die Erfahrung gewitzigt und wären auch noch früher aufgesprungen, um einer
Verspätung aus dem Wege zu gehen. Es ist nicht leicht, in der Dunkelheit
die Mulas einzufangen, sie zu satteln und zu bepacken. Während wir
unseren Morgenimbiß einnehmen, fängt es an zu dämmern. Wir sehen uns unser
Nachtquartier an. Jetzt erscheint es schon weniger einladend, als gestern
abend. Der Fußboden, oder das was ihn ersetzt, hat vielleicht vor zwei
Jahren zuletzt eine Bürste gesehen. Wenn man ihn näher untersucht, läßt
sich das Menü früherer Reisegesellschaften mit ziemlicher Sicherheit
bestimmen. Über der Tür hängt die Hälfte eines faulenden Balkons. Keine
Fensterscheibe ist heil. (Während ich dies niederschreibe, denke ich
lächelnd daran, daß, als wir fünf Wochen später nach Injenio zurückkehrten,
mein Reisekamerad vor diesem Hause ausrief: »Gott sei Dank, endlich wieder
ein anständiges Lokal!«)
Von den indianischen Ansiedlungen Boliviens ist Injenio unstreitig eine
der interessantesten. Es ist ein altes Inka-Dorf. Aus dem Fluß, den wir am
Abend vorher hatten rauschen hören, haben vor langen Zeiten die »Söhne der
Sonne« unermeßliche Reichtümer an reinem Golde herausgewaschen. Jetzt
ist der Vorrat versiegt. Nur mit großer Mühe gelang es, von einem alten
Indianer einige Körner Flußgold zu erstehen. Oben in den Bergen hofft man,
noch Gänge des edlen Erzes zu finden. Eine amerikanische Gesellschaft
ist eben dabei, mit kolossalem Kostenaufwande oberhalb Injenios einen
maschinellen Goldminenbetrieb einzurichten. Heute noch sieht man beim
Durchschreiten des Dorfes, wie wert den Inkas Injenio gewesen ist.
Imposante Dammarbeiten durchziehen die Gegend, Mauern aus mächtigen
Quadern, in denen die Jahrhunderte keinen Stein haben lockern können. Von
Zyklopen errichtet scheinen auch einzelne Häuser zu sein. Die Inkas wollten
hier für die Ewigkeit bauen. Sie konnten es nicht wissen, daß sie selbst so
viel früher zugrunde gehen würden, als ihre Werke. Noch eine lange Strecke
außerhalb Injenios sieht man am Ufer des Flusses und an den Hängen der
Berge die verlassenen Ruinen alter Inkaherrlichkeit einsam dastehen.
Der Weg, der anfangs am Fluß entlang führt, beginnt wieder sich einen Berg
hinaufzuschlängeln. Bald ist die Vegetationsgrenze erreicht. Nur große
weiße Sternblumen, gleich verkrüppelten Margueriten ohne Stengel, und
rote und violette Gebirgsglocken, unseren Alpenveilchen nicht unähnlich,
bedecken die Abhänge.
Diese zweite Tagereise ist ermüdender, als die erste, geistig noch mehr als
körperlich. Es geht ununterbrochen bergauf und bergab, ohne daß man einen
merklichen Höhenunterschied überwindet. Was man eben gewonnen hat, büßt man
in den nächsten fünf Minuten wieder ein. Schließlich wird man resigniert.
Es ist den ganzen Tag über neblig. Keine Spur von Aussicht. Man sieht nicht
weiter, als hundert Schritte. Gleich feuchten Treibhausdämpfen steigen die
Nebel empor. Sie kommen aus Palmenwäldern und Bananenhainen. Der Weg
wird immer schlechter. Sogar die Mulas stolpern. Alle Augenblicke muß man
absteigen, damit die Mula nicht sich selbst die Beine und dem Reiter den
Hals bricht.
