Da es nicht mehr möglich war, sogleich die Tochter aufzusuchen,
begaben wir uns in ein Hotel beim Palais Royal. Wir hatten dort soeben
unser Souper beendet, als ein Mann, der uns beiden gänzlich unbekannt
war, den Speisesaal betrat, eine tiefe Verbeugung machte und sagte:
»Heil! Ich komme um dir, Im Hokeis, zu sagen, daß du morgen Paris
nicht verlassen wirst. Um die vierte Stunde wirst du deine Tochter
nach dem Hause bringen, das das vorletzte ist, wenn du den Boulevard
de Luxembourg hinaufgehst. Du wirst keine Fragen stellen, sondern
gehorchen. Daß ich das Recht habe, dir zu gebieten, will ich sogleich
beweisen«, und er flüsterte Hokeis drei Worte ins Ohr, die diesen
aufspringen machten, wie wenn er von einer Kugel getroffen worden wäre.
_Er hatte ihm das geheime Losungswort der Priester des Feuers gesagt!_
Dann wandte er sich an mich und sagte: »Und du wirst morgen in aller
Frühe in das Hotel Fleury gehen. Dort wirst du deinen Freund Beverly
finden. Gehe, wohin er geht, und verlaß ihn während der nächsten zwei
Tage nicht einen Augenblick -- seine Rettung hängt davon ab! Ich gehe
jetzt. Vergiß die Worte des Fremden nicht!«
Ich war grenzenlos verblüfft und man kann sich leicht denken, wovon wir
beide diese Nacht sprachen, bevor wir schlafen gingen.
Das führt mich auf meine nächste Zusammenkunft mit Beverly, dessen
Geschicken wir jetzt folgen wollen.
Man wird sich erinnern, daß Ravalette ihm ein Papier gegeben hatte,
bevor sie Belleville verließen, und daß Vatterale ebenfalls etwas für
ihn im Hotel zurückgelassen hatte.
Die Worte auf dem Zettel Ravalettes waren in einer kühnen, kräftigen
Handschrift geschrieben und lauteten: »Wenn Sie mich brauchen, wenn Sie
bereit sind, einer der unsrigen zu werden -- wenn Sie alle Hoffnung
aufgegeben haben, je das Geheimnis meiner und Ihrer Existenz zu
ergründen -- dann suchen Sie mich in dem Hause, das das vorletzte ist,
wenn Sie den Boulevard de Luxembourg hinaufgehen -- Ravalette.«
Also dieselbe Anweisung -- und fast in den gleichen Worten -- wie die,
die jener geheimnisvolle Fremde Hokeis in der vorhergehenden Nacht
erteilt hatte. Dieser Umstand machte auf mich einen starken Eindruck,
aber die Klugheit verbot, ihn Beverly gegenüber zu erwähnen. Er schien
sehr glücklich über diese Aussicht auf eine Lösung des seltsamen
Rätsels zu sein und bat mich zu meiner großen Freude, den Tag mit ihm
zu verbringen; am Abend wollten wir dann gemeinsam der Sache nachgehen.
Mehrere Gründe veranlaßten mich, das regste Interesse an diesen
Vorgängen zu nehmen -- Freundschaft, Neugier und eine unbestimmte
Hoffnung, das, was Beverly als seinen Fluch bezeichnete, unwirksam zu
machen. Man wird sich erinnern, daß Beverly mich einst hatte überzeugen
wollen, es sei an der seltsamen Legende von dem König, der Prinzessin,
dem Rätsel, dem Mord und dem Fluch und seiner Erfüllung mehr, als die
meisten Leute wohl zugeben würden. Ich war wohl geneigt, an Dhoula Bel
und die anderen Verdammten zu glauben, aber ich hatte kein rechtes
Vertrauen zu Miakus, Ravalette, dem italienischen Grafen und Vatterale.
