~Tafel 3~

[Illustration: ~Bergsee in den Kordilleren~]

[Illustration: ~Blick auf den Acongagua~]

8. BRIEF.

CHILE. -- ALLGEMEINE EINDRÜCKE.

Wenn man von der Ostküste des Kontinents in Chile einfährt, so hat man das

Gefühl, als käme man von Amerika nach Europa zurück. Das gilt nicht nur

von der Landschaft, sondern auch von dem ersten Eindruck, den das Land mit

seinen Sitten, Gebräuchen, Lebensgewohnheiten macht, und von den ersten,

oberflächlichen Äußerungen des Volkscharakters, denen man begegnet.

Brasilien ist das Land ungesunder, mörderischer, klimatischer Bedingungen,

das Land der dunklen Ehrenmänner, das Land, in dem ein faules, faulendes

Leben gelebt wird. In Argentinien herrscht das Geldfieber in so

erschreckendem Maße, daß alle übrigen Lebensinteressen zurückgedrängt

erscheinen. Geld ist der einzige Lebensnerv dieses Volkes. Für Geld kann

man so ziemlich alles haben, und nur was Geld kostet hat Wert, je mehr es

kostet, desto größer ist der Wert. Die Rechnung ist ganz einfach und klar.

Geld ist der einzige Maßstab, den man an die Erscheinungen des Lebens

anlegt. Dinge, die man für Geld nicht haben kann -- nach altmodischen

Begriffen die einzig wertvollen -- hat der Argentinier aus seinem

Lebensbudget ein für alle Male ausgeschieden.

Chile ist in dieser und auch in mancher anderen Beziehung weit hinter dem

modern-fortschrittlichen Nachbarstaate zurückgeblieben. Vielleicht macht es

deswegen solch einen anheimelnden Eindruck auf einen nicht nach spezifisch

amerikanischen Begriffen erzogenen Europäer. Das Volk ist hier ein ganz

anderes. Das spürt man in der ersten Stunde auf chilenischem Boden. Man

begegnet wieder freundlichen Blicken und freundlichen Worten, die der

Europäer natürlich um so höher einschätzt, weil er nicht so und so viele

Pesos dafür zu zahlen braucht. Die Menschen messen sich aneinander, und die

Dicke des Portemonnaies ist nicht die ausschlaggebende unbekannte Größe,

die den Chilenen bei dieser Rechnung unsicher macht.

Im indigenen Chilenen überwiegt, im Gegensatz zum Argentinier, das

spanische über dem italienischen Blute. Aber die chilenische Rassenmischung

ist -- rein menschlich betrachtet -- augenscheinlich die bessere. Das Volk

ist gutmütig, gefällig, ein bißchen faul, aber durchaus nicht arbeitsscheu,

heiter, aber im Genusse nicht maßlos, wie der Argentinier. Ich lebe seit

vierzehn Tagen in Chile und habe in dieser Zeit in Stadt und Land noch

keinen Betrunkenen gesehen.

Trotz des Friedensdenkmals, das auf dem Cumbre der Anden zwischen Chile

und Argentinien aufgestellt ist, herrscht keine große Freundschaft zwischen

beiden Ländern. Man bekriegt sich nicht, aber man liebt sich auch nicht.

In Argentinien spricht man in höchst wegwerfendem Tone von Chile, man

verachtet das Land, weil es in kultureller Beziehung angeblich um hundert

Jahre zurückgeblieben ist. Nach außen hin ist dieser Vorwurf nicht

unberechtigt, nur vergißt man, daß es neben der äußeren auch noch eine

innere Kultur gibt, und an Stelle der Argentinier würde ich lieber nicht

untersuchen, welches Volk hierin dem anderen überlegen ist.

Aber, wie gesagt, nach außen hin haben die Argentinier einiges Recht, die

Nase über ihre rückständigen Nachbarn zu rümpfen. Schon das Straßenbild der

größeren chilenischen Städte unterscheidet sich sehr wesentlich von

dem, was man von Argentinien her gewohnt war. Die üppigen Paläste der

argentinischen Parvenüs, die wolkenkratzerartigen Geschäftshäuser fehlen.

