jener Nacht, die ich eben erzählt habe, zog ich mich in mein Zimmer
zurück, aber nicht, um zu Bette zu gehen, denn noch vor Tagesanbruch
ereignete sich etwas, was den Verlauf und den Charakter meines Lebens
vollständig veränderte.
An dem Morgen, der dieser ereignisreichen Nacht folgte, begab ich mich
zu einem Zahnarzt, der im Rufe stand, ein Philosoph zu sein und dessen
Gehirn ein weit interessanteres Museum war als das wirkliche Museum in
der Nähe seiner Wohnung. Ich plauderte eine Weile mit ihm und lernte
durch ihn einen bedeutenden Denker kennen, dessen Name, glaube ich,
Blood war. Nachdem wir in seinem Laboratorium eine Zigarre geraucht
hatten, ging ich zu dem Apotheker Nichol, wo ich einige kleine Einkäufe
machte, und dann in mein Sprechzimmer.
Ich hatte einige Zeit vorher einen chemischen Apparat gekauft, mit dem
ich im Geheimen experimentierte -- hauptsächlich nach 12 Uhr nachts --,
und zwar mit der Absicht, La Brières großen Versuch zur Entfernung der
feurigen und giftigen Bestandteile des Protozoons auszuführen, ohne daß
dabei seine belebenden medizinischen Eigenschaften gleichfalls zerstört
würden. Ich hatte schon fünf Monate lang unermüdlich und mit größten,
meine Verhältnisse weit übersteigenden Kräften experimentiert, aber ich
hielt noch immer an der unerschütterlichen Überzeugung fest, daß ich
Erfolg haben müßte.
Der Versuch war mir sehr wichtig. Churchill hatte seine Hypophosphate
hergestellt und sie hatten kläglich versagt; daher vermied ich bei
meinen Arbeiten seine und andere Formeln. Der Erfolg, das fühlte ich,
würde nicht nur meiner eigenen privaten Praxis zugute kommen, sondern
auch der großen Menge der Nervenkranken und damit der gesamten Medizin
nützen. Ich wußte, daß diese Entdeckung den Ärzten ein wirksames und
gleichzeitig doch völlig harmloses nervenstärkendes Reizmittel in
die Hand geben würde. Der Versuch war daher die Zeit, die Mühe und
die Ausgaben, die ich ihm widmete, wohl wert. Tatsächlich war es La
Brière gelungen, Erfolge zu erzielen, aber sein Geheimnis war verloren
gegangen. Ich beschloß, es wieder zu erwecken. Und nach hunderten von
Fehlschlägen gelang es mir endlich, das herzustellen, was er Protozoon
genannt hatte.
Ich versuchte seine Wirkung an mir selbst, verschiedene andere Ärzte
taten desgleichen; schließlich wurde es an Patienten auf deren eigenen
Wunsch ausprobiert und das Ergebnis ließ keinen Zweifel darüber, daß
ich vollauf berechtigt war, »Heureka« zu rufen. Diese Vorrede ist
zum Verständnis des Folgenden notwendig. Einige Tage vorher nämlich,
ehe ich Mrs. Graham gesehen, war es geschehen, daß ich etwa vier
Pfund Protozoon zusammen mit dem fünffachen Gewicht anderer Stoffe
in einem starken Glasgefäß in ein Sandbad getan hatte, so daß alles
für die Bereitung von etwa einem Viertelliter des kostbaren Trankes
bereit war. Als ich vom Zahnarzt heimkam und mein Zimmer betrat, war
es natürlich mein erstes, das Gas anzuzünden. Einige Minuten lang
beobachtete ich, wie der schöne scharlach- und purpurfarbene Dampf
aufstieg und sich durch den Hals der Retorte und die langen gläsernen
Röhren zum Kondensator wand. Mitten in dieser interessanten Tätigkeit
wurde ich plötzlich durch den Ruf: »Sorgloser Narr! Gib acht! Lauf
hinaus!« erschreckt. Ich gehorchte mechanisch und sprang in das äußere
Zimmer, als auch schon eine heftige Explosion erfolgte, die Retorte
war in Millionen Stücke zersprengt, der Apparat und die Fenster in
kleine Trümmer geschlagen und einige Pfund glühend heißer Chemikalien
auf den Boden verspritzt worden. Ein wüstes Durcheinander herrschte
-- aber nicht für den Sprecher, denn mit Gedankenschnelle packte er
den Teppich auf dem Boden mit samt den darauf geschütteten Chemikalien
und warf alles auf den Schneehaufen unten im Hofe hinaus, der unter
der Einwirkung der intensiven Glut dieses fast unlöschbaren Feuers
alsbald zu schmelzen begann. Endlich fiel es in sich zusammen und nur
ein weißer Rauch erzählte noch von der Gefahr, in der ich und das
Haus sich befunden hatten. Als das Feuer erloschen und mein Schrecken
einigermaßen geschwunden war, sah ich mich endlich um, wer mich
eigentlich so gerade im rechten Augenblick noch gerettet hatte und sah
den kleinen Alten lächelnd vor mir stehen.
»Wie! Sie sind es?« fragte ich, ihm herzlich meine Hand
entgegenstreckend.
»Ich glaube beinahe,« sagte er, »und es war ein Glück für Sie, daß
ich zufällig schon so früh am Morgen hier war. Sie sind kein allzu
geschickter Chemiker, mein lieber Doktor, sonst würden Sie niemals
damit gerechnet haben, daß Ihr Protozoongas den Kondensator erreicht,
wenn der Hahn geschlossen ist, oder daß eine gesprungene Glasretorte
dem ungeheuren Druck des überhitzten Dampfes widerstehen kann. Ich
sehe, daß Sie Alchimist und Hermetist geworden sind -- wie ja so viele
Rosenkreuzer! Und daß Sie dazu bestimmt sind, sich selbst in die Luft
zu sprengen, oder
Das große Elixier zu finden
Und über den Stein der Weisen zu stolpern.«
Dabei schlug der kleine Alte seine Hände zusammen und tanzte in
ausgelassener Freude im Zimmer umher.
»Aber, mein Freund,« sagte er dann, »da ausdauernde Versuche ein Mittel
zum möglichen Erfolg sind, habe ich nicht den geringsten Zweifel, daß
Sie eines Tages ein reicher Mann sein und ein hohes Alter erreichen
werden; denn um Ihnen die Wahrheit zu sagen: Sie sind heute früh der
Zusammensetzung des Lebenselixiers -- dieses wahren Elixiers, um das
sich die Weisen aller Jahrhunderte vergebens abgemüht haben -- näher
gekommen als irgendein Mensch, der je gelebt. Hätten Sie nur eine
geringere Menge von Elementen in die Retorte getan, von dem ersten und
dritten Ingrediens mehr und vom zweiten, vierten und fünften weniger,
dabei etwas weniger Hitze entwickelt, und zwei Unzen ... und ... eine
Unze ... (er nannte dabei die betreffenden Stoffe), so hätten Sie das
Wasser der ewigen Jugend und Gesundheit gefunden -- das wunderbare
Mittel, das die Säfte reinigt, Verkalkung der Adern beseitigt und
den Menschen gegen Miasmen und Krankheiten und überhaupt gegen alle
lebenzerstörenden Einflüsse -- außer natürlich gegen Körperverletzung
-- wappnet. Was meinen Sie dazu? Haha!« Und wieder brach er in ein
heulendes Kreischen aus:
»Den Mittelpunkt der Schwere will ich suchen,
Du aber sollst den Stein der Weisen finden.«
Wie groß war mein Erstaunen, als mir der ausgemergelte Alte ins Ohr
flüsterte, daß ich vor der größten überhaupt denkbaren Entdeckung
stehe, daß der Schlüssel zum Geheimnis aller Geheimnisse in meiner Hand
läge!
Eine große Erregung bemächtigte sich meiner. Bald aber wurde ich
ruhiger und fragte mich: Wieso kannte er die Stoffe, die ich für
das Elixier verwendet hatte? Vielleicht hatte er den Rauch gesehen
und daraus Schlüsse gezogen. Aber wie konnte er den Inhalt des
Kondensators kennen, durch den der Dampf hindurch mußte, um seine
schädlichen Eigenschaften zu verlieren? Kein Mensch hatte mir bei
den Vorbereitungen zugesehen. Woher wußte er, zu welchem Zweck ich
die Flüssigkeit zusammengebraut hatte? Wie konnte er den Traum, die
Hoffnung, das einzige Ziel meiner Seele während langer mühseliger Jahre
kennen?
All dies diente nur dazu, ihn selbst noch tiefer in den Schleier des
Geheimnisses zu hüllen, und während ich so von Zweifeln hin und her
geworfen wurde, stand er an meiner Seite und blickte neugierig durch
die zerbrochenen Fenster auf den aufsteigenden Rauch, der sich in die
Luft emporkräuselte.
Bald darauf hatten wir die Trümmer beiseite geräumt, der Alte verließ
mich mit dem Versprechen, am selben Tag noch einmal herzukommen, und
ich ging fort, um einen neuen Apparat, neue Fensterscheiben und einen
neuen Teppich zu bestellen und einige Patienten zu besuchen. Dann
kehrte ich wieder zurück. Es schlug drei Uhr und ich war noch nicht
lange zu Hause, als Miakus, seinem Versprechen getreu, ebenfalls
erschien.
4. Kapitel
DER MAGISCHE SPIEGEL
»Ich will Ihnen einen Rat geben«, sagte er, »denn Sie brauchen ihn.
Zunächst: vertrauen Sie niemals einem Freunde irgendein Geheimnis an,
das Unglück oder Sorge bringen kann, wenn es verraten wird. Mischen
Sie sich nie in einen Streit ein, ganz gleichgültig, auf wessen Seite
Recht oder Unrecht ist, sondern lassen Sie die Welt ihren Kampf allein
austragen, während Sie abseits stehen und sorgfältig auf jeden Vorteil
achten, den Ihnen der Zufall verschafft. Und zuletzt: behalten Sie für
sich, was Sie wissen, bis die Zeit dazu gekommen ist. So, und jetzt
wollen wir unsere magnetischen Spiegel befragen.«
Sogleich gingen wir in das Hinterzimmer, das inzwischen wieder instand
gesetzt worden war, wenigstens was Fenster und Teppich betraf. Der
Alte hielt das Rosenholzkästchen eine Weile in der Hand und stellte
es sodann auf den Tisch. Dann schloß er die Fenster und spannte einen
seidenen Vorhang rings um das ganze Zimmer auf, um so jedem Lichtstrahl
den Zutritt zu wehren.
»Das ist ein magischer Vorhang«, erklärte er. »Sie haben jedenfalls
schon eine Laterna magica-Vorführung gesehen. Nun, ich werde Ihnen hier
etwas ganz Ähnliches zeigen, aber ohne Laterne. Ich öffne jetzt dieses
Kästchen, wie Sie sehen, und nehme den Spiegel heraus. Er besteht aus
zwei französischen Glasplatten, die durch eine Holzumrahmung etwa einen
halben Zoll voneinander entfernt gehalten werden, so daß ein gewisses
Fluidum zwischen ihnen nicht entweichen kann. Das Kästchen, der Vorhang
und die beiden Gläser sind durchaus unwichtig; alles hängt lediglich
von dem Fluidum ab, das von dunkelbrauner Farbe ist, aus der Entfernung
aber tintenschwarz erscheint.
Ich hänge jetzt den Spiegel mit seinem Haken an den in den Vorhang
eingenähten Ring. Dann verriegle ich die beiden Türen und stelle
zwei Stühle für Sie und mich davor. Dann nehme ich diesen Reflektor
hier und stelle ihn so, daß er einen starken Lichtkegel wirft, damit
in der Mitte des Spiegels eine kreisrunde, glänzende Lichtfläche
erscheint.« Wir setzten uns vor dem Vorhang nieder und ich bemerkte,
daß die Flüssigkeit zwischen den Gläsern in einer opalisierenden Farbe
schillerte.
»Bevor wir die Richtigkeit von Hamlets Bemerkung gegenüber Horatio
beweisen,« fuhr der Experimentator an meiner Seite fort, »will ich
Ihnen einige Erklärungen geben. Zwischen dem menschlichen Körper
und allen Dingen der Außenwelt desselben besteht nicht nur eine
geheimnisvolle mächtige Sympathie, sondern eine noch größere zwischen
diesen Dingen der Außenwelt und der Seele, was durch die erstaunliche
Macht bewiesen wird, die verschiedene Substanzen auf sie ausüben,
von denen die meisten für immer von der Erde verbannt und verflucht
werden sollten, -- so z. B. Belladonna, Cantharidin, Bang, Opium,
Haschisch, Dewammeskh, Hyndee, Tartooroh, Hab-zafereen, Mah-rubah,
Gunjah und viele andere Pflanzengifte, von denen jedes nicht nur den
Körper, sondern auch die Seele beeinflußt. Steigen wir jetzt von den
greifbaren Körpern zu den flüchtigen Erscheinungen herab, z. B. zum
Licht. Mit konkaven Spiegeln können wir Bilder in den Raum senden,
die von Tausenden gesehen werden können. Wir fesseln sozusagen einen
Schatten, und wer immer eine photographische Kamera besitzt, hat einen
solchen Gefangenen. Wir machen damit ein paar magnetische Striche über
ein Glas Wasser, sättigen es so mit irgend einer bestimmten, von uns
gewünschten, angenehmen oder unangenehmen Eigenschaft, und es bringt
sofort bei dem Patienten, der es zu sich nimmt, die entsprechende
Wirkung hervor. Da haben Sie Geist und Außenwelt in einem einfachen
Willensakt vereinigt. Aber wir gehen noch weiter: Wir nehmen gewisse
Stoffe und machen damit das Wasser noch viel empfindlicher. Wir
übertragen unsere Seele darauf, und zwar in einem solchen Grade, daß
es den Körper eines Menschen völlig einschläfert und seine Seele zum
höchsten Grade des Hellsehens erhebt. Noch mehr: es ist möglich,
eine Flüssigkeit herzustellen, die jedes auf sie geworfene geistige
Bild erfaßt und für eine gewisse Zeit festhält. Noch mehr: es gibt
unmittelbare Beziehungen zwischen jedem Ding und jeder Person auf
dieser Erde und über ihr. Durch gewisse Kenntnisse vermögen manche
Personen jene Substanzen zu finden, die zu den Bewohnern der oberen
Welten und des Weltraumes eine innere Verwandtschaft haben. Die
Glasscheibe vor Ihnen nun enthält eine solche Flüssigkeit, die
folgendermaßen zusammengesetzt ist ...«
Hier gab er mir eine genaue Erklärung des Verfahrens zur Herstellung
solcher Spiegel und der Art der Einbringung der Flüssigkeit, die, wie
ich bemerkte, gleichzeitig eine elektrische, magnetische und ätherische
sein mußte. Dann erklärte er mir, wie der Spiegel für die verschiedenen
Gebrauchsarten zu präparieren sei -- als Spielzeug, als ein Mittel für
ärztliche Diagnose, zum Zwecke der Traumdeutung, dann um irdische Dinge
zu sehen, verlorene Schätze zu entdecken, Vergangenheit und Zukunft zu
erfahren und vieles andere --, da kein Spiegel zur gleichen Zeit zu
mehr als einem dieser Zwecke dienen kann, wenn er nicht besonders für
allgemeinen Gebrauch eingerichtet ist, was aber seine Herstellung zu
teuer machen dürfte.
»Richtig behandelt«, fuhr er dann fort, »wird Ihr Spiegel so ungeheuer
empfindlich, daß er nicht nur Dinge festhält, die für das Sonnenlicht
zu subtil sind, sondern sie sogar reproduziert und sichtbar macht. Das
ist aber noch nicht alles. Es gibt Licht im Lichte, Luft in der Luft
und intelligente Wesen, die darin wohnen und mit den Menschen nur durch
solche Spiegel verkehren können, in dem sie durch darin nachgebildete
Vorgänge und darauf projizierte Worte die Nachricht hervorbringen,
die sie zu übermitteln wünschen. Jetzt geben Sie gut acht! Gedanken
sind Stoff, sind körperhafte Wirklichkeiten. Sie werfen Schatten,
haben Gestalt, Umrisse, Masse, manche sind flach, andere scharfkantig,
schneidend, spitz und bohren sich ihren Weg durch die Welt von
Jahrhundert zu Jahrhundert. Wieder andere sind fest, rund, massig und
wanken, wenn sie an Ihnen vorbeistreichen und gegen die Dinge der Welt
stoßen. Gedanken leben, sterben und wachsen. Hören Sie zu! Blicken
Sie fest und starr! Wünschen Sie sich irgend etwas zu sehen, ganz
gleichgültig, was!«
Ich lächelte ungläubig und meinte, man könne sein Gesicht auch in jedem
andern Glase sehen.
»Gewiß,« erwiderte er, »aber Sie haben noch niemals Ihre Seele gesehen
und diese Kleinigkeit will ich Ihnen heute zeigen.
Ich will jetzt noch verborgene Ereignisse enthüllen, die bald oder auch
in späterer Zukunft auf der Erde oder über ihr geschehen werden.«
Ich erklärte ihm, daß ich der Sache sehr skeptisch gegenüberstünde und
mein Glauben erst erzwungen werden müßte.
Ich lachte geradezu, worauf Miakus bemerkte: »Lachen Sie nur zu, lachen
Sie immerhin; aber geben Sie acht, daß das Lachen sich nicht gegen
Sie wende. Die Wahrheit ist eine recht eifersüchtige Dame und findet
niemals Geschmack an Scherzen, die man auf ihre Kosten macht. Aber
sehen Sie zu! Der Spiegel beginnt zu wirken.« Und sogleich beugte er
sich nieder, bedeckte das Gesicht mit beiden Händen, blieb ungefähr
eine Minute lang in dieser Stellung und fragte dann:
»Was sehen Sie in dem Glas?«
»Nichts,« erwiderte ich, »als unsere eigenen Bilder.«
»Geduld! Sehen Sie noch einmal hin! Versuch's!«
Ein kurzes Schweigen folgte.
»Sehen Sie jetzt etwas?«
»Ja, aber nichts Außergewöhnliches. Nur eine helle Stelle, eine Öffnung
in der Mitte des Glases. Ja! Jetzt ändert sich etwas -- schwache,
nebelhafte, dämmerige Schatten huschen darüber, aber nichts Deutliches
und Unterscheidbares.«
»Ist das alles?«
»Ja.«
»Sehen Sie weiter!«
»Jetzt sehe ich klar und deutlich den Vorderteil eines großen,
grauweißen Hundes. Er wird größer! Jetzt ist er ganz sichtbar! Das Bild
steht voll und scharf außerhalb des Spiegels!«
Während ich nun in den Spiegel blickte, wunderte ich mich im stillen
darüber, wie es möglich sein sollte, mit Hilfe dieses Glases das große
Geheimnis aller Menschenalter zu lösen. Aber gleich darauf fühlte ich
einen gewissen Unwillen darüber, ein solches Bild zu sehen, während er
mir doch versprochen hatte, ich würde meine eigene Seele erblicken.
Ich sagte es ihm. »Nehmen Sie daran keinen Anstoß«, sagte er, »dieses
Bild ist nicht wirklich, sondern nur ein Symbol. Ist der Hund nicht
ein Muster ausdauernder Freundschaft, vollkommenen Vertrauens und
unbegrenzter Liebe? Dies sind die Eigenschaften Ihrer Seele.«
Jetzt erschien auf dem Glas ein breiter, leerer Raum und das Ganze
wurde klar und durchsichtig wie der feinste Kristall und gerade in der
Mitte zeigte sich ein kleiner, strahlender Lichtfleck, dessen Glanz
sich immer mehr steigerte, bis mein Auge vom Hinsehen geblendet wurde.
Allmählich breitete er sich aus und wiederum in der Mitte erstrahlte
ein Lichtpunkt heller als der hellste Mittag, in den ich mit Entzücken
hineinblickte, denn das intensive Licht hatte sich in eine Art von
nebligem Dampf verwandelt.
»In diesem Dampf und durch diesen will ich Sie vor mir sehen. Aber
nicht jetzt. Die Zeit ist nicht günstig. Was Sie erblicken, ist
die Linse eines mystischen Teleskops, mit dem ich die Regionen
durchforschen kann, wo Myriaden von Welten gleich der unserigen rollen,
die der Mensch noch nicht kennt. Mit ihm können Sie nicht nur diese
Welten, sondern auch ihre Bewohner und alles, was sie tun, beobachten.«
»Wie! Wollen Sie damit sagen, daß ein lebender Mensch mit diesem
Teleskop, wie Sie es nennen, alles, was auf dem Mars oder Jupiter
geschieht, wahrnehmen kann?«
»Gewiß! Und noch eine Million anderer Planeten, Sonnen und
Sonnensysteme. Es wird Ihnen das Schicksal jedes Lebenden und Toten
enthüllen. Schreiten wir gleich zum Beweis.«
Bei seinen Worten schien sich ein röhrenförmiges Lichtgebilde meinem
Auge zu nähern, und ich erblickte dadurch wie in einem Diorama all
die schrecklichen und schmerzlichen Szenen dessen, was ich für mein
jüngstes Leben auf der Erde halte. Ich sah meine wenigen Freuden und
Erfolge und die unzählbaren Schmerzen des Leibes und der Seele, von
denen sie umrahmt waren. Und Menschen begegneten dem Phantom meines
Ichs mit lächelndem Antlitz, die honigsüße Worte zu sprechen schienen,
damit man ihnen vertraue; und dann erdolchten diese Wesen den Zuhörer.
Er fiel wohl, aber er schien nicht zu sterben, denn ein scheußliches
Gespenst schwebte beständig über ihm, zögerte aber aus Mitleid oder
Bosheit, ihm den tödlichen Streich zu versetzen.
Die Szene änderte sich. Ein Landstädtchen erschien -- das Datum stand
in feurigen Ziffern in der Ecke: 1852. In einem Barbierladen übte ein
fröhlicher, leichtherziger Jüngling seinen Beruf aus.
Dann zeigte der Spiegel denselben Mann im öffentlichen Leben; man
nützte ihn aus, schmeichelte seiner Eitelkeit und er beging so manchen
Fehler. In dem Augenblick jedoch, wo sein Irrtum entdeckt wurde und
er ihn eingestand, erhoben sich tausend Dolche gegen ihn, zehntausend
Zungen schmähten ihn -- und warum? Weil er seiner Vernunft, seinem
Gewissen und seinem Gott treu geblieben war. Ich sehe ihn jetzt mit
gequältem Herzen.
Wieder eine Veränderung: sieh da, derselbe Mann erscheint wieder. Von
der Glut des Hasses, des Neides und des Undanks und der Bosheit seiner
früheren Freunde niedergeschmettert, hatte er sich allmählich wieder
aufgerichtet. »Ich erstehe neu aus meiner Asche« war der Wahlspruch
auf dem Banner, das er im Winde flattern ließ. Er änderte seine
Lebensweise. Einer von denen, die ihn zuerst von seiner Arbeit weg in
die Welt geführt hatten, klammerte sich noch immer an ihn und erklärte,
nicht einmal der Tod könne sie trennen. Die Pantomime war so klar
verständlich wie gesprochene Rede und jener glaubte dem Lügner.
Wieder änderte sich das Bild. Der Barbier und Redner war zu Ansehen
gelangt, hatte viel Geld verdient, er hatte für ein Weib, das aber
seine Liebe nicht erwiderte, zu sorgen, dem sein Herz zugeneigt war.
Sein »Freund« eignete sich durch Betrug alles an, was jener besaß
und verleumdete dann die Frau bei seinem Opfer, das er zum Bettler
gemacht hatte. Dies brachte den ehemaligen Barbier fast um seinen
Verstand, während der andere ihn auslachte und in Freuden lebte. Wieder
entflog das Bild; Jahre waren vergangen: der Böse hatte den Boden
unter den Füßen verloren, sein Opfer, der Barbier, war in der Welt der
Wissenschaft emporgestiegen, die Menschen ehrten ihn und verachteten
den anderen.
»Der Weg der Welt!« rief Miakus, »aber erinnern Sie sich, daß stets
das Recht den Sieg erringt und immer die Gerechtigkeit das letzte
Wort behält. Was konnten Sie anders von einem so schwachen Menschen
erwarten? Vertrauen Sie niemand! Das war Schicksal und dem Schicksal
kann man nicht entgehen. Unterwerfen Sie sich ihm! Es wird für die
Folge gut sein. Wir können doch glücklich sein!«
Schon wieder diese Worte! Und noch dazu aus Miakus' Munde!
Mein Geist begehrte etwas von der Zukunft zu sehen, was ebenso klar
sein würde wie die Bilder der Vergangenheit, und wollte wissen, ob
es kein Mittel gebe, um die Schläge des Schicksals zu mildern, und
als mein Auge wieder durch die magische Röhre blickte, glitt der Kopf
und die Büste eines jungen Mädchens über das Sehfeld. So schnell floh
es dahin, daß nur ein elektrischer Strahl seiner Schönheit in mir
zurückblieb. Doch eine unbestimmte Ahnung sagte mir, daß ich das Haupt
Eulampias gesehen hatte, daß mir vom Weibe allein die Erlösung kommen
könnte. Aber in jenem Fluch hieß es doch: »eine Tochter Ichs« und sie
war ein Kind Japhets!
Kaum war dieses Bild entschwunden, als das Glas wolkig und dunkel zu
werden begann, bis es schließlich wieder genau das Aussehen hatte wie
vorher, als es aus dem Kästchen genommen worden war.
»Heute können wir nichts mehr sehen«, sagte Miakus, »aber ich habe
Ihnen schon jetzt unbezahlbare Gaben verliehen. Sie können in die Welt
hinausgehen und die Kranken heilen, die Wahnsinnigen wieder zu Verstand
bringen, Sie können Spiegel machen und das Elixier bereiten, Sie können
Vergangenheit und Zukunft lesen. Und doch ist das alles nichts gegen
das, was Sie erwartet, wenn Sie feierlich geschworen haben, den Schlaf
Sialam für mich zu schlafen.«
Ich erkannte bereitwillig alles an, was er sagte, und die Dankbarkeit
drängte mich, zuzustimmen. Die Worte schwebten mir schon auf den
Lippen, als plötzlich dasselbe Haupt und dieselbe Büste wie vorhin
langsam vor mir, etwa einen Fuß von meinem Gesicht entfernt, vorbeizog.
Es war unzweifelhaft Eulampia und ihr Gesicht war traurig und
tränenfeucht, als sie wieder verschwand. Während dies geschah, sprach
eine leise, sanfte, wohlklingende Stimme: »Wenn ich in Gefahr bin,
wirst du es wissen, wo immer du auch sein magst. Wenn du in Gefahr
bist, wirst du mich sehen, und wenn Meere zwischen unseren Körpern
lägen.« Genau die Worte, die das Mädchen an der Tür der Hütte des alten
Häuptlings gesprochen hatte, als wir so traurigen Abschied nahmen.
So auf geheimnisvolle Weise gewarnt, hielt ich mit meiner Zustimmung
zurück. Miakus warf mir einen kläglichen und enttäuschten Blick zu.
Er sagte jedoch nichts, sondern packte schweigend seine Instrumente
wieder zusammen, wünschte mir ferneres Wohlergehen und dann ging ich
mit ihm bis auf die Straße hinab, wo wir uns die Hände schüttelten und
Abschied nahmen.
Ich konnte nicht umhin, dem rätselhaften Alten für die Gunst, die er
mir erwiesen hatte, dankbar zu sein und doch war ich fest überzeugt,
daß ich durch Geisterhilfe aus einer großen Versuchung siegreich
hervorgegangen war, wenn auch Miakus mich nach allem für undankbar
halten würde. Unwillkürlich klammerte ich mich an die Erinnerung an das
Mädchen im Tale, segnete sie von ganzem Herzen und sandte ein Gebet
empor, sie möchte, wenn es möglich wäre, der rettende Engel sein, nach
dem meine einsame Seele so heiß verlangte und seufzte.
DRITTES BUCH
1. Kapitel
RAVALETTE