Noch glaubte ich nicht, daß irgend etwas Übernatürliches in die Sache
hereinspiele, und da ich das ganze nur geschickten Tricks zuschrieb,
beschloß ich, den Zauberkünstlern eine Falle zu stellen, um sie während
der Vorführung zu fangen. »Hoho! Herr Vatterale, Sie sollen einmal
etwas erleben!« rief ich, als ich Beverlys Hand schüttelte. Als ich ihn
dann verließ -- da er ein Bad zu nehmen wünschte --, tat ich, als ginge
ich zur Post, in Wirklichkeit aber eilte ich zur Polizeidirektion, wo
ich kurz und bündig erklärte, daß ein Freund von mir einem ungeheuren
Betrug zum Opfer fallen solle. Der diensttuende Beamte hörte mir
aufmerksam zu, instruierte mich, wie ich es einzurichten hätte, um die
Verdächtigen nicht vorzeitig zu warnen, und versprach mir, er werde zur
genannten Stunde mit einer Abteilung Polizisten in der Nähe des Hauses
auf dem Boulevard de Luxembourg sein. Auf meinem Rückweg zum Hotel
Fleury sprach ich noch bei Hokeis vor, traf ihn aber nicht und erhielt
die Auskunft, er sei nach Versailles zu seiner Tochter gegangen. So
suchte ich Beverly wieder auf.
8. Kapitel
DER BOULEVARD DU LUXEMBOURG
Beverly erwartete die Ereignisse der nächsten Stunden, in denen alle
Zweifel für immer geklärt werden sollten, fast noch ungeduldiger als
ich.
Schlag drei Uhr waren wir noch etwa eine Steinwurfsweite von dem Hause
unseres Stelldicheins entfernt und die drei oder vier kleinen Schilder
mit den Aufschriften »Zimmer zu vermieten«, »Möblierte Zimmer« usw.
deuteten an, daß es sich um eines jener Bürgerhäuser handelte, wo man
ein Leben lang ungestört leben kann, vorausgesetzt, daß die Miete
pünktlich bezahlt wird.
Bald betraten wir den quadratischen, gepflasterten Hof des Gebäudes und
bevor wir irgend eine Frage stellen konnten, kam der Hausmeister schon
aus seiner Loge, grüßte uns respektvoll und sagte: »Die Herren gehören
wohl zu denen, die der Mieter im zweiten Stock für heute erwartet?
Bitte, hinaufzugehen. Er wohnt im ersten Zimmer links.« Damit hinkte
der Alte in sein Zimmer zurück und begann wiederum auf einen Schuh
loszuhämmern, den er in Arbeit gehabt hatte, als wir eintraten.
Wir folgten seiner Anweisung und stiegen eine breite Treppe hinauf bis
zum ersten Stiegenabsatz, von dem eine Treppe weiter nach oben führte,
während eine zweite in den Hof hinunterging. An dem entfernteren
Ende war eine Tür, ebenso an dem näherliegenden. Wir durchschritten
die erste Tür und gelangten in ein hübsch ausgestattetes großes,
viereckiges Zimmer. Da niemand in dem Zimmer war, gingen wir in das
zweite, fanden aber auch hier nicht das geringste Anzeichen, daß der
Bewohner in der Nähe sei. So hatten wir Gelegenheit, uns vorher zu
erkundigen. Ich rief den Hausmeister und fragte ihn nach Namen und
Beschäftigung des Inwohners sowie nach der Dauer seiner Anwesenheit im
Hause und erfuhr, daß er ein fremder Gelehrter namens Elatterav sei,
daß er offenbar beträchtliches Vermögen besitze und seit fünf Jahren
hier wohne, ferner, daß er wenig in Gesellschaft verkehre, niemals zu
Hause speise und ein sehr vornehmer Mann sei (er bezahlte dem Portier
zwei Louis im Monat). Als der Hausmeister wieder gegangen war, sah
ich mir die Räumlichkeiten näher an und bemerkte, daß der Boden und
die Decke wie in allen französischen Häusern aus Stein bestanden. Der
Kredenztisch war niedrig und schmal und dicht mit Weinflaschen und
Gläsern besetzt, so daß man hätte meinen können, man befinde sich in
der Wohnung eines Studenten, statt in der eines ernsten Philosophen
wie Ravalette, wenn anders er überhaupt mit dem von dem Portier
beschriebenen Elatterav identisch war. Der Alkoven war klein und
einfach und enthielt nur ein Feldbett mit dem nötigen Zubehör. Von
irgendeiner Einrichtung für magische Zwecke war nichts zu sehen. Gerade
bei dieser Inaugenscheinnahme schlug die Glocke Vier und wir hörten
Schritte in dem andern Zimmer, trotzdem wir von einem Öffnen der Tür
nichts bemerkt hatten. Wir gingen hinüber und Beverly rief: »Ravalette,
so wahr ich lebe!« Und richtig, da stand, ruhig lächelnd, ein alter
Herr, genau der Beschreibung entsprechend, die mir mein Freund von ihm
gegeben hatte.
