und hatte unterwegs London und Paris besucht. Meine Absicht war eine
dreifache: zunächst wollte ich den »Hohen Dom des Rosenkreuzer-Tempels«
sowie seinen Großmeister besuchen, die höheren Lehren des Ordens
studieren und mit den Brüdern sprechen; zweitens wollte ich mir
in Jerusalem die Substanzen holen, die ich zur Bereitung des
Lebenselixiers brauchte, nicht etwa, um es herzustellen, sondern,
weil ich eben diese Substanzen in meiner ärztlichen Praxis, die
ich nach meiner Rückkehr nach Amerika wieder aufnehmen wollte, zu
verwenden gedachte. Und drittens brauchte ich Ruhe, Entspannung und
Ortsveränderung, denn ich fühlte, daß ich, wenn ich nicht ginge, an
dem, was ich seit jenem Betrug erlebt hatte, sterben würde; und wenn
ich starb, was dann? -- Und so ging ich.
In Paris brachte ich den größten Teil meiner Zeit damit zu, die Schätze
der assyrischen und ägyptischen Galerie zu betrachten.
Bei einem solchen Besuche nun stand ich in Bewunderung versunken vor
den Keilinschriften auf einer Reihe von Tafeln, die die Archäologie
bis jetzt noch nicht entziffert hat. Während der letzten fünf oder
sechs Besuche in dem Museum hatte ich in meiner Nähe einen alten Herrn
bemerkt, der offenbar Franzose war und zu dem kleinen Überrest des
alten Adels gehörte, der noch auf dem Boden der Grande Nation lebte.
Man konnte das aus der ganzen Art seines Auftretens und Benehmens
schließen, das sehr höflich und vornehm, aber durchaus einfach war; aus
der Güte, die sein Gesicht ausstrahlte, konnte man leicht ersehen, daß
Glück und Frieden in seiner Brust wohnten, und daß er ein Wohltäter und
gleichzeitig ein eifriger Förderer der Menschheit war. Im Museum schien
er offensichtlich mit derselben Aufgabe wie ich beschäftigt, nämlich
der Entzifferung der erwähnten Inschriften.
Früher waren zwischen uns, wenn wir uns begegneten, nur Begrüßungen
und jene allgemeinen Höflichkeiten, wie sie zwischen wohlerzogenen
Leuten üblich sind, ausgetauscht worden. Diesmal jedoch war unser Gruß
wie durch gegenseitige Anziehung wärmer und länger; wir rückten zwei
Stühle vor die Tafeln und begannen über die Inschriften zu disputieren.
Der alte Edelmann, dessen Name Ravalette war, sagte: »Wie kommt es,
daß Sie täglich hier die Inschriften kopieren und die Buchstaben
zu entziffern suchen, über die sich die hervorragendsten Gelehrten
Europas noch immer verzweifelt und hoffnungslos die Köpfe zerbrechen?
Sie sind doch noch so jung und hoffen da auf Erfolg, wo alte Gelehrte
scheiterten?« »Verzweifle wer will«, sagte ich. »Ich glaube, daß ich
diese Rätsel noch ganz richtig lösen werde.«
»Nun gut«, sagte Ravalette, »Sie wünschen also zu lernen und sind doch
schon ein halber Gelehrter; und wenn Sie willens sind, zu lernen, so
bin ich willens, zu lehren. Auf jeden Fall kann aus der Erörterung von
Ideen kein Leid entstehen, vielleicht sogar viel Gutes.«
Ich war entzückt, Ravalette so sprechen zu hören, denn ich fühlte, daß
er, trotz des großen Altersunterschiedes, in vielen Beziehungen ein mir
kongenialer Geist war, und ich wartete mit Spannung, bis er die reichen
Schätze seiner Gedanken und Erfahrungen vor mir ausbreiten würde.
»Ich bin mit Ihnen der Ansicht«, fuhr Ravalette fort, »daß die Sätze
auf den Tafeln da vor uns beweisen würden, daß sich die menschliche
Geschichte in Wirklichkeit noch viel weiter in die Nacht der Zeit
erstreckt, als bis zu der Periode, deren Beginn durch Moses bezeichnet
wird. Es gibt Denkmäler, die unzweifelhaft beweisen, daß die Menschheit
viel älter ist, als man gewöhnlich annimmt, und daß die Kulturen
schon in längst vergangenen Jahrhunderten der Erde ihre Segnungen
mitgeteilt haben und dann hinweggefegt worden sind und nur vereinzelte
Spuren zurückgelassen haben, um die Nachwelt wissen zu lassen, daß sie
existiert haben.
