„Aber die Analogie bleibt nicht dabei stehen. Wie noch heute der König

oder die Person, unter deren Schutz ein Denkmal errichtet werden soll,

in feierlicher Weise den ersten Stein dazu legt, in gleicher Weise

vollzogen bei der Ausschachtung für das Fundament die Pharaos die

Scheinhandlung der Arbeit.“

Mein Aufsatz über den in Rede stehenden Gegenstand wird an

Vollständigkeit nur gewinnen, wenn ich eine Bemerkung über die

Zeitdauer der Arbeit an einem Tempelbau, von seiner Gründung an bis

zu seiner letzten Vollendung hin, hinzufüge. Ich wähle als Beispiel

den großen Tempel des ägyptischen Lichtgottes Horus von Edfu, da uns

zufällig die Hauptdaten für die einzelnen Phasen des fortschreitenden

Werkes in den darauf eingegrabenen Inschriften erhalten sind.

Der Tempel mit Einschluß seiner gewaltigen Umfassungsmauer bedeckt ein

Areal von nahe 5970 Meter im Geviert. Er zeigt in seiner gegenwärtig

noch ziemlich gut erhaltenen Anlage alle Bestandteile, aus denen ein

ägyptisches Heiligtum von größerer Ausdehnung bestand: im Hintergrund

das Allerheiligste mit einem Umgang, in welchen 13 Seitengemächer

münden, davor und nur durch den breiten Raum des sogenannten

„Opfertischsaales“ getrennt, eine von 12 Säulen in 3 Reihen gestützte

Halle, vor dieser, mit einer Doppelstellung von 12 Säulen, der

sogenannte „Vorsaal“, an den sich, immer in der Achsenrichtung von

Nord nach Süd, der offene Vorhof mit einem Umgang oder Peristil von 32

Säulen anschließt, vor welchem sich die beiden, wie zur Verteidigung

festungsartig gebauten, mächtigen Pylonenflügel mit dem Hauptportal

in ihrer Mitte lagern: die sämtlichen Räumlichkeiten von einer Mauer

umschlossen, deren Länge, Breite, Höhe und Dicke (47 : 22 : 10-1/2 :

2-1/2 Meter) nichts zu wünschen übrig läßt, und das alles von außen und

von innen mit eingemeißelten Inschriften und Darstellungen bedeckt,

so daß auch nicht ein einziger leerer Raum aufzufinden sein dürfte.

Eine leichte Berechnung auf Grund der chronologischen Angaben in den

überlieferten Bauurkunden verschafft die Gewißheit, daß das Werk in dem

Zeitraum von genau 180 Jahren 3 Monaten und 14 Tagen, von dem Datum der

Grundsteinlegung, oder dem 23. August 237 v. Chr. an gerechnet, in der

Ptolemäerepoche ausgeführt worden ist.

Das Obeliskenpaar, welches gewohnheitsmäßig vor dem Tempel zu beiden

Seiten des Haupteinganges seinen Platz fand, fehlte auch diesem

Heiligtume nicht, ist aber gegenwärtig vom Erdboden verschwunden. Aus

einer zufälligen Angabe, die sich auf einem der größten Obelisken aus

rötlichem Granit von Assuan von über 50 Meter Höhe eingegraben findet,

geht mit aller Zuverlässigkeit hervor, daß dieser Koloß von einem

einzigen, spiegelglatt polierten und mit Inschriften bedeckten Stein

im sechzehnten Jahrhundert v. Chr. in dem kaum glaublich geringen

Zeitraum von nur 7, sage sieben Monaten in dem Steinbruch von Assuan

fertiggestellt wurde.

Als ich seinerzeit meinem thebanischen Führer, einem echt ägyptischen

Fellach, von dieser erstaunlichen Thatsache Kunde gab, schien er nicht

im geringsten darüber verwundert zu sein. Mit einer bezeichnungsvollen

Armbewegung, welche das Schlagen andeuten sollte, wies er nach einer

einsam stehenden Dattelpalme hin. Ich verstand seine stumme Sprache

sofort.

