Stunde mehr, daß Höhengrade erreicht werden, für die unsere europäischen
Lungen ganz und gar nicht eingerichtet sind. Ohrensausen, Kopfschmerzen,
die ersten Anzeichen der Bergkrankheit stellen sich mit tödlicher
Sicherheit ein. Ein Gang aus dem Pullman-Car in den Speisewagen raubt einem
nicht nur den letzten Rest von Atem, sondern leider auch den Appetit. Oruro
liegt 4000 Meter hoch. Das schreibt sich leichter hin, als es sich ertragen
läßt. Nur langsam gewöhnt man sich daran und an die damit verknüpften
verrückten klimatischen Verhältnisse, tagsüber brennt einem die Tropensonne
senkrecht auf den Kopf, abends wird es schneidend kalt, und kein Überzieher
ist dick genug gegen die dünne Luft. Dann greifen alle Einwohner der Stadt
zu einem auch anderwärts bekannten Remedium gegen Kälte -- dem Alkohol.
Wenn die Sonne untergeht, findet man in den Bars an der Plaza kein
Plätzchen mehr. Die gesamte männliche Einwohnerschaft Oruros versammelt
sich dort, um dem Körper vermittelst unzählbarer Cocktails die nötige
Wärmemenge zuzuführen. Und die ganze Plaza wiederhallt vom Klappern der
Würfel, mit denen an allen Tischen diese Cocktails ausgespielt werden. So
ohne weiteres bezahlt nämlich in Bolivien niemand sein Getränk. Jedermann
würfelt mit 5-10 Gesinnungsgenossen die »Runden« aus. Und wenn man Pech
hat, kann man vor dem Essen seine 15-20 Pesos in Cocktails anlegen.
Äußerlich bietet Oruro gleich den meisten anderen bolivianischen Städten
ein merkwürdiges Bild. Anzeichen altspanischer Kultur vermengen sich
mit moderner Physiognomielosigkeit, ein gewisser behäbiger Wohlstand mit
primitiver Armut. Neben würdevollen Ziegelbauten in maurischem Stil stehen
elende strohgedeckte Lehmhütten. An den Haustüren sind überall noch
die guten alten Türklopfer zu sehen, davor strahlen abends elektrische
Bogenlampen. Über die zum größten Teil ungepflasterten Straßen poltern
vorsintflutliche Riesendroschken mit Maultieren bespannt und halten vor den
Portalen hellerleuchteter Kinematographen-Theater. Die Bevölkerung besteht
hauptsächlich aus Indianern und Angehörigen der Mischrasse, die
wenigen Europäer sind Angestellte der ausländischen Banken und größeren
Handelshäuser.
Die bolivianischen Indianer sind als Menschenschlag nicht häßlich.
Jedenfalls sind sie Schönheiten im Vergleich zu den chilenischen Mapuches,
an deren schlitzäugig-mongolischem Aussehen, wie man sagt, ein in
unvordenklichen Zeiten gestrandetes Schiff mit chinesischer Bemannung
Schuld sein soll. Dieser mongolische Typus fehlt unter den bolivianischen
Indianern vollständig, sie haben runde Gesichter mit weichen Zügen. Zu
der kupferbraunen Haut und den kohlschwarzen Haaren sehen die grellbunten
Ponchos, die allen ausnahmslos über die Schultern hängen, famos aus.
