Die sogenannte »gute Gesellschaft« glänzt augenblicklich -- im Sommer --

durch Abwesenheit in Buenos Aires. Wer nicht in Europa ist, kühlt sich die

erhitzten Glieder wenigstens an der Küste des Atlantischen Ozeans, in dem

Seebadeorte Mare la Plata, dem »Ostende Argentiniens«, wie dieser schöne,

aber märchenhaft teure Strandort genannt wird. Buenos Aires bietet an

landschaftlichen Schönheiten gar nichts. Ein einziger Park, »Palermo« mit

Namen, gewährt abends etwas Kühlung, wenn nämlich vom La Plata-Strome ein

erfrischender Wind weht. Die ziemlich kümmerliche Vegetation dieses Parkes

wird mit großer Kunst gepflegt, und immerhin ist es dort abends angenehmer

als in den staubigen, drückend heißen Straßen der Stadt. Es gibt in Palermo

sogar einen »See«, der anderswo freilich Teich heißen würde. Doch schwimmen

darauf leibhaftige schwarze Schwäne. Und das sieht allemal sehr stolz und

majestätisch aus.

Will man aber mehr haben, so muß man schon ganze 40 Kilometer weit mit

der Bahn fahren. Doch lohnt sich die Strapaze. Erstens hat man während der

Reise den La Plata-Strom als Gefährten zur Seite. Und der ist, wenn auch

nicht schön, so doch originell mit seinen gelbbraunen, von violetten

Lichtern durchsetzten Fluten, die sich unabsehbar weit zum Horizont

hinziehen. Das andere Ufer ist natürlich nicht zu sehen, denn der Fluß ist

hier ca. 45 Kilometer breit. Aus der Entfernung, bevor man die Bewegung

des Wassers beobachten kann, macht er den Eindruck einer ungeheuren

sonnendurchglühten Sandfläche. Der Ort, den es zu erreichen gilt, heißt

Tigre. Ein Nebenfluß des La Plata gleichen Namens bildet ein landschaftlich

überaus reizvolles Delta. Die Inseln sind mit üppiger Vegetation, blühenden

Fruchtgärten, schattigen Laubwäldern, sogar Palmenanpflanzungen bedeckt.

Macht man die sehr genußreiche »volta« um alle Inseln herum, was im

Motorboot ungefähr zwei Stunden beansprucht, so kann man selbst von

überhängenden Zweigen köstliche Pfirsiche und saftige Reineclauden pflücken

-- vorausgesetzt, daß das Gewissen es zuläßt. Tigre ist das Zentrum für den

argentinischen Wassersport. Man sieht dort wundervoll ausgestattete Motor-

und Segeljachten der beau monde von Buenos Aires. Auch Ruderboote mit mehr

oder weniger entkleideten Insassen schießen auf den Flußarmen hin und her.

Mit gemischten Gefühlen setzt man sich wieder in den staubigen Bahnzug, und

empfindet es als Schicksalstücke, daß man nach Tigre fliehen muß, wenn

man das haben will, wie die Stadt, in die man zurückkehrt, heißt -- buenos

aires, zu deutsch »gute Luft!«

6. BRIEF.

DIE ARGENTINISCHEN PAMPAS. -- DAS WEINLAND VON MENDOZA.

Wenn man als abenteuerlustiger Amerika-Reisender neue Eindrücke, unbekannte

Situationen, europafremde Lebensbedingungen, interessante Erlebnisse sucht,

so kehrt man Buenos Aires, diesem Talmi-Paris, ohne viel Herzschmerzen

den Rücken. Die Hoffnung, daß man im Inneren des Landes Eigenartiges,

Charakteristischeres zu sehen bekommt, als in der vielgepriesenen

Hauptstadt Argentiniens, wird in der Tat nicht getäuscht.

Die südamerikanischen Pampas -- jedem Knaben, der je mit heißen Backen

seinen Mainried gelesen hat, haben sie einst als höchstes und einziges Ziel

der Sehnsucht vorgeschwebt. Die Sehnsucht würde wahrscheinlich vergehen,

bekäme er sie in Wirklichkeit zu Gesicht.

