Sie werden sich erinnern, daß ich mich nach meinen fruchtlosen

Nachforschungen nach den beiden Reitern und nach den ebenso fruchtlosen

Versuchen, die Fußspuren Ravalettes zu finden, wieder auf den Weg nach

Paris machte. Ich ging langsam und war in tiefes Sinnen versunken.

Als ich die Rue Faubourg du Temple hinunterschritt, verkündete eine

entfernte Glocke die vierte Stunde. Mir fiel ein, daß mich einer

meiner Pariser Freunde, Baron de Marc, vor acht Tagen schon für heute

halb sieben Uhr abends zu einer spiritistischen Séance geladen hatte.

Aber da ich noch mehr als zwei Stunden Zeit hatte, beschloß ich, bei

d'Emprat vorzusprechen, um zu hören, was während meiner Abwesenheit

vorgefallen war.

Ich hatte die Rue Michel le Compte bald erreicht und sah zu meiner

Überraschung, daß sich vor dem Haustor eine große Menge staute.

Mit klopfendem Herzen und einem vagen Gefühl von Unruhe und Furcht

näherte ich mich einem intelligent aussehenden Mann und fragte

ihn mit erheuchelter Gleichgültigkeit nach der Ursache dieser

Menschenansammlung.

»Denken Sie sich, mein Herr,« sagte er, »der Teufel und fünf seiner

Kobolde sind soeben in diesem Hause gewesen und haben drei oder vier

von den Inwohnern in einer bläulichen Flamme durch das Dach entführt.

Das ist wahr, meiner Seel'!«

Mir schien diese Antwort nur eine Ausgeburt des Aberglaubens und ich

dachte mir, daß seine Dummheit sein Aussehen Lügen strafe. Ich zog nun

ein Blatt Papier und einen Bleistift aus der Tasche und zeigte sie

recht auffällig vor den Augen der Menge, um so die Aufmerksamkeit auf

mich zu lenken.

Meine List hatte Erfolg: die Leute hielten mich für einen Reporter

und machten mir den Weg frei, so daß ich bald ohne besondere

Schwierigkeiten in das Innere des Gebäudes gelangte. Dort erfuhr

ich, daß der arme D'Emprat nach jener ersten Ohnmacht in eine zweite

gefallen sei, die von den fürchterlichsten Krämpfen begleitet gewesen,

wobei er, Schaum auf den blutleeren Lippen, in einemfort geschrien

habe: »O, der Teufel! der Teufel ist gekommen, um meine Seele zu holen,

weil ich Baptiste Lemoine vor 37 Jahren getötet habe! Mein Gott! Mein

Gott! Er will mich zur Hölle schleppen!«

Seine Frau versuchte alles mögliche, um diese gefährlichen Ausrufe

zu ersticken, aber vergebens. Sein Geschrei ging in Geheul über, bis

schließlich die Polizei aufmerksam wurde und in das Haus eindrang.

Die Nachricht breitete sich wie ein Lauffeuer aus und die Fragen der

Polizisten sowie die Bemühungen des Hausmeisters, der schleunigst

überall die Ereignisse des Nachmittags erzählte, trugen noch dazu

bei, die Aufregung zu erhöhen. Der Hausmeister nahm schließlich zwei

Polizeioffiziere beiseite und sagte ihnen leise etwas, worauf sie,

von heftigem Schrecken ergriffen, zurückfuhren und sich bekreuzigten.

Sie befahlen ihm, keinem Menschen ein Wort von der Sache zu sagen.

Dann gingen sie wieder in das Zimmer, wo D'Emprat im wildesten

Delirium lag und sich noch immer eines vor langer Zeit begangenen

Mordes bezichtigte. Er schrie, der Teufel stehe neben ihm und hielte

einen Dreizack in der Hand. Während dieser schrecklichen Szene tat

Frau D'Emprat was sie nur konnte, um ihren Gatten zu beruhigen, doch

umsonst. Die Geister böser Taten waren erwacht und rächende Engel

peitschten seine Seele zum Wahnsinn auf.

