Da ist z. B. das Straßenleben abends in Valparaiso. Man tritt auf die

Avenida del Independencia hinaus. Die Straße ist schwarz von Menschen. Im

ersten Augenblick glaubt man, daß sich ein Schadenfeuer oder sonst irgend

ein aufregendes Ereignis abspielt. Erst wenn man näher kommt, erkennt man,

daß sich hier nichts anderes vollzieht, als die regelmäßige Abendpromenade

der sogenannten »guten« Gesellschaft der Stadt. Und zwar ist es wirklich

die gute Gesellschaft, und nicht wie etwa in Berlin auf der Friedrichstraße

oder auf dem Newski in Petersburg die jeunesse (und vieillesse) dorée nebst

der dazugehörigen Demimonde. Auch das wird einem anfangs schwer zu glauben.

Der einzige Unterschied zwischen der halben und der ganzen Welt hier ist

der, daß die erstere im Aussehen ehrbarer und im Benehmen distinguierter

ist, denn sie stammt meistens wirklich aus Paris. Diese Abendpromenade der

chilenischen Gesellschaft ist, wenn man die Sache beim rechten Namen nennt,

eigentlich nichts anderes, als ein ordinärer Heiratsmarkt. Nur gibt sich

jedermann den Anschein, als merke er nichts davon. Mütter stellen ihre

unmündigen Töchter und mündige Jungfrauen und Frauen stellen sich selbst

zur Schau. Zu diesem Zwecke staffiert man sich nicht nur mit unerhörten

Toilettenkünsten heraus, sondern läßt auch alle Mittel -- und nicht einmal

nur die geheimen -- der Kosmetik springen. Jedes weibliche Wesen in Chile,

das sich zur Abendpromenade begibt, schminkt sich oder wird geschminkt --

ganz egal ob es zwölf oder vierzig Jahre zählt. Auch das ist ein Beispiel

für das Mißverstehen europäischer »Kulturerrungenschaften«. Nach unseren

Begriffen sehen diese bemalten Kindergesichter, die all ihren natürlichen

Liebreiz verlieren, abschreckend, ja ekelerregend aus. Der Chilenin

erleichtert diese Sitte die Konkurrenz, denn auf diese Weise haben sie

alle mehr oder weniger das gleiche Aussehen. Und dann resultiert daraus ein

wundervolles taktisches Prinzip: die Chilenin macht einfach so, als ob sie

schön wäre und benimmt sich so. Darin liegt vielleicht das Geheimnis ihrer

Reize für den geschmacksunsicheren chilenischen Jüngling. Die Toiletten und

Hüte, die bei dieser abendlichen Promenade zur Schau getragen werden, sind

von exquisitem Luxus. Man sieht ihnen die Pariser Herkunft unschwer an.

Leider fehlt den chilenischen Frauen nur das, was man »portée« nennt. Sie

erwecken oft den Eindruck wandelnder Kleiderstöcke. Einer anderen, als der

Augensprache dürfen sich die Angehörigen verschiedenen Geschlechts nicht

bedienen. Von _der_ allerdings wird ausgiebiger Gebrauch gemacht. Sonst

verbietet der sittenstrenge gesellschaftliche Kodex jeden Verkehr. Männlein

und Weiblein wandeln in säuberlich getrennten Gruppen, und wehe dem,

der einen Annäherungsversuch macht. Unwillkürlich denkt man an die

Sonntagspromenaden der Mädchen und Burschen in den russischen Dörfern. Es

muß ein geheimnisvoller Zusammenhang zwischen dem allgemeinen Kulturniveau

und der Freiheit des gesellschaftlichen Verkehrs zwischen beiden

Geschlechtern bestehen.