Das hat nun freilich, auch außer den nicht vorhandenen Millionen einen

anderen guten Grund. Oder vielmehr einen schlechten Grund und Boden, der in

Chile durchweg vulkanisch ist. Die Bevölkerung lebt in beständiger Furcht

vor Bodenschwankungen. Noch ist das große Erdbeben, das vor fünf Jahren

ganz Valparaiso zerstörte und 25000 Menschen das Leben kostete, frisch in

aller Gedächtnis. Man hört grauenvolle Erzählungen von jenen schauerlichen

drei Minuten, in denen Glück und Wohlstand unzähliger Familien vernichtet

wurde. Angesichts dieser Gefahr baut man in Chile selten höher als

zweistöckig. Dadurch erhalten natürlich die größeren Städte, z. B.

Santiago, die Hauptstadt des Landes, eine enorme Ausdehnung. Gleichzeitig

erhält aber auch das architektonische Bild einen sehr ausgeprägten

Charakter. Man kann sogar von einem spezifisch chilenischen Baustil

reden. Und in diesen niedrigen, langgestreckten, oft von schlanken Säulen

getragenen Fassaden steckt mehr künstlerischer Geschmack, als in den

überladenen Prachtbauten von Buenos Aires.

Inbezug auf Reisebequemlichkeiten muß man seine Ansprüche in Chile

allerdings stark zurückschrauben. Die besten Hotels sind immer noch nicht

so gut, wie etwa die mittelmäßigen in einer altmodischen deutschen

Stadt. Von irgend einem Komfort und den Errungenschaften moderner

Einrichtungstechnik, z. B. warmem fließenden Wasser, Telephon u. dergl.

ist keine Rede. Die Verkehrsmittel entsprechen auch nicht einigermaßen

verwöhnten Ansprüchen. In ganz Santiago, einer Stadt von zirka 400000

Einwohnern, war kein Automobil aufzutreiben. Den Straßenverkehr vermitteln

ausschließlich Droschken, die in Santiago noch ganz propper aussehen

und mit guten Pferden bespannt sind. In den kleineren Städten dagegen,

Conception oder Temuco, verkehren vorsintflutliche Vehikel von fabelhaften

Dimensionen. Drei bis vier elende Klepper ziehen diese Riesenkarossen

mühsam über das holperige Straßenpflaster, das noch nicht einmal überall

die guten alten Knüppeldämme -- die heutzutage eine Erfindung des Teufels

scheinen -- ersetzt hat. Auf den Eisenbahnen in Chile herrschen Zustände,

die geradezu phantastisch genannt werden müssen. Hat man das Unglück,

ein größeres Gepäckstück zu besitzen, so wird es einem auf dem Bahnhofe

entrissen und ohne Quittung oder sonstige Sicherheit in den Gepäckwagen

verstaut. Auf der Endstation muß man es selbst wieder heraussuchen. Doch

kann man ebensogut jeden anderen Koffer als den seinigen bezeichnen.

Jedes Gepäckstück, auf welches man mit dem Finger hinweist, wird einem

anstandslos ausgeliefert.

Und trotzdem bestehe ich darauf, daß Chile europäischer ist als

Argentinien. Man hat das Gefühl, einer Kultur gegenüberzustehen, die sich

zwar langsam, dafür aber von innen heraus entwickelt. Infolgedessen halten

viele Chile für den eigentlichen Zukunftsstaat von Südamerika. Hier ist

alles vielleicht ein wenig ungeschickt, aber fest gefügt. Man baut in Chile

keine Kartenhäuser, und der amerikanische Begriff des »bluff« ist hier

unbekannt.