Bei den öffentlichen Arbeiten der modernen Ägypter treibt der aus

Zweigen des Palmbaumes zugestutzte Stock die säumigen Tagelöhner zu

ihrem Werke an. Ob es auch im Altertum geschah? Sicherlich ja! Die

Darstellungen, welche in einem thebanischen Grabe, just aus der Epoche

der Aufführung des Obeliskenriesen von Karnak, bauende Kriegsgefangene

in farbigen Bildern vor Augen führen, lassen mit Stöcken bewaffnete

Aufseher erkennen, und eine Beischrift bestätigt den Zweck ihrer

Anwesenheit mit den Worten: „+Der Aufseher spricht zu den Bauleuten:

Ich habe meinen Stock in meiner Hand, seid nicht müßig!+“ Es sind

genau dieselben biblischen Worte: „+Ihr seid müßig, müßig seid

ihr!+“ welche Pharao den durch Schläge mißhandelten Amtleuten der

Kinder Israel zurief, als sie vor Pharao traten, um ihre Beschwerde

mit der Klage: „Warum willst du mit deinen Knechten also fahren?“ aber

leider vergeblich, vorzutragen.

Ein ägyptisch-arabisches Sprichwort sagt: Der Stock sei vom Himmel

gekommen, und sie sprechen aus eigener Erfahrung. Als die Menschheit

noch in den Kinderschuhen ging -- und die heutigen Morgenländer haben

sie bis zur Stunde noch nicht abgelegt -- mochte die sonderbare

Himmelsgabe wirksam sein, um jene großen Werke der Vorzeit ins Leben zu

rufen, deren letzte Reste uns noch heute mit Staunen und Bewunderung

erfüllen. Als Trost für die Leiden einer längst dahingegangenen

Menschheit reicht dieses Staunen nicht aus.

Eine Blitzstudie.

Unter den Erscheinungen atmosphärischer Natur, welche der Mensch zu

beobachten Gelegenheit findet, nimmt das Gewitter eine hervorragende

Stelle ein. Während die einen am offenen Fenster in ruhiger Stimmung

den zuckenden Blitzen und dem rollenden Donner ihre Aufmerksamkeit

spenden, bemächtigt sich anderer das beklemmende Gefühl der

peinlichsten Furcht. Blitz und Donner erfüllt sie mit Schrecken.

Besonders nervenschwache und ängstliche Personen pflegen es wie der

Vogel Strauß zu machen, der seinen Kopf in den Sand stecken soll, um

einer ihm drohenden Gefahr zu entgehen. Sie kriechen ins Bett, steigen

in den Keller nieder oder verbergen sich sonst wo in abgeschlossenen

finsteren Räumen der eigenen Häuslichkeit. Ich kannte sogar einen sehr

gelehrten Doktor der Philosophie, einen Mann in den Dreißigern, welcher

bei einem nahenden Gewitter sich in das Kleiderspind seines Zimmers

einzwängte und die Thüren desselben mit aller Vorsicht zusperren ließ,

um dem Anblick eines sich entladenden Gewitters zu entgehen.

Greift die alte ehrwürdige Großmutter zum Gesangbuch, um durch das

Herlispeln eines passenden Liedes den Zorn des lieben Herrgottes bei

einem heranziehenden Gewitter in andächtigster Kirchenstimmung zu

beschwichtigen und für sich und ihr Haus den Schutz des Allerhöchsten

zu erflehen, so ist das rührend, aber lange nicht so schlimm, als

wenn in manchen von der aufgeklärten Stadt fern gelegenen Ortschaften

die Kirchenglocken in Bewegung gesetzt werden oder der und jener

einen sogenannten Donnerkeil in die Hand nimmt, in der Meinung, einen

kräftigen Talisman gegen alle Blitzschäden an seiner werten Person zu

besitzen. In diesen und ähnlichen Fällen treibt der böse Aberglaube

immer noch sein Spiel und läßt den Sohn unseres Jahrhunderts in einem

zweifelhaften Lichte der eigenen Aufklärung erscheinen. Wenn aus den

finsteren Zeiten des Mittelalters und aus dem Altertum vor zweitausend

Jahren uns von ähnlichen Dingen und Anschauungen gemeldet wird, so

lächeln wir wohl darüber, vergessen es aber, daß auch der Aberglaube

seine Geschichte hat, die sich bis zur Stunde mitten unter uns Lebenden

weiter entwickelt.

Die Alten waren gute Beobachter der Natur und wenn sie beispielsweise

auch keine richtigen Vorstellungen über die elektrische Kraft und

die sogenannten schlechten oder guten Leiter besaßen, so wußten sie

dennoch, daß gewisse Stoffe vom Blitze selten oder gar nicht berührt zu

werden pflegen. Darf man dem römischen Verfasser einer Naturgeschichte,

Plinius, Glauben schenken, so blieb der Lorbeerbaum, der Adler und das

„Meerkalb“ vom Blitze verschont, weshalb, wie er bemerkt, ängstliche

Leute bei einem Donnerwetter unter ein aus der Haut des Meerkalbes

gefertigtes Zelt gern ihre Zuflucht nahmen.

Auch daß hohe Gegenstände, besonders in gewissen Gegenden, die fatale

Eigenschaft besaßen, den Blitz anzuziehen, war den Römern nach dem

Zeugnis desselben Plinius nicht unbekannt. In Italien hörte man damit

auf, das zwischen der Stadt Terracina und dem Tempel der Göttin

Feronia, in der Nähe des heutigen Lago di Ferona gelegene Gebiet mit

kriegerischen Zwecken dienenden hohen Türmen zu versehen, seitdem

man die böse Erfahrung gemacht hatte, daß auch nicht einer vom Blitz

verschont geblieben war.

Über die Entstehung, Richtung, Wirkung und Bedeutung des Blitzes

hatte man eigentümliche Vorstellungen bei den Römern. So unterschied

man beispielsweise Blitze, welche aus den höheren Himmelsregionen

herniederprasselten, und sogenannte irdische oder saturnische, vom

Erdgott Saturn also bezeichnet, welche aus dem Erdboden hervorgingen.

Die aus der Wolkenregion niederstrahlenden sollten eine schiefe, die

irdischen Blitze eine gerade Richtung haben. Aber man ging noch weiter

und sprach von Familien- und Staatsblitzen, wobei man durchaus nicht

an die Donnerwetter dachte, durch welche die Häupter der Regierung im

kleinen und im großen von Zeit zu Zeit die Luft zu reinigen gewohnt

sind.

Im Gegenteil, diese beiden Blitzsorten wurden als Vorbedeutungen bei

der Inangriffnahme von Zukunftsplänen angesehen, und zwar auf die Dauer

des ganzen Lebens für den Begründer einer Familie, auf die Dauer von

dreißig Jahren bei der Entladung eines Staatsblitzes, mit der einzigen

Ausnahme, sobald ein solcher bei der Gründung von Kolonialstädten in

die Erscheinung trat.

Das alles wurde so ernsthaft genommen, daß man sich häufig in der

Lage befand, zu eigenem Frommen den Blitz vom Himmel durch Gebete und

Zauberformeln sogar zu erflehen, wofür es an historischen Beispielen

nicht mangelt. Der König Porsenna von Volsinii verstand es, das

Kunststück wirksam auszuführen, was vor ihm bereits Numa geleistet

haben soll. Als aber Tullus Hostilius, wie getreulich überliefert

worden ist, seinem Vorgänger dasselbe Kunststück nachzumachen sich

bemühte, da erschlug ihn der zur Stelle erschienene Blitz, weil er

irgend etwas bei der Ausführung der vorgeschriebenen Bräuche zu thun

verabsäumt hatte.

Plinius, der von diesen Ereignissen schriftliche Nachrichten in

seiner Naturgeschichte hinterlassen hat, scheint so entzückt von dem

Fortschritt der Wissenschaft bezüglich der Vorbedeutung der Blitze

gewesen zu sein, daß er sich gegen die Zweifler daran ereifert. Sei

man doch zu seiner Zeit so weit gekommen, daß man nicht nur den Tag,

an welchem die Gewitter eintreffen, mit Bestimmtheit voraussage -- wer

denkt dabei nicht an unsern modernsten Unwetterpropheten? -- und daß

man ferner so weit gekommen sei, die Vorbedeutung der Blitze für das

Schicksal des Privatmannes und des Staates, wie es zahllose Erfahrungen

bestätigten, anerkennen zu müssen.

Die Blitztheorien, insofern sie sich ganz insbesondere auf

Vorbedeutungen im Familien- und staatlichen Leben beziehen, dürfen

als keine römische Erfindung oder Entdeckung angesehen werden, sondern

sie waren als Erbteil einer hochheiligen Wissenschaft den Römern von

den „düsteren und strengen“ Etruskern überkommen. Die Etrusker, Tusker

oder wie man sie immer bezeichnet hatte, die Träger einer selbständigen

Kultur, waren in vorrömischer Zeit in Italien eingewandert und hatten

auf religiöse Anschauungen, auf Staatseinrichtungen und auf das ganze

Leben der späteren Römer einen nachhaltigen Einfluß ausgeübt.

Wie es Alexander von Humboldt im zweiten Bande seines „Kosmos“ S.

169 mit kurzen, aber treffenden Worten geschildert hat, „war ein

eigentümlicher Charakterzug des tuskischen Stammes die Neigung zu

einem innigen Verkehr mit gewissen Naturerscheinungen. Die Divination

(das Geschäft der ritterlichen Priesterkaste) veranlaßte eine

tägliche Beobachtung der meteorologischen Prozesse des Luftkreises.

Die Blitzschauer (+Fulguratoren+) beschäftigten sich mit Erforschung

der Blitze, dem +Herabziehen+ und dem +Abwenden+ derselben. -- So

entstanden offizielle Verzeichnisse täglicher Gewitterbeobachtungen.“

Zur besseren Orientierung bei ihren Gewitterstudien hatten die Etrusker

den Himmel in 16 Teile geteilt, in der Richtung Nord -- Ost -- Süd --

West -- Nord, jeder einzelne Teil wurde wiederum in 4 Teile gespalten.

Die ersten acht, nach Osten hin liegenden Teile nannten sie die +linke+

Seite der Welt (auch die alten Ägypter bezeichneten die östlichen

Weltteile als die +linke+), die acht aus der entgegengesetzten Seite

befindlichen Teile die +rechte+ Seite. Die Blitze zur Linken sah man

als glückbringend an, die Blitze zur Rechten, im Nordwesten, als

Unheil verkündigend. Blitze aus anderen Himmelsrichtungen galten als

indifferent.

Auf Grund der Bücher, welche den etruskischen Fulguratoren oder

Blitzschauern als Leitfaden ihrer Wissenschaft dienten, waren es neun

Götter, welche Blitze schleuderten, wobei dem Götterkönig Jupiter

ein dreifacher Blitz zugeschrieben wurde, so daß im ganzen elf

Götterblitze vorhanden waren. Die Römer beschieden sich mit zweien, dem

Tagblitze, welchen sie dem Jupiter, und dem Nachtblitze, welchen sie

dem Gotte der Unterwelt Summanus zuschrieben. Auch die Lehre von den

aus Himmelshöhe niedersteigenden und den sogenannten irdischen Blitzen,

von welchen vorher die Rede war, wird als etruskisch bezeichnet.

Viel mehr als der abgehäutete Eselskopf, durch den man sich nach

tuskischen Religionsgebräuchen vor einem Ungewitter schützen

konnte, würde uns die Art und Weise interessieren, durch welche die

Fulguratoren vorgeblich den Blitz +herabzuziehen+ vermochten.

In den Anmerkungen zu der Humboldtschen Stelle über die etruskischen

Blitzbanner, welche ich wörtlich wiedergegeben habe, findet sich

die Klage ausgesprochen, daß nach dieser Richtung hin von den

Fulguralbüchern nichts auf uns gekommen sei. Der große Gelehrte

hat dagegen über den Verkehr zwischen Blitz und +leitenden+

Metallen als wichtigste Notiz aus dem Altertum eine, wenn auch nur die

+einzige+ Angabe beim +Ktesias+ aufzufinden vermocht.