Dank der farbenfrohen Kleidung der Indianer ist das Straßenbild in den
bolivianischen Städten außerordentlich belebt. Männer und Weiber wetteifern
in der Auswahl der leuchtendsten Farben für ihre Ponchos respektive
Kleiderröcke. Sieht man sich dieses Giftgrün, Knallgelb, Feuerrot in der
Nähe an, so tun einem die Augen weh. Eine der schönsten und beliebtesten
Farben ist ein sattes, ziemlich helles Violett. Der übrige Anzug besteht
bei den Männern aus ebenso bunten gestrickten Zipfelmützen, auf denen
außerdem ein weißer Filzhut aus dem Stoff der Bajazzomützen sitzt, und
Hosen, die unten bis zur halben Wade geschlitzt sind und in zwei Bahnen
am Fuß herabhängen. Diese merkwürdige Fasson erklärt sich durch die
Notwendigkeit, die Hosen jeden Augenblick aufkrempeln zu müssen, nämlich
bei den Übergängen über die Flüsse und reißenden Bäche, von denen Weg und
Steg im Gebirge durchkreuzt sind, und von denen auch ich bald ein Lied
singen lernen sollte. Die Frauen sehen von den Hüften abwärts alle wie
verkappte Ballerinen aus. Sie tragen eine Unzahl Röcke, ziehen immer einen
über den anderen und nie einen aus, wird der oberste schlecht, so wird er
durch einen neuen nur verdeckt, nicht ersetzt. Das ist weder appetitlich
noch hygienisch, dafür aber bei dem hiesigen Klima zweckmäßig, weil
wärmend. Auf dem Kopfe sitzt den Weibern ein hellgelber, kesselförmiger
Strohhut, darunter hängen immer zwei wundervolle, festgeflochtene schwarze
Zöpfe hervor. Das ganze Ensemble sieht aberwitzig aus, besonders bei den
Cholofrauen, d. h. Mischlingen, die als Rasseabzeichen hohe Schnürstiefel
mit spitzigen hohen Hacken unter den halblangen Röcken tragen.
Vollblut-Indianer und Indianerinnen gehen immer barfuß.
»Sehenswürdigkeiten« im europäischen Sinne bietet keine der bolivianischen
Städte. Sie sind selbst in ihrer Eigenart sehenswürdig genug. La Paz, die
Hauptstadt des Landes, Sitz der Regierung und des Präsidenten, hat genau
denselben Charakter wie Oruro. Das Klima ist besser, denn La Paz liegt
»nur« 3600 Meter hoch. Übrigens ist die Lage der Stadt vom malerischen
Standpunkt aus wundervoll. Tiefeingeschlossen in einem Talkessel, umrahmt
von pittoresken Felsblöcken liegen die Häuser da, geordnet in winkelige
Straßen, die mitunter unglaublich steil bergauf und bergab führen. Sogar
für die »Plaza« hat man keine wagerechte Ebene finden können. So sieht
dieser schräg abfallende Platz aus, als sei er eben durch ein Erdbeben aus
dem Gleichgewicht gebracht. Keines der Gebäude, das ihn umgibt, hat eine
gerade Fassade. Auch schimmert in La Paz hin und wieder das Grün schöner
Platanen zwischen den Häusern, während Oruro kahl wie ein Greisenschädel
ist. Das Schönste in La Paz aber ist der »Illimani«, der Riese der
bolivianischen Kordillere, dessen leuchtend weißes Haupt sich 7500 Meter
hoch in den azurblauen Tropenhimmel erhebt.
Der Zugang zur Stadt ist erst seit einigen Jahren erleichtert worden durch
eine elektrische Bahn (ich glaube, die einzige in ganz Bolivien), die
400 Meter herab vom sogenannten »Alto« zur Stadt hinunter führt. Als ich
die schwindelnden Kurven dieser Bahn hinabfuhr, fiel mir eine ergötzliche
Geschichte ein, die mir ein bolivianischer Parlamentarier auf dem Dampfer
zwischen Valparaiso und Antofogasta erzählt hatte. Vor nicht allzulanger
Zeit machte sich der englische Ministerresident in La Paz höchst unbeliebt.
Als sein Treiben den Bolivianern zu bunt wurde, entledigten sie sich seiner
auf eine sehr drastische Weise. Sie setzten ihn rückwärts auf einen Esel,
gaben ihm den Schwanz in die Hand und führten ihn so zur Stadt hinaus zum
Alto hinauf. England schnaubte Rache, doch was sollte man mit dem kleinen
vorwitzigen Bolivien machen, dem zu einer Flottendemonstration, die England
so liebt, die Meere fehlen! Da nahm man in London die Karte Südamerikas zur
Hand, strich Bolivien einfach aus und schrieb an seine Stelle das einzige
aber vielsagende Wort »savage« hin. So die Überlieferung.
