gewöhnen, was man später nicht mehr entbehren möchte. Dazu gehört
allerdings nicht die rote Ahi-Pfefferschote, vor der wir noch von Brasilien
her einen Heidenrespekt hatten. Hier wurden die Speisen nur soweit
gepfeffert, daß man wenigstens nicht alle seine Tränen zu einer Mahlzeit
zu vergießen brauchte. Vor der Suppe werden meist gekochte oder geröstete
Bananen aufgetragen, oder eine mehlige kartoffelartige Wurzel »juca«, die
mit Butter gegessen wird. Den Bananen haftet in dieser Form ein unangenehm
süßlicher Geschmack an. Die größte Tropen-Delikatesse, die man sich gerne
gefallen läßt, ist ein Salat aus jungen Trieben der Palmen. Für eine
Schüssel müssen vier Stämme gefällt werden. Das ist eigentlich ein Frevel,
aber ein außerordentlich wohlschmeckender. Herrlich sind die tropischen
Früchte hier, in Brasilien hatten sie mir gar nicht behagt. Da ist vor
allen die »chirimoja«, die Königsfrucht, die von außen ungefähr wie eine
grüne Zedernuß aussieht, und deren schneeweißes festes Fleisch einen
überaus würzigen, fein aromatischen Geschmack hat. Dann die »grenadillos«,
Früchte der Passionsblume, die aussehen wie riesige Stachelbeeren und auch
ähnlich schmecken. Dann die »palta«, um deren Kern ein grünliches Fleisch
von pikantem nußartigem Geschmack sitzt. Man ißt sie meist vor der Mahlzeit
mit Salz und Pfeffer. Unangenehm schmeckt das weiße, wollige und
faserige Fleisch der »pacais«, die man bei uns in getrocknetem Zustande
»Johannisbrot« nennt. Nicht zu verachten dagegen sind die »papaillos«, eine
Sorte edler Kürbisse, die ungefähr so behandelt werden, wie bei uns die
Kartoffel. Keinen besonderen Geschmack konnte ich den sogenannten »süßen
Zitronen« abgewinnen, die überall zu Tausenden wild wachsen. Sie haben
überhaupt keinen Geschmack, weder einen süßen, noch einen sauren, noch
sonst irgend einen, sind allerdings sehr saftig, was ihnen in wasserarmen
Gegenden großen Wert verleiht.
Während der fünf Tage, die wir in San Carlos verweilten, aßen wir
langsam aber sicher einen Ochsen auf, bis zu den Gedärmen inklusive, den
sogenannten »tripas«, die hier hochgeschätzt, dennoch eine kulinarische
Scheußlichkeit sind.
Im übrigen verging die Zeit nur zu schnell in dem angenehmen Bewußtsein,
daß man nichts zu tun hatte, als nichts zu tun. In den ersten Tagen strich
ich viel mit dem Gewehr umher, brachte auch stets Beute heim, einige von
den prächtigen feuerroten »tuncis«, einer ziemlich seltenen Papageisorte,
»celestinas«, mit ihrem unwahrscheinlich schönen siebenfarbigen Gefieder,
und viel Raubzeug. Die als Braten hochzupreisenden Bergpfauen -- »pavo de
monte« -- habe ich wohl gehört, aber nie zu Gesicht bekommen. Ebenso ging
es mit den Affen. Es wird auf die Dauer langweilig, daß man bei solchen
Ausflügen nur auf die mehr oder weniger gebahnten Wege angewiesen ist. Im
Walde selbst ist auch hier nirgends ein Durchkommen. Wagt man sich einen
Schritt seitwärts, so ist man sofort rettungslos von tausend stachligen
Schlingpflanzenarmen umgarnt. Der Jäger kann dem Wild nicht nachstellen,
sondern muß warten, bis es zu ihm kommt. Dazu gehört mehr Geduld, als
mancher besitzt. Läßt man sich aber zu einem verfrühten Schuß verleiten, so
muß man es schwer büßen. Auf dem Rückwege aus Mapiri hatte ich die seltene
Gelegenheit einen mächtigen Kondor vor die Flinte zu bekommen. In der
Aufregung schoß ich zu früh, und er fiel vielleicht dreißig Schritte weit
in den Wald hinein. Es dauerte mehr als 1½ Stunden bis wir uns zu zweit
diese dreißig Schritte in das Dickicht hineingearbeitet hatten und noch
eine weitere halbe Stunde bis es gelang, den Vogel aus der Palme, auf die
er gefallen war, herauszuschütteln. Und endlich konnten wir ihn doch nicht
mitnehmen, weil er zu schwer war, und es nicht anging, ihn durch das Gewirr
von Schlingpflanzen durchzuschleppen.