Von außeramerikanischen Einflüssen ist in Chile bei weitem am stärksten

der deutsche vertreten. Vielleicht trägt dieser sehr merkliche Umstand

dazu bei, einem das Land so vertraut und sympathisch zu machen. Manchen

Institutionen des öffentlichen Lebens ist der Stempel »made in Germany«

sogar ein wenig zu deutlich aufgedrückt. Vor allem dem Militär. Dafür ist

es allerdings anerkanntermaßen das weitaus beste in ganz Südamerika.

Die chilenische Armee wird seit Jahrzehnten von deutschen

Instruktionsoffizieren gedrillt. Es ist eine Freude die strammen Soldaten

anzusehen. Die Uniformen sind bis auf alle Einzelheiten, den Schnitt der

Mäntel und Mützen, die Form der Epaulettes und Kokarden, deutschen Mustern

nachgebildet. Anfangs glaubte ich, es wimmele in Chile von deutschen

Militärattachés, denn alle chilenischen Leutnants hielt ich für Deutsche.

Sehr stark vertreten ist das deutsche Element in der industriellen und

geschäftlichen Welt Chiles. Ein höchst wichtiger spiritus rector des

Geldverkehrs in Chile ist die Deutsche Transatlantische Bank, die ihre

Filialen in allen kleinen Städten des Landes hat und mit ihrer vorzüglichen

Organisation einen kleinen Staat für sich bildet. Seit wir in Chile

sind, reisen wir sozusagen als Postpakete der Deutschen Bank. Die

Liebenswürdigkeit dieser Herren hat keine Grenzen. Überall werden uns von

ihnen die manchmal allerdings recht rauhen Wege geebnet. Wer Südamerika

bereist und sich der Deutschen Bank anvertraut, ist in Abrahams Schoße

aufgehoben.

Von den indigenen Bevölkerungselementen sind am interessantesten natürlich

die Indianerstämme der araukanischen Rasse, von denen in einem besonderen

Artikel die Rede sein wird.

Soll ich nun den chilenischen Frauen ein Loblied singen? Auf den ersten

Blick erscheinen sie stolz und unnahbar. Ob sie es in Wirklichkeit

sind, kann erst eine längere Erfahrung lehren. Ihre auffallendste

Charaktereigentümlichkeit ist für den sich im Anfangsstadium des

Beobachtens befindlichen Durchreisenden -- ihre ostentativ zur Schau

getragene Frömmigkeit. Wenn man in Chile morgens auf die Straße geht,

glaubt man alle Frauen seien Nonnen oder gehörten einer geheimen Sekte

an. Sämtliche Personen weiblichen Geschlechts tragen hier nämlich bis zum

Mittag eine Art Uniform, einen schwarzen, seidenen Schleier, der das Haupt

und die ganze Gestalt verhüllt, und, kunstvoll geschlungen, nur das Gesicht

frei läßt. Das ist das Kirchgangkostüm der Chileninnen, die demnach alle

täglich morgens die Kirche zu besuchen scheinen. Wenigstens tun sie so

als ob, und man kann es ihnen nicht übel nehmen, denn zu dem matten,

elfenbeinfarbenen Teint ihrer oft auffallend hübschen Gesichter gibt der

schwarze Schleier einen außerordentlich kleidsamen Rahmen ab. Abends tragen

diesen schwarzen Schleier, den sogenannten Manton, nur kleine Bürgersfrauen

und -- Demimondainen. Dieser Umstand hat auch eingeborene Chilenen schon

manchem verhängnisvollen Mißverständnis zugeführt.

Was Chile vor allen übrigen Staaten Südamerikas auszeichnet, ist die

außerordentliche landschaftliche Schönheit des Landes. Der Norden erinnert

etwa an die malerischen Partien von Oberbayern. Mittelchile, das Gebiet der

interessanten Araukanerstämme, ist verhältnismäßig flach. In den Süden,

die eigentliche Schweiz des Landes, deren romantische Schönheit über alles

gerühmt wird, komme ich erst nach einigen Wochen. Santiago liegt in einem

tiefen Talkessel, umgeben von schneegekrönten Höhenzügen. In der Mitte der

Stadt erhebt sich ein, in einen prächtigen Park verwandelter Bergkegel,

S. Lucia, von dem aus man einen herrlichen Rundblick ins Land hinein

genießt. Wenn man Glück hat, kann man dort bei Sonnenuntergang das

herrlichste -- Kordillerenglühen erleben.