Ja, was soll man mit Bolivien machen, wenn es sich Dreistigkeiten
herausnimmt, die anderswo nicht ungerochen bleiben würden. Strategisch ist
das Land von allen Seiten her absolut unzugänglich. Darauf bauend hat die
Regierung sich bis zur letzten Zeit auch wenig um militärischen Schutz
gekümmert. Erst die traurige Geschichte vom Verluste Antofogastas, die ich
im vorigen Briefe erzählte, hat diese Frage mehr in den Vordergrund des
Interesses gerückt. Man gönnt Chile den Hafen nicht, und will ihn auf alle
Fälle zurückerobern. Dazu braucht man aber Soldaten, die man bis vor kurzem
in Bolivien nicht hatte. Da hat man endlich mit der Erziehung einer
Armee begonnen. Zuerst wurde diese schwierige Aufgabe -- gilt es doch
hauptsächlich Indianer zu drillen, die ausnahmslos Analphabeten sind und
außer ihren zungenbrechenden Idiomen »Aimara« und »Quechoa« keine Silbe
verstehen -- französischen Instruktoren anvertraut. Erst als damit gar
nichts erreicht wurde, berief man nach dem Beispiel Chiles deutsche
Offiziere. Diese haben in der bolivianischen Armee wahre Wunder zustande
gebracht. Davon durfte ich mich selbst überzeugen. Auf die freundliche
Einladung des Generalissimus der bolivianischen Armee, des preußischen
Majors K., wohnten mein Reisekamerad und ich einer Manöverübung in
Oruro bei. Die Übung war gleichzeitig Schlußprüfung für sogenannte
Dreimonate-Rekruten, die nicht länger von ihrer Feldarbeit ferngegehalten
werden sollen. Was diese Burschen auf allen Gebieten militärischen Drills
leisteten, war tatsächlich erstaunlich. Die Exaktheit, mit der nicht nur
Gewehrgriffe, sondern auch komplizierte Bewegungsmanöver ausgeführt wurden,
hätten einem beliebigen europäischen Regiment zur Ehre gereicht. Famose
Schützen sind die Indianer mit ihren sprichwörtlichen Adleraugen
natürlich allesamt. Eine Aufmerksamkeit, die uns der liebenswürdige
Oberkommandierende bei dieser Gelegenheit erwies, möchte ich noch erwähnen.
Beim Flaggensignalisieren zwischen zwei Truppenteilen überreichte uns der
leitende Offizier die erste signalisierte Parole. Sie lautete: »Boshe Zarja
chrani«. Diese Worte -- der Anfang der russischen Nationalhymne -- mögen
in der bolivianischen Hochebene inmitten rothäutiger Indianersoldaten zum
ersten Male gehört worden sein.
In La Paz hatten wir später Gelegenheit, die bolivianische Kadettenschule
zu besichtigen. Sie untersteht ebenfalls der Leitung eines deutschen
Offiziers, des Hauptmanns M. Es ist eine Freude zu sehen, mit welcher
Lust diese kräftigen braunen Jungen turnen, mit welch einem geradezu
akrobatischen Geschick sie die schwierigsten Evolutionen an Reck und Barren
ausführen. Diese Vorführungen fanden zu Ehren einiger chilenischer
Minister statt, die in diplomatischer Mission in La Paz weilten. Als die
Gesellschaft nachher bei einem Glase Champagner zusammensaß oder vielmehr
stand -- der erste Toast galt übrigens wieder dem russischen Zaren --
passierte mir ein peinliches Mißverständnis, an das ich noch jetzt ungern
zurückdenke. Ich unterhielt mich mit einem Herrn, der mir als S. Exzellenz
der Herr Kriegsminister genannt worden war. In der sichern Annahme, es
sei der chilenische, erging ich mich in Lobeshymnen über das chilenische
Militär, das ich in Santiago und Valparaiso gesehen hatte. Das Gesicht
meines Partners wurde dabei zu meinem Erstaunen immer länger, seine Miene
immer saurer. Endlich unterbrach er meinen Redeschwall: »Sie mögen recht
haben, aber warum sagen Sie gerade mir das?« Sprachs und drehte mir
den Rücken. Es war der bolivianische Minister. Man muß das übertünchte
Freundschaftsverhältnis beider Republiken kennen, um die Tragik dieser
Anekdote zu verstehen.
