»Umgeben vom Waldbrande sind wir;« antwortete er. »Der feurige Kreis ist

geschlossen; nur grüne Bauminseln zittern und glühen noch hin und her. Das

Feuer überspringt sich selbst. Wollen Sie den blinden Hirsch nun sehen? Er

steht dort mitten in dem dichten Kreis der erstaunten Indianer leicht

angebunden. Er ist matt bis auf den Tod, ein blindes Weib hat ihn am Geweih

gefaßt und halten mögen, da er mit dem Winde auf sie gekommen. Viele machen

ihr nun Vorwürfe, daß sie zugegriffen! Einige behaupten, sie sehe _noch_,

oder _werde_ wieder sehen, und bemühen sich fast verzweifelt, ihre Augen

herzustellen; Andere versuchen, den alten Hirsch wieder sehend zu machen,

damit die Alte keinen _blinden_ Hirsch gegriffen! Gläubigere behaupten: der

Hirsch sei doch blind _gewesen_, wenn er auch wieder sehe. Vor Allen

brüsten sich die Wahrsager und scheinen mehr Freude über das Eintreten des

vor Alters Vorhergesagten zu fühlen, als Angst über den dadurch

angedeuteten Untergang. So sind die Pfaffen! Die jetzt ganz natürlich

erprobte Wahrhaftigkeit _der alten Thoren_ giebt ihnen neue Würde, die doch

nun am Ende wäre! ja wirklich zu Ende geht! Ich konnte drei blinde Bären

fangen, wenn ich blind war, um so närrisch zu sein, mich zu Tode umarmen zu

lassen.«

Wir traten zu der Scene. Und der Anblick der Menge war wirklich wunderbar,

welcher der alte edle Hirsch mit schwarzberäuchertem zackigen Geweih als

ein Gesandter _vom großen Geist_ erschien. Wer es auch hätte wagen können,

ihn zu tödten, der wäre als Frevler zerrissen worden! Ein Greis gab ihm

Mais aus seiner magern Hand zu fressen und blickte dabei zu den zwei

goldenen Sonnen, und dem alten Vater standen die Thränen in den Augen. Alle

waren gerührt, auch ich wendete weich mich ab.

Gerade jetzt trug das Mädchen -- sie hieß _Ayana_ -- meinen Okki eilig nach

einer andern Hütte. Ich eilte ihr nach. Da trat ein Algonkine hervor,

schnell gab sie ihn _dem_ auf den Arm, eilte hinein und verbarg sich.

Jener aber trat mir entgegen und frug mich auf französisch: »Du bist doch

meiner Eoo Mann? Nein Du bist es eben nicht, das wissen wir schon, darum

ist der Knabe nun mein! Mein Blut rinnt in seinen Adern. Aber _Ayana_ hat

Unrecht gethan, ich wäre schon frei und offen gekommen, den Knaben Dir

abzufordern. Du bist _als ein Gast_ zu uns genaht, selber in Noth, darum

gehe Du unberührt von hinnen!«

Er wollte hinein gehen. Ich hielt ihn an Okki's Arme, der schrie. Er stand.

Es war Eoo's Vater! Seine schwarzen Augen funkelten, die Nüstern seiner

schön gebogenen Nase bewegte Zorn, seine Lippen schwellte Verachtung, und

mit seiner hohen Stirn, umwölkt von glänzendem schwarzen Haar, stand er mir

herrlich und unbegreiflich da. Und doch regte sich eine heimliche schwere

Schuld in mir, eine Schuld am Mutterherzen. -- Aber ein Wort ist den

Indianern ein Schwur, es ist Wahrheit der Gefühle -- und Okki war mir

verloren, wenn ich ihn ließ. Das Kind konnt' ich nicht fassen, wir hätten

es zerrissen; Eoo's Vater konnt' ich, ihretwillen und meines Dankes wegen,

nicht tödtlich, nicht ernstlich beschädigen wollen; das dacht' ich klar.

Aber mich befiel eine Wehmuth und eine Wuth zugleich, daß ich nicht mehr

die Folgen erwog, noch das Gelingen von dem, was ich that. Ich faßte den

Vater, ich rang mit ihm -- während daß -- ihm Ayana den Knaben wegriß.

Meine Kraft war furchtbar gespannt, und doch wollt' ich so eben dem Manne,

in Thränen ausbrechend, an die Brust fallen und vor Verehrung der Liebe zu

seiner und meiner Eoo ihn an mich drücken -- da riß mich d'Issaly rücklings

von ihm weg. Er selber half mich mit Baststricken binden und trug mich mit

anderen Männern in seine Hütte. Er selber ging von mir weg und ließ sich

nicht sehen.

Nach einer Stunde kam Ayana, setzte sich in scheuer Entfernung von mir und

schien mich mit Antheil, ja mit Neigung zu bewachen.

So lag ich und starrte hinaus auf den offenen Platz in die Savanne und zum

Himmel.

Der Oberwind war herunter gestiegen und brachte die Flamme. Vor ihr den

heißen Athem, und vor ihm den weißen Rauch. Ich sahe, die Indianer rissen

ihren Schmuck aus den Ohren, die Tai's warfen ihre rothen und blauen

Federhüte von sich und zogen die Ehrenschuhe aus. Bis auf den Gürtel

unbekleidet erschienen sie nun bemalt mit Farben und Strichen, und selbst

bei den Frauen wäre diese Bemalung ein wirkliches Kleid gewesen, das den

Körper nicht sehen ließ. Sie stimmten Gesänge an, deren langsam steigende

Töne das Herz zerrissen und, bebend in der Tiefe gehalten, das Innerste

erschütterten. Das Feuer vertrieb sie aus dem Walde, wie die Otter die

Vögel aus dem Neste. Ihr Geschlecht war ins Land der Geister gestiegen; nun

war an _ihnen_ die Reihe, ohne daß ihnen Jemand der Ihren mehr folgte. Sie

waren die letzten rothen Häute in diesem Lande. »Die Bäume machte der große

Geist -- nun zerstört' er sie wieder. Das blinde Weib hat den blinden

Hirsch gefangen, die Hirsche und wir verschwinden aus den Wäldern mit den

Wäldern, und Alles war ein Bild im See, ein Bild, bis die Nacht ihm

erspart, zu sein!«

Das, wähnt' ich, müßten sie jetzt da vor mir singen.

Aber der Trunk ging umher, und der Lärm schien Jubel in dieser höchsten

Noth. Hier erschallten Hochzeitlieder, dort Grabgesänge, als Nachklänge der

Stimmung des vorigen Tages und aller Tage! Das unendliche reiche, und bis

in die innerste Tiefe aufgeregte Gemüth _des Menschen_ schien noch für die

Wiederholung jedes Gefühls, jeder Beschäftigung des früheren Lebens -- wie

ein Schlafender die Geschäfte des vorigen Tages gedrängt und schnell

wiederholt -- eine kurze Minute in Anspruch zu nehmen, ja alle seine

Freuden und Leiden noch einmal ganz ausschütten zu wollen, zu müssen! Der

Tabak, den sie in kleinen Kugeln verschluckten, mußte sie bis zum Wahnsinn

berauschen. Dann hielten sie einen Rath. Das Calumet, die

Riesentabakspfeife, ging umher, und jeder rauchte daraus so entsetzlich, so

entsetzlich die Noth, so nöthig der Rath war! so räthlich ein großer

Entschluß!

Und sie faßten ihn wirklich im Stillen.

So nahe, so nahend hatt' ich das Feuer bisher nicht gesehen. Jetzt

knisterte _es_ nicht weit von uns am Boden dahin; es knackerte, prasselte

tausendfach, und wo Flämmchen hinflackerten, stiebten nun erst müde

Schnepfen und Kragenfasanen und anderes Geflügel auf, wie Phönixe neu aus

den Flammen belebt. Hin und her ein wilder Ochse mit dumpfem Gebrüll, oder

eine Gesellschaft wasserberaubter Kraniche. Dem Abbrennen des Grases und

des Gebüsches folgten Funken und Qualm, dem Qualme Aschenwolken, die

aufstiegen und niederfielen und wieder aufstiegen; glühende Kohlen flogen

empor, die wuchtenden Flammen dobberten und sausten, nur mit sich selbst zu

vergleichen. Ihre Richtung war von der Linken zur Rechten. Ich war fühllos.

Hier konnte Niemand retten als Einer. Alles, was ich sah, war mir nur noch

eine Erscheinung, ich selbst eine Erscheinung auf der Erde. Ich nahm eine

Hand voll Sand auf, betrachtete ihn, und der Staub war mir unbegreiflich!

woher ewig, ewig wozu? unnöthig, wenn nicht entsetzlich, daß er sei. Aber

er war mir kaum, die Körner schimmerten nur; ich sahe meinen Leib vor mir

liegen wie ganz etwas Fremdes, nicht mein, auch jetzt nicht, oder nicht

mehr. Der Lebensglanz war selbst von den Gedankenbildern meiner Frau und

meiner Kinder abgefallen, die Liebe gesunken wie eine Flamme, so schien

auch der Tod nun nicht Tod mehr! Also auch Jene vor mir dort anzusehen, so

aufgegeben in der leuchtenden Wüste der Welt -- war nur ein reines

Zuschauen, rein -- wie Eis.

Drei alte ehrwürdige Männer, wahrscheinlich Zauberer oder Wahrsager, die

gewiß vorher immer ihre Verbindung mit dem Himmel gepriesen, gelangten

jetzt auch dafür zu der Ehre, »_als Gesandte zu dem großen Geiste_« zu

wandeln. Sie dankten feierlich für dieß Zutrauen! Stricke von Bast um den

Hals tanzten sie unter zujauchzenden Liedern. Ein Häuptling nahte wieder

und sprach während alle schwiegen: »Bittet nur, daß der Hase möge weiß

sein, nicht braun wie im Sommer! Er wird das schon verstehen; und es ist

ihm so leicht wie einen schwarzen Adler aus weißem Eie zu machen!« --

»Gleich Schnee! überall gleich funkelnde Bäume mit Eiszapfen daran so lang,

als Er will!« rieth ihnen die Menge; »Er kann es auf einmal so gut, als

nach und nach! _Dieß Alles_ thun nur _die Untergötter_ -- vielleicht die

Manitto's -- die bösen; doch _Er_ ist der _Herr des Lebens_. Zeigt eure

angesengten Haare! Laßt Ihn die Flasche heißes Trinkwasser kosten! Er wird

euch glauben, wenn Er euch sieht, und uns helfen, wenn Er euch glaubt. Sagt

Ihm: Wir würden _Ihm_ helfen, wenn _Wir_ Alle droben _große Geister_ wären,

und _Er_ allein hier unten so elend wie wir, umringt von den Flammen! Das

muß Ihn erbarmen, denn Er ist der große Geist!«

Die Himmelsboten versprachen das Alles; dann tanzten sie wieder; die Lieder

erschollen, die Männer tanzten, die sie an den Stricken hielten und, auf

den Wink eines Häuptlings, die Schlingen um die Hälse der Himmelsgesandten

zuzuziehen, mit begierigen Augen harrten. --

Ich schlug die Augen nieder mit unaussprechlichem Gefühl -- ich weiß nicht

vor Was; ich drückte sie zu -- ich weiß nicht vor Wem. Meine Seele hatte

sich verloren in den Wüsten des Raumes, in den Abgründen der Zeiten. Es

flammte in mir wie ein goldener feuriger Schein! und in dem inneren Meteor

erblickte ich auch Deine Gestalt, mein Bruder, die Gestalt des Vaters, der

Mutter und alle der Lieben! Ich fühlte mich in der Heimath. Wunderlich

tauchten die früheren Erscheinungen vor mir auf und verschwanden

verdrängend und wieder verdrängt. Mir fiel ein Mann ein, ein sehr hoher

Mann -- und ich mußte sarkastisch laut auflachen! Ein herzlicher Mensch

frug ihn einst, um ihm durch eine auf die Spitze gestellte Alternative

zwischen Selbstsucht und Mitleid eine erschütternde Einsicht in sein

mitleidloses Herz zu geben, er frug ihn: »ob er lieber wolle alle Tage

seines Lebens alle guten Braten essen, alle _edlen_ Weine trinken, und so

fort befehlen, wenn dafür ein ihm ganz unbekanntes Volk sammt seiner Insel

im stillen Ocean versinken und umkommen solle?« Da der sehr hohe Mann

vorgab, das Volk nicht zu kennen, blieb er bei gutem Braten und edlem Wein

-- und ließ das Volk verderben.

_Hier_ war nun zu sehen, was _Mitleid_ sei, oder nur _Wohlwollen_, und was

Selbstsucht! Hier stand ein Volk am Rande des Abgrunds -- und wie der

unbarmherzige Mann aus meinen Augen im Geiste jetzt hier das ansah, wie

seine Stimme, gleich sonst, auch jetzt in mir sprach: »alle mein Lebtag

Braten und Wein« -- da faßt' ich mich selbst an der Gurgel. Doch ich besann

mich! Warum haben die Wilden kein Mitleid? -- Sie haben keine Phantasie,

sie fühlen nur sich, nur den Schein der Natur wie die Kinder, sie können

ihr Ich nicht in Andre versetzen -- und Menschen ohne Mitleid sind eben --

Wilde Ueberall!

Aber der _große Geist_ empfindet jedes Herz, jede Freude und jedes Leid

aller Menschen in seiner Brust wie wir, und mir schaudert zu sagen, _als_

wir. --

Nämlich: die Himmelsgesandten schwankten schon -- sie schienen nicht mehr

auf der Erde. -- Die Noth stieg am höchsten. Eben sollten sie erwürgt --

gesandt werden. --

_Da ward plötzliche Windstille!_

Nichts in der Natur hat mich je mehr erschüttert. Der Herr war im Säuseln.

Mir schauerte die Haut. Der Rauch stand, er zog empor. Das Feuer strich

wahrscheinlich an dem graslosen Bett eines ausgetrockneten Baches dahin, es

wehte nicht über; die Savanne blieb weiter unberührt -- in mildem Glanze

stand nur Eine Sonne am Himmel, die Freude war unaussprechlich. Die

halbtodten alten Gesandten wurden mit goldgelben Einseng erquickt. Die

verständliche Aufführung des Sprichwortes: »Dieses _Glas_ dem großen Geist«

war jetzt zu sehen; _ja das Calumet ward ihm zu Ehren geraucht_, und der

Dampf war das Opfer. Denn die armen Indianer, zum Erwerb des Lebens zu

ewigen Zügen verurtheilt, fast nimmer ruhend, nirgend beständig, haben

keinen andern _Gottesdienst_, zu dessen _Ausbildung_ erst beharrende Völker

gelangen.

Monsieur d'Issaly kam und umarmte mich voll Freuden. -- »Das war eine große

Lehre!« sprach er; »Gott Lob! sie hat mich klug gemacht! Auch Sie sind zum

Glücke hierher gekommen. Rings draußen war sonst ihr Grab, ihr

Heidenbegräbniß in eigener Asche!«

Ich blieb düster sitzen, ja zornig.

»Aber auf wen sind Sie böse?« fuhr er freundlich fort; »Sie zürnen? --

Ueber die Rettung? vielleicht über mich? Es wäre wohl jetzt ein Augenblick,

zu vergeben! Aber mischt' ich mich nicht darein, so sah ich, spielten Andre

voll Erbitterung Ihnen leicht übler mit als ich -- zum Schein that. Sie

haben sich noch nicht losgebunden? Doch Sie konnten mich noch nicht

kennen!«

Er löste mir die Füße, schleuderte den Bast hinweg und sprach: »Nun ist es

vergessen! Aber sie müssen dem Vater vergeben! Er erfuhr ja Alles! Er ist

der Vater! und ist ein Algonkine! Bei den Söhnen der Natur gelten nur große

Tugenden, nur wenige; aber sie und die oft so gefährlichen Lagen fordern

sie dringend fast jeden Tag! und von Jedem werden sie leicht geleistet --

wie man in Europa einem guten Freunde wohl einen Ducaten -- auf dreifaches

Pfand borgt. Wer hier ein musterhaftes Werk gethan, wird kaum erwähnt, aber

wer es unterläßt, wird verachtet. Ich sage nur so. Hier darf ein Mann sein

Weib nie verlassen; er muß die Gefahr für sie bestehen. Und wehe auch mir,

daß ich nur solche _Anhänglichkeit_ noch bewundere! Hier ist auch die

leichtsinnigste Verbindung goldenfest; denn das ganze Herz, die volle

Gewalt des Strebens schloß sie. Sie kennen dann in dieser Art nichts

Anderes mehr, nichts Besseres mehr, und was sie besitzen, daran besitzen

sie gleichsam ihre sichtbar gewordene Seele, sich selbst! ein zweites,

liebreicheres Mal. Und darin nun leben sie. O, es ist kein Traum, daß die

Unsern, »die Unsern« sind, daß es _außer ihnen keine_ mehr für uns giebt --

wenn wir es verstehen. Sind die Unsern gekränkt, krank, elend, todt -- dann

sind wir dahin! Was ist dann das Leben noch? -- Dem Wilden: Nichts! Er

schlägt sich selbst nicht so hoch an, nicht höher als seine Neigung und

Liebe, die er in seine Lieben versenkte. Kann man Welt und Leben göttlicher

achten? Aber Ihr -- ach -- _Wir_ halten nichts für einzig, nichts einzig

werth für uns! so lieben wir nichts, so bleibt uns immer und immer wieder

die immer wieder leere Welt noch übrig! O wir sind groß und erhaben über

uns selbst! -- Und so forderte jetzt der Vater den Sohn seiner Tochter dem

Manne ab, der --«

Sie irren, d'Issaly! rief ich, ihn unterbrechend und erröthete über und

über. Ich schwieg, schuldig -- zwar aber anders. Ich war mir jetzt klar

geworden: Weil ich unsere Tochter mit entfremdet, liebt' ich meinen und

meiner Eoo Sohn, Okki, nun doppelt, und doch einseitig. Eoo aber liebte die

hingegebene Tochter nur mehr, ja mit voller heftig erregter Mutterliebe,

seit sie sie wieder gesehen. Ihr Schmerz entflammte die Liebe nur mehr. So

war sie bereit, das Leben für sie mit Freuden zu wagen. Und ich liebte Eoo

gewiß, ja gewiß über Alles! -- Leider! Aber verstand ich sie auch zu

lieben, wie mir es Pflicht gegen sie war? Ach, ich mußte auch _Das_ am

höchsten halten, _was sie liebte_, mit heiligem Rechte so liebte -- dann

erst liebt' ich sie wirklich: ihre Seele, und all' ihre Neigung! Das sind

keine Räthsel, keine Spitzfindigkeiten, es ist die Gewohnheit aller

unverstimmten Menschen im Leben, und gerade der Aermsten, selber der

Wilden, wie d'Issaly sagte. So ein göttliches Geschöpf ist der einfachste

Mensch. Aber Vorliebe zu Okki -- verschuldete Vorliebe hatte mich gebannt.

Ihn opfern -- die schöne, geliebte Eoo opfern, nur wagen -- ich war es

nicht fähig! und sollt' es doch! Und wahrlich _ich dachte_ an mich nicht.

Das sahe Eoo so klar und fest durch die Worte meines Gesprächs auf dem

Berge mit ihr, wie im nebligen Moosagat das fasrige Moos! Sie erröthete:

Sie beschloß. Und doch drückte sie mir noch die Hände leise des Nachts --

ich liebte ja sie und ihr anderes Kind, und sie liebte mich noch. --

Euer Okki ist in guten Händen, tröstete mich d'Issaly, auch wenn der

Großvater beim Abzuge ihn mitnimmt. Und wollt Ihr ihn wieder -- -- es ist

nur eine Tagereise zum Strom, der Weg ist rein, ihr wißt, wie die Indianer

schlafen, ihr wißt die Hütte, morgen ist Fest, der blinde Hirsch wird

geopfert, wir essen nicht ohne zu trinken, und was! und wie lange! -- Nun

wißt Ihr genug.

Ich faßte schweigend meinen Entschluß. Mein bedenkender Freund streckte

sich hin, und halb mit mir, halb mit sich selbst, redet' er fort. »Der

Mensch sollte ein Bär sein!« sprach er über sich selbst unwillig; »nicht

der Bärenhetze wegen, sondern des Bärenpelzes! Nackt bin ich auf die Welt

gekommen, nackt muß ich wieder dahinfahren -- das Wort ist auch in Hinsicht

des Vaterlandes -- traurig. Wahrhaftig! Wer Federn wie der Kolibri hat,

oder eine zarte Haut wie die Feuerschlange, der kann nicht auswandern zum

Eismeer; sie müßte zum Prügel erstarren! und der Eisbär müßte sich auf St.

Helena zu Tode schwitzen, und in Cayenne -- Pfeffer! die glückseligen, von

der Natur _gekleideten_ Bewohner der Erde, _sie müssen ihr Vaterland

bewohnen_, und nur _ausgestopft_ kann man sie in einer andern Zone sehen,

denn sie sehen uns nicht mit ihren Glasaugen. Aber Homo -- der Mensch hat

das verwünschte Vorrecht, wie seine eigene große Modenpuppe, sich

anzuziehen in leichten Nanking, wenn er nach Sumatra ziehen will, in

Zobelpelze, wenn ihm Kamtschatka gefällt. Als Herr des Eisens baut er

Hütten, wie sie ihm überall recht sind, Sommer- und Winterpalais -- oder

näht Pelze! und das verruchte Thermometer in der Hand, stimmt er überall

seine Stube auf -- Stubenwärme! Und nun denkt der -- Fahrenheit, wo er

wohnen _kann_ als Leib, sei sein Vaterland, und wird ein laufender Jude wie

ich. O Homo! Mensch! O Feigenblatt, daß Du verloren gingst! O Vernunft, daß

Du das nicht einsiehst wie -- ich! O Verstand, du glaubst der Erfahrung wie

ich! Nur kleine Geduld! Nur die Freunde nicht im Unglück verlassen, wenn

wir auch nicht helfen können; wir haben die Genugthuung, es mit auszustehen

und ausgestanden _zu haben_. Ins Vaterland wiederzukehren, ist Niemand zu

alt. Das macht wieder jung! Und so lange nur noch das Licht der Augen, bis

sie den Mont-Ventoux gesehen! dann zieht Monsieur d'Issaly die Decke sich

lächelnd über den Kopf -- und schläft wie ein todter Urson!«[A]

Und so that der Ausgewanderte, der reuige brave Mann wirklich und

schnarchte wenige Augenblicke darauf.

Ich aber hatte keine Ruhe. Ich wartete die völlige Nacht und Stille in den

Hütten erst ab. Dann empfahl ich mich erst dem großen Geist, dessen Sterne

durch eine Lücke der Wolken mir wieder schienen, und schlich mich außerhalb

des Kreises -- nach meinem Okki. Die Hitze war mir günstig. Ayana schlief

vor dem Wigwam mit ihm. Er war im Schlafe ihrem ausgestreckten Arm

entglitten und ruhte nur mit dem Nacken darauf. Erst mußt' ich weinen, eh'

ich ihn vermochte nur anzurühren; dann mußt' ich ihm in das holde Gesicht

sehen -- das Herz pochte mir ungestüm -- er redete leis und unverständlich

im Schlafe. Ayana zog ihn an sich, aber sie ließ ihn, von Schlummer gelöst,

bald wieder los. Ich wartete das ab; eine peinliche Weile. Ich wand meine

Hand unter seine Schulter, die andere unter seine Kniekehlen -- ich hob ihn

sanft -- ich fühlte die süße Last wieder -- ich kniete schon nur auf einem

Knie, ich wollte auch dieß erheben -- da schlug Ayana die Augen auf; ich

stand wie angewurzelt; sie setzte sich auf, sie sah mich an, oder schien

mich anzusehen; ich hielt den Blick der Schlummerbefangenen aus; ich schloß

die Augenlieder, als schlaf' ich; sie sank wieder hin, sie wandte sich ab

und bettete sich auf der eigenen Brust -- nun holt' ich erst Athem, nun

schlich ich mit zitternden Füßen fort, nun war mein Kind wieder mein!

[Fußnote A: Eine Art Faulthier -- Histrix dorsata.]

Ich löste mein treues Thier, als ich erst die Schellen heimlich

abgeschnitten; das Füllen folgte mir zottelnd hinaus in die Nacht, vom

fernen rothen Feuerscheine erleuchtet; ich hatte nicht Steg noch Weg, nur

die Richtung nach dem Flusse; und als der Morgen erschien, verbarg ich

mich, weit von der leeren Savanne schon, wieder im Walde mit meinem

geliebten Kinde. --

Sein Erwachen, seine erste Rede -- o Gott, welch' Entzücken! Ich kosete mit

ihm, lange und süß, und unwiderstehlich sank ich ermüdet in stärkenden

Schlaf, glücklich in dieser Wüste, so glücklich ein Vater sein kann im

Umkreis der Erde. Mir war hier der Himmel -- denn ich sahe im Traume mein

Weib und mein anderes Kind. Sie lebten also -- in mir, und ich lebte mit

ihnen -- in mir.

* * * * *

Ich wußte selbst nicht, wie erschöpft ich war. D'Issaly's Wort »das war

eine große Lehre,« trug ich beständig im Sinn. Ich war schon krank, und es

machte mich kränker und spannte die Kräfte mir ab. Doch ich fühlt' es nicht

ungern, wie Jemand, der dem Erfrieren nahe ist, sich endlich behaglich

fühlt. Je näher er dem Tode kommt, je wohler, je süßer wird ihm, und Jeder

ist ihm unwillkommen, der ihn wieder in das vergessene Leben stört. Denn

Angst empfand ich nicht mehr; wie ein Wanderer nur den ersten Tag ermüdet,

den zweiten und dritten Schmerzen leidet und dann sich nach und nach

erholt, bis er unermüdlich geht wie eine Uhr. So hatt' ich mich an den

neuen Zustand gewöhnt, als habe die ganze Welt von meiner Jugend an

gebrannt und gedampft. Aber Reue und Ungewißheit drückten mich nieder. Denn

hätt' ich meine Tochter behalten, so war sie jetzt bei uns, dann war die

Mutter auch bei uns -- und wenn ich das dachte, erschien mir Eoo vor Augen

und sah mir lächelnd und froh ins Gesicht, und ich stand, als halte mich

ihr Gebild wirklich auf im Weitergehen! Darum eilt' ich, nach Quebec zu

kommen, denn dahin, wußte Eoo, hatten wir wo möglich suchen wollen zu

gelangen. Ich hatte dort Freunde, Geld, und dort war alles Verlorene wieder

zu ersetzen und anzuschaffen.

Am dritten Morgen nach meiner Flucht aus dem Sumpfe oder Swamp in der

Savanne erschrack ich, mich von den Algonkinen wieder umlagert zu sehen!

Ich fürchtete wirklich nicht ohne Grund, denn die Indianer vergeben nie.

Mir fiel es aufs Herz: in welche Lage es meiner Eoo Schwester, Ayana,

versetzt, daß ich ihr das Kind aus den Armen geraubt. Vielleicht hatte das

d'Issaly bei dem Vater ausgeglichen. Vielleicht hatte Der sie zur

bittersten Strafe mit Wasser bespritzt. Ich war gefaßt auf Gegenwehr, doch

verhielt ich mich ruhig, sorglos wie ein Abwesender. --

Der gute d'Issaly kam und trat zu mir und lächelte. Aber er sahe, wie krank

ich war, wie sehr ich an den Augen litt, und äußerte mir das. Ich wunderte

mich.

Aber noch mehr, als er Ayana zu mir brachte, die ihre wenigen Sachen unter

dem Arme hielt. »Sie wird nun bei Euch bleiben und Euch leiten!« sprach

d'Issaly, der mich eine kurze Zeit verlassen und mir an der Hand sie

herführte. »Um des Kindes willen zuerst, und dann auch Eurer selbst wegen,

denn dem Vater hat geträumt: Ihr wäret verlassen, Ihr rieft nach Ayana!«

»Er gehorcht dem Befehl; denn Träume sind hier Befehle des großen Geistes

und werden heilig erfüllt; wie überall die Einfälle bei Tag und bei Nacht,

auch wenn sie nicht so gut sind als dieser des väterlich sorgenden

_Sachem_, oder Arm des Hauptes. So zieht denn in Frieden! -- Und was mir

gefiel: der Vater nahm nicht Abschied von ihr; als bleibe sie bei ihm,

immer vor seinen Augen, da sie einen guten Weg geht, und also sein Herz mit

jedem Pulsschlag in jeden ihrer Schritte aufs neue willigt. Sie kniete nur

flüchtig noch ein Mal vor ihm nieder und berührte seine Hand mit ihrer

Stirn. Sie hat Fleischpulver, Pemmican, auf lange. Ihr findet auch

Kronsbeeren. Der Mond ist zwar todt -- daß heißt bei Euch: alt, -- die

Sonne scheint zu sterben; aber selbst ohne Nordmoos an den Bäumen und

Südwuchs der Aeste ist der Weg nicht zu fehlen. Die Bäche führen zum

Flusse, der Fluß zum Strome; der Strom nach der Stadt. So geht Ihr aus Hand

in Hand unter göttlichem Geleite. So zieht in Frieden! Vielleicht -- --«

Er sprach nicht aus, sondern sah uns nur lange nach, als er uns erst mit

Sagamite aus Mais erquickt. Auch ich sah mich um und erblickte noch lang

die im Winde von seiner Schulter wehende blaue Decke, und die langen rothen

Hosen.

Obwohl Ayana französisch verstand, schwieg sie doch. Ihr langes weißes,

erst eben angelegtes Unterkleid, mit silbernen Knöpfen am Saume besetzt,

hatte sie aufgeschlagen; ihre Schuhe von weichem Büffelleder (Mocossins)

beschützten ihren Fuß, und ihr um die Hüften geschlagenes Tuch hinderte sie

nicht. So schritt sie voran, ihr schwarzes, bis in die Kniekehlen

reichendes Haar flatterte, mit Geschmeide geziert, im Winde ihr nach. Ihr

Wuchs, _der_ einer indianischen Schönheit -- einer Sqaw -- ließ mich an Eoo

denken, wie sie war, als sie mein Weib ward. Ich folgte in Träumen und voll

der holden Erinnerung, wie ich zum Scherz mit dem glimmenden Hölzchen im

Munde mich Abends Eoo heimlich genaht, und wie sie es ausgeblasen, zum

Zeichen meiner Erhörung.

Der Waldbrand · 第 3 / 4 段