Eine berühmte Sehenswürdigkeit des nördlichen Chile ist der sogenannte

Lota-Park. Er liegt unweit des Städtchens Conception am malerisch

zerklüfteten Ufer des Stillen Ozeans. Auf dem Wege dorthin passiert man,

nebenbei gesagt, die zweitlängste Eisenbahnbrücke der Welt, die, mehr als

2 Kilometer lang, über den jetzt im Sommer total versandeten Strom Bio-Bio

führt. Der Lota-Park befindet sich in Privatbesitz, und es ist nicht

leicht, die Erlaubnis zu seiner Besichtigung zu erhalten, da seine

Besitzerin, die einer der vornehmsten und reichsten Familien des Landes

angehört, in diesem Punkte von der hier üblichen, nach unseren Begriffen

fast lächerlichen Exklusivität ist. Der Deutschen Bank verdankten wir, wie

vieles andere noch, den Schlüssel zu diesem Sesam. Die vegetative

Pracht des Parkes ist vielleicht einzigartig in der Welt, schon ob ihrer

Mannigfaltigkeit, denn von den herrlichsten Palmen und Magnolienbäumen bis

zu unserer bescheidenen Kiefer und Edeltanne, die sich in der exotischen

Umgebung ganz besonders malerisch ausnehmen, ist dort jede Baumart

vertreten, die im tropischen und gemäßigten Klima gedeiht. Die Erhaltung

des Parkes muß einen enormen Aufwand von Kosten und Mühe beanspruchen. Nur

eins sucht man dort vergeblich -- unverfälschte Natur! Das Ganze nimmt sich

wie ein künstlich hergerichteter botanischer Garten aus, was es im Grunde

genommen ja auch ist. Die sauber geharkten Kieswege, die tausende von

Statuen -- vom Apollo von Belvedere bis zur plastischen Darstellung der

Lieblingshunde der Besitzerin --, allerhand künstliche Grotten, aus Wurzeln

und Schlingpflanzen hergerichtete Pavillons und Laubengänge verjagen den

letzten Rest von Naturstimmung. Von all diesen Dingen bis zu Störchen und

Zwergen aus Porzellan ist nur ein Schritt. Und das am Ufer des Stillen

Ozeans, zu dem der Zugang durch einen kostbaren Zaun verbarrikadiert ist!

Nein, das ist nicht das Richtige. Beim Durchwandern des Lota-Parkes

schwand der Respekt vor dem Natursinn und dem künstlerischen Geschmacke der

Besitzerin und ihrer Berater langsam aber sicher.

Wir verließen den Lota-Park in einem Extrazuge, den uns der Direktor der

Bahnlinie in einem unverständlichen Anfalle von Liebenswürdigkeit zur

Verfügung gestellt hatte. Um den einzigen Waggon des Zuges führte eine

Galerie. Wir schoben uns Feldstühle hinaus und atmeten ordentlich auf, als

wir, von den Strahlen der untergehenden Sonne begleitet, in die naturechten

Wiesen und Wälder der chilenischen Landschaft hineinfuhren. Mein

Reisekamerad nahm den Hut ab und grüßte jede Butterblume am Wege. Es gehört

sicher mehr dazu, als Millionen und Vornehmheit, um nicht zu verderben, was

die Natur mit ihrem eigenen Kunstsinn erschafft.

9. BRIEF.

TEMUCO. -- EIN AUFZUG DER ARAUKANER-INDIANER.