Die Jagdleidenschaft wurde durch eine harmlosere abgelöst -- den
Schmetterlingsfang. Zu hunderten gaukeln die bunten Riesenfalter in den
Wäldern umher und zwar vorzugsweise an den Wegen, da sie so poesielos sind,
eine besondere Vorliebe für Mulamist zu hegen. Es ist nicht so leicht ihrer
habhaft zu werden. Erstens sie überhaupt zu fangen, und zweitens wenn
man sie glücklich im Netz hat, sie nicht zu beschädigen, denn mit einem
kräftigen Flügelschlage kann ein solcher Falter die ganze Pracht seiner
Zeichnung stören. Aber Übung macht den Meister. Wenn man sehr geduldig,
vorsichtig und leise ist, kann man den sitzenden Schmetterling mit den
Fingern an den zusammengelegten Flügeln fassen. Allerdings ist er meist so
infam, im allerletzten Augenblick zu entschlüpfen, und es kann einem recht
heiß werden bei solch einer Jagd, die oft kilometerweit den Weg entlang
führt, zumal Mittags in der Tropensonne. Im Verlaufe der ganzen Reise,
vorzugsweise aber in San Carlos, gelang es uns, eine stattliche Sammlung
von über 160 Sorten zusammenzubringen. Als wir nachher in La Paz
auspackten, hatten wir die Genugtuung, daß selbst Dr. B., der Direktor des
allerdings noch jungen bolivianischen Naturhistorischen Museums, eine ganze
Reihe von unseren Faltern noch nicht besaß.
Die ersten Tropennächte schläft man schlecht. Sie sind zu schön, diese
Nächte. Vor allem sind sie zu unruhig, zu enervierend, zu aufregend. Mit
einer unglaublichen Plötzlichkeit brechen sie an. Man hat eben noch im
Freien gelesen, da legen sich weiche schwarze Schatten rings auf Wald und
Feld, ein kühler Wind streicht durch die Bäume, am dunkelblauen Himmel
blitzt ein Stern nach dem anderen auf. Und nun gehts los, als wären
alle guten und bösen Luft- und Nachtgeister entfesselt. Ein wahrhaft
ohrenbetäubendes Konzert beginnt. Legionen von Grillen, Zykaden, und
anderem Nachtgetier zirpen, pfeifen, girren -- brüllen, würde ich am
liebsten sagen. In den Bäumen schluchzen und klagen die melancholischen
Sänger der Nacht. Das Geräusch wird endlich so stark, daß man, wie beim
Treswon der Moskauer Kremlglocken keine einzelnen Töne mehr unterscheiden
kann. Ein rasender Liebestaumel scheint alles Lebende ergriffen zu
haben. Das Locken und Schmeicheln nimmt kein Ende. Riesige Nachtfalter,
Fledermäuse, leise Nachtvögel tauchen schattenhaft im Dunkel auf, um gleich
wieder zu verschwinden. Und nun beginnt die allabendliche Illumination
des Waldes. Unzählige Funken und Flämmchen blitzen überall auf -- es sind
Millionen von Leuchtkäfern. Alle Bergabhänge sind besät mit ihnen, als
wären die Sterne vom Himmel gefallen und könnten im duftenden Laub nicht
verlöschen. Doch ein Blick nach oben belehrt einen, daß die Sterne noch an
Ort und Stelle stehen. Und auch sie scheinen ihre Leuchtkraft verdoppeln
zu wollen, als müßten sie genau hinschauen, was dort unten auf der Erde
eigentlich vor sich geht. Sie flimmern und flackern und können ihre Unruhe
nicht bemeistern.
Und unter solchen Umständen soll man schlafen. Unmöglich. Man liegt
im Liegestuhl, stumm und wunschlos, und trägt mit einer Zigarette sein
bescheidenes Scherflein zu der allgemeinen Illumination bei.
