welcher anfangs den Forschungen auf diesem Gebiete besondere
Schwierigkeiten in den Weg legte, ich meine den Mangel jeder
inschriftlichen Überlieferung an der Außenseite oder im Innern der
pyramidalen Bauwerke, welche Auskunft über die Namen und die Geschichte
der königlichen Urheber oder über die Ansichten der ältesten Ägypter
über das Leben nach dem Tode in Verbindung mit der Person des
verstorbenen Pharao hätten geben können. Mit Ausnahme einiger weniger
Einzelheiten, die indes auf die richtige Spur mehrerer königlicher
Erbauer geleitet haben, ist so gut wie nichts an und in den Pyramiden
entdeckt worden, bis endlich im Jahre 1880 eine ganze Gruppe dieser
Grabdenkmäler ihr lang bewahrtes Stillschweigen brach und die
beschriebenen Steinwände ihren Mund öffneten.
Ehe ich darauf näher eingehe, will ich es nicht mit Stillschweigen
übergehen, daß wir einem alten griechischen Schriftsteller, dem Vater
der Geschichte, Herodot, die merkwürdige Angabe verdanken, daß sich an
der Außenseite der größten aller Pyramiden, der des Königs Cheops, noch
zu seiner Zeit, d. h. in der Mitte des fünften Jahrhunderts vor Christi
Geburt, eine Inschrift befunden habe, welche angeblich vermeldete, wie
viel an Rettichen, Zwiebeln und Knoblauch für die Arbeiter beim Bau
der Pyramiden darauf gegangen sei, nämlich nach griechischem Geldwerte
1600 Talente Silbers oder 7544000 Mark. Da nach seinem Berichte
zwanzig Jahre bis zur Vollendung der Pyramiden verstrichen waren, so
hatten sich die täglichen Zehrungskosten auf nicht weniger als 1048
Mark belaufen, eine Summe, welche bei den billigen Preisen für die
erwähnten Lebensmittel vor mehr als 5000 Jahren im Lande Ägypten eine
außerordentlich große Zahl von Bauleuten voraussetzt. Aber die ganze
Geschichte ist nicht einmal wahr, da auf keinem ägyptischen Denkmale
eine ähnliche offizielle Überlieferung der Altzeit nachweisbar ist.
Der Dolmetscher, welcher Herodot begleitete, hatte ihm eine Lüge
aufgebunden und die Erklärung irgend einer Inschrift, deren Inhalt
er selber nicht zu entziffern vermochte, in unverschämter Weise
ausgesonnen.
Im Januar des Jahres 1880 hatte der damals noch lebende Generaldirektor
des ägyptischen Museums in Kairo, mein im folgenden Jahre verstorbener
Freund Mariette Pascha die Öffnung einer jener verfallenen kleineren
Pyramiden angeordnet, welche die Gruppe von Sakkarah bilden. Das
also genannte Dorf liegt östlich davon, dicht am Rande der Wüste.
+Mariettes+ Gesundheit war damals bereits in so hohem Grade
erschüttert, daß er nicht mehr in der Lage war, den etwa vierstündigen
Weg nach dem Standorte der Pyramide zurückzulegen. Er überließ es daher
den findigen Arabern in seinem Dienste die Arbeit ohne europäische
Leitung auszuführen. Die wackeren Leute entledigten sich dieser
Aufgabe in trefflichster Weise, denn trotz aller Schwierigkeiten,
die sich ihnen in dem Haupteingange entgegenstellten, drangen sie
bis zur eigentlichen Grabkammer vor. Sie überzeugten sich zwar, daß
dieselbe etwa tausend Jahre früher von ihren eigenen Landsleuten in
Sakkarah bereits durchbohrt und vollständig ausgeraubt war, aber sie
hatten wenigstens die Überraschung eine Pyramide eröffnet zu haben,
deren innere Gänge und Grabkammer zum erstenmale die Anwesenheit einer
unglaublichen Anzahl schön eingemeißelter hieroglyphischer Inschriften
bezeugten. Nach den an Mariette mitgeteilten Abdrücken der Texte ergab
es sich, daß die in Rede stehende Pyramide einem Könige angehöre,
dessen wohlbekannter Name Pepi auf die Zeiten der 6. Dynastie (ca.