Gegen Mittag setzt ein feiner Regen ein, der immer stärker und stärker
wird. Endlich schüttet es wie aus Eimern. Der Weg ist so schlüpfrig und
glatt, daß man jetzt selbst bei den gewagtesten Passagen den Mulahufen mehr
vertraut, als den eigenen Stiefelsohlen. Man reitet gesenkten Hauptes,
von der Hutkrempe geht es von Zeit zu Zeit wie ein Sturzbach nieder. Gegen
diesen Wolkenbruch schützt auch der »regendichte« Poncho nicht. Man fühlt
sich langsam aber sicher durchweicht, und sorgenden Blicks sieht man, daß
dasselbe Schicksal auch die Schlafsäcke auf den »carga-Tieren« erreicht.
Wenigstens verspäten wir uns nicht. Um 5 Uhr ist das zweite Nachtquartier,
das »Grand Hotel« Tola Pampa, erreicht.
Giftiger Hohn hat einer Scheune, die einsam auf Bergeshöhe steht, einst
diesen hochtönenden Namen gegeben, der ihr seither anhaftet. Als wir das
Haus von Ferne sahen -- 50 Kilometer im Umkreise gibt es kein anderes --
erhoben sich unsere Lebensgeister. Voller Energie ritten wir darauf zu.
Prosit Mahlzeit! Besetzt!
Das »Grand Hotel« -- vier Mauern mit einem Dach darüber -- besteht aus
zwei Räumen. In einem hatten sich sechs Bolivianer niedergelassen, so
fragwürdigen Aussehens, daß man unwillkürlich nach dem Revolver griff. Im
anderen, kleineren, hockten frierend fünf Indianer. Was war zu machen?
Die Bolivianer-Festung im Sturm zu nehmen, trauten wir uns nicht zu. Also
mußten die armen Indios daran glauben. Macht geht hier überall vor Recht,
den Indianern gegenüber natürlich ganz besonders. Wir konnten ihnen nicht
helfen, die armen Burschen mußten hinaus und sich unter der Dachtraufe
niederlassen. Der eine mußte sogar noch den Fußboden aus gestampftem
Lehm reinfegen. Wenigstens sind die Braven an Trinkgeldern nicht zu kurz
gekommen. Dem einen kauften wir für 2 Bobs (zirka 4 Mark) einen Arm voll
trocknen Holzes ab, das er, weiß der Himmel von wo hergenommen hatte, dem
andern einige Stück Brot, wobei allerdings ein ganzer Bob für jedes Stück
zu erlegen war. Der dritte holte uns Wasser von einer ziemlich entfernten
Quelle. Jede Flasche erzielte annähernd den Preis von Münchener
Export-Bier!
Wenigstens waren wir bis auf weiteres vor Wind und Wetter geschützt.
Das hatten wir aber auch sehr nötig. Schlafsäcke und Betten waren total
durchweicht, wir selbst ebenfalls, das einzige Trockne waren die Decken,
die unter den Sätteln gelegen hatten. In keineswegs sehr gehobener Stimmung
ließen wir uns auf unseren nassen Betten nieder. Im Raume nebenan schwelte
das bolivianische Lagerfeuer. Der Rauch drang durch die Mauerritzen und
beizte uns die Augen. Einen Schornstein, oder wenigstens ein Loch in der
Decke hatte das »Grand Hotel« Tola Pampa nicht. Dennoch machten auch wir in
unserer »Nummer« ein Feuer an, was schwierig war, da man sich in dem Räume,
nachdem die Betten aufgestellt waren, kaum herumdrehen konnte. Immerhin
hob sich der Lebensmut ganz beträchtlich, als wir in zwei Kesseln, die
kunstreich an einem nassen Stabe übers Feuer gehängt waren, das Wasser
brodeln hörten. Nun stellte sich zu unserer freudigen Überraschung heraus,
daß preußische Bergassessoren auch mehr können, als Minen-Gutachten abgeben
-- nämlich Suppe kochen! Unser Assessor W. jedenfalls braute aus
Knorrs Suppentafeln, Liebigs Fleischextrakt, Wurstresten, Cornedbeef,
Erbsenkonserven und den Überbleibseln einer einst sehr schönen Hammelkeule
eine Suppe zusammen, die dem maître d'hotel bei Adlon Tränen kollegialer
Rührung in die Augen getrieben hätte. Dieses Meisterwerk der Kochkunst
war unerreichbar. Und als dann das Wasser im zweiten Kessel sich in Grog
verwandelt hatte, der immer mit Whisky »verdünnt« wurde, ward uns immer
»wöhler« zu Mute, wie man hierzulande sagt. Um 8 Uhr lagen wir auf den
nassen Betten, der Ariero, der übrigens seinem ominösen Namen -- Don
Botello (die Flasche) -- alle Ehre machte, als Wächter quer vor der Türe.