La Paz, im Herzen Boliviens liegend, wird für uns der Ausgangspunkt einer
sechswöchigen Tour in die Tropenebene das Landes. Man hält hier solch einen
Ausflug für ein gewagtes Unternehmen. Wir wollen sehen, ob unsre Erlebnisse
die Befürchtungen unsrer bolivianischen Freunde rechtfertigen werden.
~Tafel 5~
[Illustration: ~Oruro (Bolivien)~]
[Illustration: ~Straßentypen in Oruro~]
[Illustration: ~Lamas in Ängsten vor dem »Kodak«~]
~Tafel 6~
[Illustration: ~PROBEN ALTSPANISCHER ARCHITEKTUR IN LA PAZ (BOLIVIEN)~]
15. BRIEF.
IM TROPISCHEN BOLIVIEN.
1. VON LA PAZ BIS ACHECACHI.
Vom Anfang unserer Reise an war es beschlossene Sache einen Ausflug ins
tropische Bolivien zu machen. Die einzige Frage, die uns Sorge machte, war
die, von welcher Seite dieses Wunderland am besten zu erreichen sei. Der
ursprüngliche Plan, von Argentinien aus durch den sogenannten »Gran Chaco«
in die Urwälder Boliviens einzudringen, mußte aufgegeben werden, weil er
in der Zeit, die uns zur Verfügung stand, nicht ausführbar war. Bei den
hiesigen Verkehrsverhältnissen muß man sich daran gewöhnen, daß Wochen, ja
Monate als »quantités négligeables« behandelt werden. Reisen werden durch
die Jahreszeiten bestimmt, wenn überhaupt. Es heißt etwa: »wenn Sie jetzt
losgehen, können Sie noch im Winter da und da anlangen«, ob das aber im
Juni, Juli oder August sein wird, darüber wagt man keine Vermutungen.
Anfangs hält man diese sehr unsicheren Zeitangaben für eine
Folgeerscheinung von Denkfaulheit, Indolenz und jenes trägen »laisser
aller, laisser passer«, an dem die Südamerikaner der lateinischen Rasse
allerdings leiden. Hat man jedoch die Wege und Verkehrsverhältnisse im
Innern des Kontinents aus eigener Anschauung kennen gelernt, so ist man
geneigt, selbst diese primitiven Zeitbestimmungen für unbegreiflichen
Leichtsinn zu halten.
Schneller als durch die argentinische Ebene ist das tropische Bolivien
von der Küste aus zu erreichen, obgleich es hierbei gilt, den gewaltigen
Höhenzug der Hauptkordillere zu übersteigen. Diesen Weg entschlossen auch
wir uns zu nehmen. So wurde La Paz zum Ausgangspunkt unserer »Expedition«.
Dieser Ausdruck klingt etwas laut und anmaßend, man sieht gleich ganze
Herden bepackter Kamele und Lamas, Regimenter eingeborener Sklaven
vor sich, denkt an blutige Kämpfe mit wilden Stämmen nackter Indianer,
Tigerjagden und Riesenschlangen. Dieses Bild bot unsere Reise freilich
nicht, obgleich sie für europäische Verhältnisse immerhin noch interessant
genug verlief.
Als einzige ernste Gefahr, abgesehen von den Strapazen der Reise, wurde
uns in La Paz warnend das überall im tropischen Bolivien herrschende
Fieber vorgehalten. Davor glaubten wir jedoch durch eine rationelle
Chinin-Prophylaxe ausreichend geschützt zu sein. Leider war dies nicht der
Fall, denn bei unserer Rückkehr nach La Paz erkrankten doch zwei Mitglieder
unserer Reisegesellschaft, glücklicherweise nur leicht, an einer Form des
Tropenfiebers, der sogenannten Tertiana.
Neben der Beschwerlichkeit, überhaupt in jene Gegenden vorzudringen, ist
das Fieber wohl der Hauptgrund, weshalb der mit allen Reichtümern der Natur
gesegnete Landstrich des tropischen Boliviens verhältnismäßig so wenig
Anziehungskraft auf den Unternehmungsgeist der Bevölkerung ausübt. Wer
nicht unbedingt muß, steigt nicht in die Tropen hinunter, zumal er
vorher beinah in den Himmel, nämlich auf den Rücken der Hauptkordillere
hinaufsteigen muß. Von regelmäßigen Verkehrsverhältnissen zwischen dem
in der Hochebene gelegenen und dem tropischen Teile Boliviens ist unter
solchen Bedingungen natürlich keine Rede. Daher der hochtönende Name
»Expedition« für jede Reise, die ins Innere des Landes führt.