3000 v. Chr) hinwies. Mein verstorbener Freund wollte nicht an den
Pharao dieses Namens glauben, da ihm eine beschriebene Königspyramide
als eine Unmöglichkeit erschien. Er zog es vor den pyramidalen Bau
als das Grab eines Privatmannes zu betrachten, dessen Name, nach sehr
beliebten Mustern bei den alten Ägyptern, mit dem des Königs seiner
Zeit gleichlautete.
Gegen Ende des Jahres 1880, nach seiner Rückkehr aus Paris -- und zwar
in hoffnungslosestem Zustande, denn ein Blutsturz hatte ihn gleich nach
seiner Landung in Alexandrien überfallen -- fühlte er noch so viel
Kraft in sich, unmittelbar nach seiner Ankunft in Kairo ein längeres
Gespräch mit mir über jene Pyramide zu führen. Er drückte mir die Bitte
aus, mich schleunigst nach Sakkarah zu begeben, wo nach den letzten
Meldungen seiner Ausgräber eine zweite, wiederum beschriebene, Pyramide
durchbrochen und geöffnet worden war. Es war kurze Zeit vor seinem
Tode, am 4. Januar 1881, daß ich die kleine Reise in Begleitung meines
Bruders antrat, um die neue Aufdeckung zu prüfen.
Mit Hilfe der Araber und nicht ohne eigene Lebensgefahr zwängten wir
uns beide durch die durchbohrte Öffnung -- die Steinblöcke über unsern
Leibern zeigten eine höchst bedrohliche Lage, denn sie konnten bei
der leisesten Berührung jeden Augenblick auf uns niederstürzen --
und erreichten durch einen langen Gang glücklich das Grabgemach. Die
plötzliche Überraschung sollte dafür um so größer sein. Die Seitenwände
des Ganges und der Grabeskammer zeigten ihrer ganzen Länge und Breite
nach einen Reichtum hieroglyphischer, in den geglätteten Kalkstein
eingemeißelter Inschriften, wie ihn ähnlich nur etwa die thebanischen
Königsgräber von Biban el-moluk erkennen lassen. Überdies stand ein
wohlerhaltener dunkelfarbiger Granitsarg in der einfachen Gestalt einer
Lade an der westlichen Wand der Grabkammer und daneben lag die ihrer
Umhüllung beraubte Mumie des Pharao, der sich nach altägyptischer
Gewohnheit schon bei seinen Lebzeiten den Grabbau hatte ausführen
lassen. Der Sarkophag, dessen Deckel zurückgeschoben war, zeigte in
schöner Ausführung der Hieroglyphenschrift die Titel und Namen des
Königs, die auch in den Wandinschriften in unzähliger Wiederholung an
einzelnen Stellen mir entgegentraten. Sie bezeichnen den König nach
seinen beiden Hauptnamen Merenre und Mehtisauf. Aus dem letzteren schuf
das griechisch abgefaßte Königsbuch Manethos den König Methesuphis
der 6. Dynastie. Die Hauptsache ward damit bewiesen: die beschriebene
Pyramide gehörte einem Könige an.
Auch dieses Grab war bereits von Arabern in den früheren Jahrhunderten
geöffnet und seines beweglichen Inhaltes mit Ausnahme der nackten
königlichen Leiche beraubt worden. Selbst einzelne Stellen der Wände
hatte man durchschlagen, zum großen Schaden der darauf befindlichen
Inschriften, in der Meinung, daß die vergeblich gesuchten Schätze
dahinter verborgen sein müßten.
Mariette starb und überließ seinem Nachfolger Maspero die Aufgabe, die
in der Nähe befindlichen Pyramiden derselben Gruppe von Sakkarah zu
durchbohren, um die Zahl der mit Inschriften bedeckten Pyramiden zu
vergrößern und die Kenntnis der Namen von den darin meist bestatteten
Königen zu vermehren. Das Ergebnis der Arbeiten war die Auffindung
von neuen Texten im Innern mehrerer Pyramiden, von denen drei dem
Königshause der 5. und 6. Dynastie angehörten. Keine einzige war indes
unberührt geblieben, denn man fand in jeder die Spuren arger Verwüstung
unter den Händen der früheren Eröffner.
Herr +Maspero+, welcher später seine ägyptische Stellung aufgab,
um nach Paris überzusiedeln, hat es sich seitdem angelegen sein lassen,
die Abschrift sämtlicher in den beschriebenen Pyramiden aufgefundenen
Texte zu veröffentlichen und mit einer fortlaufenden Übersetzung
zu versehen. Wenn es auch noch nicht an der Zeit sein dürfte, eine
Übertragung ohne Lücken und Fehler zu wagen, so muß ihm dennoch die
Wissenschaft zu höchstem Danke verpflichtet sein, die Inschriften ohne
Zeitverlust bekannt gemacht und den diesen Studien ferner stehenden
Lesern die Gelegenheit geboten zu haben, eine wenigstens annähernd
richtige Vorstellung ihres Inhalts zu gewinnen.
Zunächst ist durch das Studium derselben die wichtige Thatsache
festgestellt worden, daß die Sprache und Hieroglyphik, deutlicher
gesprochen die malerische Seite der letzteren, einer Epoche entlehnt
ist, welche den allerältesten Zeiten der ägyptischen Geschichte
angehört und wahrscheinlich bis zum ersten König des Landes Menes
hinaufreicht. Die Grammatik, der Wortschatz, die Satzverbindungen
verraten die ersten litterarischen Anfänge der ägyptischen Sprache, die
sich bemüht, des Ausdrucks Herr zu werden und die ärmlichen Mittel, die
ihr zu Gebote stehen nach Möglichkeit auszunutzen. Was die geistige
Ausbildung an treffender Kürze versagt, wird durch Umschreibungen,
Wiederholungen, Vergleiche und Bilder ersetzt. Selbst das Wortspiel
einer naiven Sprachanschauung und der äußere Klingklang erscheinen
wie Hilfsmittel, um den Eindruck des Dichterischen oder Feierlichen
hervorzurufen. Alles ist steif und unbeholfen, aber urwüchsig in seiner
altertümlichsten Einfachheit bei den gebotenen Sprachmitteln.
Eine wechselseitige Vergleichung der Inschriften, der erhaltenen oder
nur noch in Bruchstücken vorhandenen, führt zu dem Schlusse, daß sie
sämtlich einer Sammlung von Texten angehören, welche ganz allgemein
die Bezeichnung „+das Buch+“ tragen. Aber dieses „Buch“ mit
seiner ungeordneten Folge von Kapiteln oder Abschnitten, längeren
und kürzeren, besaß nach der Meinung der uralten Weisen im Nilthale
die geheimnisvollen Eigenschaften einer wirksamen Zauberei. Selbst
eine spätere Zeit der ägyptischen Entwickelung, als die Sprache eine
ausgebildetere und vollendetere Form gewonnen hatte und die schöne
Litteratur im Märchen und Roman zum Durchbruch kam, hielt an dem
unverständlichen Zauber „des Buches“ fest, sowie das Grab und das
Dasein nach dem irdischen Tode ins Spiel kam. Denn darauf beruhte
der Inhalt der Formeln und Beschwörungen, welche die Wände der
Pyramidenkammern bedecken, mit bedauernswertem Ausschluß alles dessen,
was die Zeitgeschichte der Könige betrifft. Nicht die Vergangenheit
der großen Toten, die in ihren steinernen Truhen ruhten, sondern ihre
Zukunft in einer anderen Welt bildet den Gegenstand der absonderlichen
Texte, die nebenbei als ein Schutzmittel gegen die ankämpfende
Vernichtung dienen sollten. Es ist dabei nicht zu übersehen, daß in
den Texten der königliche Titel meist schwindet und nur der bloße Name
seine Stelle findet. Man spricht von „diesem Pepi, diesem Mehtisauf“
u. s. w., ohne diesen Namen das Wort „König“ voranzusetzen, ein
auffallender Umstand, der Mariette anfangs dazu verleitet hatte,
die Pyramiden, von denen die Rede ist, nicht Pharaonen, sondern
Privatpersonen zuzuschreiben.
