In diesem Falle, und sowohl in Ägypten, wie beispielshalber auf den

ausgedehnten Trümmerresten der Tempelbauten in Theben und Abydus,

als auch in Nubien -- ich führe das Heiligtum bei Amada als redenden

Zeugen an -- tritt uns das Bild des Königs im vollsten Schmucke seines

hohen Amtes entgegen, um die ihm zugeteilte Rolle als Grundsteinleger

in der vorgeschriebenen Weise auszuführen. Er hält nämlich in der

einen Hand einen langen Stock oder Pflock, auf den er mit Hilfe eines

keulenartigen Holzes, des Vorgängers und Stellvertreters unseres

Hammers, Schläge vollzieht, augenscheinlich in der Absicht, den

hölzernen Pfahl in den Erdboden einzutreiben.

Ihm gegenüber steht eine weibliche Figur im Schmucke einer Göttin,

welche einen zweiten Pfahl mit der Holzkeule in die Erde schlägt. Die

Inschriften lassen über Namen und Bedeutung jenes Wesens keinen Zweifel

übrig. Es handelt sich um die Göttin +Chawi+, die treue Behüterin

aller schriftlichen Überlieferungen und die Personifikation der in den

Tempeln aufbewahrten Papyrusrollen oder, nach unserer Art zu reden,

der heiligen Bücherei. Sie wird als „+die erste Schreiberin+“

und als „+die Königin der Bibliothek+“ tausendfältig gepriesen.

Die Verbindung ihres Bildes mit der Darstellung des Königs bei der

Grundsteinlegung sollte zum symbolischen Ausdruck des Gedankens

dienen, daß Pharao als Gründer des Baues genau nach den schriftlichen

Überlieferungen der Vorzeit verfahre.

Bisweilen tritt eine zweite göttliche Gestalt den oben erwähnten

beiden zur Seite. Es ist der ibisköpfige Gott +Thot+, der

ägyptische Hermes, die Personifikation der Weisheit und des Verstandes,

welche der Lichtgott durch seinen himmlischen Vertreter dem Menschen

überlieferte, um in Schrift und Wort und in allen seinen Handlungen

den Gesetzen des ewig Wahren, Schönen und Guten allzeit gerecht zu

werden. Der verborgene Sinn, welcher der Gesamtdarstellung zu Grunde

lag, ist, auch ohne die erklärenden Beischriften zu den Darstellungen

zu kennen, ein sehr einfacher und natürlicher: der König, selber vom

Lichtgotte abstammend, denn er bezeichnet sich regelmäßig als dessen

Sohn, handelt bei der Grundsteinlegung mit Weisheit und Verstand, indem

er den Überlieferungen des von Gott herabgesendeten heiligen Buches

vorschriftsmäßig Folge leistet.

In sämtlichen Darstellungen, welche uns die beschriebene Scene vor

Augen führen und an denen der Laie meist verständnislos vorübergeht,

hat der Bildhauer und Maler das Mittelstück der beiden Holzpflöcke

durch eine weißfarbige Schnur umspannt, die sich in Gestalt eines

Ovales um beide Hölzer windet. Es ist die Meßschnur oder der Meßstrick,

welcher, um die Pflöcke gelegt, zur mathematisch genauen Absteckung des

Bauterrains diente.

Bereits den Griechen war die Geschicklichkeit der ägyptischen Geometer

in der Vermessung von Grund und Boden sehr wohl bekannt und ein

Demokritos fand eine besondere Befriedigung darin sich rühmen zu

können, in seiner eigenen Geschicklichkeit in dieser Kunst von keinem,

selbst nicht von den ägyptischen Harpedonapten oder „Seilausspannern“

übertroffen zu sein. Das griechische Wort, welches ich eben angeführt

habe, ist eine genaue Übersetzung des ägyptischen Ausdruckes für

die Vermessung, der ganz dasselbe besagt und das, was wir unter der

Grundsteinlegung verstehen, wörtlicher als „Vermessung“ des Baugrundes

mit Hilfe des Meßstrickes erscheinen läßt.