»Sie haben mich gesucht und gefunden! Ich hoffe, es wird Ihnen zum
Heile dienen«, sagte er zu Beverly; »und Sie, mein Herr, haben gut
daran getan, Ihren Freund zu begleiten«, meinte er dann zu mir gewandt,
in einem geradezu beleidigenden Tone. Es war offensichtlich, daß ihn
meine Gegenwart höchst unangenehm berührte. Was mich betrifft, so
hatte ich kaum den ersten Blick auf ihn geworfen, als ich überzeugt
war, daß ich vor einem der gescheitesten Köpfe der Erde stand -- vor
einem Mann, der alles dessen fähig war, was man ihm zuschrieb, und der
sein Ziel erreichen würde und wenn er dazu durch Menschenblut waten
müßte. Ich beschloß, seine Pläne auf jeden Fall zu durchkreuzen, selbst
wenn ich dabei zu meiner Pistole oder meinem Revolver greifen müßte,
die ich vorsichtshalber mitgenommen hatte, bevor wir uns in das Haus
wagten, das vielleicht eine Verbrecherhöhle war. Ravalette mochte meine
Gedanken erraten haben, denn sein Gesicht bekam einen verärgerten
Ausdruck, doch sagte er nichts, denn im gleichen Augenblick öffnete
der Portier die Tür, meldete »Monsieur Hokeis und Tochter« und mein
Reisegefährte und seine Tochter -- das üppigste und herrlichste Weib,
das ich je in irgend einem Lande gesehen, die glühenden Schönheiten
von Beirut und Stambul nicht ausgenommen -- traten ein.
Ravalette hatte sie offenbar erwartet; denn er schien über ihr Kommen
nicht im geringsten überrascht zu sein. Die Wirkung aber, die sein
Anblick auf Hokeis und seine Tochter ausübte, war eine geradezu
elektrische. Hokeis warf sich vor ihm auf die Knie nieder, neigte sein
Haupt, faltete die Hände mit einer halb flehenden, halb anbetenden
Gebärde und sagte:
»O schrecklicher Geist des Feuers und der Flamme! Sehe ich dich hier?
Ach! Ich bin ein Elender, du aber bist mächtig und wirst verzeihen!
Mein Abfall geschah nicht aus freier Wahl, sondern war das Werk eines
Zufalls und ich habe in der Religion Isauvis mehr Frieden gefunden, als
in deinen oder Astartes Tempeln!«
In meinem Gehirn wirbelte es unter einem Sturm von Erregungen, während
Beverlys Gesicht aschgrau wurde und seine Glieder wie Espenlaub
zitterten.
