und brachten sie in großen Mengen auf den Markt. Da erst legte sich die
Regierung ins Mittel. Jetzt dürfen nur »alte« Köpfe verkauft werden,
während »frische« verpönt sind. Aber wer wagt es zu entscheiden, ob solch
eine Mumie von gestern oder von anno dazumal stammt? Jedenfalls ist der
Artikel rar geworden und infolgedessen im Preise gestiegen. Der Kopf, der
uns angeboten wurde, sollte 50 englische Pfund kosten. Ich hätte ebensoviel
zugezahlt, um ihn nicht zu besitzen.
Mit diesem unappetitlichen Eindruck schieden wir von Lima. Der peruanische
Küstendampfer »Guatemala« nahm uns auf. In acht Tagen soll er uns nach
Panama bringen.
~Tafel 15~
[Illustration: ~INDIANER IM FESTSTAAT (BOLIVIEN)~]
17. BRIEF.
PANAMA UND EINE ALLIGATOR-JAGD.
Durch drei Dinge ist Panama berühmt. Erstens durch den Panama-Kanal,
zweitens durch den Panama-Skandal, drittens durch die Panama-Hüte. Der
Panama-Skandal ist nicht mehr aktuell. Der Panama-Kanal wird es bald sein,
wenn er nämlich wirklich, wie es heißt, im nächsten Jahre eröffnet wird.
Die Panama-Hüte sind es immer und werden es so lange sein, als es für
vornehm gilt, was Besseres auf dem Kopfe, als drin zu haben.
Über den Panama-Skandal werde ich mich nicht verbreiten. Wer sich daran
erquicken will, lese in den betreffenden Jahrgängen der Pariser Zeitungen
nach.
Aber von den Panama-Hüten und dem Panama-Kanal will ich erzählen.
Die Panama-Hüte heißen wahrscheinlich deshalb so, weil sie nicht in Panama
gemacht werden. Ihr Entstehungsort ist die Republik Equador, besonders
die Gegend um Guayaquil und Payta herum. Dort sitzen die fleißigen
Indianerweiber, bleichen und spalten das haarfeine Palmstroh, aus dem ihre
geschickten Finger die kostbaren Kopfbedeckungen flechten. In Panama selbst
ist man dagegen so unnobel, die Hüte, die den Namen der Stadt tragen, mit
einem ziemlich hohen Einfuhrzoll zu belegen. Wer also glaubt, daß man in
Panama »billig und gut« Panama-Hüte kaufen kann, wird an Ort und Stelle
gar bald eines Besseren, oder vielmehr Schlechteren belehrt. Man zahlt
in Panama genau denselben Preis für einen Hut, wie in Europa, nicht unter
10 Dollar für mittelgute Ware. Natürlich gibt es auch hier Hüte, für die
200 Dollar von dreisten Verkäufern verlangt und von verrückten Amerikanern
gezahlt werden. Die Zugehörigkeit von Panama-Hüten zu Panama versucht
man dadurch kenntlich und glaubhaft zu machen, daß man alberne kleine
Reisesouvenirs in Form von Puppen-Panamahüten verkauft.
Was nun den Panama-Kanal anbetrifft, so ist er allerdings sehr großartig
in der Anlage, aber doch nicht so imposant, wie man ihn sich in Europa
vorstellt, oder wie ich ihn mir wenigstens vorgestellt habe. Es ist kein
einheitlicher, schnurgerader Durchstich, der nach dem Prinzip der kürzesten
Linie die Küste des Stillen Ozeans mit der des Atlantischen verbindet,
sondern vielmehr eine Kombination von vielen einzelnen Kanälen und
Schleusen-Systemen, wobei auch die den Isthmus bewässernden Flüsse und
einige kleine Binnenseen als Verbindungswege ausgenutzt sind. Wenn man also
fragt: »Wie breit ist der Kanal?« so muß die Gegenfrage lauten: »An welcher
Stelle?« Die Breite schwankt zwischen 300 und 1000 Fuß, die Länge beträgt
genau 50 englische Meilen. Auch die Tiefe ist keine einheitliche. Das
Minimum sind 41 Fuß, so daß immerhin ganz gewaltige Passagierdampfer und
die größten Kriegsschiffe ihn passieren können. Die flacheren Stellen des
Kanals machen, besonders wenn, wie jetzt, kein Wasser drin ist, durchaus
keinen imponierenden Eindruck. Wenn man sie betrachtet, so muß man sich die
Milliarden ausgebaggerter Kubikmeter Erde vorstellen, um in den vom Führer
verlangten Zustand der Andacht und Bewunderung zu geraten. Mit einem »very
nice«, womit ihn englische und amerikanische Touristinnen unter ihrem
Reiseschleier hervor beglücken, ist er nicht zufrieden. Am sichtbarsten ist
die beim Durchstich geleistete enorme Arbeit, mit der übrigens auch heute
noch über 40000 Menschen beschäftigt sind, bei den Schleusen, die frei
daliegen und mit ihren gewaltigen Mauern und Riesen-Dampfkränen den
Eindruck phantastischer Zyklopen-Festungen machen.
