das Fremdenzimmer des Hotels in Salon und Schlafgemach. Ein amüsanter
Zufall wollte es, daß die Wand über meines Gefährten Bett ein Porträt des
russischen Zaren schmückte. Ich ruhte unter dem sanften Blick Abdul-Hamids
ebenso gut.
~Tafel 7~
[Illustration: ~»Balza« auf dem Titicaca-See (Bolivien)~]
[Illustration: ~Flötenblasender Indianer~]
2. VON ACHECACHI NACH SORATA.
Wir waren in Achecachi in der Dunkelheit angekommen, konnten die Stadt also
erst am nächsten Morgen in Augenschein nehmen, nachdem uns der achtjährige,
einzige Kellner des »Hotels« prompt mit dem ersten Hahnenschrei geweckt
hatte. Viel Zeit raubte diese Besichtigung der Stadt nicht. Es gibt in
Achecachi ein einziges Gebäude, das wert ist, angesehen und photographiert
zu werden. Das ist eine alte Kirche aus der Zeit, als die spanischen
Jesuiten den freien Geist Boliviens unterjochten. Fast in allen
bolivianischen Städten sieht man noch die festgefügten Baudenkmäler
dieser finsteren Zeit. Sie sind ohne Zweifel das Beste, was die Jesuiten
hierzulande zuwege gebracht haben. Doch haben sie sich dadurch bei der
indianischen Bevölkerung keine größere Beliebtheit erworben, als anderswo.
Für den Indianer ist der katholische Priester heutzutage noch ein Zauberer,
der mit Zauberformeln, die niemand verstehen kann, Geburt, Ehe und Tod des
Menschen »bespricht«. Heute noch halten die Indianer hartnäckig an ihrem
Aberglauben fest, dem nach die Jesuiten in den Monaten nach der Ernte als
Gespenster, eine Art Vampyre, nachtwandeln und den Indianern nicht etwa das
Blut, sondern das Fett aussaugen. Daher stammen, nach Ansicht der
Indianer, die, auch hier häufigen, Embonpoints der Geistlichkeit. Wehe dem
unglücklichen Priester, der nachts im März oder April einem Indianer in den
Weg läuft.
Von der nächsten Station, dem Städtchen Sorata, das zum eigentlichen
Ausgangspunkte unseres Tropenausfluges werden sollte, waren uns Maultiere
entgegengeschickt worden. Da wir einen achtstündigen Ritt vor uns hatten,
mußten wir uns beeilen. Gleich wenn man aus Achecachi hinausreitet, öffnet
sich ein wundervoller Blick auf den Llampu (in Geographiebüchern wird
dieser indianische Name meist durch den spanischen »Sorata« ersetzt).
In seiner ganzen Pracht liegt der Riese da. Die Kappe von blendendweißem
jungfräulichen Schnee scheint sich bis zu der Höhe herabzuziehen, auf
der wir uns befinden. Mit einer Deutlichkeit, als schaue man durch ein
Zeissobjektiv, zeichnet sich jede Schneefalte der enormen Gletschergefilde
vom blitzblauen Himmel ab. Noch ist seine einsame Höhe von keines Menschen
Fuß entweiht worden. Weder der Illimani, noch der Llampu sind bestiegen.
Es hat's kaum jemand versucht. Oder doch! Vor wenigen Jahren erschien in
Begleitung zweier handfester, schweizer Bergführer eine gletschersüchtige
Engländerin in Bolivien, um die beiden Herrscher der Kordillerenwelt zu
bezwingen. Sie kam jedoch nicht weiter als bis zum ersten Schneesattel des
Illimani, der aus unerfindlichen Gründen den Namen »Paris« trägt. Dieser
Paris fand an der unternehmenden Britin keinen Gefallen. Er jagte sie mit
allen Schrecken der Gletscherwelt, Schneestürmen, Bergkrankheit und Frost
in die Flucht. Sie verschwand sang- und klangloser als sie gekommen war
aus Bolivien, und ist vielleicht eben dabei ihren Spleen am Gaurisankar
auszulassen.
