Außerdem hätten wir das Zimmer nicht verlassen können, auch wenn

alle Türen offen gewesen wären. Haben Sie nie von der faszinierenden

Macht der Gefahr gehört? Nun, wir befanden uns damals in ihrem Bann.

Wir waren an jenen Platz gebunden, gefesselt, festgenagelt von einer

Gewalt, die man nie verachten sollte, denn wenn sie einmal ihr Opfer

festhält, ist sie erbarmungslos, grausam und unnachgiebig. Wir fühlten,

daß jede Bewegung die Möglichkeit einer unbekannten, unerwarteten

Gefahr heraufbeschwören würde. Alle waren von Schrecken gelähmt. Eine

Bewegung hätte unser Entsetzen noch um das Zehnfache gesteigert! Wir

hatten bei dem ganzen Vorgang ein Gefühl, wie das des Inders, der aus

seinem Mittagsschlummer aufgeschreckt die feuchten Windungen der Kobra

langsam unter seinem Gewand auf dem nackten Körper kriechen fühlt, und

weiß, daß, während sein Herzschlag stockt, sein Blut zu Eis erstarrt

und große Tropfen kalten Schweißes aus jeder Pore hervorbrechen, jede

Bewegung, jeder Atemzug, ja ein bloßes Zittern den unbedingten sicheren

Tod bedeutet.

So war also das Gefühl, das die achtzehn Personen damals durchdrang,

als die drei Scheusale langsam um die Saucière am Boden herumkrochen

und uns mit ihren großen, hornigen, vorstehenden Augen ansahen, die

fortwährend funkelten und blitzten und einen Ausdruck von geradezu

teuflischer Bosheit hatten. Ich fürchte, daß die weiblichen Mitglieder

der Gesellschaft sich nie mehr von dem Schrecken jener Nacht erholt

haben. Sie fielen nicht in Ohnmacht und schrien nicht, wie man

vielleicht vermuten könnte, und zwar einfach aus dem Grunde nicht,

weil die Spannung der Seele und der Nerven zu stark war, als daß auch

nur für einen Augenblick jene Reaktion hätte eintreten können, die ein

unbedingtes Erfordernis für die erwähnten Wirkungen ist.

Wahrscheinlich betrug die Zeit, die von dem Schrei unseres Freundes bis

zum Verschwinden der drei Monstren verstrich, noch nicht einmal drei

Minuten, aber wir erlebten in dieser kurzen Spanne Jahre des Entsetzens.

Tatsächlich wird ja die Zeit nicht nach den Schlägen der Uhr gemessen,

sondern nach den Erregungen der Seele und dem Pochen des Herzens.

Nach Verlauf der angegebenen kurzen Zeit erhob sich Nibchi, nahm

ein kleines Körbchen aus seinem Mantelsack, ergriff dann furchtlos

eines der drei Wesen nach dem andern, schlug ihnen sorgfältig die

Beine übereinander und legte sie schließlich so in den Korb. Dann

nahm er die zwei Kristallflaschen, legte sie der Länge nach mit den

Öffnungen gegeneinander auf die Karte und ließ sich wieder auf seinen

Stuhl nieder, ohne ein Wort über den Zweck dieser Manipulationen

zu verlieren. -- Und da begann es auf einmal dunkel zu werden. Die

Gasflammen schienen weniger hell zu brennen. Binnen kurzem war der

Raum finster, allerdings nicht vollständig, denn es war noch ein

unbestimmtes Zwielicht da, eine Art bläulicher, halb mattrötlicher,

nebliger Ausstrahlung, die gerade hinreichte, uns die einzelnen Dinge

vag und undeutlich unterscheiden zu lassen.

»Rühren Sie sich nicht! Fürchten Sie sich nicht!« sprach da wieder die

fette Stimme Vatterales, und bevor wir antworten konnten, trat ein

Ereignis ein, das nur selten ein Mensch gesehen:

Kaum waren nämlich die Worte verklungen, als das Zimmer plötzlich

hell beleuchtet schien, wie wenn die Luft selbst mit glänzendem Licht

erfüllt wäre, und wir erkannten die beiden Flaschen ganz deutlich. Aus

der einen kroch jetzt eine riesige Schlange und streckte sich, bis ihr

Körper das dreifache des Volumens der beiden Flaschen hatte. Dann kam

eine zweite, eine dritte und so fort, so daß schließlich nicht weniger

als zwölf Schlangen dalagen. Als die letzte jedoch aus der einen

Flasche hervorgekrochen war, zog sich die erste sogleich in die andere

Flasche zurück und so verschwanden sie alle wieder der Reihe nach, wie

sie gekommen waren.

»Ich will Ihnen jetzt beweisen, daß Sie nicht immer Ihren Sinnen trauen

können,« sagte Vatterale, »und nicht immer für das bürgen können, was

Sie gesehen haben,« und dabei stülpte er den Korb um und zerschlug die

Flaschen. Sie waren sämtlich leer! Keine Spur von einer Schlange oder

einem Skorpion war mehr vorhanden!

»Nun will ich Ihnen noch etwas Merkwürdiges zeigen. Rufen Sie, bitte,

eine Magd und lassen Sie sie auf einem dieser Stühle Platz nehmen.

Lassen Sie sie dann unter irgend einem Vorwand einen Strang Seide zum

Abwickeln halten -- nur, um ihre Aufmerksamkeit zu fesseln --, das ist

alles. Aber,« setzte er mit großem Ernst hinzu, »was Sie auch sehen und

hören werden, sprechen Sie kein einziges Wort!«

Wir stimmten zu und ein Strähn Seide wurde gebracht.

»Es wird genau 17 Minuten dauern, bis das Mädchen fertig ist«, sagte

Nibchi, »und ich will Ihnen in der Zwischenzeit einen kleinen Betrug

demonstrieren. Die Kreaturen, die Sie vorhin gesehen haben, sind

wirklich, aber nicht von Dauer -- es sind Schöpfungen des Willens, die

untergehen, wenn die Macht zu wirken aufhört, die sie ins Leben gerufen

hat. Zum Beweis dessen, sehen Sie dort hin!«

In der östlichen Ecke des Zimmers begann aus dem Boden ein heller Nebel

aufzusteigen, der sich immer mehr verdichtete, bis schließlich eine

Dampfwolke von etwa 3 Fuß Durchmesser in der Luft schwebte. Sie blieb

etwa eine Minute lang so stehen, dann veränderte sie allmählich ihre

Form und nach Verlauf von weiteren vier Minuten hatte sie die Gestalt

eines Menschen angenommen -- oder richtiger, der Karikatur eines

Menschen!

Zuerst hatte die Gestalt nur nebelhafte Umrisse, die aber schnell

klarer und bestimmter wurden, bis ein halbnacktes krummbeiniges,

sperrfüßiges Ungeheuer vor uns stand. Es war nicht größer als drei Fuß,

die Breite der Brust und des Bauches betrug nahezu ebenso viel, während

die Beine nicht über acht Zoll maßen; die Arme dagegen waren so lang

wie der ganze Körper. Der Kopf, der ohne Übergang eines Halses auf dem

Rumpfe saß, war geradezu gigantisch und an ihm hing eine wirre Masse

fadenförmiger Würmer bis auf den Boden herunter. Sein Mund war ein

fürchterlicher roter Abgrund, der bis dahin reichte, wo sonst die Ohren

zu sitzen pflegen, die ihm völlig fehlten. Ebenso war von Augen, Nase,

Wangen, Kinn, Lippen und Stirne nichts zu sehen. Glauben Sie ja nicht,

daß dies nur eine Erscheinung war, denn, obwohl aus Dampf entstanden,

wurde es in fünf Minuten so fest wie Eisen, was es dadurch bewies, daß

es schwer und gewichtig durch das Zimmer stampfte bis in die Mitte des

freien Raumes zwischen unseren Stühlen, um dort stehen zu bleiben,

leise hin und her schwankend, wie wenn sein Herz zu schwer wäre.

»Zeige, was du kannst,« befahl Vatterale. »Sogleich«, zischte es und

ging auf einen Tisch zu, an dem es einige Minuten stehen blieb, worauf

dieser sich zu drehen begann, sich nach allen Seiten neigte, sich

schließlich in die Luft erhob und schwebte, genau wie man dergleichen

in spiritistischen Sitzungen zu sehen pflegt.