Der leitende Grundgedanke, welcher in dem „Buche“ in breitester Weise
zur Entwickelung kommt, ist die Vorstellung, daß der Tote nach seinem
Hinscheiden zu einem neuen Dasein ersteht. Als Vorbedingung dazu
erscheint seine Einbalsamierung und Umhüllung nach vorgeschriebenem
Brauche, sowie die Beigabe von Talismanen und sonstigen Schutzmitteln
zur Erhaltung seines Leichnams. Auch seine nach dem Leben modellierten
Bilder in Stein und Holz, welche in einem versteckten Raume des Grabes
ihre Aufstellung fanden, gaben seinem Ich eine erneuerte Form in jener
anderen Welt. Sie sicherten den Fortbestand seiner Persönlichkeit in
einem himmlischen Ägypten. Speise- und Trankopfer, Räucherwerk und
Salben galten als weitere notwendige Bestandteile der Grabausrüstung,
und die gottesdienstlichen Gebräuche bei der Bestattung, welche von
eigenen Totenpriestern ausgeführt wurden, hatten nicht minder die
Bedeutung unfehlbar wirksamer Handlungen mit Bezug auf das Fortleben
nach dem Tode in stiller Grabesnacht. Das „Buch“ berührt alles dies
mit einer peinlichen Sorgfalt und Ausführlichkeit und es erscheint
darum wie ein Ratgeber und Führer des Verstorbenen im unbekannten
Jenseits.
Und dieses Jenseits ist, wie gesagt, ein himmlisches Ägypten mit seinem
Nile und seinen Kanälen, auf welchen die Gottheiten und die Verklärten
einherwandeln oder in Barken dahinziehen. Die Gaue, Städte und Tempel
des irdischen Ägypten tragen im himmlischen dieselben Namen, ja selbst
die Seen und Meere sowie die den ältesten Ägyptern bekannten Gegenden
des Auslandes kehren unter ihren gewöhnlichen Bezeichnungen in der
Geographie des Jenseits wieder, nur mit dem Unterschiede, daß die
Bewohner aus der Genossenschaft der Unsterblichen und „der Leuchtenden“
bestehen.
An ihrer Spitze thront der Sonnengott, der Vater der Götter und
Menschen, der sich an jedem neuen Morgen aus dem Ocean erhebt, um
durch die eisernen Thore im Osten, welche der Erdgott unter donnerndem
Geräusche öffnet und deren Lage in der Nähe der (himmlischen)
Sonnenstadt +On+ gesucht wurde, seine tägliche Fahrt auf dem
Nile anzutreten. Die Gegend des Sonnenaufgangs gewann gleichzeitig
die Bedeutung einer Örtlichkeit für die Auferstehung der Verstorbenen
und alle Mittel einer bilderreichen Sprache wurden aufgebraucht, um
diese Vorstellung zur lebendigen Anschauung zu bringen. Bald wird das
Aufsteigen in handgreiflichster Weise mit Hilfe einer Leiter vollzogen,
auf welcher der Tote das Sonnenschiff erklimmt, bald wird die
Auferstehung mit dem Aufgang oder der Geburt des Morgensternes oder des
Hundssternes oder eines anderen Gestirnes oder des Mondes verglichen
und eine Betrachtung daran geknüpft, welche sich auf die Bewegung
der Sternbilder in der oberen Himmelssphäre bezieht. Während des
Sonnenlaufes am östlichen Teile des Himmels erscheint „die Binsenwiese“
(genauer Cypergraswiese) daselbst als ein Lieblingsaufenthalt der
Götter und Toten -- sie vertritt die elysäischen Gefilde der Griechen
-- und auf den Inseln und Kanälen derselben herrschte die höchste
Freude der Seligen. Auch das Wort „Binsenwiese“ ist der irdischen
Geographie Ägyptens entlehnt, denn der gleiche Name bezeichnete die
schwer zugänglichen, versteckten binsen- und schilfreichen Sümpfe an
der nordöstlichen Ecke Unterägyptens, nach welchen man in den Urzeiten
der Geschichte den Aufenthalt der Seligen verlegte.
Der Himmel selbst wird als die Mutter des Verstorbenen betrachtet und
seine Auferstehung aus dem Reiche des Todes als seine Wiedergeburt aus
dem Leibe seiner Himmelsmutter verherrlicht. Sie ist ihm die Führerin
auf seiner himmlischen Wanderschaft. „Sie berührt deinen Arm und sie
zeigt dir die Richtung nach der Lichtsphäre, da wo sich der Sonnengott
befindet“, meldet eine Stelle des „Buches“. Der Tote wird dadurch zu
einem „Leuchtenden“ oder verklärten Wesen, vor dem sich bei seiner
Ankunft die Scharen der Seligen demutsvoll verneigen, denn, wie es
wörtlich heißt: „Zu dir kommen die Verklärten unter Verbeugungen und
sie küssen den Boden zu deinen Füßen wegen deines Buches.“ Immer und
immer wieder ist es das Buch, welches selbst auf die Seligen seine
magischen Wirkungen nicht verfehlt.
Auf seinen Wanderungen durch die Himmelsräume ist es
selbstverständlich, daß der Verklärte mit den Sternbildern in Berührung
kommt, die an der „eisernen“ Decke leuchten. Jedes Sternbild wird als
der Aufenthalt „der Seele“ eines Gottes bezeichnet; wie beispielsweise
die Seele des Osiris im Orion und die der Isis im Sirius oder
Hundsstern thronend gedacht wurde. Die genannten waren wohlthätige
Gottheiten, aber auch an bösen fehlte es nicht, die in den Gestirnen
ihre Sitze aufgeschlagen hatten. Das Sternbild des großen Bären oder,
wie die Ägypter es bezeichneten, „der Vorderschenkel“, besaß nach
dieser Richtung hin einen schlimmen Ruf, denn der Widersacher der
Götter und Menschen, Gott +Set+-Typhon, hauste darin, um seine
schädlichen Ausflüsse im Himmel und auf Erden zur Geltung zu bringen.
Dagegen war der Leuchtende, welcher gleichfalls seinen Stern erhielt,
durch das magische Buch gefeit, das die Wände seiner Grabkammer in
großen Hieroglyphen bedeckte. Standen ihm doch in seinem Kampfe gegen
die Unholde die Götter zur Seite, vom Gott der Weisheit, +Thot+,
angefangen.
So wenig wir aus dem „Buche“ Belehrung zur Erkenntnis einer tieferen
philosophischen Gedankenwelt bei den alten Ägyptern in Bezug
auf die letzte aller Fragen schöpfen können, so anregend wirkt
andererseits sein Inhalt durch die zahllosen Angaben, welche sich
auf die Mythologie, die Geographie, die Astronomie, die Tier- und
Pflanzenkunde u. s. w. und nebenbei auch auf Sitten und Gewohnheiten
der ältesten Bewohner des Landes beziehen. Die Bezirkseinteilung und
die Hauptstädte Ägyptens mit ihren Göttern, Göttinnen und heiligen
Tieren erschienen in nichts von den späteren Zeiten verschieden, die
Sternbilder und ihre Namen, wie man sich überzeugt, waren nach ihren
Hauptgruppen schon lange vor der Erbauung der Pyramiden bekannt, und
wie noch heute, so schlichtete schon damals der angesehene Mann den
Streit um das Wasser zur Berieselung der Felder zwischen zwei hitzigen
Bauern. Allerdings klingt es nicht erbaulich und wirft einen tiefen
Schatten auf die Denkungsart der Altvordern, daß es nach dem „Buche“
zu den Paradiesesfreuden der Gewaltigen der Erde gehörte, nach Art von
Negerkönigen die Frauen anderer Männer durch ihre Minne zu beglücken.
Viel lehrreicher ist es dagegen, aus denselben Texten zu erfahren,
daß in jenen Vorzeiten bereits die Ägypter aus Gerste ihr tägliches
Brot buken und den Spelt zur Bereitung von Bier verwendeten, das bis
in die Zeiten der Römer hinab das beliebteste Getränk der Bewohner
des Nilthales bildete und in zwei Sorten, in Weißbier und in Rotbier,
unterschieden ward. Im übrigen war nach den überlieferten Speisezetteln
in denselben Pyramidenkammern die Auswahl der Gerichte für den Tisch
keine geringe. Rindfleisch und Geflügel aller Art, Früchte und Gemüse
werden der Reihe nach aufgezählt, und neben dem Bier wird der Wein und
die Milch als labendes Getränk genannt. Auch für Salben und Schminken
und für die Bekleidung war schon damals reichlichst gesorgt, und
zahlreich sind die Bezeichnungen der ein- und buntfarbigen Zeugstoffe,
welche die Weberinnen für den Bedarf der Landesbewohner anfertigten.
Aber die Wohlgerüche Arabiens kannte man damals noch nicht.
Die Texte der Pyramiden stellen den Glauben außer Zweifel, daß der
Dahingeschiedene in seinem Pyramidenhause nach seinem vollendeten
irdischen Dasein sich eines neuen Lebens erfreute, das er körperlich
auf Erden, seelisch im Himmel weiter führte. Aber die Seele vermochte
nach ihrem Belieben sich mit dem Leibe zu vereinigen und den erstarrten
Gliedmaßen und dem stillstehenden Herzen Gelenkigkeit und Bewegung
zu verleihen. „Du lebst und du stirbst nicht,“ rufen in mehrfacher
Wiederholung die Inschriften aus und das Leben war ganz nach irdischen
Vorbildern eingerichtet. Der wiedererweckte Tote ißt und trinkt, ohne
je zu hungern noch zu dürsten, er empfindet alle Bedürfnisse des
menschlichen Leibes, er wandelt auf seinen Füßen einher, er verrichtet
auf den elysäischen Gefilden die üblichen Arbeiten des Landmannes,
er kämpft mit Speer, Pfeil und Beil gegen die Feinde an, er feiert
an den Festtagen des ägyptischen Kalenders frohe Feste, er vergnügt
sich an der Jagd, am Vogelfang, am Fischen und an sonstiger Kurzweil,
er gleicht mit einem Worte dem frommen König Osiris, der nach seinem
gewaltsamen Tode zum erstenmale den Aufgang zum Lichte am östlichen
Himmel vollzog und dem Gerechten als Vorbild diente in Gegenwart
und Zukunft, auf Erden und im Himmel. Der aus der irdischen Welt
abgeschiedene Mensch ging geradezu in dem Wesen des Osiris auf und
auch ihm sollte zu teil werden, was dem Gotte beschieden war, dem sein
Sohn Horus (die neugeborene Sonne) als Rächer und seine Schwestern
Isis und Nephthys (die Flügel der Morgenröte) als Schirmerin und
Schützerin alltäglich erstanden. Im jungen Horus verkörperte sich die
Wiedergeburt des Vaters, in den beiden Göttinnen zugleich die Natur als
nährende Amme, denn sie heißen die Sängerinnen des Gottes.
Diese Andeutungen werden ausreichen, um über dunkle Stellen in den
Pyramidentexten, wie beispielsweise die folgende, ein aufklärendes
Licht zu verbreiten. An den verstorbenen König Pepi z. B. wird die
Anrede gerichtet: „O Pepi! du hast dich auf den Weg gemacht, du
leuchtest und du bist machtvoll wie der Gott. Ein Stellvertreter des
Osiris ruft deine Seele dir in deinem Innern und deine Macht dient
dir zum Schutze. Deine Krone ist dir auf deinem Haupte und dein
Kopftuch hängt auf deiner Schulter nieder. Dein Angesicht ist geradeaus
gerichtet. Deine Verehrer befinden sich vor dir, deine Diener hinter
dir. Die Edlen des Gottes vor dir sie geben das Zeichen: es kommt
ein Gott, es kommt ein Gott, es kommt dieser Pepi wegen des Thrones
des Osiris. -- Isis redet dich an, Nephthys spricht zu dir. -- Du
steigst empor zu deiner Himmelsmutter und sie zeigt dir die Richtung
nach der Lichtschöne, da wo der Sonnengott weilt. Es öffnen sich dir
die Thürflügel des Himmels und es thun sich dir auf die Pforten der
Wasserquelle. Du findest den Sonnengott, er steht da als dein Hüter. Er
berührt dir deinen Arm und er ist dein Führer in den Himmelsräumen. Er
setzt dich auf den Thron des Osiris.“
In diesem Tone geht es Seiten lang weiter, aber man müßte bei jeder
neuen Wendung stehen bleiben, um die Dunkelheit, welche sich an Namen
und Vorstellungen knüpfen, mit größerer oder geringerer Sicherheit
des Verständnisses zu erleuchten. Herr Maspero hat, wie gesagt, das
Mögliche geleistet, als er das kühne Wagstück ausführte, den Inhalt der
Pyramidentexte durch eine wortgetreue Übertragung den Lesern zugänglich
zu machen. Es bleibt der Zukunft vorbehalten, die noch unverstandenen
Einzelheiten zu berichtigen oder ihren Sinn zu erläutern. Die Ägypter
liebten es z. B. in ihrer mythologischen Sprache gewöhnliche Worte
durch eine rätselhafte, nur von dem Eingeweihten gekannte Bezeichnung
zu ersetzen. Nur auf Umwegen ist die heutige Wissenschaft imstande,
im Einzelfalle den Schlüssel zur Lösung zu finden. Vorläufig bieten
vor allem die zahlreichen mystischen Namen, unter welchen die
himmlischen Bewohner aufgeführt werden, das thatsächliche Hindernis zum
vollkommenen Verständnis des ganzen Inhaltes der Pyramidentexte dar.
Aber auch das wird mit der Zeit beseitigt werden und die ältesten Texte
der Welt werden ein ungeahntes Licht auf die menschlichen Zustände in
den Urzeiten der Geschichte im Nilthale werfen und damit vor allem der
anthropologischen Forschung ein unerwartetes Material zuführen. Wenn am
äußersten Horizonte aller geschichtlichen Erinnerungen beispielsweise
der Himmel ein eisernes Gewölbe und der Stuhl, auf welchem Osiris
thront, ein eiserner genannt wird, wenn von den eisernen Thüren am
Firmament die Rede ist, die sich dem Verstorbenen öffnen, so hat die
Erwähnung dieses Metalles durchaus keine nebensächliche Bedeutung für
die Kulturentwickelung der ältesten Menschheit.