Drei Stunden lang geht der Weg direkt auf den Llampu zu. Er führt,
vollständig eben, über eine Art Damm, der im sumpfigen Ufergelände des
Titicacasees aufgeworfen ist. Diese Straße ist außerordentlich belebt,
da sie die Verbindung mit allen Indianerdörfern am jenseitigen Ufer des
Titicacasees herstellt. Ununterbrochen begegnen uns Trupps eseltreibender
Indianer. Die Frauen sind hier meist ganz dunkel gekleidet, bis an die
Fußspitzen verhüllt. Aus den Rückentüchern hört man das Wimmern von
Säuglingen. Um so bunter angetan sind die Männer. Ein Poncho in irgend
einer Farbe, vor der die Augen weh tun, eine bunte gestrickte Schlafmütze,
an der lange Ohrenklappen herabhängen, oft mit Perlen bestickt, darüber
noch ein runder weißlichgelber Filzhut. Aus den geschlitzten Leinenhosen
schauen ein paar kräftige, kupferrote Beine hervor. Man sieht hier
besonders unter den jüngeren Indianern Gestalten von außerordentlicher
Schönheit. Die Frauen laufen ausnahmslos zu Fuß, wenn jemand reitet, so ist
es der Mann.
Wir hatten den ganzen Weg über, und später noch viel mehr, Gelegenheit uns
zu überzeugen, wie unglaublich flinke und ausdauernde Läufer die Indianer
sind. Obgleich wir stundenlang Trab ritten, blieb unser Führer, ein
Vollblut-Indianer, der sogar kein Wort spanisch sprach, nicht um einen
Meter hinter uns zurück. Eine willkommene Abwechslung waren die uns
häufig begegnenden Lamatrupps. Ich kenne kein komischeres Tier, als dieses
»aristokratischste der Lasttiere«, wie es ein französischer Schriftsteller
nennt. So ein Lama sieht aus wie ein Schaf, dessen Urahne ein
Techtelmechtel mit einem Kamel gehabt hat. Die Dummheit des Schafes
verbunden mit dem Größenwahn des Kamels bildet eine höchst ridiküle
Mischung. Die altjüngferliche Koketterie und prüde Indignation, mit
der jedes einzelne den begegnenden Reiter mustert, reizt einen jedesmal
unwiderstehlich zum Lachen. Die Verteidigungsart dieser vierbeinigen
Aristokraten ist übrigens keine sehr vornehme. Sie wehren sich gegen
Angriffe durch Spucken.
Um von Achecachi nach Sorata zu kommen, muß man einen Paß von ca.
4½ tausend Meter überschreiten. Für bolivianische Verhältnisse ist dies ein
Kinderspiel. Uns schien der Fall doch schon recht ernst. Statt des ebnen
Weges hatten wir bald eine ziemlich steil aufsteigende Wüste von Geröll,
Schiefersplittern und vom Wasser kugelrund gewaschenen Kieseln vor uns.
In einem Indianerdorfe machten wir Halt, um zu frühstücken und die Tiere
ausruhen zu lassen. Zu welchem Zweck sich die Indianer in dieser Höhe, in
dieser öden Wüste, wo es weder Baum noch Strauch gibt, ansiedeln, ist mir
bis zum heutigen Tage rätselhaft. Auch, wovon sie leben, bleibt unklar.
Tatsache ist, daß man weder für Geld noch für gute Worte irgend etwas
Eßbares von ihnen erhandeln kann, nicht einmal einen Maiskolben oder eine
Handvoll Reis, von Brot ganz zu schweigen. Außerhalb der Städte ist der
Reisende hier ganz auf sich selbst, beziehungsweise auf seinen mehr oder
weniger gut assortierten Eßkorb angewiesen. Nur unserem Indio gelang es
für einen Silberling eine Handvoll trockener Kokablätter zu erstehen. Er
erklärte uns durch Zeichen, daß er für den ganzen Tag weiter keine Nahrung
bedürfe. Der Nährwert der Kokablätter, aus denen die Indianer ihre Kraft
-- im wahren Sinne des Wortes -- saugen, muß demnach eine außerordentliche
sein. Schmecken tun sie dahingegen abscheulich, etwa wie ein Gemisch von
Tee und Chinin. Gourmandise kann man den Indianern also auf keinen Fall
vorwerfen.