Noch vor wenigen Jahrzehnten waren die unendlichen Prärien, die sich

hunderte und aberhunderte von Kilometern nach allen Richtungen hinziehen,

eine vollständige terra incognita nicht nur für den Europäer, sondern auch

für den eingeborenen Südamerikaner. Jetzt durchquert sie eine Eisenbahn,

und eine Strecke, für die man früher Wochen beschwerlichsten Reisens

brauchte, legt man heutzutage in 24 Stunden zurück. Gibt man noch

12 Stunden dazu, so kommt man sogar über die Kordilleren hinüber bis an die

Küste des Stillen Ozeans.

Nur ein kleines Gebiet im Zentrum des tropischen Südamerika ist bisher von

den Invasionen neugieriger und gewinnsüchtiger »Kulturträger« verschont

geblieben. Das ist der sogenannte Gran Chaco. Dorthin haben sich die

Überreste der stolzen Indianerstämme, die einst den ganzen Riesenkontinent

bevölkerten, zurückgezogen. Sie leben dort ihr Leben, wie sie es vor

tausend Jahren gelebt haben, ein Leben, dessen Grundlage eine wunderbar

sinnvolle, natürliche Moral ist. Durch die selbstzufriedene Kulturarbeit

der »Weißen«, deren Hauptwerkzeug das »Feuerwasser« ist, wird die unendlich

höher stehende moralische Kultur dieser Wilden, die sich ihrer Nacktheit

nicht schämen, langsam aber hoffnungslos untergraben. Wer das nicht glaubt,

lese das wundervolle Reisebuch Elmar Nordenskjölds, der zwei Jahre lang das

Leben dieser Chaco-Indianer in ihrer Mitte gelebt hat und jene Zeit zu der

schönsten, »moralinfreiesten« seines Lebens zählt.

Der Zug, der von Buenos Aires quer durch die Pampas nach dem Westen fährt,

der hier jedoch nicht so wild ist wie in Nordamerika, trägt den stolzen

Namen: Ferro Carril Transandino International. Nach europäischen Begriffen

ist es eine miserable Sekundärbahn, als Gegenstand des Spottes der

»Fliegenden Blätter« jedem Deutschen genugsam bekannt. Die Schienenspur ist

wenig mehr als einen Meter breit, die Waggons sind eng und unbequem; auch

die sogenannten Schlafwagen, die bis zum Fuß der Anden verkehren, lassen in

bezug auf Bequemlichkeit so ziemlich alles vermissen. Nur langsam gewöhnt

man sich an die »argentinische Küche« des Waggon-Restaurants, deren

Hauptingredienzen Safran und roter Pfeffer sind.

Doch alles das erträgt man gerne, denn was man links und rechts durch die

Waggonfenster sieht, ist interessant und neu genug, um einen zeitweilig

alle europäischen Bedürfnisse vergessen zu machen. Endlos zieht sich die

gelbgrüne Fläche der Pampas hin, der Horizont scheint in kaum erreichbare

Fernen entrückt zu sein. Das Gras ist nicht hoch und erweckt auch nicht den

Anschein, als ob es besonders fett wäre. Dennoch finden zehntausendköpfige

Rinderherden dort ihre Nahrung. Bekanntlich versorgt Argentinien ganz

Südamerika mit Fleisch und die ganze Welt mit »Liebig-Extrakt«. Es gibt in

Buenos Aires nicht eines, sondern mehrere Schlachthäuser, von wo aus bis

zu 2000 Stück Vieh täglich in ein besseres Jenseits, d. h. in die Mägen

hungriger Argentinier, Brasilianer und Peruaner befördert werden. Vom

nächsten Jahr ab wird auch Europa zu den Abnehmern des argentinischen

Fleischmarktes gehören. Während ich in Buenos Aires war, langte die

Freudenbotschaft an, daß es gelungen war, 3000 Hammel in tadellosem,

natürlich künstlich gefrorenem Zustande nach Hamburg zu bringen. Darob

herrscht unter den Viehherdenbesitzern Argentiniens natürlich eitel Freude

und Seligkeit, und die Landpreise der Pampas steigen.

