Dynastie an (1100-1000 v. Chr.), in welcher die „Oberpropheten des
Amon“, der Lokalgottheit Thebens, sich auf den Thron gesetzt hatten.
Es sind dies die sogenannten Priesterkönige, Zeitgenossen Davids und
Salomos. Die aufgefundenen Särge und Mumien der verschiedensten Glieder
dieser Priesterfamilie sind der Reihe nach folgende:
1. Sarg und Mumie der Königin Notemit (1,65 Meter lang).
2. Sarg Königs Pinotem, die Mumie darin 1,54 Meter lang.
3. Sarg des Oberpropheten und Generals Pinotem. Die Mumie 1,72 Meter
lang.
4. Sarg und Mumie der Königin Tiua-hathor Honttaui (1,55 Meter lang).
5. Sarg und Mumie des Oberpropheten und Generals Masahirti (1,7 Meter
lang).
6. Sarg und Mumie der Königin Makera (1,5 Meter lang) und ihrer bei der
Geburt gestorbenen Tochter Mutemhat (0,42 Meter lang).
7. Sarg und Mumie der Königin Isimcheb (1,62 Meter lang).
8. Sarg und Mumie einer Sängerin des Amon (1,62 Meter lang), Namens
Tanhirit.
9. Sarg des Richters und Schreibers Nibsoni.
10. Sarg der Prinzessin Nsi-chonsu (Mumie 1,66 Meter lang).
11. Drei Särge (eingeschachtelt) mit der Mumie (1,77 Meter lang) des
Prinzen Zotptahefanch.
Schließlich drei Särge, deren einstige Besitzer sich nicht nachweisen
lassen.
Während die Särge der ersten Gruppe fast gar keine Gegenstände des
Totenkultus in ihrer Umgebung erkennen lassen, zeichnen sich die
eben aufgezählten durch den Reichtum ihrer besonderen Ausstattung
aus. Kisten voller Totenstatuetten, Spendenkrüge, Becher aus buntem
Glase, Körbe voller Perücken, andere mit einbalsamiertem Fleische
von Opfertieren, Früchte, Kanopen, Totenleinwand und vieles andere
mehr ward neben und auf den einzelnen Särgen aufgefunden. Selbst eine
einbalsamierte Gazelle, das Lieblingstier einer der Prinzessinnen,
fand sich in einem Sargkasten in dem unterirdischen Verstecke vor.
Die sehr natürliche Frage, wie es komme, daß die Särge und Mumien der
oben genannten Könige der ersten Gruppe, deren heute offen stehende
Gräber von allen Reisenden in dem Königsgräberthale von Bab-el-meluk
besucht und bewundert werden, in diesem unterirdischen Versteck neben
den späteren Priesterkönigen der 20. Dynastie ihren letzten Ruheplatz
gefunden haben, wird von Herrn Maspero scharfsinnig in einer Weise
beantwortet, der man seine Zustimmung nicht versagen dürfte. Es ist
bewiesen durch vorhandene schriftliche Zeugnisse, daß in den Zeiten
der 20. Dynastie, zwischen 1200 und 1100 v. Chr., mit dem beginnenden
Verfall der ägyptischen Großmacht die zunehmende Verarmung der einst so
reichen Bevölkerung Thebens ganze Banden von Diebsgenossen erzeugte,
welche es sich zur Aufgabe stellten, die Gräber der alten Könige zu
öffnen, die Mumien derselben ihrer Schmucksachen zu berauben und die
darin enthaltenen Gegenstände von Wert zu stehlen. Unter den letzten
Ramessiden nahm diese Raublust bereits bedenkliche Dimensionen an. Die
Diebe hatten sich in mehrere Gräber den Eingang zu verschaffen gewußt,
daraus geplündert, was zu plündern war und selbst die Heiligkeiten
der königlichen Leichen nicht geschont, indem sie dieselben in
Stücke gebrochen oder mit sich fortgeschleppt hatten. Unter den
Priesterkönigen stand das Diebsgewerbe in den Königsgräbern im höchsten
Flor. Zeitweise wurden deshalb von den erwähnten Königen Kommissionen
ernannt, welchen die Aufgabe zufiel, die Gräber zu untersuchen und die
zerfallenen oder beschädigten Teile der Särge restaurieren zu lassen.