Mitten im Herzen Chiles, wo die westlichen Ausläufer der Anden-Kordilleren

sich nach dem Stillen Ozean hinziehen, an einer Stelle, die vor

dreißig Jahren von dichtem Urwald bestanden war, liegt heute die rasch

emporgeblühte, obzwar noch kleine Stadt Temuco. Auf den meisten Karten

Chiles, außer den allerneuesten, steht sie noch nicht einmal verzeichnet.

Dennoch bietet gerade dieses Städtchen dem reisenden Europäer besonderes

Interesse. Nicht wegen seiner landschaftlichen oder sonstigen Schönheit.

Temuco an sich ist immer noch ein recht elendes kleines Nest, mit

langweilig geraden, schlecht oder gar nicht gepflasterten Straßen und den

für Chile charakteristischen einstöckigen Erdbeben-Häusern aus Holz oder

Lehm. Von der Sonne gelb gebrannte Wiesen umgeben die Stadt, auf einigen

Hügeln stehen noch Reste des niedergebrannten Urwaldes, halbverkohlte

Baumstämme mit phantastisch gekrümmten Astarmen, niedriges gelbgrünes

Buschwerk. Diese ungemütlich-monotone, trostlos arme Landschaft verleiht

dem Ort keinen Reiz. Was Temuco interessant macht, ist die unmittelbare

Nähe der immer noch halbwilden Araukanerstämme, eines Indianervolkes, das

seit urvordenklichen Zeiten die Chilenische Ebene, in einem Umkreis von

einigen hundert Kilometern um Temuco herum, bevölkert.

Als wir in Temuco anlangten, wurde dort gerade ein wissenschaftlicher

Kongreß von chilenischen Gelehrten abgehalten. Anfangs konnten wir

nicht umhin, diesen Congreso scientifico und alle seine Teilnehmer zu

verwünschen, denn das einzige Hotel Temucos, das für Europäer in Betracht

kommt, war derart überfüllt, daß wir mit einem höchst primitiven Nachtlager

vorlieb nehmen mußten, nachdem wir uns geweigert hatten, ein kleines Zimmer

mit drei keineswegs vertrauenerweckenden Chilenen zu teilen. Am nächsten

Tage jedoch schon hatten wir Ursache, den Congreso reumütig zu segnen,

statt ihn zu verfluchen.