Je höher man steigt, desto schöner wird der Blick nach allen Seiten.
Endlich sieht man auch den ganzen Titicacasee wie ein himmelblaues Tuch
zwischen den Bergen ausgebreitet, daliegen. Man bedauert, daß man nicht
schielt, um die ganze Zeit über mit dem linken Auge den See, mit dem
rechten den Llampu anschauen zu können. Doch wird es noch schöner. Wenn man
den Paß überschritten hat, öffnet sich der Blick auf das 2000 Meter tiefer
liegende Sorata, das wie das sauber aufgestellte Spielzeug eines artigen
Kindes aussieht. Zwischen dem saftigen Grün der Gärten blitzen die weißen
Blechdächer in der Sonne. Der Abstieg ist sehr steil und dauert drei
Stunden, doch wird er einem nicht zu lang.
Sorata hat ein wundervolles Klima und wäre es leichter zu erreichen, so
stände es unter den Luftkurorten der Welt wahrscheinlich an erster Stelle
und hätte allenfalls nur die Konkurrenz von Madeira zu befürchten. Durch
die Berge von Winden geschützt, aber durchaus nicht eingeengt, liegt Sorata
ca. 2500 Meter über dem Meeresspiegel. Die Tropensonne zaubert bei
ewig blauem Himmel eine Vegetation von unglaublicher Üppigkeit und
halbtropischem Charakter hervor. Alle Bergabhänge sind bedeckt mit Feldern
und Anpflanzungen, sie sehen wie phantastische Schachbretter aus, jedes
Fleckchen ist ausgenutzt. Soviel Agrikultur, wie im Tale von Sorata, habe
ich sonst in ganz Südamerika nicht beisammen gesehen.
Wir reiten durch -- buchstäblich -- mannshohe Weizenfelder, Reis-
und Maispflanzungen. Die Blumenpracht zu beiden Seiten des Weges ist
unbeschreiblich. Leuchtend rote Kakteen, Büsche gelber und weißer
Margueriten, Hecken herrlicher weißer Rosen, Magnolien, Gardenien von
unwahrscheinlicher Größe, Fuchsien-Haine, irgendwelche leuchtend violette
Schlingpflanzen, die sich bis hoch in die Baumkronen hinaufziehen. Der
Weg ist zum Lachen malerisch. Bald führt er an überhängenden Felsgrotten
vorbei, bald windet er sich, von Sturzbächen zerfressen, an steilen
Abgründen hin. Hier steht eine alte zerfallene Wassermühle von wucherndem
Grün fast begraben, dort zwischen hohen Maisstauden eine verwitterte
Indianerhütte. Immer wieder öffnet sich der Blick auf Sorata. Die Sonne
ist im Untergehen. Tief herabhängende rosa-violette Wolken schweben auf
den Bergkämmen. Als Introduktion nicht übel! Man durfte auf das Weitere
gespannt sein.
Wir erreichen Sorata noch vor Einbruch der Dunkelheit.
Im gastlichen Hause des deutschen Großkaufmanns G., den man scherzweise »El
Rey de Sorata« nennt, fanden wir freundliche Aufnahme. Auf dem Hofe sahen
wir zum ersten Mal die großen schwarzen Gummiklumpen zu mächtigen Haufen
zusammengetürmt daliegen -- der erste handgreifliche Gruß aus den Gebieten,
in die wir uns hineinwagen sollten. Wir vergnügten uns ein Weilchen mit
harmlosem Ballspiel, wozu sich die Rohgummi-Ballen als sehr geeignet
erwiesen, um dann noch lange auf der Gartenterrasse des Hauses die
balsamische Abendluft zu genießen.
In Sorata galt es, den Plan zur Weiterreise reiflich zu überlegen und alles
dazu Notwendige sorgfältig, mit Liebe und Verstand vorzubereiten. Dank dem
außerordentlich freundlichen Entgegenkommen des Herrn G. gelang es uns, in
der für bolivianische Verhältnisse merkwürdig kurzen Zeit von zwei Tagen
reisefertig zu sein.