Die schönen Tage von San Carlos vergingen nur zu schnell. Immer wieder gab
es etwas anderes zu sehen. Wir gingen in die Kaffeeplantagen hinein und
halfen die schönen roten Bohnen von den zierlichen Sträuchern pflücken.
Dann sahen wir zu, wie die Bohnen von ihrer äußeren Hülle gereinigt werden,
was in einer Art Riesenkaffeemühle geschieht, die jedoch von Indianern
mit der Hand betrieben wird. Größere Maschinenbetriebe sind hier unten
natürlich unmöglich, denn man kann hierher nichts transportieren, was ein
größeres Gewicht hat, als eine Mula auf dem Rücken tragen kann.
Vor dem Wohnhaus in San Carlos ist eine große Tenne angelegt, die ich
anfangs für einen vernachlässigten Tennisplatz hielt. Das war jedoch
ein Irrtum. Auf diese Tenne werden die von ihrer äußeren Hülle befreiten
Kaffeebohnen geschüttet und in der prallen Sonne getrocknet. Von Zeit zu
Zeit laufen Indios mit nackten Beinen in dem Kaffee umher, um die Bohnen
zu wenden und mit der Luft in Kontakt zu bringen. Nirgends in der Welt
habe ich besseren Kaffee getrunken, als in San Carlos. Das Geheimnis seiner
Zubereitung ist das, daß der Kaffee in gar keine Berührung mit irgend einem
Metall kommt. Auf der Lehmfläche des Ofens wird er geröstet, dann nicht
gemahlen, sondern zwischen zwei Steinen zerrieben, in einem Tongefäß
aufbewahrt und auch gekocht. Nur auf diese Weise erhält sich sein Aroma
ganz rein. Gekocht wird ein Extrakt von männermordender Stärke. Er wird
kalt serviert und ein Spitzglas davon in der Tasse mit heißem Wasser
verdünnt. Das Resultat ist ein Getränk, gegen das Nektar und Ambrosia
Spülwasser gewesen sein muß. Ehrgeizige Hausfrauen mögen das Rezept
ausprobieren.
Mit Indianern, die vermittelst ihrer säbelartigen »machetos« den Weg
durchschlugen, drangen wir in den Urwald ein, um den Chinabaum zu finden,
dessen Rinde hier früher ein wichtiger Exportartikel war, bis man sie von
anderswo her billiger nach Europa schaffen konnte. Jetzt wird die bittere
Rinde nur für den Hausbedarf abgeschält und verarbeitet. Man kämpft damit
gegen das Fieber, ohne jedoch radikale Abhilfe schaffen zu können.
Ein weiterer Ausflug führte uns nach den »gomales«, jenem Teil
des Urwaldes, in dem der Gummi gewonnen wird, dem die hiesigen
Haziendenbesitzer ihren Wohlstand verdanken. In den Wäldern von San Carlos
arbeiten mehr als 500 sogenannte »picadores«, Indianer, die täglich zweimal
jeder einen Rayon von zirka einem Quadratkilometer abgehen und 100-150
Gummibäume anzapfen. Sie schlagen mit einer spitzen Hacke hinein und
befestigen unter der Öffnung ein kleines Blechgefäß, in das der milchige
Gummisaft abfließt. Bei der zweiten Runde werden all diese kleinen Becher,
von denen an jedem Baum oft zehn bis zwanzig stecken, in einen größeren
Eimer entleert. Die weitere Bearbeitung des Gummis besteht darin, daß er
über einem schwachen Holzfeuer -- im Walde noch -- geräuchert wird. Dadurch
wird er erstens schwarz und backt sich, zweitens, zusammen. Dann sind die
rohen Klumpen zum Export fertig. Die Gummibäume werden hier übrigens nicht
gepflanzt, sondern wachsen wild mitten im Urwalde. Die »picadores« müssen
sich jeden Tag ihren Weg aufs neue durchschlagen, da die unglaublich
schnell wuchernden Schlinggewächse ihn sofort wieder versperren.
Von allen kultivierten Pflanzungen sind, nächst den Bananen, die
Kakaoplantagen die schönsten und malerischsten. Der Kakaobaum ist sehr
hochstämmig mit einer breiten Blätterkrone, unseren Eichen nicht unähnlich.
Im dunkelolivengrünen Laube verstecken sich die Früchte. Eine leuchtend
orangegelbe Schale umschließt die bläulichen Bohnen. Das weiße,
weichlich-wollige Fleisch, das die Bohnen umhüllt, wird von Liebhabern
gegessen, zu denen ich mich jedoch nicht bekennen konnte.