Gegen Mittag begann eine uns anfangs unerklärliche Aufregung und Bewegung

in der Stadt zu herrschen. Als wir auf die Straße hinaustraten, sah man

von allen Richtungen her endlose Züge von Reitern nach dem Mittelpunkte der

Stadt, der sogenannten »Plaza des armes«, die in keiner südamerikanischen

Stadt fehlt, hinziehen. Es stellte sich heraus, daß es sich um einen Aufzug

der Araukaner oder Mapuches, wie man sie hier auch nennt, handelte, der

zu Ehren der Kongreßmitglieder in Szene gesetzt wurde. Immer bunter, immer

bewegter, immer interessanter wurde das Bild, das sich nach und nach auf

dem Platze entwickelte. Größere und kleinere Trupps von Reitern nahten im

Galopp, im Trab oder im Schritt. Endlich mögen weit über Tausend versammelt

gewesen sein. Im blendenden Sonnenscheine flimmerte der aufgewirbelte

Staub, blitzte der Silberbeschlag des Zaumzeugs und der Steigbügel,

die Reiter sitzen wie angewachsen auf den dicht aneinandergedrängten,

ungeduldig stampfenden Pferden. Alle tragen sie den bunten oder

einfarbigen, gestreiften, gewürfelten, oder mit anderen, oft schönen

Mustern bedeckten Poncho, das für Reiter höchst bequeme, hier

unentbehrliche Kleidungsstück, eine Art Plaid, durch den durch einen

Schlitz in der Mitte der Kopf durchgesteckt wird, während der Stoff von

allen Seiten frei am Körper herabhängt. Breitrandige Hüte aus Stroh

oder farbigem Filz bedecken die Köpfe. Unter den Hüten schaut manches

interessante Gesicht hervor. Blitzende, braune Augen, gerade Nasen,

starke Backenknochen; der Bart im Gesicht, wenn er überhaupt wächst,

wird ausgezupft, bis auf einen schmalen Haarstreif am äußersten Rande der

Oberlippe. Weit malerischer noch und eigenartiger, als die Männer, sind die

Frauen gekleidet. Auch sie sind fast alle zu Pferde, hier und dort

sieht man zwei auf einem braven Tier sitzen -- natürlich rittlings, ohne

Steigbügel, denn die Araukanerfrauen tragen nie einen Stiefel. In der

Kleidung bevorzugen sie zwei Farben, schwarz und dunkellila, was zu ihrer

gelbbraunen Gesichtsfarbe und dem tiefschwarzen Haar schön aussieht.

Reicher Silberschmuck bedeckt die Brust, ein großes Tuch, das die

Schultern verhüllt, wird von einer silbernen Nadel, in Form eines Pfeiles,

zusammengehalten, das Haar ist von silbernen Schnüren durchflochten,

hin und wieder sieht man das Haar, im Nacken geteilt, in zwei aus Silber

geschmiedeten Röhren stecken. Je reicher die Mapuchesfrau ist, desto mehr

Silberschmuck trägt sie, Ohrgehänge, Ringe, Gürtel zu allem übrigen.

Ununterbrochene Rufe: »Viva la raça araucana« gellten von allen Seiten.

Dazu kamen bald andere ohrenzerreißende Töne, die die Aufmerksamkeit auf

sich lenkten. Man verleugnet nie seinen Beruf. Mein Instinkt sagte mir, daß

diese Töne Musik vorstellen sollten. Ich ging ihnen nach, was nicht

leicht war, da es galt, sich durch eine lebendige Mauer von Köpfen

und Hinterteilen der Mapuchespferde durchzudrängen. Richtig -- an der

gegenüberliegenden Seite des Platzes hatte ein araukanisches »Orchester«

Aufstellung genommen. Heilige Cäcilie! da mögen Dir die Ohren weh getan

haben! Das einzige musikalische Element dieser Musik war der Rhythmus,

der vermittelst einer Trommel -- ein ausgehöhlter Baumstumpf mit Schafhaut

bespannt und schön bemalt -- aufrecht erhalten wurde. Von Melodie, oder gar

Harmonie keine Spur, nicht einmal von musikalisch fixierbaren Intervallen.

Ich hatte schon Notizbuch und Bleistift in Bereitschaft, um die

araukanische Nationalmusik nachzuschreiben, mußte dieses Vorhaben jedoch

als absolut undurchführbar aufgeben. Auf endlosen Schilfrohren, an deren

Ende ein Kuhhorn angebracht war, und auf kleinen Pfeifen, deren Ton einem

angeblasenen Hausschlüssel ähnelt, blies jeder was er wollte, oder was

das Instrument gerade hergab. Die Musiker, zum größten Teil blinde Greise,

machten dazu mit dem Körper Bewegungen im Rhythmus der Trommel, der der

einzige Ruhepunkt im unentwirrbaren Chaos der Töne war. Musik und Tanz

gehören zusammen. Bei halbkultivierten Rassen ist der Tanz überhaupt der

einzige Daseinszweck der Musik. Es dauerte auch gar nicht lange, da fanden

sich zwei alte Mapuchesfrauen ein, die der Versuchung nicht widerstehen

konnten und anfingen, sich nach dem monotonen, unbeirrbar gleichbleibenden

Takt der Trommel zu drehen. Die jüngeren Frauen hielt augenblicklich ihr

Schamgefühl vom Mittun ab. Der Tanz der beiden Alten sah gar putzig aus.