Um 4 Uhr am nächsten Morgen rasselte der sorglich auf einem Emailleteller
aufgestellte Wecker. Nicht ohne Bangen traten wir vor das Portal des »Grand
Hotel«. Regnet es immer noch? Nein. Dem Schicksal sei Dank. Ein wolkenloser
Sternenhimmel von großartiger Pracht spannt sich über die Berge. Noch ist
es Nacht.
Als wir zum Ausritt bereit waren, begann ein Naturschauspiel von
unvergeßlicher, geradezu berückender Schönheit -- der Sonnenaufgang. Im
Westen am dunklen Himmel erblich der Mond, im Osten, von tiefschwarzen
Silhouetten der Berge eingesäumt, begann der Himmel sich rot zu färben,
ein Rot von so dunklem satten Ton, als rührte es von einem mächtigen
Kohlenfeuer her. In dieser Farbe leuchteten plötzlich die Schneekoppen der
Hauptkordillere auf. Zu unseren Füßen dehnte sich unübersehbar weit
ein brauendes Nebelmeer aus, das sich wie die Wellenbrandung eines
märchenhaften Ozeans durcheinanderschob, milchig, von fast bläulichem Weiß,
bis auch hier der Lichtschein hindrang und die ganze grenzenlose Fläche
rosenrot färbte. Es war schwer hierbei seine fünf Sinne beisammenzubehalten
und noch dazu auf die Mula aufzupassen, die im unsicheren Morgenlichte
schnuppernd ihren Weg suchte.
In der Ferne auf dem Kamm eines Berges sah man die winzig scheinende
Gestalt eines Indianers stehen. Ich dachte daran, daß diese Naturkinder,
wie man mich versichert hat, heute noch alle Sonnenanbeter sind, trotzdem
viele von ihnen, besonders in den Umgebungen der Städte, natürlich getauft
sind. Und ich dachte daran, daß ihre Religion vielleicht doch nicht so ganz
inferior ist, wie es uns von der Höhe unserer europäischen Weisheit
herab, vielleicht scheinen mag. Naiv genug ist er ja, der Sonnenkultus der
Indianer. Sie bringen ihrem Gott nicht einmal Opfer. Sie beschränken sich
darauf, ihn als Erzeuger und Erhalter der Welt zu bewundern. Der Anschauung
der Indianer nach gehören ihrem Gott alle Dinge, die er zuerst bescheint,
das heißt, alles was sich auf dem Gipfel der Berge befindet. Dieser Gedanke
ist schön und billig zugleich. Vielleicht glaubt der Indianer auch, daß auf
den Höhen der Berge, die so wundervoll im Sonnenlicht glänzen, wer weiß was
für Herrlichkeiten verborgen sind. Denn in den weiteren Postulaten seiner
Weltanschauung ist der Indianer sehr bescheiden. Von den Produkten der
Erde beansprucht er für sich nur die gewöhnlichsten, die ihm zur Nahrung,
Kleidung und Behausung dienen. Alles was kostbar und schön ist, -- das
Gold, die Vicunnas, aus deren samtweichem Fell man die schönen Decken
macht, die noch zarteren Chinchillas usw., alles das gehört ausschließlich
den »Söhnen der Sonne«, den Inkas. Der ordinäre Indianer hat darauf kein
Recht.
Was es mit den Inkas eigentlich für eine Bewandtnis hat, darüber habe ich
übrigens in Bolivien ebensowenig sicheren Aufschluß finden können, wie
in Europa. Die Geschichte des Landes setzt sich aus Legenden zusammen.
