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RUND UM SÜD-AMERIKA
Reisebriefe
von
DR. OSKAR v. RIESEMANN
Mit 43 Abbildungen auf 16 Tafeln
Dietrich Reimer (Ernst Vohsen)
Berlin 1914
ALLE RECHTE VORBEHALTEN
DAS BILD AUF DEM UMSCHLAG STELLT
»FELSBLÖCKE AM TITICACA-SEE« DAR
SR. DURCHLAUCHT
FÜRST PETER LIEVEN
DEM TREUEN REISEGEFÄHRTEN IN
HERZLICHER FREUNDSCHAFT UND DANKBARKEIT
FÜR MANCHE ANREGUNG ZUGEEIGNET
VORWORT.
Die vorliegenden Briefe erschienen während meiner Reise vom Dezember
1912 bis zum Juli 1913 in der »Moskauer Deutschen Zeitung«. Auf
wissenschaftliche Gründlichkeit, oder Vollständigkeit in irgend einer
Beziehung können sie nicht die geringsten Ansprüche erheben. Trotzdem habe
ich mich entschlossen, sie gesammelt der Öffentlichkeit zu übergeben.
Die Reiseliteratur über Süd-Amerika ist sehr arm. Bevor ich meine Reise
antrat, habe ich die besten Buchhandlungen in Petersburg, Berlin und London
abgesucht, ohne irgend etwas Brauchbares zu finden. Infolgedessen hoffe
ich, daß selbst diese oberflächlichen Schilderungen Reisenden, deren Ziel
Süd-Amerika ist, nützlich sein können. Sie enthalten die frischen Eindrücke
eines Reisenden, dessen Amerika-Fahrt keinen anderen Zweck verfolgte, als
den: Land und Leute außerhalb Europas ein wenig kennen zu lernen.
Irgend ein System oder irgend eine Tendenz sucht man in diesen Blättern
vergeblich. Ich bin ein Freund von planlosen Reisen und hatte das Glück
einen gleichgesinnten Reisekameraden zu finden. Während der Reise wurde
das nächste Ziel immer erst beim Verlassen des vorhergehenden bestimmt.
Von Zeit- und Raumrücksichten waren wir unabhängig. Infolgedessen haben wir
sicherlich vieles Schöne und Naheliegende nicht gesehen, dafür aber
manche vielleicht nicht weniger lohnende Gegenden aufgesucht, an denen
Bädeker-Reisende höchst wahrscheinlich achtlos vorübergefahren wären.
Man betrachte das Büchlein mit Nachsicht. Es ist von keinem
Reise-»professional« geschrieben.
Den Bilderschmuck hätte ich gerne reicher und interessanter gestaltet, doch
bin ich im Photographieren -- Dilettant. Einige der besten Aufnahmen haben
mir unsere Reisegefährten in Bolivien, Herr Werner Schmidt-Valparaiso und
Herr Bergassessor Wenker liebenswürdiger Weise zur Verfügung gestellt. Ich
sage ihnen dafür auch an dieser Stelle meinen aufrichtigen Dank.
Moskau, Dezember 1913.
Dr. O. v. RIESEMANN.
INHALTS-VERZEICHNIS
Vorwort 7
1. Der Steamer »Arlanza«. -- Vigo. -- Lissabon 11
2. Die Insel Madeira 16
3. Pernambuco. -- Bahia 21
4. Rio de Janeiro und brasilianische Karnevalsfreuden 25
5. Buenos Aires 29
6. Die argentinischen Pampas. -- Das Weinland von Mendoza 33
7. Die Kordilleren 38
8. Chile. -- Allgemeine Eindrücke 43
9. Temuco. -- Ein Aufzug der Araucaner-Indianer 49
10. Der Mapuche (Araucaner) chez soi 54
11. Süd-Chile -- ein zweites Deutschland 59
12. Chilenisches Gesellschafts-, Bade- und Sportleben 64
13. Von Valparaiso nach Antofogasta. -- Die chilenische
Salpeter-Industrie 70
14. Bolivien. -- Oruro. -- La Paz 76
15. Im tropischen Bolivien 83
1. Von La Paz bis Achecachi 83
2. Von Achecachi nach Sorata 89
3. Von Sorata nach San Carlos 95
4. San Carlos 108
5. Mapiri und Guanay 115
6. Die Rückkehr 128
16. Im Schnellzug durch Peru. -- Der Titicaca-See. --
Mollendo. -- Lima 135
17. Panama und eine Alligatorjagd 140
18. Von Panama nach New York. -- Jamaika. -- Cuba 149
19. New York 153
1. Der erste Eindruck 153
2. Hotels, Zeitungswesen, Reklame 159
3. Polizeiwesen, Detektivs, Verbrecherkneipen und Opiumhöhlen 165
4. Amerikanischer Sport und amerikanische Vergnügungen 175
5. Das Jugendgericht 181
20. Der »Imperator« 187
TAFEL-VERZEICHNIS
1. Puente del Inka (Anden) 40
Kordilleren-Landschaft 40
2. Das Christusdenkmal auf der Grenze Argentinien-Chile 40
Nebenan ein Maultier-Skelett 40
»Hotel« in Juncal 40
3. Bergsee in den Kordilleren 40
Blick auf den Aconcagua 40
4. Araucanische »Ruca« (Chile) 56
Araucanischer Friedhof 56
Interieur einer »Ruca« 56
Araucanerin zu Pferde 56
5. Oruro (Bolivien) 80
Straßentypen in Oruro 80
Lamas in Ängsten vor dem »Kodak« 80
6. Proben altspanischer Architektur in La Paz (Bolivien) 80
7. »Balza« auf dem Titicaca-See (Bolivien) 88
Flötenblasender Indianer 88
8. Bolivianische Postkutsche 96
Das »Grand Hotel« Tola Pampa 96
9. Die Hazienda »San Carlos« (Bolivien) 104
Indianer in Poncho vor einem Bananen-Haine 104
10. Anzapfen eines »Gummibaumes« 112
Abschälen der »China-Rinde« 112
11. Eine »Balza« auf dem Mapiri 120
Unser »Wohnhaus« in Guanay 120
12. Die »Stadt« Mapiri 120
Stromaufwärts! 120
13. Sonnenaufgang beim »Yalhazani-Paß« (Bolivien) 128
Frühstückspause 128
Indianisches Denkmal 128
14. Indianisches Stubenmädchen in Sorata 128
Der Balzero »Sonnenschein« 128
Indianerin beim Maismahlen 128
15. Indianer im Feststaat (Bolivien) 136
16. Jamaika 152
1. BRIEF.
DER STEAMER »ARLANZA«. -- VIGO. -- LISSABON.