Vorerst mußte das nächste Reiseziel festgesetzt werden. Das tropische
Bolivien -- ja, aber das tropische Bolivien ist groß. Wo kann man dort
irgend etwas in der Art eines Unterkommens finden, wo läuft man am
wenigsten Gefahr, am Beri-Beri, gelben Fieber oder irgend einem sonstigen
Tropenkoller zu Grunde zu gehen? Gleich diese Frage entschied unser
liebenswürdiger Wirt mit dem Vorschlage, nach seinen Gummi- und
Kaffee-Plantagen im Gebiete des Mapiriflusses zu gehen und eine
seiner Haziendas, San Carlos, zum Ausgangspunkte weiterer Ausflüge und
Unternehmungen zu machen.
Damit war uns das nächste Reiseziel gegeben. Obgleich der Ort Mapiri selbst
als total verseuchtes Fiebernest gilt, sollte es in der weiteren Umgebung
des Mapiriflusses nicht so schlimm mit dieser Gefahr stehen. Außerdem
schluckte ja jeder von uns schon seit La Paz täglich sein halbes Gramm
Chinin.
Nun hieß es, einen »Ariero«, d. h. Maultierreisen-Unternehmer, gefügig zu
machen, uns das nötige vierbeinige Material zur Verfügung zu stellen.
Das war auch leichter gedacht, als getan. Die Arieros sind auf diese
Art Unternehmungen schlecht zu sprechen, da die Tiere dabei kolossal
strapaziert werden und nicht selten als Beute für die Kondore und Aasgeier
im Gebirge liegen bleiben. Wir passierten nachher manches häßliche
Knochenfeld. Dank den energischen Bemühungen des Herrn G. fand sich endlich
doch ein Mann, der den Kontrakt unterschrieb, uns mit vier »mulas de sella«
(Reittieren) und vier »mulas de carga« (Lasttieren) nach San Carlos und
zurück zu bringen. Leider unterließen wir es dabei, den Rückweg genau zu
bestimmen, und mußten daher denselben Weg zurückkommen, den wir gegangen
waren, da der Ariero sich weigerte, einen anderen durch das Tal des
Goldflusses »Tipuani« zu nehmen, der allerdings, wie es hieß, kaum
passierbar sein sollte.
Nachdem diese beiden wichtigen Fragen zu allseitiger Befriedigung gelöst
waren, wurde die Ausrüstung in Angriff genommen. Auch hiermit wären wir
ohne Herrn G. nicht weit gekommen. Außer seinen Gummi-Latifundien von der
Größe eines mitteldeutschen Herzogtums besitzt dieser »König von Sorata«
nämlich noch »den« Kaufladen der Stadt. Er ist nicht nur der König, sondern
auch der »Wertheim« von Sorata. Das war ein lustiges Einkaufen! Am liebsten
hätten wir alles mitgenommen. Aus La Paz hatten wir nur unsere Feldbetten
und Schlafsäcke nach Sorata geschickt. Nun ging es ans Verproviantieren,
Legionen Knorrscher Suppentafeln, Bouillonwürfel, Maggi -- alles Dinge, die
mir bisher nur aus dem Annoncenteil der »Lustigen Blätter« bekannt waren
-- Erbswürste, Gemüsekonserven, Corned beef, Sardinen und andere
Herrlichkeiten türmten sich auf dem Ladentisch auf und wurden säuberlich in
Kisten verpackt, dazu Spirituskocher, Kessel, Kannen, Becher, Pfannen usw.