Ziemlich allgemein nimmt man an, daß der Stamm der Inkas auf die Bemannung
eines gestrandeten Normannen-Schiffes zurückzuführen ist, die wegen ihrer
hellen Haare und Augen als Sonnenabkömmlinge angesehen wurden. In Peru gibt
es noch Indianer, die ihre Herkunft von den Inkas ableiten. Jetzt freilich
ist ihre Haut braun, wie die der übrigen Indianer. Doch sind es alles
auffallend schöne, hochgewachsene Gestalten mit edlen reinen Gesichtszügen.
Von Tola Pampa begann ernstlich der Abstieg. Eine Stunde noch führte der
Weg durch das steinige Felsgeröll, das wir schon zur Genüge kannten. Dann
setzte die Vegetation ein, und zwar gleich mit völlig tropischem Charakter:
Farrenbäume, Fächerpalmen, zuerst alles noch recht winzig, kaum mannshoch,
und vereinzelt. Doch mit jedem Schritt, den wir hinab tun, wächst und
verdichtet sich der Wald. Von den Maultieren sind wir abgestiegen und
lassen sie hinterher laufen. Beim Abstieg brauchen wir sie nicht. Vor uns
liegt ein sonnenüberglühter Grat, ein Weg von fast zwei Stunden. Er führt
in leichter Neigung hinab. Nachdem wir ihn überschritten haben, kommen wir
in Schatten. Gleichzeitig beginnt der Teil des Weges, der im Volksmunde
mit Recht »amargurani« -- Bitternis -- heißt. Ein geradezu grauenhaft
schlechter, vom Regen total ausgewaschener, von breiten Felsspalten
durchschnittener Weg. Oft ist man in Verlegenheit, wohin man beim nächsten
Schritt den Fuß setzen soll. Wenigstens geht es konstant abwärts. Es wird
immer heißer. Man hat bald die Empfindung, daß man in dampfdurchglühter
Treibhausluft vorwärts schreitet. Die Kleider kleben am Leibe. Der Schweiß
fließt in Strömen.
Und dennoch vergißt man alle körperlichen Beschwerden über der vegetativen
Pracht, die einen umgibt. Der Wald wird mit jedem Schritt dichter, endlich
ist zu beiden Seiten des Weges richtiger undurchdringlicher Urwald.
Was für ein Wald! Kein Märchen kann ihn schöner schildern. Riesenfarren mit
fächerartig ausgebreiteten Ästen, Schlingpflanzen, die wie Girlanden
von Baum zu Baum und über den Weg hängen. Üppig wucherndes Buschwerk mit
glänzenden, gleichsam lackierten Blättern; überall leuchten gelbe, rote,
violette Blüten hervor, einzeln und in schweren Dolden. Tausende von
Pflanzen, die bei uns als kostbare Ziergewächse gezüchtet werden, alles
in riesengroßen unwahrscheinlichen Dimensionen, mannshohe Schilfblätter,
sogenannte Gummibäume (die übrigens mit dem Nutz-Gummibaum nicht das
Geringste gemeinsam haben), gigantische Nesseln, deren Blätter von einer
Seite samtgrün, von der anderen scharlachrot sind, Palmen von jeder Form
und Größe, einzeln und in Gruppen, wie sie kein Kunstgärtner schöner
zusammenstellen kann. Ein Wirrwarr von saftigem Grün aller Schattierungen
mit leuchtenden Farbenflecken dazwischen. Fast alle größeren Bäume sind mit
Moosen bedeckt, Moosen von allen Farben, nilgrün, grau, bläulich, ja dunkel
weinrot. Und hier, welch eine Pracht! Aus dem Moose schauen die ersten
Orchideen hervor. Man traut seinen Augen nicht. Man greift nach den Blüten,
und wenn man sie in der Hand hält, läßt sich ihre Existenz nicht mehr in
Abrede stellen. Man kann sich nicht satt sehen an den feinen hellila und
dunkelvioletten Blumen. Es sind wahre Wunderwerke der Natur, diese bizarren
Kelche mit ihren exzentrischen Formen und herrlichen Farben. Am schönsten
sind die großen, goldbraunen Dolden, an denen oft bis dreißig einzelne
Blüten sitzen. Man hat bald den ganzen Arm voll von dieser Blütenpracht und
weiß nicht, wohin damit.
