»Sie werden es bereuen, ich kann Ihnen nicht mehr sagen. Die

Gesellschaft existiert; wenn Sie sie brauchen, dann finden Sie sie; sie

kann gefunden werden. Aber sehen Sie: Mein Reitknecht wartet schon

lange mit dem Pferd; ich muß Sie jetzt verlassen. Nehmen Sie dieses

Papier, öffnen Sie es, wenn es nötig ist. Sie werden Paris morgen oder

in den nächsten Tagen oder wann immer Sie wollen, verlassen. Wenden

Sie Ihr Antlitz nach Süden, nicht nach Norden, wie Sie vor hatten.

Suchen Sie mich nicht, außer in der Stunde der höchsten Not. Inzwischen

rate ich Ihnen, gehorchen Sie Ihrer höchsten Einsicht bis auf den

Buchstaben! Leben Sie wohl!«

Und so trennten wir uns. Ich schätzte Ravalette hoch, aber nicht seine

Brüderschaft. Die Unterhaltung, wie überhaupt das ganze Zusammensein

mit ihm, war von einer eigentümlichen, zauberhaften Atmosphäre umgeben.

Es war ersichtlich, daß alle seine Worte und Anspielungen einen

tieferen Sinn hatten, als es zunächst schien. Seine Ausführungen hatten

meine Seele mit neuen seltsamen Ideen und Erregungen erfüllt, und ich

fühlte, daß er mich an dem inneren Tor eines großen Gebäudes hatte

stehen lassen, nachdem er mich geschickt durch den Vorhof geführt.

Was für Welten der Geheimnisse, welch tiefe und dunkle Vermutungen

lagen noch dahinter verborgen? Ich empfand und wußte, daß er kein

gewöhnlicher Mensch sei, und dies wurde mir später auf merkwürdige

Weise bewiesen.

Da ich meine geplante Reise durch die Pikardie und die Normandie

verschoben hatte, hatte ich mich mit der Hoffnung getröstet, ich

könnte engere Bande der Sympathie zwischen uns knüpfen, und durch

die Berührung mit einem so bedeutenden Intellekt wie dem seinigen an

Weisheit zunehmen. Wie gewaltsam und plötzlich war diese Hoffnung jetzt

zunichte gemacht!

Als er mich Knall und Fall verließ, nachdem er meine Seele mit einem

so prächtigen Köder angelockt hatte, war ich erstaunt und bekümmert.

Ein Tag in seiner Gesellschaft wäre mir ein Vermögen wert gewesen, aber

leider konnte diese Gunst des Schicksals nicht einmal mit Tausenden

erkauft werden.

Seine letzten Worte waren das Grabgeläute meiner Hoffnungen. Jetzt

wurde ich auch einer Tatsache gewahr, die mir bisher entgangen war,

nämlich, daß ein berittener Stallknecht mit einem Handpferd unter einem

großen Baum am südöstlichen Ende unserer Promenade geduldig gewartet

hatte. Als mir der Alte das versiegelte Papier in die Hand drückte,

näherte sich der Knecht und half seinem Herrn beim Aufsteigen. Sobald

die beiden im Sattel saßen, gaben sie den Tieren die Sporen und jagten

in gestrecktem Galopp davon, und bevor ich mich von meiner Bestürzung

erholt hatte, waren sie außer Sehweite.

3. Kapitel

DAS GEHEIMNIS -- EIN HERR STEIGT IN EINE DROSCHKE, UM SEINEN EIGENEN

GEIST ZU SUCHEN

Es mochten wohl drei Minuten verflossen sein, als ich wieder völlig

zu mir kam. Ich faßte den Entschluß, mich nicht in dieser, wenn auch

ritterlichen Weise äffen zu lassen, sondern noch eine Zusammenkunft zu

erzwingen, komme was da wolle. Mit dieser Absicht rannte ich den Hang

des Hügels entlang und dann durch die Hauptstraße von Belleville, bis

ich den Schlagbaum an der Straße erreichte, die in die Rue Faubourg du

Temple führt. Dort rief ich eine Droschke an und befahl dem Kutscher,

mich so schnell wie möglich nach der Rue Michel de Compte zu fahren, wo

ich vor wenigen Stunden mit Ravalette gespeist hatte.