An jede Kleinigkeit mußte gedacht werden. In der Nacht noch sprangen wir
abwechselnd auf, um einen vergessenen Korkenzieher, Büchsenöffner,
oder sonst etwas zu notieren. Brot und Zwieback wurden in zwei mächtige
Blechkasten verlötet, und jedes Stück Brot kostete nachher einen
zerschlagenen Daumen, oder ein zerschundenes Handgelenk. Lichte und
Streichhölzer wurden in Glasflaschen verschlossen, da sie sonst in der
feuchten Tropenhitze sofort unbrauchbar werden. Endlich das Zaumzeug und
die Sättel, von denen ich noch ein Lied singen werde, Decken, regendichte
Ponchos, kurz alles für die persönliche Bequemlichkeit erforderliche, nicht
zu vergessen eine umfangreiche Apotheke, vor allem Salmiak und sonstige
Mittel gegen Moskitosstiche, sowie -- last not least -- den Alkohol, Whisky
und Kognak, in ausreichender Quantität, die sich nachher dennoch als
knapp erwies, als wir auf dem Rückwege den Kordillerenpaß im Schneesturm
passierten.
Mit einigem Bangen für die Mularücken sahen wir zu, wie unser Gepäck
abends auf dem Hofe des G.'schen Hauses zusammengestapelt wurde. Man sollte
meinen, daß es für ein Regiment Soldaten gereicht hätte. Vier gesunde
Männer konsumieren in 4-5 Wochen was ganz Erkleckliches. Noch nach dem
Schlafengehen waren wir mit unseren sorgenden Gedanken in der »Tienda«,
d. h. im Kramladen, und von Zeit zu Zeit hörte man einen der Schläfer von
gefülltem Weißkohl, petit pois, Bismarckheringen und ähnlichen, schönen
Dingen murmeln.
3. VON SORATA NACH SAN CARLOS.
Am 8. April um 7 Uhr morgens war unsere kleine Karawane reisefertig.
Abenteuerlich genug sahen die vier Reiter aus: auf dem Kopfe ein Tropenhelm
oder ein breitkrempiger spanischer Torreadorhut, um den Hals in kunstvollen
Windungen geschlungen die »Cancha«, ein breiter endlos langer Schal --
in der Höhe ein absolut unentbehrliches Kleidungsstück -- hohe spanische
Schnürstiefel mit mächtigen Zackensporen, wie man sie in Europa nur noch
auf Porträts von Don Quichote sieht, Revolver und Messer im Gürtel, auf dem
Rücken Büchse oder Gewehr, resp. Feldstecher oder -flasche. So stak jeder
in seinem Sattel, wie eine Fischgabel im Etui. Sitzen ist ein Ausdruck,
der nicht anwendbar ist auf die Lage, in der sich der Reiter auf einem
bolivianischen Gebirgssattel befindet. Man ist zwischen eine Art Brust- und
Rückenwehr eingeklemmt, die Füße hängen senkrecht herunter, sie stecken
in zwei aus Holz geschnitzten oder aus Leder genähten Steigbügeln, die man
anfangs verflucht, und die man nachher, wenn selbst in strömendem Regen
die Füße trocken bleiben, nicht genug segnen kann. Überhaupt muß man diesen
Sätteln nachsagen, daß sie mindestens ebenso praktisch wie unbequem sind.
Was geht da nicht alles dran und drauf und drunter. Unten kommen zwei
Decken hin, hinten wird der Poncho angeschnallt, solange man ihn nicht
braucht. Ebendort hängen zwei geräumige Satteltaschen, in denen man
die notwendigsten Gegenstände unterbringen kann, etwas Proviant und die
unentbehrliche Whiskyflasche. Vorne sind drei Riemen angebracht, an die
man am zweckmäßigsten den Kodak, den Trinkbecher und die Patronentasche
anhängt, auf dem Sattel liegt eine kleine Decke aus Schaffell, die man bei
Nacht als Kopfkissen verwendet. Elegant ist das Gesamtbild einer derartig
gesattelten Mula mit dem Reiter darauf nicht, dafür ist man aber gegen alle
möglichen Vorkommnisse gewappnet.