Wenn man die Stationsgebäude, die den Schienenstrang der transandinischen

Eisenbahn einsäumen, und die Wohnhäuser der Pampasbewohner mit den Augen

eines Russen ansieht, so schwellt einem einiger Stolz die Brust. Gegen

diese erbärmlichen, aus Lehm, Schmutz und Stroh aufgeführten Domizile sind

die Hütten der ärmsten russischen Bauern fürstliche Paläste. Der ganze

Reichtum des Landes zieht sich hier nach den Hauptstädten hin, im Inneren

ist und bleibt es wüst und leer.

Die Vegetation der Pampas verändert sich ungefähr in der Mitte des Weges

aufs auffallendste. Statt der Wiesen und des Präriegrases sieht man weite

Sandwüsten mit kümmerlichem, verkrüppeltem Buschwerk bestanden. Eine

Unmenge von Kakteen mit wunderschönen weißen Sternblüten macht den Anblick

exotischer. Hin und wieder grüßen als alte Bekannte einzelne hypertrophisch

ausgebildete Exemplare von Sonnenblumen. Die Rinder- und Hammelherden

hören auf, statt dessen sieht man merkwürdige langhalsige Vögel über das

Buschwerk streichen und graue Strauße über den Sand spazieren.

Nun beginnt auch die fürchterlichste Plage der Pampas-Fahrt: der Staub. Ein

Staub, so fein und dicht, daß er überall durchdringt, man mag die

Fenster noch so sorglich verschlossen halten. Jetzt versteht man auch

den merkwürdigen Aufzug der Mitreisenden, die man anfangs für Mönche oder

Mitglieder irgend einer geheimen Sekte hielt. Alle stecken sie von Kopf

bis zu Fuß in langen weißgrauen Staubmänteln, und man muß seine schnell

erworbenen Reisefreunde buchstäblich an der Nasenspitze erkennen.

Übrigens hatten wir Glück. Abends um 9 Uhr erlebten wir in der

staubreichsten Gegend ein Gewitter von einer derartigen Heftigkeit, daß

der Weltuntergang nahe schien. In den Pampas, wo alles immer nach Wasser

dürstet, soll das eine große Seltenheit sein. Wer nie einen Pampasregen

gesehen hat, macht sich keinen Begriff davon, was das ist. Nicht eimer-,

sondern kübelweise scheint das Wasser vom Himmel herabgegossen zu werden.

Die Waggons der stolzen Transandino-Bahn hielten diesen Fluten nicht stand,

in brausenden Wasserfällen strömte das Wasser durch die Waggondecke

auf unsere Häupter herab, und nur mit Hilfe einer genial erfundenen

Wasserleitung aus Bettüchern und Eimern gelang es mir, mich und meinen

Reisekameraden vor dem Ertrinken zu retten. Ein wundervolles Bild gewährten

die grenzenlos weiten Flächen der Pampas im bläulich-blendenden Licht der

Blitze, die fast pausenlos aufeinander folgten. Ebenso plötzlich, wie er

gekommen, war der ganze Zauber verschwunden.

Hat man die interessanten, aber öden Pampas glücklich durchquert, so erlebt

das Auge eine angenehme Überraschung. Man fährt in die fruchtbare Weinebene

von Mendoza hinein. Soweit der Blick reicht, ruht er auf saftig grünen,

hochkultivierten, endlos sich hinziehenden Reihen von Weinstöcken aus.

Das sind die Goldfelder des Landes, auf denen in den letzten Jahrzehnten

Millionen und Abermillionen verdient worden sind.

Mendoza selbst ist ein freundliches Städtchen, mit breiten, von

einstöckigen Häusern eingerahmten Straßen, üppigen Parkanlagen und

blühenden Gärten. Warum die Häuser alle einstöckig sind, wurde mir klar,

als ich den Prospekt des uns empfohlenen Hotels durchlas. Dort lautete der

erste Satz: »l'édifice est construit spécialement contre tremblements de

terre«. Alle zwei bis drei Monate »bebt« es nämlich in Mendoza, nicht

allzu gefährlich, aber immerhin so stark, daß mehrstöckige Gebäude den

Bodenschwankungen nicht standhalten. Auch das Baumaterial ist höchst

eigenartig, ein Gemisch aus Schmutz und Stroh, das man an Ort und Stelle

euphemistisch »ungebrannte Ziegel« nennt. Holz fehlt vollständig. Das

konnte man schon an der Bahnlinie beobachten. Sämtliche Telegraphenpfosten

sind aus Eisen. Die krüppligen Stämme der Weinstöcke würden zu diesem

Zwecke freilich schlechte Dienste leisten.