Während ich mit dem Kutscher sprach, ereignete sich etwas Seltsames. An

jenem Schlagbaum stand eine Schar von Müßiggängern herum und in ihrer

Mitte bemerkte ich eine Bonne, die drei hübsche Kinder beaufsichtigte,

von denen eines, ein Knabe von sieben Jahren, ein ungewöhnliches

Interesse für mich an den Tag legte. Dieses Kind nun lief, als es mich

sah, zu der Bonne und sagte: »Fanchette, was hat der Mann da? Ist er

krank? Warum schaut er so seltsam drein?«

»Still, Kind,« sagte die Bonne darauf, »dieser Herr sucht etwas, was er

nicht finden kann.«

»Was sucht er denn, Fanchette?«

»Er sucht seinen eigenen Geist, mein Kind!« erwiderte sie laut, da sich

die Kinder um sie drängten, um ihre Antwort zu hören.

»Ma foi!« echoten die Gaffer, als sie ihre Worte vernahmen -- ob sie

im Ernst oder im Scherz gesprochen waren, kann ich nicht sagen --, »ma

foi! der Herr nimmt eine Droschke, um auf die Suche nach seinem eigenen

Geist zu gehen!«

Gerade als diese Worte von hundert Zungen wiederholt wurden, setzte

sich mein Wagen in Bewegung.

»Was zum Teufel bedeutet das?« fragte ich mich, »was bedeutet das? Wie

kommt die Bonne zu diesem seltsamen Gedanken?« Während ich noch darüber

nachgrübelte, hielt die Droschke vor dem verlangten Hause. Ich stieg

sogleich aus, bezahlte den Kutscher und läutete hastig. Der Concierge

erschien alsbald und um so schneller, als ich etwas ungestüm geläutet

hatte.

»Ist Ihr Herr zu Hause, mein Freund?«

»Gewiß, er ist heute noch nicht fort gewesen.«

»Wie! Nicht fortgewesen, wo er mich doch erst vor dreißig Minuten

verlassen hat? Unmöglich! Monsieur Ravalette muß fortgewesen sein!«

»Wer ist Monsieur Ravalette? Ich kenne niemand dieses Namens. Mein Herr

ist Monsieur Jacques d'Emprat.«

Hier war ein neues Geheimnis.

»Melden Sie mich, bitte, Ihrem Herrn!«

»Sofort, mein Herr. Jeanette, geh hinauf und sage dem gnädigen Herrn,

daß ihn jemand zu sprechen wünscht.«

Jeanette, ein kleines Mädchen von zwölf Jahren, eilte, den Befehl

auszuführen, nach wenigen Minuten erschien der Herr des Hauses selbst,

und ich stellte mit Überraschung fest, daß der schürzengeschmückte

Kellermeister, der uns bei unserem Diner bedient hatte, und der

Hausherr ein und dieselbe Person waren. Ich erfuhr, daß Ravalette, der

dem Wirt im übrigen vollkommen unbekannt war, vor zwei Tagen zu ihm

gekommen sei, um ein opulentes Diner für zwei Personen zu bestellen

-- der Hausbesitzer war nämlich von Beruf Gastwirt. Ravalette hatte

die Rechnung im voraus beglichen und ihm eine seltsam gearbeitete

kleine Silbermünze als Andenken verehrt. Er zeigte mir die Medaille und

ich sah mit Erstaunen, daß es eine getreue, etwas vergrößerte Kopie

derjenigen war, die ich am selben Tage in Belleville an seinem Halstuch

bemerkt hatte. Auf die Frage, wann er Ravalette zuletzt gesehen habe,

antwortete er: »Ich weiß nicht, wo er ist, auch nicht, wann ich ihn

wiedersehen werde -- ich weiß überhaupt gar nichts. Er ist mit Ihnen

fortgegangen und seitdem nicht zurückgekehrt. Er ist ein rätselhafter

Mensch und hätte ich nicht diese Medaille hier und 310 Goldfranken in

der Tasche, so wäre ich fast geneigt zu glauben, daß er der Teufel in

eigener Person war. Aber der Teufel zahlt niemals mit Gold, wie die

sagen, die es wissen müssen, und Ravalette hat mich unzweifelhaft in

funkelnagelneuer Münze bezahlt, die ich, weil sie so schön aussah, in

meine lange Lederbörse einband, um sie meiner Tochter, die auf der

Schule in Dijon ist, zum Geburtstag zu schenken. Sehen Sie her!«

Dabei zog er eine abscheuliche Lederbörse hervor, die an einem Ende mit

Bindfaden sorgfältig verschnürt und mit rotem Siegellack versiegelt war.