In halb hockender Stellung, mit extatisch verdrehten Augen, wirbelten sie

ziemlich schnell jede um die eigene Axe, von Zeit zu Zeit unterbrachen sie

die Bewegung, um aufeinander loszuspringen und sich mit langen Zweigen, die

sie in der Hand hielten, an Kopf oder Schulter zu berühren. Den Sinn des

Tanzes konnte mir niemand erklären. Man sah ihn in Temuco zum ersten Male,

und er erregte große Sensation. Alle Bäume der Plaza um die beiden Alten

herum waren bis in die Kronen mit Schaulustigen besetzt.

Das Defilée der Mapuches dauerte fast drei Stunden. Natürlich mußte der

»Kodak« respektive der »Tenax« ununterbrochen arbeiten. Mein Reisekamerad

und ich fanden uns bald auf dem Dache einer der vorsintflutlichen temucaner

Droschken, bald in halsbrecherischer Stellung an ein Fenstergesims

geklammert, mit gezückten Apparaten, wieder.

Dem Europäer stechen natürlich die zum Teil sehr kunstvoll und originell

gearbeiteten Schmucksachen der Araukanerfrauen mächtig in die Augen. Doch

ist es nicht leicht, dieser Gegenstände habhaft zu werden. Ab und zu findet

man sie in den Versatzämtern von Temuco. Denn diesen Segen der Kultur

kennt der Indianer schon, wenngleich er sich nur höchst ungern und nur im

alleräußersten Notfalle von seinem Hab und Gut trennt. Fast unmöglich ist

es, araukanische Ringe in seinen Besitz zu bringen. Sie müssen für die

Träger irgend einen besonderen, vielleicht symbolischen Wert haben. Mit

einem jungen Araukaner, den ich zufällig in einem Versatzamt von Temuco

traf, war ich schon handelseinig geworden, obgleich er einen Phantasiepreis

für seinen Ring verlangte. Er hatte ihn schon vom Finger gezogen, um ihn

gegen die entsprechenden Pesos einzutauschen, da drehte er sich plötzlich,

ohne ein Wort weiter zu verlieren, um, steckte den Ring an seine Hand,

sprang aufs Pferd und war verschwunden, ehe ich mir über den Vorgang

klargeworden war. Fast ebenso schwierig ist die Beschaffung von

Musikinstrumenten. Einem Europäer werden sie für nichts in der Welt

abgegeben. Der Araukaner ist, wie gesagt, außerordentlich mißtrauisch, und

da er es nicht versteht, was für einen Wert diese an sich wertlosen Dinge

für unsereinen haben können, wittert er irgendeine boshafte Absicht, wenn

man ihm sein Instrument abnehmen will. Man bedarf dazu der Vermittlung

irgend eines von der temucaner Kultur schon erfolgreich beleckten

Stammesgenossen. Solch ein Araukanerjüngling unternahm in unserem Auftrage

einen zweitägigen Ritt in die Kordillere, brachte dann allerdings

einige wunderschöne Instrumente mit, eine Trommel mit roter Farbe --

wahrscheinlich Schafsblut -- prächtig verziert, eine Pfeife und das

Staatsstück -- eine mehr als vier Meter lange Trompete, ein so gut

gearbeitetes und erhaltenes Exemplar, wie man sie selten sieht. Die

Freude war natürlich groß. Nach eifrigem Üben gelang es mir sogar, dieser

musikalischen Riesenschlange einzelne Töne zu entlocken, die die Mitte

hielten zwischen dem Timbre eines Kontrafagotts und dem Brüllen einer Kuh.

Viel Kopfzerbrechen machte nachher allerdings uns und der chilenischen

Eisenbahnbehörde die Verpackung und Versendung dieses Trompetenmonstrums.

Nach den interessanten Eindrücken, die der Aufzug der Mapuches in Temuco

hinterließ, erwachte natürlich der Wunsch, den Indianer chez soi zu sehen.

Der Wunsch wurde Wirklichkeit.

10. BRIEF.

DER MAPUCHE (ARAUKANER) CHEZ SOI.

Rund um Süd-Amerika: Reisebriefe · 第 3 / 16 段