Dank der Liebenswürdigkeit des Direktors der Deutschen Bank in Mendoza

hatten wir Gelegenheit eine der größten Wein-»Fabriken« des Gebiets in

Augenschein zu nehmen. Zwanzig Minuten Bahnfahrt und zehn Minuten in einem

omnibusartigen Wagen, wie sie hier dem Landverkehr dienen, brachten

uns nach dem Weingute der deutschen Weinindustriellen S. und H. In

liebenswürdigster Weise wurde uns der ganze Betrieb der »Bodega L'Allemana«

gezeigt, obzwar die Ernte noch ausstand, und die Fabrik ruhte. Es würde

mich zu weit führen, wollte ich alle Einzelheiten dieses enormen Betriebes

schildern. Einige Zahlen mögen genügen. Mendoza produziert jährlich

4 Millionen Hektoliter Wein, wovon auf unsere Gastfreunde 100000 Hektoliter

entfallen. Die Firma steht an fünfter oder sechster Stelle. Der Löwenanteil

von über 1 Million gebührt einem Italiener, der als armer Erdarbeiter ins

Land gekommen, und heute noch Analphabet ist. Die geniale Idee, in

Mendoza Wein zu bauen, rührt von ihm her. Die ganze Kultur ist erst einige

Jahrzehnte alt. Der Wein ist von ganz vorzüglicher Qualität, »alte«,

»abgelagerte« Sorten gibt es natürlich noch nicht. Die Weingutsbesitzer

bewahren nur wenige Flaschen zum eigenen Gebrauch auf. Die gesamte

Produktion wird bis auf den letzten Tropfen in Argentinien konsumiert.

Nicht ein Faß gelangt zum Export. Unsere liebenswürdigen Gastwirte setzten

uns einige Flaschen der ältesten Jahrgänge dieses köstlichen Mendoza-Weines

vor, und ohne Übertreibung muß zugestanden werden, daß er getrost mit den

besten europäischen Weinsorten konkurrieren kann. Das Aroma ist ein ganz

eigenartiges, der Wein ein Mittelding zwischen schwerem Burgunder und gut

gelagertem Rheinwein.

Mendoza wird mir unter anderem unvergeßlich bleiben durch den ersten

argentinischen »Kunstgenuß«, den ich dort erlebte: eine spanische Operette

»Marina del mare« mit Namen. Nachdem ich sechs Wochen lang keine Musik

gehört hatte, schien mir jeder Ton ein Labsal. Unter den Sängern waren

einige vorzügliche Stimmen. Erquickend nach dem europäischen Begriff des

»Künstlerischen« war die bodenlose Naivetät, mit der hier Dekoration

und schauspielerische Aktion behandelt wurden. Die ganze Darstellung

war sozusagen »schematisch«, die Phantasie des Zuhörers hatte nach

allen Richtungen hin freien Spielraum. So wurde man unvermutet vor eine

schwierige ästhetische Frage gestellt. Doch will ich meine Leser nicht mit

ihrer Lösung langweilen.

7. BRIEF.

DIE KORDILLEREN.

Als ich vor Jahren die Dolomiten zu Fuß durchwanderte, kam mir oft

der Gedanke: so ungefähr müssen die Kordilleren aussehen. Woher

diese Überzeugung stammte, weiß ich nicht. Wahrscheinlich war es die

abenteuerliche rosa-rote Färbung des Gesteins und die stellenweise

exotische Vegetation, die die Vorstellung von außereuropäischen, tropisch

angehauchten Gebirgsgegenden wachrief. Es kam mir damals nicht in den Kopf,

daß es mir jemals vergönnt sein würde, die Dolomiten und die Kordilleren

tatsächlich miteinander zu vergleichen. Soll ich es als Merkmal einer mir

bisher nicht bewußten Divinationsgabe auffassen, daß, als mir die ersten

Gebirgszüge der Kordilleren zu Gesichte kamen, mir nichts anderes übrig

blieb, als auszurufen: Genau so sehen ja die Dolomiten aus!

