wir noch an einer jetzt von Menschen verlassenen Cabanne, auf dem Flusse
sich wiegend. Es war so klein, daß der kleine Esel zurück bleiben mußte;
und ich vergesse die großen Augen des armen Füllens nicht, mit welchen es
seine Mutter stumm dahin fahren sah! Die Mutter schrie und sang, der Sohn
sang und schrie -- und wir Menschen fuhren dahin.
Wir lagerten uns drüben in einer andern verlassenen Cabanne, mit Allem
versehen, selbst mit den schwarz gefärbten Pflaumenkörnern zum Würfeln für
Kinder. Ich gedachte der Heimath! -- Aber am Morgen war das verlassene
Esels-Muttersöhnchen da; Ayana hatte es beim ersten Morgengrauen
herübergeholt. Die Freude war groß!
Aber was sollt' ich denken, als ich auch die rothen Hosen erblickte -- die
d'Issaly trug! Er trat ein und stellte sein Tomahawk an die Wand.
»Ich kehre aus dem Hause des Todes neu in das Haus des Lebens,« sprach er,
mich weich begrüßend. »Die Wälder sind hin, und man kann kein Wilder mehr
sein! Gewiß sind die Hundsribben-, Hasen- und Zänker-Indier nun alle auch
_Weiber_ geworden. Mit dem Wilde muß nun die Kriegesaxt auf Dauer der Sonne
begraben werden. Denn _nur um Lebensunterhalt_ ward hier Krieg geführt. Aus
der Asche der Bäume wächst nun das Friedensbäumchen auf. Aus Jägern werden
-- Nomaden. _Die Kuh und das Schaf wird nun hier herrschen_, bis der
gepflügte Acker und das gemauerte Haus die Freien zu Sclaven macht wie in
den Freistaaten, zu Sclaven ihrer Bedürfnisse, der Sicherheit und des
Besitzes. _Der_ Tausch ist schwer, und soll ich ihn machen, so tausch' ich
für dieses sehr sonderbar mit Asche gedüngte Jungferland mir wieder mein
Vaterland ein, das ich floh, um Niemandem zu gehorchen, 1790. Jetzt will
ich daran arbeiten, _nur mich zu beherrschen_ und mir als wahrer Monarch zu
befehlen. Alles, was die Indianer haben und thun, geht den ganzen Stamm an;
nur ihm gehört Alles, selbst das Lachswehr im Flusse; ihm ist Mann, Weib
und Kind lebendig, und ihm nur stirbt es. Diese Gesinnung hab' ich hier
erworben -- sie will ich als _meinen_ Reichthum hinübernehmen und
ausstreuen -- mit milden Händen! Und könnt' ich, ach könnten wir alle da
drüben, _bei_ Geschicklichkeiten und Wissen, _diesen_ Charakter behaupten,
was fehlte uns dann -- verklärte Wilde zu sein? nicht _allein_ durch die
Stärke des Leibes zu leben, nicht _allein_ durch die Kräfte des Geistes,
sondern _durch beide vereint!_ -- Das war mein Lehrbrief! schloß er, den
die Natur mir hier geschrieben, welche die Menschen hier etwas sonderbar zu
erziehen beliebt; und einen kleinen verbrannten Baum will ich als
Denkzeichen an die Schnüren -- mein Fathom of Wampum reihen! --«
Er besah sich jetzt in einem kleinen Spiegel an der Wand und ging dann mit
großen Schritten sinnend auf und ab und glühte dabei. »Ich bin ohne ein
wahrer Mensch zu sein, so ziemlich, was man sagt, alt geworden. Doch Ich
habe mich hier um das innere Leben gebracht, Ich will Mir vergeben!«
Er that, als umarme er sich und drücke sich selbst an die Brust, und ich
hörte den Laut zweier Küsse. Dann setzte er sich und rauchte wunderlich
eine Friedenspfeife mit sich selbst. Dabei sah er mich öfter an, und als
sie ausgegangen, und er den letzten Zug des Rauches dem Himmel zugeblasen,
schien er mir zur Lehre zu sagen, was er indeß gedacht.
»Nur auf derselben Stelle, sprach er, können wir leben, wenn leben heißt:
Einsicht in die Welt, ihren Lauf erlangen, antheilvoll wirken und Wirkungen
empfangen. Nicht die Stadt, nicht das Dorf sollten wir verlassen, worin wir
geboren und aufgewachsen sind. Nur darin wird uns die Landschaft, die Natur
zur _Gewohnheit:_ die_ äußeren_ Erscheinungen stören uns nicht, unser
_inneres_ Leben fortzusetzen. Denn Nichts soll uns hinderlich aufregen,
oder gar aufschrecken -- wir sollen uns im Menschlichen, ganz dahingegeben,
vergessen. Ueber ein Menschenleben recht klar werden, das stellt uns höher,
als an Millionen _vorüberziehen_, deren Herz und Schicksal uns verschlossen
ist! Und unser eigener Sinn wird nicht klar und voll, wo wir nicht fußen
und urtheilen können. In unserer Heimath allein kennen wir das Herkommen,
die Mitbewohner und ihren Sinn, ihre Werke von Jugend auf und lernen an
ihnen die Führung des großen Geistes, seine göttlichen Gerichte in dieser
Welt -- den Segen des Stillbescheidenen und Guten, den geheimen Lohn des
Ungerechten, Wollüstigen und Bösen. Wir sahen es! Wir sehen, wie Anfänge
ihren Fortgang und ihr Ende erreichen; wir sehen die Kinder um die Gräber
der Eltern spielen; Fremde in Häusern wohnen, darin wir liebe Freunde
gewesen! Dieser heilige Wandel der Welt, diese Ewigkeit im Vergänglichen,
dieses Göttliche im Menschlichen, mit dem Geiste sehen und bewundern
lernen, ist mehr werth als -- Auswandern! als fremde Meere und Länder,
fremde Berge und Bäume, fremde Gebäude und Menschen sehen; mehr werth --
als ein Leben, das uns ein nie so verstandenes, verworrenes Gewebe ist.
Darum, wer auswandert aus seiner Heimath, der bringt sich schlimmer als um
das Leben! Und geschieht ihm das Aeußerste daheim, es ist noch besser, als
in der Fremde mit Rosenöl gesalbt zu werden! Und wer, gleichsam nach seinem
Tode, einen Goldklumpen nach Hause bringt, der hat _seine Zeit_ dort
gelassen, nicht sein Herz, denn er hatte keines. Ein Sechsziger will nun
erst zwanzig Jahre alt sein; und wer Geizen oder _Wohlleben_ nur Leben
nennt, der hat nicht wohl gelebt. Darum darf man nicht als Strafe den Tod
auf das Auswandern setzen -- die Natur hat ihn selbst darauf gesetzt!«
-- Ich schwieg befremdet, als selbst hier auch in der Fremde.
-- »Euch wundert meine Weisheit?« sprach er und sah mich selbst Gerührten
und schwer Betroffenen an. »Wundert Euch nicht -- das war der Extract aus
35jähriger Thorheit! die Blüthe einer baumhohen großen _Fackeldistel_; des
meergrünen Armleuchters der Natur, mit stachligen Blättern wie Balken,
welche die Kinder ersteigen und das süße reife Mark aus dem Kelche droben,
wie aus einer goldenen Schüssel auslöffeln. Das _Herunterklettern_
geschieht dann _umsonst_; aber man hat den Geschmack noch tagelang auf der
Zunge!« --
Wir brachen nun zusammen auf und gelangten ohne Gefährde in die langen an
einander hängenden Dörfer am Cataragui. Hier wohnen noch Irokesen, die
Letzten, die Christen geworden. Franzosen haben sich hier mit den Töchtern
derselben vermählt, die in ihrem blauen Leibchen, in ihrem Strohhut uns
freundlich begrüßten.
So voll die Häuser von Flüchtlingen waren, fanden wir doch ein Plätzchen
bei alten Leuten. Ayana hatte sich an den Fuß gestoßen, sie konnte nicht
weiter; Okki war unwohl; d'Issaly hatte einen alten Freund gefunden; mich
hielt nur die Hoffnung noch aufrecht, die Hoffnung, Eoo zu finden! Ihrem
Muthe war Alles zu trauen, wenn ihre Verständigkeit nur durch das Schicksal
nicht vergeblich geworden.
Mir glühte es in allen Adern! Nichts konnte mich halten! Ich beschloß den
Weg zu vollenden, wenn auch allein und krank. Die Freunde und Okki kamen ja
nach! Sie waren bei Menschen, nicht bloß mehr bei der Natur, die in diesem
Lande _verwandelt_ -- die also geschaffen hatte, denn auch ihr Schaffen ist
nur Verwandlung. Ich küßte den Kleinen und zog nach Quebec.
* * * * *
Von Glangory in Obercanada, so wußt' ich aus der Sage, hatte der Wald bis
an die Wasserfälle in Untercanada gebrannt; das sah ich. Hier aber standen
die köstlichen Rhododendrons, die Cedern, die Kalmien -- ach, und die
Cypressen! Mit Herzklopfen erblickte ich die Stadt! Ich mochte kaum
hinsehen, und mein Aug' schweifte verlegen und irr' in ihrer Umgebung,
feucht auf den Felsen und Bergen, den Seen und Städten, den Inseln im
Strome umher -- bis sie wieder auf dem prächtigen Hause des Freundes ruhten
und fragten, sehnsüchtig und bang, ob meine Eoo darin sei? Ich stand mit
gefalteten Händen, und während ich erst meinen Weg wiederholte im Fluge der
Gedanken, sah ich auch drüben über dem Strome _die blauen Berge_ brennen,
Neu-Braunschweig! Ich senkte die Augen, die Alles nur dunkel sahen wie in
einem Flor. Meine Stiefeln waren abgerissen, ich war schwarz bis an den
Gürtel, ich hatte das Ansehen eines Köhlers. So ruht' ich am Wasserfall bis
zu Sonnenuntergang. Mich labte die Frische seines Hauches. Die Gewalt
seines Sturzes und die erschütterte Luft über ihm hatte in dem schweren
Walddampf wie aus dämmerndem Rauchtopas einen ungeheuern Brunnen
ausgehöhlt, weit wie der Lilienstein, und drei Mal so hoch; und darüber sah
ich die Hellung des blauen Himmels, seit lange zum ersten Male, wieder. Ein
Adler, der von seinem Nachttrunk darin aufstieg, und welchen mein Auge
hinauf bis hinaus in die Bläue verfolgte, stieg so lange, bis das Gesicht
mir vom Wasserstaube ganz feucht war! Die Dampfwände des unermeßlichen
Brunnens schimmerten golden vom Glanze der unsichtbar auswärts sinkenden
Sonne -- dann rosig -- dann purpurn -- dann violet; und als sie sich
bräunten, schlich ich in die im Dämmer ruhende Stadt.
Ich war durchnäßt, ohn' es zu wissen, bis ich an der Pforte des Hauses
stand, die sich sogleich nicht öffnete. Mit Zähnklappern trat ich ein. Mein
Freund und sein Weib erkannten mich nicht. Ich setzte mich auf den nächsten
Stuhl. Sie beleuchteten die fremde Erscheinung -- sie hatten mich auch für
umgekommen betrachtet wie unzählige Andere, oder geglaubt, ich irre mit den
Abgebrannten umher auf der unermeßlichen Brandstätte, ohne Nahrung und
Obdach. Aber ich saß hier. Jetzt freuten sie sich mit Thränen.
Ich sahe mich schweigend im Zimmer um. Ich glaubte, sie sollte zu Tische
erscheinen -- _sie!_ -- Und meine Tochter Alaska sollte mir, im Rücken
genaht, die Augen zuhalten und mich rathen lassen, wer es sei, bis sie in
Thränen ausbrach und an meinem Halse hing! --
Nichts von alle dem! Ich getraute mich nicht zu fragen. Sie schwiegen, um
mir nicht unendlichen Schmerz zu erregen. Erst als ich zu Bette ging, hielt
mich der Freund an der Hand fest und fragte, die Augen niederschlagend:
»Dein Weib kommt doch nach?« --
Ich suchte sie hier! war Alles, was ich sagen konnte. Ich hatte große
Umwege, lange Aufenthalte gemacht -- und sie war nicht hier.
Die Thränen in dieser Nacht gaben meinen vom Rauch entzündeten Augen den
Rest. Ich wußte am Morgen nicht, daß lange schon Tag geworden war.
Fieberphantasieen hatten mich eingenommen, und wer nun aus mir sprach, wer
in mir litt -- lange Tage und Nächte -- das war ich nicht mehr. Und doch!
denn -- --
»Wie durch einen Zauber ward ich wieder gesund! Ich machte eine höchst
beschwerliche Reise nach Saint-Réal's Wohnung. Sie war nicht mehr. Die
Schafe irrten hirtenlos umher, die größeren Hausthiere alle waren
umgekommen. Ich zog nach unserem verlorenen Dorfe. Ich fand noch Inseln von
Wald. An andern Orten lagen vom Feuer umschlossene wilde Thiere mit
versengten Pelzen. -- Mein Haus -- es stand! Die Papageien flogen umher.
Ich sah wieder durch die grünen Jalousieen zum Fenster hinein. -- Da sah
mich der Geist wieder aus dem Spiegel an! Da stand das Wiegenpferd mit
finsterem Gesichte! Da lag der angefangene kleine Strumpf -- ich seufzte,
ich sahe zu Boden, da lag der Teppich gebreitet, den Eoo gewirkt. -- Ich
ging weinend hinein; ich berührte mit der Hand ihren Webstuhl, den langen
ahornen Stiel ihrer Apfelpresse; ja ich trat mechanisch ihr schnurrendes
Spinnrad, bis mir vor Wehmuth der Fuß versagte. Ich stieg in den Keller --
_da saß Eoo!_ und ob es gleich sonst finster darin war, umfloß sie ein
Licht, dessen Quell ich nicht wahrnahm. Sie stand nicht auf, sie schwieg --
ich ergriff ihre Hand -- sie war kalt. Eoo war todt! -- und doch schlug sie
-- wie mir zu Liebe, die Augen noch ein Mal auf! sie lächelte wieder, sie
drückte mir lange die Hand -- dann senkte sie sanft den Kopf auf die Brust
und war todt.« --
Und ich erwachte! Denn Alles war nur ein Traum. Meine linke Hand, mit der
ich die ihre gefaßt, hing noch zum Bette hinaus, und ich war erwacht durch
ein sanftes Anfassen derselben, ein Weinen darauf, und durch ein
fröhliches, aber gedämpftes Rufen: »Der Vater erwacht! er schlägt die Augen
auf!« --
Ich that das wirklich; aber ich sahe Niemand. Aber in mein Bewußtsein
dämmerte das Wissen: _Alaska_, meine Tochter sei hier! _Sie_ sei gerettet.
So lag ich wieder still.
Am Abend las man die Zeitung, die hier überall einer _öffentlichen_ Schule
gleicht, die wie durch Zauber im ganzen Lande gehalten wird für die Schüler
der neuen Welt, das heißt für alle ihre Bewohner. Denn hier bei uns ist dem
Volke nichts vorzuenthalten. Es war ein Blatt »Freeman's Journal« aus
Philadelphia. Die Furcht vor einem durchgängigen Brande des Waldes, der von
der Hudsonsbai bis hinab an die Spitze von Florida fast ununterbrochen die
Staaten bedeckte, hatte sich so sehr der Gemüther bemächtigt, daß man in
Neu-York die Erscheinung zweier Engel glaubte, welche den Untergang der
Stadt auf den 19. Januar 1826 ihren Bewohnern verkündigt. Denn jetzt schien
Alles möglich. Unter den Geschichten, welche das Blatt alle Wochen aus der
alten Welt »mittheilt,« war eine aus Rußland. Ein Weib war im Schlitten mit
ihren 5 Kindern nach der entlegenen Kirche gefahren, und auf der
Nachhausefahrt hatten sie 5 Wölfe verfolgt. Sie war gejagt, bis Schweiß sie
und das kräftige Roß bedeckte. Endlich hatte ein Wolf sie erreicht, und um
sich zu retten, hatte sie ihm das älteste Kind hinaus geworfen -- worüber
er hergefallen. Und in der Mordlust und Stillung des Hungers war dieser
verstummt. Aber bald hatte der Zweite die Pfote hinten auf ihren Schlitten
gelegt, und um sich zu retten, hatte sie jetzt das älteste Kind ihm zur
Beute gegeben. Und so endlich dem fünften Wolfe das fünfte Kind -- von der
Brust. Und wohlbehalten war sie in einem Bauerhofe angelangt, wo die
Bewohner so eben in ihrer Scheune gedroschen. Sie hatte ihre Rettung
erzählt, und die Weise: wie? Da hatte der Sohn des Hauses gefragt: ob sie
das wirklich gethan? und auf ihre Bejahung hatte er ihr den Kopf mit dem
Flegel zerschmettert; und der Menschenkenner und Menschenfreund Alexander
hatte den Rächer der Menschheit liebreich begnadigt. -- --
Tiefes Schweigen herrschte im Zimmer. Alle erschöpften sich in
Muthmaßungen: das Weib, ja die Mutter auf irgend eine Art zu entschuldigen
-- denn das Blatt einer Lüge zu zeihen, kam Niemand an. Und sie beruhigten
sich erst, als ein fremder, neueingewanderter katholischer Priester ihnen
erklärte: die fünf Kinder seien nicht Kinder des _Mannes_ jenes Weibes
gewesen; der Pope habe ihr deswegen diese fünf Kinder in der Beichte --
ihre fünf _Sünden_ genannt -- und _diese_ fünf Sünden habe das _Weib_ den
fünf Wölfen geopfert, nicht die _Mutter_ ihre fünf _Kinder_.
Ich fühlte -- ein Hund hatte sich zu meinen Füßen auf's Bett gelegt, und
manchmal leckte er mir die Hand. -- Unsere Ariadne war da! Gott, und mein
Weib! Denn Alaska sagte jetzt zu _Eoo:_ Nicht wahr, Mutter, ich bin _dein_
Kind!
Ich vernahm nichts weiter, die Sinne vergingen mir wieder.
Und so verflossen lange Tage, lange Nächte. Ich fühlte nur einst Kühlung
auf den Augen, Thränen auf mein Gesicht geweint, und eine heiße Wange an
meine geschmiegt. Dann war das lange nicht mehr. Aber eines Morgens sah ich
meinen Okki vor mir stehen, der schwer seufzte; Ayana hielt ihn an der Hand
-- und d'Issaly saß in der Ecke des Zimmers, die Arme in einander
geschlungen, mit gesenktem Kopfe.
Sanfte Gesänge hatten mich aufgeweckt. Der Hund wartete vor mir auf. Nun
wußt' ich erst deutlich: meine Tochter, mein Weib waren da! Ich bat, sie zu
mir zu rufen, aber Ayana verneinte das, sanft weinend, mit leise bewegtem
Haupt. Dann trat sie ans Fenster. Ich wollte zu ihr geführt sein -- und
Okki sprach: »Komm' in den Garten!« Aber d'Issaly sprang auf und wehrte dem
Kinde. Nur so viel erfuhr ich jetzt: der gute alte Saint-Réal hatte nicht
Kraft zur Flucht gehabt. In einer Berghöhle war er sitzen geblieben; die
beiden Frauen hatten ihn nicht zu tragen vermocht; bis sie der Dampf der
entzündeten Steinkohlen daraus vertrieben, hatten sie treulich bei ihm
ausgehalten. Dort saß er nun, gestorben noch eh' er erstickt. Eoo war zur
rechten Zeit gekommen! Sie hatte die besten Wege gefunden. Und so erklärte
ich mir Alaska's Thränen als das Opfer für ihren Pflegevater, dessen --
Fürstenthum sie nun geerbt, aber daran nicht dachte. D'Issaly hörte von dem
Vermächtniß, es sei hier niedergelegt; und er wollte später einmal in den
Wald, in die Höhle mit Männern kehren, die des armen Alten Tod bezeugten,
die den Gestorbenen begrüben, in seinen Kleidern, selbst mit seinem
kostbaren Ringe am Finger, wie Alaska verlangte, und daß sie zugleich ihm
darin ein Denkmal, doch eine Inschrift von Erz oder Marmor setzten.
Endlich nach Tagen stand ich auf. Ich trat an das Fenster, das den tiefen
Garten übersehen ließ -- man wollte mich hinwegziehen, ich konnte nicht
widerstehen, trat mitten ins Zimmer und sahe nun wie es Asche regnete über
das Land. Stürme hatten sie in die Wolken gekräuselt, weit umher geführt,
und in dem schweren Herbstgewitter, das göttlich am alten heiligen Himmel
rollte, fiel sie als schwarzer Schnee hernieder, oder, mit den großen
Tropfen gemischt, als schwarzer Regen und deckte das Land und das
herbstliche Grün und die rauschenden Bäume.
Eoo war nicht zu sehen. Niemand sprach, mir graute zu fragen, denn ich
errieth. Der Freund erzählte mir nur, sie sei gekommen, sie habe mit
Freuden gehört: ich sei da! Aber Okki? -- hatte sie erblassend gefragt.
Ach, der war ja noch in dem letzten Dorfe gewesen -- und eh' sie gehört,
war sie tödtlich erschrocken, und meine Krankheit hatte ihr den vermeinten
Verlust bestätigt. Sie hatte tausend Angst um uns ausgestanden, seit sie
ihre Alaska bei sich gewußt -- und jetzt war ihre Natur erlegen. Mein
Anblick hatte sie tief erschüttert, sie hätte mich gern, schnell, noch
schnell genesen gesehen! bald, nur bald mir wieder das Licht der Augen
gegönnt, damit ich den Trost genösse, sie -- ach, sie noch einmal zu sehen
in dieser Welt. Nichts hatte sie gehalten; und obschon selber schwer
erkrankt, war sie hinaus auf die Hügel geschlichen und hatte mir Kräuter
gesucht, sie gepreßt und den Saft mir auf die Augen gelegt. Das war also
die Kühlung, das waren die Thränen gewesen, das die heiße Wange!
Der Freund schwieg. Ich frug nichts weiter. -- -- Sie hat den heiligen
Trost gehabt, ihren Okki wiederzusehen, setzte die Frau des Hauses nach
einiger Zeit hinzu. Auch ihre Schwester hatte sie wiedergefunden, und die
Lieben waren Alle bei ihr! Der Arzt versicherte ihr: der Vater der Kinder
werde genesen. --
-- -- »Die Gesänge« habt Ihr selber gehört, setzte d'Issaly hinzu, und wißt
sie zu deuten!
* * * * *
-- Es war ein prachtvoller Abend, als ich, meinen Okki an der Hand, zum
ersten Male in den Garten hinunter stieg und bis in das Rhododendrongebüsch
zu den Kalmien ging.
Hier liegt die Mutter! sprach Okki. Ich stand mit Herzklopfen, ich sah ihn
an. Und jetzt bemerkt' ich erst -- sein schönes Haar war abgeschnitten! Ich
wußte warum. Ich sah einen grünen Hügel -- ich kniete hin, ich umfaßte die
kühle Erde statt des schönen lebens- und liebewarmen Gebildes, das sie
bedeckte! ich weinte in die gebeugten Augen der Blumen statt auf die Augen
und die Stirn, die darunter nun ruhig schliefen. Die Abendsonne vergoldete
die Welt -- Wolken, Felsen, Strom und Cypressen, und in ihrem Glanze stand
auch Alaska zu Füßen des Muttergrabes und streute ihre Locken darauf als
Opfer, nach dem frommen Gebrauch ihres Volkes. Und wie ich sie stehen sah,
mußt' ich bei mir sprechen: Da steht dein Weib, deine Eoo, die Mutter!
nicht allein an Gestalt und Bildung jugendlich verklärt -- sondern
wirklich: -- _ihre_ fromme Seele, _ihre_ Liebe steht schauernd da und
schaut und liebt mich mit weinenden Augen lächelnd an, und blaß und zagend
wie ein Engel. _Die Liebe lebt!_ Sie ist nicht allein ein Geist! sondern
sie schafft auch und wirkt, und ihre schönen Wirkungen leben und wirken und
lieben uns wieder! Eoo rettete ihre Tochter. Und das Gebild, das seine
Locken ihr streut, ist nicht die Tochter -- _nicht sie allein_ -- sondern
heilig verschmolzen: _auch die Mutter!_ ein goldenes Werk mit Asbest
geschmolzen, mit Silber versetzt -- aber das Silber ist Alaska -- das Gold
ist Eoo -- das Feuer aus Asbest aber ist _die Liebe!_ --
Und nun zog ich die Tochter an meine Brust, und wie sie vor Wehmuth glühte
und doch blaß war, küßte sie mich mit Eoo's Lippen, mit ihrem Kusse! _Ihre_
Arme wanden sich um meinen Hals, und ihr Herz schlug an meinem Herzen! Und
das schöne Gebild war mein durch sie -- mir war es die Mutter -- ach, und
zugleich ihr Kind, mein Kind! O Wehmuth und Seligkeit! -- _Die Abendröthe_
nahm ich zum Angedenken an den Brand! Jede Morgenröthe wollt' ich an Eoo
gedenken! Und so wie, nach jener Sündflut durch die Wasser, der
_Regenbogen_ ein Zeichen der Huld des Himmels geworden, so sollten _die
ewigen hellen Gestirne_, die über uns Weinenden jetzt heraufgestiegen, mir
_Funken des Brandes_ bedeuten, so oft ich des Nachts zum Himmel nach meiner
Eoo aufsah -- als Zeichen des Friedens und ihrer Liebe!
Anmerkungen zur Transkription
Quelle: Leopold Schefer's ausgewählte Werke. Zweiter Theil. Veit und
Comp., Berlin, 1845, pp. 1-72.
Im Original g e s p e r r t e Textstellen werden _kursiv_ wiedergegeben.
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