aber, während mein Körper in diesem apathischen Zustand war, wurde
meine Seele zu zehnfacher Kraft aufgepeitscht; denn sie sah die Dinge
in neuem, geheimnisvollem Licht und weit deutlicher, als sie es je
durch die körperlichen Augen vermocht hätte. Diese Zunahme des Gesichts
war von einer ebenso starken Zunahme des Gehörs begleitet, und ich
hörte eine Stimme, die ganz der ähnlich war, die ich beim Tode meiner
Mutter und damals, als ich mich in die See stürzen wollte, gehört, und
sie sagte: »Erwache! Eine Aufgabe erwartet dich!« Gleichzeitig ließ
meine Lethargie nach und ich wurde nach oben geführt und legte mich
mechanisch auf ein Sofa, wobei ich meine Augen unwillkürlich auf das
fahle weiße Zifferblatt einer seltsamen alten vlämischen Uhr richtete,
die die ganze südliche Ecke des Zimmers einnahm. Dann ließen mich meine
Freunde allein, um im Gesellschaftszimmer unten ihre Unterhaltung
wieder aufzunehmen.
Das alte Zifferblatt wurde vor meinen Augen heller und heller und
dehnte sich immer mehr aus, bis ich, von seiner Körperlichkeit
nicht mehr behindert, in ein Meer von märchenhaftem Lichte blickte,
dergleichen ich noch nie gesehen. Ich glaubte mich nicht mehr an
meinen Leib gefesselt, sondern frei von Raum und Zeit, ein freier
Bürger der Ewigkeit. Und ich fühlte mich auf einer Dunstwolke in die
Luft emporgehoben, von dem mächtigen Arme eines seltsam blickenden
alten Mannes -- dem genauen Ebenbild desjenigen, der uns einige Tage
vorher durch seine Erzählungen und sein geheimnisvolles Verschwinden
in so große Bestürzung versetzt hatte. Er sagte, ich solle mich nicht
fürchten, sondern auf mich und ihn vertrauen; nicht Böses, sondern
Gutes wolle er mir tun: sein Name sei Ettelavar, seine Jahre zählten
nach Menschenaltern und er sei der Gefährte derer, die sterben und
wieder leben -- und jener, die niemals den Tod erleiden. All dies
und noch mehr sagte er mir; und er fügte hinzu, er wolle sich und
mir helfen. Er kenne geheimnisvolle Mächte, die durch Jahrhunderte
hindurch die Weisen und Gelehrten der Erde zu besitzen behaupten --
die Narek el Gebel, die Hermetisten, die Pythagoräer, die drei Tempel
des Rosenkreuzes, die mittelalterlichen und die modernen Rosenkreuzer
und die zu allen Zeiten und an allen Orten lebenden Erforscher von
Geheimnissen.
Während ich diesem seltsamen Wesen Ettelavar zuhörte, war mir,
als ob ich im Luftraum schwebte; ich verspürte ein so intensives
Lebensgefühl wie nie zuvor, und wußte zum erstenmal, was es heißt,
ein lebendes, menschliches Wesen zu sein. Durch eine mir unbekannte
Kraft tat Ettelavar unserer Bewegung Einhalt und die Wolke, auf der wir
dahinzusegeln schienen, stand mitten im Weltraum still und er sagte zu
mir: ›Sieh und lerne!‹
Wie geschäftige Insekten in der Sommersonne sah ich in weiter Ferne
zahllose menschliche Wesen, die mühsam auf einer steilen Anhöhe
arbeiteten, über deren Gipfel schwerfällig dichte, dunkle, düstere
Wolken hingen. An ihren Rändern waren sie blutrot, wie wenn sie
mit Donner gekrönt und ihr Inneres übervoll von Blitzen wäre; ihre
finsteren Schatten legten sich schwer und bleich auf die Ebene unten,
wie Sterbekleider auf die Glieder einer schönen Frau. ›Es ist nur
eine Masse‹, sagte ich; und das Wesen an meiner Seite wiederholte in
erstauntem Tone: »Nichts als eine Masse? Knabe, die Schicksale der
Völker beruhen auf der Masse. Sieh weiter!« Ich gehorchte mechanisch
und bald bemerkte ich eine seltsame Bewegung unter der Menge, ein
Klagegeheul drang empor -- ein Schrei höchster Angst -- ein Schall,
schwerbeladen mit Weh und Seelenleiden. Ich schauderte.
Auf der äußersten Spitze des Berges stand ein gewaltiges Monument, kein
Obelisk, aber eine Art Tempel, vollkommen in allen seinen Linien und
prächtig anzuschauen. Auf diesem Gebäude stand eine kleine Pyramide aus
glänzendem Gold und auf jeder ihrer Seiten war das lateinische Wort
›felicitas‹ eingegraben. Ich fragte meinen Führer nach einer Erklärung,
aber anstatt sie zu geben, legte er seine ätherische Hand auf meine
Hand und indem er leicht über meine Augen fuhr, sagte er: ›Sieh!‹
Hatte seine Berührung Zauberkraft? Es schien so, denn sie vergrößerte
meine Sehkraft wohl um das Fünfzigfache und als ich mich wieder der
Erde zuwandte, wurde mein Interesse durch ein wirkliches Drama erregt,
das sich da und dort abspielte. Offensichtlich war die große Mehrheit
der Leute teilweise, wenn nicht völlig blind, und ich beobachtete, daß
eine Gruppe in der Mitte der Ebene am Fuße des Berges sich in größerer
Erregung zu befinden schien als die anderen. Ihre Unruhe schien aus dem
Wunsch hervorzugehen, der hier jeden beherrschte, nämlich eine Kugel
und einen Stab aus Gold zu bekommen, die auf einem roten Samtkissen in
dem prächtigen Gebäude auf dem Berge lagen. Inmitten dieser letzteren
Gruppe, die sich heftig bemühte, den Weg zu dem Monument hinauf zu
erreichen, befand sich ein Mann, der mit weit mehr Willenskraft und
Entschlossenheit ausgestattet zu sein schien als alle anderen. Mutig
strebte er auf dem Wege zum Gipfel vorwärts und nach unglaublichen
Anstrengungen hatte er auch Erfolg. Frohlockend nahte er sich dem
Tempel. An seiner Seite waren noch Hunderte. Er überholte sie, trat ein
und streckte die Hände nach der Kugel und dem Zepter aus -- ich glaubte
schon, er würde gewiß sein Ziel erreichen -- seine Finger berührten
schon den Preis, ein Lächeln des Triumphes erhellte sein Antlitz,
aber da nahm es plötzlich die Farbe des Todes an -- er fiel zur Erde,
von einem tödlichen Schlag getroffen, den eine verräterische Hand von
hinten geführt hatte, und schon packten ihn andere und warfen ihn in
den gähnenden Abgrund, an den der Tempel hart angrenzte. Wohl war er
der erste, aber der erste, der in Stücke gerissen und von den eisernen
Fersen der Neuankommenden zu Tode getreten wurde -- von Menschen, die
kein Mitleid fühlten, sondern sich vielmehr freuten, daß die Zahl ihrer
Rivalen sich um einen vermindert hatte.
›Ist es möglich,‹ rief ich innerlich aus, ›daß ein so infernalischer
Neid in menschlichen Seelen kocht?‹
›Leider, wie du siehst‹, antwortete Ettelavar an meiner Seite. ›Laß
dir zur Lehre dienen, was du gesehen hast. Ruhm ist ein Wahnsinn,
nicht wert, ihn zu besitzen, wenn man ihn erlangt hat. ›Felicitas‹
schwebt dem Menschen immer vor und wird nie erreicht, darum sollte man
gar nicht danach streben. Freundschaft ist ein leerer Name oder ein
bequemes Kleid, das die Menschen anlegen, um einander mit größerer
Leichtigkeit berauben zu können. Kein Mensch freut sich, wenn er den
anderen emporkommen sieht, außer, wenn dieses Emporkommen seiner
eigenen Erhöhung nützt. Und der Hintenstehende wird den Vornstehenden
erdolchen, wenn er ihm im Wege steht. Ich beginne mein Amt als dein
Schützer, indem ich dich vor der Welt warne -- und damit dich gegen
sie bewaffne -- und vor allen, die zu ihr gehören. Wenn du wirklich
emporsteigen willst, dann mußt du erst lernen, die Welt und alles, was
sie enthält, auf seinen richtigen Wert einzuschätzen. Denke daran; ich,
der ich zu dir spreche, bin Ettelavar. Erwache!‹
Wie die plötzliche schwarze Wolke in östlichen Meeren, so kam eine
Finsternis über mich; meine Augen öffneten sich und erblickten das
alte Zifferblatt. Seine Zeiger sagten mir, daß genau dreizehn Minuten
verflossen waren, seit ich zum erstenmal auf jener Uhr nach der Zeit
gesehen hatte. Seit jener Stunde habe ich manches Ähnliche erlebt und
das ist auch der Grund für die in gewisser Hinsicht außergewöhnlichen
Kräfte, die ich mir nicht anmaße, sondern die mir zugeschrieben werden.«
Dies war der Inhalt der Erzählung des jungen Mannes, die er zur Antwort
auf die Fragen gab, die ihm, lange bevor er hier dem Leser vorgeführt
wurde, vorgelegt worden waren.
5. Kapitel
LIEBE -- EULAMPIA[2] -- DAS SCHÖNE
Die goldene Sonne ging unter, der Tag sank unter seine purpurnen Decken
im glühenden Westen. Arbeitsmüde Bauern wanderten langsam ihren Weg
nach Hause zum Abendessen. Noch saß der Wanderer an der Landstraße;
noch fielen seine Tränen und wenn die Heimkehrenden an ihm vorbeikamen,
machten sie wohl Bemerkungen über ihn, ohne sich darum zu kümmern, ob
er sie hörte oder nicht. Zuletzt kamen drei Personen des Wegs, von
denen zwei unzweifelhaft Indianer waren, während es bei der dritten,
einem Mädchen von einzigartiger Gestalt, Grazie und Gesichtsfarbe und
ungewöhnlicher Schönheit sehr schwer war, ihre Rassenzugehörigkeit zu
bestimmen. Sie war etwa vierzehn Jahre alt. Der Knabe, der sie und
den alten grauhaarigen Indianer begleitete, mochte gegen zwölf Jahre
zählen. Dieser Junge nun bemerkte den Fremden zuerst.
»O, Eulampia,« sagte er, »sieh doch! Da sitzt ein Mann und weint,
ich will ihm helfen!« Er redete in seiner Muttersprache. Er war ein
Vollblutindianer, furchtlos, lebhaft und edelmütig. Er war vom Stamme
der Oneida, die zu den Mohawks gehören. Unglück sehen und zu Hilfe
eilen war für ihn ein und dasselbe, wie es auch bei seinem Volke
gebräuchlich war, bis es durch schlechte Sitten und durch eine noch
schlechtere Schutzherrschaft »kultiviert« und »zivilisiert« wurde. Der
Indianer hieß Ki-ah-wah-nah (der Lindernde und Tapfere) und war der
Häuptling des Stockbridge-Zweiges der Mohawks. Das Mädchen, Eulampia,
war dem Namen nach sein Enkelkind, in Wirklichkeit aber hatte sie
außer Kleidung, Sprache und Erziehung nichts Indianisches an sich,
obgleich man sie wohl für einen Mischling hätte halten können. Ihr Name
war neugriechisch, aber ihre Züge und ihre Gesichtsfarbe erinnerten
nicht mehr an die der schönen Bewohner der Gestade des Bosporus als
an die der Indianer oder Angelsachsen. Vor vielen Jahren war das
Mädchen von einer Frau, die zu einer Bande wandernder Zigeuner gehört,
dem Häuptling gebracht und für eine Woche seiner Obhut übergeben
worden. Diese Frau hatte, durch den Ruf der Neuen Welt angelockt, ihre
europäische Heimat verlassen und die See durchquert, um eine goldene
Ernte zu sammeln. Die Zigeunerbande hatte sich fast ein Jahr lang in
Cornhill in Utica aufgehalten und dann von dort das Land in weitem
Kreise durchzogen. Die Frau war niemals zurückgekommen, um ihr Kind
wieder zu holen, denn die übrigen Mitglieder der Gesellschaft brachen
plötzlich auf. Der alte Häuptling, der Eulampia als Kind übernommen
hatte, gewann sie, als sie heranwuchs und größer wurde, ebenso lieb
wie wenn sie eine Frau seines eigenen Stammes gewesen wäre. Dies
war keineswegs verwunderlich, denn ihr überlegener Geist erzwang
sich bald Achtung und Bewunderung. Keine einzige der ethnologischen,
körperlichen oder seelischen Eigenheiten der Zigeunervölker war an
ihr wahrzunehmen und kluge Leute vermuteten deshalb, sie sei irgendwo
von jenem Weibe gestohlen worden, das sie aus Furcht oder Berechnung
ihrem Schicksal und der Fürsorge des guten alten Indianers überlassen
hatte. Sie galt weit und breit nicht nur als die Schönste, sondern
auch als die Gescheiteste unter all ihren Altersgenossinnen und war
die unbestrittene Königin jener Indianerreservation, nicht von Rechts
wegen, sondern durch ihre geistige Überlegenheit.
Dies war also die »hellstrahlende« Jungfrau, die sich jetzt, durch die
Rufe des Knaben aufmerksam gemacht, dem jungen Beverly näherte. Als sie
sein Äußeres gewahrte, das von Not und Kummer Zeugnis ablegte, legte
sie ihre zarte Hand sanft auf sein Haupt und sagte mit einer ungemein
herzlichen und sympathischen Stimme: »Mann mit dem schweren Herzen,
warum weinst du da? Ist deine Mutter vor kurzem gestorben?«
Der junge Mann hob den Kopf, sah das Mädchen in seiner blendenden
Schönheit vor sich und entgegnete, nachdem er einen Augenblick gezögert
hatte, wobei ihn ein Schaudern wie von einer schmerzlichen Erinnerung
überlief, mit leiser Stimme: »Nein; es kann nicht sein! -- es kann
nicht sein! -- Und gar in diesem Teil der Welt! Nein!« Dann fügte er
hinzu: »Mädchen, ich bin allein und das ist's, warum ich weine. Ich
bin noch jung, aber das Gewicht von Jahren des Kummers lastet schwer
auf mir und drückt mich nieder. Heute ist der Jahrestag des Todes
meiner Mutter und ich begehe ihn immer in Tränen und Gebet. Seit sie
zum Himmel heimging, habe ich keinen wahren Freund gehabt, und mein
Los und Leben ist Elend. Die Menschen nennen sich meine Freunde und
beweisen es, indem sie mich berauben. Vor kurzem kam einer zu mir --
er war sehr reich -- und sagte: ›Man sagt mir, daß Ihr sehr geschickt
in der Behandlung von Kranken seid. Kommt; ich habe eine Schwester,
die die Ärzte bereits aufgegeben haben. Ich liebe sie, Ihr seid arm,
ich bin reich. Rettet sie; Gold wird Euer Lohn sein.‹ Ich ging, die
Ärzte hatten sie aufgegeben und nur zwei Möglichkeiten gab es noch, ihr
Leben zu verlängern -- entweder die Übertragung von Blut aus meinen
Adern in die ihrigen, oder eine Übertragung des Lebens selbst. Ich war
jung und kräftig und wir beschlossen, den letzteren Weg einzuschlagen.
Und Monate lang saß ich nun -- während der Zeit von drei Jahren -- bei
der armen Kranken und ließ ihren zerstörten Körper auf magnetischem
Wege wieder Leben gewinnen, ohne darauf zu achten, daß ich dabei meine
eigene Gesundheit untergrub. Schließlich brach ich vor Erschöpfung und
Krankheit zusammen und war, nur um mein Leben zu retten, genötigt, das
magnetische Band zwischen uns zu lösen und nach Europa zu gehen. Kaum
war die Verbindung unterbrochen, so sank sie ins Grab. Falsche Freunde
haben mich betrogen und mich an den Bettelstab gebracht. Du weißt
jetzt, warum ich traurig bin, Mädchen mit dem guten Herzen! Ich bin
schwach heute abend; der Morgen wird mir wieder Kraft bringen. Sieh,
die goldene Sonne geht im Westen unter. Ich fürchte, meine Sonne geht
auch unter und die lange, lange Nacht des Elends wird folgen.«
»Du sprichst gut, Mann mit der wunden Seele,« entgegnete sie, »du
sprichst gut, wenn du sagst, daß die Sonne untergeht; aber du scheinst
zu vergessen, daß sie wieder aufgehen und so hell wie heute scheinen
wird! Alte Leute sagen, daß die finsterste Stunde die vor dem Anbruch
des Tages ist. Ich bitte dich, fasse Mut. Du kannst trotzdem glücklich
sein!«
»Genau der Wahlspruch der geheimnisvollen Brüderschaft! -- Genau die
Worte meiner toten Mutter! Wie ist dieses Mädchen dazugekommen? Wann?
Wo? Durch wen?«
Beverly stutzte und blickte in die dunkle Tiefe ihres Auges. Er wollte
schon die Fragen an sie stellen, die sich ihm soeben aufgedrängt
hatten, tat es dann aber doch nicht.
»Wir können alle trotzdem glücklich sein,« wiederholte sie, »denn
der große Geist hat es mir gesagt«, und sie faltete ihre Hände
über ihrer jungfräulichen Brust -- glühend von unsterblicher Glut
und Begeisterung. Und sie warf mit einem Ruck ihres Hauptes ihr
langwallendes schwarzes Haar zurück und stand da als die vollkommene
Verkörperung von Treue und Hoffnung, wie wenn ihre emporgewandten
Augen ein Gottesblick vom Himmel herab träfe. Der alte Häuptling
und der Knabe an ihrer Seite sagten nichts, aber jeder faltete
instinktiv seine Hände zum Ausdruck des Vertrauens und des Gebets. Die
Gesamtwirkung dieses Eindrucks auf den jungen Mann war eine ungeheuere.
Der seltsame Vorfall erschütterte ihn so mächtig, daß er aufstand und
dem Mädchen seine Hände auf das Haupt legte. Dann erhob er seine Augen
und seine Stimme gen Himmel und antwortete aus der Tiefe seiner Seele:
»Amen und nochmals Amen.«
In diesem kritischen Moment kam ich, der Verfasser dieses Buches,
zufällig dahin, wo jene Szene stattfand. Einige wenige Worte genügten
zur Einführung, und an derselben Stelle begann eine Freundschaft
zwischen uns, die selbst der Tod nicht zu trennen vermochte.
Zwei Stunden später saß der Häuptling mit seinem Sohne, das Mädchen,
der Jüngling und ich bei einem freundschaftlichen Mahle in dem
Hause des Alten. Nach beendeter Mahlzeit nahm das Gespräch eine
philosophische Wendung, wobei der Häuptling, der wirklich ein
glänzendes Beispiel eines gebildeten Indianers war, sich lebhaft und
mit Interesse an der Unterhaltung beteiligte.
Endlich griffen die Älteren zu ihren Pfeifen, die Jüngeren legten sich
schlafen, und Beverly und Levambea, wie sie allgemein genannt wurde,
gingen hinaus und setzten sich unter einer alten Sykomore nieder,
die ihre gigantischen Glieder wie ein Schutzgeist über das Häuschen
streckte. Dort plauderten sie, zuerst heiter, dann aber in einem
zarteren und ernsteren Ton und es war klar, daß zwischen diesen beiden
Menschenkindern schon etwas Wärmeres als Freundschaft aufgeblüht war.
Als sie sich erhoben, um ins Haus zu gehen, waren die letzten Worte,
die das Mädchen sprach -- und zwar mit demselben begeisterten Ton, wie
bei ihren ersten Worten --: »Ja, ich werde dich lieben, aber nicht
hier, nicht jetzt, vielleicht nicht einmal auf dieser Erde. Doch ich
will deine Stütze und dein Stab sein, mögen auch weite Meere zwischen
uns liegen. Höre zu: Wenn ich in Gefahr bin, wirst du es wissen, wo
immer du auch sein magst. Wenn du in Gefahr bist, wirst du mich sehen.
Vergiß nicht, was ich sage, und stelle keine Fragen. Dein Schicksal
ist ein einzigartiges, aber nicht einzigartiger als das meine. Gute
Nacht! Lebe wohl! Wir werden uns jetzt nicht mehr sehen -- es ist
nicht erlaubt!« Und ohne noch ein Wort zu sprechen, verließ sie ihn
plötzlich, eilte ins Haus, stieg die Treppe hinauf und war verschwunden
wie ein Geist.
Am nächsten Tage willigte der junge Beverly auf das Zureden des
Häuptlings und anderer, die Interesse an ihm nahmen, ein, mit mir nach
meinem Heim zu gehen, das viele Meilen von jenem Orte entfernt war. Wir
kamen nach Verlauf der gewöhnlichen Zeit an und er blieb mehrere Monate
lang mein Hausgenosse. Und während er sich noch unter der Einwirkung
seiner geschwächten Gesundheit und des daraus folgenden mitteilsamen
Zustandes befand, wurde ich mit vielen der erhabenen und tiefen
Geheimnisse der berühmten Brüderschaft der Rosenkreuzer vertraut,
über die er genau Bescheid wußte und die er mir in bestimmten Grenzen
zu veröffentlichen erlaubte, unter der einen Bedingung freilich, daß
ich den Sitz der Logen, des Domes und die Namen der obersten Führer
nicht angeben dürfe, während er mir für die unteren Tempel des Ordens
-- die in diesem Lande die drei ersten Grade umfassen -- keine solche
Beschränkung auferlegte, da den Dienern dieser letzteren die höheren
Logen vollständig unbekannt sind.
Wie oft, ach, wie oft, saß ich neben ihm an den grünen Ufern des
Flusses, der mein kleines Besitztum durchströmte, und lauschte
hingerissen der tiefen Weisheit, und den Schilderungen des Wesens und
des Ursprungs, der Macht und der Bestimmung der Rosenkreuzer -- und
all dies hörte ich von den Lippen eines Mannes, der völlig unfähig
war, sich mit der habsüchtigen Welt des Handelns und Feilschens auch
nur mit dem geringsten Erfolg herumzustreiten. Es war der seltsamste
Widerspruch, der mir je an einem Menschen begegnete. Dieser Mann,
der in geistigen Wollüsten schwelgte, wie sie für Engel geschaffen
sein mochten, hatte nicht so viel Schlauheit, um die Pläne eines
gewöhnlichen Betrügers zu vereiteln; -- dieser Mann setzte blindlings
für lange Jahre sein ganzes Vertrauen auf einen anderen, dessen
einziges Ziel es war, ihm nicht nur sein kleines Vermögen, sondern
auch seinen guten Ruf zu rauben -- dieser Mann mußte zusehen, wie ein
ihm teures Kind verhungerte, buchstäblich verhungerte, und begraben
wurde, während jener mit den Seinigen im gleichen Augenblick das Geld
verpraßte, für das er seine Gesundheit, ja sein Leben in Tausch gegeben
hatte. Welch seltsame Widersprüche! Ich habe mich oft gewundert, wie
solche Dinge geschehen konnten und besonders dann, wenn er mir die
höheren Geheimnisse des Ordens enthüllte, wenn er von Apollonius von
Tyana, von den Platonikern, den alten Pythagoräern, von den Sylphen,
Salamandern und Glendovers, von Cardan, von Yung-tse-Soh und dem
kabbalistischen Licht, von Hermes Trismegistos und den smaragdenen
Tafeln, von Hexerei und weißer und schwarzer Magie, vom Labyrinth,
von göttlicher Weisheit, von Gott und dem Reiche der Götter, von
den Wahrheiten und Irrtümern der goldsuchenden Hermetisten und
Pseudorosenkreuzer, von Justinus dem Märtyrer, von Tertullian, Cyprian,
Lactantius und Clemens Alexandrinus, von Origines und Macrobius,
Josephus und Philo, von Enoch und den präadamitischen Geschlechtern,
von Dambuk und Cekus, Psellus, Jamblichus, Plotin und Porphyrius und
Paracelsus und über tausend andere mystische Bekenner sprach.
So sagte er eines Tages zu mir: »Denken Sie noch daran, wie Sie mich
auslachten, als ich zum erstenmal von den Rosenkreuzern zu sprechen
begann und Sie behaupteten, daß eine solche Brüderschaft, wenn sie
überhaupt existiere, aus Schurken oder Narren bestehen müßte? Wie
Sie herzlich lachten, als ich Sie darüber aufklärte, daß der Orden
auf beiden Seiten des Grabes sich in die kleinsten Verzweigungen
gliedere, daß er am anderen Ufer derzeit in seinen unteren Graden als
der ›Königliche Orden von Gann‹ bekannt sei und in seinen höheren als
der ›Große Orden der Neridien‹, daß, wer immer sich aus irgendwelchen
Gründen der Brüderschaft diesseits des Grabes anschließe, nicht nur
jedes Schutzes sicher sei und ihm auch eine große Menge wichtiger
Kenntnisse vermittelt würden, sondern daß ihm auch ein Anteil an dem
jenseitigen Ufer des Lebens zuteil würde, im Vergleich zu der jedes
andere Schicksal unbedeutend und nutzlos ist. Ich wiederhole diese
Behauptung jetzt.«
6. Kapitel
NAPOLEON III. UND DIE ROSENKREUZER EIN UNGEWÖHNLICHER MANN UND EINE
UNGEWÖHNLICHE THEORIE
Beverly fuhr in seiner Erzählung fort: »Ich habe schon von dem Fluch
erzählt, der über mich verhängt ist; -- daß ich zu ewigen Verwandlungen
verdammt bin, wenn ich nicht durch die Ehe mit einer Frau erlöst werde,
in deren Adern kein Tropfen vom Blute Adams kreist -- und auch das nur,
wenn eine vollkommene gegenseitige Liebe besteht. Dieser Fluch hat
mich mit gewissen Wesen, Mächten und Einflüssen in Berührung gebracht,
wie schon andere vor mir, und schließlich wurde ich ein freiwilliger
Adept der Geheimnisse der Brüderschaft der Rosenkreuzer. Wie, wann
und wo ich würdig befunden wurde, aufgenommen zu werden, darf ich
natürlich nicht sagen; es mag genügen, daß ich zu dem Orden gehöre,
daß ich -- nachdem ich auf gewisse Dinge hatte verzichten müssen --
zu der Genossenschaft der Lebenden, der Toten und derer, die niemals
sterben, sowie zu den berühmten Derishavi-Laneh zugelassen wurde und
daß ich mit den letzten Geheimnissen der Fakie-Deeva-Register vertraut
bin. Im Leben habe ich immer drei große Möglichkeiten vor mir gehabt:
Eine davon ist die, daß ich -- da ich eine neutrale Seele bin -- nach
meinem Tode der Führer eines hohen Ordens, das ›Licht‹ genannt, werden
würde. Die zweite wäre die Berufung zur Führerschaft des ›Schattens‹,
eines entgegengesetzten Ordens, gewesen. Die dritte, die ich am meisten
fürchte, ist die, daß der vor vielen Menschenaltern ausgesprochene
Fluch eines Sterbenden, ich müsse in verschiedenen Körpern auf der Erde
umherwandern, ewige Dauer erlangen könnte, wie ich schon erzählt habe,
wenn ich nicht durch die treue Liebe eines Weibes losgekauft werde,
in deren Adern nicht ein Tropfen von Adamsblut fließt. Es ist mein
sehnsüchtiger Wunsch, alle diese drei Möglichkeiten zu vermeiden und
des Loses anderer Menschen teilhaftig zu werden.
Ich habe noch andere geheimnisvolle Dinge zu erzählen. Ohne Zweifel
erinnern Sie sich, daß jener Fluch von dem jungen Dichter ausgestoßen
wurde und daß die geheimnisvolle Stimme in dem Gefängnis, wo er
erschlagen wurde, erklärte, daß jener Jüngling fortan, bis der Fluch
erfüllt sei, durch alle Zeiten als der ›Fremde‹ bekannt sein solle.
Nun gut, im Verlauf der Jahrhunderte wurde dieser Fremde Mitglied
einer erhabenen Brüderschaft des Jenseits mit dem Namen ›das Licht‹.
Sie wissen auch, daß ich, der König, verurteilt wurde, bis zu meiner
Erlösung rastlos umherzuwandern, und Sie wissen auch, daß dem
Wesir, der den Namen ›Dhoula Bel‹ erhielt, ein seltsames Geschick
auferlegt wurde. Auch er wurde ein tätiges Mitglied einer ausgedehnten
Vereinigung im Weltraum, des ›Schattens‹. Das ist jedoch nur die eine
Hälfte des Geheimnisses, denn Dhoula Bel und der Fremde hatten es sich
zur Aufgabe gemacht, aus mir ein in jeder Beziehung neutrales Wesen zu
machen, eines, das keine Neigungen zum Guten oder zum Bösen, sondern
nur zu rastlosem Streben haben sollte.