fragte ihn, ›wie es komme, daß er so genau über die Gesellschaft im
Osten Bescheid wisse, denn diese sei tatsächlich genau so beschaffen,
wie er sie in seiner ›Nostalgia‹ beschrieben habe.‹ Die Antwort
war natürlich dieselbe wie die, die er dem eben erwähnten Fremden
mündlich gegeben hatte. Stilling hat noch mehr Erfahrungen dieser
Art gemacht, die ihm bestätigten, daß seine Einbildungskraft genau
mit den wirklichen Tatsachen übereinstimmte, ohne daß er vorher die
geringste Kenntnis oder auch nur Ahnung davon gehabt hätte. Stilling
stellt keine Betrachtungen über die Sache an, sondern läßt sie auf
sich beruhen und betrachtet sie als eine Fügung der Vorsehung, deren
Absichten ihn in ganz bestimmter Richtung führten. Die Entdeckung
des Rosenkreuzer-Geheimnisses im Orient ist jedoch für ihn von
großer Wichtigkeit, weil sie Beziehung hat zu dem Reiche Gottes.
Vieles bleibt freilich im dunkeln, denn Stilling hörte später von
einer angesehenen Persönlichkeit Verschiedenes über eine asiatische
Gesellschaft ganz anderer Art. Es bleibt noch zu erklären, ob es sich
um zwei verschiedene Vereinigungen handelte oder ob beide identisch
sind. So weit Jung-Stilling. Erst kürzlich erfuhr ich von der Existenz
von Rosenkreuzer-Logen in unserem Lande und erhielt verschiedene
Nachrichten über die Brüderschaft, von denen ich die folgenden sieben
Paragraphen betreffend die exoterische oder äußere Tätigkeit des
Tempels zu veröffentlichen ermächtigt wurde.
DIE ROSENKREUZER
=Wer und was sie sind=
EHRE, MANNHEIT, GÜTE
=VERSUCH'S!=
I. Wir Rosenkreuzer sind eine Körperschaft gutgesinnter Männer, die
unter einer großen Logenverfassung wirken. Sie leiten ihre Macht und
Autorität von dem ›Königlichen Dom‹ des ›Dritten Hohen Tempels‹ des
Ordens ab. Die große Loge und der Große Tempel erteilen die Bewilligung
zur Gründung von Hilfslogen, und zwar an jedem beliebigen Ort innerhalb
der Grenzen ihrer Rechtsprechung.
II. Alle Rosenkreuzer sind praktisch tätige Menschen, die an
Fortschritt, Gesetz, Ordnung und Selbsterziehung glauben. Sie glauben
fest, daß Gott denen hilft, die sich selbst helfen; daher ist ihr
Wahlspruch das Wort: Versuch's! Sie glauben, daß dieses kleine Wort
eine gewaltige Brücke werden wird, über die der Mensch vom Schlechten
zum Guten und vom Guten zum Besseren wandelt, von der Unwissenheit zur
Erkenntnis, von der Armut zum Wohlstand, von der Schwäche zur Macht.
III. Unsere Gesellschaft ist über die ganze Welt verbreitet und die
Zahl unserer Niederlassungen ist in ständigem Wachstum begriffen.
Wir wollen Menschen hohen Geistes den Verkehr mit Gleichgesinnten
ermöglichen. Da außer der unseren keine andere derartige Organisation
besteht, gibt es unter denen, die uns noch nicht kennen, viele,
die durch ihre Vereinsamung leiden. In unseren Logen finden solche
Männer alles, was sie suchen und noch mehr. In unseren wöchentlichen
Zusammenkünften wird eine edle Geselligkeit gepflegt. Die besten
Gedanken werden vorgebracht und die echteste menschliche Freude wird
ausgekostet.
IV. Jeder Rosenkreuzer ist jedem anderen Rosenkreuzer auf der
weiten Welt bekannt und sein geschworener Bruder, und als solcher
verpflichtet, ihm jede mögliche erlaubte Hilfe zu gewähren. Jeder
kann zu einem, zwei oder drei Graden gewählt werden; wenn er einmal
ein wahrer Rosenkreuzer geworden ist, ist es nahezu unmöglich, daß er
späterhin einmal in Not gerät, denn in allem, was gerecht ist, wird ihm
Schutz gewährt, solange er ein würdiger Bewohner des Tempels bleibt. Es
herrschen die Wahlsprüche: ›Versuch's!‹ und ›Exzelsior!‹
V. Die Ordensmitglieder zahlen eine Eintrittsgebühr und einen
monatlichen Beitrag von einem Dollar. Dafür genießt jedes Mitglied die
Vorteile guter Lektüre und wissenschaftlicher Bildungsmittel und eines
namhaften Krankengeldes. Ebenso wird für ein standesgemäßes Begräbnis
gesorgt, Witwen und Waisen werden vom Orden unterstützt.
VI. Der Orden ist eine Schule der höchsten und besten Kenntnisse,
die die Erde überhaupt gewährt. Er überragt alle anderen wohltätigen
Gesellschaften, denn er ist nicht nur eine wechselseitige
Schutzgesellschaft, sondern er strebt noch nach weit höheren und
edleren Zielen -- von denen nur einige wenige, sehr wenige, in diesem
Büchlein angedeutet sind. Eines der vornehmsten Ziele der Brüderschaft
ist es, eine Schule für Menschen zu sein, die Menschen einander
nützlicher zu machen, indem man sie stärker, wissender und daher
weiser und auch glücklicher macht. Als Rosenkreuzer erkennen wir den
ungeheuren Wert von Sympathie, Mut, Ehrgeiz und Ausdauer an.
Nil mortalibus arduum est.
Es gibt keine Schwierigkeit für den, der ernstlich will!
Was immer Gutes und Großes von einem Menschen getan wurde, kann auch
durch dich und durch mich ausgeführt werden, mein Bruder, wenn wir
so denken und mit wahrem, tiefem Ernst darangehen. Versuch's! Wir
proklamieren die Allmacht des Willens! Und wir erklären, daß der Wille
des Menschen wie unsere eigenen Taten beweisen, eine erhabene und
allerobernde Kraft ist, daß diese gewaltige Macht jedoch nur negativer
Art ist, wenn sie ausschließlich zu selbstsüchtigen und eigennützigen
Zwecken benützt wird; wird sie aber in die rechten Bahnen geleitet, so
wird sie unwiderstehlich. Güte ist Macht. Daher verwenden wir unsere
größte Sorge darauf, den normalen Willen zu bilden und ihn so zu einem
kraftvollen, mächtigen Werkzeug für das positiv Gute zu machen.
Ein wahrer Rosenkreuzer lernt die Menschen so völlig durchschauen,
als wären sie durchsichtig. Und diese Fähigkeit erlangt er nur durch
die Tatsache, daß er Rosenkreuzer ist, und kein anderer kann sie je
besitzen, er mag tun, was er will. Der Tempel lehrt seine Akolyten,
wie diese königliche Kunst der menschlichen Seele, des Willens, zu
erwerben, wie sie zu steigern, zu klären und auszudehnen ist.
VII. Die Tore unserer Logen sind ehrlichen und strebenden Menschen
niemals verschlossen, noch kann irgendein irdischer Herrscher _nur_
vermöge seines Ranges Zutritt erlangen; denn, mag er auch ein König
sein, so braucht er deswegen kein Mann zu sein; dieser Titel steht
weit über allen anderen auf der Erde. Wir Rosenkreuzer sind stolz auf
unseren Rang, und zwar gerade deswegen, weil wir eine Brüderschaft von
Männern sind, und Mannheit als wahres Königtum betrachten. Der Orden
hat nichts mit Politik und Religion zu tun, und es ist gleichgültig,
zu welchem Glauben sich einer bekennt, wenn er nur ein _Mensch_ ist.
Religiöse und politische Dinge dürfen bei uns nicht besprochen, ja
nicht einmal erwähnt werden.
Man wird bemerkt haben, daß an diesen Bestimmungen nichts Magisches
ist und doch zweifle ich nicht, daß die Mitglieder des Ordens seltsame
Geschichten erzählen könnten, wenn sie wollten.
Viele, aber keineswegs alle Alchimisten und hermetistischen
Philosophen waren Diener dieser großen geheimen Brüderschaft, die
seit den ältesten Zeiten geblüht und unter verschiedenen Namen in
verschiedenen Ländern ihre Mission vollendet hat und noch vollendet.
Mitglieder dieser mystischen Vereinigung waren die alten Magier in
Chaldäa in Mesopotamien. Mitglieder waren auch die ersten Sabäer, die
lange vor den Weisen von Chaldäa lebten, ferner die Begründer der
semitischen Kultur. Aus dieser großen Brüderschaft gingen Buddha,
Lao-tse, Zoroaster, Platon, die Gnostiker, die Essäer und Christus
selbst hervor -- der ein Essäer war und die heiligen Lehren vom Berge
des Lichtes predigte. Mitglieder waren ferner die großen Träumer und
Dichter aller Jahrhunderte. Was immer an überirdischem Licht jetzt
die Welt erleuchtet, kommt von den Fackeln, die sie an der Quelle
alles Lichts entzündeten, auf jenem mystischen Berge, den zu erklimmen
sie allein Mut und Ausdauer hatten; und sie erklommen ihn auf einer
Leiter, deren Sprossen Jahrhunderte voneinander entfernt waren. Hermes
Trismegistos, Ägyptens mächtiger König, war ein Adept und der andere
Hermes (Asklepius IX.) ein Bruder. Ein Priester -- wie Malki Zadek vor
ihm -- war jener berühmte präadamitische Monarch, jener Melchisedek,
von dem man erzählte, er sei aus einem Gedanken geboren worden und habe
unzählbare Jahrhunderte gelebt. Ebenso war es mit dem griechischen
Mercurius. Ihrer war jene erstaunliche Gelehrsamkeit, in der Moses
so bewandert war, und aus ihrem Brunnen trank der hebräische Josef.
Nichts Ursprüngliches ist an der Thaumaturgie, Theologie, Philosophie,
Psychologie, Entologie und Ontologie, was sie nicht der Welt gegeben
hätten; und wenn je Philosophen glaubten, sie hätten neue Erkenntnisse
und Wahrheiten gewonnen, so beweisen die Dokumente des Ordens, daß sie
schon Menschenalter vor der adamitischen Zeitrechnung bekannt und das
geistige Eigentum der Adepten waren.
Ich habe mich auf diese Bemerkungen und Erläuterungen eingelassen,
einmal, um endgültig und autoritativ die schwierige Frage nach dem
Wesen des Rosenkreuzertums zu lösen und dann, um auf das Folgende
helleres Licht zu werfen.
2. Kapitel
WER WAR ES? -- WAS WAR ES?
»Ich machte meine geplante Reise«, sagte Beverly eines Tages zu mir,
»und kehrte weiser zurück, als ich ausgegangen war, aber der Erfüllung
meiner hauptsächlichsten Hoffnung war ich nicht näher gekommen.« Ich
hatte in der Stadt Boston eine medizinische Praxis auszuüben begonnen
und bewohnte ein Bureau, das im Rufe stand, von den aufgestörten
Geistern verschiedener Personen heimgesucht zu werden, die durch einen
seltsamen Einfluß dorthin gezogen wurden. Ich lachte darüber und machte
mich über die Behauptungen ganzer Scharen sogenannter Somnambuler
lustig, die diese leichtbeschwingte Gesellschaft gesehen zu haben
versicherten.
Da kam an einem stürmischen Tag bei stürmischem Schneetreiben eine
Dame zu mir, um mich wegen einer skrophulösen Erkrankung ihres
Kindes zu konsultieren. Damals genoß ich einen bedeutenden Ruf auf
diesem Spezialgebiet, denn ich hatte wenige Monate vorher für diese
Art von Leiden eine besondere Behandlungsweise eingeführt. Nachdem
ich meiner ärztlichen Pflicht genügt, erhob ich mich und dachte, die
Dame würde das Zimmer verlassen. Sie traf jedoch keine Anstalt, sich
zu verabschieden, sondern wünschte mit mir über spiritistische oder
ähnliche Themen zu debattieren, was ich aus angeborener Abneigung gegen
Blaustrümpfe respektvollst ablehnte. Doch besaß sie alle Eigenschaften
eines guten Klebepflasters, und ich konnte mich unmöglich von ihrer
Gesellschaft befreien. Dabei erklärte sie, sie sehe beständig die
Toten und unterhalte sich mit ihnen und wolle auch gerne Proben ihrer
Befähigung in dieser Richtung liefern. Nach diesen Worten wurde
sie sofort von einem äußerst heftigen Zittern befallen, das von
krampfartigen Zuckungen und Konvulsionen begleitet war. Ich hatte so
etwas geahnt und war daher über ihren Zustand nicht sehr bestürzt,
ging aber doch in das Hinterzimmer, holte mir einen Stuhl und setzte
mich nieder, um weitere Vorführungen abzuwarten. Diese ließen nicht
lange auf sich warten, aber was da von einem Etwas, das meine Mutter
zu sein behauptete, an Ratschlägen und Ermahnungen an mich gerichtet
wurde, war nichts als Wortgeflunker und Gemeinplätze. Diese meine
angebliche Mutter schien z. B. ihren Namen vergessen zu haben, ebenso
wie meinen eigenen, und wann und wo sie aus dem Leben geschieden war.
Ich war vollkommen sicher, daß es nicht meine Mutter sein könne, war
aber anderseits ebenso überzeugt, daß Mrs. Graham nicht bewußt die
Rolle einer Betrügerin spielte. Ich erklärte mir das Phänomen mit der
Rosenkreuzerischen Theorie -- die mir damals noch ganz neu war --, daß
sie von einer anderen Individualität, die ihrer eigenen durchaus fremd
war, besessen sei. Für mich war es sehr bald klar, daß sie wie tausend
andere unter dem Einfluß und der Herrschaft eines Willens stand, der
tausendfach stärker war als der irgendeines menschlichen Wesens, das je
auf dieser Land- und Wasserkugel einen Körper bewohnte, eines höchst
intelligenten, mächtigen, unsichtbaren und vollkommen gewissenlosen
Wesens, das nichts Menschliches mehr an sich hatte.
Die Dame kam nach einigen Minuten wieder zu sich und ich setzte ihr
freimütig meine Meinung auseinander. Sie war ihr neu und sie war
sichtlich erstaunt. »Keine menschlichen Wesen, aber intelligent? Ein
intelligentes Ding und arglistig? Es ist entsetzlich! Fürchterlich! Was
ist denn dann dieses Ding? Ein Engel? Nein! Ein Teufel? Wenn ja, woher
kommt es? Warum? Zu welchem Zweck?«
Wir plauderten mehr als drei Stunden lang. Die Stimmung meiner
Besucherin wurde zuletzt wirklich erregt, denn ich holte noch einmal
meine Rosenkreuzerlehre hervor. Schließlich sagte sie: »Gibt es
wirklich im Universum intelligente, aber unsichtbare Wesen, anders
geartet wie die Menschen -- das ist die Frage?«
»Natürlich gibt es solche Wesen! Myriaden!« rief eine klare, männliche
Stimme in den Raum hinein. Die Dame konnte es nicht sein, die etwa
so auf ihre eigene Frage geantwortet hätte und ich war es erst recht
nicht. Nach sekundenlangem Zögern wandte ich mich dem Sprecher zu, der
mir als ein magerer, seltsam blickender, runzliger, alter Mann in der
Erinnerung haftet, mit merkwürdigen kleinen, scharfen, grauen Augen. Er
sah halberfroren aus und benahm sich auch so, denn er begann gemächlich
seine Hände über meinem Laboratoriumsofen zwischen der Tür und der Wand
zu wärmen. Die Dame schien von der unerklärlichen Gegenwart dieses
eigentümlichen Eindringlings nicht überraschter zu sein als ich.
»Ich bin nicht ganz sicher,« erwiderte ich auf die Worte des Alten, »ob
es wirklich solche Wesen gibt.«
»Dann sind Sie ein größerer Narr als ich je einen gesehen habe. Guten
Abend!«
Und er bewegte sich langsam gegen die Tür zu, an der mein Stuhl stand.
»Gehen Sie noch nicht, ich wünsche noch Aufklärung von Ihnen«,
sagte die Dame. »Meinen Sie nicht auch?« wandte sie sich dann an
mich, während sich auf ihrem Gesicht, besonders in ihren Augen, ein
auffallender Ernst ausdrückte. »Ich glaube, er sollte seine Behauptung
beweisen und uns nicht in diesem Zustand der Ungewißheit lassen. Das
ist grausam!« Und wie sie so sprach, traf ihr Auge das meine und blieb
daran haften, wie wenn die sich treffenden Blicke aneinander gefesselt
wären.
Es muß einen magischen Einfluß in der Seele geben, der nur bei sehr
seltenen Anlässen in Wirksamkeit tritt; warum hätte sonst ihr Auge
meinen Blick für zehn Minuten so gebannt, daß ich mich nicht bewegen
konnte? Endlich war dieser faszinierende Zauber vorüber, ich wandte
meine Augen ab und antwortete:
»Gewiß; er sollte es uns erklären; und natürlich werden Sie«, so
suchte ich den Mann zu überreden, »es gerne erklären ...« Aber: Es
war niemand mehr da! Keine Spur, daß er jemals dagewesen war. Er war
fort -- vollständig verschwunden -- nicht durch das Fenster, denn von
dort waren siebzig Fuß bis zur Straße -- außerdem war es vor etwa vier
Monaten unten zugenagelt worden -- auch nicht durch die Tür, denn mein
Stuhl und mein Rücken versperrten sie!
Mein Besuch fiel in Ohnmacht und stürzte vornüber zu Boden.
* * * * *
Ich wohnte damals in Charlestown und an jenem Abend erreichte ich mein
Heim ziemlich früh. Nicht, daß ich Furcht empfunden hätte, o nein,
aber weil mir meine Wohnung gemütlicher erschien als das Bureau; denn
das Wetter war bitter kalt und windig. Immer fort traf den fröstelnden
Wanderer, der seinen Weg dahintrabte, der Wind gerade ins Gesicht,
gleichgültig, welche Richtung er gerade einschlug, denn ein Bostoner
Schneesturm bläst immer von allen Seiten zugleich.
Es war ein schweres Stück Arbeit, des Abends die vier Meilen zu meiner
Wohnung zu gehen, denn jeder Schritt mußte erst mühsam erkämpft werden.
Endlich erreichte ich mein Heim und setzte mich fröhlich zu einem
üppigen Abendessen, bestehend aus Tee und geröstetem Brot, in meinem
engen kleinen Wohnzimmer nieder.
Wie es draußen stürmte! Und wie warm und behaglich es in dem kleinen
Hafen war, in dem ich eben Anker geworfen hatte!
Ich genoß gerade die zweite Tasse Tee und die zweite Brotschnitte
zusammen mit meiner Zeitung, als plötzlich ein lautes, zweimaliges
Klopfen an der Türe ertönte, ähnlich dem der englischen Briefträger,
wenn sie Eile haben. Der Diener öffnete und mochte wohl denken,
es sei jemand plötzlich krank geworden und ich solle ärztlichen
Beistand leisten. Aber wie groß war mein Erstaunen als kein anderer
als der kleine alte Mann von vorhin so gemütlich und nonchalant
hereinspazierte, wie wenn er hier zu Hause wäre. Ich war wie vom Blitz
getroffen. Er ging auf das Feuer zu und rief dabei aus:
»Welch einen Schrecken habe ich Ihnen und Ihrem Gaste heute nachmittag
verursacht! Haha! Das war doch großartig, nicht?«
Ich antwortete ziemlich kurz und bündig: »Sehr!« -- nichts weiter,
denn ich fand keinen Geschmack an seinem Scherz. Überhaupt gefiel
mir der ganze Mensch nicht. Nicht daß er mir verabscheuenswert oder
verächtlich erschienen wäre, sondern einfach aus dem Grunde, weil ein
gewisses Etwas an ihm war, vor dem mir graute.
Es ist allgemein bekannt, daß es eine der Hauptlehren der Rosenkreuzer
ist, das leibliche Leben könne auf zwei verschiedene Arten durch
Menschenalter hindurch verlängert werden, einmal mit Hilfe des
Lebenselixiers und dann durch den bloßen Willen. Im ersten Falle ist
das Alter von Schönheit und Jugendkraft begleitet, im zweiten aber ist
es ein Jahrhunderte währendes Greisentum.
Jetzt, in dieser stürmischen Nacht, fiel mir ein, als ich das
verwitterte Wrack da vor mir ansah, dieser Mann könne einer jener
Unglücklichen sein, die durch die zweite Methode eine unendliche Zahl
von Jahren erlangt und infolgedessen alles Jugendfeuer, alles Gefühl,
alle Liebe und alles Gewissen verloren haben. Ich schauderte bei dem
Gedanken, daß dieses Schicksal vielleicht auch mir bevorstehen könne.
Er bemerkte die Bewegung und ein Lächeln voll unaussprechlichen Hohns
kräuselte dabei seine Lippen. Ich dachte schnell an etwas anderes.
Es ist Tatsache, daß nahendes Unheil seinen Schatten vorauswirft und
von feinnervigen Menschen wahrgenommen werden kann. Und ein solches
Vorgefühl, ein solcher Schrecken schien mich jetzt zu umschweben,
schien in meiner Nähe irgendwo in einem Winkel zu kauern, um auf mich
zuzukriechen und meine Seele zu packen, während der seltsame kleine
Mann an meiner Seite stand. Es war ein aus Furcht und Schuldbewußtsein
gemischtes Gefühl und doch hatte ich keine Schuld auf mich geladen.
Nachdem ich das Wort »sehr« ausgesprochen hatte, schwieg ich in dem
Bestreben, den Schrecken, der mich befallen, zurückzudrängen, und
versuchte, so unwillig wie möglich dareinzublicken, was der andere aber
sogleich bemerkte, denn er trat näher, klopfte mir vertraulich auf den
Rücken, goß sich eine Tasse Tee ein, trank sie aus und aß ein Brötchen
dazu -- womit übrigens das Problem, ob er ein Geist sei oder nicht, für
mich gelöst war. Dann ließ er sich gemächlich in meinem Sorgenstuhl
nieder, rieb seine kleine aufgebogene Nase mit seinen dünnen,
bläulich-blassen Fingern und indem er sich plötzlich mit einem Ruck
verbeugte, so daß er mir gerade ins Gesicht sah, lachte er herzlich und
heulte dann mehr als er sang in den höchsten Fisteltönen, deren seine
Stimme fähig war:
»Ach, wie heult der Sturm so traurig!
Komm, wir wollen lustig leben,
Und wir werden Dinge kennen, Dinge, nie gekannt zuvor!
Ich komme weit vom fernen Westen
Den Mann zu sehen, den ich am meisten liebe.
Glaub nicht, ich sei nur Laster und Verderben --
Ich will den Mittelpunkt der Schwere suchen --
Du aber wirst den Stein der Weisen finden.«
Und dann brach er wieder in ein so wildes und exaltiertes Gelächter
aus, wie es kaum je ein Mensch gehört hat.
Ich kannte die paar Verse nicht, die er soeben gekrächzt, noch weniger
wußte ich von dem Sänger und nicht im entferntesten dachte ich, daß
diese Zeilen für mich die wichtigsten waren, die ich je vernommen
hatte. Ganz allmählich und unmerklich begannen meine Vorurteile zu
schwinden; ich plauderte mit ihm über verschiedene Gegenstände, und
zwar fast vier Stunden lang. Wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht,
war es beinahe elf Uhr, als er aufstand, mir herzlich die Hand
schüttelte und sagte, er werde jetzt gehen, wobei er aber versprach,
wieder zu kommen, »wenn er mir zu dienen wünsche«; dann öffnete er die
Tür und ging in einen der fürchterlichsten Stürme hinaus, die je die
Küste der Bostonbay heimgesucht hatten. Es war seltsam: im tiefsten
Winter war dieser Mann in einen ganz dünnen Anzug gekleidet, der
nicht einmal für den Juni der nördlichen Gegenden ausgereicht hätte,
geschweige denn für das schreckliche Wetter in der Nacht jenes 4.
Februar, bei einer Kälte von 20 Grad unter Null.
»Allem Anschein nach ist er ein Mensch und der Mesmerismus gibt uns
einen Schlüssel zur Lösung des scheinbaren Rätsels«, dachte ich; und
mit dieser tröstlichen Überzeugung ging ich zu Bett und überlegte mir
alles noch einmal, was er gesagt und getan hatte. Obwohl über seine
eigene Person nur wenig gesprochen worden war, hatte ich doch soviel
erfahren, daß er von Geburt ein Armenier namens Miakus war, was im
Altchaldäischen »Priester des Feuers« bedeutet. Er sagte mir dies,
als er sich niederbeugte, um die süße kleine Cora, mein Töchterchen,
zu küssen, und als er dabei erwähnte, daß er Kinder sehr gern habe.
Nachdem das Kind zu Bett gegangen war, hatte Miakus ein kleines,
flaches, viereckiges Kästchen aus der Brusttasche gezogen, das
offenbar aus Rosen- oder Olivenholz bestand und ungefähr sieben Zoll
in der Länge und zweieinhalb in der Breite maß. Es war verschlossen
und der silberne Schlüssel hing mittels einer goldenen Spange an
einer gewöhnlichen stählernen Uhrkette um seinen Hals. Er stellte
das Kästchen auf den Schreibtisch, wo es ungestört stehen blieb.
Mir wurde später klar, daß der Grund seines Kommens irgendwie mit
diesem Kästchen und mit mir in Zusammenhang stehen müsse. Ebenso
klar war mir, daß sein Gesichtsausdruck zur Hälfte verstellt war
und daß unter seiner oberflächlichen Nonchalance und Derbheit eine
große Sorge ihn beherrschte; denn gelegentlich klang aus seiner Rede
ein melancholischer Ton, der kundigen Ohren, wenn nicht von einem
gebrochenen Herzen, so doch von einem tief gekränkten und beraubten
erzählte. Dieser Umstand berührte mich tief, denn mein ganzes Leben
lang war ich betrübt mit den Betrübten, und froh mit den Frohen. Nach
einer kleinen Weile sagte er dann, eine seiner Absichten gehe dahin,
mich in gewisse Geheimnisse der weißen Magie einzuführen, mich zu
lehren, wie ein magischer Spiegel zu verfertigen sei, mittels dessen
fast jeder Mensch durch unermeßliche Räume zu blicken und die Toten zu
sehen und mit ihnen zu sprechen vermöge. »Es gibt nichts Wertvolles
außer der Magie! Sie sind ein Narr gewesen, wenn Sie danach gestrebt
haben, weise zu sein, und Sie glauben zu wissen, was Sie sich bisher
nur eingebildet haben.«
Er stand auf, nahm das Kästchen, stellte es auf den Tisch zwischen uns
und fuhr dann fort: »Es ist eine merkwürdige Fügung des Schicksals,
daß der Besitzer eines magischen Spiegels in ihm alle Schicksale
erblicken kann, nur das seinige nicht; wenn er es wissen will, muß er
andere Seher befragen. Nun gibt es gewisse Wesen, deren Zukunft in
diesem Spiegel nur von ganz bestimmten, besonders gearteten Menschen
geschaut werden kann. Sie scheinen mir einer von diesen letzteren zu
sein, und ich bin eine der ersteren; ein solches Zusammentreffen wie
das von uns beiden findet nur am Anfang und am Ende großer Zeitepochen
statt. Wir leben jetzt in einem solchen Zeitpunkt. Ich will Ihnen den
Spiegel schenken, ich will Sie auch die Kunst lehren, solche Spiegel zu
verfertigen.«
Zwei Stunden vorher hatte ich, als ich ihn essen und trinken sah, meine
Geisterhypothese über den seltsamen Alten schleunigst aufgegeben.
Jetzt aber, als er so merkwürdig daherredete und so großsprecherisch
ankündigte, er werde das Tor alles Wissens öffnen, veränderte das
Geheimnisvolle, das ihn umgab, seinen Charakter und hüllte ihn in
zehnfaches Düster. Es lag etwas Unirdisches in seiner Stimme und
in seiner ganzen Art und Weise; z. B. einmal, als er seinen Stuhl
herumdrehte, kam sein rechter Oberschenkel unmittelbar in Berührung
mit dem bis zur Rotglut erhitzten Ofen; ich beobachtete, daß der
Stuhl von der Wärme angegriffen wurde und der Rauch seines Firnisses
allmählich den Raum erfüllte. Und doch war der Mann nicht verbrannt,
sondern stand kühl auf und öffnete die Tür, um den Rauch abziehen zu
lassen; dann ließ er sich wieder auf seinen Sitz nieder, wie wenn
nichts geschehen wäre. Zwei- oder dreimal des Abends fühlte ich, daß
ein kalter Hauch von ihm ausging und ich sah auch deutlich sein Gerippe
sich unter seiner dünnen, pergamentartigen Haut abzeichnen, wie wenn
eine durchsichtige Decke leicht über ihn geworfen wäre, um die nackte
Formlosigkeit eines Grabentstiegenen zu verbergen.
3. Kapitel
CHEMIE UND LEBENSELIXIER