Im nächsten Augenblick bereits änderte sich die Szene vollständig, denn
das junge Weib, das seines Vaters Tun und Sprechen gar nicht bemerkt
zu haben schien, trat auf Ravalette zu, legte die juwelengeschmückte
Hand auf seine Schulter, blickte ihm gerade ins Auge, wie wenn ihr
Blick ihn vernichten wollte, und sagte mit leiser, aber klarer, tiefer
Stimme: »So also, Feind, sehen wir uns wieder! Willst du noch mehr
von deinen Kniffen und Zaubereien versuchen? Willst du der Tochter Im
Hokeis' noch mehr Schlingen legen? Was hast du dabei zu gewinnen? Du
antwortest nicht. Gut, ich werde für dich antworten:
Erinnerst du dich des Tages -- vor vielen, vielen Jahren, als ich
noch ein Kind war -- da du an eines alten Mannes Tür klopftest und um
ein Nachtlager batest? Wohl, ich erinnere mich. Du wurdest von dem
edelmütigen Indianer aufgenommen. Du aßest an seinem Tisch, rauchtest
seine Pfeife und trankst seinen Wein, dann, als du am Feuer saßest,
bemerktest du mich und wolltest mir mein Schicksal weissagen. Du
sagtest, ich würde in einem Monat einen traurigen, müden, weinenden,
unglücklichen, einsamen Jüngling treffen, der mein Herz entflammen
würde; ich würde ihn lieben und ihn heiraten wollen; wenn ich dies
aber täte, würden dunkle Wolken über uns heraufziehen und der Morgen
der Liebe würde einen Tag des Widerwillens und einen Abend der Sorge
und eine Nacht des Verbrechens, der Schande und des Todes bringen. Du
sagtest, eine Verbindung mit einem anderen Mann jedoch werde mir alles
das geben, was das Leben lebenswert machen kann. Ich glaubte dir, denn
vieles von dem, was du weissagtest, ging in Erfüllung. Drei Wochen des
Monats verflossen und eines Tages hatte ich einen Traum, und ich sah
dich und den Jüngling, den ich im Leben noch nie gesehen hatte. In
diesem Traum wiederholtest du alles, was du vorher gesagt hattest, und
dann verschwandest du. Aber deine verhaßte Gegenwart hörte nicht eher
auf, als bis eine erhabene Gestalt erschien, in Schönheit und Majestät
gehüllt, die mir gebot, nicht auf dich zu achten, sondern jenen armen
Menschen zu lieben, dessen Schatten vor mir stand -- ihn zu lieben,
aber es nicht zu gestehen, bis die Stunde gekommen sei; denn wenn ich
einen anderen wählte, so würde ich glücklich sein, wenn ich aber ihn
wählte, dann würde ich eine Seele vor einem schrecklichen Schicksal
bewahren. Sie gebot mir, dir zu widerstehen, den Jüngling zu ermutigen,
sein Herz zu trösten und ihn zu ermahnen, er solle nicht verzweifeln,
denn er würde trotzdem glücklich sein. Er --«
Aber sie konnte nicht mehr weiter sprechen, Beverly stürzte auf sie zu,
stieß Ravalette zur Seite, ergriff ihre Hand, küßte sie und rief:
»Eulampia!«
»Beverly!«
Und sie sanken einander in die Arme.
Ich merkte, daß dieses Drama mit jeder Minute ernster wurde, aber
mir blieb keine Zeit, lange darüber nachzudenken, denn in diesem
Moment wurde die Tür aufgerissen, und zwar von niemand anderem als
dem Polizeikommissär, dem zwei Mann der Garde de Ville folgten;
gleichzeitig sah ich durch die offene Tür, daß Treppe und Vorplatz
dicht mit Gendarmen besetzt waren.
Die Sache wurde ernsthaft.
Ravalette stand unbeweglich und sagte lächelnd:
»Ihre Mühe ist umsonst, Monsieur! Sie werden nicht benötigt und werden
unverzüglich dorthin zurückkehren, woher Sie gekommen sind; der Herr
hier, der Sie kommen ließ, kann hier bleiben.«
Diese kühle Bemerkung verwirrte den Kommissär ein wenig, doch erwiderte
er: »Es ist meine Pflicht, alle zu schützen, die meinen Schutz für sich
oder für andere verlangen.«
»Richtig; aber in diesem Falle ist nichts geschehen, oder auch nur
beabsichtigt, was irgend einen Grund für eine solche Maßnahme geben
könnte. Aber da Sie nun einmal hier sind, so mögen Sie bleiben, bis Sie
sich von der Wahrheit meiner Worte überzeugt haben. Nehmen Sie Platz!«
Wenn ich sagen würde, daß die Situation »hochdramatisch« war, so
gäbe das nur einen sehr annähernden Begriff von diesen seltsamen
Ereignissen. Der einzige, der vollkommen ruhig zu sein schien, war
Ravalette. Was Hokeis betrifft, so hätten Michelangelo und Raffael
zusammen das Bild seines Antlitzes oder nur den hundertsten Teil
der ungeheuren grenzenlosen Bestürzung und des Schreckens unmöglich
wiedergeben können, der sich auf seinem Gesicht ausdrückte. Nicht zwei
Personen sahen die Sache in demselben Licht, oder verstanden einander,
aber alle wurden völlig durchschaut von dem großen Meister vor ihnen.