Am 3. Januar (21. Dez.) hieß es, zum ersten Male Abschied von Europa
nehmen. In Southampton, das den überseeischen Weltverkehr Londons
vermittelt, erwartete uns der Steamer »Arlanza«, der neueste und schönste
Riesendampfer der Royal Mail Steam Packet Company, kürzer R.M.S.P. Diesem
schwimmenden Koloß, der, wie sich auf den ersten Blick feststellen ließ,
alle Vorzüge eines luxuriösen Weltstadt-Hotels in sich vereinigte, galt es,
seine sterbliche Hülle bis Rio de Janeiro anzuvertrauen. Man tut es gerne,
denn der Dampfer mit seinen sieben Etagen über dem Wasserspiegel, den
zahlreichen, höchst komfortabel ausgestatteten Gesellschaftsräumen, dem
pompösen Speisesaale, Turnhallen und Promenadendecks macht einen sehr
vertrauenerweckenden Eindruck. Die prächtig eingerichtete Kabine, die uns
aufnahm, verhieß mit ihrem geräumigen Badezimmer und einem mechanischen
Wunderwerk von Douche-Vorrichtungen, sogar für die Äquatorialzone ein
erträgliches Leben. Mit einigen Handgriffen kann man so ungefähr den
halben Ozean zu sich heraufpumpen, wenn es zu heiß wird. Immerhin eine
erfrischende Aussicht.
Die erste Sorge, wenn man einen Dampfer zu einer 21tägigen Seereise
betritt, gilt natürlich -- der Seekrankheit. In diesem Fall war die Frage
ganz besonders brennend, galt es doch den berüchtigten Golf von Biscaya zu
durchqueren. Dieser Golf von Biscaya verursachte mir schon vor Beginn der
Reise ein Gefühl, das mit Seekrankheit nahe verwandt ist. Jedermann,
der von meiner Reise hörte, fühlte sich verpflichtet, die Augenbrauen
bedenklich hochzuziehen und mit vielsagendem Kopfschütteln prophetisch
auszurufen: »Nun, nun, aber der Golf von Biscaya!« Das taten alle, von
den besten Freunden bis zum Hotelkellner in London und Gepäckträger in
Southampton. Kein Wunder, daß einem dieses Schreckgespenst »Golf von
Biscaya« zum Halse herauswuchs, noch bevor er in Sicht war. Zum Überfluß
hatten in der Woche vor meiner Abreise drei englische Schiffe im Golf
von Biscaya umkehren müssen, und ein italienisches war mit Mann und Maus
untergegangen.
So erwartete ich ihn denn mit Todesverachtung -- den ominösen Golf von
Biscaya, zumal das Schiff im Ausgange des Kanals bedenklich zu »stampfen«
anfing. Aber die Meergötter hatten Erbarmen mit mir, wahrscheinlich fanden
sie mit Recht, daß ich schon vorher genug Qualen dank dem Golf von Biscaya
ausgestanden hatte. Oder war es das neuerfundene »Delphinin«, das mich vor
der Seekrankheit bewahrte. In dem Falle empfehle ich es allen Seereisenden
aufs wärmste.
Dafür habe ich vom Golf von Biscaya einen wundervollen Natureindruck
davongetragen. Merkwürdig beengt erscheint der Horizont, denn die mächtigen
Wogen, die von allen Seiten heranrollen, versperren überall hin die
Aussicht. Ein herrliches Farbenspiel entwickelt sich bei Sonnenschein in
diesen durchsichtigen gläsernen Bergen, die bald grün, bald grau, bald
bläulich-weiß schimmern, während sie bei Sonnenuntergang wie ein Gemisch
von Blut und Gold erscheinen. Eine unheimliche Kraft wohnt in den Wogen des
Atlantischen Ozeans. Drohend nahen sie in geschlossenen Reihen, und wenn
sich ihnen ein Hindernis in Gestalt eines Dampfers in den Weg stellt, so
zerschellen sie empört daran und senden ihren weißen Gischt hinauf bis
aufs fünfte und sechste Deck. Ein Schiff von fast 16000 Tons, gleich der
»Arlanza«, ist ein willenloses Spielzeug ihrer drängenden Gewalt und vermag
scheinbar nur mit Mühe seinen Weg durch die ihm entgegenschäumenden Fluten
fortzusetzen.
Der erste Haltepunkt nach glücklicher Durchquerung des Golfes von Biscaya
war der spanische Kriegshafen Vigo. Die ersten Laute, die mir in der
malerischen, von sanft gewellten Gebirgszügen eingeschlossenen Bucht
entgegenschlugen, waren folgende: »dawai russki moneta!« Und zwar entstieg
dieser Anruf dem nimmer ruhenden Mundwerk einer spanischen Obsthändlerin,
die ihr ganzes Warenlager in ein Segelboot verstaut hatte und an unseren
Dampfer anlegte. Er galt, wie sich nachher herausstellte, einer Schar
russischer Emigranten, die vom Hinterdeck der »Arlanza« waschechte 15-
und 20-Kopekenstücke in Körben hinabließen und dagegen als Äquivalent
eine geringere oder größere Anzahl von Birnen, Orangen, Feigen und
anderen Früchten erhielten. Ihr verzweifelter Ruf nach »Gurken« verhallte
allerdings ungehört. Diese russischen Emigranten -- Sektierer
aus Transkaukasien -- sind ein überaus sympathischer und ernster
Menschenschlag. Sie ziehen nach Montevideo in Brasilien, um dort »das
Reich Gottes« aufzurichten, da sie auf das Jenseits keine Hoffnung setzen.
Vielleicht werde ich noch einmal Gelegenheit haben, die tiefsinnigen
moralischen und ethischen Grundsätze dieser bemerkenswerten Menschen näher
zu beleuchten. In Brasilien und in Argentinien gibt es eine große Zahl
russischer Sektierer-Kolonien. Die »Duchoborzy« haben es dort bekanntlich
zu großem Ansehen und beträchtlichem Wohlstande gebracht.
Die »Arlanza« hielt in Vigo nur zwei Stunden. Wir, d. h. mein Reisekamerad
und ich, waren die einzigen Passagiere, die in einem Dampfkutter an Land
gingen, da ich einige wichtige Korrespondenzen aufzugeben hatte. Es war ein
Sonntag, 3 Uhr nachmittags, und am Hafenkai, der zugleich der fashionable
Boulevard des kleinen Städtchens ist, entwickelte sich ein äußerst
bewegtes, buntes Leben und Treiben. Schöne Spanierinnen -- übrigens alle
stark geschminkt, egal ob sie 40 oder 16 Jahre alt sind -- in malerischen
schwarzen »mantillas« und schwatzhafte Gecken, in möglichst leuchtende
Farben gekleidet, flanierten den breiten Hafenkai auf und ab. Als Führer
diente uns ein durchtriebener kleiner spanischer Bursche, der unter
»Sehenswürdigkeiten« der Stadt die merkwürdigsten und überraschendsten
Dinge verstand. Übrigens konnte auch er einige Worte russisch. Das verdankt
man der »Kulturträgerarbeit« der russischen Kriegsschiffe, die ständig in
Vigo stationieren.
Lissabon ist eine wundervolle Stadt. Alexander v. Humboldt nennt sie
bekanntlich die »Königin aller Seestädte«. Und nach meinen bisherigen
Erfahrungen bin ich unbedingt geneigt, ihm Recht zu geben. In einer Länge
von mehr als 10 Kilometer zieht sich das im Januar-Sonnenschein blendend
weiß schimmernde Häusermeer um die Bucht. Die Stadt ist terrassenmäßig
angelegt -- auf sieben Hügeln. Jede Stadt, die etwas auf sich hält, ruht
auf sieben Hügeln, auch Rom und Moskau.