Die von dem König in eigener Person nach uraltem Brauch ausgeführte

Handlung konnte zunächst nicht an jedem beliebigen Tage geschehen,

sondern die Tagwahl war dafür vorgeschrieben. Das Fest der

Grundsteinlegung oder richtiger gesagt: „Der Ausspannung des

Meßstrickes“ durfte nur an einem Neumonde, in späterer Zeit an einem

sechsten Tage des Mondmonats, stattfinden, der als glückbringend für

den Fortgang und die Zukunft des Bauwerkes angesehen ward. Es ist eine

merkwürdige Sitte, die nicht durch Inschriften, sondern nur durch stets

wiederkehrende Darstellungen bestätigt wird, daß das Fest mit der

Köpfung eines Vogels (die besondere Art des Tieres ist nicht genauer zu

unterscheiden) verbunden war.

In den Texten, welche sich mit der angegebenen Feier beschäftigen,

pflegen die Könige den Göttern gegenüber eine ausführliche

Ruhmredigkeit zu entwickeln, die Festlichkeiten in eigener Person

ausgeführt zu haben, um sich des Dankes wie der Belohnung der

Himmlischen zu versichern. Der Gedanke entspricht dem Gefühle der

ägyptischen Frömmigkeit und Neigung, möglichst zahlreiche Gott

wohlgefällige Werke ins Leben zu rufen.

Zeigen die Tempelwände aus älteren Zeiten eine gewisse Kargheit in

den Vorstellungen und Inschriften, welche sich auf Tempelgründungen

beziehen und beschränken sie sich fast nur auf das Bild der Ausspannung

des Meßstrickes, so entwickeln im Gegensatz dazu die Bauten aus

Ptolemäer- und Römerzeit eine Fülle von bildlichen Darstellungen und

inschriftlichen Überlieferungen, die kaum glaubhaft erscheint, aber

ganz dem Charakter jener späteren Zeiten entspricht. Sie geben alles

zum Besten und schwatzen alles aus, was das heilige Buch über das

Fest der Grundsteinlegung in sich schloß. Es hält nicht schwer daraus

den Schluß zu ziehen, daß die priesterlichen Urheber jener jungen

Darstellungen sich beflissen fühlten, den Tempeln und damit ihrem

eigenen persönlichen Ansehen ein gewisses Relief durch die Menge der

dargestellten und beschriebenen Scenen zu verleihen, wobei die Person

der regierenden Fürsten, bis zum Kaiser Nero hin, stets in den Vorgrund

der Bildwerke trat.

Wir können getrost die Behauptung aufstellen, daß dies zu unserem

eigenen Glücke geschah, denn das Buch „von der Meßstrick-Ausspannung“

würde uns seinem Inhalte nach ganz ungenügend erschlossen worden sein

und Lücken darbieten, die nur der Zufall hätte ausfüllen können.

Daß man in jenen späten Zeiten Abschriften der alten Traditionen

darüber besaß, dafür liefert ein Verzeichnis der Tempelbibliothek von

Apollinopolis magna (heute +Edfu+ genannt) in Oberägypten den

vollen Beweis. Es wird darin eine Papyrusrolle mit der Aufschrift: „Das

Buch von der Gründung eines Tempels“ besonders angemerkt.

Ich folge der Reihe nach den einzelnen Handlungen, welche sich auf

Grund der Überlieferungen in Bild und Wort aus jenen Zeiten auf den

Tempelwänden in unsere eigene Epoche hinein gerettet haben, und

schildere als treuer Berichterstatter, was ich daraus gesehen und

gelesen habe.

Der erste Akt der Vorstellungen betrifft den Hauptteil der ganzen

Feierlichkeit: die Ausspannung des Meßstrickes, wobei nach

althergebrachter Vorschrift der König der himmlischen Chawi oder der

Göttin der heiligen Tradition gegenübersteht. Beide halten Pflock und

Hammer (das oben beschriebene Schlaginstrument) in ihren Händen.