»Nun, meine Damen und Herren, bitte ich genau so zu tun, als ob dies

hier ein menschlicher Geist wäre, der darauf brennt, Nachrichten aus

dem Jenseits zu bringen. Sie werden von den Ergebnissen überrascht

sein. Sie haben schon gesehen, daß er ein ausgezeichneter Tischrücker

ist, nun bitte ich Sie, auch seine geistigen und körperlichen Kräfte

ebenso zu erproben; jetzt, wo ich Ihnen erlaube, das Schweigen, das

für den ersten Teil dieses Versuches sehr wichtig war, zu brechen,

haben Sie nichts mehr zu fürchten.«

Daraufhin baten mehrere von uns das Wesen um eine Äußerung und sogleich

machte es Bewegungen, wie wenn es schreiben wollte. Wir legten ihm

Bleistift und Papier vor, es ergriff den Stift mit seinen langen,

klauenartigen Fingern und seine Hände flogen wie der Blitz über das

Blatt. In zehn Sekunden war es fertig und bekundete dies, indem es

dreimal mit der Faust schwer auf den Tisch schlug. Herr D... nahm das

Papier an sich und las; es war eine der zärtlichsten Botschaften,

die wohl je eine tote Mutter an ihren lebenden Sohn gerichtet hat,

sogar die Handschrift war die seiner Mutter, auch der Name -- Lucy

-- stimmte, auch verschiedene Eigentümlichkeiten im Ausdruck waren

genau wiedergegeben. Herr D... erbleichte. »Ist es möglich, daß ich

so schändlich betrogen wurde?« rief er erschüttert, denn er war ein

überzeugter Anhänger des modernen Spiritualismus.

Das geisterartige Ding gab sodann noch mehrere gleich gut gelungene und

überzeugende Proben seines Könnens, sowohl durch Schreiben, Tischrücken

und -klopfen, wie auch durch Erscheinenlassen von Geisterhänden,

-gesichtern, -blumen und anderen Gegenständen, von denen sich viele

nicht nur durch ihre Seltenheit, sondern auch durch ihre hohe Schönheit

auszeichneten. In weniger als fünf Minuten hatte das augenlose Monstrum

dreizehn solcher Bilder ausgeführt, die man als glänzende Muster

»magischer Kunst« betrachten konnte.

»Jetzt zu etwas anderem«, sagte Vatterale, und wandte sich an die

Gestalt: »Du wirst dich jetzt unsichtbar machen und uns zeigen, was

für ein Musiker du bist!« Dann bemerkte er zu uns: »Wirkliche Geister

lieben das Licht, solche aber wie dieser da, arbeiten im Dunkeln ebenso

gut, denn sie haben den Vorteil, daß sie in direkte Berührung mit

materiellen Substanzen kommen können, was für wirkliche Geister sehr

schwierig ist.«

Während seiner Worte war unsere Aufmerksamkeit von seinem Geschöpf

abgelenkt -- ich sage: »seinem« Geschöpf --, denn man darf nicht

vergessen, daß die ganze Erscheinung lediglich eine Inkarnation seines

bewußten Willens und nur durch einen Gedanken ins Leben gerufen worden

war und wieder zum Verschwinden gebracht werden konnte. Freilich gibt

es auch andere, die solche schöpferische Fähigkeit besitzen, aber

diese Leute üben ihre Kraft entweder unfreiwillig durch mechanische

Willensvorgänge aus, oder sie sind als Medien nur die Werkzeuge der

»Larven«. Als Vatterale zu Ende gesprochen hatte, war der Geist

verschwunden, d. h. für unseren Gesichtssinn, nicht aber für das Gehör,

denn als er seine Hand leicht bewegte, ertönte sofort die zarteste

süßeste und ergreifendste Musik, die je ein Mensch gehört hat. Sie

schien überall zu ertönen, über uns, unter uns, um uns, bald hier, bald

da, bald ganz nahe, bald in weiter Ferne; ich könnte sie nur mit einem

feierlichen Requiem vergleichen, das von Engeln über der zerstörten

körperlichen Form eines Gottes gesungen wurde. Die Töne klangen so

erhaben und majestätisch und dabei so wehdurchzittert, daß sie lebhaft

an das klagende

»Huhm, meleagar, malooshe,

Huhm, meleagar, ma-looshe«

erinnerten, nur daß sie zehnmal tiefer waren und an Abgründe rührten,

die jenes Lied nie hätte erreichen können.