»Sei still,« schrie sie, »um Jesus willen, sei still! Du wirst unter

der Guillotine sterben! O, sei still! Oder wenn du schon sprechen mußt,

dann sage etwas anderes!«

Einer der Offiziere schrieb jedes Wort, daß der Mann oder die Frau

äußerte, unbeobachtet nieder. Er benützte dabei mein Papier und meinen

Bleistift und schrieb auf dem Rücken eines Kameraden.

Gottes Wege sind wunderbar; und ich dankte ihm innerlich, als es mir

offenbar wurde, daß die Leute im Hause nicht, wie ich vermutet, mit

Ravalette im Einverständnis gewesen waren, und daß der geheimnisvolle

Vollstrecker der göttlichen Vergeltung nicht von höllischer Herkunft

war, mochte er sonst sein, was er wollte. Ein Stein fiel mir vom Herzen

-- doch die Erleichterung hielt nicht vor -- bald sollte es von neuem

in Ratlosigkeit und Zweifel gestürzt werden.

»Du hast ihn nicht getötet, D'Emprat. So sage auch nicht, daß du es

getan hast« rief das Weib in höchster Verzweiflung.

»Das ist eine Lüge! Ich habe es getan!« schrie der Unglückliche. »Ich

habe ihn im Keller mit dem Beil erschlagen und ihn im Stall unter dem

Stand des Grauschimmels verscharrt.«

»Barmherziger Gott! Wir sind verloren!« jammerte die Frau, die jetzt

selbst schon halb wahnsinnig war, »schon immer habe ich mir gedacht,

daß du meinen Bruder ermordet hast, aber ich habe es bis jetzt nicht

geglaubt. Und ich glaube es auch jetzt noch nicht.«

Der Hausmeister trat vor:

»Ich kann es beweisen,« sagte er, »ich erinnere mich wohl des blutigen

Beils, auch hat mich der Herr nie den Grauschimmelstand reinigen lassen

und ich habe ihn beobachtet, wie er in dem Boden nach Gold grub und

sich im Schlafe selbst anklagte.«

»Dann verhafte ich Sie, D'Emprat, und Sie, Madame, im Namen des

Gesetzes; Sie, Hausmeister, gehen als Zeuge mit. Leute, tut eure

Pflicht, nehmt die Arrestanten mit und säubert das Haus!« sagte der

Sergeant.

Fünf Minuten später waren die Unglücklichen bereits unterwegs nach dem

Gefängnisse, während ich in mein Hotel ging, um mich -- sogar unter

solchen Umständen -- für die Soiree bei dem Baron umzukleiden, freilich

in einer Geistesverfassung, die mich wenig befähigte, Zuschauer bei

psychologischen Experimenten zu sein. Doch ich hatte nun einmal mein

Wort gegeben und mußte hingehen. Und ich ging hin. -- Schlag 6 Uhr

stand ich im Empfangszimmer des Barons.

5. Kapitel

DIE SITZUNG BEIM BARON -- EINE GANZ SCHEUSSLICHE TEUFELEI

Als ich ankam, war die erwähnte Gesellschaft im Salon versammelt und

wartete mit fast ängstlicher Spannung auf das Erscheinen des Mannes,

der uns heute unterhalten und belehren sollte. Zunächst schien es, als

stehe uns eine Enttäuschung bevor. Er hatte versprochen, vor halb 8 Uhr

zu kommen, diese Zeit war vorbei und er noch nicht da. Als es aber auf

der Uhr der Eustachiuskirche Halb schlug, verkündete die Hausglocke

seine Ankunft.