Mit gesenkten Köpfen stehen die Lasttiere da, sie tragen schwerer als die
Reitmulas unter den Bettsäcken, Proviantkisten und Felleisen,
sogenannten »petacas«, die unsere übrigen Habseligkeiten enthalten. Große
Geschäftigkeit entwickelt die »Mannschaft«, nämlich der Ariero, ein Cholo,
d. h. Halbblutindianer, der spanisch spricht, obzwar kaum besser, als wir
selbst und zwei waschechte Rothäute, deren Hauptbeschäftigung nachher darin
bestand, die entlaufenen »Carga-Mulas« wieder einzufangen, wobei sie mit
affenartigem Geschick die halsbrecherischen Felsabhänge hinauf und hinunter
klettern, um den Tieren den Weg abzuschneiden, denn von hinten läßt sich
keine Mula, die etwas auf sich hält, einfangen, wie ich aus eigener
bittrer Erfahrung weiß. Der Weg nach San Carlos war auf vier Tagereisen
veranschlagt. Jeden Tag waren 45 bis 50 Kilometer zurückzulegen, was
bei den kolossalen Steigungen als recht gute Leistung zu bezeichnen ist,
weniger für uns als für die Tiere. Die täglichen Wegstrecken mußten
genau eingehalten werden, da außer den vorgemerkten Nachtquartieren keine
Behausungen weiter unterwegs anzutreffen waren.
Gleich am ersten Tage galt es, den Paß der Hauptkordillere zu
überschreiten. Es ist der höchste Gebirgspaß in ganz Südamerika, ich glaube
nicht, daß er mit seinen 5500 Metern überhaupt irgendwo seinesgleichen hat.
Mit Lust und Energie begannen die Maultiere den Aufstieg, hinterher mit
Hott und Hüh die »Carga« nebst den Indios. Aber das Vergnügen dauerte nicht
lange.
Ist jemals einer meiner verehrten Leser auf einer Mula einen steilen Berg
hinaufgeritten? Nur dann kann er nachfühlen, was man dabei zu leiden hat.
Die Maultiere sind zwar sehr brave und ausdauernde Geschöpfe, aber
Reiter von nervösem Temperament können sie rasend machen. Je nach dem
Steigungswinkel bleiben sie alle zwanzig, zehn oder fünf Schritte stehen,
um Atem zu schöpfen. Anfangs hat man Mitleid, denn man fühlt, wie die
Flanken des Tieres unter einem schlagen. Man wartet also, bis es von
selbst weitergeht. Beim nächsten Mal jedoch wird man schon ungeduldig.
Man versucht es mit Zungenschnalzen, Pfeifen und allen spanischen
Schmeichelnamen, die einem im Moment einfallen. Keine Reaktion. Nun
schwingt man die Zügel und zieht dem Tiere mit dem, wie bei den russischen
Iswoschtschiki verlängerten Ende der Leine, eins hinten über. Keine
Reaktion. Jetzt wird man heftig und fängt mit den Sporen an zu bohren und
am Haarschopf zu ziehen. Nichts hilft. Nun bleibt einem nichts übrig,
als mit dem Revolver zu schießen, oder ruhig abzuwarten. Das erstere wäre
unklug, aber das zweite ist für ungeduldige Gemüter nicht leicht, zumal
wenn andere Reiter mit kräftigeren Tieren einen hohnlachend überholen. Man
steigt also ab und geht zu Fuß. Nun fängt man an die Mula zu verstehen. In
dieser Höhe ist es nämlich tatsächlich unmöglich, mehr als zehn Schritte zu
machen, ohne nach Luft zu schnappen. Wir waren vor der Bergkrankheit, der
sogenannten »Saroche« gewarnt. Also steigt man doch lieber auf und wappnet
sich mit Geduld, denn ruhig im Sattel hockend, spürt man die Wirkung der
dünnen Luft fast gar nicht. Aber kalt wird es, empfindlich kalt. Man greift
nach dem »Poncho«, wickelt den Schal fester, aber je höher es geht, desto
kälter wird es. Nur eines hilft -- der Sweater -- wenn man einen hat. In
einem Anfall von Hellseherei hatte ich meinen von Moskau mitgenommen.
Nach achtstündigem Aufstieg ist der höchste Punkt des »Yachazani«-Passes
erreicht. Schon den ganzen Weg über hatten wir wundervolle
Gebirgslandschaften vor uns gehabt. Hier oben läßt sich der Blick mit gar
nichts vergleichen, was ich früher -- auch in den Kordilleren -- gesehen
hatte. In greifbarer Nähe steht der Llampu vor einem. Wir hatten Glück.