Da uns nur wenige Stunden zur Verfügung standen, konnten von den
Sehenswürdigkeiten der Stadt nur wenige und auch die nur flüchtig in
Augenschein genommen werden. Eine Autofahrt in die Kreuz und in die
Quer ließ uns wenigstens von den Straßenbildern Lissabons einen ziemlich
vollständigen Eindruck mitnehmen. Es gibt unbeschreiblich reizvolle und
pittoreske Partien in der Stadt, Gebäude von sonderbarer, halb maurischer,
halb romanischer Bauart, die uns als der »stilo Manuele« vorgestellt wurde,
bezaubernde Palmenhaine wechseln mit breiten, pompösen Avenüen und Plätzen
ab, oft öffnet sich in einer unscheinbaren Querstraße ein herrlicher
Ausblick auf das leuchtende Meer mit seinen bunten Segeln und dem regen
Dampferverkehr. Zwischen dem steinalten verwitterten Gemäuer in engen,
steilen Straßen nimmt sich das blendende Blau des Meeres und des Himmels
natürlich besonders reizvoll aus.
Einen unauslöschlichen Eindruck macht das nicht weit von der Stadt
gelegene, von malerischen Palmengruppen umsäumte Kloster Belem (sprich
Beleng, im Portugiesischen gibt es, glaube ich, keinen einzigen Laut, der
nicht nasal ist). Es ist ein im echtesten Manuel-Stil erbauter riesiger
Gebäude-Komplex aus weißem, marmorähnlichem Gestein, das zu feinstem
Spitzenfiligran verarbeitet ist. Der Klosterhof mit seinen Kreuzgängen ist
eines der vollendetsten architektonischen Gebilde, das mir je zu Gesicht
gekommen ist. Die Eingeborenen freilich lachen über die »Zuckerbretzeln«
des »stilo Manuele«. Jetzt dient das Kloster 800 Waisenknaben zum
Aufenthaltsort. Sie hatten gerade Freistunde und vollführten einen
Höllenspektakel im stillen Klosterhofe, der eigentlich ganz anderen
Zwecken, der inneren Sammlung und Ruhe, dienen sollte. Als besondere
Sehenswürdigkeit -- echt portugiesisch, dieses Volk hat für
Unappetitlichkeiten eine besondere Vorliebe -- wurde ein Knabe gezeigt, dem
die Schädeldecke fehlte und der mit seiner Blechkapsel, die diese ersetzte,
devot grüßte. Der Bursche war höchst vergnügt und unbändig stolz auf
seinen blechernen Schädel, den Gegenstand der Achtung und des Neides seiner
799 Mitschüler. In einem Raum des Klosters befindet sich das wundervoll
gearbeitete Grabdenkmal des portugiesischen Historikers Alessandro
Herculeo. Kein König hat in Lissabon solch ein Grabmonument. Es gibt also
doch ein Volk, das seine Denker ehrt.
Apropos, die portugiesischen Könige. Jetzt gibt es keine mehr. Aber die
früheren werden Neugierigen auch heute noch gezeigt. Ich schäme mich fast,
daß ich sie mir auch angesehen habe. In einer Begräbniskapelle, die einer
alten Rumpelkammer ähnlich sieht, stehen Särge über Särge gestapelt.
Sie bergen die sterblichen Überreste der portugiesischen Könige und
brasilianischen Kaiser. Der hinkende Wächter dieser entschwundenen
Herrlichkeit holte aus altem Gerümpel eine Holztreppe hervor und hieß uns
an die »interessantesten« Särge hinansteigen. Da grinsten uns durch die
Glasscheibe des oberen Sargdeckels die weißlich verschimmelten Gesichter
des Königs Carlos und des unglücklichen Thronfolgers Don Louis entgegen,
die dem Attentat 1909 zum Opfer fielen, und der einst so prächtig
charaktervolle Kopf des Kaisers Don Pedro von Brasilien, der sein Land
zu dem gemacht hat, was es ist. Am Fußende eines der Särge lag eine
zerbrochene Königskrone aus Goldblech -- ein vielsagendes, warnendes
Symbol.
Sic transit gloria mundi!
Die Portugiesen sind unsagbar stolz auf den Kopf der Republik, der jetzt
auf ihren neugeprägten Münzsorten prangt.
2. BRIEF.
DIE INSEL MADEIRA.
Möge jeder jemals von mir aufgenommene Tropfen des flüssigen Goldes, durch
das dieser Ort zuerst berühmt geworden ist, mir helfen, die zauberische
Schönheit der Insel Madeira in Farben zu schildern, die ebenso glühend und
feurig sind, wie der Wein, der auf ihren fruchtbaren Bergabhängen wächst.
Am 8. Januar um 5 Uhr morgens warf die »Arlanza« auf der Außenreede von
Funchal, der Hauptstadt der Insel, Anker. Veder Napoli e poi morir -- das
hat ein Mann gesagt, der Madeira sicherlich nicht gesehen hat. Der
Anblick der Insel vom Meere aus bietet ein unvergeßliches Bild. Von hohen
Bergketten umschlossen, öffnet die Bucht von Funchal ihren gastlichen,
geschützten Hafen den Schiffen. Trotzig und zackig ragen hier schroffe
Felsabhänge in den Ozean hinein, sanft gewellte Hügel, von immergrünen
Hainen bedeckt, ziehen sich dort den Strand entlang. Und zwischen
hineingestreut, als hätte man einen Sack Zucker ausgeschüttet, liegen
die schneeweißen Würfel der Häuser und Villen Funchals. In blendendem
Morgensonnenschein blitzen und funkeln die Fensterscheiben bis weit übers
Meer herüber. Trotz der frühen Morgenstunde herrscht ein reges Leben auf
der Bucht von Funchal. Unser Dampfer ist im Nu umringt von einer Unmenge
schmaler Ruderboote und kleiner Dampfkutter. Ein ähnliches Gewimmel umgibt
einen anderen prächtigen Ozeanriesen, der sich nicht weit von uns auf den
Wellen schaukelt. Er rüstet sich zur Weiterfahrt nach Afrika und von Zeit
zu Zeit läßt er den aufregenden Schrei seiner Dampfpfeife ertönen. Für
den Stil unserer Reise übrigens war es charakteristisch, daß wir einen
Augenblick lang ernstlich daran dachten von unserem Amerikadampfer auf
jenen Afrikadampfer überzusiedeln. Er sah mit seinem sauberen hellgrauen
Anstrich so einladend und unternehmend aus. Und in Afrika ist es sicherlich
auch sehr interessant. Nach »reiflicher« Überlegung, die 5 Minuten währte,
entschieden wir uns jedoch zu bleiben, wo wir waren. Ob zu unserem Glück
oder Unglück -- wer weiß es.