Er war von großer, anmutiger Figur und sichtlich von Geburt ein Ire,

hatte aber sonst nichts Auffälliges an sich. Er weigerte sich zunächst,

uns seinen Namen zu nennen: »Wenn ich unbekannt bleibe, werde ich

nicht als Wundertier angestaunt, das heißt mit anderen Worten, nicht

von Leuten, die ihre krankhaft zudringliche Neugier befriedigen

wollen, belästigt werden -- von Leuten, die auf der Jagd nach Mirakeln

sind, anstatt Künste und Wissenschaften zu studieren und durch eine

eingehende Beschäftigung mit philosophischen Wahrheiten und den

verborgenen Geheimnissen der Natur ihre Kenntnisse zu bereichern.«

Er war sehr höflich und gebildet, begann sofort unbefangen ein Gespräch

und schien selbst von dem Cercle, den er hielt, so befriedigt, daß

er bald alle Zurückhaltung aufgab, lachte und scherzte. Schließlich

teilte er uns auch seinen Namen mit -- allerdings unter dem Siegel

der strengsten Verschwiegenheit: Nibchi Vatterale -- ein merkwürdiger

Name! Dann schlug er vor, in das Nebenzimmer zu gehen. Dort stellte

er je sechs Stühle in einer Reihe auf, im ganzen achtzehn, also drei

Reihen, die zusammen ein Dreieck bildeten. Darauf bedeutete er dem

Baron, daß seine Vorbereitungen erledigt seien, worauf der Baron

sagte: »Herr Vatterale hat mir mitgeteilt, daß vor solch einer Sitzung

alle Anwesenden unbedingt ihren leiblichen Organismus stärken müssen.

Ich lade Sie daher ein, vor dem Beginn unserer Vorführungen an einem

kleinen Souper teilzunehmen und --«

»Gestatten Sie einen Augenblick«, fiel Mr. Vatterale höflich ein, »es

ist das nämlich eine Gewohnheit von mir und geschieht zu dem Zweck, um

alle üblen Folgen zu vermeiden, die aus einer zu starken Erregung des

Nervensystems hervorgehen könnten.«

»Dann, meine Damen und Herren, bitte ich Sie mir zu folgen«, rief

der Baron, reichte seiner Gemahlin den Arm und führte uns in sein

prächtiges Speisezimmer.

Nach dem Souper kehrten wir wieder in das Nebenzimmer zurück und ließen

uns auf den im Dreieck aufgestellten Stühlen nieder, wobei die Damen,

sechs an der Zahl, die westliche Seite einnahmen. Nun stellte Vatterale

in den freien Raum zwischen uns zwei Stühle einander gegenüber und zwei

mit Damastsamt bedeckte Fußschemel nebeneinander in den einen Winkel

des Dreiecks. Dann verschloß er alle Türen des Zimmers und band die

Schlüssel mit einem scharlachfarbenen Band zusammen, dessen Ende er

an einem der Glasprismen befestigte, die von dem großen Gasluster in

der Mitte des Zimmers gerade über unseren Sitzen herunterhingen. Die

sieben Flammen dieses Lusters brannten sämtlich und das Zimmer war in

allen seinen Teilen so hell erleuchtet wie bei Sonnenschein. Die beiden

Fenster in der nördlichen Wand waren verhängt und fest geschlossen.

Ich wiederhole noch einmal, daß die sieben Gasflammen während des

ganzen Abends brannten -- außer wenn sie ohne Hilfe menschlicher Hände

ausgelöscht wurden. Sie wurden übrigens jedesmal, wenn sie auf solche

Weise erloschen, sofort wieder angezündet.

Nachdem Vatterale die Schlüssel auf die erwähnte Art gesichert

hatte, untersuchte er die beiden Fenster auf das genaueste, machte

sie unten fest -- das heißt die unteren Scheiben (es waren nämlich

sogenannte Guillotine- oder Schiebefenster), während er eine der

oberen herunterließ, dann die Fensterläden öffnete und befestigte. Ich

bemerke noch, daß er selbst natürlich niemals vorher in diesem Raum

und überhaupt nicht in dieser Wohnung gewesen war und daher über deren

Anlage und Einrichtung nicht orientiert sein konnte. Trotzdem bat er

jetzt den Baron, einem Diener zu läuten, und befahl diesem durch die

geschlossene Tür, ein Sofa aus dem unmittelbar über uns befindlichen

Zimmer in das dunkle Schlafzimmer im dritten Stock zu bringen, da

es an seinem gegenwärtigen Standort die vorzunehmenden Experimente

beeinflussen könnte.

Dies überraschte uns natürlich alle, besonders den Baron, der Vatterale

anstarrte, wie wenn er von den Toten auferstanden sei, denn dies wäre

kaum erstaunlicher gewesen. Er bestätigte, daß die beiden genannten

Zimmer tatsächlich existierten; wie jedoch Vatterale zu solcher

Kenntnis gekommen war, erschien durchaus rätselhaft, denn er hatte uns

keinen Augenblick verlassen und mit der Dienerschaft kein Wort über die

Wohnung gesprochen.

Wir hatten uns von unserer Überraschung noch nicht erholt, als wir

schon wieder merkten, daß wir es mit einem außergewöhnlichen Menschen

zu tun hatten, denn er wandte sich an mich und bat mich, ihm eine

kleine Metallmünze zu leihen, die ich etwa zehn Minuten bevor er --

Vatterale -- das Haus betreten, von einem Freunde erhalten hatte. Ich

gab Vatterale die Münze, er steckte sie in die Tasche, nahm eine Reihe

elfenbeinerner Täfelchen, schrieb etwas darauf und überreichte sie dann

einer älteren Dame, der Marquise de Fronde, einer Milchschwester des

Barons. Das Geschriebene enthielt eine Frage, die so seltsam war, daß

die alte Dame sie sogleich laut vorlas: »Will die Frau Marquise die

Güte haben, sich in den Alkoven zurückzuziehen und die Metallplatten

an den Sohlen und Absätzen ihrer Schuhe zu entfernen, sodann die

Kupfer- und Zinkplatten zu trennen, die Platten des gleichen Metalls

zusammenzulegen und sie wieder an ihren Schuhen anzubringen?« Die

Marquise fiel vor Verwunderung fast in Ohnmacht, denn kein Mensch

wußte, wie sie behauptete, daß sie tatsächlich solche Platten trug,

und zwar schon seit etwa zehn Jahren, weil sie elektrische Ströme

erzeugten und diese wohltätigen Einfluß auf ihre Nerven übten. Sie

zog sich zurück und zeigte uns dann nach einer Minute die Platten,

die genau so waren, wie sie Vatterale beschrieben hatte. Nachdem sie

sich abermals für eine Weile entfernt hatte und die Platten wiederum

in der gewünschten Weise befestigt waren, kehrte sie auf ihren Platz

zurück. Nun brachte Vatterale einen kleinen Mantelsack, den er schon

beim Betreten des Hauses in der Hand getragen hatte, herbei und entnahm

ihm drei kleine Rollen Draht, ferner eine große Saucière aus sehr

dickem Porzellan, eine Phiole mit einer farblosen Flüssigkeit, eine

Schachtel mit Kleister und endlich zwei große völlig leere Flaschen

mit so dünnen Wänden, daß man hindurchsehen konnte. Sie waren offenbar

aus dem feinsten Kristallglas hergestellt. Schließlich entnahm er

dem Sack noch etwas, was wie drei Papierrollen aussah, von denen die

eine sehr umfangreich, die beiden anderen ziemlich klein zu sein

schienen. Er entrollte die größere und breitete sie am Boden aus.

Sie hatte etwa drei Fuß im Durchmesser und war mit allen möglichen

Farben und seltsamen Figuren bemalt. Der Mittelpunkt dieses Blattes

lag jetzt genau im Mittelpunkt des Dreiecks und somit genau unter dem

Kronleuchter. »Das symbolische Bild des Universums«, erklärte er.

Darauf stellte er die Saucière in die Mitte der symbolischen Karte,

wenn man es so nennen will. Dann spannte er den Draht hinter den

Köpfen der Herren der einen Reihe aus und befestigte ihn an den beiden

anderen Drähten, die er vor den zwei anderen Seiten des menschlichen

Dreiecks gezogen hatte. Der Draht, den wir mit der einen Hand hielten,

während wir mit der andern die des Nachbars faßten, war auf der Seite

der Damen aus gewöhnlichem versilberten Eisen, auf der unserigen aus

vergoldetem Stahl und auf der dritten noch übrigen aus massivem Golde,

das mit Seide umsponnen war. Die Damen hielten den Draht mit der linken

Hand, die Herren dagegen mit der rechten. Nun schüttete Nibchi die

Hälfte des Kleisters und die farblose Flüssigkeit in die Saucière und

zündete das Ganze an. Es brannte mit heller, bläulicher Flamme, wobei

sich ein eigentümlicher, jedoch nicht unangenehmer Geruch im ganzen

Zimmer verbreitete.

Während dieses Verbrennungsprozesses saß der Experimentator auf seinem

Stuhle und starrte angestrengt nach dem offenen Fenster, während wir

übrigen fröhlich plauderten und uns verwundert fragten, was wohl alle

diese seltsamen Vorbereitungen bedeuten sollten.

Ich sagte, wir plauderten fröhlich, muß aber dabei eine Person

ausnehmen und das war -- ich selbst, denn es war mir unmöglich,

mich mit der Unbefangenheit der anderen an der Unterhaltung zu

beteiligen. Ich hatte die schrecklichen Ereignisse dieses Tages noch

nicht vergessen und auf meinem Gemüt lastete ein Alp. Der »Geist

Ravalettes« schien unsichtbar über mir zu schweben und ich glaubte,

seine Gegenwart deutlich zu fühlen. Die Vorfälle in Belleville drängten

sich immer wieder vor mein geistiges Auge: die Wette mit dem Gärtner,

das Weib am Schlagbaum und dann die grauenvolle Szene in der Rue

Michel le Compte, die unzweifelhaft auf der Guillotine mit dem Tode

D'Emprats ihr Ende finden sollte, endlich die überirdischen Mittel,

durch die sein Verbrechen -- der schreckliche Mord vor 37 Jahren --

ans Licht gebracht wurde; dies alles bedrückte mich so, daß ich für

die augenblicklichen Vorgänge wenig Interesse übrig hatte. Tatsächlich

achtete ich auch wenig auf Nibchi und seine Tricks, die ich, als ich

seine Vorbereitungen sah, nicht nur verachtete, sondern ohne weiteres

in das Gebiet der Gaukelei verwies, wenn auch manches daran merkwürdig

und überraschend sein mochte.

Man wird gleich sehen, auf wie schreckliche Weise ich gewahr werden

sollte, daß ich den Mann vor uns so falsch eingeschätzt hatte.

Seine Geschicklichkeit in der Entdeckung der Münze, des Sofas und der

Platten konnte mich nicht überraschen, denn ich erinnerte mich an

Kaspar Hauser und andere dieser Art, die durch einen »magnetischen

Sinn« die Gegenwart von Metallen feststellen konnten. Auch seine

Beschreibung des Schlafzimmers im dritten Stock war sehr einfach zu

erklären, da fast alle alten Häuser solche Zimmer im dritten Stock

haben und sein Scharfsinn ihn leicht die nötigen Schlüsse ziehen ließ.

So konnte ich, dem die Taten des mystischen Ravalette noch frisch im

Gedächtnis hafteten, kein sonderliches Interesse für die Spielereien

aus der niederen Magie haben, die der Hexenmeister vor uns, wie ich

überzeugt war, gleich vorführen würde.

Plötzlich stand der Mann, an dem ich soeben innerlich eine so

vernichtende Kritik geübt hatte, von seinem Stuhle auf, warf das Haupt

zurück, so daß seine langen, wallenden Locken auf die Schultern fielen

und murmelte zwischen den Zähnen, wie wenn ihm das Hervorbringen der

Worte den größten Schmerz bereitete: »Er kommt!« Dabei sahen wir,

daß sein Gesicht, das für gewöhnlich von einem schmutzigen Gelb war,

plötzlich eine aschgraue Färbung annahm, während seine Augen Funken

sprühten. Gleichzeitig legte er seine rechte Hand auf die linke

Brustseite. Es schien, als wollte er eine plötzlich aufsteigende

Angst unterdrücken, dann rief er zu uns gewandt: »Sehen Sie scharf

hin! Seien Sie stark! Seien Sie furchtlos! Geben Sie acht! Wenn Sie

eine gräßliche Gefahr vermeiden wollen, so rühren Sie sich nicht

von Ihren Sitzen! Halten Sie die Schnur und fassen Sie sich an den

Händen, sprechen Sie, was Sie wollen, aber bewegen Sie sich keinen

Zoll von Ihren Plätzen, geschehe, was da wolle! Es wird sich etwas

Überraschendes ereignen!«

Wir erklärten unsere Zustimmung und einige aus der Gesellschaft

begannen sogar über seine Zauberei zu scherzen, als wir plötzlich

alle von unseren Sitzen aufsprangen, aber sofort durch einen zornigen

Blick und eine herrisch befehlende Geste seiner Rechten zurückgewiesen

wurden. Unser gleichzeitiges Aufstehen war durch einen gellenden Schrei

verursacht worden, der nicht, wie man vermuten könnte, von einer Frau,

sondern von einem Herrn namens Theodor Dwight, einem Amerikaner aus

Philadelphia, der zurzeit in Paris wohnte, ausgestoßen worden war.

Er ist, wie alle, die ihn kennen, bestätigen werden, durchaus kein

schwacher, hysterischer, nervöser Mensch, und man dürfte auf der ganzen

Welt kaum einen Mann finden, dem diese Eigenschaften weniger zu eigen

sind als ihm.

Der Schrei, der von seinen Lippen kam, schien von Entsetzen und

Todesangst eingegeben, wie ihn wohl ein Verdammter in der Hölle

ausstoßen mag. Es war in der Tat ein Anfall von schrecklicher,

tödlicher Furcht. Alle Augen wandten sich nach ihm. Er war leichenblaß

-- ein Bild des Todes, seine Augen quollen aus den Höhlen und er

zitterte am ganzen Körper. Er war durchaus unfähig, den Grund

seines Schreckens anzugeben, aber sein Blick hing mit dem Ausdruck

unaussprechlichen Entsetzens an der Saucière am Boden. Instinktiv sahen

auch wir hin, ausgenommen Vatterale, der noch immer auf das offene

Fenster starrte. Welch ein Anblick bot sich uns! Die Saucière war noch

da, die zwei kleinen Papierrollen aber waren verschwunden! Sie waren

weg und statt ihrer sahen wir deutlich -- denn erinnern Sie sich wohl,

gerade über unseren Köpfen erstrahlten sieben Gasflammen im hellsten

Lichte! -- sahen mit eigenen Augen, ich wiederhole: mit unseren

physischen, körperlichen Augen, drei schreckliche Wesen, die etwa wie

ungeheure Skorpione aussahen, nur daß sie statt der Klauen Arme und

Hände hatten! Und zwar genau die Arme und Hände eines neugeborenen

Negerkindes. Diese scheußlichen Dinger, denn ich wage nicht, Gott damit

zu lästern, daß ich sie Kreaturen nenne, waren am Rücken etwa fünf

Zoll breit bei achtzehn Zoll Länge und von dunkelroter Farbe, die mit

purpurnen, grünen und gelben Streifen und Flecken durchsetzt war.

Außerdem waren sie vollständig mit Schuppen bedeckt, ähnlich wie ein

Gürteltier. Stellen Sie sich, wenn Sie können, zwei Taranteln oder eine

Spinne von dieser Größe vor, die sich auf zwölf Beinen von je 16--18

Zoll Länge fortbewegten und dabei mit ihren zwei je 18 Zoll langen

Armen und Händen herumtasten, die drei Viertel der gesamten Körpergröße

ausmachten, dann haben Sie ein einigermaßen richtiges Bild dieser

grausigen, häßlichen Ungeheuer, die da um die Saucière auf dem Boden

herumkrochen oder vielmehr stelzten.