Da ich in der Geologie nicht bewandert bin, will ich es unterlassen, zu

untersuchen, warum sich die Dolomiten und die Kordilleren so ähnlich sehen.

Es genügt mir, diese nicht zu bestreitende Tatsache festzustellen, übrigens

sei der Genauigkeit halber angemerkt, daß es in diesem Falle eigentlich

unzulässig ist, in Bausch und Bogen von den Kordilleren zu reden.

»La Cordillera« nennt man hier nur den mittelsten und höchsten Bergrücken

des Gebirges, das nicht nur Südamerika, sondern auch Mittel- und

Nordamerika durchzieht. Der Teil der Cordillera, den ich meine, sind die

Anden, das Gebirge, welches Chile von Argentinien trennt.

Um weiteren Mißverständnissen vorzubeugen, muß ich noch hinzufügen,

daß Ähnlichkeit ein sehr dehnbarer Begriff ist. Und wenn man von der

Ähnlichkeit der Kordilleren und der Dolomiten redet, so ist das dieselbe

Ähnlichkeit, die etwa ein Tiger und eine Katze miteinander haben.

Die ersten Ausläufer der Kordilleren erblickt man, wenn man in dem Ferro

Carril Transandino, jener schon erwähnten putzigen Witzblatt-Bahn, das

gelobte Land Mendoza verläßt. Der Zug muß sich gewaltig anstrengen, um

die Berge hinaufzuklettern. Eine Lokomotive zerrt von vorne, eine andere

schnauft von hinten, und die ganze Mühe gilt vier kleinen Waggons, die

spickevoll besetzt sind mit in Staubmänteln vermummten Passagieren. Die

Geschwindigkeit, die dabei entwickelt wird, ist kaum größer als fünf

bis zehn Kilometer die Stunde. Doch hat man keine Ursache, dieses

Schneckentempo zu bedauern. Was langsam kommt, kommt gut, und hier von

Minute zu Minute immer besser und herrlicher.

Es ist ein undankbares Geschäft, wenn man versuchen will, die unerhörte

Pracht dieser grandiosen Gebirgswelt zu beschreiben. Selbst der Pinsel des

genialsten Malers müßte hier versagen. Die Lokomotiven keuchen und stöhnen.

Immer höher geht es hinan. Die einzigen Reste organischen Lebens sind

einige wenige grüngelbe Grasbüschel, die sich im Geröll der Abhänge

verbergen. 2800 Meter Höhe sind erreicht. Hier machen wir Halt. Mögen

andere, die Eile haben, weiterfahren. Das scheinen, außer meinem

Reisekameraden und mir, sämtliche Passagiere des Zuges zu sein. Hier gibt

es -- gelobt sei die abschreckende Wirkung einer zwanzigtägigen Seefahrt

-- noch keine »Touristen« aus Europa. Man schämt sich fast, die einzigen

Vertreter dieser im allgemeinen verabscheuungswürdigen Menschenspezies zu

sein. Aber alle Unbequemlichkeiten, die daraus erwachsen, daß Südamerika

dem Touristenverkehr noch nicht erschlossen ist -- z. B. das vollständige

Fehlen irgendwelcher Reisehandbücher à la Bädeker -- erträgt man nur zu

gerne.

Der Ort, in dem wir den Zug verlassen, heißt Puente del Inca (Brücke des

Inka), auf Geographiekarten wird man ihn vergeblich suchen. Außer dem

Stationsgebäude und einem kleinen Hotel sind nur einige Zelte, die

Nachtquartiere von Eisenbahnarbeitern, zu erblicken. Ringsumher kein Baum,

kein Strauch. Ein reißender Gebirgsstrom hat sich seinen Weg in schäumender

Lust quer durch einen Felsenhügel gebahnt. Der dadurch entstandenen

natürlichen Felsbrücke verdankt der Ort seinen Namen.