Vor einigen Jahren noch mag es schwer, ja unmöglich gewesen sein, in der
verhältnismäßig kurzen Zeit von sechs Stunden die Schönheiten Madeiras auch
nur einigermaßen gründlich kennen zu lernen, jetzt geht das leichter, wenn
es einem nämlich gelingt, eines der wenigen Autos habhaft zu werden, die
von unternehmungslustigen Madeiranern wohl speziell für durchreisende
Fremde angeschafft worden sind. Gelingt einem das jedoch nicht, so ist man
verloren, das heißt auf die vorsintflutlichen Vehikel angewiesen, mit denen
der gewöhnliche Straßenverkehr auf Madeira besorgt wird. Der Wissenschaft
halber habe auch ich eine Strecke in solch einem Fuhrwerke zurückgelegt und
wurde dabei lebhaft an die Moskauer Iswostschiki im März erinnert. Solch
eine Madeira-Droschke ist nämlich ein -- Schlitten, der von zwei trägen
Ochsen über das holperige Pflaster der Stadt gezogen wird. Die Kufen werden
mit Fett eingeschmiert (so weit ist man in Moskau noch nicht), um leichter
über die Steine zu gleiten. Wenigstens ist für einigen Komfort gesorgt. Die
Schlitten haben Federn, und vor der Sonne wird der Fahrgast durch einen
auf vier Stangen ruhenden Baldachin aus buntem Kattun geschützt. Das Tempo
solch eines Fuhrwerkes ist das Largo des Totenmarsches aus »Saul«. Zwar
läuft ein brauner Junge, der unter seinem Riesenstrohhut fast
verschwindet, voran und reizt die Ochsen vermittelst eines Flederwischs zu
temperamentvolleren Leistungen. Doch hilft das nur wenig. Die Ochsen wären
ja wirklich welche, wenn sie vor dem kleinen Buben mit seinem weichen Besen
Respekt hätten.
Nein, ein Auto auf Madeira ist vielleicht stillos, aber für Reisende, deren
Dampfer Eile hat, ist es unter allen Umständen vorzuziehen.
Unser Chauffeur, ein Stockportugiese, der außer den häßlich-näselnden,
faulen Lauten seiner Sprache, leider keinen Ton in einem verständlicheren
Idiom hervorbringen konnte und auch keinen verstand, führte uns zuerst
auf die Ostseite der Insel. Der Weg windet sich bergan, zwischen
Zuckerrohrfeldern, durch Alleen von Platanen, vorbei an Palmenhainen und
Bananenpflanzungen, wo, noch jetzt im Januar, die goldigen Früchte im
saftig grünen Laub schimmern. Lange Strecken des Weges bilden Legionen
von Kakteen mit glühendroten Knollen und Blüten eine natürliche Hecke und
bieten als origineller Stachelzaun Schutz vor Wegelagerern. Freilich auf
der Straße selbst ist man vor ihnen nicht sicher, und sie stellen sich auch
bald ein in Gestalt von braunhäutigen, barfüßigen und barhäuptigen
Kindern, die ein Blumenbombardement auf den Wagen eröffnen. Wundervolle
dunkelviolette Iris, Rosen, Azaleen-Blüten, Magnolien und sonderbare
leuchtend rote Sternblumen fielen uns in den Schoß. Die Kinder laufen
hinterdrein und haschen Kupfermünzen. Ihre schwarzen Korintenaugen blitzen
wie glühende Kohlen und in ihren Gesten äußert sich ein beängstigend
feuriges Temperament. Der Weg wird von Minute zu Minute schöner und
romantischer. Auf der einen Seite hat man die Berglandschaft mit
entzückenden Ausblicken, bizarren Felsformationen, schäumenden
Wasserfällen, malerischen Viadukten, auf der anderen öffnet sich eine
unendliche Fernsicht auf den im frühen Sonnenlichte silbern schimmernden
Ozean. In violettem Dunst zeichnen sich am Horizonte die Umrisse der
anderen kanarischen Inseln ab.
Auf dem höchsten Punkte des Weges machten wir Halt. Man mochte sich nicht
losreißen von dem unbeschreiblich schönen Bilde, das sich nach allen Seiten
hin bot. Einige regelrechte Kanarienvögel gaben uns im nahen Pinienhaine
ein Morgenkonzert. Nun ging es denselben Weg zurück durch die jetzt schon
ein wenig belebteren, meistens ziemlich winkeligen und engen aber immer
malerischen Straßen Funchals. Es gibt eine Menge Villen, die sich durch
ihre geschmackvolle Bauart auszeichnen. Sie liegen in blühenden Gärten,
deren üppige tropische Vegetation einen geradezu märchenhaften Eindruck
macht. Riesige Farrenbäume, Palmen, Rhododendren, Azaleen von der Größe
junger Birken, Magnolien, Gummibäume -- alles wächst dort in buntem und
wirrem Durcheinander. Die meisten Häuser sind eingehüllt in das Dickicht
irgend einer Schlingpflanze mit wundervollen leuchtend violetten Blüten,
die so dicht wachsen, daß ihre Farbe fast wie ein lustig bunter Anstrich
wirkt.
Auf der Westseite der Insel erreichten wir nach zirka 20 Kilometern ein
kleines Fischerdorf, das auf steil abfallenden Felsen ins schäumende und
brausende Meer hineingebaut ist. Es schien nur von Kindern bevölkert zu
sein, die unser Auto in unheimlich anwachsenden Scharen umringten. Weder
durch Geld noch durch gute Worte, noch durch Drohungen und Püffe konnte
man sich von dieser schmutzigen braunen Bande befreien, die ein
außerordentliches Verlangen nach Rauchwerk hatte und der die russischen
Papiros leider sehr gut zu schmecken schienen. Für unsere milden Gaben
revanchierten sie sich wenigstens durch die Vorführung von erstaunlichen
Taucherkunststücken. Wie die Frösche sprangen sie von der hohen Felsküste
ins Meer und verfehlten nie die ihnen zugeworfenen Münzen, nach denen sie
oft metertief tauchten.
Die richtigen Madeira-Taucher sahen wir jedoch erst bei unserer Rückkehr
aufs Schiff. Um den Dampfer herum herrschte ein solches Gewimmel von
Booten, daß der kleine Kutter sich nur mit Mühe einen Weg zum Fallrepp
bahnte. In jedem der hunderte von Booten saßen einige halbnackte braune
Kerle und machten sich unter wüstem Geschrei anheischig, ihre Künste zu
zeigen. Sämtliche Altersstufen von 10-40 Jahren waren unter diesen Tauchern
vertreten, die mit unglaublichem Geschick ihr Geschäft besorgten. Gleich
Affen kletterten sie an Tauen, die man ihnen hinabließ, bis aufs sechste
Promenadendeck hinauf und von dort, d. h. von der Höhe eines zirka
siebenstöckigen Gebäudes, warfen sie sich ins Meer. Es ist ein schönes,
aber aufregendes Bild, wenn diese braunen Pfeile in die Tiefe schießen.
Meterhoch spritzt das Wasser auf. Der Schlag auf die Wasserfläche muß ein
mörderischer sein. Mit blutigroten Schultern tauchen die kühnen Burschen
aus der Tiefe wieder auf, und zwischen den Zähnen halten sie unfehlbar
das Geldstück, dem ihr Sprung galt. Die tollkühnsten von ihnen schwimmen
übrigens nach dem Sprung unter dem Dampfer durch. Man kann ihnen alle
Hochachtung nicht versagen, wenn man bedenkt, was für einen Tiefgang solch
ein 16000 Tonnenschiff hat. Einigen von den Tauchern fehlte diese oder jene
Extremität, es gab eine Menge einarmiger und einbeiniger unter ihnen. Die
fehlenden Gliedmaßen haben seinerzeit den Haifischen der Bucht von Funchal
als leckere Mahlzeit gedient. Trotz der Gefahr, sich das Genick zu brechen
oder von Haien angefressen zu werden, sind die Burschen nicht teuer.
Sie springen schon gerne für 200 Reis. (Als Mittel gegen Schlaflosigkeit
empfehle ich, portugiesische Münzsorten etwa in russisches Geld
umzurechnen, ein Reis ist in Brasilien ungefähr 7/1000 Kopeken, in Portugal
3½ mal so viel; beim Versuch, irgend eine Summe -- etwa 18 Millreis,
300 Reis -- in Mark oder Rubel umzurechnen, schwindelt einem, und jetzt
hat die republikanische Regierung noch zum Überfluß eine neue Münzsorte,
Centavos = 10 Reis, eingeführt, und prägt Münzen von 50 Centavos. Um hier
nicht übers Ohr gehauen zu werden, muß man ein Rechenkünstler vom Range
eines Arago sein.)
In Madeira, dessen Zaubergärten viel zu schnell dem Blick entschwanden,
nahmen wir für Wochen Abschied vom Lande. An den kahlen, von senkrechtem
Sonnenbrande durchglühten Inseln Cap Verde, St. Vincenz und St. Antonio,
fuhren wir stolz vorüber. Erst an der brasilianischen Küste, in Pernambuco,
werden wir wieder Land sichten.
Sieht man tagaus tagein über die endlose Wasserfläche des Ozeans hin,
über dem sich als einziges Zeichen organischen Lebens von Zeit zu Zeit ein
glitzernder Schwarm fliegender Fische erhebt, so kehren die Gedanken immer
wieder zu dem Märchenlande Madeira zurück, das wie eine Fata Morgana
nur für Stunden aus dem Ozean auftauchte und sich dem Gedächtnis doch
unauslöschlich eingeprägt hat.
3. BRIEF.
PERNAMBUCO. -- BAHIA.
In Pernambuco sichtete die »Arlanza« zum ersten Male die südamerikanische
Küste. Mit einem aus Bedauern und Beruhigung gemischten Gefühl sah man den
hellen Streifen über dem Horizont, der uns als »Amerika« vorgestellt wurde,
immer breiter werden. Man bedauerte, daß nun bald das Götterleben auf
dem Schiff mit der unbegrenzten Möglichkeit zu allen Arten des »dolce far
niente«, mit dem amüsanten »board-tennis« und Ringspiel, mit den je nach
Bedarf kräftigen oder kühlen »drinks« im Rauchsalon, mit den phantastischen
Äquator-Maskenbällen und allerhand anderem gesellschaftlichem Ulk ein
Ende haben würde. Man war beruhigt, weil man nun tatsächlich mit Amerika
Bekanntschaft machte und nicht mit dem Seeboden.
Doch mußten sich die Passagiere, die zwölf Tage keinen festen Boden unter
den Füßen gespürt hatten, hier noch mit dem Anblick des Landes begnügen,
ohne es zu betreten. Nur Reisende, deren Bestimmungsort Pernambuco war,
wurden ausgeladen. Dieses Wort ist keine Hyperbel, sondern entspricht den
Tatsachen. Der Seegang und die Brandung ist in der Bucht von Pernambuco
so stark, daß kein Boot und kein Dampfkutter ohne die Gefahr sofortiger
Havarie dicht an die großen überseeischen Schiffe anlegen kann. Sie
halten sich, von unmutigen Wellen hin und her geworfen, in respektvoller
Entfernung. Die Passagiere aber werden wie Warenballen in großen Körben
an den Riesendampfkränen des Schiffes in den Ozean hinabgelassen, wobei es
gilt, eines dieser schwankenden Böte zu treffen.
Diese Beförderungsart ist keineswegs erheiternd, zumal das Schiff von
zahllosen mächtigen Haifischen umtanzt wird, die ihre gierigen Rachen nach
allem aufsperren, was in die Nähe der Wasserfläche kommt. Zur Freude der
Schiffsmannschaft gelang es übrigens, eine dieser gefräßigen Bestien
zu »angeln«, ein wahres Prachtexemplar von fast 4½ Meter Länge. Der
Angelhaken, den diese Hyäne des Ozeans ohne Besinnen verschluckte, hatte
die Größe eines mäßigen Schiffsankers. Vielleicht war es auch einer, ich
habe nicht genau hingesehen.
In Bahia, einem der wichtigsten Handelszentren des äquatorialen Südamerika,
betraten wir zum ersten Male den neuen Kontinent. Vom ersten Schritt an
konnte kein Zweifel darüber walten, daß man sich nicht in Europa befand.
Die Bevölkerung scheint auf den ersten Blick, wenigstens im Hafenviertel,
ausschließlich aus Mohren zu bestehen. Allmählich beginnt man jedoch die
feineren Unterschiede zu bemerken und unterscheidet die Mulatten, die
in allen Schattierungen, sogar gefleckt, vertreten sind, von den ganz
Schwarzen, dann die »Weißen« von den Mulatten. Allerdings was man hier
einen »Weißen« nennt, könnte in Europa noch ganz gut als etwas
verblichener Neger passieren. Die sengende Kraft der Sonne ist unglaublich.
Merkwürdigerweise lähmt sie jedoch die Energie keineswegs. Obgleich man
ununterbrochen Ströme von Schweiß vergießt, kann man selbst um 12 Uhr
mittags in der Sonne spazieren gehen, vorausgesetzt, daß der Kopf durch
einen hohen Panamahut geschützt ist. Schatten gibt es um diese Tageszeit
keinen, weder Häuser, noch Mauern, noch Menschen können sich eines solchen
rühmen. Die Sonne steht im Zenith und ihre Strahlen fallen genau senkrecht.
Der Schatten eines Menschen nimmt nur den Raum ein, den seine Fußsohlen
bedecken. Es kommt einem ganz merkwürdig vor, den kleinen schwarzen Fleck
zwischen den Füßen als den eigenen Schatten anzusehen. Die Eingeborenen
vermeiden es natürlich tunlichst, sich um diese Tageszeit auf der Straße zu
zeigen. Besonders die Mohren geben sich in dem Handelsviertel, das sie sich
in den Querstraßen des Hafens errichtet haben, dem ihnen, ach so lieben
Nichtstun hin. Sie sind übrigens ein gutmütiges und zugängliches Volk, von
Kultur allerdings nur sehr oberflächlich beleckt. Einer dieser schwarzen
Handelsherren, der sich am Stamm einer prächtigen Palme ein mehr als
originelles Magazin von alten Kleidern, Hüten, Stiefeln eingerichtet hatte,
und, längelang auf einer Holzbank hingestreckt, sein wohlassortiertes Lager
bewachte, fragte, als ich meinen Kodak nach ihm zückte, weinerlich -- ob
es schmerzen würde, war aber doch viel zu faul, um aufzustehen und sich der
Gefahr des Photographiertwerdens zu entziehen.
Furchtbar, schauerlich, wahrhaft grausig sind die Negerweiber, besonders
wenn sie alt sind. Sie sehen samt und sonders aus wie verkleidete Männer.
Ihre Putzsucht ist sprichwörtlich. Sie geben sich die erdenklichste Mühe,
ihre teuflischen Fratzen durch phantastischen Kopfputz und grellfarbige
Kleidung noch auffallender zu machen. Unter den kniekurzen knallrosa
oder knallblauen Röcken starren die schwarzen Beine hervor, einem weißen
Spitzenhemdchen entragt das meist nicht sehr üppige schwarze Décolleté.
Ein bunter Sonnenschirm vervollständigt diese Toilette, die einen glauben
macht, man befände sich auf einem exotischen Maskenball.
Bahia ist eine echt brasilianische Stadt, als solche viel
charakteristischer als die Hauptstadt Brasiliens, Rio de Janeiro, von der
im nächsten Briefe die Rede sein soll. Die Häuser sind flach, kastenartig,
ohne architektonische Pretensionen, sie scheinen nur aus Fenstern zu
bestehen, die auf der Sonnenseite mit Bastmatten verhängt sind. In den
engen Straßen der Innenstadt, deren schneeweiße Mauerflächen das grelle
Sonnenlicht blendend zurückstrahlen, herrscht reges, von südlichem
Temperament bewegtes Leben. Maultiertreiber, Straßenhändler,
Zeitungsverkäufer vollführen ein wüstes Geschrei.
Ein europäisches »Lokal« habe ich in Bahia nicht ausfindig machen können.
Es soll dort einen deutschen Klub geben -- der Großhandel liegt hier, wie
in ganz Brasilien fast ausschließlich in deutschen Händen -- doch gelang
es mir nicht, bis zu ihm vorzudringen. Es galt also, um satt zu werden, in
einem brasilianischen Restaurant Einkehr zu halten. »Grutta Bahiana« hieß
dieser denkwürdige Ort. Nach langen, fruchtlosen Versuchen eine der vielen
brasilianischen Nationalspeisen, die auf der Speisekarte verzeichnet waren,
herunterzubringen, mußte dieses redliche Bemühen eingestellt werden. Die
Frage bleibt offen, wie ein Europäer es anstellt, in Brasilien nicht zu
verhungern. Essen kann man die Dinge, die einem dort serviert werden,
schon aus dem Grunde nicht, weil man sich am ersten Bissen, den man die
Unvorsichtigkeit hat herunterzuschlucken, Mund, Speiseröhre und alle
Eingeweide verbrennt. Die Brasilianer kennen nur ein Gewürz, das
aber gründlich -- den Pfeffer. Man kann sie dafür nicht einmal dahin
verwünschen, wo er wächst, denn das ist ja hier zu Lande. Die Eingeborenen
vergießen während der Mahlzeit helle Tränen, und finden das genußreich,
vielleicht weil der »pimento« im tropischen Klima hygienisch sein soll.
Nachher spülen sie ihr Inneres mit einem gräßlichen Schnaps aus, an dem
der Name das einzig Gute ist. Er heißt »mata bicho«, das bedeutet »töte das
Biest«, womit aber nicht der Brasilianer selbst gemeint ist, sondern der
gefürchtete Fieberbazillus.
Alle Leiden, die man während des Essens zu erdulden gehabt hat, werden
jedoch bald darauf durch einen kulinarischen Genuß allerersten Ranges
wettgemacht. Der brasilianische Kaffee! Man möchte ein Klopstock sein,
um ihn zu besingen. Leider wird er, wie alles Gute im Leben, in sehr
homöopathischen Dosen serviert, denn leider ist er, wiederum wie das meiste
Gute im Leben, dem Herzen nicht zuträglich. Ein Täßchen, kaum größer als
ein Fingerhut, bis zum Rande gefüllt mit feinem Rohzucker, der so rasch
zergeht, daß man nicht einmal einen Löffel zum Umrühren braucht. Nein,
dieser Kaffee! Schwarz wie der Tod, süß wie die Liebe, heiß wie die Hölle!
Im kleinen Café, wo man diesen Göttertrank zu sich nimmt, herrscht übrigens
ein tolles Leben nach der Mittagstunde. Freiheit und Gleichheit. Auf
niedrigen schemelartigen Stühlchen hockt der Börsenfürst neben dem
Eseltreiber. Vor diesem Kaffee schwinden alle Rangunterschiede hin, wie das
Häufchen Rohzucker, das man in die Tasse tut. Das Lokal ist gepfropft voll.
Mit affenartiger Geschicklichkeit voltigieren um alle die in sämtlichen
Himmelsrichtungen ausgestreckten Beine Niggerboys in einst weiß gewesenen
Anzügen. Über dem Kopf schwingen sie die langgeschnäbelten Kannen. Mit
verblüffender Sicherheit trifft der schwarze Kaffeestrahl die winzige
Tasse. Aber nur Herzathleten wagen es, sie zum zweitenmal füllen zu lassen.
Sehenswürdigkeiten hat Bahia, außer sich selbst, keine. Die »vornehmen«
Stadtviertel werden sorglich in Ordnung gehalten. Auch um die
Volksgesundheit kümmern sich die Stadträte in höchst lobenswerter Weise.
Am Ausgangstor des Riesenaufzugs, der die obere Stadt mit dem Hafenviertel
verbindet, steht ein merkwürdiges Denkmal: zwischen zwei himmelhochragenden
Säulen ein mächtiges Plakat, frei in der Luft schwebende gigantische
Lettern bilden folgende Inschrift: »606! Cura Syphilis! 606!« Dieses
in seiner Offenherzigkeit erfrischende, aber keineswegs erfreuliche
Wahrzeichen krönt, weithin sichtbar, die Stadt, hoffentlich bewirkt der
gute Rat wenigstens, was er bezweckt.
4. BRIEF.
RIO DE JANEIRO UND BRASILIANISCHE KARNEVALSFREUDEN.
Weiß jemand von meinen verehrten Lesern, was eine »bisnaga« ist? Nein?