Das eine der ekelhaften Wesen hatte vier große hervorquellende Augen,

ähnlich denen eines indischen Riesenfrosches; sie funkelten -- und

und ich glaube, kein Feuerfunke hätte heller leuchten können -- sie

funkelten, sage ich, in einer geradezu infernalischen Röte, denn mit

jedem Blick schienen sie das gesammelte Gift einer Meduse zu entsenden.

Unter ihrem schrecklichen Bann saßen wir alle unbeweglich vor Furcht.

Wie groß unser Entsetzen gewesen wäre, wenn die Ungeheuer es sich

hätten einfallen lassen, auf uns loszugehen, wage ich mir nicht

vorzustellen, sie bewegten sich jedoch immer nur auf der gleichen Spur

rund um die Saucière auf dem Boden. Wir fühlten und wußten, daß es

wirkliche lebende Wesen waren, nicht nur eine optische Täuschung oder

irgend eine auf mesmerische oder andere Weise erzeugte Vorspiegelung.

Diese Ansicht wurde noch auf handgreifliche Weise dadurch bestätigt,

daß sie, als sie so dämonisch-feierlich auf dem Mittelpunkt der

symbolischen Karte umherwandelten, auf dieser einen Streifen von Ichor

oder Eiter -- grünlichem, geronnenem Eiter -- hinterließen. Tropfen

davon fielen auf den Teppich, auf dem die Karte lag. Einige Monate

später unterhielten wir uns brieflich über die Ereignisse dieser Nacht

und der Baron schrieb mir, daß kein einziges chemisches Mittel die

Flecken auf dem Teppich zu entfernen vermöchte, obwohl hunderte der

verschiedensten Chemikalien verwendet worden waren. Das war aber noch

nicht alles, denn bei einem ihrer Rundgänge verließ eines der beiden

Scheusale die Karte ein wenig und streifte den Fuß des Barons, worauf

es eine stinkende Flüssigkeit ausspritzte, von der etwas auf seinen

Schuh fiel; und an der betreffenden Stelle wurde das Leder geschwärzt,

wie wenn es mit einem glühenden Eisen berührt worden wäre.

»Redet mir daher nicht mehr von Gaukelei! Redet mir nicht von optischer

Täuschung oder betrügerischen Vorspiegelungen angesichts solcher

Tatsachen!« schrieb mir der Baron, »das sind greifbare Beweise,

die jeden Widerspruch verstummen machen. Sie wurden in jener Nacht

verursacht, und sie sind noch jetzt da. Und wenn ich auch rufe: »Fort,

verfluchte Flecken!« so bleiben sie trotzdem als Zeugen lebender,

seltsamer, unwiderleglicher Tatsachen!«

»Aber warum sprangt Ihr unter solchen Umständen nicht einfach alle auf

und verließt das Zimmer?« das ist eine ganz natürliche und vielleicht

nicht einmal unvernünftige Frage, die man mir hier nicht mit Unrecht

entgegenhalten könnte. Ich erwidere darauf: aus mehreren Gründen,

von denen ich einige nennen will. Zunächst waren alle Türen fest

verschlossen und obwohl wir gesehen hatten, daß Nibchi auf einen Stuhl

stieg und die Schlüssel mit dem erwähnten Bande an dem Kronleuchter

befestigte, sahen wir, als wir nachher hinblickten, daß sie ebenso wie

die Papierrollen verschwunden waren. Zweitens waren die Fenster unten

geschlossen und außerdem lagen sie in ziemlicher Höhe -- mindestens 15

Fuß -- über dem Boden; durch sie zu flüchten kam gar nicht in Frage;

im übrigen dachten wir auch nicht an diese Möglichkeit. Drittens stand

vor unserem Gedächtnis die ernste und feierliche Ermahnung Vatterales,

daß uns, wenn wir uns nicht bewegten, nichts Schlimmes zustoßen werde,

wenn wir auch erschrecken würden.

Dhoula Bel: Ein Rosenkreuzer-Roman · 第 8 / 11 段