Kein Wölkchen verhüllte sein majestätisches Haupt. Am liebsten hätte
man sich stundenlang von diesem Anblick nicht losgerissen. Aber es ist
schneidend kalt, und wenn man im Schnee herumtanzte, um sich zu
wärmen, ging einem doch sofort der Atem aus. Außerdem trieb der Ariero
erbarmungslos zur Eile. Wir waren verspätet oben angekommen. Damals wußten
wir noch nicht, was für Folgen eine jede Verspätung in diesen Gegenden hat.
Die müden Tiere werden also wieder bestiegen und weiter geht es, eine lange
Strecke durch einen ziemlich eben scheinenden Gebirgskessel, dann abwärts.
Es ist schon 5 und noch haben wir ein tüchtiges Stück zu reiten. Ohne
Erbarmen werden die Mulas wieder in Trab gesetzt. Aus dem Tal steigen dicke
weiße Nebelwolken hervor und hüllen die ganze Landschaft ringsumher in
einen undurchdringlichen Schleier. Es wird immer dunkler. Um 6 ist es mit
gewohnter Tropenpräzision stockfinstere Nacht. Das letzte Stück des
Weges -- glücklicherweise nur 1¾ Stunden -- hat wohl niemand von uns als
besonders gemütlich empfunden. Unsere einzige Hoffnung waren die Mulas.
Zu Fuß war kein Schritt möglich, da man in dieser sternenlosen Tropennacht
nicht die Hand vor den Augen sah. Rechts hörte man das Brausen eines
Gebirgsflusses, aber wo und wohin er fließt, sieht kein Mensch. Von Zeit
zu Zeit erschallt in der Dunkelheit die Stimme des Ariero, der die Richtung
angibt. Man segnete die Spürnase der Mulas, die Vorsicht, mit der sie
Schritt vor Schritt machten und gelobte, am nächsten Tage die Sporen
abzuschnallen.
So langten wir im Indianerdorfe »Injenio« an, ohne es zu merken, denn nicht
einmal die Konturen der Häuser ließen sich in dieser rabenschwarzen Nacht
unterscheiden. Aber die Mulas kannten ihren Weg. Als sie stehen blieben,
wußten wir, daß wir angelangt waren und abzusteigen hatten. In Injenio
steht ein altes verlassenes und zerfallenes Haus, das einst einen
wohlhabenden Besitzer gehabt haben muß, und jetzt, was selten genug
vorkommt, von durchreisenden Fremden als Nachtquartier benutzt wird. Wir
installierten uns in einem Zimmer, das zwar nur noch Fragmente von einem
Fußboden, dafür jedoch Reste von Tapeten an den Wänden aufwies. Von
Tischen, Stühlen oder sonstigen Bequemlichkeiten natürlich keine Spur.
Wir erleuchteten dieses Gemach sofort prächtig vermittelst zweier
»bolivianischer Nachtleuchter«, d. h. einfacher Stearinkerzen, die mit der
ganzen erwärmten Längsseite an die Wand gepappt wurden. Schnell wurden
die Feldbetten aufgeschlagen, da sie zugleich Tische und Stühle ersetzen
mußten. Ein alter Indianer, den der Ariero unterdessen aufgestöbert hatte,
brachte Reisig, und im Nebenzimmer, das schon gar keine Andeutungen einer
Bretterdiele mehr aufwies, wurde ein Feuer angemacht. Appetit hatte niemand
von uns. Das pflegt einem am ersten Tage nach erlittenen Strapazen immer
so zu gehen. Man begnügte sich mit einer Tasse Tee oder Kakao, und konnte
nicht schnell genug die müden Glieder in den Schlafsack und diesen und sich
selbst auf das Feldbett strecken. Durch die zerbrochenen Fensterscheiben
hörte man den Wind ums Haus gehen. Auf dem Hofe schnauften die Mulas,
zwischen ihren Zähnen knirschte die frische Gerste, die wir ihnen
vorgesetzt hatten. Sie hatten sie verdient. Guten Appetit!