Nun, hoffentlich wird er sich diese Kenntnis nie durch eigene Erfahrung
erwerben. Eine »bisnaga« ist ein modernes Folterwerkzeug, unbekannten
Ursprungs, in Brasilien zur Karnevalszeit -- leider -- in allgemeinem
Gebrauche. Das Ding sieht sehr unschuldig aus, und bevor man damit
Bekanntschaft gemacht hat, ahnt man nicht, welche infamen Eigenschaften es
besitzt. Man denke sich ein mittelgroßes Glasflakon, das an einem Ende
mit einem Siphonverschluß versehen ist. Der Inhalt besteht aus stark
parfümiertem Äther und der Zweck der ganzen Maschine ist, sich diesen
Äther gegenseitig in die Augen zu spritzen. Es ist nicht schwer, dieses
Kunststück zu vollbringen, denn die bisnaga entlädt ihren Inhalt in feinem
Strahl auf viele, viele Meter Entfernung, und man kann sich sein Opfer
auswählen ohne sofortige Rache zu befürchten. Trifft nun solch ein
bisnaga-Strahl, so wird der Gegner für die Dauer von zwei bis drei Minuten
blind, hat das Gefühl, daß ihm die Augen ausfließen, und dieser klägliche
Zustand wird dann zu weiteren heftigen Attacken vermittelst Konfetti,
Pritschen, Luftschlangen, Niespulver und ähnlichen harmlosen aber
peinvollen Scherzartikeln benutzt.
Ich habe mancherorts das tollste Karnevalstreiben miterlebt, doch
verbleicht selbst München und Paris im Vergleich zu dem karnevalistischen
Wahnwitz, den sich die Brasilianer in Rio de Janeiro leisten.
In der Avenida centrale, einer wundervollen Straße von der Breite des
Newski-Prospekt in Petersburg, herrscht ein derartiges Gedränge, daß man
eine Stunde braucht, um zehn Schritte vorwärts zu kommen. Auf dem Fahrdamm
reiht sich Automobil an Automobil, von wo aus phantastisch kostümierte
Männer und schöne Frauen einen wütenden Luftschlangen- und bisnaga-Kampf
mit den Kopf an Kopf gedrängten Fußgängern ausfechten. Ein betäubender
Ätherdunst erfüllt die Luft, tausende von sinnlich erregten Augenpaaren
blitzen sich gegenseitig an, Geschrei und Gelächter schallt von hüben und
drüben, zwischen den Beinen der Fußgänger flitzen die kleinen, braunen,
unglaublich geschickten bisnaga-Verkäufer mit ihrem stereotypen Ruf:
»seicente grammas un milreis cinquente!«
Ein wahnwitziger Taumel scheint alle Welt ergriffen zu haben. Ehe man
sich's versieht, hat man einen Ätherstrahl in den Augen, dann eine
Wagenladung Konfetti im Rockkragen, Pritschenschläge hageln auf Kopf und
Schultern nieder.
Das alles vollzieht sich bei einer Temperatur von 30° Réaumur abends
zwischen 9 und 12. Ozeane von kühlenden Getränken, einfachem Eiswasser,
Kokosmilch und mehr oder weniger raffinierten Sorbets werden in den
zahllosen Cafés, die die ganze Avenida einsäumen, vertilgt. In dieser
Hauptstraße geht es zwar toll genug, aber immerhin gesittet zu. Doch
braucht man nur einige Schritte in die Querstraßen zu tun, um Zeuge von
allerhand wenig schönen Szenen und wüsten Schlägereien zu sein.
Im Dunkel abgelegener Straßen ist der Brasilianer chez soi und kehrt
sein wahres Gesicht hervor, auf dem alle Leidenschaften und Todsünden
verzeichnet stehen, im europäischen Glanz der Avenida legt er dagegen
sofort die lächelnde Maske Pariser Halbkultur an.
Ja Brasilien! Es ließe sich gar viel darüber sagen. Besonders über die neue
republikanische Regierung und ihre »Geschäftsprinzipien«. Jetzt will
sie dem Kaiser Dom Pedro II, der Brasilien zu seinem unerhört raschen
kulturellen Aufschwunge verholfen hat, ein Denkmal setzen. Seinerzeit,
als der republikanische Staatsstreich gelang, wurde der alte Mann, der ein
großer Gelehrter und einer der feinsten Köpfe des 19. Jahrhunderts war, auf
ein altes halbzerfallenes Schiff gesetzt und nach Europa expediert, wobei
die sichere Hoffnung bestand, daß der alte Kasten, der den Kaiser trug,
statt in Europa auf dem Seeboden anlangen würde. Als diese Hoffnung
fehlschlug, erfolgte das Dekret, daß nie mehr ein Mitglied des Hauses
Braganza den Boden Brasiliens betreten dürfe. Dieses Dekret hat nun
unvorhergesehene Folgen. Die gemäßigte republikanische Partei will die
Leiche Dom Pedros aus der Lissaboner Begräbniskirche nach Rio überführen,
um sie hier zu bestatten. Die Regierung muß sich dem widersetzen, denn
Dom Pedro ist, obzwar tot, -- doch ein Braganza!
Was soll ich über Rio de Janeiro sagen? Man müßte ein Buch schreiben,
wollte man einen richtigen Begriff von dieser Stadt vermitteln.
Landschaftlich ist sie paradiesisch schön. Die Natur hat alle
Herrlichkeiten, die sie hervorbringen kann, auf diesen Fleck Erde
zusammengetragen. Das Panorama der Bucht ist einzig in seiner Art. Hohe
Bergzüge von bizarren Formen umsäumen die Stadt. Mitten in der Bucht erhebt
sich der sogenannte »Zuckerhut«, ein violetter Bergkegel, der bisher als
unzugänglich galt. Seit einigen Wochen erreicht ihn eine Schwebebahn,
deren kühnes Projekt -- echt amerikanisch! -- vor fünf Monaten noch nicht
entworfen war. Die Bergabhänge sind von unglaublich üppigem tropischen
Urwald bedeckt. Herrlich sind die enormen Kaiserpalmen, die eine Höhe
von 40 Metern erreichen und die mächtigen Bambusbüsche, die aussehen, wie
riesengroße grüne Fontänen. Eine großartig angelegte Automobilstraße hat
vor nicht langer Zeit den Reisenden die nächste Umgegend Rios erschlossen.
Sie führt über den Bergrücken des Tijuka durch dichten Urwald, in dem man
hin und wieder einen Papagei aufscheucht und wo sich die märchenhaften
blauen Riesenschmetterlinge auf den leuchtenden Blüten der tropischen Bäume
wiegen. Die Ausblicke, die sich auf dieser Straße nach allen Richtungen
hin bieten, sind -- zu schön, denn man glaubt nicht an ihre Realität. Man
meint, sich mitten drin in einer Dekoration einer phantastischen Zauberoper
zu befinden. Weder Klingsors Zaubergarten, noch die Märchenhaine eines
Tschernomoren können reicher und üppiger gemalt werden. Es fehlt dieser
ganzen Landschaft nur die Seele, die Stimmung. Oder vielleicht verstehen
wir Nordländer sie nicht. Man fühlt sich fremd in dieser unerhörten
Tropenpracht, die man bewundern kann, ohne sie zu lieben.
Die Stadt Rio hat zwei Gesichter, ein weißes und ein schwarzes. Der
fabelhafte Luxus des Europäerviertels umgibt das erbärmliche Elend des
Negerhügels, der sich mitten in der Stadt erhebt.
