Als ich die Grabkammer der +Phiops+pyramide erreicht hatte,

überzeugte ich mich sofort, daß die Pyramide bereits geöffnet, der

Schatz gehoben und die Leiche beraubt und in Stücke zerbrochen

worden war. Alles, was sich vorfand, war eine Hand und eine Masse

von Leinwand, aber die letztere von einer solchen Feinheit, daß

meine Araber in den Ausruf ausbrachen: „+Di harir+“, d. h.:

„Das ist Seide“. Sie war in der That so zart und glänzend, wie Seide

nur immerhin sein kann. Proben davon sind in einzelne Museen Europas

gewandert.

In der zweiterwähnten Pyramide fand ich die Mumie des Königs auf

dem Boden des Sarkophages, auf Steinen liegen, ein orientalisches

Zeichen der Mißachtung. Die Mumie war beraubt. Sie gehörte nach meiner

Untersuchung an Ort und Stelle einem jungen Manne an von ungemein

feiner Muskulatur, mittlerer Größe, lockigem Haare und war vollkommen

wohl erhalten. Neben dieser Mumie lag gleichfalls ein Haufen der

ehemaligen Umhüllung, aus denselben feinen Stoffen bestehend, wie ich

sie in der Pyramide des +Phiops+ entdeckt hatte. Die Mumie wurde

nach dem Museum in Bulak transportiert, wo sie sich gegenwärtig noch

befindet.

Das ist der historische Gewinn, den die Eröffnung der beschriebenen

Pyramiden in diesem letzten Jahre gegeben hat. Die Arbeiten werden

gegenwärtig fortgesetzt und man hofft, vielleicht auf eine bisher

nicht aufgebrochene Pyramide zu stoßen, deren Inhalt noch vollständig

vorhanden sein wird. Vor allem richtet sich die Aufmerksamkeit auf

die berühmte Pyramide von +Meidum+, die in der That noch nicht

geöffnet zu sein scheint, aber so große Schwierigkeiten den Arbeitern

entgegenstellt, daß man vielleicht ein Jahr brauchen wird, um auch nur

einigermaßen darin vorzudringen.

Die Masse der Steine, welche zum Bau der Pyramiden gehörten und den

Kern der Grabkammer umhüllen, ist so gewaltig, daß man sich keine

Vorstellung machen kann, wie viel Steine zu einem derartigen Bau

gehören. Ich will nur, um annähernd diese Steinmassen der Vorstellung

begreiflich zu machen, eine Vergleichung anführen. Wenn man sich die

größte Pyramide, die des Cheops, welche heute eine Höhe von 137 Meter

hat, aus hohlem Blech geformt denkt, so würde man sie bequem über die

Kuppel des St. Peter in Rom setzen können. Und wenn man ferner die

Steine, welche den Inhalt dieser Pyramide bilden, zusammenfügen würde

zu einer Mauer von 3 Fuß Höhe, so reichen die Steine dieser einen

Pyramide aus, um eine Mauer um ganz Frankreich zu ziehen -- und das ist

doch gewiß eine Ausdehnung, welche erklecklich ist!

[Illustration: =Privatgrab aus dem Alten Reiche.=

~a~ Kapelle. -- ~b~ Schacht. -- ~c~ Grabkammer. -- ~d~ Sarkophag.]

Wenn die alten Pyramidenkönige in dieser Weise ihre Gräber bauten,

daß die eigentliche Grabkammer inmitten auf dem felsigen Boden der

Wüste stand und daß zum Schutze derselben eine derartige Steinmasse

aufgetürmt war, so lag dem Baue der Gräber von Privatleuten derselben

Epoche ein anderes System zu Grunde. Der Privatmann, wenn auch

vornehmen Ranges, konnte oder durfte sich keine Pyramide bauen.

Andererseits sollten die Gräber vor Eröffnung bewahrt bleiben. --

Es wurde mit Rücksicht darauf eine Anlage geschaffen, die ich in

der Abbildung dargestellt habe, nach einem der erhaltenen Gräber in

Ägypten. Es ist dies der Typus, welcher bei allen diesen Bauten

wiederkehrt.

Es wurde zunächst ein tiefer Schacht in den Boden der Wüste eingegraben

-- die Wüste ist ja Felsboden -- dann unten in diesem sogenannten

+Brunnen+, der vertikal läuft, eine horizontale Kammer ausgemeißelt

und dort der Sarkophag aufgestellt. Nachdem die Leiche eingesargt war,

wurde die Kammer durch eine Steinwand, meist eine Ziegelsteinmauer

abgeschlossen, so daß niemand mehr hineingehen konnte ohne Gewalt

anzuwenden. Der ganze Brunnen wurde mit Geröll, Sand oder Schutt

ausgefüllt und darüber eine Kapelle errichtet, die je nach der Stellung

des Verstorbenen oder je nach den Wünschen der Familie mehr oder

weniger geräumig war. Sie konnte aus einem Zimmer bestehen, aus einem

Saale mit Säulen, aus zwei, drei, vier Gemächern, immerhin aber war sie

so eingerichtet, daß die Nachkommen des Verstorbenen, seine Familie,

hineingehen und über dem Grabe desselben, das tief in dem Felsen

versteckt lag, die Gebete aussprechen und seinem Gedächtnisse die

Totenopfer spenden konnten.

Das ist etwa, was über die älteste Pyramidenform und über die ältesten

ägyptischen Gräber zu sagen ist. Ich komme nun zur zweiten Epoche, zur

Epoche der thebanischen Könige.

Die ägyptischen Könige, welche die ersten zwölf Dynastieen bilden

und deren Residenz in Memphis war, hatten abgewirtschaftet. Wir

wissen nicht, wie es gekommen ist, aber das eine steht fest, daß

nach Abschluß dieser ältesten Königshäuser des Menschengeschlechtes

überhaupt plötzlich in Theben ein neues Reich erstand, die thebanischen

Dynastieen umfassend, welche als die 17., 18., 19., 20., 21. Dynastie

bezeichnet zu werden pflegen, daß man in der Residenzstadt Theben

ein großes Reichsheiligtum gründete, den berühmten Tempel von Karnak

-- er ist noch heute in seinen großartigen Ruinen vorhanden -- und

daß die Könige nach herkömmlicher Weise beim Antritt der Regierung

zunächst ihre Gräber zu bauen nicht unterließen (noch heute sind diese

Königsgräber vorhanden).

Pyramiden konnte man nicht mehr errichten. Die Westseite Thebens ist

eingeschlossen von hohen Gebirgen, es war daher kein Raum vorhanden,

um Pyramiden im Maßstabe der alten Grabdenkmäler der memphitischen

Könige aufführen zu können. Denn es rücken die Felsen im Westen so

nahe an den Fluß heran, daß die Pyramiden die ganze Westseite der

Stadt ausgefüllt haben würden. Aber selbst in diesem Falle würde die

Höhe der nahen Bergwände den Eindruck der Pyramidenbauten abgeschwächt

haben. Man wählte deshalb die Berge selbst als Gräberstellen und bohrte

lange Schachte in einem Seitenthale des thebanischen Westgebirges,

welches ausschließlich dazu bestimmt war, die Gräber der thebanischen

Könige zu enthalten. Diese Schachte gehen tief in den Berg hinein,

anfangs abwärts und dann in gerader Richtung in die Tiefe des Felsens.

Ich liefere die ausführlichere Beschreibung eines dieser Gräber, das

noch heute von den Reisenden besucht wird, weil durch eine wunderbare

Fügung des Schicksals sein alter Plan uns erhalten geblieben ist,

welchen der ägyptische Architekt, der mit der Ausführung dieses

Grabbaues beauftragt war, auf einen Papyrus hingemalt hatte. Der Plan

mit seinen Beischriften und Maßangaben ist fast vollständig erhalten.

Die berühmte Papyrusrolle befindet sich im Museum zu Turin. Nach

diesem Aufriß antiken Datums, der nur mit geringfügigen Ausnahmen

mit dem vorliegenden Risse nach heutigen Aufnahmen übereinstimmt,

folgen zunächst vier Korridore in gleicher Richtungsachse. Der erste,

welcher den eigentlichen Eingang in das Grab bildet, ist von geringer

Länge. Von ihm aus geht der Weg abschüssig bis zum vierten hin, für

den bequemeren Transport des Sarkophages hergerichtet; dann folgt ein

fünftes Zimmer, sonderbarerweise das „Wartezimmer“ benannt (in welchen

man etwas warten soll, bevor man das folgende betritt); hierauf Zimmer

sechs, in welchem der Sarkophag in der Mitte steht oder das Zimmer des

„goldenen Saals“.

[Illustration: =Ein Königsgrab aus dem Neuen Reiche.=

Vertikaldurchschnitt.]

[Illustration: =Ein Königsgrab aus dem Neuen Reiche.=

Horizontaldurchschnitt.

1-4 Korridore. -- 5 Der Wartesaal. -- 6 Der goldene Saal. -- 7

Korridor. -- 8 Die Schatzkammer.]

Im Hintergrunde desselben erscheint eine neue Fortsetzung der

saalartigen Räume als Nr. 7 oder das „Zimmer der Statuetten oder

Statuen“ und zuletzt ein Zimmer (Nr. 8), die „Schatzkammer“. Die Namen

dieser am Schlusse der Reihe aufgeführten Anlagen beweisen, daß man

es hier mit bestimmten Gegenständen zu thun hat, die in den einzelnen

Gemächern niedergelegt waren. Im Zimmer 6, dem „goldenen Saale“,

befand sich meist alles, was dem Könige im Leben angehört hatte: sein

Mobiliar, seine Waffen, seine Stöcke, seine Keulen, seine Peitschen,

seine für Speise und Trank bestimmten Geräte u. s. w. Was er im Leben

zum eigenen Gebrauch besessen oder getragen hatte, bis zu den Perücken

hin, wurde nach seinem Tode in diese Grabkammer gelegt. In diesem

selben Zimmer standen die Gegenstände um den Sarkophag herum, während

die Leiche, in eingeschachtelten Holz- und Kartonsärgen liegend, mit

Kränzen und Blumenzweigen bedeckt ward.

Im Zimmer 7, welches zwei Seitenkammern zeigt, befanden sich

wahrscheinlich Statuetten und zwar jene bekannten Osiris-Statuetten,

welche das Porträt des Königs trugen, aber den Gott Osiris darstellten.

Wiederum ist er in dieser Auffassung mit der Gottheit identifiziert,

nur mit dem Unterschiede, daß er in der Gottheit aufgegangen erscheint.

Denn die Sonne als Gottheit heißt bei Nacht Osiris, bei Tage Râ. Das

Zimmer Nr. 8 enthielt dem Anscheine nach kostbare Gegenstände, welche

zum Schatze des Königs gehören mußten, ohne daß wir genauer wissen,

welcher bestimmten Art sie waren.

Solche Gräber stehen heutzutage fünfundzwanzig offen; natürlich ist

von dem ehemaligen beweglichen Inhalte derselben keine Spur mehr

vorhanden. Alles ist vor langen Zeiten hinausgetragen worden, und

zwar nicht erst durch die Römer und Araber, welche absichtlich oder

zufällig die Gräber geöffnet hatten, sondern von den alten Ägyptern

selbst. So groß die Pietät derselben gegen die Toten war, so konnte

diese doch nicht verhindern -- kommt es ja doch auch in unseren

aufgeklärten Zeiten vor -- daß sich Spitzbuben dahinter her machten, um

die Königsgräber zu öffnen und die wohlgeborgenen Schätze zu stehlen.

Diese traurige Thatsache, auch wo, wann und durch wen solches geschah,

ist durch alte Prozeßakten auf Papyrus bezeugt, die noch heutzutage

vorhanden sind. Sogar in Wien befindet sich ein dahin gehöriges Stück

in der kaiserlichen Ambrasersammlung. Wir erfahren daraus, daß Diebe

um das Jahr 1100 v. Chr. unter der Regierung eines Königs Ramses IX.

einzelne der Gräber erbrochen hatten und Sachen aus der Grabkammer

herausgenommen, ja selbst die königlichen Leichen nicht unangetastet

gelassen, mit einem Worte Sacrilegia begangen hatten, wie sie durch die

ägyptischen Gesetze auf das schärfste verboten und bestraft wurden.

Darüber entspann sich ein großer Prozeß, die Diebe wurden verhört, es

wurden Gerichtssitzungen gehalten und das Urteil gefällt. Das ist das

älteste Beispiel von der Beraubung der Gräber in den ägyptischen Zeiten

selber und von dem ausgedehnten Prozeß, der gegen die Diebe angestrengt

wurde.

Es steht fest, als Strabo, der berühmte griechische Schriftsteller,

Ägypten besuchte und nach Theben kam, standen in Theben vierzig Gräber

der Könige offen da, in die man nach Belieben eintreten konnte.

Daß dies in der That der Fall war, wird heutzutage dadurch bewiesen,

daß wir in den Königsgräbern über hundert griechische und lateinische

Inschriften finden, welche von Reisenden der klassischen Zeit herrühren

und anführen: an dem und dem Tage habe ich, der Sohn des und des, die

Gräber besucht und habe an meine Frau und meine Kinder gedacht, oder

irgend ein anderer Zusatz. Wir lernen daraus den Eindruck kennen, den

der Anblick dieser merkwürdigen königlichen Grabstätten auf die Fremden

ausübte, so daß sie beim Anblick dieser Pracht nicht umhin konnten,

ihrer Familie und ihrer Freunde zu gedenken.

Heutzutage sind von vierzig Gräbern, die Strabo gesehen hat, nur

fünfundzwanzig zugänglich. Es müssen also noch andere Gräber verborgen

sein, welche seitdem verschüttet worden sind, um nicht hineinzudringen.

Da, im Juli 1881, ereignete sich folgendes: Man hatte vorausgesehen --

man konnte ja nicht anders -- daß der Inhalt jener Gräber, die heute

offen stehen, schon in uralten Zeiten von Räubern gestohlen war, daß

man sich aller jener Gegenstände bemächtigt hatte, die sich darin

fanden, so daß wir jetzt natürlich keine Spur mehr von dem ehemaligen

Inhalt dieser Gräber vorfinden würden. Könige, wie Ramses II., der

berühmte Sesostris der Griechen, und seine Vorgänger und Nachfolger,

waren längst in Staub zerfallen. Wer sollte ahnen, daß sie heutzutage

noch in ihren letzten Resten vorhanden sein würden?

Schon vor sechs oder sieben Jahren hatten wissenschaftliche Reisende

und meine Wenigkeit selber oftmals bei einem Besuche von Theben

Gelegenheit, auf Altertümer zu stoßen, welche der verschiedensten Art

angehörten und Inschriften trugen, die darauf hinwiesen, daß es sich

hier um Könige handle, die in den Gräbern von +Biban-el-moluk+

-- so heißt dieses Totenthal im Munde der Araber -- beigesetzt worden

waren. Es kamen Namen der seltensten Pharaonen vor, am häufigsten auf

den Osiris-Statuetten, welche sich auf die verschiedensten Könige der

thebanischen Dynastieen bezogen, besonders auf die 21. der sogenannten

Priesterkönige, von welchen massenhaft von mehreren Arabern nach rechts

und links veräußert wurden. Ich selbst hatte Gelegenheit, bei einer

Reise nach Oberägypten den Sargkasten und die Mumie eines Königs zu

sehen, der dieser thebanischen Priesterdynastie angehören mußte. --

Ich habe sogar flüchtig eine Kopie aufgenommen, konnte aber damals

nichts thun, um herauszufinden, wer den Sarg verkauft habe und woher er

stamme, da er sich im Besitze eines hohen Reisenden befand.

Es war im Juli 1881, als nach diesen Vorgängen infolge obrigkeitlicher

Einmischung durch Drohungen und Versprechungen einem jener Araber

das lang bewahrte Geheimnis abgedrungen ward. Er gab eine genaue

Beschreibung des Fundortes der Gegenstände jenes königlichen Nachlasses

und erklärte sich bereit, der ägyptischen Behörde den Zugang zu der

kostbaren Fundgrube zu öffnen.

[Illustration: =Aufgebahrte Mumie des Osiris.=]

Am 6. Juli 1881 wurde Herr E. Brugsch, mein jüngerer Bruder, und sein

arabischer Sekretär Ahmed Effendi Kamal, gleich nach ihrer Ankunft in

Theben, wohin sie sich auf Befehl des Chediws von Kairo aus begeben

hatten, von dem eben erwähnten Verräter des Versteckes, welcher

den glorreichen Namen Mohammed Ahmed Abd-er-rassul trägt, nach dem

geheimnisvollen Orte geführt. „Der altägyptische Ingenieur, bemerkt

Herr Maspero, der gegenwärtige Direktor des Museums von Bulak, welcher

einst den Versteck in dem Felsengrunde hat ausmeißeln lassen, war bei

seinem Unternehmen in der geschicktesten Weise verfahren; niemals wurde

ein Versteck besser vor Entdeckung geschützt. Die Hügelkette, welche an

dieser Stelle die Königsgräber von Bab-el-moluk von der thebanischen

Ebene scheidet, bildet zwischen dem Assassif- und dem Thale der Gräber

der Königinnen eine Reihe natürlicher Kessel, von denen der bekannteste

derjenige ist, in welchem sich der Denkmalbau von Deir-el-bahari

befindet. In der Felsmauer, welche Deir-el-bahari von dem nächsten

Kessel trennt, genau hinter dem Schutthügel von Schech-Abd-el-Gurnah,

etwa 60 Meter über der bebauten Ebene, hatte man einen senkrechten

Brunnen von 11,5 Meter Tiefe gebohrt, bei einer Breite von 2 Meter. In

der Tiefe des Brunnens, an der westlichen Wand, legte man die Öffnung

zu einem Gange an, welcher 1,4 Meter breit und 80 Centimeter hoch

ist. Nach einer Ausdehnung von 7,4 Meter wendet er sich plötzlich in

die nördliche Richtung und läuft eine Strecke von ungefähr 60 Meter

weiter, nicht immer mit Beobachtung der gleichen Maßverhältnisse. An

gewissen Stellen erreicht er eine Breite von 2 Meter, an andern nur

die von 1,3 Meter. Nach der Mitte zu bereiten fünf oder sechs schlecht

ausgemeißelte Stufen auf eine deutlich wahrnehmbare Veränderung der

Bodenhöhe vor. Nach der rechten Seite liefert eine Art unvollendet

gebliebener Nische den Beweis, daß man einmal daran gedacht hatte, die

Richtung des Ganges zu verändern. Der letztere führt schließlich zu

einem länglichen viereckigen, unregelmäßigen Gemache von ungefähr 80

Meter Länge.

„Der erste Gegenstand, welcher Herrn E. Brugsch frappierte, als er bis

zur Tiefe des Brunnens hinabgestiegen war, bestand in einem weiß und

gelb ausgemalten Sargkasten, mit dem Eigennamen Nibsonu darauf. Er lag

in dem Gange, ungefähr 60 Centimeter von der Eingangsöffnung entfernt.

Ein wenig weiter davon traf er auf einen Sarg, dessen äußere Gestalt

an den Stil der 17. Dynastie (um 1800 v. Chr.) erinnerte, dann auf den

Sarg der Königin Tiua-hathor Honttaui und darnach auf den Sarg des

Königs Seti I. Über den Särgen und auf dem Boden zerstreut lagen Kästen

mit Totenstatuetten, Kanopen, Spendenkrüge aus Bronze, und ganz im

Hintergrunde, in dem Winkel, welchen der Gang bei seiner Biegung nach

Norden bildet, das Leichenzelt der Königin Isimcheb, zusammengefaltet

und zerknittert, als ob es ein wertloser Gegenstand gewesen wäre, den

ein Priester bei seiner Hast bald hinauszukommen, nachlässig in eine

Ecke geworfen hätte.

„In dem großen Gange herrschte der ganzen Länge nach dieselbe

ordnungslose Aufhäufung von Gegenständen. Man mußte kriechend vorwärts

zu kommen suchen, ohne zu wissen, wohin man die Hände legte und die

Füße setzte. Die Särge und die Mumien, bei dem matten Scheine eines

Kerzenlichtes nur flüchtig und halbwegs erkannt, trugen geschichtliche

Namen: Amenophis I., Thutmos II., in der Nische neben der Treppe:

Ahmos I. und sein Sohn Siamon, Soknunra, die Königinnen Ahhotpu,

Ahmos-Nofritari und andere. In dem Zimmer in der Tiefe hatte das

Durcheinander seinen höchsten Grad erreicht, aber man erkannte beim

ersten Blicke allenthalben den vorherrschenden Stil der 20. Dynastie.

Der Bericht Mohammed Ahmed Abd-er-rassuls, der anfänglich übertrieben

schien, war nur ein schwacher Ausdruck der Wirklichkeit. Wo ich zwei

oder drei glanzlosen Kleinkönigen zu begegnen glaubte, hatten die

Araber ein vollständiges Grabgewölbe von Pharaonen aufgegraben. Und

von welchen Pharaonen! die vielleicht allerberühmtesten der Geschichte

Ägyptens: Thutmos III. und Seti I., Ahmos der Befreier und Ramses II.

der Eroberer. Herr E. Brugsch glaubte das Spielwerk eines Traumes zu

sein, unversehens in eine ähnliche Gesellschaft hineinzufallen, und wie

er, so frage ich mich immer noch selber, ob ich wirklich nicht träume,

wenn ich sehe und berühre, was der Körper von so viel hohen Personen

war, von denen man nur die Namen zu kennen glaubte.

„Zwei Stunden genügten für die erste Durchsuchung, darauf begann die

Arbeit der Bergung. Dreihundert Araber wurden durch Vermittlung des

Mudirs (Gouverneurs der Provinz) zusammengetrommelt und machten sich

ans Werk. Der Dampfer des Museums, der in größter Eile verlangt

wurde, war noch nicht angekommen; aber man hatte einen der Piloten,

Rëis Mohammed, bei der Hand, auf welchen man zählen konnte. Er stieg

in die Tiefe des Brunnens hinab und machte sich daran, den darin

befindlichen Inhalt hervorzuholen. Herr Emil Brugsch und Ahmed

Effendi Kamal übernahmen die Gegenstände, je nachdem sie aus der

Erde hervortraten, trugen sie bis zum Fuße des Hügels und legten

sie reihenweise nebeneinander hin, ohne in ihrer Überwachung einen

Augenblick nachzulassen. Achtundvierzig Stunden energischer Arbeit

waren erforderlich, um alles hervorzuholen. Aber die Aufgabe war nur

zur Hälfte gelöst. Der Leichenzug der alten Pharaonen in ihren Särgen

mußte seinen Weg mitten durch die thebanische Ebene nehmen, um jenseits

des Nils bis zu dem Dorfe Luxor zu gelangen. Mehrere von den Särgen,

welche zwölf bis sechzehn Männer kaum zu tragen vermochten, brauchten

sieben bis acht Stunden von dem Gebirge aus bis zum Flusse. Dabei wird

man sich leicht vorstellen können, was dieser Weg bei dem Staube und

der Julihitze bedeuten mußte.

„Endlich gegen Abend des 11. Juli waren alle Mumien und Särge in Luxor

bei einander, sorgfältig eingewickelt in Matten und Leinenzeug. Drei

Tage später kam der Dampfer des Museums an. Nachdem die notwendige

Zeit für die Verladung nach Bulak verstrichen war, kehrte er sofort

mit seiner Fracht von Königen nach Bulak zurück. Und sonderbar! von

Luxor an bis zur Stadt Kuft hin, auf beiden Uferseiten des Nils,

folgten die Fellahfrauen mit aufgelöstem Haare und unter Klagegeschrei

dem Dampfer und die Männer feuerten Flintenschüsse ab, wie es bei

Leichenbegängnissen ihre Gewohnheit ist. Mohammed Ahmed Abd-el-russul

hat sich 500 Pfund Sterling verdient und ich habe ihn zum Aufseher

der Nachgrabungen in Theben ernennen zu müssen geglaubt. Wenn er dem

Museum mit gleicher Geschicklichkeit dient, wie er lange Zeit hindurch

demselben schlechte Dienste geleistet hat, so können wir noch auf

einige schöne Entdeckungen hoffen. -- Mit so thätigen und ergebenen

Leuten als die sind, welche ich gegenwärtig habe, ist es mir wohl

erlaubt, glaube ich, auf Erfolg im voraus zu rechnen. Die Energie

des Herrn Emil Brugsch, den Schwierigkeiten und mehr als das, den

wirklichen Gefahren der Lage gegenüber, ist keinen Augenblick ermattet.

Weder er, noch Ahmed Effendi Kamal, haben sich bis jetzt von ihren

Anstrengungen völlig erholt. Es ist mir angenehm, ihnen öffentlich

für den ausgezeichneten Dienst zu danken, den sie dem Museum und der

Wissenschaft erwiesen haben.“

Die nach dieser lebendigen Schilderung folgende allgemeine Beschreibung

der gefundenen Altertümer giebt eine historische Übersicht der

Funde, die in zwei große Klassen unterschieden werden. Zur ersten

gehören ungefähr zwanzig Särge, zum größten Teil bereits im Altertume

ausgebessert oder zerbrochen -- sie lassen den Stil der 18. und 19.

Dynastie erkennen -- zur letzteren die Särge, welche ein gleichförmiges

Äußeres zeigen und der 20. Dynastie entstammen. Ich lasse die

Aufzählung der einzelnen nachstehend folgen.

Särge der ersten Gruppe:

1. Sarg des Königs Soknunra Tinaken der 17. Dynastie. Die Mumie des

Königs (1,85 Meter lang) ist in einen groben Stoff eingewickelt, ohne

eine sichtbare Aufschrift.

2. Sarg der Dame Raai, Amme der Königin Nofritari. Die Mumie ist aus

demselben verschwunden und ersetzt durch den Körper der „Königin-Mutter

Ansri“, eine Zeitgenossin des vorhergenannten Königs. Länge desselben

1,8 Meter.

3. Sarg des Königs Ahmos I. samt der Mumie (1,67 Meter lang).

4. Riesiger Sarg (3,17 Meter lang) der Königin Nofritari, Gemahlin des

Königs Ahmos I., samt dem zugehörigen Einsatz. Mumie der Königin 1,68

Meter lang.

5. Sarg des Königs Amenhotpu I. (Amenophis) samt der Mumie. Letztere

1,65 Meter lang.

6. Sarg mit der Mumie des Prinzen Siamun, ältesten Sohnes des Königs

Ahmos I. Länge der Mumie 0,9 Meter.

7. Sarg der Prinzessin Sitamun.

8. Sarg des „Majordomus der Königin“ Sonu, später für die Königin

Miritamun bestimmt.

9. Sarg mit der Mumie der Prinzessin Sitka (1,58 Meter lang), zugleich

als „Mutter eines Königs und als Schwester und Hauptgemahlin des

Königs“ bezeichnet.

10. Sarg mit der Mumie der Königin Honttimhu, Tochter des Pharao

Amenophis I.

11. Sarg einer Prinzessin Namens Mashonttimhu, vielleicht der Tochter

der Vorhergehenden.

12. Sarg der Königin Ahhotpu. Länge der Mumie 1,56 Meter.

13. Sarg des Königs Thutmos I. mit der Mumie Königs Pinotem. Der Körper

des Erstgenannten nicht mehr vorhanden.

14. Sarg und Mumie (1,77 Meter lang) Königs Thutmos II.

15. Kleiner Holzkasten, mit Elfenbein ausgelegt, auf den Namen der

Königin Haitschepsu lautend.

16. Sarg und die in drei Stücke zerbrochene Mumie des großen Eroberers

Thutmos III.

17. Sarg, ehemals die Mumie des Königs Ramses I. enthaltend. Letztere

noch nicht wiedererkannt.

18. Sarg und Mumie (1,75 Meter lang) Königs Seti I., Vaters des großen

Sesostris.

19. Sarg und Mumie (1,8 Meter lang) Pharaos Ramses II. -- Sesostris der

Griechen -- Adoptivvaters des jüdischen Gesetzgebers Moses.

Außer diesen königlichen Särgen und Mumien sind mehrere andere von

hohen Beamten gefunden worden, sowie eine Menge verschiedenartigster

Gegenstände, welche derselben Periode angehören.

Aus dem Morgenlande: Altes und Neues · 第 12 / 16 段