Diese seltsame Musik konnte als Beweis für die Theorie des

italienischen Grafen dienen, die er, wie erinnerlich, in der Séance

vor Napoleon aufgestellt hatte, denn, wenn man einerseits zugäbe,

daß sie von einem wirklich existierenden, selbständigen Lebewesen

hervorgebracht wurde, konnte man anderseits nicht bestreiten, daß

sie nur von einer hochentwickelten Seele erzeugt werden konnte,

während jenes Wesen aber doch in der Skala der Organismen sehr niedrig

stand. War dieses Wesen aber nun eine Schöpfung von Nibchis Willen,

so erhellte daraus, daß es nur seine eigenen Gedanken ausdrückte,

während es selbst für die Musik und ihre Bedeutung nicht das geringste

Verständnis hatte.

Das Lied hörte auf und Vatterale bat den Grafen von M., das eine Ende

eines Akkordions zu halten, während der Geist unsichtbar das andere

halten und so spielen sollte. Der Graf tat es und hielt das Instrument

mit dem Boden nach oben in Armeslänge von sich ab, und zwar gerade

unter dem Luster. Und tatsächlich begann es in dieser Stellung zu

spielen. Niemand war zu sehen und niemand war in der Nähe. Ebenso ging

es dann mit anderen Instrumenten, wie Gitarre, Harfe und Klavier.

Sodann wurde die ganze Vorstellung auf das Gebot Vatterales von dem

Geist in sichtbarer Gestalt wiederholt.

Da verkündete uns ein Klopfen an der Tür, daß das gewünschte

Dienstmädchen da sei. Sie wurde eingelassen; der Geist war wieder

verschwunden.

»Marie«, sagte der Baron, »wir haben gewettet, daß keiner dieser Herren

einen Strähn Seide aufwickeln kann, wenn sowohl ihm als auch Ihnen die

Augen verbunden sind. Ich habe gewettet, daß es dennoch möglich ist.

Wenn ich gewinne, dürfen Sie auf drei Tage Ihre Angehörigen zu Hause

besuchen und ihnen etwas mitbringen. Sie dürfen aber nicht lachen oder

sprechen, solange die Seide aufgewickelt wird, sonst habe ich verloren.

Wollen Sie es versuchen?«

»Gewiß«, erwiderte das Mädchen, »und Sie sollen sehen, daß ich nicht

lachen werde.« Dann nahm sie ihren Platz ein und ließ sich von der

Baronin die Augen verbinden und die Seide um die Handgelenke legen.

Darauf ergriff Herr D... auf ein Zeichen Vatterales das andere Ende des

Fadens und begann ihn langsam aufzuwickeln.

»Beginne!« sagte Vatterale, nach der Stelle gewandt, wo der Geist

verschwunden war. Er erschien sofort wieder und berührte die Hand

des Mädchens, das auf der Stelle gleich in einen tiefen magnetischen

Schlaf fiel, aus dem sie eine zweite Berührung wieder, jedoch nicht zum

vollen Bewußtsein, erweckte. Sie stand auf, warf die Seide beiseite

und trat der Reihe nach an die sämtlichen Instrumente heran, um uns

einige Stücke zum Besten zu geben. Der Geist berührte ihren Kopf und

sogleich flüsterte sie drei Herren aus der Gesellschaft nacheinander

die glühendsten Liebesworte ins Ohr.

