des eisernen schenkte, war den ältesten Ägyptern dieselbe Vorstellung
geläufig, denn die Pyramidentexte geben keinem Zweifel darüber Raum.
Ja sie gehen noch weiter und lassen dies Metall aus dem stärksten
und gewaltigsten Gotte, dem ägyptischen Typhon-Set, hervorgehen,
ganz im Einklang mit einer griechischen Überlieferung, wonach man am
Nil das Eisen mit dem Namen des Knochens des Set belegt habe. Ein
eiserner Himmel setzt die Bekanntschaft mit diesem härtesten aller
Metalle voraus, und es tritt die Frage näher, ob nicht, entgegen
den bisherigen Ansichten darüber, das Eisen nach der Steinzeit vor
oder neben dem Kupfer und vor Bronze bekannt war. Auch die ältesten
biblischen Nachrichten über das Vorkommen und die Bearbeitung des
Eisens (Thubalkain, wie aus dem 1. Buche Mose 4, 22 hervorgeht, galt
als der Erfinder der Eisenschmiedekunst) setzen für das höchste
Altertum eine allgemein verbreitete Anwendung des Eisens voraus. In
listenförmigen Aufzählungen der Metalle, wie sie gelegentlich die
ägyptischen Denkmäler- und Papyrusinschriften bieten, folgen der Reihe
nach: Gold, Silber, Eisen, Bronze, Kupfer, Blei. Das Eisen nimmt auch
darin seine berechtigte Stelle ein. Bereits in den Pyramidentexten
werden hakenförmige Instrumente aus Eisen aufgezählt, die bei
religiösen Handlungen (z. B. bei der sogenannten Mundöffnung) ihre
Verwendung fanden. In den Zeiten des sechzehnten Jahrhunderts v. Chr.
erscheinen eiserne Gefäße erwähnt und Pharao heißt: „Die eiserne Mauer
zum Schutze Ägyptens.“ Selbst zu medizinischen Zwecken wurde das Eisen
wie noch in unseren Tagen verwertet, wenigstens nach einer Angabe in
dem medizinischen Papyrus von Berlin zu schließen, wonach z. B. eine
Mischung von Eisenrost mit Nilwasser als äußerliches Mittel zur Heilung
bei Fieberhitze empfohlen wird.
Der Name und die Anwendung dieses Metalles war, wie man sieht, von den
ältesten Zeiten an den Ägyptern durchaus geläufig, und nichts läßt
darauf schließen, daß in Ägypten die Eisenzeit der Bronzezeit notwendig
gefolgt sei.
Man könnte vielleicht der Meinung sein, daß es sich in allen
genannten Beispielen nur um Meteoreisen handele und daß dies um so
wahrscheinlicher sei, als die Bezeichnung des Eisens in der ältesten
ägyptischen Sprache durch ein zusammengesetztes Wort ausgedrückt
war (~bi-ni-pe~), welches wörtlich so viel als „Wunderding“,
„Wundergabe des Himmels“ bedeutet. Allein es ist zu bedenken, daß in
den Zeiten der Griechen und Römer derselbe Ausdruck für das Eisen ganz
allgemein gebraucht war und daß in der Sprache der christlichen Ägypter
oder der Kopten dasselbe Wort im Sinne von Eisen fortbestand, ohne
Rücksicht auf den meteorischen oder tellurischen Ursprung desselben.
Ich habe dem Beispiele des Eisens meine besondere Aufmerksamkeit
geschenkt, um daran den Nachweis zu führen, welche Bedeutung den
Pyramidentexten für die allgemeine Kulturgeschichte der Menschheit
innewohnt. An Hunderten von Stellen drängt sich die Überzeugung auf,
daß jene Texte, deren erstaunliches Alter von niemand bezweifelt wird,
bereits in den Abschluß einer großen Kulturepoche gehören, in welcher
ein zweigeteiltes Ägypten mit einem einzigen Herrn und König an der
Spitze bestand. Schon damals war nach Andeutungen in jenen Texten die
Ostgrenze Unterägyptens durch Festungswerke geschützt, welche sich an
der Spitze der nördlichsten Bucht des Roten Meeres erhoben. Es ist
daraus ersichtlich, daß diese Bucht an dem heutigen Krokodilbecken
ihren Anfang nahm, das in der Mitte der Landenge von Suez gelegen ist
und in der Wasserlinie des Suezkanals aufgegangen ist. Auch für das
Vorkommen der ältesten Pflanzenwelt bieten dieselben Pyramidentexte
eine reiche Ausbeute der Forschung dar. Der Ackerbau war auf der
Kultur von Weizen, Gerste und Spelt begründet. Die Getreidesorten
waren längst von dem Euphratgebiete her nach Ägypten eingeführt
worden, ebenso der Anbau der Leinpflanze und des Weinstockes, wie es
Prof. Schweinfurth durch seine eingehenden Untersuchungen auf dem
Gebiete der Pflanzengeschichte wahrscheinlich gemacht hat. Auch der
Papyrus und der Lotos, sowie eine Reihe von Binsengräsern an den Ufern
des Niles und in den Seen und Sümpfen werden in den Pyramidentexten
als allgemein bekannt angenommen und unter den Bäumen sehen wir die
Dattelpalme, die Sykomore, den Feigenbaum, die Persea, den Moringabaum
und Stachelakazien in den Vordergrund treten. Unter den Vierfüßern
werden der Elefant, das Nilpferd, der Löwe, die Hyäne, der Fuchs, der
Luchs, Antilopen, Gazellen, Hasen und als gezähmte mehrere Rinderarten,
das Schaf, die Ziege, der Esel, der Hund, die Katze, aber weder das
Pferd noch das Kamel in denselben uralten Texten erwähnt. An Schlangen
und giftigem Gewürm aller Art besaß die ägyptische Erde von damals
einen gewaltigen Überfluß, denn nur dadurch erklärt es sich, daß die
Pyramidentexte es nicht verschmäht hatten, mitten in das uralte
Totenbuch eine ganze Reihe von Beschwörungen einzutragen, welche gegen
die Bisse und Stiche des das Leben und die Gesundheit des Menschen
bedrohenden Gewürmes gerichtet waren. Die Formeln schließen meist
unverständliche Redensarten und Wörter in sich, wie sie nicht bloß in
der ältesten Zeit den Zauberern eigen waren, um ein drohendes Übel fern
zu halten und in wirksamster Weise abzuwehren.
Und gerade dieser Zauber ist es, der dem ganzen übrigen Inhalt
der Pyramidentexte ihren Grundcharakter verleiht. Es macht den
Eindruck, als seien die unbekannten Verfasser der kulturhistorisch
so merkwürdigen Überlieferungen aus der ältesten geschichtlichen
Vergangenheit Ägyptens wahre Hexenmeister gewesen, die nach der
Volksmeinung es verstanden, unter priesterlichem Namen ihren Einfluß
auf die beängstigten Gemüter der Menge auszuüben und unter dem hellen
klaren Lichte der ägyptischen Sonne die Mächte der Finsternis sich
ihrem Willen unterthan zu machen. Das „Buch“ der Pyramidentexte ist von
diesem Standpunkte aus ein eigentliches Zauberbuch, mit welchem der
ägyptische Gottesglaube seinen ersten Einzug in die kaum gegründete
älteste Kulturwelt hält. Der ägyptische Staat ist gestiftet, seine
Provinzen, deren Hauptstädte sind festgestellt, der König trägt die
weiße Krone der Südwelt und die rote der Nordwelt auf seinem Haupte,
sein Hof ist von Edlen und Dienern bevölkert, die Bewohner beider
Landesteile beugen sich vor seinem Throne und „berühren die Erde zu
seinen Füßen mit ihrer Nasenspitze,“ aber seine eigentliche Macht
war in der Vorstellung begründet, daß er als Nachkomme und Vertreter
des Lichtgottes auf Erden der Oberste aller Zauberer sein müsse, dem
selbst nach seinem Tode ein Dasein höherer Art beschieden sei. Über die
Fragen nach dem Wo und Wie? sollte das „Buch“ in den Grabkammern der
beschriebenen Pyramiden eine unfehlbare Antwort erteilen.
Im Faijum.
Abseits von dem eigentlichen Nilthale in westlicher Richtung von
Mittelägypten gelegen bildet das sogenannte Faijum oder auf gut
deutsch „das Seeland“ eine große rings von Höhenzügen der libyschen
Wüste umschlossene Oase von etwas mehr als 1200 Kilometer ins Geviert
Flächeninhalt. Der Strom der Reisenden, welche Jahr aus Jahr ein die
winterliche Pilgerfahrt auf dem heiligen Strome zurücklegen, berührt
dies schöne Stück Erde nur selten, das unter sämtlichen Provinzen
geradezu als die Perle bezeichnet zu werden verdient. Und nicht die
gütige Mutter Natur hat ihr freiwillig diesen Vorzug verliehen, sondern
der Mensch vor mehr als viertausend Jahren war es, der die Schöpfung
des Faijum ins Leben rief und eine sandige unfruchtbare Oase zu einem
Paradiese umwandelte. Wie dies geschehen, das haben die Forschungen der
Gelehrten mit großem Scharfsinn nachgewiesen. Bereits um das Jahr 2500
v. Chr. war vom Nilstrome ein wasserreicher Kanal -- es ist derselbe,
welcher heute den Namen des Josephskanals trägt -- in das Sandbecken
der späteren Oase eingeleitet worden, um den dürren Erdboden zu
befruchten und auf die Wüste die Schlammdecke des Niles auszubreiten.
Der Segen des Werkes ließ nicht auf sich warten, denn reiche Ernten
lohnten den Fleiß des Landmannes. Es war zugleich ein Triumph der
ältesten Kunst des Wasserbaues, diesen Kanal mit einem künstlichen
Wasserbecken von gewaltiger Ausdehnung zu verbinden. Die darin infolge
der jährlichen Nilüberschwemmungen angesammelte Wassermenge, welcher
Schleusenwerke den freien Abzug strahlenförmig nach allen Richtungen
hin gestatteten, reichte aus, um das gesamte „Seeland“ zu berieseln
und in den Jahren der Not vielleicht dem Nil selbst einen Teil des
von demselben empfangenen Geschenkes zurückzugeben. Vom Herodot an
bis zum Plinius hin ist das klassische Altertum darüber einig, daß
der +Mörissee+ (so nannte man ihn nach einem ägyptischen Worte
~meri~ für einen See oder Wasserbecken) ein hervorragendes
Wunderwerk sei, das seinesgleichen in der Welt suchte. Der See ist
heutzutage vollständig verschwunden und nur seine koptische Bezeichnung
~jom~, d. h. der See, das Meer, in dem heutigen Namen der Provinz
Faijum oder Faijom hat die Erinnerung an sein ehemaliges Dasein auch
noch im heutigen Ägypten selber bewahrt.
Zu den Vermutungen über die eigentliche Lage des Sees welche von einer
Reihe namhafter Gelehrter älterer und jüngerer Zeit ausgesprochen
worden sind, ist in den letzten Jahren eine neue getreten, welche
besonders in Ägypten selber ein gewisses Aufsehen erregt hat,
nachdem die englische Verwaltung des Landes ihr die Berechtigung
der Wahrscheinlichkeit und Möglichkeit nicht hat absprechen können.
Ein amerikanischer Kapitän Whitehouse, welcher seit einer Reihe von
Jahren seinen Winteraufenthalt in Kairo aufgeschlagen hat, ist infolge
eifriger Nachforschungen und Vermessungen an Ort und Stelle zu dem
Schlusse gelangt, daß der alte Mörissee seine größte Ausdehnung nach
Südost in dem heutigen sogenannten Wadi Rayan gehabt haben müsse, und
daß seine Wiederherstellung nur eine Frage des Geldes und der Zeit
sei. Die Engländer sind praktische Leute und sie würden hier zu Lande
sicherlich nicht den Ideen und Arbeiten des Amerikaners ihre vollste
Aufmerksamkeit geschenkt haben, wenn dieselben nicht ihre Begründung
in den Thatsachen fänden. Vorläufig ist der Kostenüberschlag zur
Herstellung und Füllung des Wasserbeckens von Rayan mittelst eines
künstlichen Kanals auf 1700000 Lstr. abgeschätzt worden und nichts
steht der Schöpfung des neuen Sees mehr im Wege, sobald die englischen
Wasserbaumeister sich überzeugt haben sollten, daß die Anlage zweier
Riesenreservoirs, das eine in Nubien zwischen Kalabscheh und Philä, das
andere in Ägypten bei Selseleh, sich zu kostspielig oder unausführbar
herausstellen sollte. Alle drei Projekte haben den Zweck zu erfüllen,
in den Zeiten des tiefen Wasserstandes für das Deltagebiet stets ein
erforderliches Quantum von Wasser in Bereitschaft zu halten und durch
ein eigenartiges Schleusensystem den Abfluß einer nutzlos vergeudeten
gewaltigen Wassermenge in das Meer zu verhindern. Selbst der neue
Mörissee des Herrn Whitehouse würde diesen Hauptzweck zu erfüllen haben
und seinen verschollenen Vorgänger riesenhaft übertreffen.
Wie dem auch sein möge, das eine steht unbestritten fest, daß der
heutige Josephskanal mit seinen Schleusen und verästelten Wasseradern
die Rolle des vergangenen Mörissees in glücklichster Weise übernommen
hat und daß infolge dessen die moderne Seeprovinz zu den fruchtbarsten
Gebieten des ägyptischen Reiches gehört. Ich bedaure aufrichtig, daß
es mir erst im Jahre 1892 vergönnt gewesen ist, ihr durch eigene
Anschauung auch meinerseits dieses Zeugnis ausstellen zu können, das
ihr von allen europäischen Reisenden zugestanden wird.
Der Weg von Kairo nach dem Herzen des Faijum, d. h. der Hauptstadt
desselben mit dem Namen Medineh, d. h. „Stadt“, dauert kaum vier
Stunden. Nach zweistündiger Fahrt auf der oberägyptischen Eisenbahn bis
zu dem Orte El-Wasta tritt für den Reisenden ein Wagenwechsel ein. Man
besteigt nach einer Viertelstunde Rast den nach Medineh abgehenden Zug
und hat schon auf dem kleinen Bahnhofe von El-Wasta Gelegenheit, sich
von der veränderten Lage der Dinge oft in handgreiflichster Weise zu
überzeugen. Die europäische Eigenart, welche in Kairo und an sonstigen
von unsern Reisenden viel besuchten Plätzen Oberägyptens das arabische
Element zurückdrängt, geht bis zur Sprache hin in die Brüche und
„der Sohn des Landes“, vom hochmütig sich spreizenden jungen Effendi
an bis zum grobkörnigen Fellachen hin, läßt seine berechtigten oder
unberechtigten Eigenschaften mit allem Nachdruck des Besonderen den
fremden Einwanderer fühlen. Man schreit und ruft, man keift und lärmt,
man schiebt und drängt sich durcheinander, man besetzt die Wagen,
wie es einem gefällt, bis endlich der Zug ins Rollen kommt und von
dem Schaffner eine Sichtung des Ungehörigen in allerletzter Minute
vorgenommen wird. Hält der Zug an der nächsten Station still, so
beginnt das Schreien und Drängen von neuem und das Lexikon arabischer
Liebenswürdigkeit tönt in unsere Ohren: „Friede sei mit dir, Mohammed,
wo fährst du hin? -- Auch mit dir sei der Friede, ich fahre nach der
Stadt, um meinen Esel zu verkaufen. -- So sei dir Heil auf der Reise
beschieden! -- O mein Herrgott! mein Retter und Bewahrer! -- Mein
Brüderchen, du bist ausgestiegen, ohne deine Fahrkarte abgegeben zu
haben. -- Hier ist sie, mein Bruder! Möge Gott dich segnen u. s. w.“
schwirrt es durch die stauberfüllte Luft, während alles durcheinander
rennt und stürmt, um bald den Ausgang, bald den Eingang von Wagen
zu Wagen zu suchen. Auf der Plattform, am Ende der Waggons, fehlt
die schützende Brüstung, aber man übersieht schnell dieses Manko,
denn ein helles Lachen ergießt sich über den Frengi, welchen es mit
Entsetzen erfüllt, daß der hölzerne Fußboden unter ihm klaffende Risse
und Öffnungen zeigt, welche die freie Aussicht auf den Schienenweg
öffnen, so frei, daß selbst der Staub durch die gähnenden Spalten
hindurchwirbelt. Und welcher Staub erfüllt die im Coupé herrschende
Atmosphäre! Gesicht und Hände, Kleider und Gepäckstücke, alles ist mit
einer grauen Decke überzogen und zahllose Fliegen vermehren die Plagen
in dem oberägyptischen Waggon, den unsere europäischen Bahnverwaltungen
kaum mehr für reparaturfähig halten dürften. Die Wagen krachen und
wanken, daß man seekrank zu werden vermeint, aber lustig geht es
vorwärts vom Nil aus über die grüne Fläche mit ihren Dörfern und Herden
zu beiden Seiten des Schienenweges, bis nach kaum viertelstündiger
Fahrt die Ränder der Wüste erscheinen, welche das Faijum vom
eigentlichen Nilthale trennen. Im hellen Sonnenglanze strahlte zur
Rechten in kaum einstündiger Entfernung jene merkwürdige Pyramide,
welcher die Araber den Namen der Lügen-, d. h. Vexierpyramide,
beigelegt haben. Auf den vielfachen Windungen des Niles erscheint sie
dem Schiffer auf dem Strome in allen Richtungen der Windrose, als
habe sie es darauf abgesehen ihn zu foppen und ihn in die Täuschung zu
versetzen, als käme er nicht von der Stelle. Das Grabdenkmal hat erst
seit vorigem Jahre eine hohe historische Bedeutung gewonnen, nachdem
die Nachgrabungen des findigen Engländers Petrie die Lösung ihres
rätselhaften Ursprunges der Wissenschaft geliefert haben. Dreißig Meter
tief unter dem Boden der Wüste und dicht vor der Pyramide entdeckte
derselbe einen Tempel, dessen Inschriften als ihren Erbauer einen König
+Snofru+ nennen, den Vorgänger Königs +Chufu+-Cheops, den
Urheber der höchsten Pyramide von Gizeh. Die Pyramide von Meidum, wie
sie heute nach der Bezeichnung des zu ihren Füßen liegenden Dorfes
genannt wird, ist somit das älteste Baudenkmal der Welt und mit
Ehrfurcht begrüßen wir diesen Markstein am Horizonte aller menschlichen
Erinnerungen durch die staubigen Fenster des rollenden Marterkastens.
Der kleine Zug zwängt sich bald durch die künstlichen Einschnitte
der Wüste hindurch, bald bewegt er sich frei auf dem flachen Boden
derselben, um eine kleine Stunde lang dem Reisenden den Genuß einer
sandigen Einöde und ihrer Schrecken zu bieten. Auf dem höchsten
Punkte des Plateaus malen sich die grünen Ränder des Faijum in
westlicher Richtung am Himmel ab und mit Bequemlichkeit läßt sich die
Gesamtausdehnung dieser fruchtbaren Provinz vom Wagen aus überschauen.
Allmählich unterbrechen kleine mit Pflanzenwuchs bedeckte Strecken
den sandigen Boden, und der Verkehr zeigt sich in allen möglichen
Gestalten. Am wenigsten erwünscht erscheinen uns die wandernden
Büffel, Rinder, Kamele, Pferde, Esel, Schafe und Ziegen, welche mit
ihren Führern und Reitern den Schienenweg vor uns eingeschlagen haben
und sicher durch den Eisenbahnzug zermalmt werden würden, wenn nicht
der schrille Pfiff der Lokomotive ihnen das Warnungszeichen zum
schleunigen Abzug gäbe. Auch darin verleugnet sich der orientalische
Charakter durchaus nicht. Niemand pflegt sich weder in den engen
Straßen der Städte noch auf offenen Feldwegen umzusehen, um einem
vom Rücken aus kommenden Hindernis auszuweichen. Es bedarf erst eines
Anrufes von hinten her, um im gegebenen Falle je nach rechts oder
links auszubiegen. Dieselbe Erscheinung wiederholt sich selbst in der
geschichtlichen Entwickelung der morgenländischen Völker. Was hinter
ihnen liegt, kümmert sie blutwenig, und nur der Moment der Gegenwart
fesselt ihren geistigen Blick.
Immer deutlicher und zahlreicher werden die Spuren des vegetativen
Lebens, wenn es auch zunächst nur vereinzelt stehende Palmen,
dorniges Gestrüpp und rohrartige Gewächse sind, die zu beiden Seiten
der eisernen Straße den sandigen Boden der Wüste schmücken. Endlich
durchqueren wir einen mächtig breiten, 8 bis 10 Meter hohen Erdspalt,
durch dessen Mitte sich Wasserstreifen entlang ziehen. Schilfgebüsch,
Tamarisken und Strauchwerk aller Art bedecken den feuchten Boden des
„Fluß ohne Wasser“ genannten Erdspaltes, dessen Ränder mit aller
Deutlichkeit die Ablagerungen eines ehemals mächtigen Stromes erkennen
lassen. Der Spalt zieht sich in Windungen an dem westlichen Rande der
Wüste entlang und endigt schließlich in nördlicher Richtung, nicht weit
vom sogenannten „Hörnersee“ (Birket el-Qurun), jenem langgestreckten
Seebecken mit salzigem Wasser, das die westliche Grenze des gesamten
Faijum bildet.
Wir lassen die Frage unerörtert, ob wir in diesem „wasserlosen Flusse“
einen Abflußkanal des ehemaligen Mörissees erkennen müssen, der an
dem Plateau der Wüste von Hawara und Illahun vorüberzog, auf dessen
Höhe wir in etwa ein- und zweistündiger Entfernung vom Schienenwege
aus die massigen dunklen Überreste von zwei Pyramiden erkennen. Es
sind die riesigen Grabbauten von zwei Königen der zwölften Dynastie,
dem vierten und sechsten derselben, welche einst, d. h. vor etwa 4000
Jahren ihre Residenz im Herzen des Faijum aufgeschlagen hatten. Von der
Pyramide von Illahun aus hat der Besucher die beste Gelegenheit, die
Abbiegung des Josephskanals in die östliche Thalspalte des Faijum in
Augenschein zu nehmen. Mehr als irgendwo in der Welt zeigt sich die
segensreiche Wirkung des Wassers und nun gar erst des Nilwassers, auf
die Fruchtbarkeit des Bodens und wäre es eine Wüstenei, wie an dieser
Stelle am Fuße der Pyramide von Illahun. Schon der scheinbar moderne
Name Illahun oder, ohne den angefügten arabischen Artikel, +Lahun+
weist auf einen uralten Ursprung der Anlage des Kanals zurück, denn er
ist seiner ehemaligen ägyptischen Bezeichnung ~La-hunet~, d. i.
„die Mündung des Kanals“ entlehnt, die sich in ihrer griechischen Form
in dem Namen des Labyrinths, d. i. ~Lapi-ro-hinet~, „der Tempel
der Kanalmündung“ wiederfindet. Thatsächlich lag der vollständig vom
Erdboden verschwundene Bau, welcher diesen Namen trug, im Süden der
Pyramide von Hawara, mit anderen Worten in der Nähe der Kanalmündung,
woselbst es dem Engländer Petrie geglückt ist, den Grundplan des
ehemals weltberühmten Gebäudes wiederherzustellen. Doch ich verliere
mich in die vergangenen Zeiten und springe von der Gegenwart ab, aber
dennoch ist diese unzertrennlich in Ägypten von den mehrtausendjährigen
Geschichten, die sich auf dem Boden dieses merkwürdigen Landes
abgespielt haben und die dem Modernen gerade einen besonderen Reiz
verleihen. Ich weiß wohl, daß ein englischer Diplomat die Äußerung
gethan haben soll, daß er das ganze ägyptische Altertum zum Henker
wünsche, da es den Grund zu vielen politischen Scherereien abgebe,
allein es wird ihm kaum der Trost beschieden sein, seine Meinung von
der Mehrzahl seiner eigenen Landsleute geteilt zu sehen. Das heutige
Ägypten würde trotz seines Bodenreichtums und seines milden Klimas
halber kaum eine besondere Anziehungskraft auf die Tausende von
Reisenden ausüben, welche alljährlich ihre Nilreise antreten, wenn
nicht seine Altertümer und seine Geschichte einen so mächtigen, selbst
poetischen Reiz auf die Phantasie ausübten. Nur von der geschichtlichen
Ferne aus gesehen erhält das gegenwärtige Ägypten seinen idealen
Wert, gerade wie die Städte und Dörfer im Nilthale nur aus der Ferne
betrachtet den Eindruck des Malerischen hervorrufen. In der Nähe
lösen sich die Bilder in Schutt, Schmutz, Fetzen und Elend auf und wie
Nebelgestalten zerrinnen die zauberhaftesten Lichteffekte vor unsern
sehenden Augen zu glanz- und farblosen Tönen.
Die Fahrt hinter dem „Flusse ohne Wasser“ oder dem +Bahr-bela-ma+,
welche in einer kleinen halben Stunde zurückgelegt ist, entschädigt
reichlich für die toten Eindrücke inmitten der wenn auch kurzen Strecke
durch die Wüste. Das frische Leben voller Saft und Kraft einer mit
verschwenderischer Hand spendenden Natur tritt uns an jeder Stelle
entgegen, denn soweit das Auge bis zu den Bergzügen am Horizonte,
welche den Thalkessel des Faijum einschließen, zu reichen vermag,
allenthalben wird es durch den Anblick wundervoll grüner Ebenen mit
üppigstem Baumwuchs entzückt. Der Schienenweg durchzieht ein wahres
Eden und wir sind überrascht durch die wechselvollsten Bilder einer
nichts weniger als ägyptischen Landschaft. Allenthalben fließen
die Wasser zwischen den Feldern und Baumpflanzungen und von allen
Richtungen her tönt uns das Knarren gewaltiger Wasserräder entgegen.
Die Dörfer, aus ungebrannten Erdziegeln aufgeführt, bewahren allein
ihren ägyptischen Charakter, nur die Bewohner des gesegneten Ländchens
offenbaren in ihren Zügen einen besonderen Typus, der von dem echt
ägyptischen bemerkenswert absticht.
Der Bahnhof der Hauptstadt der Oase des Faijum, Medineh, ist endlich
erreicht und der Zug fährt in die offene Halle ein, welche ein Holzbau
mit Satteldach überschattet. Der Zugang ist durch ein Holzgitter
abgesperrt und nach europäischem Muster fordert der Portier an der
Thür dem Reisenden die Fahrkarte ab. Wir sind dem stauberfüllten
Waggon mit einem „Gott seis gedankt!“ entstiegen und müssen uns nach
einem Esel umsehen, um den kurzen Weg nach der Stadt zurückzulegen.
Das Grautier ist leichter gefunden als bestiegen, denn die zerlumpten
hohen Sättel sind schlecht gegürtet und die Steigbügel, wenn solche
überhaupt vorhanden sind, haben ungleiche Länge. Mit Hilfe von zwei
Eseljungen sitzen wir endlich im Sattel und haben Gelegenheit, ein
wenig aufzuatmen und die Umgebung des Bahnhofs näher zu betrachten.
Ein unentwirrbares Knäuel von tausend Dingen, alles in Staubwolken
eingehüllt, erschwert die Prüfung der Einzelheiten, nur soviel wird uns
klar, daß ein Güterschuppen fehlt und daß der Raum rechts und links
von den Schienen zur Aufspeicherung der ankommenden und abgehenden
Güter und Waren dient. Der Schienenweg selber bildet auch hier die
kürzeste Straße nach der Stadt, und Mensch und Tier wandern lustig
neben den rollenden Eisenbahnzügen einher, ohne daß Barrieren oder
Bahnwärter für die öffentliche Sicherheit Sorge trügen. Gott ist
barmherzig und mit Ihm, dem Retter, läßt sich alles wagen. Wir schlagen
den Seitenweg linker Hand ein und begrüßen bald den Josephskanal,
auf dessen Rücken beladene Schiffe dahinziehen. Hölzerne Brücken --
ein unerhörter Anblick im eigentlichen Nilthale -- sind in kurzen
Entfernungen über den Kanal geschlagen, der mitten durch die Stadt
führt, um am entgegengesetzten Ende derselben an den letzten Häusern
vorüberzuziehen. Der Anblick hat hier etwas ungemein malerisches und
lohnt allein eine Reise nach dem Faijum. Die dunklen Häuserwände
auf der einen Seite des Kanals, die üppige Vegetation, und nicht am
letzten, wundervolles Palmengebüsch am andern Ufer sind wie für den
Dichter geschaffen und fesseln das entzückte Auge. Und weiter hinaus,
neben Feldern, Gärten und Gräberruinen zieht der Kanal seine Straße
dahin, um innerhalb eines großen ummauerten Beckens sein Ende zu finden
oder vielmehr um als Josephskanal seinen Namen zu verlieren. Schleusen
leiten seine angesammelte Wassermenge durch mehrere Kanäle dahin, die
über das ganze Faijum ihr Netz ausspannen und dem Hinterlande den
feuchten Segen der Fruchtbarkeit zuführen.