Es ist Frühstückszeit! An einem kleinen Sumpfe, den sogenannten
»Lagunillas« wird Halt gemacht. Hier lernen wir die erste Schattenseite der
Tropen kennen -- den Mangel an Trinkwasser. Die Thermosflaschen sind
alle leer getrunken. Im ganzen Walde ist kein Stückchen trockenes Holz
aufzutreiben, um Feuer zu machen und das Sumpfwasser zu kochen. Alle
Versuche schlagen fehl. Der Durst wird immer quälender. Schließlich pfeift
man auf Fieber und Typhus, schöpft einen Becher voll des trüben Wassers aus
dem Sumpf, tut einen »Desinfektionsschuß« Whisky hinein, und nimmt einen
herzhaften Schluck. Wie das wohltut, obgleich es scheußlich schmeckt. Nun
kann die Reise weiter gehen.
Gleich nach dem Frühstück hatte ich Glück. Ich blieb mit meinem Gewehr eine
halbe Stunde zurück, da ich in den Baumkronen mancherlei flattern sah, was
mich interessierte. In den Wald zu schießen, hat keinen Zweck, wenn man
nicht mit einem Schlagmesser, einer sogenannten »macheta« ausgerüstet ist,
wie es hier jeder Indianer bei sich hat. Ohne dieses Instrument ist im
Walde keine zwei Schritte vom Wege an ein Durchkommen zu denken. Man muß
also geduldig warten, bis die erhoffte Beute über den Weg fliegt.
Da! ich schieße. Und vor mir auf dem Wege liegt ein regelrechter Papagei,
prächtig grün und rot gefiedert. In der Freude meiner Seele werfe ich meine
Papiros mitsamt meiner schönsten Bernsteinspitze in den Urwald -- ich habe
sie nie wiedergefunden -- und hänge meine bunte Beute an den Sattelknopf.
Die schönste Feder kommt an den Hut, der sich übrigens im Laufe der Wochen
in einen regelrechten indianischen Federkopfputz verwandelte.
Dieses Mal übernachten wir in einer Indianer-Herberge. Noch um eine Nüance
primitiver als in Tola Pampa. Dafür stehen ums Haus herum wilde Zitronen-
und Apfelsinenbäume, und unten am Abhänge sehen wir eine Bananenpflanzung.
Auch nicht zu verachten.
Wir teilen den einzigen verfügbaren Raum, da er groß genug ist, mit einer
Gesellschaft indianischer Packeseltreiber. Sie kochen in einer Ecke stumm
-- Indianer reden nie, außer dem Allernotwendigsten miteinander -- ihren
Reis, wir in der anderen geräuschvoll unsere Suppe.
Zu unseren Häupten über den Feldbetten siedelten sich auf einer Stange
sämtliche Hühner des Hauses an und machten sich bald unangenehm bemerkbar.
Zu dem durchlöcherten Dach schaut der Sternenhimmel herein, durch den
offenen Giebel das Kreuz des Südens, das wir jetzt endlich kennen. Dieses
Kreuz ist übrigens ein bluff. Erstens ist es überhaupt nichts Besonderes
und zweitens ist es kein Kreuz. Genau ebensogut könnte es einen
Triumphwagen oder eine Kaffeekanne vorstellen. Es ist ein unregelmäßiges
Parallelogramm von vier Sternen, deren einer ziemlich schwach leuchtet.
Warum das ein Kreuz bedeuten soll, ist unerfindlich, jedenfalls weiß das
kein Mensch, außer dem Astronomen, der es so getauft hat.
Theoretisch hatten wir von Lorenzo Pata, unserem letzten Nachtlager, bis
San Carlos einen Tag. Praktisch wurden zwei daraus. Aber nicht durch unsere
Schuld, denn um 5 Uhr war die ganze Gesellschaft auf den Beinen, und um 6
ritten wir aus, wohlgemut, trotz des strömenden Regens. Alles ringsumher
trieft. Wir sehr bald ebenfalls. Der naßgeregnete Urwald bietet ein
anziehendes Bild. Das Grün scheint noch saftiger. Man glaubt es ordentlich
zu spüren, wie die fruchtbaren Kräfte sich darin regen. Die Moose
schwellen, die Blumenkelche öffnen sich.