Der europäische Begriff der Geselligkeit scheint hier überhaupt in seinen

gewöhnlichsten Formen unbekannt zu sein. Man vergleiche z. B. das muntere

ungezwungene Leben, das in einem beliebigen europäischen Badeorte herrscht,

mit dem, was man in dem fashionablen chilenischen Seebade Vina del Mar

sieht. Dieser Badeort zeichnet sich schon dadurch vor allen übrigen aus,

daß kein Mensch dort badet. Außer einigen Kindern, meistens Straßenjungen,

geht niemand ins Wasser. Das Meer wird höchstens als Schauspiel genossen,

und auch das mit Maß. In Vina del Mar wohnt während der Sommermonate die

gesamte vornehme Welt Chiles und jeder, der gern dazu gehören möchte.

Das Badeleben beschränkt sich darauf, daß man zweimal täglich in

seiner blankgeputzten Equipage spazierenfährt, das heißt was man so

spazierenfahren nennt. In langen Reihen bewegen sich die eleganten Wagen

die staubigen Straßen des Städtchens entlang. Oft bleiben sie stehen, doch

nicht um den Insassen Gelegenheit zu einem Spaziergange zu geben. Das

wäre der kostbaren Toiletten und fabelhaften Hüte wegen schon nicht zu

empfehlen. Die Herrschaften bleiben in den Wagenpolstern ruhen, und die

Equipage hält nur, damit die Insassen bequemer lorgnettieren und sich

lorgnettieren lassen können. Und der wundervolle Strand mit seinem

schneeweißen Dünensande, der endlos sich dehnenden glänzenden Fläche des

stillen Ozeans und den verführerisch schäumenden Flutwellen bleibt um jede

Tageszeit gleich leer -- ein Tummelplatz für die lustige Straßenjugend, die

es nicht nötig hat, auf alle Fälle »fein« zu sein. Dieses Feinseinwollen à

tout prix ist das Unglück der Chilenen, es unterbindet jedes Vergnügen

und ist auch der alleinige Grund ihres absurden, tödlich langweiligen

Badelebens. Niemand wagt es, an den Strand zu gehen, denn man muß täglich

und womöglich stündlich zeigen, daß man eine Equipage besitzt und sich

einen Kutscher in Livree mit weißen Lackstiefeln leisten kann. Da der

Strand von niemandem besucht wird, braucht man ihn natürlich auch nicht zu

pflegen. Badeeinrichtungen sind nur in so primitiver Form vorhanden, daß

in dieser Hinsicht das letzte Fischerdorf der Ostsee ein Ausbund von Luxus

dagegen ist. Vor fünf Monaten ist am Strande von Vina del Mar ein großer

chilenischer Passagierdampfer gescheitert. Die Trümmer liegen noch überall

herum. Als ich eines Tages daran vorüberwanderte, erfolgte plötzlich

ein fürchterlicher Knall, und das Wrack spie einen Regen von Holz- und

Eisensplittern aus, die mir um die Ohren flogen. Der Schiffsrumpf wurde

mit Dynamit auseinandergesprengt, wie sich herausstellte. Da jedoch nie ein

Mensch sich am Strande zeigt, hielt man es nicht einmal für nötig, irgend

welche Vorsichtsmaßregeln, etwa in Gestalt von Warnungstafeln, anzubringen.

Fünfhundert Schritte weiter hat man die städtischen Abfallgruben, die einen

bestialischen Gestank verbreiten. Räudige Hunde suchen dort ihre spärliche

Nahrung unter halbverfaulten Maisstrünken und Melonenschalen, alte

zerlumpte Bettelweiber sammeln zerbeulte Sardinenbüchsen auf, die von der

Flut angespült werden.

Und dies alles geht an einer Stelle vor sich, die wie geschaffen dazu wäre,

damit sich dort das herrlichste ungebundenste Strandleben mit all seinen

Reizen und Freuden entwickeln könnte! O ob der Kurzsichtigkeit des

Nachahmungstriebes!

