hervorragenden Rosenkreuzern bekannt und als ich ihre seelische Tiefe
maß, fand ich das Wasser sehr seicht und sehr schmutzig -- wie dies
ja auch bei denen gewesen war, die ich in London getroffen hatte.
Schließlich bekam ich eine Einladung von dem Baron D...t, an einer
mesmeristischen Sitzung teilzunehmen. Ich ging hin und der Ruf, den ich
dabei erlangte, bewirkte, daß ich schon nach einigen Tagen auf Befehl
Kaiser Napoleons III.[3], der 34 Jahre lang ein treuer Rosenkreuzer
gewesen war, in die Tuilerien entboten wurde. Ich war schon vorher
mit ihm am gleichen Orte, aber in einer anderen Angelegenheit
zusammengetroffen. Was damals, soweit ich als tätiger Teilnehmer in
Betracht kam, geschah, das zu sagen steht mir nicht zu, außer daß
gewisse Experimente in ›Hellseherei‹ als sehr gut gelungen bezeichnet
wurden.
Bei dieser Gelegenheit spielte ich Schach und Karten mit verbundenen
Augen und gewann, ohne daß ein Wort gesprochen wurde. Dabei fanden
die Spiele gleichzeitig statt und die Spieler saßen in drei
getrennten Zimmern. Es war auch ein italienischer Edelmann mit einem
unaussprechlichen Namen da, ferner ein russischer Graf Tsowinski und
eine Frau Dablin, eine Mesmeristin und Opernsängerin. Nach einer Weile
fragte der Kaiser die Kaiserin und den General Pellissier, den späteren
Herzog von Malakoff, ob sie sich einem magnetischen Versuch durch
einen der drei genannten Lehrer dieser Kunst unterziehen wollten. Sie
stimmten zu, worauf der Kaiser mit lauter Stimme fragte, ob jemand aus
der Gesellschaft geneigt sei, in eigener Person die magnetischen Kräfte
seiner Exzellenz des italienischen Grafen zu bestätigen, dessen Methode
beim Magnetisieren sich völlig von der damals allgemein üblichen
unterschied. Er pflegte nämlich, wie der Schauspieler Boucicault in
seinem berühmten Spiel ›Das Gespenst‹, nicht herumzugehen, auch blickte
er die Versuchsperson überhaupt nicht an.
›Mit dem größten Vergnügen,‹ erwiderte der Graf auf die Aufforderung,
seine seltsamen Kräfte vorzuführen, ›mit dem größten Vergnügen,
Majestät‹. Und sogleich wandte er sich um und blickte starr in einen
großen Spiegel, der den ganzen Raum zwischen den Fenstern des Salons
einnahm. Als er sprach, kam es mir plötzlich zum Bewußtsein, daß ich
diesen italienischen Rosenkreuzer schon einmal getroffen hatte, aber
ich hätte um den Preis meines Lebens nicht sagen können, wo. Doch war
ich völlig sicher, seine Stimme schon gehört und noch sicherer, sein
seltsames, süßliches Lächeln schon gesehen zu haben.
Der Graf stand so vor dem Spiegel, daß, wenn sein Auge eine leuchtende
Flamme gewesen wäre, die von dem Spiegel zurückgeworfenen Strahlen
mitten auf die Stirne eines aus unserer Gesellschaft getroffen hätten;
dieser jedoch argwöhnte nicht das Geringste. Er merkte es erst, als es
zu spät war und als der Experimentator ihn in den Brennpunkt seiner
Sehstrahlen brachte, die Fäuste ballte, mit zehnfacher Konzentration
in den Spiegel blickte und einige unverständliche Worte vor sich hin
murmelte; -- und schon fiel der andere zu Boden, wie wenn ihn eine
Kugel ins Herz getroffen hätte, oder wie wenn er mit einer Keule
niedergeschlagen worden wäre. Alles fuhr auf und jeder glaubte, es
handle sich um einen Schlaganfall -- ausgenommen der Kaiser, der
Experimentator, ich und der Russe.
Einige eilten herbei, um ihn aufzurichten, aber bevor sie dazu kamen,
sprang er auf die Füße und begann zu tanzen und zu singen (im gleichen
Moment begriff die Gesellschaft, daß es sich um ein mesmeristisches
Phänomen handelte), um gleich darauf für sein Leben zu flehen, wie wenn
er mit der Aussicht auf Gefängnis oder Hinrichtung vor seinen Richtern
stände. Alles war von dem Vorfall im höchsten Grade hingerissen.
Plötzlich verwandelte sich diese Gerichtsszene in eine musikalische,
ohne daß der Graf ein Wort gesprochen hätte, und obgleich der
Betreffende sonst durchaus nicht singen oder musizieren konnte, spielte
er jetzt mehrere schwierige Stücke auf der Harfe und dem Klavier, sang
selbst den Text dazu und das in so hervorragender Weise, daß alle
Anwesenden unwillkürlich applaudierten.
Plötzlich unterbrach er sein Spiel und trat genau an die gleiche
Stelle, an der der Italiener vorher gestanden hatte und starrte wie er
in den Spiegel. Zwanzig Sekunden später stürzte ein anderer Herr, der
im Brechungswinkel der reflektierten Strahlen stand, zu Boden und als
eine Dame ihm zu Hilfe eilen wollte, und dabei zufällig in den Bereich
der Sehstrahlen geriet, hob sie ihn so leicht auf, als wäre er eine
Puppe gewesen und begann mit ihm einen geradezu unbeschreiblich wilden
Tanz. Dies wirkte ansteckend, denn in weniger als einer halben Minute
wirbelten, sprangen und flogen wohl siebzehn Personen, würdige Lords
und vornehme Damen, wilder als Bacchanten durch den Saal. Sie hatten
sich alle der Reihe nach gegenseitig hypnotisiert. Über alle Maßen
erstaunt, zog ich mich, um die weitere Entwicklung der Szene besser
zu beobachten, nach der entgegengesetzten Seite des Salons zurück und
lehnte mich an eines der beiden dort stehenden kolossalen japanischen
Götterbilder. Niemand war in meiner Nähe. Und in meiner Überraschung
murmelte ich leise: ›Welch erstaunliche Kraft!‹ Ich bin fest überzeugt,
daß selbst ein ganz nahe bei mir Stehender nicht hätte verstehen
können, was ich sprach, und doch hatte ich diese Worte kaum geäußert,
als sich der Graf auf dem Absatz umdrehte, auf mich zukam und mit einem
seltsamen süßlichen Lächeln sagte: ›Diese ganze Kraft ist die Ihre,
wenn Sie nur ein einziges Wort sprechen.‹
›Was für ein Wort?‹ fragte ich, verblüfft, daß jemand so schnell meine
Gedanken hatte lesen können, denn er konnte meinen Ausruf unmöglich
gehört haben.
›Daß Sie sich freiwillig der erhabensten Brüderschaft anschließen
wollen, die es je auf der Erde gegeben hat. Überlegen Sie sich's. Wir
sprechen uns später!‹
›Wann? Wo?‹ fragte ich hastig, denn die erlauchte Gesellschaft und
insbesondere der Kaiser, der uns unter seinen buschigen Brauen hervor
ebensoviel Aufmerksamkeit schenkte, wie den wunderbaren Vorgängen im
Saale, beobachteten uns fortwährend.
Er antwortete nicht ohne weiteres, sagte aber schließlich: ›Durch
die Ausübung der Macht, die ich besitze und Ihnen übertragen will --
bedingungsweise natürlich. Sie werden fähig sein, jeden Menschen der
Sprache zu berauben und Mann, Weib oder Kind vollkommen Ihrem stummen
Befehl dienstbar zu machen, wie die Leute dort meinem Willen dienstbar
sind. Da lebt hier z. B. in Paris ein gewisser Jean Boyard, der durch
einen bloßen Blick jeden beliebigen Gegenstand auf sich zutanzen lassen
kann. Sie werden ihn um das fünfzigfache übertreffen! Auf dem Boulevard
du Temple läßt ein gewisser Hektor eine Rose aus einer grünen Knospe in
sieben Minuten voll erblühen. Sie werden es in einer Minute tun können.
In der Rue du Jour lebt eine weise Frau, die alle Übel heilt, die
überhaupt heilbar sind, und zwar durch bloße Berührung und durch Gebet:
Sie werden mehr leisten, als sie je zu hoffen wagen darf. Sie brauchen
nur zu sagen: ›Ich will diese Kräfte haben.‹ Und sie werden Ihnen zu
Gebote stehen, und sie sind wahrhaftig des Besitzes wert. Ich habe
meine Geheimnisse unter den Magiern des Ostens erlernt -- Männern, die
nicht halb so zivilisiert sind, wie wir im Westen, die aber trotzdem
ein gut Teil mehr wissen als die Weisen der Christenheit -- nicht von
Technik, Politik und Finanzwesen, sondern von der menschlichen Seele,
ihrer Natur, ihren Kräften und den Methoden ihrer Entwicklung. Anstatt
der modernen wissenschaftlichen Entdeckungen auf diesem Gebiet froh zu
sein, schämen wir uns des ›Wahren Tempels‹ ... ›Was für ein Tempel?‹
unterbrach ich ihn. Der ›Hohe Dom des Rosenkreuzes‹‹, sagte er.
Der Kaiser mußte diese Frage und die Antwort gehört haben, denn er
ging gerades Wegs zu uns herüber, um an unserer seltsamen Unterhaltung
teilzunehmen. Der Graf verneigte sich und schien durch die Gegenwart
des großen Gründers des zweiten Kaiserreiches nicht im geringsten in
Verlegenheit gebracht.
›Was ich sagen wollte‹, nahm er den Faden wieder auf, ›anstatt über
das, was die Wissenschaft geleistet hat, in Ekstase zu geraten, schämen
wir uns vielmehr über den zögernden Gang des ›Fortschritts‹ -- ja:
›Fortschritts!‹ Wo sehen Sie denn einen Fortschritt, außer im Elend,
in der Armut, im Verbrechen, in der Unterwürfigkeit? Fortschritt
ist mehr Phantasie als Wirklichkeit. Zivilisation ist ein Irrtum,
Utilitarismus eine Entweihung der Menschenseele, Philosophie ist Betrug
und Gelehrsamkeit Lüge.‹
Ich war froh, daß der Kaiser gerade in diesem Augenblick zu uns
getreten war, und zwar aus zwei Gründen: einmal, weil ich hören wollte,
was er darauf zu sagen hatte, und dann, weil ich sehen wollte, ob die
Hypnotisierten unter dem Einfluß des Grafen bleiben würden, wenn seine
Aufmerksamkeit von ihnen abgelenkt und auf andere Dinge gerichtet war.
›Kehren Sie sich nicht an das, was er da erzählt‹, sagte der Kaiser zu
mir, ›diese Mesmeristen sind alle ein wenig verrückt.‹ Und er lächelte,
während der Italiener die Achseln zuckte und ausrief:
›Doch mit Methode!‹
Dann wandte der Italiener seine Aufmerksamkeit wieder der Gesellschaft
zu, tat durch irgendeine unerklärliche Macht ihrem Tanze Einhalt und
brachte sie wieder in ihren normalen Zustand zurück, nahm dann gleich
darauf Mme. Dablin aufs Korn, die stracks mit geschlossenen Augen
auf ein großes Piano zuging, mit unvergleichlicher Geschicklichkeit
wie zum Vorspiel über die Tasten fuhr und dann eine der seltsamsten,
glänzendsten und dabei wildesten und zauberischsten Phantasien, die
je ein Genie erträumt, zum Besten gab. Mein ganzes Wesen aber war in
diesem Augenblick von weit wichtigeren Dingen erfüllt, als von diesem
Experiment, so interessant es auch sein mochte. Denn im besten Falle
konnten seine Wirkungen und die Erinnerung daran nur vorübergehend
und ephemer sein, sagte ich mir, während die Dinge, die ich von dem
Italiener lernen konnte, im Gegenteil so lange dauern würden, als meine
Seele ihr Bewußtsein behielt. Der Kern der Antworten, die er auf meine
und des Kaisers Fragen gab, war folgender:
›Die Seele und ihre Eigenschaften, ihre Leidenschaften und ihr Ausmaß
drückt sich im körperlichen Wesen deutlich aus und ist für alle ohne
weiteres klar, die den Schlüssel dazu besitzen. Für alle anderen ist
es schwierig, diese Zeichen richtig zu deuten und noch schwieriger,
die gegenwärtige, die mögliche und die relative Stärke und den Wert
jeder Eigenschaft zu erkennen. Jede Handlung eines Menschen wirkt
sowohl auf seinen Körper wie auf seine Seele ein, und die Spuren dieser
Einwirkungen sind für immer in seinen Gesichtszügen wahrzunehmen. Daher
kann der Adept leicht seine Vergangenheit -- sogar seine geheimsten
Taten oder Gedanken -- erkennen, und zwar so leicht, wie wenn sein
Gesicht eine bedruckte Seite mit großen, schönen, klaren Lettern
wäre. Jeder Mensch kann auf mesmerischem Wege von einem anderen
ausgeforscht werden, weil kein Mensch im ganzen genommen stärker ist
als seine schwächste Eigenschaft: eine Kette ist nicht stärker als ihr
schwächstes Glied. So hypnotisiere ich jetzt die Menschen, weil ich
auf den ersten Blick die verwundbarste Seite ihres Wesens erkenne.
Selbstliebe, Eifersucht und Wille ist die einige Dreiheit, um die
sich das Seelenleben dreht. Eins von diesen ist immer verwundbar;
unterwerfen Sie sich dieses und Sie haben den ganzen Menschen
unterworfen. Wenn ich hier solche Experimente vollführe, wie Sie sie
soeben gesehen, dann mesmerisiere ich zunächst nicht das ganze Gehirn,
sondern eine einzelne Eigenschaft desselben, die bald auch die übrigen
nach sich zieht. Der Geist des Menschen ist ein Spiegel! Das werden Sie
zugeben. Nun gut, ich schalte dann meinen eigenen Geist vollständig
aus: ich denke nämlich an gar nichts anderes, als an ein in Umdrehung
begriffenes Rad. Die Versuchsperson spiegelt diese Tätigkeit wider;
dann singe, tanze, spiele ich in meiner Phantasie und der Magnetisierte
spiegelt meine Gedanken durch die entsprechenden Handlungen wider.‹
›Aber angenommen, Ihre Versuchsperson besitzt die Fähigkeiten dazu
nicht, wie dann?‹
›Alle Seelen haben diese Fähigkeiten. Die Körper freilich nicht, aber
ich bringe ja die Seele unter meine Gewalt, nicht nur den Körper.‹
›Das ist eine gefährliche Macht‹, meinte der Kaiser, ›und nur ein guter
Mensch sollte sie besitzen.‹
›Ein schlechter Mensch kann kein wahrer Rosenkreuzer werden, obgleich
die Menschen ihre Waffen gegen die Mitglieder der Brüderschaft
gekehrt haben, und ihre Geheimnisse wie ja auch sonst alles, was dazu
gehört, zu unlauteren Zwecken mißbraucht worden sind. Es kann ein
Kundiger einen Kranken durch diese Kraft heilen, aber er kann auch
einen Gesunden damit töten; tatsächlich ist dies schon oft geschehen,
besonders bei den Eingeborenen Afrikas.
Ich stelle mir z. B. vor, daß Sie krank und am Sterben sind, und
wenn ich diesen Wunsch und Willen aufrecht erhalte, so ist nichts
sicherer, als daß er in Erfüllung gehen wird. Manche Leute besitzen
von Natur eine ungeheure Willenskraft und sind sogar fähig, sichtbare
Bilder hervorzubringen. Bilder von allem, was sie sich gerade
vorstellen -- etwa von einer Blume, einer Hand, einem Arm, einer
menschlichen Gestalt -- und diese Erscheinungen werden dann von Scharen
verblüffter Zuschauer gesehen, die in ihrer vollständigen Unwissenheit
und Unkenntnis des menschlichen Geistes und Körpers und ihrer
gegenseitigen Kräfte sie für die Geister toter Menschen halten.‹
Der Kaiser bat nun den Grafen, aus eigener Kraft Geisterphänomene
vorzuführen, was dieser sofort versprach. Er eilte mehrmals rasch im
Saale hin und her, gab Befehl, das Licht zu verringern; dies geschah;
dann trat er wieder wie vorher vor den Spiegel, wo er eine oder zwei
Minuten lang stehen blieb. Endlich wiederholte er kurz und scharf
dreimal das Wort: ›Seht her!‹ Wir taten es und wirklich: die Flammen
tausend leuchtender Blitze zuckten über die Oberfläche des Spiegels,
den Boden, die Decke und die Wände; bald in Gestalt von Gabeln, bald
wie Ketten eines elektrischen Fluidums, bald verwandelten sie sich
in feurige Eicheln, die sich allmählich zu einer flammenden Krone
vereinigten; einen Augenblick schwebte sie über der Gesellschaft und
schließlich blieb sie etwa fünf Zoll über dem Haupte Napoleons stehen
-- eine Krone von Feuer.
Nachdem er einen so glänzenden Beweis seiner fast unglaublichen Macht
gegeben hatte, wandte er sich an mich, wiederholte seine Einladung,
ich möchte ein Akolyt des ›Tempels‹ werden und sagte noch einmal, wir
würden uns später noch begegnen. Bald darauf war die Sitzung zu Ende
und ich verließ den Palast um ein bedeutendes klüger als bei meinem
Eintritt fünf Stunden vorher.
* * * * *
Eines Nachts kam ich nach Monte Carlo, um mir den ›Barbier von Sevilla‹
anzuhören und dem herrlichen Gesang eines Mario, Grisi oder einer
Gassier zu lauschen. Ich war über all meinen Kummer hinausgehoben
durch die ›Musiklektion‹ dieser berühmten Sängerin und summte auf dem
Heimweg die gehörten Melodien vor mich hin, und als ich schon im tiefen
Schlafe lag, klangen sie noch lange in meinem Ohr nach. Ich war zu Bett
gegangen. Mit all der Vorsicht, die die Amerikaner im allgemeinen und
die Kalifornier ganz besonders an sich haben, -- deren Gewohnheiten
ich angenommen -- hatte ich vor dem Schlafengehen das ganze Zimmer
untersucht, um zu sehen, daß alles sicher und in richtiger Ordnung
war. Nachdem ich dann noch Türen und Fenster gewissenhaft geschlossen,
schlief ich bald ein. Unter meinem Kopfkissen lag meine Geldkatze mit
etwa 2000 Golddollars und ein scharf geladener Revolver, der einmal
einem meiner Bekannten in Kalifornien gehört hatte.
Am Morgen war das Zimmer noch genau so wie am Abend vorher, aber der
Revolver war entladen und das Gold lag auf dem Tisch, und zwar in Form
eines Dreiecks angeordnet, an dessen Spitze der Buchstabe ›R‹ thronte.
An der Brust meines Schlafanzuges aber war mit einigen Nadeln ein Brief
in englischer Sprache in einer kühnen, klaren Handschrift, in roter
Tinte, angeheftet. Am Abend war dieser Brief noch nicht dagewesen --
menschliche Hände konnten ihn nicht hieher gebracht haben. Ich las:
›Vergiß den Zweck nicht, um dessentwillen Du den Ozean überquert hast,
denn Dein Unternehmen betrifft die kommenden Jahrhunderte der Welt! Es
ist noch nicht vollendet. Vollende es! Ich will Dir dienen und Dich
retten. -- E.‹
Ich war wie vom Blitz getroffen. Wieder kreuzte ein geheimnisvolles
Wesen meinen Weg, ein Wesen, dessen Reich das Hier und Drüben war
und dessen Willen mich in einen feurigen Ring einschloß, aus dem es
kein Entkommen gab. Ich war in Verzweiflung, denn schon hatten sich
graue Haare auf meinem Haupte gezeigt; ich fühlte, daß ich vorzeitig
alt wurde und immer weniger durfte ich mit der Möglichkeit rechnen,
daß ich, ein Sohn Adams, mich jemals mit einer Tochter Ichs vermählen
würde.«
ZWEITES BUCH
1. Kapitel
ÜBER DIE ROSENKREUZER
Es ist nicht meine Absicht, alle Abenteuer Beverlys zu erzählen,
noch seine Spuren in Ägypten, Syrien, der Türkei oder in Europa
zu verfolgen. Mehr als eine lange Reise unternahm ich mit ihm und
gelegentlich verlor ich ihn wohl auf Monate aus den Augen, aber durch
die seltsamsten Zufälle trafen wir uns immer wieder, bald auf der
Spitze der großen Pyramide von Giseh, bald in den Wüsten von Dongola
und Nubien, dann in einem französischen Café oder in den Säulenwäldern
von Karnak oder Theben. An der Existenz der Brüderschaft vom Rosenkreuz
zweifelte ich ebenso wie an allem, was Beverly über ihre Macht
erzählte, obwohl ich über die berühmte Brüderschaft schon viel gehört
und noch mehr gelesen hatte.
Auf meinen zahlreichen Reisen begegnete ich immer wieder Pseudoadepten
des Rosenkreuzordens, die eine klägliche Unwissenheit hinsichtlich der
elementarsten Dinge der wirklichen Brüderschaft an den Tag legten.
Unter dem Buchstaben ›R‹ findet man in der ›American Encyclopedia‹
für das Wort ›Rosicrucians‹ folgende Erläuterung: ›Mitglieder einer
Gesellschaft, deren Existenz zu Anfang des 17. Jahrhunderts bekannt
wurde. Ihr Zweck war offenbar die Reform der Kirche, des Staates und
der Menschen überhaupt. Eine nähere Untersuchung ergab aber, daß ihr
wirkliches Ziel die Entdeckung des Steins der Weisen war. Ein gewisser
Christian Rosenkreutz, der angeblich lange Zeit unter den Brahminen
lebte, soll den Orden im 14. Jahrhundert gegründet haben, doch glaubt
man, der wirkliche Gründer sei ein gewisser Andreä, ein deutscher
Gelehrter zu Beginn des 16. Jahrhunderts, gewesen. Ihm wird die Absicht
zugeschrieben, die durch die scholastische Philosophie entweihte
Religion zu reinigen. Andere vermuten, daß er lediglich einer schon
vor ihm von Cornelius Agrippa von Nettesheim gegründeten Gesellschaft
einen neuen Charakter verlieh. Der Schriftsteller Krause sagt, daß
Andreä von frühester Jugend an sich mit dem Plan einer geheimen
Gesellschaft zur Hebung des Menschengeschlechts getragen habe. Im Jahre
1614 veröffentlichte er seine berühmte ›Reformation der ganzen Welt‹
und seine ›Fama Fraternitas‹. Christliche Enthusiasten und Alchimisten
glaubten die in diesen Büchern geschilderte poetische Vereinigung und
so wurde Andreä der Vater der späteren Rosenkreuzer-Brüderschaften, die
sich über Europa verbreiteten. Nachdem noch eine Reihe von Büchern über
das Rosenkreuzertum erschienen war, geriet die Sache in Vergessenheit,
bis das allgemeine Interesse in der letzten Hälfte des 18. Jahrhunderts
wieder erwachte, und zwar infolge der Auflösung des Jesuitenordens
und des Bekanntwerdens seiner Machinationen sowie der Betrügereien
Cagliostros und anderer berühmter Schwindler.‹
Soviel von dem Naseweis, der diesen Artikel der ›American Encyclopedia‹
schrieb. Demgegenüber zitiere ich wörtlich Seite 132 bis 135 aus
der Autobiographie Heinrich Jung-Stillings, späteren Hofrats des
Großherzogs von Baden (London 1858), folgendes:
›Eines Morgens im Frühjahr 1796 kam ein hübscher junger Mann in einem
grünseidenen Plüschrock, der auch sonst gut gekleidet war, in Stillings
Haus in Ockershausen. Er stellte sich in einer Weise vor, die eine
gebildete und adelige Erziehung verriet. Stilling fragte ihn nach
seinem Namen und erfuhr, daß es der bekannte ... sei. Stilling war über
den Besuch erstaunt und sein Erstaunen wuchs in der Erwartung dessen,
was dieser rätselhafte junge Mann ihm mitzuteilen haben möchte.
Nachdem sie sich beide gesetzt, begann der Fremde seine Erklärungen,
indem er den Wunsch aussprach, Stilling wegen einer Augenkranken namens
P. zu konsultieren. Der wirkliche Zweck seines Besuches bedrückte ihn
jedoch so sehr, daß er plötzlich zu weinen begann, erst Stillings
Hand, dann seinen Arm küßte und sagte: ›Mein Herr, sind Sie nicht der
Verfasser der ›Nostalgia‹?‹ ›Gewiß.‹ ›Dann sind Sie also einer meiner
geheimen Vorgesetzten?‹ (In der Großen Loge vom Rosenkreuz.) Hier
küßte er wieder Stillings Hand und Arm und weinte fast laut. Stilling
antwortete: ›Nein, mein lieber Herr, ich bin weder Ihr noch sonst
jemands geheimer Vorgesetzter. Ich bin in keiner wie immer gearteten
geheimen Verbindung.‹ Der Fremde sah ihn starren Auges und mit innerer
Erregung an und entgegnete: ›Teuerster Freund, hören Sie auf, sich zu
verstellen! Ich bin lange und streng genug geprüft worden. Ich dachte,
Sie kennen mich schon!‹
›Nein, Herr, ... ich versichere Ihnen feierlich, daß ich keiner
geheimen Gesellschaft angehöre und tatsächlich von all dem, was Sie da
sagen, nicht das Geringste verstehe.‹
Diese Worte waren zu ernst und streng gesprochen, als daß sie den
Fremden noch länger in Ungewißheit hätten lassen können. Die Reihe,
erstaunt und bestürzt zu sein, war jetzt an ihm. Er fuhr fort:
›Aber dann sagen Sie mir doch, wie es kommt, daß Sie die große und
verehrungswürdige Verbindung im Osten so genau kennen und sie in der
›Nostalgia‹ so umständlich beschrieben haben, wobei Sie sogar Ihre
Versammlungsorte in Ägypten, auf dem Sinai, im Kloster von Canobia und
unter dem Tempel in Jerusalem erwähnten?‹ ›Ich weiß nichts von all
dem‹, erwiderte Stilling, ›diese Ideen stellten sich meinem Geiste
in sehr lebendiger Form dar. Das Ganze ist also nichts als Fabel und
Erfindung.‹
›Verzeihen Sie, aber die Dinge, die Sie schildern, entsprechen
der Wahrheit und Wirklichkeit. Es ist erstaunlich, daß Sie dies
entdeckt haben -- das kann doch nicht durch Zufall geschehen sein!‹
Der Fremde erzählte nun Einzelheiten von der Vereinigung im Osten.
Stilling war über alle Maßen erstaunt, denn er hörte da merkwürdige
und außerordentliche Dinge, die jedoch derart sind, daß sie nicht
veröffentlicht werden können. Ich stelle lediglich fest, daß das, was
Stilling von dem Fremden erfuhr, durchaus keinen Bezug auf politische
Angelegenheiten hatte.‹