Wieder berührte sie der Geist und sie begann in pathetischem Ton zu

deklamieren. Bald war sie Charlotte Corday, dann Maximilian von Mexiko,

bald die Jungfrau von Orleans, dann ein einfaches Indianermädchen,

jetzt war sie die Malibran und sang wundervoll, dann wieder eine ernste

Frau und sprach über das göttlich-schöpferische Werk des Weibes, über

die Liebe und über vieles andere. Es gab kaum ein Thema, das sie

nicht angeschlagen hätte. All dies mochte etwa zwei Stunden gedauert

haben, dann tat Vatterale dem Wirken des Geistes Einhalt und weckte

das Mädchen wieder auf, das von den gesamten Vorgängen keinerlei

Erinnerungen hatte. Die Anwesenden schenkten ihr einige Goldstücke und

sie verließ das Zimmer, zweifellos mit dem Wunsche, noch öfter Seide

auf diese Weise aufzuwickeln.

»Nun will ich Ihnen etwas zeigen,« sagte Vatterale, »was vielleicht

interessanter ist als alles, was Sie je gesehen haben. Schauen Sie her!«

Im gleichen Augenblick erschienen auf allen Seiten des Zimmers

unzählige kleine Feuerkügelchen in den verschiedensten Farben -- rot,

grün, blau, purpur- und scharlachfarben, gold, silber, karmin, weiß

und violett -- und blitzten und tanzten umher wie wenn sie eine

sehnsüchtige Freude verspürten. Es waren wohl Tausende von ihnen

vorhanden, die durcheinander in der Luft umherwirbelten, bald die

Bilder an den Wänden beleuchteten, bald sich in größeren Massen vor

den Spiegeln ansammelten oder auf dem Boden unter den Stühlen zwischen

unseren Füßen und über den Teppich rollten wie im Übermut des Spiels.

Jede ihrer Bewegungen war von einem zischenden Laut begleitet, ähnlich

dem einer steigenden Rakete, wenn auch nicht so stark. Schließlich

bildeten sie eine Krone, genau so, wie ich sie vor einigen Jahren hier

in Paris über dem Haupte Napoleons hatte schweben sehen. Ich hielt

diese beiden Umstände nebeneinander und wandte mich schon an Vatterale,

um etwas zu sagen, als er, wie wenn er meine Absicht geahnt hätte, mir

mit der Bemerkung zuvorkam:

»Ich habe Ihnen einmal gesagt, wir würden uns bald wieder begegnen!

Geduld -- diese Nacht muß vorübergehen. Nehmen Sie das Geschenk an,

das ich für Sie in Ihrem Hotel zurückgelassen habe, und vergessen Sie

nicht, daß wir uns wieder begegnen werden.« Dann schwieg er wieder wie

zuvor, und die Gesellschaft wußte mit seiner abgerissenen und scheinbar

sinnlosen Äußerung nichts anzufangen.

Ich aber wußte jetzt: Vatterale und der Graf waren ein und dieselbe

Person, wer aber waren die beiden anderen: Miakus und Ravalette?

Die feurige Krone bildete übrigens den Schluß der Vorführungen; die

Gesellschaft trennte sich in ziemlich vorgerückter Stunde und jeder

ging nach Hause.

