Derselbe erzählt in seiner Beschreibung der damals noch reichlich

vorhandenen Denkmäler auf dem Boden der alten Sonnenstadt, in der

Nähe von Kairo, daß man auf der Spitze des oben erwähnten Obelisken,

also in einer Höhe von über 60 Fuß, eine +kupferne Kappe+ über

dem Pyramidion entdeckt habe, die der zur Zeit regierende Chalif

herabnehmen ließ, mit der Weisung, sie näher zu untersuchen. Es

stellte sich bald heraus, daß die Kappe nicht, wie man hoffte, aus

einem Edelmetall, sondern aus +reinstem Kupfer+ bestand, das

eingeschmolzen und zur Prägung von Kupfergeld verwendet wurde.

Bei allem Reichtum, welcher infolge siegreicher Feldzüge der Ägypter

gegen das Ausland in den Glanzperioden der Geschichte der Pharaonen

nach dem Nilthale zuströmte, ist es kaum anzunehmen, daß die Könige

so verschwenderisch freigebig gewesen sein sollten, die Spitzen ihrer

Obelisken mit echtem Golde zu überziehen. Ein vergoldeter Kupferüberzug

erfüllte denselben Zweck, und wenn die Inschriften unablässig nur vom

Elektrongolde sprechen, so darf man nicht vergessen, daß Prahlerei eine

Eigenschaft der alten Ägypter war, und daß die herrschenden Könige

jede sich darbietende Gelegenheit ergriffen, um ihren Handlungen,

besonders den Gottheiten gegenüber, den Stempel des Großartigen und

Außergewöhnlichen aufzudrücken.

Eine vergoldete Kupferspitze auf einer riesengroßen Spitzsäule aus

Granit stellte einen Blitzableiter dar, wie man ihn sich nicht besser

wünschen konnte. War es auch nicht der Hauptzweck, welchen als solche

die Aufstellung von Obelisken vor den Tempeltürmen erfüllte, so war es

dennoch ein Nebenzweck, dem sie dienten, und die Beobachtung selber,

daß der Blitz dadurch angezogen wurde, mußte sehr bald zur Erkenntnis

der Anziehungskraft vergoldeter Metallspitzen auf einem ungewöhnlich

hohen Gegenstande, sei es eine steinerne Säule, sei es ein Mastbaum,

bei einem vorkommenden Gewitter führen. Die Blitzableiter im größten

Stile, den je die Welt gesehen, „schnitten das Gewitter“ und dienten

gleichzeitig zum Schutze der zu ihren Füßen liegenden Tempel.

Ägypten gehört nicht zu denjenigen Ländern, in welchen Entladungen

der atmosphärischen Elektricität häufig zu beobachten sind. Das

wußten schon die Alten, und Plinius führt in seiner Naturgeschichte

(II., 50) ganz richtig die Gründe an, welche der Entwickelung von

Gewitterbildungen im Nilthale entgegenstehen. Dennoch hat man,

besonders im Frühjahr und im Herbst, nicht allzu selten Gelegenheit,

sehr starke, wenn auch kurz andauernde Gewitter zu beobachten. Ich habe

am ersten Katarakt, ferner in Edfu, Theben, Kairo und am Suezkanal

deren erlebt, wie sie selten in unserer nordischen Heimat in die

Erscheinung treten dürften.

Für die alten Ägypter hatten die Gewitter einen unheimlichen

Beigeschmack. Man schrieb sie nämlich, wie alles dem regelmäßigen

Verlaufe der natürlichen Dinge im Kosmos Entgegenstehende (Erdbeben,

Stürme, Hagelschlag, Sonnen- und Mondfinsternis, Abnahme des Mondes,

Verkürzung der Tage beim Eintritt des Winters u. s. w.), dem bösen

Dämon Typhon zu, dem seinem guten Bruder Osiris feindlich gesinnten

Gotte, der vor allem das Dörrende, Versengende, Verbrennende liebte

und daher feuerfarbig dargestellt wurde. In dem notwendigen Kampfe der

sich entgegenstehenden Naturkräfte siegte aber Osiris über Typhon, in

unserem Falle die reine Atmosphäre über das Ungewitter. Euripides singt:

Vom Guten nicht gesondert ist das Schädliche,

Vielmehr gemischt aus beiden sprießt das Wohlergehen.

Diesem ernsten Grundgedanken folgte auch der ägyptische Geist in der

Auffassung des Guten der Notwendigkeit des Bösen gegenüber, in der

intellektuellen Welt wie in den kosmischen Erscheinungen, und der böse

Blitz bildete keine Ausnahme von der allgemeinen Regel.

Im Kampfe traten dem guten Osiris seine beiden Schwestern Isis

und Nephthys als helfende, stützende, beschützende, ablenkende

Bundesgenossinnen zur Seite. In den bildlichen Darstellungen erscheinen

beide Göttinnen zur Rechten und zur Linken ihres Bruders, ihn mit

ihren Flügelpaaren deckend und behütend, um ihr helfendes Wirken in

symbolischer Weise zum Ausdruck zu bringen.

Die vor den Tempeleingängen paarweise aufgestellten Obelisken und

Mastbäume, in ihrer Eigenschaft als Blitzableiter, wurden deshalb

geradezu als das Schwesterpaar Isis und Nephthys aufgefaßt und man

versteht nunmehr den geheimnisvollen Sinn einer Inschrift, welcher sich

auf die Wetterbrecher bezieht. „Die mit Kupfer beschlagenen paarweisen

Mastbäume, welche zum Himmel hinaufreichen, sind die beiden großen

Schwestern Isis und Nephthys, welche Osiris behüten und über den König

der Tempelwelt wachen.“

Der große königliche Gräberfund.

Es geht ein wohlthuender, weil urmenschlicher Zug durch das gesamte

Altertum, sowohl das klassische wie das nichtklassische, ein Zug,

welcher uns noch heutzutage zur höchsten Dankbarkeit verpflichtet

seiner historischen Folgen wegen: ich meine die Pietät der Alten gegen

ihre Verstorbenen, eine Pietät, welche bei den Völkern der Vorzeit

in den Vordergrund ihrer Anschauungen tritt. Sie bauten Gräber für

ihre Toten, welche nicht darauf berechnet waren, nur eine kurze Zeit

nach dem Tode fortzudauern und dann zu vergehen, sondern -- nach

den Mitteln, wie sie ihnen zu Gebote standen -- sie führten wahre

Grabdenkmäler auf, welche für eine lange Dauer hergerichtet waren.

Sie betteten ihre Toten in diese Grabstätten und gaben ihnen alles

dasjenige mit, was ihnen im Leben auf Erden lieb und wert gewesen war.

Dieser Pietät verdanken wir heutzutage die Kenntnis alles dessen, was

man mit dem Namen der Privataltertümer bezeichnet, freilich auch vieles

Historische darunter, und wir haben dadurch Kenntnis von Details, von

denen uns die Überlieferungen z. B. der Klassiker auch keine Spur

hinterlassen haben. Es bewahrheitet sich auch hier das alte Wort, daß,

wenn die Menschen schweigen, die Steine reden werden.

Wenn irgend ein Volk des Altertums sich in der Pietät gegen seine Toten

auszeichnete, so waren es vor allen übrigen die Ägypter. Wir können

während des Zeitraumes von vierzig Jahrhunderten, von den ältesten

historischen, schriftlich vorhandenen Denkmälerepochen an bis gegen

den Anfang unserer Zeitrechnung hin, diese Pietät verfolgen in allen

Perioden ihrer Geschichte und in allen Landschaften des eigentlichen

Ägyptens; wir haben Gelegenheit, diese Pietät jederzeit nachzuweisen,

überall ihre Spuren aufzudecken und zu gleicher Zeit belebt zu finden

durch das verständnisvoll geschriebene Wort.