Hin und wieder führte unser Weg durch Reisfelder. Kurzsichtige können
ihn für Gerste oder Hafer halten. Er wird auch ebenso abgeerntet. Nur der
Drusch bietet ein eigenartiges Bild. Das erste Mal glaubte ich, eine Horde
Wahnsinniger, oder Angehörige der Springersekte vor mir zu haben. Doch
waren es Indianerweiber, die mit wilden Gesten auf den Reisbüscheln
herumtanzten und stampften, und auf diese sehr primitive Weise die Körner
aus den Halmen entfernten.
Alle diese Ausflüge wurden nebenbei zum Schmetterlingsfang benutzt. Unser
Hauptaugenmerk richtete sich natürlich auf die großen blauschillernden
Falter, die in Europa unter Laien unter dem Namen »brasilianischer« bekannt
sind. Hier sind sie in drei Sorten vertreten, heller und dunkler gefärbt,
mit samtschwarzem beziehungsweise goldbraun gewürfeltem Rande. Im Fluge
bilden sie ein bezauberndes Bild, sie schweben so ruhig und aristokratisch
daher, als seien sie überzeugt, daß niemand die Dreistigkeit haben könnte,
sie zu fangen. Dem Netz, das nach ihnen hascht, weichen sie nicht weiter
aus, als unbedingt notwendig ist. Wer beschreibt unsere Freude, als
wir eines Tages bei einem Spazierritt unter einem Baum japanischer
Paradiesäpfel 40-60 dieser Riesenfalter beisammensitzen sahen. Zum Überfluß
schien die ganze Gesellschaft vom Genuß des Fallobstes berauscht zu sein.
Sie ließen sich einer nach dem andern ruhig greifen. Wir hatten nicht genug
Papiertüten bei uns, um sie alle sorglich zu verpacken.
Die am wenigsten sympathischen Bewohner des Urwaldes sind die Schlangen.
Glücklicherweise haben sie vor dem Menschen genau ebensoviel Respekt, wie
er vor ihnen, und kneifen beim leisesten Geräusch aus. Ich habe auf meinem
Wege keine einzige gesehen. Doch schreckt man unwillkürlich zusammen, wenn
man das Laub rascheln hört. Es sind tausende von Eidechsen, die hier eine
unwahrscheinliche Größe erreichen. Wie der Blitz huschen sie über den
Weg und verschwinden im Moose, man hat kaum Zeit, ihre grünschillernde
Schwanzspitze zu sehen. Als wir eines Morgens auf die Veranda traten,
prallten wir entsetzt zurück. Im Sande vor dem Hause lag eine enorme
Riesenschlange. Erst bei näherem Hinsehen bemerkten wir, daß sie keinen
Kopf mehr hatte, obgleich sie sich noch den ganzen Tag ringelte und wand.
Ein Indianer hatte das scheußliche Tier nicht weit vom Hause erschlagen.
Ihre drei Meter lange, einen halben Meter breite, prächtig blau und
grüngolden schimmernde Haut bildet jetzt ein Staatsstück meiner Sammlung.
Von den wilden Tieren des Urwaldes hört man wenig und sieht man gar nichts.
Abends tönt ab und zu der Schrei einer Wildkatze aus den Bergen herüber.
Alle Jubeljahre einmal stattet ein Leopard seine Visite ab, um dann
freilich in einer Nacht eine ganze Schafherde umzubringen, denn er saugt
den Tieren nur das Blut aus und läßt die Kadaver liegen.
~Tafel 10~
[Illustration: ~Abschalen der China-Rinde~]
[Illustration: ~Anzapfen eines »Gummibaumes«~]
5. MAPIRI UND GUANAY.
Allmählich wurde es Zeit für uns, an die Weiterreise zu denken. Wir
beschlossen zunächst nach Mapiri zu gehen und von dort aus flußabwärts bis
Guanay zu fahren.
Eine Tagereise lag vor uns, als wir uns am Morgen des 17. April auf den Weg
machten. Der liebenswürdige »gerente« von San Carlos gab uns das Geleit. Da
wir es der Fiebergefahr wegen vermeiden wollten, in Mapiri zu übernachten,
kehrten wir unterwegs in San Antonio, der Hazienda eines bolivianischen
Senators, ein. Wir wurden aufs freundlichste aufgenommen und beherbergt.