In einer der Darstellungen mit Inschriften werden dem Könige die

folgenden Worte in den Mund gelegt: „Ich habe den Pflock und den

Hammer gefaßt und ich halte den Meßstrick gemeinschaftlich mit der

Göttin Chawi. Ich betrachte den Lauf der Sterne und mein Auge haftet

am Gestirn des Großen Bären. Ich zähle die Zeit an der Wasseruhr und

stecke die vier Enden des Tempels ab.“

Der Tempel von Edfu, von dessen Gründung die Rede ist, liegt in der

Achse von Nord nach Süd oder, wie einzelne Inschriften an seinen

Wänden es sonst ausdrücken, er streckt sich vom Großen Bären nach dem

Siriusstern aus. Der Sirius galt als südlichste, der Große Bär als

das nördlichste Sternbild am Himmel. Die angeführten Worte gewinnen

dadurch ihr volles Verständnis. Der König bestimmte auf dem Wege der

astronomischen Beobachtung die Achse des zukünftigen Tempels, wobei

für die Bewegung und Stellung der beiden Sternbilder die Wasseruhr zur

vorgeschriebenen Zeitbestimmung diente.

Der Meßstrick beruhte seinem Maße nach auf der Länge und der Einteilung

der altägyptischen sogenannten heiligen Elle. Dies gab Gelegenheit

inschriftlich auch dieses Maßes zu gedenken, wobei der Gott Thot, als

„Vermesser dieses Landes“ besonders noch hervorgehoben, in den Texten

als ihr Erfinder hingestellt wird. Die Elle selbst hatte ihre besondere

Bezeichnung als Bauelle; sie hieß „die Beste“. Da die Ägypter niemals

verlegen waren, den Namen irgend eines Gegenstandes auf etymologischem

Wege zu erklären, so wurde auch in diesem Falle der angeführten

Benennung ein angemessener Wortursprung abgerungen. Man versichert:

„auf das beste sind alle Ellenverhältnisse dieses Tempels eingerichtet,

darum heißt sie die Beste mit Namen.“

Nach der Vermessung des Baugrundes des Tempels und der Bestimmung

seiner Achsenrichtung auf astronomischem Wege, sowie nach Einpfählung

der Holzpfosten an seinen vier Hauptecken, erscheint als zweite

Handlung die +Ausschachtung der Erde+ an den für die Fundamentierung

genau abgegrenzten Stellen. Der König leitet auch diese Arbeit in

feierlicher Weise ein. Er trägt die +Erdhacke+ des ältesten ägyptischen

Feldbaues in seinen Händen und hackt eigenhändig den Boden zum guten

Beispiel für seine Nachfolger und zur Freude der Götter auf, wozu

er die Worte spricht: „Ich hacke den Boden auf und bewässere ihn

zur Genüge, um dem für ewige Dauer bestimmten Werke Festigkeit zu

verleihen.“

Der Staub beim Erdhacken ist in Ägypten gewaltig, und es ist deshalb

eine weise Vorsicht, die der König befolgt, das trockene Terrain vorher

mit Wasser zu befeuchten.

Dritte Handlung. Der Boden ist in vorgeschriebener Tiefe

ausgeschachtet (die Nachgrabungen bei einzelnen Tempeln haben eine

Tiefe von 5 Metern erwiesen) und wird mit Sand und Geröll oder

Scherben ausgefüllt. Der König verrichtet auch dies Geschäft und das

Bild zeigt ihn mit einem Sandfasse in den Händen, dessen Inhalt er in

den hohlen Raum schüttet. Die begleitende Inschrift spricht von „dem

Ausschütten des Sandes und vom Ausfüllen des Schachtes mit Geröll, um

die Fundamentierung des Tempels herzustellen.“ Ich verweise auf das

oben Gesagte und berufe mich auf meine Bemerkung über das Bauen auf

Fundamenten aus Sand.