Für eine Weile herrschte beklemmendes Schweigen, das schließlich --
sehr zu meinem Erstaunen -- von meinem Rosenkreuzerfreunde Beverly
gebrochen wurde, der, Ravalette gerade ins Auge blickend, sagte:
»Wer immer du auch sein magst, ich verzeihe dir, daß du versucht hast,
mich, einen Sohn Adams, an der Vermählung mit diesem Weibe, Eulampia,
der hellstrahlenden Tochter Ichs zu hindern. Ich verzeihe dir, daß
du sie zu einer Heirat mit einem andern treiben wolltest, was mich
zu einem Schicksal verdammt hätte, vor dem ich seit Jahrhunderten
zurückbebte. Ich verzeihe dir alles Weh, das du mir zugefügt hast, aus
Dankbarkeit für das, was du für mich getan hast, und weil ich glaube,
daß dein Helfershelfer mich damals in Boston vor der platzenden Retorte
rettete, als ich La Brières Versuch mit dem weißen Feuer wiederholen
wollte. Durch dich oder deinesgleichen habe ich unbezahlbare
Geheimnisse erfahren. Ich bin dir dankbar dafür, daß du mich das
Geheimnis des magischen Spiegels gelehrt hast. Ich bin dir dankbar
für das Geheimnis aller Jahrhunderte -- die Kunst, das Lebenselixier
zu verfertigen, nach dessen Genuß niemand mehr altern kann; wer aber
ein Jahr lang davon trinkt, der erfreut sich ewiger Jugend. Ich werde
dieses Elixier niemals zu seinem eigentlichen Zweck verwenden, aber
fünf von seinen sieben Bestandteilen bilden ein Mittel, das die Chemie
seit langem vergebens gesucht hat. Dadurch, daß ich die Formel dafür
meinem Freunde und damit der medizinischen Welt hinterlasse, werde ich
meine Sünden büßen, indem ich Tausenden das Leben gebe.
Freiwillig, ohne Zwang, verspreche ich feierlich, den Schlaf Sialam
zu schlafen, bevor ich dieses Haus verlasse. Und ich will dir alles
beantworten, was ich kann, doch unter der Bedingung, daß du vorher das
Geheimnis aufhellst, das dich selbst umgibt. Und da ich dir freiwillig
das gewähre, was du durch ein Menschenalter voll Betrug nicht erlangt
hättest, so sollst du zuerst feierlich bei dem, durch dessen Willen du
existierst, du magst nun Mensch oder Teufel sein, versprechen, mich
weder jetzt, noch nachher, wenn ich schlafe, irgendwie zu beeinflussen.«
Ein Schimmer plötzlicher Freude flammte in den Augen des seltsamen
Wesens vor uns auf. Er blickte wie ein Bräutigam in der Überfülle
seiner Freude und indem er seine Hände -- bleiche, magere, blauweiße
Hände -- auf die Brust legte, sah er auf und sagte:
»So sei es! Ich verspreche dir, mit dem fürchterlichsten Eide, den man
sich denken kann, daß ich alle deine Bedingungen annehme.«
Hierauf ging er nach dem Alkoven und brachte einen halbkreisförmigen,
etwas weniger als mannshohen Bettschirm, der etwa vier Fuß Durchmesser
hatte. Er bat den Kommissär, ihn zu untersuchen, was dieser auch tat
und dann erklärte, es sei ein ganz gewöhnlicher Bettschirm.
»Sie haben Recht; es ist nichts anderes als ein Bettschirm, ich bitte
Sie aber jetzt, irgendeinen Platz in diesen Zimmern zu bestimmen, wo
wir ihn aufstellen können; damit Sie aber nicht glauben, ich hätte die
Absicht zu entfliehen, fordere ich Sie auf, Ihre Leute hereinzurufen
und ihnen den Befehl zu geben, auf mich zu schießen, wenn ich versuche,
das Zimmer zu verlassen!«
»Ganz, wie Sie wünschen, Monsieur! Peter, rufe die Leute!«
Die Polizisten kamen sogleich -- 27 Mann hoch -- herein und als alle
vollzählig waren, sagte der Kommissär, auf Ravalette deutend: »Dieser
Herr ist fluchtverdächtig, habt acht, daß er eure Reihen nicht lebend
passiert. Seht zu, daß mein Befehl pünktlich befolgt wird. Ist es Ihnen
so recht, Mr. Ravalette?«
»Vollkommen -- vollkommen! Es könnte nicht besser sein.«
»Ihr werdet vierzehn Mann rings um das Haus aufstellen, um die Fenster
zu bewachen und die übrigen dreizehn verteilt Ihr auf die Treppe und
die Treppenabsätze«, sagte der Kommissär zu dem Sergeanten.