»Ich kann Ihnen das Geld nicht zeigen, weil ich das Siegel nicht

verletzen möchte, aber Hören ist ja ebenso gut wie Sehen und Sie

sollen es gleich klirren hören.«

Dabei schlug er mit der Börse ein paarmal an die Wand, aber statt

des fröhlichen Goldgeklimpers vernahmen wir nur den dumpfen Klang

unedlen Metalls. Der Wirt wechselte die Farbe, zog hastig sein Messer,

durchschnitt die Schnur und schüttete den Inhalt des Beutels in seine

hohle Hand.

Wir waren starr: statt des Goldes hielt er einen Haufen bleierner

Scheiben in der Hand! Auf jedem stand eine Nummer und ein Buchstabe

und eines trug auf der Rückseite die Inschrift: »Ordnet die Münzen

nach der Reihenfolge der Nummern.« Wir taten es und sahen nun, daß die

Buchstaben Wörter und diese einen Satz bildeten, der lautete: »Es ist

nicht alles Gold, was glänzt.«

Mir gerann das Blut in den Adern. Ich konnte kaum ein Wort sprechen

oder mich bewegen, so groß war meine Bestürzung; unbeschreiblich

war das Entsetzen des Hausherrn, der mit offenem Munde und mit

herausquellenden Augen auf die Münzen starrte. Und während wir beide

noch hinsahen, ging mit den Münzen eine neue Schrecken erregende

Veränderung vor: die Buchstaben nahmen zunächst eine hellblaue Färbung

an, die dann in ein dunkles Karmesin und schließlich in Blutrot

überging. Gleichzeitig aber hatten sich auch die Buchstaben selbst

verwandelt und wir lasen jetzt:

»Denken Sie an Ravalette! Fürchten Sie nichts!«

Mit einem Entsetzensschrei schleuderte der Wirt die verhexten Münzen

auf den Boden und fiel sogleich in eine todesähnliche Ohnmacht.

Allgemeine Verwirrung entstand, der Portier, Jeanette und ein halbes

Dutzend anderer Dienstboten stürzten herbei, um ihrem Herrn zu helfen.

Wir trugen ihn sorgsam und vorsichtig hinauf, begannen sofort

Wiederbelebungsversuche anzustellen, und nach einer halben Stunde

erwachte er wieder zum Leben. Diesen Moment benützte ich, um ihm

Lebewohl zu sagen und mit dem Versprechen, am andern Morgen wieder zu

kommen -- wenn ich nicht überhaupt Paris verließe --, ging ich fort.

Vorher jedoch wollte ich noch die wunderbaren Münzen an mich nehmen und

ich ging daher mit dem Hausmeister, der gesehen hatte, wie sein Herr

sie weggeworfen, in den Hof hinunter. Wir suchten lange und fanden wohl

die Eindrücke, die sie auf dem Boden zurückgelassen hatten, aber von

den Münzen selbst keine Spur. Niemand im Hause konnte sie aufgehoben

haben, denn alle waren um den Wirt beschäftigt gewesen; niemand hatte

in der Zwischenzeit hereinkommen können, denn das Tor war verriegelt

und seit ich eingetreten, nicht mehr geöffnet worden.

Schließlich gaben wir die Hoffnung auf, noch etwas zu finden. Ich

sah den Portier an und schüttelte den Kopf, und er sah mich an und

schüttelte den Kopf. In diesem Augenblick hörten wir eine Stimme, weiß

Gott woher (sie schien weder von oben, noch von unten zu kommen),

eine hohle, halb pathetische und halb sarkastische Stimme, die unsere

eigenen Gedanken aussprach: »Es ist eine sehr seltsame Sache!«

Der erschrockene Hausmeister bekreuzte sich, während ich das Tor

entriegelte und auf die Straße hinausstürzte.