Um 11 Uhr klärte es sich auf. Die Tropensonne tat das ihrige, um uns
schnell zu trocknen. Wir dampften richtig. Aus dem Tal -- wir sind ja immer
noch 1½ Tausend Meter hoch -- steigen Nebelfetzen herauf und verfangen sich
in den Baumkronen. Der Weg führt bergauf, bergab, bergab, bergauf. Eine
gefährliche Stelle ist noch zu überwinden -- der sogenannte »tornillo« (die
Schraube), -- eine korkenzieherartig gewundene Wegstrecke, die an einem
Abgrunde entlang führt.
Den ganzen Weg, von Sorata an, war es uns aufgefallen, daß auf dem Gipfel
jeder Steigung ein mächtiger Steinhaufen aufgeschichtet war, von besonders
riesigen Dimensionen bei den schwierigsten Stellen, am Jachazani-Paß, beim
Beginn des Amargurani-Abstiegs, hier am Tornillo. Don Botello gab uns die
Erklärung dafür. Wenn der Indianer einen Berg emporsteigt, nimmt er in jede
Hand einen Stein, trägt ihn hinauf und legt ihn dann fein säuberlich hin.
Er glaubt, daß ihm das Steigen erleichtert wird, wenn er die Steine näher
zur Sonne bringt. Psychologisch ist dieser Aberglaube sehr verständlich
und berechtigt. Der Indianer denkt die ganze Zeit während des Aufstiegs an
seine Steine, und das lenkt die Aufmerksamkeit von der eigenen Erschöpfung
ab. Im Laufe der Jahrzehnte bekommt ein jeder Gipfel auf diese Weise ein
kunstloses, aber imposantes Denkmal. Bemerkenswert ist, daß die Indianer
ihre Steine oft in der Form eines Kreuzes anordnen.
Um 3 Uhr erreichten wir eine »Finca«, San José, des Herrn G., durch dessen
Gebiet wir schon seit zwei Tagen ritten. Nun waren noch 3 Stunden bis
San Carlos. Nach kurzem Aufenthalt begannen wir den letzten, sehr steilen
Abstieg. Allein wir hatten die Rechnung ohne den Regen gemacht, der am
Morgen herabgeströmt war. Ein Gebirgsbach -- der Rio d'Oro -- der unten im
Tal den Weg durchschnitt, war derart angeschwollen, daß an ein Passieren
gar nicht zu denken war. So mußten wir den ganzen Weg wieder hinauf. Ich
blieb unvorsichtiger Weise, vom Jagdeifer beseelt, zurück, schoß auch
richtig ein langschwänziges Ungeheuer, halb Papagei, halb Fasan und --
beinahe -- einen Affen. Doch mußte ich dafür büßen, nämlich den ganzen
zweistündigen Aufstieg zu Fuß machen. An diese Stunden denke ich ungern
zurück. Ein siebenstündiger Weg, meist zu Fuß, lag schon hinter uns.
Halbtot langte ich in San José an. Die Kochkunst unseres vortrefflichen
Assessors und eine Flasche wirklich echten Münchener Bieres, das überall
in den Tropen, wo es Menschen gibt, verzapft wird, freilich zu
Phantasiepreisen, brachte mich nur langsam wieder auf die Beine. Trotz
Hunden, Mäusen und einem Hahn, die sich in unserem Zimmer bekriegten,
schlief ich wie ein Erschlagener.
Am nächsten Morgen ließen wir uns nicht zurückhalten und nahmen auch
glücklich das Hindernis, das uns in Gestalt des Rio d'Oro den Weg
versperrte. Dennoch hatten wir auch jetzt, trotz des verhältnismäßig
niedrigen Wasserstandes, beim Durchreiten des Stromes das Gefühl, gleich
vom Strudel mitgerissen zu werden. Allein das Schicksal meinte es besser
mit uns, und nur die Füße wurden naß, ungeachtet der ingeniösen Steigbügel.
Gegen Mittag erreichten wir das gelobte Land -- San Carlos.