Fehlt Vina del Mar somit der eigentliche Sinn des Badelebens, so ist der

Unsinn, in seinen »chicken« Formen natürlich reichlich vertreten. Dazu

rechne ich, außer dem erwähnten Toilettenluxus, das krampfhaft gesteigerte

Interesse für Rennsport mit all seinen Ausgeburten. Der Turf frißt hier

nicht weniger Existenzen auf als anderswo. Sportlich stehen die Rennen,

mit geringen Ausnahmen, auf keiner sehr hohen Stufe, um so glänzender blüht

dagegen das Totalisator-Geschäft. Betritt man den Paddok und schaut sich

die chilenische Rennwelt an, so erlebt man manche Überraschung. Vor allem

die, daß die Jockeys in ihren bunten Jacken meist Knaben von 12-18

Jahren sind. Zu einem Rennen sah ich einen Knirps von höchstens 10 Jahren

hinausreiten, seine winzigen Händchen umspannten kaum die Zügel. Vom

»Sport« kann unter solchen Umständen wohl kaum die Rede sein. Die

jugendliche Jockey-Gesellschaft muß die Pferde von vornherein durchgehen

lassen, und jeder sorgt nur dafür, daß er im Sattel bleibt, sonst wird

weiter keine Reitkunst angewandt. Nur zu den hochdotierten Rennen (z. B. im

Preise von Vina del Mar, 25.000 Pesos) erscheinen etwas ernsthaftere Leute

am Start, und man sieht sportlich hervorragendere Leistungen. Gerade das

erwähnte Rennen wurde vorzüglich geritten, oder vielleicht schien es nur

so nach der naiven Karriere-Wurstelei der Jockey-Säuglinge. Amüsant ist es,

wenn ein edles Vollblut auf eigenes Risiko vor dem Startzeichen das Rennen

beginnt und die Bahn durchrast, ohne daß der Reiter die Möglichkeit hat, es

vor Ende der Strecke zum Stehen zu bringen. Die übrigen Pferde warten, bis

der Durchgänger zum zweiten Mal -- meist unter frenetischem Applaus des

Publikums -- die Startlinie passiert und nehmen dann das Rennen auf. Wie

lustig dabei die Kombinationen am Totalisator sind, läßt sich denken,

beinahe so lustig, wie das Bild des Rennens. -- Freilich nicht für

Jedermann.

13. BRIEF.

VON VALPARAISO NACH ANTOFOGASTA. -- DIE CHILENISCHE SALPETER-INDUSTRIE.

Auf der südlichen Halbkugel muß man sich an die verkehrte klimatische

Rechnung gewöhnen, daß es um so heißer wird, je höher man nordwärts kommt.

Aus dem Herbst in Süd-Chile war ich in den Sommer von Valparaiso geraten,

nun ging es in den Norden den Tropen zu. Der Dampfer »Thuringia« der

deutschen Kosmos-Gesellschaft nahm uns auf, um uns bis Antofogasta zu

bringen. Er war dabei so menschenfreundlich, nie weiter, als 4-5 Kilometer

vom Ufer zu fahren, so daß man während zweieinhalb Tagen stets das

schönste Gebirgspanorama vor Augen hatte. Die Kordillere zieht sich hier in

ziemlicher Höhe bis dicht ans Gestade des Ozeans heran. Die Landschaft ist

einförmig, aber dennoch immer reizvoll. Es ist kaum glaublich, welch eine

Unmenge von verschiedenen, immer zarten und weichen Farbentönen diese mit

grauem Sand und rötlich-braunem Gestein bedeckte Gebirgskette annehmen

kann. An sich ist sie das ödeste, was es überhaupt gibt. Stein und Sand,

Sand und Stein, nicht die leiseste Spur von vegetativem oder organischen

Leben. Aber aus der Ferne im wechselnden Licht der Sonne, oder gar

bei Mondschein, nimmt sich das alles aus wie ein Zauberland. In weich

opalisierendem Glanz heben sich die schönen und ausdrucksvollen Konturen

des Gebirgszuges vom leuchtenden blauen Himmel ab. In den Tälern und

Klüften lagern dunkle violette Schatten. Das ganze Bild hat etwas

Unirdisches -- ein Eindruck, der sich noch verstärkt, wenn bei aufgehendem

Mond die Farben ins Bläulich-Silbergraue zu spielen beginnen.

Wenn man dieses lockend und verführerisch scheinende Land betritt, gibt es

freilich eine arge Enttäuschung. Antofogasta ist ein grauenhaftes kleines

Nest, wichtig nur als außerordentlich gut geschützter Handelshafen und als

Zentrum des chilenischen Salpeterexportes. Sonst bietet es nichts, außer

einem lärmenden Anlegeplatz mit Dampfkrähnen, die nach allen Richtungen

in die sonnendurchglühte Luft starren, prustenden Lokomotiven, schreienden

»lancheros«, die heftig gestikulierend ihre Boote anpreisen, staubigen

ungepflasterten Straßen, kümmerlichen häßlichen Bauten und einem steinigen

Strand, der hier, wie überall in Chile, in eine übelriechende Kloake

verwandelt ist.

Aber der Salpeter, der Salpeter -- der ist wichtig genug, um Antofogasta

unter allen Städten der Republik einen höchst bemerkenswerten Platz

einzuräumen. Der Salpeter ist der eigentliche Lebensnerv der chilenischen

Wirtschaftspolitik. In der Geschichte des Landes hat er eine hervorragende

Rolle gespielt. Er war es, der den casus belli im letzten »Kriege« zwischen

Chile und Bolivien abgab. Die Geschichte dieses Krieges ist überaus

charakteristisch für die südamerikanischen Verhältnisse und wohl wert,

erzählt zu werden.

Die ergiebigsten und umfangreichsten Salpeterfelder liegen in der Hochebene

der Kordillere, die Chile von Bolivien trennt. Antofogasta war ein

bolivianischer Hafen, Chile hat seine Rechte darauf dem Nachbarstaate

abgetreten unter der Bedingung, daß Bolivien nie eine Ausfuhrsteuer auf

Salpeter erheben würde. Ein Weilchen ging alles höchst vorzüglich.

Bolivien hatte seinen Hafen, und Chile exploitierte ungeschoren seine

Salpeterfelder. Aber nicht lange vermochte Bolivien, dem mit fabelhafter

Leichtigkeit gewonnenen Wohlstande des Nachbars zuzuschauen. Es brach den

Vertrag und belegte ein Quintal (ca. 36 kg) Salpeter mit der allerdings

sehr bescheidenen Steuer von 10 Centavos. Da hatte es aber die Rechnung

ohne den Wirt gemacht. Denn der Wirt der Companie de Selitres de

Antofogasta war niemand anderes als die chilenische Regierung, da sich

die Hauptaktien dieser Gold- d. h. Salpeterfelder natürlich in Händen

chilenischer Minister befanden. Als Antwort auf sein schönes Steuerprojekt

erhielt Bolivien von Chile ein militärisches Ultimatum. Die bolivianische

Regierung darauf, auch nicht faul, erließ den Befehl, die Salpeterwerke zu

versteigern, um auf diese Weise zu der Steuer zu gelangen. Nun setzte Chile

500 Soldaten auf ein Kriegsschiff und schickte diese gewaltige Heeresmacht

nach Antofogasta. Darauf war Bolivien nicht vorbereitet. So wurde denn

Antofogasta mit viel Kriegsgeschrei, aber ohne Blutverlust »erobert«.

Das war nicht schwer, denn die Einwohnerschaft der Stadt bestand zu zwei

Dritteln aus Chilenen, zu einem Drittel aus Ausländern, und der einzige

Bolivianer -- der Präfekt -- hielt es für ratsam, keinen Widerstand zu

leisten. Damit war der Krieg zu Ende. Jetzt hat Chile seine Salpeterfelder

und den Hafen Antofogasta, Bolivien dagegen nichts, als das -- Nachsehen.

Es bedarf von Antofogasta aus einer sechsstündigen Eisenbahnfahrt, um die

chilenischen Salpeterfelder zu erreichen. Selbst wenn man sich für Salpeter

nicht besonders interessiert, wird man diese Strapaze nicht bereuen.

Denn eine Strapaze ist es. Unter den sengenden Strahlen der Tropensonne

schleicht der Zug bergaufwärts. Die chilenischen Waggons erster Klasse

ähneln in der Konstruktion den Trambahnwagen mit quer gestellten Bänken.