Nachdem die feste Grundlage für das Werk geschaffen worden ist, kann

der eigentliche Bau seinen Anfang nehmen. In ältesten Zeiten geschah

dies nicht mit Hilfe von behauenen Steinen, sondern der gestrichene und

an der Sonne getrocknete Erdziegel vertrat die Stelle des solideren

Steinmaterials. Aber alter Sitte blieb man treu, denn der König war

verpflichtet, wie es die bildlichen Darstellungen beweisen, den

Nilschlamm des Bodens, den zunächst die vollzogenen Ausschachtungen

zu Tage gefördert hatten, mit Wasser zu befeuchten, zu kneten und in

der hölzernen Ziegelform zu streichen. Einzelne Beischriften fügen dem

hinzu, daß die Ziegel mit +gehacktem Stroh+ vermischt wurden, um

ein festes Bindemittel herzustellen und erinnern dadurch allein schon

an die bekannte Bibelstelle (2. Mos. 5., 6-7): „Darum befahl Pharao

desselbigen Tages den Vögten des Volkes und ihren Amtleuten, und

sprach: Ihr sollt dem Volke nicht mehr Stroh sammeln und geben, daß

sie Ziegel brennen (der Urtext sagt nur Ziegel machen, nicht brennen,

wie Luther übersetzt) wie bisher. Lasset sie selbst hingehen und Stroh

zusammenlesen“ (zu vergl. auch die Verse 10, 15, 16, 18).

Nach den Abbildungen streicht der König, angethan mit dem schönsten

Königsschmuck und selbst die hohe Krone auf seinem Haupte, wie ein

gewöhnlicher Tagelöhner seine Ziegel. Seine Thätigkeit bezeugt er

außerdem in seiner eigenen Rede: „Ich habe die Ziegelform genommen und

damit den Ziegel gestrichen und habe die Erde mit Wasser gemengt. Ich

führte eine Bauhütte auf, um das Haus herzustellen und das Viereck des

Tempels fest zu gründen.“

In der Kaiserzeit verstanden es die Priester Ägyptens höflich und

selbst höfisch zu sein und das unsaubere Geschäft des Ziegelstreichens

durch römische Cäsaren wie Augustus, Tiberius und Nero (im Tempel von

Tentyra) gleichsam zu parfümieren. In der Darstellung, welche die

Imperatoren als Ziegelstreicher erscheinen läßt, um ihre Bauthätigkeit

an dem Heiligtum der größten und vollkommensten aller Göttinnen, der

himmlischen Hathor oder ägyptischen Aphrodite-Urania, in symbolischer

Weise zu kennzeichnen, werden ihnen die an die Göttin gerichteten Worte

in den Mund gelegt: „Ich habe Erde genommen und Myrrhe erfaßt, ich

vermischte Weihrauch mit Wein, ich habe nach der Ziegelform gegriffen,

um Ziegel für den Aufbau des Heiligtums zu streichen, welches dein Bild

in sich schließt.“

Auch bei einer andern ähnlichen Gelegenheit offenbart sich die

zartfühlende Rücksicht der priesterlichen Schmeichler gegen das

Cäsarentum. Zu den pharaonischen Arbeiten bei den Grundsteinlegungen

im Nilthal gehörte auch das Steinetragen zum Bau. Das Geschäft eines

Steinträgers konnte man unmöglich respektshalber dem Autokrator in

Rom zumuten und so verwandelte man den Erdziegel zu einem Ziegel aus

Gold und Edelgestein, welchen zum Bau des Tempels die Majestät nach

Darstellung und Beischrift der ägyptischen Aphrodite zuträgt. Die

Überschrift zu dem kurzen Text lautete: „Die Darreichung der Steine,

welche in die Erde gethan werden. Text: Ich habe vor dein Angesicht, du

meine Königin, Ziegel aus Gold und Edelstein herbeigetragen, und sie an

den vier Ecken deiner Wohnstätte niedergelegt.“

Bei Nachgrabungen würde man vergeblich auf die angedeuteten Schätze

unter den vier Ecksteinen des Tempels von Tentyra suchen. Des Sängers

Höflichkeit allein erfand die glanzvolle Wandelung des Nilschlammes in

Gold und Edelstein.

An die Handlung des Ziegelstreichens schließt sich eine neue, welche

als die Fortsetzung und selbst als Schluß der Gesamtdarstellung gelten

darf, insoweit sie die Bauthätigkeit, von der Grundsteinlegung an

bis zur Vollendung des Werkes, im Sinne der Arbeit umfaßt. Der König

übernimmt die Rolle des Maurers, welcher zuletzt mit Hilfe eines

geraden Stockes die senkrechte Richtung der aufgeführten Mauerwand

prüft. Dazu des Fürsten eigene Worte: „Ich habe den Stock genommen. Ich

mauerte die Wohnung der herrlichen Göttin auf, ich gründete sie mit

meinen eigenen Händen. Ich habe meiner holdseligen Mutter ein Denkmal

gesetzt, das ansehnlicher ist als die den Göttern geweihten Stätten.“

Um das Gesamtbild der Teilnahme, welche der König dem Bau eines

Tempels erwies, durch die beiden Schlußakte zu vervollständigen, darf

ich als gewissenhafter Schilderer der Darstellungen und als getreuer

Dolmetscher der Inschriften es nicht verabsäumen, auch davon zu reden,

um den Leser in den Stand zu setzen, eine vollständige Einsicht über

die folgenden Handlungen zu gewinnen.

Der Tempel ist im Bau vollendet, aber von innen und außen bedeckt

ihn der Schmutz der Maurerschwalbe. Es thut daher not, ihn davon zu

befreien, bevor der zukünftige himmlische Bewohner in sein neues Heim

einzieht. Mit Besen und Seife, um nach unserer Redeweise die Hauptsache

kurz zu bezeichnen, muß eine Generalreinigung vorgenommen werden.

Das Natronsalz, das an gewissen Stellen in Oberägypten in besonderer

Güte gefunden und ausgelaugt wurde, vertrat dabei die Stelle unserer

Seife. Es kam in Kügelchen in den Handel und diente zum Waschen und

Säubern unreiner Räumlichkeiten und Gegenstände. Bei der Reinigung des

Neubaues war es daher selbstverständlich das unfehlbare landesübliche

Waschmittel.

Es mag auffallen, daß die regierende Majestät auch diese Thätigkeit,

wenn auch nur in symbolischer Weise, auszuführen berufen war.

Allein man muß berücksichtigen, daß von den Ägyptern die Reinheit

des Tempels mit der Reinheit des göttlichen Wesens in eine

unmittelbare Beziehung gesetzt wurde, und daß dem Herrscher die ganze

Verantwortlichkeit zufiel, dem Gotteshause auch nach dieser Richtung

hin seine höchste Aufmerksamkeit zu schenken. Selbst dem unreinen

Menschen ward der Eintritt in den Tempel nicht gestattet, und es war

streng vorgeschrieben, einen solchen Besucher auszuschließen. An

hervorragenden Stellen auf den Wänden und Säulen des Tempels ward

deshalb dem Besucher inschriftlich entgegengerufen: „Ein jeder, welcher

eintritt, sei viermal rein!“

In dieser Beziehung ist eine lange Inschrift ungemein merkwürdig,

welche auf eine Thürwand in der Nähe des Brunnens eingemeißelt ist,

der sich auf der östlichen Seite des Tempels von Edfu befindet und

dessen Aufbau in die Zeit der Ptolemäer-Geschichte fällt. Ich gebe den

Inhalt des kurzen schönen Textes in möglichst wortgetreuer deutscher

Übertragung wieder: „Aufruf an die Propheten der Stadt der Erhebung des

Horus (Apollo) auf den Thron, an die großen heiligen Väter von Edfu,

an die Hallenbewohner des goldenen Horus und an die Pastophoren und

Priester von Edfu. Jeder, welcher in dieses Thor eintritt, beseitige

beim Eintritt die Unsauberkeit, denn Gott ist die Lauterkeit lieber

als Millionen von Reichtümern und als Hunderttausende von Goldstücken.

Seine Sättigung ist in der Wahrheit und sein Herz findet Wohlgefallen

an größter Lauterkeit.“

Es liegt auf der Hand, daß auch in diesen Worten der Grundgedanke: die

mit der physischen Reinheit verbundene moralische, versteckt liegt.

Die Reinigung des vollendeten Tempelbaues durch den König wurde

in einer eigenen, aber für den Kenner nicht mißverständlichen

Art im Bilde dargestellt. Aus der rechten Hand der Person des

abgebildeten Herrschers fallen eine Menge von Kügelchen -- eben jene

Natronkügelchen -- abwärts, um die im kleinen in die Wand skulpierte

Zeichnung des Heiligtums zu umkreisen.

Wie alle übrigen Beischriften, welche den oben geschilderten Handlungen

als erklärender Text dienen, in ihren Ausdrücken und Wendungen

variieren, um der Einförmigkeit von Wiederholungen die Spitze

abzubrechen, so zeigen auch die zu den Bildern der Reinigung gehörigen

Legenden Verschiedenheiten, die nur das Wort, nicht aber den gemeinten

Sinn verändern. Nebenbei bemerkt wurde das Streuen der Natronkügelchen,

nach dem Inhalt der Beischriften, während eines viermaligen Umganges um

den Tempel durch den König vollzogen.

Nach Vollendung dieses gleichfalls aus dem höchsten Altertum stammenden

Brauches, der in seiner Symbolik an Sinnigkeit nichts zu wünschen übrig

läßt, trat der letzte und wahrscheinlich feierlichste Akt der Stiftung

einer Wohnung Gottes ein: „Die Übergabe des Hauses an seinen Herrn“,

wie er inschriftlich bezeichnet wird.

Die Scenerie nimmt in den Darstellungen auf den steinernen Wänden

des Tempels den Ausdruck des Pomphaften und besonders Feierlichen

an. Man erblickt den König in seinem vollsten Ornat als Beherrscher

der Welten im Süden und im Norden. Die altertümliche buntfarbige und

mit Buntstickerei geschmückte königliche Schürze tritt an seiner

Körpermitte in steifer Haltung hervor. Zwei eigentümliche Stäbe, ein

längerer und ein kürzerer, ruhen in seiner linken Hand, der kürzere

mit einem kugelartigen Aufsatz, der längere mit einem Blumenkelche am

Mittelstück. Des Königs rechte Hand streckt sich nach den göttlichen

Insassen des Tempels aus, als wolle sie mit dieser Geste die

gesprochenen Worte begleiten oder bekräftigen.

Der Rede geht die Überschrift voraus: „Die Übergabe des Hauses an

seinen Herrn“. Die darauf folgenden Worte variieren in ihrer Fassung.

In dem einen Beispiel spricht der Herrscher: „Ich strecke meinen Arm

aus nach der Vollendung des Werkes. Es sei die Wohnung (dieser oder

jener) Gottheit übergeben.“ In einem andern steigert sich die Rede bis

zur Schwulstigkeit. Es heißt darin z. B.: „Schön ist es, dies schöne

Haus, das seinesgleichen in Ägypten nicht findet. Die Göttin der

Überlieferungen gründete es und der Gott der Weisheit leitete seine

Bauregeln und die himmlischen Baumeister bauten es. Seine vier Ecken

befinden sich an den ihnen angewiesenen Stellen und alles Zugehörige

entspricht der Berechnung. Seine Gründung war ein Fest, seine

Ausführung eine Freude, seine Vollendung ist ein Tanzen und Springen.

Tritt ein (die Rede richtete sich an die ägyptische Aphrodite Urania)

in dasselbe mit frohem Herzen, denn Götter und Göttinnen sind in Wonne,

wenn du in ihm gleichwie die leuchtende Sonne in der Lichtsphäre

aufgehst, und alle Menschen sind voll Bewunderung bei deinem Anblick.“

Die verschiedenen Instrumente, deren sich der König bei den einzelnen

Handlungen der Gründung eines Tempels bediente, sobald er dieselbe in

eigener Person vollzog, wurden in die Fundamentierung gesenkt oder,

wenn das nicht, mindestens in eigens zu diesem Zweck angefertigten

Miniaturexemplaren in dem Sande unterhalb der Steinmauern übergeben.