Der bekannte griechische Geschichtsschreiber dieses Namens, dessen

vollständige Werke verloren gegangen sind und nur noch auszugsweise

in Bruchstücken vorliegen, lebte als Leibarzt am persischen Hofe in

der Stadt Susa, woselbst er Gelegenheit fand, einen reichen Schatz

von Beobachtungen und Erfahrungen zu sammeln. Unter seinen zufällig

erhaltenen Nachrichten findet sich auch die folgende vor: „Er habe zwei

eiserne Schwerter besessen, Geschenke des Königs (Artaxerxes Mnemon)

und dessen Mutter (Parysatis), Schwerter, welche in die Erde gepflanzt,

Gewölk, Hagel und +Blitzstrahlen abwendeten+. Er habe, so fügt

er hinzu, die Wirkung selbst gesehen, da der König zweimal vor seinen

Augen das Experiment gemacht.“

Lassen wir das Gewölk und den Hagel, die nicht seltenen Begleiter der

Gewitter, beiseite, so weist die Stelle, welche von einem Abwenden

des Blitzes spricht, mit größter Deutlichkeit auf die Kenntnis der

Blitzableitungstheorie auf Grund +leitender Metalle+ hin.

Zählte unser großer Landsmann Alexander von Humboldt noch zu den

Lebenden, so würde ich ihm die Überraschung bereitet haben, die

Kenntnis dieser Theorie im Altertume, mindestens schon in den

Jahrhunderten unmittelbar vor dem Anfang unserer Zeitrechnung, durch

eine Zahl inschriftlicher, nicht mißzuverstehender Zeugnisse zu

beweisen.

Ich habe kaum ein Wort über die Erfindung des Blitzableiters durch

den amerikanischen Staatsmann und Schriftsteller Benjamin Franklin

aus dem vorigen Jahrhundert und über die Konstruktion eines solchen

Apparates zu verlieren nötig. Alle Welt kennt den Blitzableiter, ist

aber überzeugt, daß seine Erfindung zu den Errungenschaften im Rahmen

der Neuzeit gehört. Vielleicht wird man anders darüber urteilen, wenn

man meine folgende Auseinandersetzung mit Aufmerksamkeit liest.

In meiner Arbeit „Zur ältesten Geschichte der Feier der

Grundsteinlegungen“ ließ ich die Bemerkung mit unterlaufen, daß es bei

den alten Ägyptern Brauch war, den Eingang zu den Heiligtümern durch

zwei hohe festungsartig gebaute Türme zu decken, deren Verbindung ein

zwischen ihnen liegendes großes Thor, der sogenannte Pylon, bildete.

Zur Rechten und zur Linken des Pylon standen zwei Obelisken und Götter-

oder Königsbilder aus Stein, zwischen welchen der Wanderer seinen Weg

nach dem gleich dahinter sich öffnenden Thoreingang nahm.

Bei den vollendeten Bauten sind die Außenseiten der Pylonentürme mit

Darstellungen und hieroglyphischen Inschriften im großen Stil bedeckt,

wobei der königliche Gründer und die Hauptgottheiten des Tempels den

Vorwurf des Künstlers und des Schreibers in Bild und Wort abgaben.

Über den Umfang der Flächen, welche zu bedecken waren, mag man eine

ungefähr richtige Vorstellung gewinnen, wenn ich als Beispiel den

Tempel von Edfu wähle. Jeder von den beiden auf rechteckiger Grundlage

ausgeführten Türmen hatte eine Höhe von 60 ägyptischen Ellen, das sind

31-1/2 Meter, eine Fassadenbreite von 21 Ellen oder 11 Meter und eine

Seitenbreite von 12 Ellen oder 6-1/3 Meter.

Bis zum fünfzehnten Jahrhundert hinauf lassen die noch vorhandenen

Turmpaare auf ihrer Vorderseite je zwei in die verbauten Steine

eingehauene Rinnen erkennen, welche wie eine Gosse von oben nach

unten laufen und zur Aufnahme von irgend einem langen, stangenartigen

Gegenstand von gewaltiger Dicke bestimmt waren. Über die Natur und

die Bestimmung desselben kann kein Zweifel obwalten, da eine in

Farben ausgeführte Zeichnung der Pylontürme an der Wand eines Tempels

des Mondgottes auf der Ostseite Thebens bis auf den heutigen Tag

wohlerhalten vorliegt. Die Rinnen, von denen ich soeben gesprochen

habe, sind in der Zeichnung durch mächtig hohe, roh behauene Baumstämme

ausgefüllt, welche die Zinnen der Türme weit überragen. Sie sind durch

klammerartige Vorrichtungen an der Rinne befestigt, und ihre Spitzen

zeigen bunte Zeugstoffe als Flaggenschmuck. Ich habe deshalb diesen

mastartig gestalteten Baumstämmen den Namen „Flaggenbäume“ gegeben.

Man könnte daran denken, daß es sich hierbei einfach um eine Dekoration

gehandelt habe, um der massigen Fassade einen malerischen Anstrich

zu verleihen und die toten glatten Flächenwände einigermaßen zu

beleben. Freistehende Mastbäume mit bunten Wimpeln dienen ja noch

in der Gegenwart bei festlichen Gelegenheiten zur Ausschmückung von

Plätzen und Straßen und hohe Fahnenstangen mit buntfarbigen nationalen

Flaggen werden von uns zu dem gleichen Zweck an den Dächern oder an der

Vorderseite von Bauwerken und Häusern angebracht.

Bei den Ägyptern war die Zahl und die Farbe der Flaggenbänder aus

Zeugstoff keine zufällige oder beliebige. Ich habe nach den Inschriften

aus vorchristlicher Zeit anderwärts die Beweise geliefert, daß die

Zahl derselben sich auf +vier+ beschränkte und daß die Stoffe +rot+,

+weiß+, +blau+ und +grün+ gefärbt waren, mit anderen Worten, daß es

vorgeschrieben war, den vier +heiligen+ Farben den Vorzug zu geben.

Es ist gewiß nicht ein bloßer Zufall, daß auch im ebräischen Kultus,

wie es aus alttestamentlichen Überlieferungen deutlich hervorgeht, nur

allein die vier heiligen Farben +rot+, +blau+, +karmesin+ und +weiß+

für die Priesterkleidung, die Vorhänge und die Teppiche im Tempel von

Jerusalem gesetzlich zur Auswahl gestellt wurden.

In einzelnen Inschriften aus den Zeiten der Ptolemäer werden die

beflaggten Mastbäume, welche beispielsweise am Tempel von Edfu eine

Höhe von mindestens 32 Metern oder von beinahe 100 Fuß erreichen

mußten, auf den Tempelwänden in sehr genauer Weise beschrieben,

wobei sich eine ganz verwundersame Thatsache herausstellt. Ich lasse

in möglichst getreuer deutscher Übertragung den Wortlaut einer der

Inschriften von Edfu für die Sache selber sprechen: „Dies ist der hohe

Pylonbau des Gottes von Edfu, am Hauptsitze des leuchtenden Horus

(des ägyptischen Apollon). Mastbäume befinden sich paarweise an ihrem

Platze, +um das Ungewitter an der Himmelshöhe zu schneiden+. Zeugstoffe

in weißer, grüner, blauer und roter Farbe befinden sich an ihrer

Spitze.“

An einer anderen Stelle, in einer längeren Bauschrift, welche sich

auf dasselbe Heiligtum bezieht, werden die Flaggenmaste an den

Türmen mit folgenden Worten beschrieben: „Ihre Mastbäume aus dem

+Asch+holze (gewöhnlich wird dieser Name auf einen bestimmten

aus dem Auslande geholten Baum, nach der Mehrzahl der Ausleger eine

besondere Akazienart, nach anderen die Ceder bezogen) reichen bis zum

Himmelsgewölbe und sind +mit Kupfer des Landes beschlagen+.“

Vier mit Kupfer beschlagene, etwa 100 Fuß hohe Mastbäume, die paarweise

an den beiden Turmwänden vor den Tempeln aufgestellt wurden, in der

deutlich ausgesprochenen Absicht, +die Ungewitter zu schneiden+,

konnten nichts anderes als Blitzableiter im großen Stil gewesen

sein. Das scheint mir so klar auf der Hand zu liegen, daß kaum eine

andere Deutung möglich ist. Ich sehe außerdem, daß sämtliche Gelehrte,

welche auf die von mir zuerst entdeckten, veröffentlichten und in dem

angegebenen Sinne erklärten Inschriften aufmerksam geworden sind, mit

und ohne Erwähnung meines Namens, sich für den ältesten nachweisbaren

Blitzableiter erklärt haben.

Der Gegenstand ist damit noch nicht abgeschlossen, sondern eine zweite

Form von Blitzableitern und in der oben erwähnten Inschrift, wenn auch

nur mit den kurzen Worten geschildert: „Zwei große Obelisken prangen

vor ihnen (den Mastbäumen), um das Ungewitter in der Himmelshöhe

zu schneiden.“ Was vorher als der eigentliche Zweck der hoch

aufgerichteten mit Kupfer beschlagenen Mastbäume durch den Ausdruck „Um

das Ungewitter zu schneiden,“ d. h. durch Ableitung des elektrischen

Funkens, findet hier aufs neue seine Anwendung auf die Obeliskenpaare,

deren Erwähnung durch einen besonderen Umstand für die Nebenauffassung

als Blitzableiter bemerkenswert erscheint.

Schon um das Jahr 2000 v. Chr. gehörte die Aufstellung von

Obeliskenpaaren vor den Tempeln zu einer gewohnheitsmäßigen Sitte. Der

noch in unserer Gegenwart aufrechtstehende Obelisk von Heliopolis, in

der Nähe von Kairo, rührt aus dieser alten Epoche her. Das steinerne

Ungetüm hat eine Höhe von etwas über 21-1/4 Meter, wie alle Obelisken

endigt seine Spitze in eine kleine Pyramide oder das sogenannte

Pyramidion, welches die ägyptischen Inschriften mit dem Worte

+Benben+ bezeichnen.

Nach dem klaren Wortlaut einer Reihe auf verschiedene Obelisken

eingegrabener Texte in Hieroglyphenschrift wurde das Pyramidion

regelmäßig mit sogenanntem Elektrongolde überzogen, das beim

Sonnenschein einen blendenden Glanz meilenweit ausstrahlte. Die

Sockelinschrift auf einem thebanischen Obelisken meldet es wörtlich:

„Er (der König) hat zwei große Obelisken anfertigen lassen aus rotem

Granit vom Südlande (aus Syene, dem heutigen Assuan). Ihre Spitze ist

aus Elektrongold, welches die Fürsten aller Länder geliefert hatten,

hergestellt und wird auf viele Meilen hin geschaut, wenn ihre Strahlen

sich über die Erde ergießen, nachdem die Sonne, sobald sie im Osten

aufgegangen ist, zwischen ihnen beiden leuchtet.“ Auf einem der beiden

Obelisken von Alexandrien, es handelt sich um denselben, welcher

nach New York überführt worden ist, findet sich die entsprechende

Angabe vor, daß der König Thutmosis III., aus dem fünfzehnten

Jahrhundert v. Chr., „zwei große Obelisken anfertigen ließ mit einem

Pyramidion aus Elektrongold.“ Ich lasse es bei diesen Beispielen sein

Bewenden haben, da ähnlich lautende urkundliche Angaben sich auf den

steinernen Spitzsäulen bis zu den altägyptischen Obelisken in Rom und

Konstantinopel hin in vielen Beispielen vorfinden. Sie dienen sämtlich

zur Bestätigung der Thatsache, daß die Spitzen der Obelisken einen

Überzug von Gold trugen oder, was wahrscheinlicher sein dürfte, einen

Überzug aus +vergoldetem Kupfer+. Diese Vermutung findet nämlich

durch folgende, bei einem arabischen Schriftsteller aus älterer Zeit

erhaltene Überlieferung ihre Bestätigung.

Aus dem Morgenlande: Altes und Neues · 第 10 / 16 段