Die Annehmlichkeit des Aufenthaltes wurde nur dadurch geschmälert, daß
wir veranlaßt wurden, nach hiesiger Sitte, unsere Bekanntschaft mit
den Administratoren der Hazienda bis zur Bewußtlosigkeit -- nicht im
buchstäblichen Sinne des Wortes -- mit Cocktails aus Zuckerrohrschnaps zu
begießen.
Am nächsten Tage hatten wir nur zwei Stunden bis Mapiri zu reiten, einen
wunderschönen Weg, die malerisch bewaldeten Bergabhänge hinunter. Wenn nur
die Hitze nicht gewesen wäre, die mit jedem Schritt abwärts unerträglicher
wurde. Wir hatten gedacht, in Mapiri ein stattliches Städtchen vorzufinden,
da es der Hauptschlüssel zum ganzen Beni-Gebiete ist, von dem aus enorme
Gummi- und Kaffeetransporte an die Küste befördert werden. Statt dessen
fanden wir ein elendes Nest vor, nicht größer als eine der Haziendas, die
wir verlassen hatten. Der ganze Ort hat knapp hundert Einwohner, und auch
die werden, so schien es uns, nicht lange mehr leben. Alle bis auf den
letzten Mann sind schwer fieberkrank. Sie sehen entsetzlich aus, diese
wandelnden Leichen, gelb, vertrocknet, hager mit glanzlosen Augen und
erloschenem Blick. Den traurigsten Eindruck machten die Kinder mit ihren
schlaffen Körpern, dünnen Armen und Beinen und greisenhaft ernsthaftem
Aussehen.
Mapiri besteht aus einer Straße, die mit flachen fensterlosen Häusern --
den schon beschriebenen Bambuskäfigen -- eingefaßt ist. Auf dieser Straße
wuchert Unkraut, Nesseln und haushohe Disteln. Dazwischen spazieren
Schweine umher und fressen die überall herumliegenden Bananenschalen.
Hin und wieder sieht man ein Maultier oder einen Esel den Kopf unter dem
glühenden Sonnenbrande senken. Vor einer Haustür spielt ein Indianerbube
mit einem grauen langgeschwänzten Affen. Die Einwohnerschaft ist merkwürdig
international. Man muß schon ein ganz verzweifelter Patron sein, um sich in
diesem Fieberneste anzusiedeln. Wir trafen einen Dalmatiner dort, Chinesen
und zwei Türken, deren einer durchaus seine Flinte und seine Frau verkaufen
wollte. Für die Flinte fand er auch bald einen Abnehmer. Die Frau war zu
teuer.
Sehr bald erfuhren wir, daß unser Plan, gleich weiter zu fahren,
unausführbar sei. Es würde zwei Tage dauern, ein Boot für uns instand
zu setzen. Wir wappneten uns also mit Resignation, verdoppelten und
verdreifachten die Chininrationen und gingen -- Schmetterlinge fangen. Hier
wurde ein wunderschöner, samtgrüner, goldgemusterter Falter mit zierlichen
Frackschößen das Ziel unserer Sehnsucht. Dieser »Grüne« hat uns nachher
noch viel Sorgen und Aufregung gekostet, viel Anlaß zu Spott, Hohn und
gegenseitigen Eifersüchteleien gegeben, kurz, unsere schlechten Instinkte
entfesselt.
Unser Nachtquartier schlugen wir im Hause eines Holländers auf, eines
verbitterten, fieberkranken Krüppels ohne Beine. Er besaß einen Kramladen
und fuhr unwirsch auf einem vierrädrigen Holzkarren, den er sein
»Automobil« nannte, hinter dem Ladentisch her und hin, wenn er sich nicht
mühselig sitzend, durch den Staub schleppte. Das ganze Milieu -- ein
Cauchemar!
Wenigstens gab es auch hier Münchener Bier. Löwenbräu! Lauwarm freilich,
Kostenpunkt zirka 6 Mark die Flasche, aber immerhin ein Labsal bei der
Tropenglut. Und da weiter unten im reichen Beni-Gebiet, wie wir wußten,
10-15 Mark für die Flasche bezahlt wird, mußten wir es hier sogar billig
finden.