Noch mehr! Inmitten der Überreste jener verflossenen Zeiten finden
wir solche, die sichtlich auf noch viel weiter entfernte Zeiten und
Kulturen zurückgehen -- die Trümmer einer Welt, an die sich nur noch
die Seraphim erinnern! Einen Beweis für diese Behauptung bieten die
Pyramiden, über deren Erbauungszeit und Zweck wir nur Vermutungen
anstellen können. Die authentische Geschichte Ägyptens kann auf über
6000 Jahre zurückverfolgt werden, aber schon für jene ferne Epoche
waren die Pyramiden ebenso wie heute ein Rätsel.«
Nachdem wir noch eine Weile geplaudert hatten, lud er mich ein, ihn
in seine Wohnung zu begleiten und mit ihm zu speisen. »Es ist nur ein
kleines Stück Weges«, sagte er, »mein Haus liegt in der Rue Michel
le Compte, ganz nahe der großen Rue du Temple, einige Minuten von
hier.« Ich nahm seine Einladung an, schob meinen Arm in den seinigen
und dann gingen wir zusammen fort. Seine Wohnung war eines jener
alten, stattlichen Herrenhäuser, wie sie der Adel in der Zeit Ludwigs
des Vierzehnten zu bauen pflegte. Wir traten ein und setzten uns
alsbald zu einer reichen, üppigen und gemütlichen Mahlzeit nieder. Die
seltensten Weine, die kostbarsten Gerichte schmückten seine Tafel,
die aufmerksamsten Diener warteten auf und zum Schluß folgte der
beste Kaffee, den ich je getrunken, und der feinste Tabak, den ich je
geraucht hatte. Nach dem Essen schlug er vor, einen kleinen Spaziergang
zu machen, und bald schlenderten wir Arm in Arm nach der Rue du Temple,
von wo wir immer in der gleichen Richtung weitergingen, bis wir die
Grenzen der Altstadt erreichten und in eine Vorstadt, Belleville, kamen.
Bevor wir die Straße verließen, hatte ich mir die Lage des Hauses
eingeprägt und mir die Nummer auf mein Elfenbeintäfelchen notiert, das
ich stets bei mir zu tragen pflege.
Schließlich betraten wir ein Café, wo wir etwas Eiskaffee zu uns
nahmen. Dann schlug er mir vor, uns eine Guinguette, d. h. ein Teehaus
anzusehen, wie es kürzlich für das gewöhnliche Volk errichtet worden
war und wo der Besucher für 10 Sous den vornehmen Mann spielen und
seinen Kaffee aus silbernen Tassen schlürfen konnte. Wir sprachen mit
dem Besitzer über die Neuheit seines Unternehmens und fragten ihn, ob
nicht seine Gäste -- die alle den unteren Volksschichten angehörten
-- eine scharfe Überwachung nötig machten und ob nicht ab und zu
einmal einer mit ein paar silbernen Löffeln oder Bechern oder einer
vergoldeten Fruchtschale durchginge.
»Nein«, erwiderte der Mann darauf, »ich habe genug vom Leben und von
der Menschheit gesehen, um mein scheinbar närrisches, auf jeden Fall
aber neues Unternehmen wagen zu können. Mein Lokal wird von Tausenden
besucht, mein Betriebskapital ist groß und doch habe ich bei dem
kostspieligen Versuch, dem Unbemittelten den Komfort des Reichen
zugänglich zu machen, noch nicht 10 Franken verloren.«
Wir konnten die Menschenkenntnis Herrn Popinardes nur bewundern, denn
wir fühlten, daß seine Philosophie des Vertrauens, wie er sie nannte,
einen reichen Schatz an Wahrheit barg. Dann nahmen wir, immer noch
Arm in Arm, unseren Weg in die Umgebung von Belleville, und dort,
inmitten der freien Natur, begannen wir über ein Thema von besonderem
Interesse zu sprechen. Dieses Thema war »die menschliche Seele und ihre
Hilfsmittel«. Ich erinnere mich nur noch an den letzten Teil unseres
Disputs. Der alte Edelmann sagte nämlich:
»Dann glauben Sie also wirklich, daß es eine Art natürlicher Magie
gibt, die in ihren Ergebnissen viel wunderbarer ist, als Aladins Lampe
oder Salomons Glücksring?«
»Ganz gewiß glaube ich das.«
»Wie haben Sie von ihrer Existenz erfahren, und wie stellen Sie es sich
vor, Novize zu werden, und sich gewisser beabsichtigter Verbindungen zu
bedienen? Vielleicht glauben Sie an Elfen, Feen, Genien und Magier?«
fragte er mit unterdrücktem Lachen.
»Ich weiß nicht sicher,« erwiderte ich, »ob es solche Magie gibt, aber
ich glaube es. Durch ernstes Streben kann sie gefunden werden. Es
gibt Stufen, die zu ihr führen, und wenn wir die erste davon entdeckt
haben (die wir, glaube ich, schon im Mesmerismus besitzen), können wir
ihr folgen, bis wir den großen Thron erreichen. Ich glaube nicht, daß
Elfen, Feen, Genien und Magier nur mythische Wesen sind. Es muß, wie
mir scheint, ein Funken Wahrheit in den sagenhaften Erzählungen von
ihnen stecken, die das Staunen des Hörers und Lesers wachrufen.«
»Sehr gut. Aber sagen Sie mir, ob solche Wesen dieser Welt oder der
Welt der Toten angehören.«
In diesem Augenblick schien es mir, als verlöre ich meine geistige
Selbständigkeit und als bemächtige sich eine fremde Macht meiner Seele,
die für mich antwortete:
»Sie gehören keiner von beiden an, sondern einer ganz anderen Welt!«
Ravalette sah bei diesen Worten erstaunt drein und, nachdem er mich
fast eine Minute lang aufmerksam angeblickt hatte, murmelte er kaum
verständlich die Worte: »Es wird so sein! Sie sprechen vom Mesmerismus
als der ersten Stufe zur wahren Magie, an die Sie glauben und von der
ich weiß, daß sie existiert, und Sie dachten, es könnte davon mit
Erfolg Gebrauch gemacht werden, um Kenntnisse zu erwerben, die durch
die gewöhnlichen Mittel und Methoden nicht erreichbar sind. Sagen Sie
mir, wie? Sicherlich doch nicht durch gewöhnliches Hellsehen, das immer
nur vergangene Tatsachen enthüllt und nichts anderes, und daher dem
Forscher nur wenig nützen kann? Sie glauben mit mir, daß die gesamte
alte Geschichte, wie sie uns überliefert wird, im besten Falle eine
bloße Fabel oder ein Gemisch von Mythen darstellt, obwohl vielleicht
gewisse Teile einer tatsächlichen Grundlage nicht ganz entbehren, wobei
das Wahre tausendfach von Erdichtetem überwuchert wird. Wie wollen Sie
da mit Hilfe mesmerischer Kräfte wahr und falsch unterscheiden? Können
Sie mir darauf antworten?«
»Glauben Sie mir, mein kluger junger Freund, daß der Mesmerismus
-- wie man ihn nun einmal nicht ganz richtig nennt -- recht gut
ist zu dem verschiedenartigsten medizinischen Gebrauch. Er mag
auch ein bewundernswertes Mittel für die Kontrolle der geistigen
Fähigkeiten eines anderen sein, auch recht gut zum Hervorbringen der
Grenzerscheinungen des zweiten Gesichts benützt werden, so daß er
schließlich zu einer Leiter wird, auf der man mit Geschick und Ausdauer
die geringeren Höhen wahren Hellsehens zu erklimmen befähigt wird,
aber trotzdem ist der Mesmerismus das niederste der vielen Mittel,
um Einsicht und Überblick über die weiten Meere der Geheimnisse
zu gewinnen, die das menschliche Leben und das Bewußtsein überall
eingrenzen. Ich gebe zu, daß der Mesmerismus in einigen wenigen Fällen
den Beweis erbracht hat, daß er ein königlicher Weg zu mancherlei
Kenntnissen ist; wissen Sie aber, daß er sich noch öfter als Irrweg
erwiesen hat, der zu Skeptizismus und Zweifel führt? Und daher rate ich
Ihnen, allen diesen Wegen zu mißtrauen, und dies umsomehr, als jedes
menschliche Wesen, das seine Tierheit überwunden hat, in sich selbst
Kräfte und Fähigkeiten besitzt, die, wenn nur für ihre Ausbildung
genügend Sorge getragen wird, schließlich für alle Mühe reichlich
belohnen. Der aber ist ein Narr, der sich selbst verläßt, mesmerische
Behandlung oder Arzneien oder dergleichen anwendet und dadurch unter
den Boden der Außenwelt sinkt, ohne die wahre Feuerseele erreichen zu
können.«
Ich biß mich auf die Lippe vor Verstimmung und Ärger über solche
Tiraden gegen etwas, was meine innerste Seele bis jetzt als
lichtbringend verehrt hatte. Und obwohl ich nicht zweifeln konnte,
daß Ravalette im vollsten Ernst sprach, konnte ich nicht umhin, auf
seinen Lippen ein triumphierendes Lächeln zu bemerken. Dieser Mann ist
älter als ich, sagte ich mir, und weiß, wovon er spricht, sonst wäre
er nicht so voll sicheren Vertrauens. Er kennt etwas Höheres als den
Mesmerismus. Was mochte es wohl sein? Immer strebte ich, ein Problem
zu lösen, an dessen Ende das »Warum?« und das »Warum nicht?« alles
menschlichen Sehnens liegt -- die Frage der bewußten, persönlichen
Unsterblichkeit. War vielleicht alles, was ich an mesmeristischen
Erscheinungen selbst gesehen und anderen in eigener Person vorgeführt
hatte, nichts weiter als ein Produkt von Phantasie und Vermutung? Ich
konnte es nicht glauben und doch hatte mein sarkastischer Begleiter
dies, wenn nicht behauptet, so doch logisch gefolgert, und offenbar
wußte er ebenso viel von den Vorgängen in meinem Geiste, wie ich
selbst, und vielleicht sogar noch bedeutend mehr. Ich befand mich in
vollständiger Verwirrung.
2. Kapitel
EIN SELTSAMES GESCHEHNIS
Ravalette fuhr fort: »Man kann heute nicht mehr dieselben Wirkungen
damit hervorbringen wie vor wenigen Jahren, denn der Mesmerismus ist
entartet und stößt alle feinfühligen Menschen ab. Seine Anhänger
verlieren unausbleiblich den Verstand -- wenn sie überhaupt einen
hatten. Die Philosophie, die sie zu finden glauben, ist reiner
Anachronismus. Mesmeristen sind Betrüger oder Betrogene, oder beides.
Die Sentimentalitäten eines stöhnenden, hysterischen Mädchens, das
zur einen Hälfte in Verzückung, zur anderen Hälfte liebeskrank ist
-- wie das die meisten modernen Hellseherinnen sind -- zählen in der
Reihe bewiesener Wahrheiten nicht mit und die Rasereien verrückter
Somnambulen haben überhaupt nichts zu bedeuten; jene tragen wenigstens
noch ein wenig Poesie in sich, diese aber überhaupt nichts. Nein,
nein, mein Freund, setzen Sie kein allzu großes Vertrauen darauf, daß
der Magnetismus Sie bei Ihren Forschungen unterstützen könnte; Sie
werden sonst sicherlich eine Enttäuschung erleben und es dann, wenn es
zu spät ist, bedauern, daß Sie aus dem Stall der Natur das schlechteste
Tier gewählt haben. Folgen Sie meinem Rate und nehmen Sie ein besseres!«
Als der alte Kavalier seine Philippika gegen den animalischen
Magnetismus beendet hatte, der mir so viel bedeutete, schwieg ich etwa
eine Minute lang und ließ dabei alle meine Erfahrungen und Kenntnisse
auf diesem Gebiete Revue passieren. Das Resultat überraschte mich
nicht im geringsten, denn bei ruhigem, leidenschaftslosem Zusehen fand
ich, daß seine Behauptungen und Anschauungen unmöglich zu bestreiten
und zu entkräften seien. Einst hatte ich diese Wissenschaft für den
großen Boten des Lichtes gehalten, durch dessen Hilfe wir mühelos
die Vorgänge einer so entfernten Vergangenheit erfahren können, daß
die Kohlenlager der Erde im Vergleich dazu Schöpfungen von gestern
sind. Und da warf Ravalette mit einem einzigen grausamen Schlag das
ganze Gebäude unbarmherzig über den Haufen. Verstimmt schwieg ich
eine Weile, während wir auf einer Art natürlicher Esplanade auf den
Hängen der Hügel bei Paris auf und ab gingen. Mechanisch trat ich
beim Hin- und Hergehen in die vorher gemachten Fußstapfen und ebenso
mechanisch bemerkte ich, daß Ravalette das Gleiche tat. Dabei fiel mir,
obwohl mein Geist angestrengt auf der Suche nach Argumenten zu seiner
Widerlegung war, ein seltsamer Umstand auf: Die Schuhe Ravalettes waren
von ganz eigenartigem Schnitt, wie ich dergleichen vorher noch nie
gesehen hatte. Im oberen Teile waren sie fast dreieckig. Vorher war
dies meiner Aufmerksamkeit entgangen, jetzt erschien es mir plötzlich
sehr merkwürdig. Ebenso überraschend aber war der Umstand, daß seine
Schuhe statt des gewöhnlichen Absatzes und der Sohle vier kreisförmige
Ringe aus Messing hatten, die mit Lappen bedeckt waren; die Spur,
die er auf dem weichen nachgiebigen Boden hinterließ, war in der Tat
höchst ungewöhnlich. Diese Spur und die Schuhe unterbrachen fast meinen
Gedankengang. Ich bemerkte nun auch, daß die Sohle seines Schuhs mit
einem Kreuz, zwei Halbmonden, zwei Dreiecken und einer massiven Stange,
die einen Teil des Kreuzes bildete, geschmückt war. Ich sah auf --
Ravalette lächelte über meine Überraschung.
»Das ist nur eine Laune von mir«, erklärte er. »Ich habe eine besondere
Verehrung für diese Figuren, wie Sie leicht sehen können.« Dabei
lenkte er meine Aufmerksamkeit auf eine große Spange oder Vorstecknadel
an seiner Brust.
Dieses seltene Kleinod, das ich früher zwar gesehen, aber nicht
besonders beachtet hatte, bestand aus einem Dreieck, einem Halbmond
oder Viertelkreis und einem Zirkel. In der Mitte befand sich ein
kleines Kreuz aus winzigen Sternen und am Schnittpunkt der beiden
Kreuzbalken war eine blühende Rose, in natürlichen Farben in Email
ausgeführt, angebracht. Als ich diese Busennadel mit einem starken
Vergrößerungsglas untersuchte, entdeckte ich auf dem Halbmond eine
Inschrift in winzig kleinen fremdartigen Buchstaben. Auf der linken
Seite des Mondes war ein Pelikan, der seine Jungen mit seinem eigenen
Herzblut nährt, in der Mitte eine kleine schwarze Rose und rechts eine
dunkelrote.
Die Arbeit war außerordentlich fein, denn das Ganze war nicht größer
als ein Golddollar. Er zeigte mir auch ein großes Siegel, das an seiner
Uhr hing und auf seiner Oberfläche eine Leiter von zwölf Sprossen
zeigte, von denen die erste und die fünfte zerbrochen waren. Der Fuß
dieser Leiter stand auf einer zertrümmerten Säule, neben der eine
Maurerkelle lag, und ihr oberes Ende lehnte sich gegen den Schaft und
den Ring eines Ankers, der auf dem Kopf stand und dessen unterer Teil
in einer Wolke verschwand. Nachdem ich das Siegel zur Genüge betrachtet
hatte, zog er seine Uhr heraus, die an einer schönen goldenen Taukette
befestigt war, und sagte mit einem halben Lächeln: »Ich habe noch mehr
von der Art.«
Es war eine gewöhnliche glatte goldene Uhr mit einem Schutzgehäuse, die
vielleicht 50 oder 60 Pfund Sterling wert sein mochte. Einen besonderen
Wert aber erhielt sie dadurch, daß auf der Innenseite ein stilisierter
Anker in Diamanten dargestellt war. Die entgegengesetzte Seite zeigte,
in hervorragender Emailarbeit ausgeführt, eine Windrose: drei Sterne
glänzten im Westen, ein Grabgewölbe mit halbgeöffnetem Tor stand im
Osten, gebrochene Säulen zierten den Süden, und im Norden war ein von
kleinen Dreiecken gebildeter Kreis, in dessen Mitte eine Rose auf den
Armen eines durch Punkte angedeuteten Kreuzes schwebte. Das Ganze war
in derselben Feinarbeit ausgeführt wie das Siegel und die Nadel.
Als ich fragte, was dies bedeute, gab er eine ausweichende Antwort. Er
wiederholte seine vorherige Bemerkung und sagte schließlich: »Suchen
Sie jetzt nicht zu erfahren, was diese Dinge bedeuten; Sie werden es in
den nächsten Tagen wissen. Reden wir von etwas anderem. Sie bemerkten
vorhin, daß der Mesmerismus eine spirituelle Kraft sei, aber ich bin
nicht ganz überzeugt, daß Sie recht haben. Nach meiner Ansicht ist er
eine physische Kraft -- er mag ultraphysisch oder ultramateriell sein,
aber er ist eben doch physisch.«
»Wie!« rief ich erstaunt, »menschlicher Magnetismus, dieses mächtige
Agens, das so gewaltige Wirkungen hervorruft, sollte physischer Natur
sein? Unmöglich! Schon der Gedanke ist, verzeihen Sie, absurd; die
Behauptung ist geradezu lächerlich!«
»Das dachte auch ich einmal«, sagte Ravalette. »Ich glaube es nicht
mehr; und seien Sie überzeugt, die Zeit ist nicht mehr fern, da auch
Sie in dieser Frage auf meiner Seite stehen werden. Ich will versuchen,
Ihnen die Sache zu erläutern. Nehmen wir zum Beispiel die Schlangen.
Wir wissen, daß diese Reptilien auf Vögel und andere Tiere einen
Einfluß ausüben, der ganz dem eines Magnetiseurs ähnlich ist, nur
mit dem Unterschied, daß die menschlichen Versuchsobjekte nicht den
eigenartigen Schrecken zeigen, wie er bei den niedrigeren Arten von
Lebewesen in diesem Falle auftritt. Denn das Tier hat einen sicheren
Instinkt dafür, daß jene Macht zu seiner Vernichtung ausgeübt wird,
wovon die menschliche Versuchsperson natürlich völlig frei ist.
Wir sehen die Schlange dieselbe Kraft ausüben wie den Magnetiseur und
wir bemerken bei beiden die gleichen Resultate; und doch wird es keinem
Menschen einfallen, auch nur einen Augenblick lang anzunehmen, daß die
Schlange ein spirituelles Wesen ist.«
»Ich will nicht sagen«, fuhr er fort, »daß die Seele des Menschen
physische Natur ist, aber sein Geist ist es gewiß; -- ich habe das vor
über 60 Jahren völlig zufriedenstellend bewiesen. Halten Sie mich,
ich bitte Sie, nicht etwa für einen Materialisten und behaupten Sie
nicht, daß ich die Existenz des Geistes bestreite; das sei fern von
mir! Ich glaube nicht nur an einen Geist, sondern sogar an ein großes
spirituelles Reich, das viel ausgedehnter, mannigfaltiger und schöner
ist als dieses unser materielles Reich; und glauben Sie mir, mein
Freund, wenn ich Ihnen versichere, daß unter Zehntausenden nicht einer
eine richtige Vorstellung von dem hat, was er meint, wenn er das Wort
›Geist‹ ausspricht, und daß unter der dreifachen Zahl noch nicht einer
ihn genau definieren kann. Sodann gestatten Sie mir als ein Vorspiel
zu dem, was Ihnen noch zustoßen wird, zu sagen, daß ich, entsprechend
der modernen Philosophie und in geradem Gegensatz zur populären
Anschauung, der Ansicht bin, daß der Geist im Geiste nicht die
Wirkungen hervorrufen kann, wie sie beim mesmerischen und den analogen
Phänomenen auftreten, aber ich bezweifle keineswegs, daß die Materie
diese Fähigkeit hat. Ja, mein Freund, ich bin der Überzeugung, daß
die Materie allein ohne jede äußere Hilfe zur Erzeugung magnetischer
Wunder und hundert anderer noch viel wunderbarerer Vorgänge fähig
ist. Ich glaube zum Beispiel nicht, daß irgend eine bloß mesmerische
Kraft und noch weniger die Träume des gewöhnlichen Schlafes Sie
unter irgendwelchen Umständen befähigen können, die Inschriften auf
den Tafeln im Louvre zu entziffern oder die Geheimnisse von Karnak,
Baalbek, Niniveh oder Ampyloe zu erforschen, aber ich kann Ihnen rein
materielle Kräfte nennen, die für die Ausführung dieser Aufgaben und
noch viel größerer völlig ausreichen. Ich kenne ein materielles Mittel,
das die Seele befähigt, vor ihrem Blick die Geheimnisse des fernsten
Altertums bloßzulegen, die Vergangenheit ihrer Hülle zu entkleiden und
triumphierend den Schleier zu lüften, der die Zukunft vor unserem Auge
verbirgt -- oder vielmehr vor Ihrem Auge.«
Der seltsame Alte hielt inne und mein Geist verharrte eine Weile bei
seinen letzten Worten. Es war ganz klar, so dachte ich, daß er auf
gewisse Medikamente anspielte, die lange Zeit zur Erzeugung einer Art
ekstatischen Traumzustandes gebraucht worden sind, und so erwiderte ich:
»Sie haben zweifellos recht und können durch physische Kräfte
eigenartige seelische Phänomene und merkwürdige Äußerungen geistiger
Tätigkeit erregen, aber ohne allen Zweifel überschätzen Sie ihre
Wichtigkeit, denn nicht eine einzige von ihnen ist imstande, einem
klaren, starken Geist die Möglichkeit zu gewähren, sich in der Sphäre
des Verborgenen aber Wirklichen zu bewegen.«
»Sie haben etwas Besonderes im Auge, mein Freund?«
»Ich habe verschiedene chemische und pflanzliche Verbindungen im
Auge, so zum Beispiel jene Pflanzen, die einen großen Prozentsatz
Narkotika enthalten, wie Opium, Beng und Hanf, dann die Präparate des
wonnebringenden, aber gefährlichen ..., die bezaubernden Abkochungen
des ..., nicht zu vergessen: das Haschisch, dieses verfluchte Mittel,
unter dessen Einfluß im Orient Millionen in ein vorzeitiges, aber
regenbogenfarbenes Grab sinken, und das in den westlichen Ländern
Hunderte zu heulenden Wahnsinnigen gemacht und starke Männer in
geifernde Idioten verwandelt hat.«
Wir verfielen in Stillschweigen, bis Ravalette mit Eifer meine Hand
ergriff und sagte:
»Mein lieber junger Freund, es gibt hier in Paris eine hohe und edle
Gesellschaft, deren Haupt ich bin. Sie zählt viele Rosenkreuzer zu
ihren Mitgliedern. Wie die Vereinigung, zu der Sie gehören, hat auch
die unserige ihr Hauptquartier im Orient. Seit ich Sie gesehen habe,
hatte ich den sehnlichen Wunsch, Sie als Bruder in unserem Orden zu
wissen. Soll ich Ihre Aufnahme ins Werk setzen? Sind Sie erst einmal
bei uns, so ist Ihnen kein Zweig des Wissens, des Mystischen und irgend
eines anderen mehr verschlossen, und im Vergleich dazu nehmen sich
selbst die Geheimnisse des dritten Tempels des Rosenkreuzes wie das
Alphabet einer Enzyklopädie aus.«
Er redete mir noch weiter zu, aber ich hatte keine Sehnsucht, in seine
Brüderschaft einzutreten, und erklärte ihm dies auch höflich, aber
bestimmt. Daraufhin brach er unsere Unterredung ab, indem er sich
erhob, wobei er noch bemerkte: