Auch wir schienen jetzt im Sichern. Nur der Boden war heiß, und uns war,

als zögen wir unter scheitelrechter Sonne. Die Richtung des Windes hatte

uns gestern gerettet! Ach, die Menschen wünschen sich so unbedenkend »guten

Morgen!« -- »guten Tag.« Das ist eine große, nicht verstandene Erinnerung

an die Natur, die all' unser Leben regulirt! Eine unerkannte Ahnung von dem

Wetter, was sein _könnte!_ von den Stürmen der Natur, die in ihren

uranfänglichen Tagen brausten -- die _heut_ noch herein brausen können über

die Welt! Und so sagen die Menschen unbewußt froh: wir haben heut schönes

Wetter! und freuen sich der Natur, die so ruhig, so freundlich um sie

leuchtet wie ein Stillleben! Und wer bedenkt genug, daß wir Alle vom Wetter

leben! Ein Regen bestimmt und ändert der Menschen Geschäfte; ein Sonnentag

versetzt' uns so recht ins menschliche Dasein; ein blauer Himmel macht uns

heiter; am trüben Tage stockt das Leben in uns. Eine Wolke macht reich und

arm; ein Hauch kann uns verderben! Ein anderer Wind bringt allemal anderes

Wetter. -- Uns stürmt' es zur Rettung vor uns dahin, und wir wandelten wie

auf einem gewonnenen Schlachtfeld, traurig, aber froh des eigenen Lebens!

Wir ruhten, schon im Abenddämmern, auf dem hohen Felsenufer eines

dampfenden, wahrscheinlich jetzt heißen Sees. Denn die noch wenigen Bäche

führten fast siedendes Wasser ihm zu. Um seine Ränder und Buchten hatte die

Waldung gebrannt. Die Sümpfe umher waren sehr eingetrocknet, ihr Wasser

hatte sich bis tief in den Grund erhitzt. Die Fische hatten nicht

entfliehen können, aber . . . . . Wir hörten jetzt von Ferne es brüllen,

wie dumpf eine Heerde Büffel brüllt; nur klang es ängstlicher, und

ängstlicher vom Echo wiederholt. Es näherte sich uns. Wir saßen still. Ich

hatte das Feuergewehr auf dem Knie. Indeß fürchtet' ich nicht so sehr, denn

vor eigener Angst schonte der Todfeind jetzt den Todfeind. Jetzt sahen wir

es springen wie Kälber von Kälbern, mit tölpischem Sprunge, dann ruhte,

dann brüllte, dann sprang es wieder! Und so eine Reihe entlang, wie

Gespenster, die sich kauernd und springend nahte. -- »Ochsenfrösche!«[A]

sagte mein Weib mit Lächeln erst, dann mit Thränen im Auge; »sie suchen

frisches Wasser!« -- Aber sie irrten entsetzlich! Denn durch unser lautes

Anrufen »ho! -- ho!« das sie zurückscheuchen sollte, machten sie nur einen

Bogen -- und nicht weit von uns sprang die grünliche Schar desto schneller

vom Fels in den See, und das Brüllen verstummte -- aber sie schwammen nach

und nach aufgetaucht, alle ausgestreckt, von dem heißen Wasser verbrüht,

auf der Fläche umher. So hatte ihr Trieb sie doch nicht ganz getäuscht --

sie waren nun ohne Qual und ruhig. Jetzt sahen wir erst: -- bräunliche

Biber saßen, aus ihren glühenden Bauen vertrieben, auf den Felsen umher und

schienen auf die Fläche des Sees zu starren, die von zahllosen Fischen

bedeckt war, die auf der Seite lagen und schimmerten. Große gelbliche

Wasserratten krochen darauf umher, und Wasserschlangen suchten matt und mit

halbem Leben an den erhitzten Felsen empor zu klimmen und stürzten im Falle

geringelt zurück. Ein Flug von Wasservögeln wollte sich an einer freien

Stelle in den See stürzen; aber die klugen Führer versuchten das Wasser und

schrieen kläglich über die Verwandlung ihres Elements und schwirrten weiter

hinauf im Dampfe dahin. Wir aber brachen auf, die Höhe des Berges zu

erreichen. Eoo trieb. Denn von droben war die hoch und frei gelegene

Meierei meines Freundes, gleichsam meines Kindes Stiefvater, meiner Frau

zweiter Mann, von Ferne -- eine Tagereise weit -- zu sehen, wo unsere

Tochter lebte. Lebte? --

[Fußnote A: Rana maxima, oder der Riesenfrosch.]

Wir fanden die Felsengrotte, die wir schon auf der Heimreise als Gasthaus

benutzt. Eoo bettete das Kind weich auf Laub und Tücher, wies den müden

Hund bei ihm an, zu wachen, der sich ihm zu Füßen legte; Esel, Mutter und

Sohn, mit Klingeln um den Hals und dem Rufe gehorchend, weideten indeß zum

dürftigen Abendbrot, und wir stiegen zum Felsengipfel.

Welch ein Blick in das Land umher, so weit das Auge trug! Heftiger

Unterwind herrschte; uns gegenüber am ganzen Horizont hatte er eine

Rauchwand aufgethürmt, riesengroß, schwarz wie die Nacht! Ein breiter

Strich des Himmels war offen. Aus der schweren Decke, die über unsrer

Heimath lag, fuhren Blitze wie geschleuderte Feuerschlangen empor. Denn die

Wälder darunter brannten. Und wie aus dem Becher des Vesuvs in der Nacht

nur eine schmale Flammensäule und Feuergarbe emporloht, so schlug hier eine

feurige blendende Flammengischt, breit von Süd bis West, aus dem ganzen

Lande in den Aether hinauf und stand, in der Ferne schweigend und unbewegt,

wie ein göttlicher Nordschein. Aber über den näheren Wäldern bewegte der

Sturm die wallenden Flammen wie Saten der Hölle, und sie wogten wie Wogen

des Meeres.

Unser verlorenes Dorf war dahin, und die andern mit ihm. Das Fernrohr that

keine Dienste, durch dazwischen schwebenden Dampf und Qualm vernebelt.

Aber jenseits drüben glänzten die Fenster des Hauses unseres alten Freundes

wie in der untergehenden Sonne. Deutlich brannte _dahinter_ der Wald; der

Weg von uns bis dahin schien noch frei; aber schon stachen lange, brennende

oder dampfende Zungen einzeln aus dem dunkelgrünen Walddach-Teppich! Wie

der Wind sich richtete, vereinigt' er sie -- vielleicht -- und überzog ihn

dann ganz mit Feuer und Purpur.

»Sollt' ich noch wagen, dahin zu eilen, die Tochter zu holen, zu retten?«

getraut' ich mich zu sprechen.

Kannst Du es _nicht_ thun? frug mich Eoo.

»Sehen sie nicht dort die Gefahr? wie wir unsere sahen?«

-- Wird sie uns nicht verzweifeln? -- frug Eoo.

»Wird der alte Mann von den Seinen verlassen sein, wie die unsern uns

flohen? Er war so gut! Sie waren so treu.« --

-- Alaska wird ihn nicht verlassen! so kommen sie Beide um! --

»Lebt nicht Gott da drüben und waltet und rettet, wie er hier lebt und

gerettet?«

O wohl! o gewiß! sprach sie; aber soll ich nicht retten, nicht eilen, nicht

wissen! Ach, davon spricht er die Mutter nicht frei! Ich soll mir die

Tochterliebe verdienen -- nicht schmachvoll sie tragen!

»So wollen wir umkommen? und Okki?« frug ich Eoo.

Sie sah zur Erde mit finstrem Gesicht. Der Wind riß in den Wurzeln

verbrannte, gelöste Bäume im Thale auf einmal zu zwanzig, zu hunderten um.

Sie krachten am Boden, sich wild in einander zerschlagend. Qualm stieg auf.

Es leuchtete wieder. Dann brach das Gekrach als Nachhall in den Schluchten

der Berge erst los! -- Andere Sturze! Neuer Donner, Qualm und Funkensprühen

-- und neuer Nachdonner umher bis hinaus. -- Furchtbare Schlacht der Natur

mit sich selbst. --

Eoo hörte das unerschrocken, doch düsterer als zuvor. Ein unaussprechliches

Lächeln, und in dem Lächeln ein heiliges himmlisches Lieben sprach aus ihr

in mich! Sie zog sanft ihre Augenlieder über ihre Augensterne, und so stand

das schöne sehnsüchtige Antlitz hinüber nach ihrer Tochter gewandt. Ja sie

schien mit dahin gerichtetem Ohre zu horchen: »ob sie ihr rufe?« Sie hielt

die Hand halb erhoben und abgewendet von sich, mir Schweigen anzudeuten,

als höre sie wirklich das hülflose Kind, und nicht das Flüstern der eigenen

Angst um sie.

Sie sehnte sich, zu ruhen. Als wir zur Höhle gekommen, war es, als habe sie

ihren Okki verloren gehabt und nun wiedergefunden, so freudig erschreckt

von seinem Anblick, kniete sie zu ihm und küßte ihn munter und hörte ihn

reden und drückte ihn an sich und zog mich mit in des Kindes und ihre

Umarmung. Das verstand ich nicht!

Noch im Finstern, als ich glaubte, sie schlafe schon lange, drückte sie mir

noch von Zeit zu Zeit die Hand, leis und leiser. Ich fühlt' es noch,

schlafend.

-- Am Morgen war sie verschwunden.

* * * * *

Ich stand erschüttert mit gefalteten Händen -- ich betete -- aber die

Lippen bebten mir nur. Okki war da -- er freute mich kaum! Ich holte kaum

Athem! Vor meiner Phantasie war ein Abgrund aufgethan. Mir war klar -- das

Mutterherz hatte Eoo nach ihrer Tochter gezogen. Ich konnte in wachem

Traume mir immer wechselnde Bilder malen. Bald sah ich Eoo verirrt! -- bald

erlag sie! -- bald weinte sie nach mir zurück! -- bald stürzte sie froh in

die Arme der Tochter, sie war bei ihr, bei ihrem Kinde, denn _das Kind in

Noth, ja in ungekannter Noth, ist das einzige Kind, das liebste Kind dem

Mutterherzen_, so viel sie glückliche außer ihm hat! Ihre strebende

hülfreiche Seele schien mir glücklich, das linderte meinen Gram. Ihre Liebe

sah keine Schrecken. Und was vermag denn also die so gefürchtete Natur mit

all' ihren drohenden Werken und Wirkungen über die innere Gewalt der Seele

des Menschen? -- Nichts! Sie erhebt ihn nur himmlisch und stärkt ihn: sie

selbst nicht zu achten! -- Die Gefahr _zog_ mein Weib zu dem Kinde; ihr

Anwachsen trieb sie -- zur _Eil!_ die Flammen erleuchteten nur -- ihr Kind

in der Ferne. Aber was Eoo gethan, das that kein Weib, das that -- eine

Mutter. Denn von dem vielgetadelten, hoch gepriesenen, und oft mit Recht

seit Sirach und Euripides mit harten Sprüchen beladenen weiblichen

Geschlecht ist nur Etwas ehrbar -- _die Mutter!_ Nichts _darüber!_ Nichts

_weiter!_ -- Aber hab' ich das übrige Geschlecht nun verurtheilt? Nein,

erkannt! hoch, himmlisch hoch gestellt! -- Jeder, der lebt, hatt' er nicht

eine Mutter? Will und soll jegliche _Jungfrau_ nicht eine Mutter werden?

Lebt die _Matrone_ von etwas Holderem als den Gedanken, wo sie in der

Lichtsäule des Lebens wandelte? Woher stammt die Liebe? in allen! wohin

führt sie alle? Und so ist alle andere Liebe nur Vorklang, Nachklang und

kindisches Wesen gegen Kinderliebe und Kindesliebe!

Und sie, die durch mich in Eoo's Herzen gestockt -- wie brach sie nun aus!