Als wir uns abends auf unsere Feldbetten gelegt hatten und noch darüber
nachdachten, wie wir uns am besten gegen die Moskitos, die Hauptträger
der Infektion, schützen sollten, drangen plötzlich Laute an mein Ohr. Ich
horchte hin, -- kein Zweifel, das mußte eine Art Musik sein. Wenn man eine
Liebhaberei hat, so läuft man ihr nach, egal, ob das auf dem Nordpol
oder in den Tropen ist. Ich sprang natürlich auf und trat vor die Tür.
Wundervoller Mondschein überflutet Mapiri. Selbst dieses elende Nest sieht
im taghellen Silberschimmer des Tropenmondes ordentlich poetisch aus. Ich
lausche, kein Zweifel, es ist irgend eine Musik zu hören, ganz deutlich
lassen sich die Schläge einer großen Pauke unterscheiden. Ich werfe die
notwendigsten Kleidungsstücke über und gehe den Tönen nach. Sie werden
immer deutlicher, Flöten und Pfeifen sind dabei. Die ganze Sache klingt
höchst sonderbar. Man wird nicht recht klug daraus, zehn Minuten vor der
»Stadt« gelange ich auf eine Wiese.
Dort bietet sich mir folgendes Bild dar: mitten auf der Wiese, vom
Mondlicht hell beschienen, stehen zirka fünfzehn Indianer in engem Kreise
und blasen auf Tod und Leben in ihre Panspfeifen und langen Flöten hinein.
Einer schlägt auf einer riesigen Trommel. Der Kerl hat Rhythmus! Sämtliche
Musikanten bewegen die Oberkörper gleichmäßig im Takt. Es stellt sich
heraus, daß eine »Probe« abgehalten wird zu einem Feste, das nach zwei
Monaten stattfinden sollte. Ja, die Musik ist eine schwere Kunst, zumal
das Orchesterspiel. Schon wollte ich fragen, ob sie nicht einen Dirigenten
brauchen.
Ich setzte mich ins Gras zu einer kleinen Gruppe anderer Musikliebhaber,
und endlich gelang es mir doch, mich einigermaßen in dem Chaos von Tönen
zurechtzufinden. Zwei Indianer bliesen eine Melodie, wobei sie sich nach
Art der alten russischen Hornmusikanten ablösten, d. h. wenn einem auf
seiner Flöte ein Ton fehlte, so blies ihn der andere. Die Schnelligkeit,
mit der diese Ablösung geschah, war bewundernswert. Das ist gar nicht
einfach. Es kostete meinem Reisekameraden und mir heißes Bemühen, uns
nachher in dieser Weise den Donau-Walzer auf zwei indianischen Panspfeifen
einzustudieren. Doch das nur nebenbei. Die übrigen zehn oder zwölf
Musikanten bliesen zu dieser Melodie die abenteuerlichsten Kontrapunkte,
dank denen mitunter ganz merkwürdige Harmonien entstanden. Es gelang mir,
im Laufe der Probe, drei Melodien nachzuschreiben. Eine davon gefällt mir
mit jedem Tage besser. Ich werde sie in Europa als symphonisches Thema
feilbieten.
Als ich tiefbefriedigt von diesem musikalischen Genusse heimkehrte, empfing
mich in unserem Bambuskäfig eine höchst aufregende Szene. Auf einer leeren
Bierflasche schwankte ein Licht, meine sämtlichen drei Gefährten mit
Stöcken und Schmetterlingsnetzen bewaffnet jagten irgend einem Phantome
an der Wand nach. Endlich erblickte auch ich es -- eine Vogelspinne. Die
scheußlichste Kreatur, die ich je in meinem Leben gesehen habe, faustgroß
mit zahllosen behaarten Beinen und zwei langen krummen Zähnen am glatten
Bauch, in dem wahrscheinlich schon mancher schöne Singvogel verdaut worden
war. Ihr Biß ist absolut tödlich. Der tapfere Assessor erlegte sie nach
langer Jagd mit einem wohlgezielten Hieb. Das Abenteuer ließ uns lange
nicht schlafen, man glaubte immer wieder, die langen haarigen Beine solch
eines Scheusals auf der eignen Stirn oder Hand zu spüren. Endlich begannen
die Sinne sich doch zu verwirren. Die Moskitos schienen die schöne
Indianer-Melodie zu summen ... Außerdem stachen sie leider auch!