»Soll geschehen«, erwiderte dieser und führte seine Leute wieder aus
dem Zimmer -- aber nicht bevor ich ihm eine doppelläufige Pistole
und einen Revolver, beide frisch geladen und mit neuen Zündhütchen
versehen, gegeben hatte -- denn ich haßte Ravalette, mochte er ein
Mensch oder ein Teufel sein, ich haßte ihn mit einem religiösen Haß --
und dies ist wohl der glühendste Haß, den es gibt --; ich hatte den
lebhaften Wunsch, zu erproben, ob er kugelfest sei oder nicht.
Während dieser ganzen Zeit hatten der Vater, die Tochter, Beverly, ich
und die beiden Gefährten des Kommissärs nichts gesagt; auf ein Zeichen
Ravalettes jedoch setzten wir uns nieder, und zwar so, daß wir die
Tür zwischen den beiden Zimmern, den Alkoven, den Kredenztisch und
die Fenster an beiden Seiten übersehen konnten. Der Kommissär stellte
nun den Bettschirm mit der konvexen Seite gegen uns in der Mitte des
Zimmers auf, nahm dann neben mir Platz und sagte, daß er nunmehr das
seinige getan hätte. Die Blässe seiner Lippen, der Ton, in dem er
sprach und die Häufigkeit, mit der er sich bekreuzte und Gebete in
schlechtem Französisch und noch schlechterem Latein murmelte, zeigten
deutlich, daß er wünschte, es möchte alles vorüber sein.
»Ich bin fertig,« sagte Ravalette, »ich, der ich nichts mehr zu
verbergen habe, erkläre, daß ich derjenige bin, den jener Mann -- Im
Hokeis und sein Parsenstamm -- jahrhundertelang für den Gott des Feuers
und der Flamme gehalten hat. Das Geheimnis meines Seins kann noch
nicht entschleiert werden. Ich bin nicht allein! Die Herrschaft über
die Magie und die Materie ist eine Erbschaft von Menschenaltern. Wir,
die wir einst wie die anderen waren, wurden verdammt durch den Fluch
eines Sterbenden wie Isaak Ahasverus, der Jude von Jerusalem, der den
Herrn verspottete und anspie, als er sein Kreuz auf dem Schmerzenswege
trug, und den er, der Sanftmütige, verfluchte, auf der Erde zu weilen,
bis er wieder komme. So mächtig wir in allem anderen sind, kann doch
keiner von uns seine eigene Zukunft erforschen: nur besonders Begabte
können es, wie dieser Beverly hier. Solche aber werden selten geboren;
wenn sie aber geboren werden, so gibt es nur eine Möglichkeit, sie
uns dienstbar zu machen; sie müssen im Geiste unvermählt bleiben,
sonst können sie nicht den Schlaf Sialam schlafen und auf keine andere
Weise können wir das Buch unseres Schicksals enträtseln. Daher die
Hindernisse, die wir ihm und jenem Mädchen in den Weg gelegt haben ...
Es ist möglich, unser Schicksal auf ein neutrales Wesen abzuwälzen,
wer immer es auch sein mag. In diesem Falle aber bestand ein starker
Beweggrund, jenem Manne die Jahrhunderte aufzubürden, der mein
Zeitgenosse gewesen ist, seit Epochen, die weit vor der Erbauung von
Babylon und Ninive liegen.