2800 Meter sind in Europa schon eine ganz respektable Höhe, für die

Höhenverhältnisse der Kordilleren sind sie eine Bagatelle, die kaum der

Rede wert ist. Dennoch merkt ein Flachländer schon ganz bedeutend die

Wirkung der verdünnten Atmosphäre. Aber trotzdem ergreift einen sofort noch

eine andere Gebirgskrankheit, die sich in dem einen Wunsch äußert: Höher,

höher! Und eine Stunde, nachdem wir den Zug verlassen hatten, saßen wir

schon auf Maultieren, um einen nahen Berggipfel, den »11. Febrero«, zu

erklimmen. Dieser und einige andere kleinere Ausflüge waren das notwendige

Training, um uns für ein anderes größeres Unternehmen vorzubereiten. Die

Eisenbahn ist, wie gesagt, für Leute da, die Eile haben. Will man

dagegen die Schönheit der Gebirgswelt genießen, so greift man zu anderen

Verkehrsmitteln. Wir beschlossen, den Übergang über den Andenpaß auf

Maultieren zu machen. Statt einigen Stunden, dauert das freilich einige

Tage, doch nimmt man dafür Eindrücke mit, die man nicht vergißt, auch wenn

man das Alter Methusalems erreicht.

Frühmorgens machten wir uns auf den Weg. Voran der Führer, ein ernsthafter,

vertrauenerweckender Argentinier, der sich in seinem Torreador-Hütchen und

wehenden Poncho gar malerisch ausnahm. Mit mächtigen, mittelalterlichen

Rittersporen, wie man sie sonst nur auf der Bühne an den Beinen irgend

eines Don Quichote sieht, trieb er sein Maultier zu schneller und

energischer Gangart an. Uns mit unseren unbewaffneten Stiefelabsätzen

gelang das erheblich schlechter. Unser erstes Ziel, das freilich einen

Umweg bedeutete, waren die Kupferminen von Navarro. Unermüdlich greifen die

braven Maultiere aus. Der Weg wird steiler und steiler. Die letzten Spuren

jeglicher Vegetation verschwinden. Über Steingeröll und Felsplatten immer

höher und höher. Links und rechts öffnen sich gähnende Abgründe. Immer

beschwerlicher wird das Klettern. Immer beschwerlicher wird auch das Atmen.

Der Puls hämmert wie ein Schmiedewerk. Im Kopf spürt man einen leichten

Druck. Und mit einem Male stellt sich auch der Schrecken aller ungeübten

Bergsteiger ein -- das Gefühl des Schwindels. Man schaut schon lieber

nicht mehr zur Seite, sondern krampfhaft auf den Sattelknauf. Kein Laut ist

ringsumher zu vernehmen. Nur das Knirschen der Hufe im lockeren Geröll und

das leise Schnauben der Maultiere. Man segnet und verflucht zugleich

diese vierbeinigen Gefährten. Zu Fuß wäre der Anstieg sicherlich noch

ungemütlicher, aber dieses quälend langsame Tempo der Reittiere macht einen

auch nicht wenig nervös. Es scheint eine halbe Stunde zu dauern, bis das

Tier mit dem Hufe eine Stelle aussucht, die ihm sicher genug dünkt, um den

Fuß draufzusetzen. Und vor einem starrt drohend, scheinbar unerreichbar

der Gipfel, den es zu übersteigen gilt. Gestattet es das Gelände, wird Rast

gemacht. Und nun ist mit einem Schlage alle Mühsal vergessen! Sprachlos

blickt man in die sich immer herrlicher entfaltende Pracht dieser unerhört

großartigen Gebirgswelt hinein. Die kühnste Phantasie kann sich derartige

Bilder nicht ausmalen. Das Merkwürdigste an den Bergspitzen und Abhängen

der Anden ist ihre Färbung. Tiefschwarz, blutigrot, grünlichgrau,

violett, leuchtend rosa, in sattem Orange schillert das Gestein dieser

phantastischen Bergriesen. Es ist ein zauberisches Bild, wie man es weder

in der Schweiz, noch in den Alpen jemals erblicken kann. Mächtige Gletscher

unterbrechen hier und dort das farbenfreudige Bild, über alles hinweg

grüßt im leuchtend blauen Himmel der schneeweiße, strahlende Gipfel des

Aconcagua, des Goliath unter den amerikanischen und europäischen Bergen.