Im Januar 1914 muß der Kanal bekanntlich, laut Kontrakt, dem Verkehr
übergeben werden. Danach sieht er jedoch zurzeit nicht aus. Auf allen
Strecken wird fieberhaft gearbeitet, auf keiner einzigen noch sind die
Arbeiten schon ganz abgeschlossen. An den Schleusen wird gebaut und
gemauert, in den Gräben hocken Tausende von Arbeitern mit Spaten und Hacke,
auf den Seen knattern und rumoren zahllose Baggermaschinen und fördern
Millionen und Abermillionen von Eimern mit Schlamm und Sand ans Tageslicht.
Es ist ein betäubender Betrieb. Das ganze Gebiet des Kanales gleicht einem
riesigen Ameisenhaufen, und ebensowenig wie bei einem solchen kann man
hier bei flüchtiger Betrachtung Plan und Ziel der gemeinsamen Arbeit
feststellen.
Ein äußerst buntes Bild bietet die Schar der Arbeiter. Amerikaner, Japaner,
Chinesen, Neger, Mulatten -- alles wimmelt durcheinander. Betrachtet
man die kräftigen halbnackten Gestalten, so denkt man mit Grausen daran,
wieviele Menschenopfer diese Kraftprobe technischen Vorwitzes gekostet
hat. Zu Hunderttausenden sind die Kanalarbeiter vom Sumpffieber jeder Art
weggerafft worden. Eine Zeitlang stockte ja der Betrieb überhaupt, weil es
unmöglich war, Arbeiter zu finden, die für hohen Lohn den sicheren Tod
in den Kauf nehmen wollten. Dann erst ging man ernstlich daran, die
fieberverpesteten Sumpfgebiete des Isthmus zu sanieren. Dieses
schwierige Werk ist jetzt gelungen und zwar vermittelst selbsttätiger
Petroleum-Pulverisatoren, die in den Wäldern und Sümpfen aufgestellt sind
und im Frühjahr alle Wasserflächen mit einer dünnen Schicht Petroleum
überziehen, unter der sich die Moskitos nicht entwickeln können. Jetzt
gibt es kein Fieber mehr in Panama, denn es gibt keine Moskitos, die die
einzigen Träger der Infektion sind. Die Furcht vor ihnen ist aber noch
nicht ganz geschwunden. Sämtliche Häuser im Kanalgebiete sind mit einem
dichten Schutzgeflecht aus feinstem Draht umgeben. Die Häuser sehen aus wie
große viereckige schwarze Käseglocken.
In wirtschaftlicher und politischer Beziehung ist Panama ein Unikum. Der
Aufenthalt dort hat für den Fremden manche Schwierigkeit. Vor allen Dingen
weiß man nie, ob man sich im gegenwärtigen Augenblick in den Vereinigten
Staaten von Nordamerika oder in der spanischen Republik Panama
befindet. Seit zehn Jahren ist nämlich Panama -- ich wage nicht zu sagen
»bekanntlich« -- eine selbständige Republik. Nur ein schmaler Streifen
Landes, die sogenannte »Kanalzone«, wurde damals den Vereinigten Staaten
abgetreten.