Wirklich bequem kann man sich auf keine Weise hinsetzen, besonders wenn man

lange Beine hat.

Ringsum -- eine Wüste, eine regelrechte Wüste. Über dem grau-gelben Sande

vibriert die glühende Luft im Sonnenglast. Hin und wieder unterbricht ein

erbärmliches Stationsgebäude aus Zinkblech die einförmige Öde. Zu essen

gibt es nichts außer einem scheußlichen chilenischen Nationalgericht, den

sogenannten »empanadas«, einer Art Pastetchen, deren undefinierbare

Farce hauptsächlich aus süßen Zwiebeln, Safran, Weintrauben, irgend etwas

Fleischähnlichem und unmenschlich viel Pfeffer besteht. -- Allmählich

beginnt der Wüstensand weißlich zu schimmern. Der Salpeter naht! Auf einer

der nächsten Stationen hieß es »aussteigen!« Die Officina »Annibal Pinto«

war erreicht.

Ich hatte schon vielfach die chilenische Gastfreundschaft rühmen hören, bis

dahin jedoch keine Gelegenheit gehabt, sie selbst zu erproben. Hinter der

Wirklichkeit blieben alle hochgespannten Erwartungen weit, weit zurück.

Auf der Station empfingen uns -- wir waren telephonisch angemeldet --

drei Mitglieder der Betriebsleitung. Einer bemächtigte sich meines

Reisekameraden, ein anderer meiner, der dritte unseres Koffers, und von

dem Augenblicke an waren wir der Gegenstand so ausgesuchter bezaubernder

Liebenswürdigkeit, wie wir sie bis dahin nicht erlebt hatten, obgleich

man in dieser Beziehung als Tourist in Südamerika, besonders seitens der

Deutschen, nicht wenig verwöhnt wird. Als Nachtquartier wurde uns die

ganz luxuriös eingerichtete Wohnung des Generaldirektors, der gerade

Europaurlaub hat, angewiesen; die exquisiten Diners und Dejeuners,

herrliches eisgekühltes Bier, kostbare chilenische und französische Weine,

die fabelhaftesten »drinks« und »cocktails« in allen Farben spielend, von

goldbraun bis rosarot, wie die Berge der Kordillere, -- alles das erweckte

den Anschein, das man sich zum mindesten im Plaza-Hotel von Buenos Aires

befände. Die ans Märchenhafte grenzenden Revenuen der Salpeterwerke

erlauben es, hier oben in der Wüste einen Luxus zu treiben, wie er sonst

auf tausend Meilen im Umkreise, weder in Chile noch in Bolivien, zu finden

ist.

Einige von den mir bereitwilligst zur Verfügung gestellten Zahlen mögen das

Gesagte erläutern. Das Aktienkapital, mit dem die fünf »Officinas«, d. h.

Betriebe der Gesellschaft gegründet wurden, beläuft sich auf 16 Millionen.

Schon im ersten Betriebsjahre wurde dieses Anlagekapital getilgt, da der

Reingewinn 18 Millionen (!) betrug. Und auch jetzt noch, obgleich der

Betrieb stetig vergrößert wird, tragen die Aktien eine Dividende von

100-120 Prozent. Natürlich sind nicht alle Salpetergesellschaften so

glänzend gestellt, wie die, deren Gäste wir waren, doch ist der Salpeter

unter allen Umständen das lukrativste Geschäft in Chile. Auch für den

Staat, der jetzt den Salpeterbetrieb selbst besteuert hat und daran ca.

180 Millionen Pesos (1 Peso ist mehr als ein Franc und nicht ganz eine

Mark) gewinnt. Wie wichtig dem Staate die Salpeterindustrie ist, erhellt

aus dem Umstande, daß der chilenische Senat einen Preis von zehn Millionen

Pesos ausgesetzt hat für rationelle Verwertung der Salpeterüberbleibsel.

Die »Compania de Selitres« verdankt ihre kolossale Rentabilität der

wahrhaft ingeniösen Betriebsanlage ihres Hauptingenieurs Senor Louis B.,

der während der Besichtigung unseren liebenswürdigen Führer abgab.

Trotz der enormen Salpeterproduktion (5000 Quintals aus 45000 Quintals

salpeterhaltiger Erde täglich), beschäftigt der Betrieb nur 1200 Arbeiter,

die nebenbei gesagt, auch ihre 8-13 Pesos täglich verdienen.

Wie wird der Salpeter gewonnen? Nichts einfacher als das: man hat ihn nur

zu nehmen, er liegt ja überall herum, der ganze Boden kilometerweit im

Umkreise ist weiß davon. Das erste Stadium der Salpetergewinnung scheint

trotzdem das schwierigste zu sein, denn nur dort sieht man arbeiten, alles

weitere vollzieht sich ganz von selbst. Ein halbstündiger Ritt führte uns

in die »Pampa« hinaus, wo wir die »calicha«, d. h. salpeterhaltige Erde im

Urzustande sahen. Links und rechts um uns stiegen von Zeit zu Zeit mächtige

Rauchsäulen in die Luft, ein dumpfer Knall verriet sie, auch wenn man ihnen

den Rücken zukehrte -- die calicha wird mit Dynamit auseinandergesprengt,

um leichter geschaufelt werden zu können. Riesige von Maultier-Troikas

gezogene Wagen bringen die Erde zum Schienenstrange, auf kleinen »carretos«

wird sie zu Zerkeinerungsmühlen gebracht, von dort geht es weiter zu den

Kesseln, in denen die Erde mit jodhaltigem Wasser gekocht wird. Die Erde

bleibt in den Kesseln zurück, von wo sie von fast ganz nackten Arbeitern

bei einer Temperatur von 50-75° herausgeschaufelt wird, die salpeterhaltige

Lösung fließt in ein ganzes Arsenal voluminöser Reservoirs ab, wo sich der

Salpeter an der freien Luft kristallisiert. Dann wird das gelbliche Wasser

wieder abgeleitet, und in den Reservoirs liegt meterhoch schneeweißer

reiner Salpeter. An Ort und Stelle wird er in Säcke verpackt, auf

Plattformen verladen, an die Station, von dort nach Antofogasta gefahren

und am Anlegeplatz der Compania in die mächtigen Bäuche der Europadampfer

verstaut. Und an seiner Stelle strömt das Gold in die Kasse der Compania

zurück. Der Prozeß ist, wie man sieht, höchst einfach.

Einen wundervollen, mystisch geheimnisvollen Anblick gewähren die

»Officinas« bei Nacht im Lichte der unzähligen elektrischen Lampen (denn

hier wird Tag und Nacht schichtweise gearbeitet). Der ganze Horizont dieser

bei Tage unendlich öden Wüste belebt sich. Eine Kette roter leuchtender

Sterne scheint ihn einzusäumen. Im Mondlicht (das hier nie zu fehlen

scheint) zeichnen sich die gespenstischen, phantastischen Konturen der

Fabrikgebäude ab, die wie riesige Gerippe in den Nachthimmel ragen. Dieses

Bildes konnte man nicht müde werden, obgleich unsere liebenswürdigen Führer

zum letzten »drink«, auf den noch ein allerletzter folgte, drängten. Als

ich um Mitternacht endlich im Himmelbette des Generaldirektors lag, kam es

mir erst zum Bewußtsein, daß ich zehn Stunden lang ununterbrochen Spanisch

geredet hatte, wenigstens mußte ich es geredet haben, denn außer diesem

Idiom war auf der Officina kein anderes bekannt. Sonderbar. Bis jetzt

glaubte ich kein Spanisch zu verstehen. Man erfährt auf Reisen die

merkwürdigsten Dinge. Jedenfalls kommt mir noch heute die Geschichte von

meinem Spanisch höchst -- spanisch vor.

14. BRIEF.

BOLIVIEN. -- ORURO. -- LA PAZ.