Die Sache war von so zauberhafter Art, daß ich meinen Sinnen nicht

mehr traute, aber wenn ich mir alle Umstände von Anfang bis zum Ende

überlegte, konnte ich an der Wahrheit des Erlebten schlechterdings

nicht zweifeln.

Doch während ich, die Rue Michel de Compte verlassend, in die Rue du

Temple einbog und langsam dahinschritt, kam mir plötzlich ein anderer

Gedanke: Vielleicht hatten Ravalette und die Leute in jenem Hause mir

nur eine ganz raffiniert angelegte und sehr geschickt durchgeführte

Komödie vorgespielt? Aber wie ließen sich dann die kaleidoskopischen

Veränderungen der Münzen erklären? Hier lag doch noch ein Widerspruch.

»Ich hab's!« rief ich schließlich. »Das Problem ist gelöst und ich

habe es gefunden!« Ganz spontan war mir eine Lösung eingefallen, die

vielleicht sogar das Münzenrätsel befriedigend erklärte, und was mir

vor zehn Minuten noch als ein tiefes und schreckliches Mysterium

erschienen, lag jetzt anscheinend so klar wie die Mittagssonne. Meine

Gedankengänge waren diese: Ravalette war ein reicher, exzentrischer

Kavalier, der meine natürliche Neigung für die Antike und das Okkulte

bemerkt und daraufhin beschlossen hatte, sich und seine Freunde auf

meine Kosten zu amüsieren; oder aber er bemitleidete mich wegen meiner

gefährlichen Verblendung und hatte dieses ziemlich kostspielige

Experiment angestellt, um mich dadurch von ihr zu befreien. Die Leute

im Hause, ebenso wie die am Schlagbaum, bildeten die Statisten in

dem Schauspiel. Er war ein gescheiter Mann und wußte, daß er mich

nicht so einfach würde hinters Licht führen können, und darum rief

er die Wunder der Chemie und Bauchrednerei zu Hilfe -- mit dieser

letzteren erklärte ich mir nämlich jene überirdische Stimme, mit

der ersteren die Verwandlung der Münzen: sie waren wohl mit einer

Substanz überzogen gewesen, die sich bei der Berührung mit der freien

Luft veränderte. Das Erscheinen der letzten Worte war für den Wirt das

Zeichen sie wegzuwerfen und eine Ohnmacht zu heucheln. Die entstandene

Verwirrung konnte dann dazu benutzt werden, die Münzen zu beseitigen.

Der Satz endlich: »Es ist eine sehr seltsame Geschichte« war unter

diesen Umständen ganz natürlich und mußte so notwendigerweise genau

meinen Gedanken wiedergeben und der ganzen Szene noch einen besonders

geheimnisvollen Reiz verleihen.

Ich war stolz auf meine Erklärung und sie hätte alle Fragen dieses

Problems wunderbar gelöst, wenn nicht ein einziger kleiner Einwand

gewesen wäre, und der war -- daß sie eben nicht stimmte -- was

vielleicht recht trivial erscheint, aber wir werden gleich genaueres

vernehmen.

Ich war von meinen Schlußfolgerungen schon halb zufriedengestellt

und nachdem der erste Freudenausbruch über meine Entdeckung vorüber

war, überlegte ich weiter. Mochte meine Lösung richtig oder falsch

sein, auf jeden Fall wollte ich nach Belleville zurückkehren und dort

Nachforschungen anstellen. Ein Omnibus brachte mich an den Schlagbaum,

wo ich zu meiner großen Freude genau dieselben Leute fand, die beim

ersten Male dort gewesen waren. Die Bonne und die Kinder sahen soeben

den Vorführungen eines Marionettentheaters zu. Glücklicherweise

waren alle -- im ganzen etwa dreihundert Personen -- von den Späßen

Polichinells und seines keifenden Weibes so gefangen, daß keiner mich

bemerkte. Ich ging daher in ein Café in der Nähe, verlangte eine Tasse

Kaffee und schickte einen der Kellner fort, um das Mädchen mit den

drei Kindern zu holen. Ich bestellte für sie und die Kinder Kaffee und

Kuchen und fragte sie, was sie zu so merkwürdigen Redensarten über mich

veranlaßt habe.

»Ach mein Herr,« sagte sie, »ich habe nur die Worte wiederholt, die

ein alter Mann gesprochen hatte, der an der entgegengesetzten Seite

des Wagens stand, wo Sie ihn nicht sehen konnten. Ich ging gerade von

dort nach der anderen Seite herüber, als Sie mich sahen und hörten.

Als Sie die Straße herunterliefen, sah jeder, daß Sie in Eile waren,

und mehrere Leute stellten Vermutungen über den Grund Ihrer Hast an.

Einer sagte: ›Der Mann ist verrückt‹, ein anderer: ›Seine Frau ist mit

einem Liebhaber durchgegangen‹; und der Alte neben mir sagte: ›Er sucht

etwas, was er sobald nicht finden wird.‹ ›Und was ist das, mein Herr?‹

fragte ich ihn. ›Er ist auf der Suche nach -- ähem, er sucht -- seinen

eigenen Geist, meine Liebe!‹ sagte er und ging fort. Die Bemerkung war

so seltsam, daß ich die ganze Zeit, während ich über die Straße ging,

daran dachte -- und das ist für uns Kindermädchen eine sehr lange Zeit,

mein lieber Herr -- und als Auburt -- das war eines der Kinder -- mich

fragte, was Ihnen fehle, wiederholte ich unwillkürlich die Worte des

Alten -- so und -- noch eine Tasse Kaffee, bitte -- und das war alles!«

Ich atmete auf. »Aber sagen Sie mir, meine Liebe, was für eine Art

Mensch war dieser alte Kerl? Beschreiben Sie ihn mir einmal!« »Mit

Vergnügen -- Kellner: noch einen Kuchen, der Herr wird ihn bezahlen

-- mit Vergnügen«, und sie beschrieb ihn mir; es war zweifellos --

Ravalette. Ich wußte jetzt genug, gab es auf, noch weitere Fragen zu

stellen, zahlte und eilte so schnell wie möglich nach den Blumengärten,

die Ravalette und ich zusammen besucht hatten. Ich betrat den

betreffenden Garten und fragte den Gärtner, ob er den alten Mann

gesehen habe, der in meiner Begleitung erst vor kurzem hier gewesen sei.

»Ein alter Mann? Sonderbar, wie können Sie so etwas sagen. Ich erinnere

mich ganz deutlich, Sie waren da in Begleitung eines etwa 17 jährigen

Knaben -- den hab ich seither nicht mehr gesehen.«

»Oho, mein Freund,« rief ich, »ich weiß genau, daß mein Gefährte kein

Jüngling, sondern ein Mann von gut 70 Jahren war.«

»Sacre bleu! Glauben Sie, daß ich lüge! Sagen Sie was Sie wollen,

aber ich will verflucht sein, wenn er sein zweites Jahrzehnt schon

überschritten hatte. Doch ich will Ihnen einen Vorschlag machen: Ich

wette eine Flasche Chateau Lafitte, 42 Jahre alt, daß Ihr Begleiter ein

kleiner, magerer, blasser Knabe von nicht mehr als fünfzehn Jahren war!

Halten Sie die Wette?«

»Ja, und noch vierzig andere von der gleichen Art. Aber wer wird unser

Schiedsrichter sein und die Wette entscheiden?«

»Lassen Sie die Zeugen, meine Gehilfen, meine Frau und meine Töchter

entscheiden. Ich stehe Ihnen gut dafür, daß sie wegen einer Flasche

Wein nicht lügen werden. Sind Sie einverstanden?«

»Ja, rufen Sie sie her, ich will ihnen vertrauen.«

»Das können Sie auch, es sind lauter anständige Leute. Meine Frau

hat Sie eingelassen, ich habe Ihnen einen Strauß verkauft, einer

meiner Leute ging mit Ihnen durch den Garten und der andere holte das

Wechselgeld, um Ihnen auf das Fünf-Francs-Stück heraus zu geben, mit

dem Sie mich bezahlt haben.« Hier erhob er seine Stimme und rief:

»Kommt alle her! Ich habe mit dem Herrn gewettet und ihr sollt die

Wette entscheiden.«

Die drei kamen sofort und der Gärtner sagte zu mir: »Jetzt, Herr,

wollen wir beide an das andere Ende des Gartens gehen und dort will

ich Ihnen den Mann genau beschreiben, der heute nachmittag mit Ihnen

hier war. Dann wollen wir die Zeugen einzeln rufen, so daß keiner hört,

was der andere sagt, und genau das berichtet, was er selbst gesehen zu

haben glaubt.«

Dieser Vorschlag war durchaus unparteiisch und ich stimmte zu. Die

beiden Männer wurden dann an zwei entgegengesetzte Seiten des Gartens

geschickt, die Frau mußte sich zwischen ihnen an der dritten Seite

aufstellen, während wir beide uns nach der vierten und freien Seite

begaben. Hier begann der Gärtner zu sprechen:

»Ihr Freund sah genau so aus wie ich ihn beschrieben habe, und ich

füge hinzu, daß er polnische Lederschuhe trug und einen Panama-

oder Livornohut auf dem Kopf. Außerdem trug er einen leichten

Rohrstock, helle Baumwollhosen, einen weiten Überrock und eine weiße

Kaschmirweste. Merken Sie sich das, bitte. Und nun komm her, Josef«,

rief er etwas lauter. Josef kam. »Sei so gut und beschreibe die

Person, die heute mit diesem Herrn hier war.«

»Mit Vergnügen, Meister. Der Neger, der mit diesem Herrn kam, war sehr

fett und schwer, hatte große, auswärts gebogene Füße, ungeheure Hände,

ein breites flaches Gesicht, eine Nase, die wohl ein Pfund schwer war,

und Lippen von mindestens dem doppelten Gewicht. Sein Haar war wollig

und die Zähne glänzend weiß und regelmäßig. Er trug niedrige Schuhe,

eine grüne Mütze, Kniehosen, eine rote Weste und eine purpurfarbene

Jacke.«

Wir beide, der Gärtner und ich, sahen uns mit grenzenloser Verblüffung

an. Josef war es gewesen, der uns im Garten herumgeführt hatte. Wir

waren die einzigen Besucher an dem Tage gewesen!

»Zum Teufel, Josef, du bist wohl verrückt! Der Mann war doch --«

»Halt ein,« unterbrach ich ihn, »denken Sie an die Bedingungen unserer

Wette und sprechen Sie kein Wort, bis sie alle ihre Aussagen gemacht

haben.« Dann wandte ich mich an den Burschen: »Geh wieder in deine

Ecke«, und rief sodann Peter, der sogleich kam. Wir forderten ihn auf,

eine genaue Beschreibung meines Begleiters zu geben und er sagte:

»Ach, Sie meinen die alte Dame. Meiner Seel'! Ich muß jetzt noch

darüber lachen -- verzeihen Sie, aber ich kann mir nicht helfen -- ich

muß lachen, wenn ich bloß an sie denke. Was das für eine verrückte

alte Schachtel war! Dieses zusammengequetschte Gesicht, und die Nase

erst und das Kinn! Sie hatte eine täuschende Ähnlichkeit mit einem

Nußknacker. Ich hielt sie für die Großmutter Methusalems, oder für eine

Schwester von Adams erster Frau.« Dabei brach er in ein herzliches

Lachen aus und fuhr dann fort: »Und ihre Kleidung! Keine Spur von

Tuch daran, alles aus grünem und blauem Maroquinleder! Und dann ihre

zierlichen Schuhe, wie aus Schmetterlingsflügeln gemacht sahen sie aus;

und ihr Kopfputz -- verwelkte Blumen und zwei Büschel von verschossenen

Bändern!« Und bei diesen Worten kehrte er wieder an seinen Platz zurück

und lachte, als wollte er zerspringen.

Der Gärtner sah noch um einige Grade verblüffter drein; was für ein

Gesicht ich machte, kann ich nicht sagen, aber was ich fühlte, kann

kein Sterblicher beschreiben. Wir schwiegen jedoch beide und gingen zu

der Frau des Gärtners, die geduldig gewartet hatte und sich wunderte,

warum Peter so laut lachte.