Es gab bei den alten Ägyptern ein religiöses Gesetz, welches drei

Forderungen an den sittlichen Menschen stellte. In erster Linie

handelte es sich darum, die Götter zu preisen und ihnen zu danken, an

zweiter Stelle die Menschen zu lieben und zuletzt als dritte Bedingung

die Toten zu ehren. Praktisch übertragen lauteten dieselben Gebote:

Alles zu thun im Leben, was den Göttern lieb und angenehm war; in

Bezug auf die Menschen: zu spenden dem Hungrigen Brot, dem Durstigen

Wasser, dem Nackten Kleider und den Verirrten auf den rechten Weg zu

führen; in Bezug auf die Toten: schöne Gräber herzurichten und den

Verstorbenen an den Festtagen des ägyptischen Jahres die regelmäßigen

Totenopfer darzubringen. Und dieses letzte Gebot wurde in Ägypten in

reichster und ausgedehntester Weise befolgt. Die Gräber sind zum Teil

heute noch, wenn auch nur in Ruinen, vorhanden, aber selbst diese

Trümmer sind bedeutsam genug, um uns einigermaßen eine Vorstellung

von der Pracht und Herrlichkeit der Stätten der Toten zu gewähren.

Damit hing zusammen, daß nach ägyptischer Anschauung die Häuser der

Lebendigen nichts weiter sein sollten als Antichambres der Ewigkeit.

Deshalb finden wir in Ägypten unendlich wenig Sorgfalt auf das eigene

Haus, destomehr aber auf die „Wohnungen der Ewigkeit“, wie sie auf den

Denkmälern heißen, d. h. auf die Gräber, verwendet.

Wenn heutzutage ein Reisender (ein wissenschaftlicher sowohl wie der

gewöhnliche Tourist) seine Nilfahrt durch Ägypten zurücklegt und an

den Hauptstellen, an welchen sich in der Altzeit große Städte befunden

haben, die Altertümer, wie sie noch vorhanden sind, einer näheren

Prüfung unterzieht, so drängt sich ihm unwillkürlich die Beobachtung

auf, daß er eigentlich keine wertvollen Überreste von dem findet, was

man heutzutage Städte, Häuser und Wohnungen nennt; daß die vorhandenen

Altertümer sich nur beschränken: in erster Linie auf die Tempelbauten,

in zweiter auf die zahlreichen Grabanlagen.

Ich bin im Zweifel und würde in Verlegenheit geraten, wenn ich irgend

wo die Ruinen eines ägyptischen Königspalastes nennen sollte. Es sind

keine vorhanden. Es giebt zwar Bauten, die aus Ziegeln aufgeführt sind

(teils im Ofen gebrannt, teils nur durch Sonnenhitze getrocknet, häufig

mit königlichen Namen gestempelt), sie sind ausgedehnt, können wohl

Königspalästen angehört haben, aber es fehlen alle inschriftlichen

Beweise, daß in der That dieses oder jenes derartige Gebäude ein

wirklicher Königspalast gewesen war. Die Paläste, wären sie aus Stein

ausgeführt gewesen, könnten doch nicht von der Erde ganz und gar

verschwunden sein; denn dasselbe Material, aus dem z. B. Tempel und

Gräber erbaut waren, war dauerhaft, weil es Jahrtausende überwunden

hat. Es müßte also eine ähnliche Erhaltung auch bei den Königspalästen

stattgefunden haben, wie es eben nicht der Fall ist. Mit einem Worte:

wie die Alten melden und Augenzeugen es sahen, war das Wohnhaus, auch

das Pharaos, nichts anderes als eine Herberge auf Erden, während das

Haus der Ewigkeit, das Grab, die alleinige Stätte war, auf welche

sich alle Sorgfalt der Erhaltung ausdehnte. Die Gräber selbst wurden

nicht nur dauerhaft hergestellt, so daß sie Jahrtausende bestehen

konnten, wie wir es in den Inschriften als Hoffnung ausgesprochen

finden, sondern es war auch das jedem zugängliche Innere derselben

wie eine heilige Kapelle mit bilderreichen farbigen Darstellungen

und Inschriften geschmückt. Die Körper der Toten wurden in der Tiefe

des Felsens am Ende eines Schachtes in eine stille, unzugängliche

Kammer gelegt, aber ihr Grab, in auffallender Weise gleichsam häuslich

zugerichtet. Man gab den Verstorbenen für die ewige Ruhestätte alles

mit, was ihnen auf Erden lieb und wert gewesen war, außerdem eine

reiche Auswahl von Talismanen und Totenschriften, wie das religiöse

Gesetz es erforderte, und so ruhten die Mumien wohlverwahrt und

geschützt, zumal in einem Klima, welches die Erhaltung des Körpers

und der altertümlichen, oft sehr gebrechlichen Gegenstände in seiner

Umgebung ungemein begünstigte. So haben wir heute Gelegenheit, da,

wo man überhaupt noch Gräber vorfindet, in einer Weise die Pietät der

Ägypter gegen ihre Toten kennen zu lernen, wie sie kaum sonst in der

Welt mehr zu finden ist.

Wenn man von Ägypten spricht, muß man wohl unterscheiden, daß die

Geschichte des Volkes, welches einst in diesem Lande glücklich

gelebt, außerordentliches gewirkt und viel geschaffen hat, nicht nach

Jahrhunderten, sondern nach Jahrtausenden zählt. Wir müssen daher

überall, wo wir Tempelbauten und Grabanlagen begegnen, auf Grund der

ägyptischen Altertumskunde und Geschichte die vorhandenen Denkmäler der

Vorzeit nach großen Perioden voneinander sondern. So auch in unserem

Falle. Ich unterscheide in Bezug auf den Gräberbau, welcher sowohl

die Königs- als auch Privatgräber betrifft, zwei Epochen: die der

Pyramiden bauenden Könige (von Memphis) etwa von 3000-2000 v. Chr. und

die der thebanischen Fürsten, welche um das Jahr 1800 beginnt und um

das Jahr 1000 abschließt, etwa in den Zeitläuften, in welchen König

Salomo regierte. Diese Epochen sind nicht nur zeitlich, sondern auch

durch lokale Eigentümlichkeiten voneinander abgegrenzt, im engsten

Zusammenhange mit den Terrainverhältnissen, je nachdem man in der Lage

war, die Gräber auf dem glatten Boden der Wüste oder als Schachte in

den Gebirgen (meist auf dem Westufer des Nils) anzulegen.

Die Gräber, welche der memphitischen Periode angehören -- ich spreche

zunächst von denen der Könige -- wurden am Rande der Wüste in

Pyramidengestalt erbaut. Der Zahl nach gegen siebzig, erstreckten sie

sich auf einer Ausdehnung von zwanzig deutschen Meilen, gegenüber von

Kairo, auf der linken (der libyschen) Seite des Nils in westlicher

Richtung von dem arabischen Dorfe Gizeh beginnend bis in die sogenannte

Landschaft des Fajum hinein.

Diese Königsgräber sind allen Lesern wohl bekannt. Es sind die viel

genannten und viel besuchten Pyramiden. Schon die Alten wußten sehr

genau, wenn sie auch in betreff der einzelnen Königsnamen sich

bisweilen geirrt haben, daß die Pyramiden nichts weiter als Gräber

der Könige waren. Sie beschreiben uns den Bau einzelner derselben,

sie nennen uns königliche Namen und sie erwähnen Einzelheiten, welche

beweisen, daß sie von den damaligen Ägyptern, aus einer verhältnismäßig

späteren Periode, sagenhafte Erinnerungen empfingen, die sie uns getreu

überlieferten. Aus diesen Traditionen geht im allgemeinen so viel

hervor, daß ungeheure Menschenmassen damit beschäftigt waren, diese

kolossalen Bauten aufzuführen, daß die arbeitenden Scharen schlecht

genährt waren, daß die Könige, welche die größten Pyramiden hatten

aufführen lassen, verachtet und gehaßt wurden und ähnliches, wie es die

Überlieferung im Volke nach späten Jahren sich eben zurechtgelegt hatte.

Fassen wir zunächst die Pyramiden nach ihrem äußeren Erscheinen auf,

so zeigt sich, daß sie in Bezug auf die Höhe in einem sonderbaren

Mißverhältnisse zu einander stehen und damit im Zusammenhange auch in

Bezug auf die Ausdehnung ihrer Basis.

Die Untersuchungen einzelner dieser Riesenbauten haben erwiesen, daß

der Kern einer jeden Pyramide sich genau in der Mitte der ganzen

Anlage befindet. Ebenso genau wurde im Centrum des Kernes die einfache

viereckige Grabkammer angelegt mit Hilfe gewaltiger Monolithe

(Kalkstein oder Granit), mit dem Granit-Sarkophage des betreffenden

Königs an der westlichen Wandseite, und gedeckt mit einem Spitzdache,

dessen Steine gleichfalls aus Werkstücken von ungeheurer Länge (3-4

Meter) bestanden. Diese kolossalen Werkstücke, oft zu zweien und dreien

aufeinandergelegt, hatten den Zweck, die gewaltige Schwere der Steine,

welche die Pyramide von der Spitze an bildet, entlasten zu helfen.

In diese Kammer führt, und immer von nordwärts her, ein langer und

schmaler Gang, und zwar zunächst in schräg laufender Richtung. Dieser

wurde, nachdem die Leiche des Königs in die Pyramide hineingeschafft

und in den Sarkophag gelegt war, durch einen mächtigen Fallblock

ein für allemal abqesperrt. Auch dieser besteht aus einem behauenen

einzigen Granitstein. Ging man weiter in die Pyramide hinein, so

war da, wo ein zweiter wagrecht angelegter Gang, der bis in die

Grabkammer führte, begann, ein zweites Thor, welches gleichfalls

durch eine Granitfallthüre geschlossen wurde, nachdem man die Leiche

eingesargt hatte und nach dem Ausgang zurückgekehrt war. Dieser

Gang wurde bisweilen durch eine dritte Fallthüre für ewige Zeiten

abgesperrt. Indessen ist sie bei einzelnen Pyramiden nicht allenthalben

nachweisbar. Hatte man die Fallsteine heruntergelassen, so wurde da, wo

sich der erste Fallstein am Haupteingange befand, die Pyramide durch

darübergelegte Steinplatten in einer Weise ergänzt, daß eigentlich für

diejenigen, welche die Stelle des Eingangs nicht genauer kannten, es

eine reine Unmöglichkeit war, die Öffnung der Pyramide zu finden.

Ich verweise bei dieser Beschreibung auf die Pyramide, welche das Grab

des Königs Phiops enthält und welche im März 1881 aufgedeckt wurde.

Diese Pyramide ist, wie die Abbildung zeigt, zerstört; nur der untere

Teil des Steinbaues ist erhalten. Sie zeigt die Urform einer Pyramide,

wie sie sich aus einzelnen Beispielen als Typus feststellen läßt.

Die erste Pyramide war verhältnismäßig klein, d. h. sie hatte etwa eine

Höhe von 80 Fuß. Lebte ein königlicher Erbauer längere Zeit und war

es ihm gestattet -- die Gräber wurden stets beim Regierungsantritte

eines jeden Königs zu bauen begonnen -- so ließ er einen zweiten Mantel

herumlegen, etwa in einem Abstande von 5-10 Fuß von der Kern-Pyramide,

dann einen dritten und vierten Mantel. Auf diese Weise erklärt sich

das Gesetz, daß wenigstens im allgemeinen die Höhe der Pyramide im

Verhältnisse zur Regierungsdauer ihres Erbauers steht. Die neuerlichen

Eröffnungen der Pyramiden, von denen ich noch sprechen werde, haben

außerdem ein zweites Gesetz feststellen lassen, daß nämlich die lokale

Folge der Pyramiden von Norden nach Süden hin der chronologischen

Folge der Könige entspricht, d. h. der älteste König hatte seine

Pyramide im höchsten Norden errichtet und seine Nachfolger schlossen

sich in der Richtung von Norden nach Süden an, wie sie eben in den

Regierungen nacheinander herrschten. Das ist ein wichtiges Faktum

in historischer Beziehung; denn es zeigt uns, daß die Entwickelung,

die geschichtliche Aufeinanderfolge der Pyramiden, durch ein Gesetz

geregelt war. Wie hier im kleinen, so zeigt sich auch im großen durch

eine analoge Betrachtung, daß überhaupt der kulturhistorische Gang der

ägyptischen Geschichte die Richtung von Norden nach Süden genommen hat.

Wir besitzen die ältesten Denkmäler im Norden. Je weiter wir nach Süden

fortschreiten, um so jünger werden die Denkmäler; die jüngsten befinden

sich in Äthiopien, die Pyramiden von Meroë, die letzten und spätesten

Ausläufer des altägyptischen Kulturdaseins in den Zeiten einheimischer

Fürsten.

Diese Thatsache ist deshalb bemerkenswert, weil man noch immer die

Frage aufstellt: Ist denn die ägyptische Kultur von Afrika gekommen?

Ist sie eine echt afrikanische? Oder sind die Ägypter eingewanderte

Völker, welche von Norden her über die Völkerstraße der Landenge von

Suez kamen und nach dem Nilthale ein fremdes Kulturleben übertrugen?

Die historische Folge der Denkmäler scheint der Einwanderung von Asien

her das Wort zu reden.

So sehr man sich in einer gewissen Epoche unseres Jahrhunderts -- ich

meine die Dreißiger- und Vierzigerjahre -- für den Bau der Pyramiden,

für die innere Konstruktion derselben interessierte, so war es doch

für die größere Zahl der Gelehrten ein trockenes Studium, und zwar

deshalb, weil keine der damals geöffneten Pyramiden auch nur eine

einzige Inschrift enthielt. Die Gänge, von denen ich vorher gesprochen

habe, zeigten glatte Wände, die Grabkammern waren leer, der Sarkophag

ohne Inschriften. Nur auf einzelnen Bausteinen fanden sich von der Hand

der Schreiber hingemalte oder hingekritzelte Namen, welche vermutlich

den betreffenden König, welcher in der Pyramide bestattet war, angeben

sollten. Wir haben vier oder fünf solcher Namen gefunden, und daraufhin

war man imstande, diesen wenigen Pyramiden ihren Erbauern nach

historische Namen beizulegen.

Erst im Anfange des Jahres 1881, während meiner Anwesenheit in Ägypten

-- es ist in den Monaten Februar und März gewesen -- wurden durch

Araber, welche sich freiwillig dieser Aufgabe unterzogen hatten,

mehrere Pyramiden geöffnet, unter ihnen drei, welche sich voller

Inschriften befanden. Das Faktum war so außergewöhnlich und die Geduld

so sehr auf die Probe gestellt, daß ich kaum die Minute abwarten

konnte, in der es mir gestattet sein sollte, in die erste dieser

Pyramiden einzutreten und die Texte mit eigenen Augen zu schauen. Und

in der That waren die Gänge und die Grabkammer der Pyramide, welche

hier in einer Abbildung vorliegt, mit Inschriften bedeckt, und zwar in

einer Fülle von Inschriften, die mich auf das äußerste überraschte. Die

Araber hatten den alten Eingang durch Steine versperrt gefunden und da

die Pyramide oben zerfallen war, es weislich vorgezogen, die Blöcke des

Spitzdaches zu durchbrechen und wie in einen Krater hineinzusteigen.

Von oben her erreichten sie die Grabkammer, welchen Weg auch ich zu

nehmen genötigt war.

[Illustration: =Ein Königsgrab aus dem Alten Reiche.=

Vertikaldurchschnitt.]

[Illustration: =Ein Königsgrab aus dem Alten Reiche.=

Horizontaldurchschnitt.

1 Eingang. -- 2 u. 4 Gänge. -- 3 Fallthür. -- 5 Grabkammer. -- 6 Kammer

mit dem Sarkophag.]

Aber meine Hoffnung, in den grün ausgemalten Inschriften auf Texte

zu stoßen, welche geschichtliche Überlieferungen enthielten, wurde

arg getäuscht. Die einzige historische Beigabe gewährte der Name des

Königs in Begleitung aller seiner Titel, welcher hier und in den

übrigen von mir besuchten Pyramiden genau aufgeführt war. Auch der

Sarkophag enthielt auf dem Deckel und an den Seiten Inschriften,

welche wiederum nur Namen und Titel in aller Länge und Breite, wenn

auch in schönsten hieroglyphischen Charakteren, enthielten. Nachdem

ich die frisch geöffneten Pyramiden der Reihe nach untersucht hatte,

konnte ich feststellen, daß die zahllosen Texte, mit welchen die

Wände bedeckt sind, die wiederholten Abschriften eines einzigen

großen Buches darstellen, welches von der zukünftigen Reise des

verstorbenen Königs im Jenseits handelt. Ich muß dabei bemerken, daß

nach ägyptischer Anschauungsweise das Leben des einzelnen Menschen als

Abbild des Sonnenlaufes angesehen ward. Die Seele ist ein Ausfluß des

göttlichen Lichtstrahles, aufgefaßt in materieller Weise als Sonne. Der

Sonnenstrahl, himmlischen Ursprungs, tritt in den Leib des geborenen

Erdenkindes ein und nach der Auflösung des Körpers kehrt er zurück zur

ewigen Gottheit, zum Urquell des Lichtes. Des Menschen Lebenslauf ist

seinem Inhalte nach ein Stück Sonnendasein: der Mensch wird geboren

im Osten und geht unter im Westen wie die Sonne. Nach seinem Tode,

seinem Untergange im Westen, muß der menschliche Lichtträger dem Laufe

der Sonne in der Nachtregion folgen, um am Ausgangspunkte im Osten

sich mit der Gottheit zu vereinen und in das ewige Licht aufzugehen.

Seine Wanderung nach diesem Ziele schlägt die umgekehrte Richtung

des Lebenslaufes von Osten nach Westen ein. Von Westen nach Osten

wandelnd, legt er die Reise der Toten zurück. Dies ist das Thema, der

Grundtext mit seinen einzelnen Unterabteilungen, welcher in diesen

Inschriften behandelt wird. Es kommen natürlich eine Menge Dinge dabei

zum Vorschein, welche für die spezielle Wissenschaft der altägyptischen

Lehre vom Dasein nach dem Tode von besonderem Nutzen sind, aber doch

für die allgemeine historische Wissenschaft nur geringen Wert haben.

Es werden z. B. Gestirne genannt, welche dem Verstorbenen auf seinem

Wege von Westen nach Osten zu schauen vergönnt wird, es werden die

unterirdischen Regionen und die Bewohner dieser himmlischen Nachtwelt

beschrieben und vieles andere nebenbei in dunkler Sprache geschildert.

Wir können aus einer Vergleichung dieser Texte uns eine lehrreiche

kritische Ausgabe des altägyptischen Buches von dem Glauben über das

Jenseits nach dem Tode zusammenstellen.

Ist nach dieser Seite hin der Inhalt dieses Buches von nicht zu

unterschätzender Wichtigkeit, so wird er außerdem bedeutungsvoll

dadurch, daß zum erstenmale in diesem Buche große, zusammenhängende

Stücke in einer Sprache vorliegen, von der wir sonst sehr wenig wissen,

d. i. von der ältesten Gestalt der Sprache der Ägypter.

Als ich zunächst die Pyramide des Königs Phiops (gegen 3300

v. Chr) betrat und nach ihr eine zweite, welche seinem Sohne

+Mehti-em-saf+ angehört, fand ich, daß in früheren Zeiten Räuber

in beiden furchtbar gehaust hatten. Es ist bekannt, daß die meisten

Pyramiden heute geöffnet sind, es ist ebenso bekannt, daß nicht erst

in neuerer Zeit diese Wiedereröffnungen vor sich gegangen sind,

sondern daß schon Perser, Griechen, Römer und Araber versucht haben,

die Pyramideneingänge meist mit großer Mühe und großem Kostenaufwande

zu sprengen, um sich der von ihnen darin vermuteten Schätze zu

bemächtigen. Wir wissen sogar die Namen zweier Kalifen aus dem neunten

und elften Jahrhundert, welche die kostspieligen Zerstörungsarbeiten

nicht gescheut haben, um bis zu der Sarkophagkammer vorzudringen,

woselbst sie außer geringen Schätzen wenig vorgefunden hatten.

Aus dem Morgenlande: Altes und Neues · 第 11 / 16 段