Die Neustadt übertrifft in der Anlage stellenweise selbst Paris. Was wollen
z. B. die Champs elysées sagen im Vergleich zu dem 14 Kilometer langen
asphaltierten, mit Steinquadern ausgelegten Kai, der die ganze Bucht von
Rio de Janeiro umsäumt und die Stadt mit dem Badeort Leme verbindet! Und
doch wieviel schöner ist der kleinste Winkel von Paris, als der ganze
blendende Talmiglanz des modernen Rio. Denn ein Talmiglanz ist es. Man
spürt es jeden Augenblick, daß man sich auf dem Boden eines Landes, das
keine Geschichte hat, bewegt. Geld -- das ist die einzige treibende Kraft
Brasiliens. So glanzvoll alles nach außen hin ist, so fehlt doch jede
innere Kultur. Es ist nichts echt, alles -- Nachahmung. In der bodenlosen
Geschmacklosigkeit vieler Bauten, ihrer überladenen Pracht, dem völligen
Mangel jeden Stilgefühles zeigt sich das kulturelle Niveau ihrer Erbauer
nur zu deutlich. Dennoch sind die Brasilianer mit einigem Recht stolz auf
Rio. Allerdings äußert sich ihr Selbstgefühl mitunter in der lächerlichsten
Weise. Auf dem berühmten Theatro Municipale stehen in großen goldenen
Lettern drei Namen: Goethe, Molière, -- A. Penna. Was sollen die Deutschen
und Franzosen dazu sagen! Penna ist ein kleiner einheimischer, übrigens
ganz vergessener Komödiendichter, gegen den etwa Kotzebue ein Shakespeare
war. Nationalitätsgefühl ist eine gute Sache, doch sei man vorsichtig in
seinen Äußerungen, sonst wird man ridikül oder taktlos.
5. BRIEF.
BUENOS AIRES.
Wollte man sine ira et studio eine Schilderung der Hauptstadt Argentiniens
entwerfen, wie sie sich dem Reisenden auf den ersten Blick präsentiert, so
würde kein Mensch glauben, daß der Brief aus Amerika kommt. Buenos Aires
hat nichts, aber auch gar nichts »amerikanisches« an sich. Es ist nichts
anderes als eine vorzüglich gelungene Kopie sämtlicher Hauptstädte Europas
zusammengenommen. Wenn man die Straßen der argentinischen Hauptstadt
durchwandert, so glaubt man bald in Berlin, bald in Paris, in Petersburg,
in London, meinetwegen in Hamburg, in Frankfurt, München oder sonst
irgendwo zu sein, nur nicht in Südamerika, dem Lande, das sofort die
Vorstellung von Indianern, Prärien, Pampas, wilden Tieren oder breitnasigen
Patagoniern erweckt. Von alledem ist in Buenos Aires natürlich nicht das
allergeringste zu sehen. Die Stadt bedeckt einen enormen Flächenraum, ihr
Weichbild ist größer, als dasjenige Londons, obgleich Buenos Aires
kaum halb so viel Einwohner (ca. 3 Millionen) zählt. Die abgezirkelt
rechtwinklige Anlage der Straßen erinnert an das Friedrichstraßen-Viertel
in Berlin, nur daß sich hier die einzelnen Straßen noch viel ähnlicher
sehen und infolgedessen noch viel langweiliger sind. Was nützt die
architektonische Pracht einzelner Bauwerke, wenn sie sich immer wiederholt!
Man mag einen noch so guten Ortssinn besitzen und die Stadt noch so viele
Male durchquert haben -- dennoch weiß man nie, an welcher Straßenecke man
sich befindet. Sie sehen alle genau gleich aus.
Etwas besser ist es um die öffentlichen Plätze bestellt. Sie haben mehr
Charakter, und man unterscheidet sie schon dadurch untereinander, daß auf
jedem ein anderer erzener oder steinerner argentinischer Reitergeneral,
oder sonst irgend eine Lokalberühmtheit in mehr oder weniger kühner
Denkmalspose verewigt ist.
Kommt man dagegen zur berühmten Avenida del Mayo, dem Stolz der
Argentinier, so ist man wieder in Paris. Der Boulevard des Capucines, wie
er leibt und lebt! An das Paris vor zehn Jahren erinnern auch die zahllosen
ein- und zweispännigen Droschken, die hier noch nicht, wie in Rio de
Janeiro, von Automobilen verdrängt sind. Und schaut man sich die fabelhaft
luxuriösen Läden an, so liest man auch dort auf den breiten Schaufenstern
dieselben Namen wie in Paris. Die ganze Rue de la Paix ist hier vertreten,
meistens sogar besser und reicher als an Ort und Stelle. Das gilt besonders
von den Juwelierläden.
Die Argentinier haben nämlich viel Geld, unglaublich viel Geld und bezahlen
mit dem Stolze aller plutokratischen Parvenüs kaltlächelnd Unsummen für
allerhand Luxusgegenstände. Warum sollten sie auch nicht? Das Land selbst,
das doppelt so groß ist als Europa, bietet ja unerschöpfliche Reichtümer.
Und immer wieder erschließen sich neue. Man braucht sie nur zu nehmen.
Von den enormen Viehzüchtereien, den in einzelnen Händen befindlichen
Latifundien von der Größe mäßiger Königreiche, von der fabelhaft rasch
emporgeblühten Weinkultur, die in wenigen Jahren unberechenbare Vermögen
geschaffen hat, von den Erzreichtümern der Kordilleren usw. werde ich
noch zu erzählen haben, wenn ich ins Innere des Landes hineinkomme.
Augenblicklich ist man hier sehr erregt durch die Nachricht, daß sich
im Süden Argentiniens zu allem Übrigen noch außerordentlich ergiebige
Naphthaquellen erschlossen haben. Man nimmt an, daß dadurch den
kaukasischen und nordamerikanischen Quellen eine sehr ernsthafte Konkurrenz
auf dem Weltmarkt entstehen wird.
Doch ist es nicht meine Sache, darüber zu berichten. Ich sehe mir das Land
mit den Augen eines gewöhnlichen Reisenden an, und wirtschaftliche Studien
liegen mir fern.
Die Einwohner von Buenos Aires haben ebenso wenig charakteristisches an
sich wie die Straßen der Stadt. Aussehen, Kleidung, Gebaren -- alles ganz
europäisch. Natürlich überwiegt der südländische spanisch-italienische
Typus. Man sehnt sich ordentlich nach den prachtvollen Mohren von Bahia und
nach den interessanten Mischlingen, die die brasilianische Bevölkerung
so bunt und anziehend machen. Russen und Deutsche gibt es in Buenos Aires
genug, um einige mittelgroße europäische Städte damit zu bevölkern. Die
russische Kolonie zählt gegen 100000 Köpfe, die deutsche mehr als das
Doppelte. In Buenos Aires erscheinen zwei große deutsche Zeitungen, von
denen die »La-Plata-Zeitung« sogar, wie man sagt, eine nicht unwichtige
politische Rolle spielt. Der einen hier erscheinenden russischen Zeitung
kommt eine solche natürlich nicht zu. Doch ist es immerhin viel, daß sie
überhaupt existiert.