Und trotz dieses bunten, lichttrunkenen Bildes wird man keinen Augenblick

das Gefühl der grauenvollen Öde, die hier herrscht, los. In herrlicher

Majestät, aber auch in drohender, ungebeugter Kraft blicken die Berge auf

das armselige Menschengesindel herab. In Europa hat sich der Mensch die

Berge untertan gemacht. Hier sind sie die Herrscher, und wehe dem, der

ihnen zu nahe kommt. Ihre mächtigste Waffe sind die Steinlawinen. Auch wir

hörten eine mit dumpfem Grollen niedergehen. Glücklicherweise kreuzte sie

nicht unseren Weg. Gar finster starrte der Krater eines Vulkans herüber.

Mächtige Steinhaufen in unordentlichem Gewirr und weither verstreute

Lawablöcke kennzeichneten seine Tätigkeit.

Die Kupferminen von Navarro sind nicht durch ihre Ergiebigkeit

bemerkenswert. Wohl aber dadurch, daß sie in der unfaßlichen Höhe von

zirka 4200 Metern ausgebeutet werden. Wie die Menschen es dort monatelang

aushalten, ist unbegreiflich. Vielleicht gewöhnt sich der Körper mit der

Zeit an den verminderten Luftdruck. Beständig weht ein eisiger Wind, und

selbst jetzt im Hochsommer bei Mittagssonne fror einem trotz sweater

und Lederjacke. Im Winter liegen die Minen von aller Welt hoffnungslos

abgeschnitten in tiefster Vergessenheit da. Einen schauerlichen

Eindruck machte die einfache Erzählung von drei Arbeitern, die die sechs

Wintermonate als Hüter der Maschinen oben blieben. In den Schneemassen

vergraben, gleich lebendigen Toten erwarteten sie von Tag zu Tag das Nahen

des Frühlings. Wer kennt die grausige Novelle »L'Auberge« von Maupassant?

Mir fiel sie ein, als ich diesen drei wetterharten Gestalten in die Augen

blickte.

Am dritten Tage, nachdem wir unsere Ansprüche in bezug auf Nachtlager

und Nahrung auf das Niveau bescheidener Haustiere herabgedrückt hatten,

erreichten wir die Chilenische Grenze. Auf dem Gipfel des Passes, dem

sogenannten »Cumbre« ist vor einigen Jahren eine Kolossalstatue,

eine Christusfigur ans Kreuz gelehnt, errichtet worden. Sie dient als

Wahrzeichen des Friedens zwischen Chile und Argentinien, den beiden

feindlichen Nachbarländern, die jahrzehntelang ununterbrochen Zwist und

Hader miteinander hatten. Auf beide Seiten hin, nach Chile und Argentinien

öffnet sich ein wundervolles Gebirgspanorama. Einen abstoßenden Eindruck

machen gerade auf dieser Stelle die überall umherliegenden Kadaver von

Maultieren, die dem atmosphärischen Druck während des Überganges nicht

standgehalten haben.

Einen letzten Blick warfen wir auf den Aconcagua, der uns in diesen Tagen

ein lieber und vertrauter Freund geworden war und den wir schwerlich

wiedersehen werden. Der Abstieg in die chilenischen Täler wurde zu Fuß

unternommen. Von den unbequemen, breiten mexikanischen Sätteln, die hier in

allgemeinem Gebrauche sind, hat man nach vier Tagen gerade genug. In Juncal

erreichten wir den Zug, der uns in schneller Fahrt über kühne Viadukte,

durch zahllose Tunnels, entlang dem schäumenden Rio Branco immer weiter

talabwärts führte.

Im idyllischen chilenischen Städtchen Los Andes, wegen seines idealen

Klimas -- es regnet dort nie -- ein gesuchter Luftkurort, gönnten wir uns

zwei Ruhetage, zu wenig noch, um die einzigartigen, großartigen Eindrücke

dieses Andenüberganges zu verarbeiten. Sollten sich im weiteren Verlaufe

der Reise die Eindrücke in ähnlicher Weise häufen, so könnte, fürchte ich,

bei aller Elastizität, die Aufnahmefähigkeit endlich versagen.

~Tafel 1~

[Illustration: ~Kordilleren-Landschaft~]

[Illustration: ~Puente del Inka (Anden)~]

~Tafel 2~

[Illustration: ~Das Christusdenkmal auf der Grenze Argentinien-Chile~]

[Illustration: ~Nebenan ein Maultier-Skelett~]

[Illustration: ~Hotel in Juncal~]

Rund um Süd-Amerika: Reisebriefe · 第 2 / 16 段