Wenn man auf die Karte von Südamerika blickt, scheint Bolivien das

Stiefkind unter den südamerikanischen Republiken zu sein. Ohne Zugang

zum Meere liegt es eingeschlossen zwischen den unwegsamen Einöden der

Küstenkordillere und den Schreckensgebieten des Gran Chaco, die auf den

besten Karten noch weiß, weil »unexplored«, sind, wo wilde Indianer hausen,

die, wie man hier mit Sicherheit behauptet, zum Teil noch Menschenfresser

sein sollen, und über die überhaupt die abenteuerlichsten Gerüchte

zirkulieren von vergifteten Pfeilen und ähnlichen für reisende Europäer

wenig erheiternden Scherzartikeln.

Auf den Reisenden, der von der Küste des Stillen Ozeans her ins Land

hereinfährt, macht Bolivien anfangs einen trostlosen Eindruck. Man kann

nichts ahnen von den Reichtümern und Herrlichkeiten, die das Land birgt und

die seinen Einwohnern unter allen Umständen eine höchst angenehme Existenz

sichern, obgleich sie von aller Welt abgeschnitten zu sein scheinen.

Vierzig Stunden lang klettert der Eisenbahnzug von Antofogasta aus in die

bolivianische Hochebene hinauf. Der Laie bemerkt an der Wüste von Gestein

und Geröll, die ihn umgibt, nichts Außergewöhnliches, außer der bunten

Färbung der Berge, ihren zum Teil pittoresken Formen. Sie sehen so aus,

als hätte der liebe Gott sie anmalen wollen und aus Versehen seinen

Farbenkasten umgeworfen. Rote, blaue, gelbe, grüne, violette Klexe überall.

Noch sieht man stellenweise den schlanken Kegel irgend eines Vulkans

rauchen, von ferne her grüßen die Schneekoppen der Hauptkordillere.

Für den Geologen dagegen ist das ganze Gebiet, das man durchfährt, eine

Quelle ununterbrochenen Entzückens. Zuerst geht es durch die Salpeterfelder

mit ihrer weißlich schimmernden »caliche«; dann durchquert die Bahn das

Becken prähistorischer Gebirgsseen, die aussehen, als seien sie mit Zucker

bestreut. Es ist reiner Borax, der einer englischen Kompanie, die diese

Felder ausbeutet, hübsche Sümmchen jährlich abwirft. Sieht man den Schnee

gelb schimmern, so weiß man, daß dahinter reiche Schwefelgruben stecken,

und von den Zinn- und Silberminen, die ihren Besitzern fabelhafte

Reichtümer einbringen, von den merkwürdigen Schichten, in denen das

kostbare Wolfram-Metall gefunden wird, läßt man sich von gesprächigen

Mitreisenden Wunderdinge berichten. Staunend hört man die Erzählungen über

Silberminen, die durch unrationellen Betrieb dahingebracht werden, daß

das Grundwasser sie rettungslos zerstört. Die Arbeiter hämmern, bis an die

Brust im Wasser stehend, das kostbare Erz los, bis das steigende Wasser

sie oder die Mine ersäuft. Hier herrscht ja überall fast noch reiner

Handbetrieb. Große Maschinen lassen sich in die fabelhaften Höhen, in denen

das Erz lagert, nicht hinauf bringen. Versucht man es, so kann es einem

gehen, wie einer englischen Gesellschaft im tropischen Goldgebiete

Boliviens. Sie machte eine Maschinen-Anlage für Goldwäschereien am

Benifluß, die Millionen und Abermillionen kostete und nicht betrieben

werden kann, weil alle wirtschaftlichen Vorbedingungen dazu fehlen. Und

die englischen Ingenieure mit dem verpulverten Kapital müssen dasitzen

und zusehen, wie irgend ein alter Inländer gegenüber am Fluß sozusagen mit

einem Tellerchen seine 500 Pesos Gold monatlich aus dem Beni herauswäscht,

während ihre kostbare Patentbaggermaschine hoffnungslos versandet.

Rund um Süd-Amerika: Reisebriefe · 第 5 / 16 段