Noch einer dieser Art ist am Leben -- und bei ihm ist mir mein Plan
mißlungen -- es ist der Fremde -- und noch jemand gibt es: die Mutter
dieses Beverly. Ich hoffte, ihn durch Magie zu gewinnen: es ist nicht
gelungen. Er hat mich so gesehen, wie ich jetzt bin --« und bei diesen
Worten ging er um den Bettschirm herum bis zur andern Ecke und sagte:
»Und so.« Wir waren über alle Maßen erstaunt über die Veränderung, die
in weniger als zwölf Sekunden vor sich gegangen war:
Ravalette war verschwunden und an seiner Stelle sahen wir einen
mageren, dürren, runzligen kleinen Mann, in jeder Beziehung das
gerade Gegenteil Ravalettes. »Miakus! so wahr ich lebe -- der
Mann von Portland und Boston -- er ist es!« rief Beverly, als die
Gestalt bereits abermals um den Bettschirm herumging, sich von neuem
veränderte, »und so!« sagte. »Beim Himmel!« schrie Beverly, »das ist
Ettelavar, mein mysteriöser Führer und Lehrer im Reiche des Traums!«
Und schon war eine neue Veränderung erfolgt und mit den Worten: »Und
so!« erschienen nacheinander der italienische Graf und Vatterale. In
dieser letzten Gestalt sagte er: »Nibchi ist nur eine Umstellung von
»Ich bin«, Miakus heißt: »Ich selbst«, Vatterale ist ein Anagramm aus
Ravalette und jeder Schuljunge hätte euch sagen können, daß Ettelavar
die Umkehrung dieses Namens ist -- dieses Namens, der bedeutet: »der
Geheimnisvolle«. Für dich, Beverly, bin ich all dies gewesen. Sieh mich
jetzt als das, was ich wirklich bin!« Damit ging er abermals um den
Schirm herum und erschien als ein kleiner alter Mann, der vom Kopf bis
zum Fuß in flammendes Rot gekleidet war.
»Der Vampir: Dhoula Bel!« schrien Beverly und Im Hokeis zugleich.
* * * * *
Was während der nächsten halben Stunde vorging, läßt sich hier nicht
schildern; ich bemerke nur, daß Beverly nach Verlauf dieser Zeit in
einen tiefen Schlaf gefallen war, und zwar offenbar aus freiem Willen.
Das Folgende wird in dem nächsten und letzten Kapitel dieses Werkes zu
lesen sein.
9. Kapitel
DER SCHLAF SIALAM
Tief war das Schweigen, selbst unser Atem hatte aufgehört. Rasch
schlugen unsere Herzen und unsere Augen waren voll Tränen; denn Großes
ging vor.
Die Glieder steif und kalt von den Dämpfen der Auflösung, das Gesicht
bleicher als der Tod, Herz und Puls vollkommen unhörbar, die Augen
weit geöffnet und so weit nach oben gedreht, daß nur noch das Weiße zu
sehen war, so saß mein Freund Beverly in einem großen Lehnsessel.
Was wir hier sahen, war kein mesmerischer Schlaf. Innerhalb fünf
Minuten machte sich auf dem Gesicht des Schläfers eine Veränderung
bemerkbar; er wurde erleuchtet, wie wenn seine Seele in diesem
Augenblick die unaussprechliche Glorie des Jenseits sähe.
Er sagte: »Jetzt!«
Bei diesem Worte wurde die Tür des Zimmers leise geöffnet und zwei
Männer traten herein und wollten sich eben niedersetzen, als der
Kommissär rasch aufstand, militärisch grüßte und rief: »Der Kai...«
»Still!« sagte der Angeredete, »hier sind alle Fremde!« dann wandte
er sich an Dhoula Bel, mit dem er sehr vertraut zu sein schien, und
fragte: »Endlich?«
»Endlich!« antwortete dieser, worauf die Neuangekommenen sich auf zwei
Stühlen niederließen.
Das Ganze war so völlig aller Berechnung entgegengesetzt verlaufen,
die Ereignisse hatten eine so absolut unerwartete und plötzliche
Wendung genommen, daß ich mich über diesen neuen Zwischenfall nicht
mehr wunderte, sondern nur beschloß, sorgsam das Resultat abzuwarten,
was es auch sein möchte. Natürlich glaubte ich, daß der Neuangekommene
nunmehr die Leitung des Vorganges in die Hand nehmen werde. Dies
geschah aber nicht, denn Dhoula Bel, wie ich ihn von nun an nennen
will, wandte sich an den kleineren der beiden und sagte: