Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des Buches.
ROMANE UND BÜCHER
DER MAGIE
HERAUSGEBER:
GUSTAV MEYRINK
[Illustration]
RIKOLA VERLAG
WIEN · BERLIN · LEIPZIG · MÜNCHEN
1922
DHOULA BEL
EIN ROSENKREUZER-ROMAN
VON
P. B. RANDOLPH
AUS DEM ENGLISCHEN MANUSKRIPT
ÜBERSETZT UND HERAUSGEGEBEN VON
GUSTAV MEYRINK
[Illustration]
RIKOLA VERLAG
WIEN · BERLIN · LEIPZIG · MÜNCHEN
1922
Copyright 1922 by Rikola Verlag A. G., Wien
Druck der Gesellschaft für graphische Industrie, Wien VI
VORWORT
Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, das so ungewöhnlich viele in
okkulter Hinsicht bemerkenswerte Menschen hervorgebracht hat, lebte in
den Südstaaten Amerikas ein Mann, der sich P. B. Randolph nannte, in
seiner Jugend Friseur war, später alle möglichen kleinen Berufe ausübte
und in sonderbarem Stolz von sich behauptete, sieben Menschenrassen
zu verkörpern: Inder, ägyptische Fellachen, Neger, Weiße, Turkmenen,
Kreolen und Armenier.
Ich kann seinen Stammbaum natürlich nicht nachprüfen, aber Freunde,
die Randolph kannten, sagten mir, sein Typus sei derart auffallend und
fremdartig gewesen, daß sie keinen Zweifel in seine Angaben gesetzt
hätten.
Randolph schrieb mehrere Bücher, teils Abhandlungen über sogenanntes
Kristallsehen (eine Methode, Visionen durch Starren in schwarze
Spiegel zu erzeugen), teils Romane höchst merkwürdigen und verworrenen
Inhaltes, die sämtlich in Vergessenheit geraten sind; -- das Publikum
wußte nichts Rechtes damit anzufangen und wohl schon, als die Bücher
erschienen, mögen die meisten Leser den Kopf geschüttelt haben, als sie
ihnen in die Hände fielen.
Eines dieser Werke, »Dhoula Bel«, liegt hier vor als dritter Band der
Serie »Romane und Bücher der Magie«.
Ich habe es vor vielen Jahren als Manuskript durch Vermittlung einer
okkulten amerikanischen Brüderschaft, deren Gründer der Autor war, von
der Witwe Randolphs, einer Negerin in Ohio, nebst anderen Schriften und
einem der erwähnten schwarzen Spiegel -- einem sogenannten indischen
»Battah«-Spiegel -- erworben.
Es sei hier kurz bemerkt, daß ich den Roman »Dhoula Bel«, keineswegs
von der Ansicht ausgehend, es handle sich dabei um ein Buch von
besonderem literarischen Werte, herausgebe, sondern lediglich in
der Erwägung: es liegt ein starker Reiz darin, einen Blick in die
Gedankenwelt eines Menschen zu tun, der, ein Schwärmer katexochen
und ein Cagliostro im kleinen, ohne jemals auch nur die geringste
Schulbildung genossen zu haben, plötzlich zur Feder greift und
hemmungslos, ein Halbwilder und Besessener, zu uns spricht.
Eine Zeitlang war er -- wenn ich nicht irre in Boston -- berufsmäßiger
Hellseher und bestritt seinen Lebensunterhalt durch Verkauf der
erwähnten magischen Spiegel, die er unter kuriosen, exotischen
Zeremonien anfertigte.
Einige meiner Freunde, die Randolph kannten, schrieben mir
übereinstimmend, seine Gabe räumlich hellzusehen, sei geradezu
verblüffend gewesen und habe alles weit in den Schatten gestellt, was
auf diesem Gebiete jemals geleistet wurde.
Tatsache ist, daß der letzte Napoleon ihn nach Paris kommen ließ; ein
Kapitel in dem vorliegenden Roman behandelt Näheres darüber.
Wie Eliphas Lévi (siehe II. Band der »Romane und Bücher der Magie«) war
auch er ein erbitterter Gegner des Spiritismus. -- »Was immer sich in
solchen Séancen zeigt«, sagte er wörtlich, »ist das Teuflischste, was
ein menschliches Gehirn auszudenken imstande ist -- mag es sich auch
noch so engelhaft gebärden.«
Helene Petrowna Blavatsky, die bekannte Gründerin der Theosophischen
Gesellschaft, hatte ihn auf ihren Reisen in Amerika kennen gelernt;
-- sie verkehrten miteinander auf eine höchst geheimnisvolle
Weise, wie mir ein Freund, der beide kannte und oft mit ihnen
beisammen war, berichtet hat. »Sie schienen sich telepathisch (durch
Gedankenübertragung) verständigen zu können;« -- so schrieb mir mein
Freund -- »oft, wenn ich mit der ›old lady‹ (Spitzname der Blavatsky)
beim Tee saß, sprang sie plötzlich auf und rief: Was will denn der Kerl
schon wieder! -- Und dann, wenn ich sie begleitete, jedesmal trafen wir
den »Nigger« wartend auf irgendeinem Platze, dem Frau Blavatsky, als
stünde sie unter einem Befehl, in größter Eile zugesteuert war. Was sie
dann miteinander verhandelten, habe ich nie erfahren können, denn die
old lady schwieg darüber wie das Grab.«
-- -- -- »Randolph« -- so heißt es weiter in dem Brief meines Freundes
-- »ist der unheimlichste Mensch, der mir in meinem Leben vorgekommen
ist. -- Ich habe mir alle Mühe gegeben, sein Inneres zu durchschauen;
-- vergebens. -- Plötzlich, mitten im Gespräche -- auf der Straße
-- änderte sich der Ton seiner Stimme; ein Fremder schien aus ihm
zu sprechen, oft in einer Sprache -- und ich kenne deren viele! --,
die mir völlig unbekannt war. -- -- Seine Gabe, Vorgänge hellsehend
zu schauen, die an weitentfernten Orten geschahen, grenzte ans
Wunderbare. -- -- --
Da von ihm die Rede ging, er sei imstande, Frauen durch Fernsendung
eines Willensstromes sich gefügig zu machen, beschloß ich eines Tages,
ihm in dieser Hinsicht auf den Zahn zu fühlen und brachte das Gespräch
darauf. -- Wir waren gerade im Theater und es war Zwischenpause.
›Jawohl,‹ sagte Randolph, als ich ihn fragte, ›jede Frau, die ich rufe,
muß kommen. Jederzeit. Sofort.‹
›Auch jetzt, zum Beispiel?‹
›Gewiß. Auch jetzt. Bestimmen Sie selbst eine von den vielen, die da
unten sitzen.‹
Ich deutete verstohlen auf eine blonde junge Dame in einiger Entfernung
und Randolph versank sofort, die Augen schließend, in ein starres
Brüten.
Kaum zwei Minuten später erhob sich die Dame und taumelte wie eine
Mondsüchtige hinaus.
Natürlich bat ich Randolph, auf der Stelle das scheußliche Experiment
zu unterbrechen.«
* * * * *
Das Leben P. B. Randolphs ist mir nur bruchstückweise bekannt. Seine
Lehre der Magie, soweit er sie anderen mitteilte, ist einesteils
sublim, anderseits -- negerhaft barbarisch wie nur möglich.
Näheres darüber mitzuteilen (was ich weiß, entstammt Mitteilungen
aus Kreisen der von ihm gegründeten »occult brotherhood of Eulis«)
ist mir mangels Raum hier nicht möglich; außerdem würde ich davor
zurückscheuen, es zu veröffentlichen, denn die Sache scheint mir
zu gefährlich fürs Gemeinwohl, als daß ich mich auf eine genaue
Schilderung einlassen möchte.
Es genügt zu sagen: Randolph benützte als Stimulans zu magischen
Handlungen sexuelle Mittel.
Sapienti sat!
Das Ende in derlei Fällen ist immer das gleiche: Irrsinn oder
Selbstmord.
Randolph ging an beidem zugrunde; er erschoß sich in einem Anfall
höchst sonderbarer Geistesverwirrung.
Ich zitiere wiederum meinen Freund. Er schrieb mir wörtlich:
-- -- -- »Die Ursache des quasi über Nacht entstandenen Hasses zwischen
Frau Blavatsky und Randolph ist mir vollkommen unbekannt. Vielleicht
war es Rivalität. Jedenfalls ist die old lady Siegerin geblieben.« --
-- -- -- Dann heißt es am Schlusse des Briefes:
»Es war in Adyar (Indien). Frau Blavatsky und ich saßen regungslos
und schweigend auf unseren Sesseln unter großen Schirmen, denn es war
glutheiß. Plötzlich rief Frau Blavatsky: ›Jetzt schießt er auf mich,
der Nigger! -- -- -- So, jetzt hat ihn der Teufel geholt.‹
Auf meine erstaunte Frage, was denn los sei, erzählte sie mir, Randolph
habe sie soeben auf magische Weise ermorden wollen, indem er (in
Amerika! Tausende Meilen entfernt!) eine Pistole geladen habe mit dem
Willensbefehl, die abzuschießende Kugel möge sich dematerialisieren
(entstofflichen) und sich in ihrem Herzen (Blavatskys) wieder zu Blei
zusammensetzen. Im letzten Augenblick jedoch sei Randolph wahnsinnig
geworden und habe sich selbst in die Stirn geschossen.
Ich glaubte das natürlich nicht, aber für alle Fälle notierte ich mir
Stunde, Datum und Minute.
Was ich ungefähr ein Jahr später von Kate (Randolphs Witwe) in Ohio
erfuhr, hat mich tief erschüttert: tatsächlich hat sich der Nigger
genau zur selben Zeit in die Stirn geschossen. -- Du wirst mir ja
glauben und ich erzähle es auch nur dir. Anderen gegenüber schweige
ich lieber, damit es nicht wieder heißt: ›Ach ja, theosophischer
Hofklatsch.‹«
* * * * *
Ich hielt es für angebracht, diese »Anekdote« (so wird es wohl
die größere Anzahl der Leser nennen) über Randolphs Leben hier
wiederzugeben.
Worauf ich jedoch die Aufmerksamkeit in »Dhoula-Bel« besonders lenken
möchte, da es mir zur Erkenntnis spiritistischer Phänomene wichtig
scheint, Ist das Kapitel über den Mediator »Nibchi«.
Starnberg, im Herbst 1921
GUSTAV MEYRINK
DHOULA BEL
Ein Rosenkreuzer-Roman
ERSTES BUCH
1. Kapitel
DER SELTSAME MANN
Er setzte sich müde am Wegrand der Landstraße nieder, denn er war
weit gewandert an jenem Tage. Seine Füße waren wundgelaufen und seine
Körperkraft war durch die Not und das Elend, das er durchgemacht,
beinahe erschöpft. Seine Augen blickten verstört und ein Dunstkreis
schwerer Düsterkeit umgab ihn, deutlich fühlbar für alle, die in seine
Nähe kamen und ihn anblickten. Er war ein Mensch, den schwere Sorgen
drückten.
Und als er so am Wegrand saß, das Haupt auf seinen Stock gestützt,
quollen bittere Tränen zwischen seinen Fingern hervor und netzten den
Boden zu seinen Füßen. In späteren Zeiten erwuchs hier eine Zypresse,
der Baum der Sorge, und grünte in düsterer und trauervoller Schönheit,
wie um den Ort zu bezeichnen und zu behüten, wo einst der Mann seine
klagende Stimme erhoben und laut geweint hatte.
Doch das lag viele Jahre zurück und war der Anlaß zu meiner
Bekanntschaft mit dem Manne, der in diesem Buch eine so hervorragende
Rolle spielt. Damals bekannte sich der Verfasser dieses Buches
zwar noch zu allen religiösen und psychologischen Glaubenssätzen
des Christentums, mißtraute ihnen aber innerlich und hätte jemand
auf gewisse geheimnisvolle Möglichkeiten, die seitdem bestätigt und
bewiesen wurden, auch nur angespielt, so hätte er ihm ganz gewiß ins
Gesicht gelacht und ihn für einen hervorragenden Narren oder Idioten
gehalten. Seitdem hat sich manches geändert.
Der Mann am Wegrand war von mittlerer Größe, weder beleibt noch mager,
von schönem Mittelmaß. Kopf und Stirn waren breit und durch gewisse
Eigentümlichkeiten der Kopfform in Wirklichkeit viel massiger, als es
auf den ersten Blick schien. Der geistige Organismus des Mannes erhielt
sich auf Kosten des körperlichen, da sein Nervensystem, wie bei allen
derartigen Menschen, geradezu krankhaft empfindlich und reizbar war.
Nichts Rohes, Brutales, Niedriges oder Pöbelhaftes war an ihm, weder
von Natur noch durch Erziehung, und wenn je Im Kampf des Lebens eine
dieser schlechten Eigenschaften bei ihm auftrat, so war dies lediglich
widrigen Umständen zuzuschreiben, und der Behandlung, die er von der
Welt erfuhr. Von Natur war er offen, wohlwollend und großmütig bis zur
Schwachheit, und diese Züge nützten die Menschen zu seinem Unglück
aus. Mit überreichen Fähigkeiten ausgestattet, die tiefsten und
abstraktesten Fragen der Philosophie und Metaphysik zu lösen, war er
doch vollkommen unfähig, die kleinsten geschäftlichen Angelegenheiten
zu erledigen, selbst wenn sie nur ein geringes Maß von finanzieller
Geschicklichkeit erforderten.
Eine natürliche Folge davon war, daß dieser Mann mit allgemein als
gut anerkannten Eigenschaften beständig das Opfer des ersten besten
hergelaufenen Schurken wurde, von dem »Freunde« angefangen, der ihm
sein halbes Vermögen abborgte, angeblich um die Hälfte davon anzulegen
-- in Wirklichkeit, um das Ganze zu behalten, bis zu seinem Verleger,
der ihn um Geld und Zeit betrog.
Sein Gesicht war lohfarben gleich dem der Araberkinder in Beirut
und Damaskus. Form und Stellung von Kinn, Backenknochen und Lippen
verrieten mehr passive als aktive Stärke. Der Mund mit seiner leicht
vorstehenden Oberlippe und zwei kleinen Falten an den Mundwinkeln
deutete auf Geschicklichkeit, Leidenschaft, Mut, Festigkeit und
Entschlossenheit. Die Wangen waren leicht eingefallen; dies deutete
auf Kummer und Verdruß, während die ein wenig vorstehenden und breiten
Backenknochen auf seine farbigen Vorfahren hinwiesen. Die Nase war nur
durch die Beweglichkeit der Nasenflügel bemerkenswert, die ein leicht
entzündliches Temperament verriet. Es bedurfte auch tatsächlich nur
eines geringen Anlasses, um ihn aus einem passiven, geduldigen Menschen
zur Verkörperung mannhafter Kampfbereitschaft für eine gerechte Sache
zu machen oder zu einem Dämon von Haß und wahnwitziger Rachgier.
Seine Augen oder vielmehr sein Auge -- denn eines war durch einen
Unglücksfall nahezu zerstört -- war von einem tiefen, dunklen
Nußbraun, das das Volk pechschwarz zu nennen pflegt. Es strahlte einen
merkwürdigen magnetischen Glanz aus, wenn er auf der Rednerbühne
sprach. Er war seinerzeit ein Volksredner gewesen und hatte auf diesem
Gebiet keine geringe Berühmtheit erlangt. Wer ihn einmal so gesehen
oder gehört, konnte ihn nie wieder vergessen, so verschieden war er von
allen anderen Menschen, und so bezeichnend und eigenartig waren seine
Eigenschaften.
Er war ein ganz einzigartiger Mann -- dieser Rosenkreuzer --; ich
kannte ihn wohl. Manche Stunde sind wir beisammen in dem kühlen
Schatten irgendeiner alten, ehrwürdigen Ulme auf den grünen,
blumenbesäten Ufern von Connecticuts Silberstrom oder unter einer
turmhohen Palme am Ufer des alten Nils, im weißen Lande der Pharaonen,
der Magie und der Mythen gesessen, wobei er beständig in mein Ohr
seltsame, seltsame Sagen flüsterte -- Sagen aus uralter Zeit -- die
meine dürstende Seele trank, wie die von der Sonne ausgetrocknete
Erde den ersehnten Regen, oder der Sand die Tränen weinender
Wolken. Und diese Erzählungen, diese Sagen, stellten die wildesten
Phantasiegestalten Germaniens weit in den Schatten. Besonders betroffen
war ich über eine Andeutung, die einmal seinen Lippen entfloh, daß
viele Menschen auf dieser Erde und er selbst unter ihnen schon früher
auf dieser Welt gelebt hätten, und daß er sich zu gewissen Zeiten
deutlich an Orte, Personen und Ereignisse erinnere, die vor der Zeit
lagen, in der er seine gegenwärtige Gestalt angenommen, und daß demnach
sein wirkliches Alter sogar das Ahasvers, des ewigen Juden, noch
übertreffe.
Dieser Mann, mein Freund, sprach während unserer Bekanntschaft oft
von der weißen Magie und gelegentlich versteifte er sich geradezu
hartnäckig auf seine seltsame Seelenwanderungsdoktrin. Doch das war
nicht alles: er behauptete, die Seelen der Menschen verließen zuweilen
ihre Körper für ganze Wochen, während dieser Zeit würden dann die
verlassenen Leiber von anderen Seelen bewohnt, manchmal von der eines
für immer entkörperten Erdenmenschen, ein andermal von der eines
Bewohners des Luftraumes, der, so inkarniert, nach Belieben auf Erden
umherstreife. Wurde er um eine klare und bündige Erklärung gebeten,
dann sprach er seinen festen Glauben aus, daß er auf diese Weise viele
Menschenleben hindurch gelebt habe, und aus Gründen, die nur ihm
bekannt seien, verurteilt worden, weiter auf Erden zu wandern wie der
große Artefius -- jener andere Rosenkreuzer -- bis die Vollführung
einer bestimmten Tat (bei der er selbst, unfreiwillig, tätig mitwirken
sollte) ihn davon erlösen und ihm erlauben würde, das Los anderer
Sterblichen zu teilen.
Als eine Begleiterscheinung seiner Verschiedenheit von anderen Menschen
ist es wohl auch anzusehen, daß er mit gewissen übersinnlichen
Kräften ausgestattet war, darunter mit einer seltsamen Fähigkeit des
Hellsehens. Diese Fähigkeit, mochte sie auch nicht immer offenkundig
sein, setzte ihn bisweilen instand, Dinge, Personen und Ereignisse zu
sehen und zu beschreiben, sogar über das Weltmeer hinüber, und die
geheime Geschichte und die Gedanken des verschlossensten Menschen
so leicht wie in einem Buch zu lesen. Anfänglich bezweifelte ich
seine Behauptungen, führte sie auf einen abnormalen Geisteszustand
zurück oder lachte über die tolle Behauptung, daß irgendeiner mitten
im neunzehnten Jahrhundert christlicher Zeitrechnung im Ernst so
außerordentliche Kräfte für sich in Anspruch nehmen könne. Wie bereits
gesagt, wies seine Gesichtsfarbe darauf hin, daß er ein Mischling
war -- nicht gerade ein Bastard -- aber ein Mensch, in dem das Blut
von mindestens sieben verschiedenen Rassen floß. Aus seiner Art zu
reden hätte man schließen können, daß seine Erziehung nicht ganz
vernachlässigt worden, aber sicherlich ganz anders beschaffen gewesen
war, als die in christlichen Ländern allgemein gebräuchliche. Es war,
wenn überhaupt, sehr wenig feine Sitte an ihm -- nicht etwa, daß es ihm
an Höflichkeit oder Glätte gefehlt hätte --, aber seine Art war die der
Flüsse, Wälder und Seen, nicht die der Salons und der Stätten des guten
Tons. In allem, was sein Innenleben betraf, war er rätselhaft, und zwar
meist dann, wenn er sich am offensten zu geben schien. Mir erschien
er am Ende einer zehnjährigen Bekanntschaft noch sphinxhafter als am
ersten Tage. Obwohl arm, hatte er doch ausgedehnte Reisen gemacht.
Exotisch in seiner äußeren Erscheinung und seinem Geschmack, war er es
noch mehr seiner Geistesverfassung nach und in allem, was Träumerei,
Philosophie und Gefühlsleben betraf.
Nach dieser Schilderung der Hauptperson meiner Erzählung gehe ich
nun dazu über, eine andere Seite aus dem Lebensbuch dieses Mannes
wiederzugeben.
2. Kapitel
SEINE JUGENDZEIT -- DIE SELTSAME LEGENDE
Und da saß der seltsame Mann am Wegrand -- traurig, still weinend --
als wollte sein Herz brechen. Seine Sorge hatte keine geringe Ursache.
Es war nicht augenblicklicher Mangel an Nahrung, Unterkunft oder
Kleidung, aber sein Herz war voll und seine Quellen flossen über.
Die Welt hatte ihn ein Genie genannt und ihn als solches verzärtelt,
gepriesen, bewundert und dabei hungern lassen; kein Funken Mitgefühl
die ganze lange Zeit über, keine Spur von uneigennütziger Freundschaft.
Die große Menge hatte sich um ihn gedrängt, wie die Gaffer der
Großstädte sich um die letzte Neuheit im Panoptikum drängen, um dann,
zufriedengestellt von der Besichtigung, sich abzuwenden und ihn seiner
ganzen grenzenlosen Einsamkeit und seinem Elend zu überlassen.
Im Alter von acht Jahren war er in der römisch-katholischen Kirche auf
den Namen _Beverly_ getauft worden. Von seinem Vater erbte er wenig,
außer dem hochfliegenden Geist und der ehrgeizigen rastlosen Natur
sowie einer Empfänglichkeit für leidenschaftliche Erregungen, so groß,
daß sie auf sein ganzes Leben dauernd und stark einwirkte. Nur ein Jahr
lang genoß er regelrechten Schulunterricht, alle späteren geistigen
Errungenschaften verdankte er nur seiner eigenen Anstrengung. Sein
Vater liebte ihn wenig, um so mehr aber seine Mutter. Er war mit allen
seinen Zähnen geboren worden und alte Klatschbasen weissagten ihm
daraus eine außergewöhnlich erfolgreiche Laufbahn; außerdem bestärkten
gewisse merkwürdige Geisterbesuche vor und kurz nach seiner Geburt
seine Mutter in der Einbildung, daß er zu keinem gewöhnlichen Schicksal
bestimmt sei.
Zweiundzwanzig oder dreiundzwanzig Jahre vor dem Beginn dieser
Erzählung wohnte in der New York City, da, wo damals die Canal Street
lag, in dem Hause Nr. 70 eine Frau, deren Gesichtsfarbe die einer
Mississippiquarterone[1] war. Sie stammte aus Vermont und genoß den
Ruf, das schönste Weib in dem Staate und vielleicht auf der ganzen Welt
zu sein. Ihr Geist war ebenso vielseitig wie ihr Äußeres reizvoll.
Ihr Leben verlief bis zu jener Zeit sehr bewegt und im Grunde tief
unglücklich. Ihr Feinsinn, ihre Natur und Erziehung, ihr Charakter
und ihre Fähigkeiten verlangten nach einer höheren gesellschaftlichen
Stellung als die, die sie aus pekuniären Gründen einnehmen mußte. Ein
anderer Grund für ihre Unrast war eine unglückliche Ehe. Ihr Gatte war
nach langjähriger Abwesenheit zurückgekehrt, während welcher sie ihn
für tot gehalten und eine zweite Ehe mit dem Vater ihres Söhnchens
geschlossen hatte, und seit jenem Augenblick empfand sie niemals mehr
auch nur einen kleinen Teil dessen, wonach sie sich jahrelang gesehnt,
jene Liebe und Zuneigung, die als Tugend der Mütter gerühmt wird und
die allein das Leben zu einem Segen machen und den rauhen, dornigen
Pfad ebnen kann.
Flora Beverly war unmittelbar verwandt mit den rothäutigen Söhnen der
nördlichen Prärien, aber dieses Blut vermischte sich mit dem edleren
Safte aus den Adern ihres Vorfahren, des Cid. Als sie heiratete, dachte
sie sich als den Mittelpunkt eines Königreiches von ungetrübten Freuden
und Wonnen zu sehen, darin sie als unbestrittene Herrscherin regieren
wollte. Der Mann, den sie gewählt, nahm sie wegen ihrer Schönheit. Er
glaubte mit ihrem Besitz den Himmel auf Erden zu erlangen. Beide wurden
bitter enttäuscht. Ihr Gatte wußte nur die äußeren, oberflächlichen
Eigenschaften und Vorzüge seiner Frau zu würdigen, während ihr inneres,
höheres, besseres Ich -- ihre Seele -- ihm eine terra incognita war,
die zu erforschen ihm, wie es bei so vielen anderen Ehemännern der Fall
ist, nicht im entferntesten einfiel.
Und so erwachten die beiden, nachdem der erste Rausch der Sinnlichkeit
vorüber war. Der Mann kam zur Erkenntnis, daß sein Weib für ihn ein
»recht niedliches Püppchen«, die Frau, daß ihr Gatte ein Tier war,
dessen Seele fest unter seinen Sinnen schlief, und sie selbst seine
Sklavin und sein Opfer. Naturgemäß wurde sie bald ihres seichten Lebens
müde und verlor den Geschmack daran. Da sie fühlte, daß sie von den
vielen, die um sie her lebten, nicht verstanden und gewürdigt wurde,
verschmähte sie jede Berührung mit ihnen und zog sich ganz in sich
selbst zurück, um allmählich ihre Sehnsucht mit jeder Faser ihres
Herzens auf die zahllosen Millionen der Toten zu richten. Sie rief sie
zu Hilfe und glaubte mit religiöser Inbrunst, ihre Bitten seien erhört
und indem sie sich ganz ihrer geheimnisvollen Fürsorge und Leitung
überließ, führte sie fortan ein doppeltes Leben -- ein Schattenleben
in der Welt, ein wirkliches Leben im Lande der Geister. So wurde sie
eine Seherin, eine Träumerin und in der für sie wenigstens wirklichen
und tatsächlichen Verbindung mit den stolzen Geistern dahingegangener
Völker, deren Häupter ihre Vorfahren in beiden Linien gewesen waren,
suchte sie Mitgefühl für ihre Sorgen und für ihre seltsamen inneren
Freuden. Und sie fand, was sie suchte, oder was für ihre impulsive
Seele auf das gleiche heraus kam, sie glaubte es gefunden zu haben.
Zuerst hatte sie einige Schwierigkeit, das, was sie für das leise
Flüstern der ätherischen Bewohner des unsichtbaren Reiches Manitous
hielt, in die verständliche menschliche Sprache des Herzens und der
Worte zu übertragen. Sie sehnte sich glühend nach einem freieren
Verkehr mit den Toten, und sie wurde befriedigt.
Die arme Flora, dieses merkwürdige Mischgebilde von Natur und Kunst,
sollte ein Kind gebären, und dieses Kind -- der Held dieses Buches --
wurde unter den Umständen geboren, von denen hier berichtet wird.
Im Herzen dieser Frau schlummerte, wie ich schon sagte, ein Vulkan.
Ihre überströmende Seele verkörperte sich wieder in dem Sohn, den sie
geboren, und sie pflanzte dem Kinde ihre eigene brennende Sehnsucht
nach Liebe und Gegenliebe ein, alle ihre mystischen Neigungen, ihre
Vorliebe für das Geheimnisvolle, all ihr metaphysisches Streben nach
unirdischen Beziehungen, ihre ganze entschlossene und doch fast
verzweifelte, leidenschaftliche, impulsive, edle Natur, alles, alles
fand in ihm Wohnung und Namen.
So trat er in die Welt, von der Geburt an zu seltsamen und bitteren
Erfahrungen verurteilt -- verurteilt, allein und ohne Freunde dem
schneidenden Wehen der Winterstürme und der glühenden Hitze der
Sommersonne zu trotzen; sich an die Hoffnung auf einen frühen Tod
anzuklammern und dabei doch mit zehnfacher Zähigkeit am Leben zu hängen.
An dieser Stelle will ich den Inhalt eines Berichtes wiederholen, den
er selbst über seine Kindheit und seine geheimnisvollen Erfahrungen mit
den Geistern gab. Man hatte ihn einmal über gewisse ihm zugeschriebene
außergewöhnliche Kräfte befragt und er entgegnete darauf:
»Als ich noch ein kleines Kind war, wohnte meine Mutter in einem
großen, dunklen, düsteren, alten Steinhaus auf Manhattan Island. Damals
war New York fast nur ein Viertel von dem, was es jetzt ist, und jenes
Haus lag eine ziemliche Strecke außerhalb der Stadt. Es steht noch
heute an der gleichen Stelle, aber die City ist meilenweit darüber
hinaus gewachsen. Das Gebäude war in Zeiten, wo Pest, Fieber, Pocken
oder Cholera wüteten, als Pesthaus oder Lazarett benützt worden und in
ihm sind Tausende an jenen Krankheiten gestorben; von ihm aus nahm in
meinem fünften Lebensjahre die Seele meiner Mutter ihren ewig dauernden
Flug.
Viele waren bereit, einen Eid darauf zu schwören, daß das alte Haus von
Geistern heimgesucht werde, die in schrecklichem Schweigen durch die
feierlichen, stattlichen Säle des massigen Inselschlosses wandelten.
Aber im allgemeinen hatten die Zeugen solcher Geisterbesuche weder Zeit
noch Neigung, um die Bekanntschaft mit den Besuchern zu pflegen --
ausgenommen einer, ein Apotheker namens Banker, der einmal einer jener
Erscheinungen eine Verwünschung zurief, worauf diese ihm einen Schlag
auf den Kopf versetzte und ihm zur Strafe für sein Majestätsverbrechen
die Kinnlade vollständig zerschmetterte. Von dieser einen Ausnahme
abgesehen, beeilten sich alle, die einem jener Geister begegneten, die
entgegengesetzte Richtung einzuschlagen, und es war erstaunlich, mit
welch überraschender Schnelligkeit selbst Gichtbrüchige die Flucht
ergriffen, wenn einer von denen, die mit einem Schafhäutchen über dem
Gesicht geboren waren, und denen daher im Volksmund die Fähigkeit
zugeschrieben wurde, Geister zu sehen, erklärte, es sei ein Gespenst
in der Nähe; und da derartig Bevorzugte Geister _sehen_ konnten,
so wünschte ich mir oft, ich möchte einem begegnen, der mit zwei
Schafhäutchen geboren war, so daß er sie nicht nur sehen, sondern auch
mit ihnen _sprechen_ könnte.
Viele glaubten nicht an Geister. Ich glaube an Geister der
verschiedensten Arten, die ich im folgenden aufzählen möchte: 1.
Es gibt Abbilder, die von den Seelen ausgesandt und irgendeinem
andern weit Entfernten sichtbar werden. 2. Die Erzeugnisse einer
erhitzten Phantasie -- die Vorspiegelung der Geister -- die Folgen
von Gehirnfieber, Trunkenheit, Opium und andere Hirngespinste. 3.
Die Geister toter Menschen. 4. Geistige Wesen von anderen Planeten.
5. Wesen von ursprünglichen Welten, die nicht gestorben, aber
nichtsdestoweniger von so feiner Struktur sind, daß die Gesetze der
Materie, denen wir unterworfen sind, für sie nicht gelten, und die,
indem sie so unter die Wirksamkeit jener Gesetze fallen, die die
entkörperten Menschen regieren, imstande sind, alles zu tun, was
jene tun. 6. Ich glaube, daß menschliche Wesen aus Verzweiflung oder
bösem Willen häufig geistige Harpyen ins Leben rufen, die furchtbare
Verkörperung ihrer bösen Gedanken. Das sind quasi Dämonen, die so lange
existieren, als ihre Schöpfer unter der Herrschaft des Bösen stehen. 7.
Ich glaube an eine ähnliche, aber von den guten Gedanken guter Menschen
ausgehende Schöpfungskraft, die lieblichen Emanationen sehnsüchtiger
Seelen. Man beachte diese sieben Klassen wohl. Sie bilden eine genaue
Darstellung der Lehre ›der Rosenkreuzer von der höheren Ordnung‹.
Als ich etwa fünf Jahre alt war, kam ich eines Tages von der Schule
nach Hause und fand die irdische Hülle, die körperliche Gestalt der
einzigen Freundin, die ich je besessen, meiner Mutter, kalt und
zusammengesunken. Welch ein Schlag für mein Kinderherz! Sie war an
jenem Morgen der Erde müde geworden, hatte heiter und vertrauensvoll
ihre liebevollen Augen geschlossen; und ich blieb allein zurück, um
gegen vier mächtige Feinde zu kämpfen: Vorurteil, Armut und meine
eigene Natur. Der vierte ist fast zu schrecklich und zu phantastisch,
als daß man ihn für möglich halten könnte, aber ich will erzählen:
DIE LEGENDE
Vor vielen, vielen Jahrhunderten lebte in dem Lande, wo in späteren
Zeiten Babylon und Ninive standen, ein mächtiger König, dessen Macht
groß und unbestritten war. Weise, wohlgebildet, aber exzentrisch, hatte
er eine Tochter, die über alle Beschreibung lieblich und klug und schön
war. Könige und Fürsten bewarben sich vergebens um ihre Hand, denn ihr
Vater hatte geschworen, er werde sie keinem anderen Mann geben als dem,
der ihm ein Rätsel lösen könnte, das er, der König selbst, ihm aufgeben
würde; wüßte er aber die Lösung nicht, so müsse er sterben. Das
Rätsel lautete: »Welches sind die drei wünschenswertesten Dinge unter
der Sonne, die nicht die Sonne sind, die aber in der Sonne wohnen?«
Tausende von heiteren und ernsten, weisen und ehrgeizigen Männern
versuchten die Lösung, fanden sie nicht, ließen ihr Leben und bestiegen
das fahle Roß des Todes.
Inzwischen war weit und breit verkündet worden, daß Purpurgewänder,
goldene Ketten, der höchste Rang im Reiche und die Hand der Prinzessin
die Belohnung des Glücklichen sein würden.
Eines Tages nun kam eine glänzende Gesandtschaft von dem König des
Südens an den Hof, die ein Bündnis schließen wollte, und neue Verträge
vorschlug. In ihrem Gefolge befand sich ein junger Dichter, der der
Gesandtschaft als Dolmetsch diente. Dieser Jüngling hörte von der
merkwürdigen Angelegenheit, erkundigte sich nach den Bedingungen und
prägte sich das Rätsel ein. Vier lange Monate hindurch brütete er
darüber und dachte nach, indem er alle möglichen Antworten in seinem
Geist erwog, aber ohne eine zu finden, die allen drei Erfordernissen
gerecht wurde.
Um ungestört nachdenken zu können, pflegte sich der junge Mann in
eine Grotte hinter dem Palast zurückzuziehen und sich dort das Rätsel
und alle möglichen Lösungen durch den Kopf gehen zu lassen. Als die
Prinzessin davon hörte, beschloß sie, ihn zu beobachten und führte
diesen Entschluß auch aus. So sah sie ihn täglich, ohne daß sie von ihm
bemerkt wurde, und bald wurde sie von Liebe zu ihm so entflammt, daß
sie ihn mehr liebte als ihr Leben.
Eines Tages nun schlief der Jüngling in der Grotte ein und sein Haupt
lag dabei gerade über einer Felsspalte, aus der ein sehr feiner,
leichter Dampf hervorströmte, der ihn bald in einen Traumzustand
versetzte, in dem er die Prinzessin selbst zu sehen glaubte,
unverschleiert und lieblicher als die Blumen, die in des Königs
Garten blühten. Er glaubte sodann eine Inschrift zu sehen, die ihn
aufforderte, nicht zu verzweifeln, und zu gleicher Zeit stand vor
seinem Geiste der Satz, der später die Losung jener mystischen
Brüderschaft wurde, die einige Jahrhunderte lang unter dem Namen der
Rosenkreuzer bekannt war: ›_Es gibt keine Schwierigkeit für den, der
ernstlich will._‹ Und mit diesem Satz kam ihm die Lösung von des Königs
Rätsel, an die er sich erinnerte, als er erwachte. Sogleich erklärte
er, er sei bereit, das zu versuchen, was so vielen Abenteurern das
Leben gekostet hatte. Es wurden umständliche Vorbereitungen getroffen,
wobei der Henker nicht vergessen wurde, der mit einem blanken Schwert
bereit stehen mußte, um den Dichter um einen Kopf kürzer zu machen,
wenn er die Lösung nicht fände. Zur bestimmten Stunde versammelte
sich der ganze Hof, darunter auch die Prinzessinnen in dem größten
Saale des Palastes. Der Dichter näherte sich den Stufen des Thrones,
kniete nieder und sprach: »O König, mögest du ewig leben! Welche drei
Dinge sind wünschenswerter als Leben, Licht und Liebe? Welche drei
sind untrennbarer? Und was kommt mehr von der Sonne und ist doch
nicht die Sonne? O König! Ist dem Rätsel gelöst?« »Ja,« sagte der
König, »du hast es gelöst, und ich werde mein Wort halten.« Und er
gab sogleich Befehl, die Hochzeit mit königlichem Pomp zu feiern,
obwohl er, durch einen hohen Hofbeamten beeinflußt, die Dichter im
allgemeinen nicht leiden konnte, und diesen einen gerade deswegen
nicht, weil er glaubte, der junge Mann habe ihn bei einem der soeben
abgeschlossenen diplomatischen Verträge übervorteilt. Nun geschah es,
daß der Großwesir gehofft hatte, irgendwie eine Lösung des Rätsels
zu finden und so den großen Preis für einen seiner eigenen Söhne zu
gewinnen; und sobald nun an jenem Tage der Diwan zu Ende war, eilte er
in das Privatkabinett des Königs und bemühte sich, seinen Herrn noch
mehr gegen den Sieger zu stimmen, indem er ihm vorspiegelte, jener habe
nur durch Zauberei gesiegt. Dies erzürnte den König so sehr, daß er
seine Einwilligung gab, den jungen Bräutigam noch in derselben Nacht
durch einen schnellen, heimlichen, grausamen Tod beiseite schaffen zu
lassen. Zu diesem Zweck wurde bei dem abendlichen Festmahl dem Dichter
ein Schlaftrunk gegeben und, als dieser seine Wirkung getan hatte,
legte man ihn auf ein Ruhebett und brachte ihn dann in den Raum, der
für widerspenstiges Gesinde des Hofes bestimmt war. Dieser Raum lag
unter der Erde und als der Jüngling dort mit roher Gewalt auf den Boden
geworfen wurde, erwachte er und sah mit Bestürzung, daß er an Händen
und Füßen gefesselt war; vor ihm stand der König, der Wesir und einige
Soldaten und -- der Tod; denn er sah an den Blicken seiner Feinde,
daß seine Tage gezählt waren. Vergebens verteidigte er sich gegen die
Anschuldigung der Zauberei. Er wurde zum Tode verurteilt und der König
gab sogleich Befehl zum Vollzug des Urteils. Gerade in dem Augenblick,
als der tödliche Streich fallen sollte, erschien eine riesige Hand,
die offenbar die erhobene Klinge aufhalten wollte. Aber zu spät, das
Schwert fiel. Als es den Nacken des Dichters berührte, stieß dieser
die schrecklichen Worte aus: »Ich verfluche euch alle, die ihr --«
der Rest des Satzes wurde im Jenseits gesprochen; aber gleichzeitig
erhob sich ein Lärm und ein Geschrei wie von tausend anklagenden
Geisterstimmen, und eine von ihnen rief unter Donnergetöse: »Dieser
Jüngling hat durch seine Willenskraft die Tore zu dieser Welt und zur
Welt des Geheimnisses entriegelt. Er war der erste seines und deines
Geschlechts, der jemals so hohen Ruhm erreichte. Und ihr habt ihn
erschlagen, und er hat dich verflucht, und darum hast du, o König, und
du, o Wesir, wie auch der Tote die menschliche Natur mit einer andern
vertauscht. Der König wird durch die Jahrhunderte hindurch von einer
Gestalt in die andere wandern. Du aber, o Wesir, wirst leben, bis dir
vergeben ist; -- Dhoula Bel soll dein Name sein und du sollst den König
versuchen durch Menschenalter hindurch und dein Streben soll zunichte
werden, so oft immer der Jüngling -- der der ›Fremde‹ genannt werden
wird -- es so will, um der Liebe willen, die er im Herzen trug. Dieses
Drama soll dauern, bis ein Sohn Adams eine Tochter Ichs heiraten wird
oder bis du, o König, in einer der Gestalten deines Daseins lieben und
wirklich und treu wieder geliebt werden wirst, und zwar nur um deiner
selbst willen. Möge eine Ewigkeit vergehen, bis dies geschieht.««
* * * * *
»Fragt mich nicht,« sagte der junge Beverly, »warum, sondern glaubt
mir, wenn ich sage, daß ich weiß, daß ich vor unvordenklicher Zeit
jener König war; daß der Fremde meiner Mutter erschien, daß Dhoula
Bel mich noch immer wegen der alten Sünde heimsucht und quält. Ich
kenne das Schicksal, das über mich verhängt ist, und ich weiß, daß ich
in dieser gegenwärtigen Gestalt ein neutrales Wesen bin, für das es
keine Hoffnung gibt, außer der Vereinigung von mir, einem Sohne aus
Adams Geschlecht mit einer Tochter Ichs, einer, die nicht aus Adams
Geschlecht stammt ... Das also ist das tragische Geschick, dem ich so
erbarmungslos an jenem Morgen, da meine Mutter auf Manhattan Island
starb, ausgeliefert wurde -- verurteilt, für ein Verbrechen zu sühnen,
das vor Jahrtausenden begangen worden war.«
3. Kapitel
EIN GEISTERHAFTER BESUCH
Beverly fuhr folgendermaßen fort:
»Ich wußte dies alles natürlich noch nicht, als ich fünf Jahre alt war.
Das einzige, was mich vollständig beherrschte, war der Verlust meiner
Mutter -- ihr seltsames Schweigen -- der schmerzliche Blick derer,
die mein Haupt streichelten und ›armes Kind‹ sagten. Ich versuchte
mit aller Kraft, männlich zu sein, wie sie mir geboten, und nicht zu
weinen, aber ich konnte meine Tränen doch nicht zurückhalten.
Als ich an dem Bett stand, in dem sie so still lag, fragte ich die
anwesenden Trauergäste, wohin meine Mutter gegangen sei, ob sie niemals
mehr zu mir reden, mich küssen und liebkosen werde. Und sie sagten ›nie
mehr‹, und wiederholten diesen schrecklichen und doch unwahren Kehrreim
immer wieder, bis mein armes Herz bis zum Zerspringen voll war von
Kummer und Trübsal. Und dann warf ich mich über den teuren Leichnam
und weinte, bis die Tränen nicht mehr fließen wollten.
Als ich an der kalten Brust meiner lieben Mutter lag, sagte eine Frau
zu mir: ›Weine nicht, armes Kind, sie ist jetzt glücklich. Sie hat den
Weg zum Himmel beschritten.‹ Und ich glaubte, was die Frau sagte, und
sah hinaus durch das dichte Laubwerk der dicht vor dem Hause stehenden
Bäume; ich blickte sehnsüchtig zum Himmel hinauf in der Erwartung, die
emporsteigende Seele wahrzunehmen, und als mein Blick auf eine silberne
Wolke fiel, da glaubte ich, es sei meiner Mutter geheiligte Seele. Fast
glaube ich es jetzt noch, denn, als die Wolke sich in der Bläue des
Himmels in Nichts auflöste, hörte ich deutlich eine Stimme, leise, zart
und ein wenig traurig, gleich den sterbenden Tönen einer Äolsharfe,
die sanft vom Hauch des Zephirs berührt wird, die Worte in mein Ohr
flüstern -- ich damals noch nicht ganz verstand --: ›Einsamer! möge dir
das Leben, das du jetzt beginnst, Ruhe bringen! Laß deinen Wahlspruch
sein: ›Versuch's!‹ Verzage nicht, sondern erinnere dich immer daran,
daß wir dennoch glücklich sein können, trotz alledem! Lebe in Frieden,
armes Kind! Du wirst von deiner Mutter bewacht und behütet!‹ ›Und von
dem Fremden‹, fügte eine andere noch hellere Stimme aus der tiefen
Stille des nachmittägigen Himmels hinzu. Ich erkannte diese mystische
Stimme -- die erste -- und fühlte, daß sie von jenseits der Schwelle
der Zeit kam.
Von dieser Stunde an begann für mich und in mir ein seltsames
Doppelleben. Zwei in jeder Hinsicht vollkommen wahre Vorfälle will ich
erzählen, von denen der eine es mir für immer zur Gewißheit machte,
daß es menschliche Wesen gibt, die die Feuerprobe des Todes überleben.
Nicht lange nach meinem unersetzlichen Verlust ging ich mit einigen
anderen Kindern in dem Dachzimmer jenes dunklen alten Hauses zu Bett.
Irgendein lustiges Geschehnis war vorhergegangen, und wir waren alle
von Freude und Heiterkeit erfüllt, und unser Frohsinn war so laut, als
er sein durfte bei der Furcht vor den Ogern unter uns, die die üble
Angewohnheit hatten, mit Hilfe von Riemen und Birkenruten sich Ruhe zu
erzwingen. Mitten im ärgsten Lärm wurden uns plötzlich ganz langsam von
einer völlig unsichtbaren Macht die Bettdecken weggezogen. Wir zogen
sie wieder zurück, aber immer und immer wieder wurden sie fortgezogen,
und dies war von einem Getöse und Gerassel begleitet, wie wenn fünfzig
Kanonenkugeln auf dem Boden umherrollten; und das führte sogleich die
Oger von unten zu uns herauf, die sehen wollten, was vorging. Soweit
es uns unser Schrecken erlaubte, erklärten wir es ihnen, worauf sie
schrecklich weise dreinsahen, die Bettdecken wieder in Ordnung brachten
und sich zurückzogen. Kaum waren sie fort, als die Kanonenkugeln wieder
über dem Boden zu rollen begannen. Und als ich den Mut aufbrachte,
mich aufzurichten, um nach der Bettdecke zu haschen, die schon wieder
weggezogen worden war, sah ich klar und deutlich eine weibliche Gestalt
zu Füßen meines Bettes stehen, aber nicht auf dem Boden, denn sie
schwebte wie eine Dunstwolke in der Luft. Es war, wenn überhaupt, nur
wenig Licht in dem Raume, außer dem, welches die Erscheinung umfloß
und von ihr auszugehen schien. Sie stand inmitten eines silbernen
oder phosphoreszierenden Nebels, war aber in ihrem Äußern keineswegs
phantastisch, sondern so klar und scharf umrissen, daß ich mich an
alle einzelnen Bestandteile ihrer Kleidung erinnere, eine Tatsache,
die ein Geheimnis enthält, das kein Psychologe bis jetzt zu ergründen
vermochte. Die anderen Kinder, die es ebenfalls bemerkten, erschraken,
ich nicht, denn ich fühlte, daß die Gestalt mir nichts tun würde, weil
ja eine Mutter ihre Kinder liebt. Und diese Erscheinung war meine
Mutter!
Nach diesem Vorfall verfloß eine ziemlich lange Zeit. Ich war zu
einem kräftigen, lebhaften Knaben herangewachsen und hatte mich schon
einige Jahre lang in der Welt umhergetrieben, als ich mich eines Tages
als Schiffsjunge auf der Brigg ›Phöbe‹ aus New Bedford befand, deren
Kapitän ein gewisser Alonzo Baker war, der aber nicht aus New Bedford
stammte.
Auf diesem Schiff diente ich mehrere Monate, zu niemandes
Zufriedenheit, auch nicht zu meiner eigenen, da ich zu klein, zu
schwach und zu zart war, um die schweren Pflichten erfüllen zu können,
die mir auferlegt waren, und ich mußte daher auch die üblichen Strafen
dafür erleiden.
Seeleute sind stets abergläubisch, wenn auch jetzt vielleicht weniger
als in der Zeit, von der ich spreche. Aber auch heute ist es trotz
allen Fortschritts nicht schwer, Matrosen zu finden, die einem zwischen
der Hundewache und acht Glas unter der Wetterreling ein Garn spinnen,
daß sich einem die Haare sträuben wie einer zornigen Katze. -- An
Bord der ›Phöbe‹ befanden sich einige alte Seebären, die eine Menge
Geschichten von den Geistern ermordeter Matrosen zu erzählen wußten,
die mitten in fürchterlichen Stürmen erschienen, um die Maaten vor
dem Mast zu ermuntern und die Seelen schuldbeladener Steuerleute
und Kapitäne zu erschrecken. Dies trug natürlich dazu bei, meine
abergläubischen und mystischen Neigungen zu verstärken. Oft habe ich
die Nähe und die Macht des Todes oder jener, die niemals sterben,
gefühlt, und oft bin ich auf geheimnisvolle Weise gerettet worden,
wenn ich versucht war, an den gefährlichen Vergnügungen meiner älteren
Kameraden teilzunehmen.
Seeleute lieben die Macht und freuen sich, sie über den auszuüben, den
ihnen ein glücklicher oder unglücklicher Zufall in die Hände liefert;
und auf jedem Schiff gibt es sicherlich einen, der die Zielscheibe
kleinlicher Tyrannei und Mißhandlung ist. An Bord der ›Phöbe‹ war ich
dieser eine, und da mir ein kräftiger Widerstand nicht möglich war,
beschloß ich, mich zu rächen. Ich verwahrte in meiner Kiste ungefähr
eine Gallone Rum, in die ich vorher etwa eine halbe Unze Krebsblumenöl
aus der Medizinkiste gegossen hatte. Ich versah den Krug mit einem
Zettel ›Gift‹. Krebsblumenöl ist das wirksamste gegenwärtig bekannte
Abführmittel. Die Matrosen fanden den Krug, lasen den Zettel, glaubten
der Aufschrift nicht, tranken die Flüssigkeit und waren folgerichtig
danach für mehrere Stunden stark beschäftigt. Eine ganze Reihe von
ernsten, gewandten Männern war nicht mehr zu sehen. An jenem Abend
konnten sie dem Essen keinen Geschmack abgewinnen. Sie prügelten mich
dafür unbarmherzig durch, aber ich war gerächt. Sie mißhandelten mich
noch weiter, bis mich eines Tages ein Matrose in der Kambuse in die
Nase kniff und für seine Quälerei eine halbe Gallone heißen Schmalzes
auf den Unterleib bekam, die ihn sehr belästigte ... Zuletzt dachte ich
an Selbstmord als die einzige Erlösung, und in einem Anfall von Wut und
Verzweiflung, wie sie nur einen Knaben zu überkommen pflegen, rannte
ich wirklich aufs Hinterdeck, um den Gedanken auszuführen, durch einen
Sprung über den Heckbord in die wogende See. Da wurde ich durch einen
leisen Hauch von warmer, beinahe heißer Luft gebannt. Ich war bis in
mein Innerstes durchschauert, blieb stehen und in meiner Seele wurde
ein beredter und entrüsteter Widerspruch gegen meine Tollheit laut. Ich
erlauschte deutlich die Worte: ›Sei geduldig! Versuch's!‹
Es ist unmöglich, all dies einer Selbsttäuschung zuzuschreiben.
Eines Abends, lange Zeit nach dem eben berichteten Ereignis, unterhielt
sich eine Gesellschaft von Damen und Herren in Portland im Staate Maine
in einem Hause in der Nähe des Observatoriums über das allgemeine
Thema ›Geister‹ und über Lohn und Strafe nach dem Tode. Als wir uns
in jenem Zimmer niedersetzten, waren wir gerade dreizehn Personen.
Wir waren von der Diskussion sehr in Anspruch genommen, so sehr, daß
der Gastgeber den Dienern strengen Befehl gab, uns nicht zu stören
und niemand einzulassen, wer es auch sei. Und so plauderten wir
darauf los; die Diener saßen in der Vorhalle an der Türe und niemand
wurde vorgelassen. Mitten im Austausch der Meinungen nahm einer der
Anwesenden durch seine Beredsamkeit und seine ehrwürdige Erscheinung
unsere ganze Aufmerksamkeit gefangen. Er sprach genau eine Stunde lang,
und der Inhalt seiner Ausführungen erschütterte uns tief.
Als er geendet, schwand er uns aus den Augen und wir bemerkten nun
erst, daß er der vierzehnte Gast gewesen war. Auf gegenseitiges
Befragen stellte sich heraus, daß ihn keiner kannte oder früher je
gesehen oder sein Fortgehen wahrgenommen hatte -- nicht einmal die
Dienerschaft, die erklärte, daß seit zwei Stunden niemand weggegangen
sei. Man sagte ›sehr seltsam‹ und wir beschlossen, um unseres eigenen
Ansehens willen die Sache zu verschweigen, doch wir kamen überein, in
acht Tagen am selben Ort wieder zusammenzukommen, um die Angelegenheit
näher zu besprechen und die Meinungen zu vergleichen, zu denen die
einzelnen Mitglieder der Gesellschaft inzwischen kommen würden.«
4. Kapitel
EINE HÖCHST SELTSAME GESCHICHTE ETTELAVAR
»An dem verabredeten Abend kam ein ausgewählter Teil unserer
Gesellschaft wieder zusammen, aber keiner hatte eine Lösung des Rätsels
gefunden. Unsere Unterhaltung wurde womöglich noch interessanter und
spannender als beim erstenmal, und zwar wegen der ungewöhnlichen Dinge,
die ich dabei erlebte. Ich war an jenem Abend so vollständig der
Sache hingegeben, daß ich zwei- oder dreimal in eine Art mesmerischen
Halbschlafs verfiel, der in dem Grade tiefer wurde, als die Diskussion
sich steigerte, bis meine unteren Gliedmaßen kalt wurden und mich eine
eisige Erstarrung befiel, worüber ich derart erschrak, daß ich, selbst
auf die Gefahr hin, das Gespräch zu unterbrechen, den anderen die
Verfassung, in der ich mich befand, kundtun wollte.
Wollte -- denn ich versuchte es und bemerkte zu meiner Bestürzung,
daß ich keine Silbe mehr sprechen konnte -- daß ich nicht mehr der
geringsten Bewegung fähig war. Ich war entsetzt. Die Gesellschaft war
von dem Gesprächsgegenstand so sehr in Anspruch genommen, daß niemand
von der an mir vorgegangenen Veränderung Notiz nahm, auch argwöhnte
niemand, daß ich nicht mit größter Aufmerksamkeit bei der Sache sei.
Mit unbeschreiblichem Schrecken fühlte ich, daß mir das Leben rasch
entfloh und daß der Tod langsam, aber sicher mit eisigem Griff meine
Seele packte. Ich war am Sterben. Es schien mir, als sei eine lange
Zeit zwischen den letzten bewußten Momenten und dem augenblicklichen
deutlich bewußten Todeskampf verlaufen. Da plötzlich schoß ein scharfes
quälendes Schmerzgefühl wie ein Nadelstich durch mein Gehirn. Daraufhin
nahm mein Empfindungsvermögen ab, wie wenn der Körper in untätiger
Passivität der Auflösung keinen Widerstand mehr leisten wollte, und
es kamen, mit der Schnelligkeit des Blitzes, die fürchterlichsten
Agonien, die je ein sterblicher Mensch erduldet haben mag. Als sie
zu Ende waren, schwand mein Bewußtsein und ich fiel auf den Boden,
wie ein plötzlich vom Tode Überraschter, zum größten Schrecken der
Gesellschaft, wie man mir später sagte.