Einzelne Inschriften auf den gefundenen Särgen der Könige der älteren
Epoche bezeugen diese Thatsache ausdrücklich. Schließlich blieb nichts
anderes übrig, als die Särge und Leichen der Pharaonen, welche sich in
dem weit abgelegenen, schwer zu bewachenden Totenthale von Bab-el-moluk
in ihrem ehemaligen Hypogeen befanden, nach der thebanischen Ebene zu
überführen und sie in dem sehr wohlversteckten, wenn auch bescheidenen
Familiengrabe der Priesterkönige in Deir-el-bahari ein für allemal vor
Beraubung und Beschädigung zu schützen. Hier fanden die großen Pharaone
mitten unter den einzelnen Mitgliedern der Familie der Priesterkönige
drei Jahrtausende lang ihre Ruhestätte, bis auch sie wieder von den
modernen Thebanern aufgespürt wurden, um zuletzt in gemeinsamer
königlicher Gesellschaft die Wanderung auf dem Dampfer nach dem Museum
in Bulak anzutreten.
Einer mehr als wunderbaren Fügung des Schicksals verdanken wir die
Erhaltung und Auffindung der irdischen Überreste einer ganzen Reihe
königlicher Personen, von denen mehrere durch ihren Ruhm die Welt
erfüllt hatten und deren Gedächtnis bis zu den Zeiten des klassischen
Altertums, wenn auch in sagenhaftem Gewande, treu bewahrt war. Ist
auch der geschichtliche Gewinn, welcher mit diesem kostbaren Funde in
Verbindung steht, kein so bedeutender, wie man ursprünglich zu erwarten
berechtigt war, so müssen dennoch die aufgefundenen königlichen Leiber
als geschichtliche Reliquien ersten Ranges gelten, denen sich der Sohn
der Neuzeit nur mit höchster Achtung nahen sollte. Gegenüber den Mumien
eines Thutmes III. und eines Ramses-Sesostris hört das Staunen auf
und das Gefühl unbeschreiblichster Ehrfurcht tritt an seine Stelle.
Alle Zeitunterschiede scheinen im Anblick jener leibhaftigen Gestalten
wie ausgelöscht und man möchte den Historiker Lügen strafen, welcher
erzählt, daß mehr als dreitausend Jahre uns von den Zeiten jener Könige
trennen, deren Körper wir mit unseren Händen berühren.
Die Ägypter, wie ich zum Schlusse es noch ausführen möchte, waren
durchaus keine Trappisten, wie man nach Schilderungen einzelner
Schriftsteller des Altertums zu glauben berechtigt ist. Weil sie aber
ein weises und kluges Volk waren, räumten sie der heiteren Seite des
Daseins und den unschuldigen Freuden des Lebens einen weiten Platz
neben dem Glauben an die feste Stütze ihrer Gottesverehrung und an die
Fortdauer der menschlichen Seele nach dem Tode ein. Die fast übermütige
Heiterkeit des Gemütes der alten Ägypter spricht sich deutlich in den
Darstellungen und Inschriften aus, welche die Wände der Grabkapellen zu
bedecken pflegten und welchen sämtlich der Gedanke zu Grunde lag, daß
die Gottheit die Freuden des Daseins geschaffen habe, um sie während
des Daseins zu genießen. Als der griechische Reisende Herodot um die
Mitte des fünften Jahrhunderts v. Chr. Ägypten besuchte und im Verkehr
mit den damaligen Bewohnern des Landes vielfach Gelegenheit hatte,
ihre Sitten und Gewohnheiten kennen zu lernen, entging ihm nicht die
eigentümliche Art und Weise, in welcher sie selbst bei den Gastmahlen
zum Genuß der Lebensfreude sich auffordern ließen. „Bei den Gastgeboten
ihrer Reichen,“ so erzählt der Grieche, „trägt ein Mann, wenn sie
abgegessen haben, in einem Sarge ein hölzernes Totenbild herum; das
ist sehr natürlich bemalt und gearbeitet und ist gewöhnlich eine Elle
groß oder auch zwei Ellen und zeigt es einem jeglichen der Gäste und
spricht: Betrachte diesen und dann trink und sei fröhlich, denn wenn du
tot bist, so wirst du sein gleichwie dieser. Also thun sie bei ihren
Gastgelagen.“
Als der griechische Genius die leuchtende Fackel der Aufklärung
schwang und eine neue Welt und ein neues geistiges Leben den uralten
Glauben der ägyptischen Altvorderen zurückdrängte in die steinernen
Denkmäler der Vorzeit, da fand die Lehre von der Zukunft des Menschen
ihren herbsten und trübsten Ausdruck in der oftmals ausgesprochenen
Überzeugung von dem Ende des Daseins nach dem Tode ohne die fröhliche
Hoffnung auf ein Fortleben in der Welt des Jenseits. Die Ägypter waren
irre geworden an ihrem Glauben, denn das griechische philosophische
Wissen hatte den Zweifel in ihre Herzen eintreten lassen. Die
Inschriften dieser Zeit gestatten uns bisweilen Einblicke in die
veränderte Anschauung von dem Leben nach dem Tode, die uns durch Form
und Inhalt noch heutigen Tages auf das höchste überraschen müssen.
Ich erinnere vor allem an den Schwanengesang einer vornehmen,
schönen und geistvollen Ägypterin Namens Taimhotep, die im Alter
von dreißig Jahren im Jahre 42 v. Chr. zu Memphis als die Gattin
des Oberpriesters Paschirenptah gestorben war. Ihr eigener Bruder
Imhotep, ein gelehrter Priester von derselben Stadt Memphis, widmete
ihr ein besonderes Denkmal, welches gegenwärtig in Paris aufbewahrt
wird. Die auf demselben befindliche Inschrift legt gegen den Schluß
der verstorbenen Dame die folgenden an ihren hinterbliebenen Mann
gerichteten Worte in den Mund: „O, mein Bruder und mein Gatte und mein
Freund, du Oberpriester von Memphis! Höre nimmer auf zu trinken und zu
schmausen, dich zu berauschen in süßer Minne und fröhliche Feste zu
feiern. Handle nach dem Wunsche deines Herzens und laß nicht eintreten
die Bekümmernis in deine Seele, so viel der Jahre du noch auf Erden
weilen wirst. Denn der Westen (die Stätte der Toten) ist eine Welt voll
Schlaf und Finsternis, ein schwerer Sitz für die Toten. Sie schlummern
darin in ihrer leibhaftigen Körpergestalt und wachen nicht auf, um
ihre Geschwister zu schauen. Sie erkennen nicht ihren Vater noch ihre
Mutter und leer ist ihr Herz von der Sehnsucht nach ihren Weibern
und nach ihren Kindern. Das lebendige Wasser auf Erden ist für jeden
bestimmt, welcher darauf lebt. Nur ich durste nach dem Wasser, welches
zu dem kommt, der auf der Erde weilt. Ich durste und das Wasser ist mir
nahe, aber ich vermag nicht mehr zu erkennen, wo ich bin, seitdem ich
betreten habe diese Grabeswelt.
„Reiche mir Wasser, der du eintrittst, sprich zu mir: niemals bleibe
dir fern das Wasser! wende mein Angesicht nach der Nordseite am Ufer
des Stromes und laß sich abkühlen mein Herz in seinem Leide. Hier
weilt ein Gott, dessen Name All-Tod-kommt lautet, denn er ruft alle
zu sich und sie kommen zu ihm und geben ihre Seele dahin angsterfüllt
vor seinem Schrecken. Nicht schaut er sie an, ob sie göttliche oder
menschliche Wesen sind. Groß und Klein ist in seiner Hand und niemand
vermag sich seiner zu erwehren.“
Die Inschrift mit ihrer Grabesmelancholie ist echt ägyptisch, denn
ein gelehrter Priester von Memphis war ihr Verfasser, aber der alte
Geist und der Glaube der ägyptischen Vorzeit spricht nicht mehr aus
ihr. Tiefe Verzweiflung eines zerrissenen Herzens ist der Grundton des
ganzen Textes, der sich an das Irdische anklammert, um die Qualen des
Todes zu vergessen. Der Glaube der Väter war durch die griechische
freie Forschung auf das ärgste erschüttert worden. Ägypten hatte damit
den Todesstoß empfangen, der seinem geistigen Dasein ein jähes Ende
bereitete. Nur die steinernen Inschriften und die erhaltenen Leiber der
Vorfahren sind heutzutage die einzigen Zeugen, daß einstmals jener alte
Glaube von der Kraft der vollsten Überzeugung gehalten und getragen
ward. Und darin liegt die geistige Bedeutung der ägyptischen Funde.
[Illustration]
Die großen Ramessiden.
Das in diesem Jahre ausgegebene Bulletin des ägyptischen Institutes
zu Kairo (2. Folge Nr. 7) enthält das genaue Protokoll, welches in
Gegenwart des Vicekönigs von Ägypten, seiner Minister und einer Anzahl
hochgestellter Persönlichkeiten, darunter Sir Henry Drummond Wolf bei
der Eröffnung der Mumien der Könige Ramses II. (des bekannten Sesostris
der klassischen Schriftsteller) und Ramses III. aufgenommen und amtlich
publiziert worden ist. Es trägt als Datum den 1. Juni 1886, 9 Uhr
morgens.
Die erwähnten, zu Theben in Der-el-Bahari in einem Massengrabe
entdeckten Mumien, welche heute zu Tage im Museum von Gizeh nebst
den übrigen Mumien königlicher Herkunft aufbewahrt werden, tragen
die Nummern 5229 und 5233. Eine Inschrift in schwarzer Tinte auf der
äußeren Leichenumhüllung, in der Brustgegend, der Mumie Nr. 5233,
setzte die Thatsache außer Zweifel, daß der einbalsamierte Körper
wirklich der Person des weltberühmten Sesostris angehört habe. Das
Protokoll fährt nach dieser Feststellung wörtlich fort: „Nachdem
das Vorhandensein dieser Inschrift durch S. H. den Chediw und die
Versammlung der hochgestellten Personen im Saale beurkundet war, wurde
die erste Umhüllung beseitigt und man entdeckte nach und nach eine
Zeugbinde von etwa 0,20 Meter Breite, mit welcher der Körper umwickelt
war, darauf ein zweites genähtes Leichentuch, von Stelle zu Stelle
durch schmale Streifen zusammengehalten, dann zwei Lagen von Binden
und ein Stück feiner Leinwand, das vom Kopf bis zu den Füßen reichte.
Eine Abbildung der Himmelsgöttin Nuit, ungefähr ein Meter lang, ist
mit roter und schwarzer Farbe darauf gezeichnet, wie es das Ritual
vorschreibt. Das Profil der Göttin ist dem reinen und zarten Profil
Königs Seti I. (Vaters Ramses II.), wie es die Denkmäler von Theben
und Abydus zeigen, bis zum Verwechseln ähnlich. Ein neuer Streifen
befand sich unter diesem Schutzbilde, darauf eine Leinwandlage, welche
viereckig zusammengelegt war und Flecken der harzigen Substanz zeigte,
deren sich die Einbalsamierer bedient hatten. Als man dieselbe beiseite
geschoben hatte, kam Ramses II. zum Vorschein.
„Er ist groß, wohl gebildet und von vollständigem Ebenmaß (1,72 Meter
lang). Der Kopf ist länglich, doch klein im Verhältnis zum ganzen
Körper. Der oberste Teil des Schädels liegt ganz bloß. Die Haare,
spärlich an den Schläfen, verdichten sich nach dem Nacken zu und
bilden förmliche glatte und regelrechte Flechten von etwa 0,05 Meter
Länge. Weiß im Augenblick des Todes, haben sie durch den Einfluß der
Spezereien eine hellgelbe Farbe angenommen. Die Stirn ist niedrig,
schmal, die Augenbrauen treten im Bogen hervor, das Auge ist klein,
die Nase lang, dünn, gradlaufend wie die Nase der Bourbonen, leicht
eingepreßt durch den Druck bei der Umwickelung, die Schläfen sind
hohl, der Backenknochen hervorspringend, das Ohr rund und vom Kopf
abstehend, die Kinnlade stark und mächtig, das Kinn sehr lang. Der
breit gespaltene Mund ist von dicken, fleischigen Lippen eingefaßt;
er war mit einer schwarzen Masse angefüllt, von welcher ein mit dem
Meißel abgelöster Teil einige sehr abgenutzte und bröcklige, aber
weiße und wohl gehaltene Zähne erkennen ließ. Der dünne und während
der Lebenszeit sorgfältig rasierte Bart war während der letzten
Krankheit oder nach dem Tode gewachsen; die einzelnen Haare, weiß wie
das Kopfhaar, aber hart und stachlig, sind zwei bis drei Millimeter
lang. Die Haut ist von erdfahler gelber Färbung, mit schwarzen Flecken
darauf.“
Alles zusammen genommen giebt das Gesicht der Mumie eine deutliche
Vorstellung von dem Gesicht des lebenden Königs: ein wenig
intelligenter Ausdruck mit einem leichten Anflug von Bestialität,
aber Stolz, Eigensinn und ein Aussehen souveräner Majestät, welches
noch unter der Einbalsamierungsschicht hervorbricht. Der übrige Teil
des Körpers ist nicht weniger gut erhalten als der Kopf, doch hat
die Verminderung der Fleischmasse das äußere Aussehen desselben weit
beträchtlicher verändert. Der Hals hat nur noch den Durchmesser der
Wirbelsäule. Die Brust ist breit, die Schultern sind hoch, die Arme
über die Brust gekreuzt, die Hände fein und mit der Hennepflanze rot
gefärbt, die Nägel sehr schön, bis zum Fleische hin beschnitten und
so sorgfältig gehalten wie die einer eleganten Dame. Schenkel und
Beine sind eingetrocknet, die Füße lang, dünn, etwas platt und wie die
Hände mit Henne gefärbt. Die Knochen sind schwach und gebrechlich, die
Muskeln infolge des zunehmenden Greisenalters geschwunden; man weiß in
der That, daß Ramses II. viele Jahre lang mit seinem Vater Sati I., 67
Jahre allein regierte und somit beinahe als Hundertjähriger sterben
mußte.
Die Aufwickelung und Untersuchung der Mumie des Königs hatte kaum
eine Viertelstunde Zeit in Anspruch genommen. Nach einer Pause von
wenigen Augenblicken wurde gegen 10 Uhr die Mumie Nr. 5229 aus ihrem
Glasbehälter herbeigeholt. Sie war in sauberer Weise mit einem
orangefarbigen Zeugstoff umhüllt, der durch Binden aus gewöhnlicher
Leinwand zusammengehalten war. Sie trug keine sichtbare Inschrift, man
erblickte nur um den Kopf herum eine mit mystischen Figuren bedeckte
Binde. Nach Beseitigung des orangefarbigen Stoffes gewahrte man auf
dem Leichentuche aus weißer Leinwand, welches unmittelbar darunter
lag, eine vierzeilige Inschrift: „Im Jahre 13, am 28. des zweiten
Sommermonats, an diesem Tage kamen der erste Prophet des Götterkönigs
Ammon Namens Pinotem, Sohn des ersten Ammonspropheten Pionch, der
Tempelschreiber Zosersuchonsu und der Schreiber der Totenstadt
Butehamon, um den verstorbenen König Usirmari-Mianum (Ramses III.) in
seinem ehemaligen Zustand wieder herzustellen und ihn in Ewigkeit hin
dauernd zu erhalten.“ Was man anfänglich für eine Königin (Nofritari)
gehalten hatte, war somit die Leiche Ramses III. Nach Aufklärung
dieses Punktes wurde Ramses III. auf seine Füße gestellt und in
seiner Wickeltracht photographisch abkonterfeit. So kurze Zeit die
Aufnahme erforderte, so lang erschien sie den gespannten Zuschauern.
Die Aufwickelung eines der großen Eroberer der ägyptischen Geschichte
begann inmitten allgemeiner Ungeduld. Alle hatten ihre Plätze verlassen
und drängten sich unterschiedslos an die Operateure heran.
Drei Bindelagen verschwanden schnell, dann bereitete eine mit Pech
durchtränkte Lage von zusammengenähtem Cannevas ein Hindernis, das
mit Hilfe des Meißels beseitigt wurde. Mitten durch die entstandenen
Öffnungen waren neue Zeuglagen sichtbar. Die Mumie schien sich
endlich unter den Händen aufzuschälen. Einige Leinwandstücke trugen
Darstellungen und Inschriften mit schwarzer Tinte: der Gott Amon sitzt
auf seinem Throne und eine Zeile Hieroglyphentext darunter belehrt uns,
daß eine fromme Person der Zeit oder eine Prinzessin aus königlichem
Blute sie habe herstellen und anbringen lassen. Die Inschrift
lautet: „Von der Sängerin des Götterkönigs Amon, des Sonnengottes
Faïlâ-atuimut, der Tochter des ersten Amonspropheten Piônch, auf
daß der Gott ihr Leben, Gesundheit und Stärke schenken möge.“ Zwei
Brustschilder lagen in den Falten des Zeugstoffes versteckt. Das erste,
aus vergoldetem Holze, zeigte nur die gewöhnliche Darstellung der
Göttin Isis und Nephthys, welche die Sonne anbeteten. Das andere war
aus reinem Golde und gehörte Ramses III. an. Eine letzte Schicht aus
verpichtem Cannevas, ein letztes Leichentuch aus rotem Zeugstoff und
die lebhafteste Enttäuschung malte sich in den Zügen aller Umstehenden:
das Gesicht war in eine feste Masse von Teer getaucht, welche das
Erkennen des Gesichts unmöglich machte. Um 11 Uhr 20 Minuten verließ
der Chediw den Saal.
Die Operationen wurden am Nachmittag desselben Tages wieder aufgenommen
und am Morgen des 3. Juni fortgesetzt. Eine neue Untersuchung der
Binden ließ Inschriften auf zweien unter denselben erkennen. Die eine
datiert vom Jahre 9, die zweite vom Jahre 10 des Oberpriesters Amons
und Königs Pinotmu I. Das Pech, von einem Bildhauer am Museum durch
vorsichtige Meißelhiebe losgelöst, verschwand allmählich. Die Züge
sind weniger gut erkennbar als die Ramses II.; man kann indes bis zu
einem gewissen Punkte das Porträt des Eroberers wieder zusammenstellen.
Kopf und Gesicht sind fast vollständig abrasiert und zeigen keine
Spur von Haar oder Bart. Die Stirn, ohne weder sehr breit noch sehr
hoch zu sein, hat bessere Verhältnisse als die Ramses II.; der Bogen
der Augenbrauen ist weniger stark, die Backenknochen springen weniger
hervor, die Nase ist weniger gekrümmt, Kinn und Kinnbacken weniger
schwer. Die Augen waren vielleicht größer, aber man kann nichts darüber
fest behaupten. Die Augenlider waren ausgerissen gewesen, die Höhlung
ausgeleert und nachher mit Lappen ausgefüllt. Das Ohr steht weniger
vom Schädel ab als bei Ramses II., es ist durchbohrt zum Tragen von
Ohrgehängen. Der Mund ist über Gebühr groß, die dünnen Lippen lassen
weiße und gute Zahnreihen erkennen; der erste Backzahn auf der rechten
Seite scheint halb zerbrochen oder schneller abgenutzt als die andern
gewesen zu sein. Der starke und muskulöse Körper gehört einem Manne
von 60 oder 65 Jahren an. Die runzelige Haut bildet hinten am Nacken,
unter dem Kinn, an den Hüften und an den Gelenken außerordentlich große
Falten, welche übereinander gelagert sind; der König war im Augenblicke
des Todes fettleibig.
Kurz, Ramses III. gleicht einer Nachahmung Ramses II. in verkleinertem
und weicherem Maßstabe; die Physiognomie ist feiner, überhaupt
intelligenter, aber der Wuchs ist weniger hoch, die Schultern weniger
breit, die Stärke war geringer. Was er selbst der Person Ramses II.
gegenüber, das ist seine Regierung der Regierung Ramses II. gegenüber:
Feldzüge, nicht mehr auswärts, in Syrien oder Äthiopien, sondern an
den Mündungen des Niles und an den Grenzen Ägyptens, Bauten, aber in
schlechtem Stil und eilig ausgeführt, ein frommes Gepränge, aber mit
weniger Mitteln, eine unbändige Eitelkeit und ein solches Verlangen es
in allem seinem berühmten Vorgänger nachzuthun, daß er selbst seinen
Söhnen und beinahe in derselben Reihenfolge die Namen der Söhne Ramses
II. gab.
Die Mumien beider Könige befinden sich gegenwärtig in ihren Särgen
in einem Glaskasten des Museums von Gizeh in der Nähe von Kairo. Das
Gesicht liegt frei und die berühmten Könige und Eroberer, deren Kriege
und Siege im vierzehnten und dreizehnten Jahrhundert vor dem Beginn
unserer Zeitrechnung die Wände ihrer noch erhaltenen Tempel in Theben
schmückten, müssen es sich gefallen lassen, von neugierigen Reisenden
als merkwürdige Antika betrachtet zu werden.
Pyramiden mit Inschriften.
Es ist heute eine ausgemachte Thatsache, daß die weltberühmten
Pyramiden Ägyptens, welche sich in einer Ausdehnung von etwa fünf
geographischen Meilen auf dem Ostrande der libyschen Wüste entlang
ziehen, westlich von der untergegangenen Hauptstadt Memphis, den
ältesten Königen der Welt einst als Grabstätten dienten. Über ihre
Bauart und ihre Steinmassen ist kaum noch ein Wort zu verlieren.
Bemerken wir nur nebenher, daß die größte derselben sich eines
kubischen Inhalts von ungefähr sieben Millionen Schiffstonnen rühmen
darf und das ist keine Kleinigkeit, mit einem Worte wir wissen, daß
ihr massiger Bau darauf berechnet war, für die Leichen der Könige
unzugängliche und unzerstörbare Grabkammern zu schaffen, deren Dauer
in Ewigkeit hin bestehen sollte. Die Gänge und zwar von der Nordseite
her, welche in das Innere der merkwürdigen Bauten bis zur Grabkammer
führten, wurden an verschiedenen Stellen durch gewaltige Blöcke von
Granit wie durch Fallgatter abgeschlossen, so daß es, besonders bei den
größeren, gewaltiger Arbeiten bedarf, um den freien Eintritt wieder zu
öffnen.
Die ersten Araber, die nach der Besitznahme Ägyptens den Pyramiden ihre
Aufmerksamkeit schenkten und ihren Besuch abstatteten, standen in dem
Glauben, daß die ehemaligen Könige des Landes in den sonderbaren Bauten
nur ihre Schätze verborgen haben konnten und sie scheuten deshalb
weder Mühe noch Kosten, um jene Schätze zu heben. Freilich wurden sie
in ihren Erwartungen gründlich getäuscht, denn sie entdeckten in dem
innersten hohlen Kern der Pyramiden nur die einbalsamierten Leichen der
königlichen Erbauer und statt des gehofften kostbaren Nachlasses fanden
sie wenige Schmucksachen, Bildsäulen und Gegenstände des Totenkultus
vor, denen allerdings heutigentags ein archäologisch hoher Wert
zugeschrieben werden dürfte. Aber was wußte man im neunten und den
unmittelbar darauf folgenden Jahrhunderten von der wissenschaftlichen
Bedeutung derartiger Schätze des grauesten Altertums?
Unsere junge und jüngste Zeit denkt anders darüber und die
eingehendsten Untersuchungen über den Bau und die königlichen Erbauer
so gewaltiger Grabdenkmäler haben bis zur Stunde die gelehrte Welt mit
der Lösung noch mancher rätselhaft gebliebener Dunkelheiten darüber
beschäftigt.