In beiden Fällen wurden sie mit Inschriften versehen, welche, leider

ohne Angabe von Daten, den Namen des königlichen Bauherrn und die

nähere Bezeichnung des neu gegründeten Heiligtums oder einzelner Teile

desselben enthielten. In den Museen Europas und in der hochberühmten

Sammlung ägyptischer Altertümer in Kairo befindet sich beispielsweise

die Hacke und verschiedene Zimmermannswerkzeuge aus Holz und aus

Bronze (Beil, Stemmmeißel, Glätteisen u. s. w.), deren sich der König

Thuthmosis III. (1503 bis 1449 v. Chr.) bei der Grundsteinlegung des

Tempels Amon-toser auf der Westseite von Theben (im heutigen Medinet

Abu) eigenhändig bedient hatte. Das nämlich sagt deutlich die Inschrift

auf den einzelnen Werkzeugen: „Thuthmosis III., der vom Amon geliebte

König, als er den Meßstrick zur Gründung von Amon-toser ausspannte.“

Daß diese und ähnliche Reliquien aus so alten Zeiten einen hohen Wert

für die allgemeine Kulturgeschichte besitzen, ist selbstverständlich,

und man darf nicht anstehen, dem geistvollen Urteil beizupflichten, das

ein gelehrter französischer Ägyptolog, der verstorbene Chabas, über die

Ideenverwandtschaft in den ältesten und jüngsten Zeiten der Geschichte

der Menschheit gefällt hat.

„Stets gleichen Schwächen unterworfen,“ so führt er aus, „stets

gleichen Gefahren ausgesetzt, unterthan gleichen Schrecknissen, von

gleichen Leidenschaften beherrscht, durch gleiche Hoffnungen angeregt,

bewegt sich der Mensch von Jahrhundert zu Jahrhundert in dem gleichen

Geleise. Unablässig richtet er seine Kräfte und seinen Geist auf die

Beseitigung derselben Hindernisse, auf die Befriedigung derselben

Bedürfnisse. Aus der Anwendung dieses Gesetzes instinktiver Analogie

entspringen analoge Thatsachen, die äußerst auffallend erscheinen,

sobald sie durch lange Zwischenräume voneinander getrennt sind.

„Die Erforscher der ägyptischen Denkmäler und Schriften geben häufig

Gelegenheit, diesem eigentümlichen Zusammenhange näher zu treten, nicht

nur in Bezug auf die Grundanschauungen, sondern auch auf die Form der

Ausdrücke, auf die Gleichnisse des Stiles, auf Idiotismen u. s. w., und

es widerfährt ihnen nicht selten, sich bei Redensarten überrascht und

befangen zu fühlen, deren Fassung ihnen durchaus modern erscheint.“

In Bezug auf den von mir selber behandelten Gegenstand führt der

gelehrte Schriftsteller seinen Gedanken darüber weiter aus: „Meine

Aufmerksamkeit wurde erweckt, seitdem ich eine analoge Thatsache in

Gebräuchen festzustellen vermochte, die so auffallend ist, daß sie eine

besondere Erwähnung verdient.

„Die Gründer von Städten und Denkmälern waren stets darauf bedacht, die

großen Werke, welche ihnen den Ursprung verdankten, mit ihrem Namen

zu verknüpfen. Noch in unsern Tagen rufen Gedächtnisinschriften an

sichtbarster Stelle den Namen der Gründer in die Erinnerung zurück

und zu dem Zweck geschlagene Medaillen, Münzen und andere Gegenstände

werden in den Grundstein oder sonst einen versteckten Platz gelegt,

woselbst die ferne Zukunft, nach dem Untergange des Denkmals selbst,

sie wiederzufinden vermag. Diese Gewohnheit wurde von den Ägyptern,

dem Volke großer Bauwerke, ebenfalls beobachtet. Die Pharaos aller

Epochen setzen mit Vorliebe ein ganz persönliches Verdienst in die

Ausführung umfangreicher, auf ihren Befehl entstandener Arbeiten; sie

schrieben allenthalben: ‚Ich habe gegründet, ich habe errichtet, ich

habe gebaut.‘ Niemals findet sich der Name des Baumeisters auf den

Denkmälern vor. In den Weihinschriften, welche die Mauern schmücken,

fleht der König die Götter an, an der Wohnung, die er ihnen eben

gewidmet habe, seinen Namen zu verewigen.

Aus dem Morgenlande: Altes und Neues · 第 9 / 16 段