~Tafel 8~
[Illustration: ~Bolivianische Postkutsche~]
[Illustration: ~Das »Grand Hotel« Tola Pampa~]
~Tafel 9~
[Illustration: ~Die Hacienda »San Carlos« (Bolivien)~]
[Illustration: ~Indianer im Poncho vor einem Bananenhaine~]
4. SAN CARLOS.
Die Hazienda San Carlos ist entzückend gelegen. Ich würde sagen idyllisch,
wäre dieser Ausdruck nicht in den Tropen überhaupt und unter allen
Umständen deplaciert. In einem Talkessel, der die Aussicht nach einer Seite
freiläßt, sind in regellosem Durcheinander die acht bis zehn Häuser des
Gutshofes hingebaut. An einer Seite zieht sich eine üppige Bananenpflanzung
hin, deren Früchten wir mehr als einen exquisiten kulinarischen Genuß
verdanken.
Von allen Pflanzen der Tropen ist die Bananenstaude, meinem Geschmack nach,
die malerischste. Die ganz hell lichtgrünen Blätter von der Form riesiger
Palmenwedel falten sich an der Spitze des Baumes zu einem breiten
schattenspendenden Dache auseinander. Der Stamm geht von unten nach oben
allmählich aus einem bräunlichen Rot in dasselbe Lichtgrün des Laubwerkes
über. Zwischen den Blättern lasten schwer die mächtigen Fruchtkolben, an
denen sich die Bananen, je nach dem Stadium der Reife und der Sorte, grün,
goldgelb oder kupferbraun auseinanderspreizen.
An der anderen Seite der Hazienda ziehen sich die Kaffeeplantagen entlang.
Schon von weitem sieht man die feuerroten Kaffeebohnen aus dem Laube
hervorleuchten. Ums Wohnhaus herum stehen Orangen und Zitronenbäume, über
und über mit reifen Früchten bedeckt.
Nur das Wohnhaus ist ein Bretterbau. Die Wände der übrigen Häuser bestehen,
wie überall unten in den Tropen, aus aneinandergereihten Bambusstäben,
die einfach in die Erde gesteckt und nur lose mit Bast zusammengeflochten
werden. Fenster haben diese Bambuskäfige, von denen ich noch zu erzählen
haben werde, nicht. Alle Gebäude sind mit Palmstroh gedeckt. Oberhalb der
Plantagen sind die sie umgebenden Hügel mit wundervollem dichten Urwald
bestanden.
Obgleich wir unangemeldet in San Carlos eintrafen, wurde uns ein überaus
freundlicher Empfang seitens des Verwalters -- hier nennt man ihn »gerente«
-- zuteil. Auf der luftigen Veranda, während unsere Zimmer zurecht gemacht
wurden, bekamen wir sofort einen prächtigen rosenroten Cocktail aus
Zuckerrohrschnaps vorgesetzt. Ohne das geht es hier nicht. Kein Verbrechen
wird strenger gerochen, als wenn man die »cocktail-time« versäumt. Nun, man
läßt es sich ja schließlich gefallen. Wenigstens braucht man, wenn man zu
Gast ist, nicht um die »Cocktails« zu würfeln, wie wir das in Oruro und
La Paz bis zur Besinnungslosigkeit tun mußten.
Vor dem Frühstück noch wurde uns ein langentbehrter Genuß zuteil. Wir
konnten baden. Hinter dem Hause hat sich nämlich der umsichtige und
reinliche »gerente« mit Bedacht und Fleiß ein Schwimmbad hergerichtet. Es
besteht aus einem großen Holzkasten, geräumig genug für eine ganze Familie.
Das krystallklare Wasser eines kühlen Gebirgsstromes wird vermittelst
zweier Holzröhren herein und wieder hinausgeleitet. Man plätschert also
in fließendem Wasser. Daß das Bad von einer gewaltigen Bananenstaude
beschattet wird, gibt der ganzen Sache einen, dem Ort entsprechenden,
äußerst exotischen Charakter.
Während der fünf Tage in den Kordilleren waren wir alle total verwildert,
ganz »en Schwein« wie Heine sagen würde, mit sprossenden Vollbärten. Wir
erkannten uns gegenseitig kaum wieder, als wir uns sauber gewaschen und
gekämmt an der Frühstückstafel zusammenfanden.