* * * * *
_Aus meinem Tagebuche._ 20. April. Am Morgen um 7 Uhr stiegen wir zum Fluß
hinab, um uns einzuschiffen. Unser Boot wartete schon. Es trägt den stolzen
Namen »Orion« mit schwarzen Lettern an seinem grauschmutzigen Bug.
Wir kommen nicht weg. Es geht hier alles nicht so schnell, obzwar die
»Mannschaft« ums Boot herumwimmelt und unendlich geschäftig tut. Es sind
sieben indianische Jünglinge in weißen Hemden und Hosen, barhäuptig und
barfüßig. Man nennt sie »balzeros«, auch wenn sie nicht auf einer Balza
fahren. Es dauert eine Ewigkeit, bis unser Gepäck verstaut ist. Die
notwendigsten Sachen sind natürlich ganz nach unten geraten. Nur die
überflüssigen sind zur Hand. Auch haben wir Ladung. Kaffeesäcke. Das steht
eigentlich nicht im Kontrakt. Erst um 9 Uhr geht die Fahrt los. Uns zu
Häupten kreist sehr niedrig ein Aasgeier. Die Flinte ist unter Kaffeesäcken
begraben. Ich schieße mit dem Revolver nach ihm. Natürlich vorbei.
Mit langen Stangen wird das Boot bis in die Mitte gestakt. Nun gehts
flußabwärts. Heidi! ist das ein Tempo!
Die Balzeros sitzen alle sieben auf dem Bootsrande, baumeln mit den Beinen
im Wasser und lenken mit kurzen Rudern. Ein Steuer gibt es nicht.
Das Boot fliegt vorwärts mit dem Strom. Oft scheint es direkt gegen die
Felswände des Ufers zu sausen, wendet sich seitwärts, dreht sich ganz um.
Man wird schwindlich, macht seine Rechnung mit Gott und der Welt. An dieser
Felsenkante müssen wir zerschellen. Nein. Im eleganten Bogen lenken die
Balzeros herum. Sie sind doch vertrauenswürdiger als sie aussehen. Sie
kennen den Fluß, der nur aus Stromschnellen zu bestehen scheint, wie ihre
fünf Finger. Allmählich gewöhnen wir uns an die rasende Geschwindigkeit.
Liegen wie Bratheringe auf den Kaffeesäcken in der Sonne.
Das Frühstück besteht aus Konservenwurst und corned-beef. Wir essen aus der
Hand. Aus der eigenen natürlich. Die linke Handfläche dient als Teller, die
Finger der rechten -- als Gabel. Der Frühstückskorb ist mit der Flinte in
den tiefsten Gründen des Bootes verloren gegangen.
Die Ufer des Mapiri-Flusses sind malerisch, aber einförmig, sie ziehen sich
auf beiden Seiten ziemlich hoch hinauf. Viel Fächerpalmen. Schmetterlinge
fliegen ums Boot, setzen sich auf die blendend weißen Hemden der Balzeros,
die sie augenscheinlich für duftiger halten als sie sind.
Ein »Grüner« setzt sich W. auf den Rücken, Sch. bemerkt ihn, L. fängt ihn,
ich töte ihn, als einziger Besitzer eines Ätherflakons, jeder beansprucht
das Eigentumsrecht. Die Geschichte von den zwei Knaben mit der Nuß in
komplizierterer Lesart!
Gegen 5 Uhr langten wir auf der Hazienda von Don Carlos S. gegenüber
Guanay an. Wir haben 120 Kilometer in 8 Stunden zurückgelegt ohne einen
Ruderschlag zu tun. Vorläufig hat die Bootsfahrt ein Ende. Schade
darum. Eine kleine vertrocknete Frau mit großen Fieberaugen und einem
fieberkranken Kinde auf dem Arme empfängt uns. Ihr Mann -- der »gerente« --
ist in den Gommales.
Wir bekamen Tee, welch ein Labsal, amüsierten uns mit einem kleinen grünen
Papagei, der in Freiheit dressiert auf Tisch und Stühlen herumspringt.
Uns werden zwei Kammern des Bambuskäfigs, ähnlich denen in Mapiri,
angewiesen. Gestampfter Lehmboden. Die Wände sehr durchsichtig. Wir sehen
uns nach Spinnen um, finden auch einige, aber harmlose.