»Meine liebe Frau,« sagte ihr Gatte, »willst du uns vielleicht

die Person beschreiben, die du selbst heute mit diesem Herrn hier

eingelassen hast? Ich glaube fast, daß der Teufel selbst hier die

Hand im Spiele hat, denn bis jetzt hat jeder eine andere Beschreibung

gegeben. Du aber, meine Liebe, du wirst uns sicher die Person richtig

beschreiben können, nicht wahr?«

»Ja, mein Lieber, das süße Kind, das heute mit diesem Herrn hierher

kam und das mit mir in mein Privatgemach ging, damit ich ihr Haar in

Ordnung bringen und an ihren Unterröcken etwas richten sollte, war

eine so schöne, junge Blondine von etwa 18 Jahren, wie sie nur je das

Herz eines Mannes stärker schlagen ließ. Diese Fesseln, diese Füßchen,

dieser rosige Hauch auf ihren Lippen und Wangen! Oh! Und die Figur, die

Hüften, die Taille! Herrgott! Ein Glück nur, daß ich kein Mann bin,

sonst wäre ich meiner Treu verrückt geworden und durchgegangen und

hätte den Herrn seinen Verlust betrauern lassen, während ich mit seiner

Braut die Freuden der Liebe genossen hätte. Außerdem --«

»Halt, halt, um Gottes willen, halt, Ninette! Ich habe eine Flasche

Jean Lafitte -- über 40 Jahre alt! -- verloren und meinen Verstand

dazu!«

Wir waren bei den letzten Worten alle zusammengetreten und ich erklärte

den anderen die ganze Sache, was dem Peter die Heiterkeit und der

Gärtnerin alle Poesie gründlich vertrieb.

Ich hatte Wette und Wein vergessen, verließ die Gesellschaft in

unbeschreiblichem Schrecken und eilte in größter Hast nach der

Guinguette, wo wir uns beide, Ravalette und ich, wie ich erzählt habe,

mit dem Besitzer über sein neuartiges Unternehmen unterhalten hatten.

Als ich angekommen war, stellte ich ihm die nämliche Frage wie dem

Gärtner. Seine Antwort machte mich sprachlos, denn er behauptete

hartnäckig, ich sei ganz allein bei ihm gewesen; allerdings hätte ich

mit ihm in zwei ganz verschiedenen Stimmen gesprochen und er habe daher

geglaubt, ich übte mich in der Bauchrednerei, was er dann geschickt

dazu benützt habe, mir einige Schmeicheleien über meine Fähigkeiten auf

diesem Gebiet zu sagen; denn er hätte natürlich geglaubt, ich sei nur

deswegen zurückgekehrt, um mich nach dem Erfolg meines Experiments zu

erkundigen.

Ich war zu entsetzt, als daß ich ein Wort hätte sprechen können,

verabschiedete mich stammelnd und ging in einer unbeschreiblichen

Stimmung fort.

Noch nicht zufrieden damit, erkundigte ich mich, ob jemand zwei Reiter

nach meiner besonderen Beschreibung durch die Straßen von Belleville

habe reiten sehen.

Niemand hatte sie bemerkt, überhaupt war an jenem Nachmittag dort kein

Reiter gesehen worden.

»Ich will seine Spur verfolgen,« rief ich, »denn der Ort, an dem wir

spazieren gingen, und wo der Groom mit den Pferden wartete, war ein

weicher Rasen. Da muß es sich ja zeigen, ob ich mit einem Lebenden oder

einem Toten gesprochen habe.«

Ich rannte hin. Keine Spur von einem Pferdehuf! Keine Spur von

Ravalettes seltsamen Schuhen! Meine eigenen Fußstapfen waren deutlich

zu sehen, aber von denen Ravalettes -- nichts. Das Geheimnis wurde

immer dunkler, und ich sah auch nicht den geringsten Schimmer einer

Erklärung.

Langsam und in Verzweiflung wandte ich meine Schritte wieder nach Paris

und fragte dabei unterwegs noch verschiedene Leute, ob sie zwei Männer

in der Richtung nach Charonne Vilette oder Mesnilmontant hätten reiten

oder einen Schlagbaum passieren sehen. Ich hätte gar nicht erst zu

fragen brauchen!

Aber noch war dieses Kapitel teuflischer Zauberei nicht abgeschlossen;

denn die nunmehr folgenden Ereignisse stellten alles Vorhergehende weit

in den Schatten.

4. Kapitel

EIN MORD

Dhoula Bel: Ein Rosenkreuzer-Roman · 第 7 / 11 段