O was litt' ich! Ich war in keinem brennenden Walde mehr -- mir brannte die

thörichte Schuld im Busen.

Ich war spät erwacht -- Eoo war schon weit! doch sie war nicht allein, der

treue Hund begleitete sie. Mir fehlte kaum eine Hand voll Lebensmittel.

Okki begehrte nach der Mutter. »Sie holt Deine Schwester,« sagt' ich ihm

lächelnd, ihn herzend und küssend -- weinen durft' ich ja nicht -- und das

machte ihn lächeln und in die Hände klopfen!

Mein erster Entschluß war, ihr schnell zu folgen. Aber war sie mir nicht

durch irgend einen anderen Unglücksfall verloren? Ach, mein Herz zweifelte

nicht, nur mein kühler Verstand. Mein zweiter Entschluß war, zu warten, bis

sie wiederkehre. Aber ich _mußte_ einen dritten ergreifen, denn von der

rechten Seite herein ging der Wald jetzt in Feuer auf, und der Weg war mir

abgeschnitten. Wie breit er brannte, wie schnell das Feuer an der Erde im

Grase hinlief, an den erhitzten, Harz schwitzenden Bäumen hinauf leckte,

wie lange es verweilte, um feuchte Stellen auszutrocknen und dann doch noch

mit seiner Gewalt zu entzünden, wie weit Eoo schon eilte, war nicht zu

berechnen! Ueber ihren Weg hinaus blickend, athmet' ich tiefe Züge ein, als

wollt' ich den Wind zurückziehen und die Luft einathmen und halten, damit

sie sicher eile! Ja, wie der Mensch ist, mich beruhigte fast der Qualm --

weil er Alles verhüllte! Kein Anzeichen der kranken Natur forderte mich

auf, ich durfte Alles dem göttlichen Walten -- getrost überlassen.

Mich hatte eine Furcht befallen vor der Natur, die -- natürlich war und

schmerzlich an Wehmuth grenzte; noch mehr aber bannte mich Staunen und

Kummer, den tiefer Verdruß mir bitter machte. War mein Okki, mein einziges

Kind nicht verloren, wenn ich mich opferte? War das Leben mir irgend noch

werth, wenn ich ihn auch nun verlor, nur beschädigte! Ich saß auf dem Berge

und wiegte ihn fast den ganzen Tag auf meinen Knieen, mocht' er nun wachen,

oder schlummern an meiner Brust umarmt, seine Händchen um meinen Hals

geschlungen. Ich schien mir kein Mensch mehr -- denn um mich war nicht mehr

die gewohnte Natur und das Leben, das uns zu Menschen macht. Speise und

Trank war vergessen. So saßen wir. Mir dämmerte es nur im Sinn, ich empfand

mich nur in der Liebe zu diesem Kinde, wenn es mich Vater nannte. Wie wenig

ein Vater, ein Mensch ist, wie wenig er leisten kann -- das drückte mich

nieder. Ja, soll ich mein Herz ausschütten, so sag' ich: Der gewöhnliche

alte, uralte Gebrauch der Welt, der immer und allen in Unglück und Tod

schließende Lauf des Lebens war mir jetzt doppelt verhaßt; die _Trennung_

von unseren Lieben, die es seinem alten Gesetz nach gewiß mit sich bringt.

Die Eltern sterben, wenn die Natur dieß Gesetz nicht noch schrecklicher

umkehrt, _eher_ als ihre Kinder, also _von_ ihren Kindern; -- _alle_ Kinder

verlieren die Eltern, wenn es noch _gut_ geht! und in derselben Stunde

verliert jeder, jeder Vater zugleich sein Kind, _denn auch der Sterbende

kann noch verlieren_, nicht der Lebende allein -- er sieht sie in ihren

eigenen einsamen künftigen Tagen nicht, er überläßt sie der weiten,

gefahrvollen Welt, jedem Schicksal, zuletzt _auch_ dem Tode! Sein liebendes

Auge möchte bei allem dabei sein, sein Herz es wissen! Und so wünscht' ich

jetzt mir in diesem gefährlichen Zustand bethört die verkehrte Freude, _daß

wir Alle zusammen umkämen in einer Stunde!_ in demselben beglückenden

Augenblick!

Doch auch der Wunsch war nun vergebens. Sollt' ich hier harren, bis uns die

Lebensmittel ausgegangen? wo selbst keine Beere im Walde mehr zu finden

war? Und dennoch häuften sich in der Nacht die wilden Thiere im verödeten

Walde. Ihr Geheul verrieth noch Angst; die Mächtigen schonten der Kleinen,

Rehe liefen unverfolgt von Wölfen, der Albatros flog vor dem Adler sicher.

Aber das mußte bald anders werden und schrecklich! Auch für uns! Beim

ersten Dämmer des Tagscheines brach ich denn auf und richtete mich nach dem

Compaß, um den großen Strom, den Cataragui, bald zu erreichen.

Ein beschwerlicher Weg! eine fast hoffnungslose Flucht! Kleine Bäche von

Theer und Harz, halberstarrt, waren hier; Hügel von Asche, vom Winde

zusammen gewirbelt. Feuchte, quellige Stellen dampften noch. Nur aus

Felsenadern ein frischer Trunk. Brach ein Sonnenblick durch die wie

niederhangende Wolkendecke, und sah ich unsern Schatten an der Erde

hinziehen -- dann konnt' ich weinen. Da verschwand er wieder, aber die

Thränen blieben stehen im Auge.

Endlich gelangt' ich in frischen Wald von Weimuths- und Pechkiefern und

Sprusselfichten, voll zahlloser großer Heuschrecken und Schmetterlinge. Es

zirpte und schwirrte wunderlich und flirrte, wie Schnee flirrt. Ich hörte

das an; es war unerforschlich, geisterhaft und verschwand nicht und hörte

nicht auf! Ich zog wie im Schattenreich. Noch zwei Stunden, unheimlich --

ich möchte sagen unweltisch, wie ich nie gelebt -- und wir waren auf einer

baumleeren Savanne. Ein raschelndes Grasmeer voll blühender, aber gewelkter

Pflanzen in weiten Waldufern, und hin und her nur Gebüschgruppen, die wie

kleine Fahrzeuge darauf zu schweben schienen. Aus einer beträchtlich großen

Vertiefung sah ich Rauch aufsteigen; der Wind führte mir Laute aus Gesängen

zu. Da waren Menschen! Ich eilte. Aber erst mit Anbruch der Nacht erreicht'

ich Ermüdeter ihren Rettungsort.

Ich glaubte Flüchtlinge aus den Kirchspielen und den verlorenen Dörfern zu

finden, und, sonderbar hier, ich sah eine weiße Friedensfahne auf einem der

ersten Bäume ausgesteckt! Sie war im Glanze der Feuer sichtbar. Alles

schwieg.

Ich hielt. Mein Esel schrie lauter, als ein stürmender Nachtwächter bläst.

Mir that es leid um die Ruhe der armen müden Menschen. Während meiner

verständlichen Verweise raschelte es in der Krone des Baumes. Eine Gestalt

wie ein Bär kam am Stamme heruntergegleitet. Sie nahm von frischem die

Decke um die Schultern und reichte mir eine Hand und hieß mich herzlich

willkommen. Des Mannes Gesicht schien röthlich im Glanze der Flamme, doch

seine Züge waren europäisch. Er nannte sich mir Monsieur d'Issaly, und,

hier in der Fremde, _seinen Landsmann!_ Auch ich that so.

»Ich beobachte den Wind!« sagte der ziemlich bejahrte Mann mir erklärend.

»Denn jene Indianer haben ihre Rechnung geschlossen, und schlafen in

Frieden, das Haupt vertrauend auf die mütterliche Erde gelegt. Sehen Sie da

den letzten Rest des ganzen Volkes der Algonkinen!« --

Schauer überlief mich. --

»Wir mögen ihrer noch gegen 600 _Mann_ sein, _Weiber_ und _Kinder_ mit

eingerechnet, wie bei Xerxes Heer. Ein bejammernswürdiges Ende so vieler

herrlichen Tage, im Schooße der Natur verlebt! Aber einzeln und völkerweise

-- hinter dem Jäger steht der Bettler -- sie mußten auch so vergehen!«

-- Ich dachte nur an Eoo's Vater, an ihre Schwester! --

Und betrübter sprach er, einen gebildeten Sinn verrathend: »Auf jenen armen

Köpfen, in jenen schlafenden Herzen ruht das Wissen, Leben und Streben

eines ganzen uralten Volkes. Sehr besonders! wahrhaftig unerklärbar! So

viele Geschlechter von ihnen gelebt -- _sie_ sind nur von allen noch übrig.

Uebrig, wie abgenommene Aepfel von einem alten Apfelbaum, wie der Apfelbaum

von den frühern Tausenden _seiner Sorte_. Und von jenen Menschen allen, die

aus ihnen, wie aus den Aepfelkernen, noch kommen sollen, stehen nur _sie_

erst da! Eltern und Kinder! Niemand weiter! einsam schauerlich, dem

schrecklichsten Elemente, nur einem Hauche bloß gestellt!«

Er seufzte, sein eigenes Schicksal bedenkend.

Und ich tröstete ihn: Das ist das Heilig-Anschauernde jeder Blume, jeder

Pflanze, die so hergebracht in die Gegenwart hineinblühen, so einzig, so

wichtig, als Ahnen der Zukünftigen, als Träger der Zeit, nur sie selbst --

und so schutzlos, so schutzbedürftig und doch so kindlich unbesorgt. Und

mit Recht.

»_O diese Einsamkeit der Geschlechter!_« seufzt' er; »und jetzt dieß Volk

-- Schatten möcht' ich es nennen! Ich kann Ihnen sagen, es graust mich an.

Jean Jaques würde weinen! Aber was kommen mir Thränen ins Auge? -- die

Natur hat mir gar zu wenig Ehrfurcht vor ihren herrlichsten Werken. Sehr

besonders! Wahrhaftig unerklärbar! Geduld ist die Tugend der Wilden. Aber

Er würde doch weinen!«

Wir müssen glauben, erwiederte ich, wenn nur Zwei von ihnen übrig bleiben,

so ist, wie Sie sagen -- die Sorte gerettet! Wenn nur Einer dereinst in

späten Tagen ein vollständig gebildeter Mensch wird, so ist des Stammes

Zweck erreicht. Die Spitze des Pfeils hat getroffen! Ja, wenn nur Ein

Mensch von allen Geschlechtern wie ein einsamer Engel auf Erden dieß Ziel

erreicht und dann über Wolken verschwebt: so muß das verklärte

Menschengeschlecht sich selig preisen. Denn das Paradies zwar liegt uns

Menschen allen zurück, aber das tausendjährige Reich -- _vor_ uns, und das

Himmelreich ist inwendig in uns zu aller Zeit. -- Ich mußte vor Schmerz des

eigenen Verlustes stöhnen und setzte hinzu: Das war der Irrthum des guten

Jean Jaques.

»Unser Schicksal treibt mich, das bald zu glauben!« sprach er. Indeß --

wenn mich Etwas tröstet, so ist es die untrügliche Berechnung, daß in ganz

Amerika nicht viele Ureinwohner gelebt -- daß also nicht schon so viele

umgekommen! »Wie viel Hirsche stehen auf der Quadratmeile? das ist die

Basis zu dem Exempel, wie viel hier jemals Wilde gehaust, denn das heißt ja

nur -- Jäger.«

Diese Bemerkung hätte mich _sonst_ getröstet. Jetzt schwieg ich. Die Augen

fielen mir zu. Ich lehnte mich an den Esel; er wankte auch.

»Kann ich Ihnen dienen,« sprach er da freundlich, »mit Allem, was wir haben

-- und wir haben Alles, was wir immer haben, jetzt in Ueberfluß, so kommen

Sie zu dem Wigwam, diesmal von Schilf. Ach, das schöne Paris!«

Er blickte noch zu seinem Tuch auf, beobachtete den Himmel und sprach: »Der

Unterwind wäre gut! aber das ist immer der, dem der Athem ausgeht. Fällt

aber der Oberwind, der Neugeborene, herab, und das kann morgen geschehen,

dann weht er von dort -- dann bringt er die Flammen! Doch eine Mahlzeit war

immer erlaubt und ehrenvoll, selbst dem _Leonidas_. So wollen wir uns nicht

schämen! Mein Bärenrücken wird gar sein. --«

Ich band den Esel an den Baum; Monsieur d'Issaly half mir, ihm dürftiges

Futter hinzutragen. Dann nahm ich mein Kind, und wir traten in den

herzbeklemmenden stillen Kreis.

Wir stiegen in eine Vertiefung hinein, offenbar in den untersten Kessel

eines von Sommerhitze ausgetrockneten mäßigen Sees. Der Ort war weislich

gewählt, schützte vor Wind und Rauch und erlaubte, gefahrlos Feuer

anzuzünden. Wir mußten an dem großen hellen Nachtfeuer, das in der Mitte

brannte, vorüber. Ich stand einen Augenblick.

»Die betagten Frauen hier brauen Arznei für die Kranken, die Hustenden und

Halbblinden,« sprach d'Issaly. »Nur die Häuptlinge, die Tai's, führten, für

die Anderen sehend, lange Reihen der Männer und Weiber, die sich leicht an

einander anhielten und mit zugeschlossenen Augen hinter einander, wie

blinde Enten, folgten. Glaubt' es oder nicht, unser allergrößter Schmerz

ist in den Schläfen und Kinnbackenmuskeln vom beständigen Aufblasen der

Backen, um den Rauch zu verscheuchen. Andere sehen kaum mehr. Die Todten

haben wir heut mit Gesang bestattet. Die jungen Leute aber haben heut _alle

nur möglichen_ Hochzeiten gemacht! Da ruhen sie nun in den Hütten umher!«

Auf einmal hob sich das Feuer empor, fast mannshoch, und der Boden mit ihm,

wie ein umgestürztes Boot. Das brennende Holz und die Kohlen rollten auf

beiden Seiten herab und fielen uns fast auf die Füße; dann borst die

Erdrinde, von einer unsichtbaren Gewalt gesprengt, die alten Weiber flohen

und schrieen die Männer auf. Und ein weit geöffneter, nach Luft

schnappender Rachen eines Alligators streckte sich aus der Gruft, dann

brach er, noch Brände auf seinem Rücken, mit einem Sprunge hervor. Aber er

ruhte halb schlaftrunken und lag geblendet von auflodernden Flammen. Das

gewaltige Feuer über seinem Rücken hatte ihn aufgeweckt aus der Tiefe des

Schlammes und Mergels, worin er sich hier in der Hitze des Sommers

vergraben, und der getrocknete Mergel hatte eine feste Kruste über ihn

hingewölbt.

Ich gab mein Kind einem erstaunten Mädchen. Wir ergriffen einen brennenden

Pfahl, stießen ihn tief in den zähnestarrenden Rachen, der sich vor Schmerz

noch weiter öffnete. Herbeigeeilte Männer halfen uns stark und schnell,

selbst Knaben griffen an, und so lag der ungebetene, todesgefährliche Gast

auf dem Rücken und dampfte, schlug mit dem Eidechsenschwanz in die

glühenden Kohlen, daß sie umher flogen, und ehe er wußte, er lebe, war er

schon todt. Das Feuer ward um ihn geschürt, und die große Krokodilgestalt

schrumpfte zusammen und hob, wie um Erbarmen bittend, die

Schildkrötenpfoten gleichsam gefaltet zum Himmel! Die berauschten

Hochzeitgäste waren nüchtern vor Schreck, die berauschten Begräbnißfeirer

schlichen wieder fort; nur einige Knaben blieben, und die alten Weiber

stellten ihre Arzneien wieder in die Kohlen.

Mein Okki war, mit dem Gesichte auf der Schulter des Mädchens,

eingeschlafen. Ein Kind sein ist unschätzbar, unkaufbar. Selbst die Mutter

hatt' er vergessen. Wir gingen vor Hitze glühend. Ich bettete ihn in

d'Issaly's Hütte. Der Kleine fühlte nicht Hunger und Durst -- er schlief.

Ich aber aß, mehr um dem Sohne den Vater gesund und stark zu erhalten für

die _bevorstehenden_ Beschwerden, als aus Lust an Speise, die Schnitte von

d'Issaly's Bärenrücken, den dasselbe Mädchen geröstet. Dann streckten wir

uns hin auf die Decken, die Flasche mit Rum stand zwischen uns, und die

Pfeifenköpfe glimmten bei jedem stillen Zuge im Dunkeln auf.

Da erst fragte mich mein Wirth nach meinem Namen, woher und weß Landes ich

sei? Ich nannte ihm Deutschland, Hannover, Lüneburg -- meinen Namen:

_Hagen_. Ach, und diese Worte nun hier in der Ferne, der Wüste, in alle dem

Elend auszusprechen, kam mir so ungehörig, ja widernatürlich, so fremd und

unglücklich vor, als wenn wir sonst in der Iliade lasen vom göttlichen

Hektor, von seinem Todtenhügel, und der alte Rector wie vom Himmel dabei

herunterrief: »Troja ist heut zu Tage türkisch!« Ich theilte ihm meine

Schicksale mit, ich erzählte ihm unsere Flucht, -- meiner Eoo That und

Verlust -- vielleicht ihr Opfer! Ach, dieß Vielleicht fiel mir schwer auf

das Herz! Selbst das Mädchen, das still an der Hütte gesessen, schien zu

weinen, ja sie stand zuletzt leise auf, und ich sah ihre Gestalt hinüber in

der Dämmerung verschwinden.

Ich schlief in Thränen ein, die Wange an meines Kindes Gesicht. Ich war im

Traum am Gestade von Tauris, ich hörte den Sturm, den Donner, und der Chor

der Priesterinnen sang ihr verzagendes:

O welche Nacht! Tod droht uns Armen!

Welch banges Grau'n, welch Traumgesicht!

Ihr Götter schenket uns Erbarmen,

Erhört dieß Fleh'n, und zürnet länger nicht!

Ich mußte im Schlafe die Worte vernehmlich sogar gesungen haben, denn mir

war, als hörte ich d'Issaly einstimmen, oder als säng' er wunderlich selbst

gegenwärtig unter jenen Priesterinnen:

Wann trocknen unsre Thränen ab?

Drückt Leiden ewig unser Leben?

Ach, soll allein das stille Grab

Die lang entfloh'ne Ruh' uns wiedergeben?

* * * * *

Spät machte meine schwerträumende Seele Tag. D'Issaly war schon fort. Der

Nachmorgen hatte etwas Zauberhaftes, als sei die Erde unter andre Gestirne

versetzt. Fünf Sonnen standen am rauchumzogenen Himmel, roth wie ein Licht

durch Rubinglas. Meine Sinne waren durch so viel Nieerlebtes gelöst und

berauscht, daß mir fast nichts mehr wunderbar däuchten konnte. Woher es

stamme, was es bedeute und sei, fiel gewiß Niemandem ein; Alles war nur,

was es im Augenblick schien; heiß oder kalt, trüb oder hell, _das_ war, was

uns rührte! Die fünf himmlischen großen Rubinen schmolzen zuletzt und

zerflossen in unbeschreiblich herrlichem Farbenspiel; und nach einer halben

Stunde schien der Himmel ein Spiegel geworden, in dem sich die goldgelbe

Sonne besah, und die Menschen konnten dieß ihr zur Seite stehende Bild in

dem Spiegel sehen, und sie selber zugleich.

D'Issaly kam, setzte sich zu mir und sprach: »Es herrscht eine Wahrsagung

hier unter dem Volke, daß, »_wann die blinde Frau den blinden Hirsch

fängt_,« sein Leben am Ende sei!«

Das Leben des Hirsches, oder des Volkes? frug ich ihn.

Der Waldbrand · 第 2 / 4 段