Auf eigene Faust eine solche Expedition zu wagen, ist für einen mit den
Landesverhältnissen nicht vertrauten Europäer nicht nur schwer, sondern
einfach unmöglich. Auch uns wäre sie nicht gelungen, hätten nicht wieder
einige Herren von der Deutschen Überseeischen Bank, der deutsche Konsul und
Vizekonsul in La Paz, uns wenigstens im ideellen Sinne die Wege geebnet.
Die Reisegesellschaft bestand aus vier Personen. Von unserem
Unternehmungsgeist angesteckt, schlossen sich zwei deutsche Herren dem
Ausflüge an, der preußische Bergassessor W. und der allzeit liebenswürdige
und lebenslustige Prokurist der Deutschen Bank in Valparaiso, Sch.
Am 5. April, 7 Uhr morgens, ging die Reise los. Ein kurzes Streckchen noch
durften wir die Errungenschaften der Kultur genießen. Wenn man das genießen
nennen kann. In einer »Elektrischen«, bei der der Fußboden aus den Stiefeln
anderer Leute zu bestehen schien, und alles übrige aus Ellbogen und Knieen,
ging es eine halbe Stunde hinauf durch die brauenden Morgennebel nach dem
sogenannten »Alto« von La Paz. Es ist der Endpunkt der Eisenbahn, die nach
La Paz führt, 400 Meter über der eigentlichen Stadt. Dort fanden wir unsere
weiteren Fahrgelegenheiten vor. Unsere beiden Reisegefährten stiegen in
eine »Diligence«, die einmal wöchentlich den Verkehr zwischen La Paz und
dem zehn bis zwölf Stunden entfernt liegenden Städtchen Achecachi besorgt.
Ich hatte es mir nicht gedacht, daß ich solch einen herrlichen alten
Postwagen wirklich noch einmal leibhaftig vor mir sehen würde. Zwölf
Menschen nahmen in ihm Platz, Säuglinge an der Mutter Brust, oder hier
auch, nach der indianischen Sitte, auf der Mutter Rücken, ungerechnet. Auf
hohem Bock thront ein Kutscher, in beiden Fäusten den Wirrwarr von Leinen,
mit denen er seine sechs langgespannten Pferde lenkt. Der schöne Wagen ist
einst rot gewesen, jetzt schon etwas verwittert und nicht ganz bestimmbar
mehr in der Farbe: sein Aussehen leidet auch ein wenig durch das Chaos
undefinierbarer Gepäckstücke, das sich auf dem Dache emportürmt. Für uns
stand eine vorsichtigerweise bestellte Extrakutsche bereit. Die ist zwar
zehn Mal teurer, dafür aber auch zwanzig Mal bequemer. Allerdings hat sie
nur vier Pferde. Doch unseren Kutscher beseelte ein löblicher Ehrgeiz, der
ihm dazu verhalf, das Wettrennen bis Achecachi richtig mit einer Wagenlänge
zu gewinnen. Daß wir dabei einen Federbruch erlitten und die »Diligence«
ein Rad verlor, beeinträchtigte den Spaß nur wenig.
Herrlich ist solch eine Wagenfahrt durch die bolivianische Hochebene!
Die ganze »Puna« -- so lautet der spanische Ausdruck für dieses
Gebirgsflachland -- ist von warmem Sonnenschein überflutet. Man genießt ihn
in der ruhigen Zuversicht, daß es nie drückend heiß werden kann, denn
das läßt die Höhe von 4200 Metern selbst in der tropischen Zone nicht zu.
Solange die Wege gut und eben sind, werden die Pferde nicht geschont, meist
geht es im Galopp, Troika-Stil. Bei den Flußübergängen -- und ihrer sind
zahllose -- haben sie Zeit sich auszuruhen. Dann rumpelt der Wagen über das
Geröll der breiten jetzt zu Anfang des Winters ausgetrockneten Flußbetten.