6. Kapitel

ANKUNFT DES VERFASSERS

Zu erregt, um zu schlafen, warf ich mich auf mein Sofa und überdachte

noch einmal die seltsamen Ereignisse der Nacht. Zwei Dinge, nein, drei,

waren absolut sicher: Erstens, daß weder Ravalette noch Vatterale,

noch der italienische Graf Menschen waren wie andere; zweitens, daß

keiner aus der Gesellschaft dies ahnte, und drittens, daß ich einzig

und allein der Gegenstand dieser außergewöhnlichen Besuche war. Darüber

hinaus wurde mir klar, daß sein Schicksal sich schnell und unaufhaltsam

einer Krisis näherte, und daß der Fremde (der in der Legende erwähnt

wurde), ebenso wie Dhoula Bel mich noch beeinflußten, aus welchen

Gründen und zu welchem Zweck, konnte ich nicht verstehen. Ich war

bereits Rosenkreuzer geworden, war bis zum fünften Grad vorgerückt,

hatte den Orient besucht und stand im Begriff, ihn abermals zu

besuchen, hatte manche düstere Geheimnisse kennen gelernt und war

in den verschiedenen Arten der Magie unterrichtet worden; ich wußte

alles Wissenswerte über das Lebenselixier, die Kräfte des Willens,

die Kunst, das Schicksal anderer vorauszusagen, die Kunst, magische

Spiegel zu verfertigen und Gold- und Silberminen zu entdecken und

hatte tief bedauert, daß der furchtbare Eid, durch den sich der wahre

Rosenkreuzer verpflichtet, niemals Reichtümer für sich selbst zu suchen

oder als Belohnung für seine Tätigkeit anzunehmen, mich hinderte, mich

der Vorteile des Geldes zu bedienen. Ich wußte, daß ich alle äußeren

Interessen meiner Persönlichkeit auf dem Altar des Wissens geopfert

hatte. Ich wußte, daß mein Herz nach Weibesliebe schmachtete und

daß dieses Gefühl zu Zeiten einen Teil meiner Seele gefangen hielt,

aber sie niemals ganz erfüllte, und ich wußte, daß darin die einzige

Möglichkeit lag, dem, was ich fürchtete, zu entgehen, wenn es mir

nämlich gelang, mich mit einer Frau zu vereinigen, in deren Körper

kein Tropfen von Adams Blut floß; ich gab fast alle Hoffnung auf, je

zu vollenden, was meine Versucher in Belleville, in den Tuilerien

und in Boston von mir verlangt hatten, als ich mich plötzlich des

Papiers, das mir Ravalette in die Hand gedrückt und des Geschenkes,

das Vatterale für mich zurückgelassen hatte, erinnerte. Doch beschloß

ich, alle Sorge darum bis zum Morgen aufzuschieben und fiel schließlich

in einen unruhigen Schlaf, aus dem ich erst spät am folgenden Vormittag

erwachte, um sogleich die Nachricht zu erhalten, daß mein teurer

Freund (der Verfasser) aus Alexandrien angekommen sei und bei mir

vorgesprochen habe.

7. Kapitel

DAS GROSSE GEHEIMNIS?

Dem Verfasser dieser Blätter fällt nun die Aufgabe zu, die Erzählung

Beverlys, seines Freundes, zu vervollständigen.

Ich war soeben in Paris über Marseille angekommen, nachdem ich

dort einige Tage früher von Alexandria über Malta angelangt war.

Ursprünglich hatte ich die Absicht, hier zu übernachten, um dann über

Rouen und Dieppe nach England und von dort nach Amerika zu reisen. Wie

alle anderen Reisenden, gedachte ich eigentlich, eine Woche in Paris

zuzubringen, aber leider hielten mich Geschäfte ab und ich hatte mich

daher darauf eingerichtet, die Hauptstadt am Tage nach meiner Ankunft

wieder zu verlassen. Außerdem sprach noch der Umstand mit, daß ich

gern noch länger die Gesellschaft eines Herrn genießen wollte, mit dem

ich von Kairo bis Paris zusammen gewesen war, und der sich in Paris

nicht lange aufhalten wollte, um so bald wie möglich seine Tochter zu

treffen, die seit etwa drei Jahren in Paris erzogen wurde und die er in

sein neuerworbenes Haus in New York führen wollte.

Die Geschichte des Herrn Im Hokeis und seiner Tochter, die er mir auf

der Reise erzählte, ist wohl wert, wiedergegeben zu werden, und so

will ich, selbst auf die Gefahr hin, dieses Kapitel ungebührlich zu

erweitern, einen kurzen Abriß davon geben:

»Ich bin an den Ufern des Kaspischen Meeres geboren«, hatte Hokeis

mir erzählt, »und entstamme der Familie der Hokeis, einer heiligen

Familie, die den höchsten Priesterstand bekleidete und der die Sorge

für das heilige Feuer oblag, denn wir waren Parsen, und das Feuer

durfte nie erlöschen und ist auch seit vielen Tausenden von Jahren

nicht erloschen, wie unsere Überlieferungen erzählen, denn Religion

ist bei uns etwas ganz anderes als bei den Männern des Islams oder den

Bewohnern Indiens oder Roms oder des Westens. Wir sind stolz auf die

Reinheit unseres Glaubens und auf seine Überlegenheit über alles,

was von den Kindern Adams bekannt geworden ist, ebenso wie auf unsere

Abstammung von Ich, dem großen Begründer unseres Stamms und mächtigen

präadamitischen König und Eroberer.«

Es mangelt mir hier Raum und Zeit, die Gründe anzuführen, mit denen

Im Hokeis seine Behauptung bewies, es gebe auf der Erde noch andere

Menschen als solche, die von Adam abstammten. Er sagte, er sei von

Geburt an zum ersten Priester seines Glaubens bestimmt gewesen, und

habe im Alter von 17 Jahren ein Weib seines Stammes geheiratet. Um

die Zeit, als er eingekleidet werden sollte, war zwischen den Parsen

und ihren persischen Tyrannen ein Krieg ausgebrochen. Er und sein

Weib wurden gefangen genommen, nach Herat gebracht und verurteilt,

geblendet zu werden, doch wurden sie von einem Mitglied der englischen

Gesandtschaft vor diesem schrecklichen Schicksal bewahrt. Sie blieben

dann fast drei Jahre lang bei ihrem Retter und lernten während

dieser Zeit die englische Sprache. Hokeis hatte später das Glück,

seinem Wohltäter das Leben retten zu können, und die Folge war, daß

zwischen ihnen eine so herzliche Freundschaft entstand, daß die beiden

mitgehen durften, als die Gesandtschaft nach England zurückkehrte.

In London nahm Hokeis eine Stellung als Dolmetscher an und war bald

so wohlhabend geworden, daß er Handelsgeschäfte mit Persien anfangen

konnte. Während der neun Jahre, die er so verlebte, schenkte ihm der

Himmel kein einziges Kind, wohl aber ungeheuren Reichtum.

Im dreizehnten Jahre ihrer Ehe wurden endlich die Gebete des Ehepaares

erhört, denn es wurde ihm ein hübsches Mädchen geboren. In dem

Augenblick jedoch, als es das Licht der Welt erblickte, schlossen sich

die Augen seiner Mutter für immer.

Eines Tages fuhr die Amme, die eine Verwandte der Frau war, das

Kind in den Straßen von Hampstead spazieren. Sie geriet dabei in

ein Zigeunerlager und ließ sich überreden, sich ihre und des Kindes

Zukunft weissagen zu lassen. Aus den Gesichtszügen und der Hautfarbe

der beiden ließ sich leicht auf ihre Nationalität schließen und das

Zigeunerweib überzeugte sich durch geschicktes Fragen, daß sie Parsen

vor sich hatte. Als der Schwindel vorüber war und die Amme bezahlt

hatte, kehrte sie mit ihrem Schützling wieder nach Hause zurück. Die

Zigeuner aber schlichen ihr nach und in derselben Nacht wurde das Kind

entführt, während die Amme schlief. Man stellte Nachforschungen nach

den Zigeunern an -- aber vergebens -- die ganze Gesellschaft war am

folgenden Tage auf einem Paketboot nach Amerika unter Segel gegangen.

Viele Jahre waren verflossen und eines Tages ging der trostlose Vater

in dem Garten des Hauses spazieren, aus dem das Kind geraubt worden

war, als er von einer alten Frau angesprochen wurde, die ihn fragte,

wieviel er für eine Nachricht über sein Kind zahlen würde. Das Folgende

mag übergangen werden, es genügt, wenn ich berichte, daß der Vater und

die Zigeunerin innerhalb 24 Stunden bereits an Bord eines Schiffes

waren, das sie nach der neuen Welt führen sollte. Das Kind, das sich

inzwischen zu einer Jungfrau von wunderbarer Schönheit entwickelt

hatte, wurde gefunden und Vater und Tochter wohnten eine Zeitlang in

New York, wo er sich einen schönen Landsitz gekauft hatte. Der alte

Herr liebte Amerika so sehr, daß er beschloß, sich dort für den Rest

seines Lebens niederzulassen, nachdem seine Tochter in Europa eine

sorgfältige Erziehung genossen hätte. Er brachte sein Vermögen nach

Amerika und machte dann noch eine Abschiedsreise nach Persien zu seinen

Freunden und Glaubensgenossen im Osten. Auf seiner Rückkehr hatte

ich ihn, wie schon erzählt, getroffen und ihn von Ägypten bis nach

Frankreich begleitet.

Dhoula Bel: Ein Rosenkreuzer-Roman · 第 9 / 11 段