Hin und wieder freilich gilt es, die Beine hochzuziehen, denn das Wasser
überflutet doch zuweilen das Fußbrett des Wagens.
Die Landschaft bleibt sich den ganzen Tag über gleich und dennoch wird man
nicht müde, sie anzusehen. Nach drei Seiten hin dehnt sich unübersehbar
weit die Puna aus. Nur im Osten hat man die ganze Zeit den stolzen Zug
der »Königskordillere« zur Seite. Mit Recht trägt dieser Teil des
südamerikanischen Gebirges seinen Namen. Es sind wirklich zwei Könige der
Gebirgswelt, der 7600 Meter hohe Llampu und der 7500 Meter hohe Illimani,
die diesen Höhenzug im Süden und im Norden begrenzen. Zwischen ihnen recken
in geschlossener Kette ihre zahllosen weißhäuptigen Trabanten, die zum
größten Teil namenlos sind, ihre blitzenden Schneekronen in den tiefblauen
Himmel hinein.
Viel Leben und Abwechslung freilich sucht man auf der »Puna« vergebens.
Von Zeit zu Zeit begegnet man einem Trupp Indianern, die ihre mit nickenden
Mais- und Weizenbüscheln beladenen Esel nach La Paz treiben. Lustig sieht
es aus, daß auf jedem Esel ein Huhn, resp. ein Hahn als stolzer Reiter
sitzt. Die Indianer nehmen auf diese Weise stets ihre ganze Hühnerzucht mit
sich, um die frischen Eier für horrende Preise in der Stadt zu verkaufen.
In noch größeren Abständen passiert man eine und die andere indianische
Ansiedlung. Elende aus Lehm zusammengeknetete Hütten. Auf vielen steckt
als Zeichen der siegreichen katholischen Kirche, meistens schief, ein
mit Bindfaden zusammengebundenes Kreuz aus zwei Holzstäbchen. Und dennoch
verrät sich in diesen ärmlichen Behausungen und in den Lehmmauern, von
denen sie umgeben sind, eine Art Stil. Es ist ein einheitlicher Zug in der
kunstlosen Architektur, in den Mustern der groben Friese, mit denen die
Mauern und die Simse der fensterlosen Hütten geschmückt sind. Eine dieser
Mauern sahen wir übrigens im Vorüberfahren plötzlich lebendig werden. Es
war eine Million riesengroßer Erdratten, die daran hinauf, herunter, hinein
und herauskrabbelten. Für zarte Gemüter kein sehr erfreulicher Anblick. In
seinem prächtigen Buche über die Chaco-Indianer behauptet Nordenskjöld,
daß die Erdratte dort an einem Stäbchen schön gebacken als besondere
Delikatesse bei Festessen gilt. Hier scheint das nicht der Fall zu sein,
sonst könnten sich diese gräßlichen Tiere nicht in so erschreckender Weise
vermehren.
Gegen Mittag wurde in einem dieser Indianerdörfer umgespannt. Die vier
flinken Pferde machten ebenso vielen zwar weniger schnellen, dafür aber
ausdauernden Maultieren Platz. Die Reisenden konnten sich unterdessen mit
heißem Tee aus Thermosflaschen und einem kalten Hühnerbein stärken. Nach
Überwindung einiger nicht bedeutender Steigungen, bekamen wir beim Örtchen
Posadas zum ersten Mal den Titicaca-See zu Gesicht, und zwar gleich in
nächster Nähe. Von der Ebene aus gesehen, hat er noch nicht die wundervolle
intensiv indigoblaue Farbe, in der sein Wasserspiegel nachher ins
Hochgebirge hin aufleuchtet. Doch gibt sein hier unten grünlich
schimmerndes Wasser mit dem rosenroten Gestein der umgebenden Hügel, dem
blauen Himmel und dem violetten Dunst, der das ganze Bild verschleiert,
immer noch eine ganz unwahrscheinlich schöne Farbensymphonie ab.
Außer seiner Schönheit ist der Titicacasee durch seinen Wildreichtum
berühmt. Für jedermann, der etwas Jägerblut in den Adern hat, ist das der
Ort zum toll und rasend werden. Das sollte ich am eigenen Leibe erfahren.
Mein Gewehr ruhte wohlverpackt in seinem Futteral, die dazu gehörigen
Patronen steckten in den tiefen Gründen irgend eines Koffers. Trotzdem und
trotz der Proteste des ehrgeizigen Kutschers, der sich durchaus nicht vom
Postwagen überholen lassen wollte, wurde das ganze Schießzeug auf offener
Straße in Bereitschaft gesetzt. Ich ließ Wagen Wagen sein und Kutscher
Kutscher, zumal wir der »Diligence« um mindestens 5-6 Meilen voraus waren
und stieg zum Uferschilf hinab, in und über dem ich es schwärzlich wimmeln
sah. Das Resultat rechtfertigte diese Eskapade. In weniger als einer halben
Stunde hatte ich eine Beute von 15 Wasservögeln von acht verschiedenen
Sorten beisammen, darunter 5 Enten, einen prächtigen Reiher und das
Staatsstück -- einen schwarzen Adler. Allerdings muß ich meinen
Jägerruhm durch die Bemerkung schmälern, daß die Vögel des Titicacasees
augenscheinlich keine Ahnung davon haben, was eine Flinte und ein Jäger
sind, denn ich habe keinen Schuß weiter als auf 20 Schritte abgegeben. Und
von den Enten -- herrliche fette Tiere mit schwarzem Gefieder und roten
Schnäbeln, über deren Eßbarkeit die Gelehrten allerdings noch streiten
-- hätte ich ebenso leicht 50 statt 5 haben können, denn nach jedem Schuß
setzten sie sich wieder friedlich im Kreise rings um mich herum. Nur dem
Reiher mußte ich nachstellen, und zwar gelang mir das mit Hilfe eines
Indianers, der nach dem ersten Schuß eiligst in seiner schwanken schmalen,
aus Bast geflochtenen »Balza« durchs Uferschilf herangestakt kam. In wildem
Jagdeifer vertraute ich mich ohne weiteres diesem seelenverkäuferischen
Fahrzeuge an, kniete darauf nieder und ließ mich, kunstvoll balancierend,
in den See hinaus rudern, was der Indianer hinter mir stehend, mit zwei
Händen ein Ruder handhabend, außerordentlich geschickt besorgte. Fast hätte
ich bei dieser Fahrt das Schießen vergessen. Unter mir das tiefe klare
Wasser, dem man bis auf den Grund sehen konnte, von dem aus sich wunderbar
geformte grünlich-blaue Wasserpflanzen emporrankten, zu beiden Seiten
das hohe Schilf, das über unseren Köpfen zusammenschlug und darinnen
ein Geschwirr von bunten Libellen, winzigen Vögeln, Käfern und allerhand
zirpendem Getier. Eine liebliche Sommermittagstimmung! So recht geschaffen,
um sich in dem schmalen Kahne auszustrecken und alles ringsumher zu
vergessen ...
Der Kutscher empfing mich trotz der vielen schönen Vögel, die ich
mitbrachte, mit Gebrumm. Einen Aufenthalt hatten wir wegen des erwähnten
Federbruches schon gehabt und in der Ferne zeigte sich schon die
»Diligence«. Die armen Maultiere mußten daran glauben. Mit Hott und Hüh
ging es über Stock und Stein. Wenigstens kam man auf diese Weise schnell
vorwärts. Fast gleichzeitig hielten beide Wagen vor dem Hotel in Achecachi.
Nicht alles was so heißt, ist ein Hotel. Dieses war z. B. keines. Nicht
einmal eine Herberge. Über einen dunklen Hof arbeiteten wir uns durch ein
Gewirr von Maultierschnauzen zu einer baufälligen Treppe durch, die zum
einzigen Fremdenzimmer dieses »Hotels« führte. Zerschlagen von der langen
Wagenfahrt ließen wir die müden Glieder auf ein Kanapee fallen. Diese
Unvorsichtigkeit war mit einigen blauen Flecken zu büßen. Trost brachte
ein aus rotem Landwein artistisch gebrauter Grog. Es ist, wie ich erklärend
beifügen muß, in dieser Höhe abends hundekalt.