Es giebt eben nichts Neues hinieden. Die wissenschaftlichen

Entzifferungs-Fortschritte in unseren Tagen, im Zusammenhang mit

den hinterlassenen Erbschaften einer längst vergessenen Vorzeit,

welche aus dem Boden der Erde der ältesten Kulturländer an das Licht

steigen, lassen Blicke in eine Ferne werfen, die uns täglich näher zu

rücken scheint, und reißen die Grenzen nieder, welche das schulmäßig

Klassische von dem eingebildeten Barbarentum der vorklassischen Epochen

trennt. Die Erfindungen und Entdeckungen auf den verschiedensten

Gebieten der menschlichen Kultur zeigen bereits in den ältesten Zeiten,

die nicht allein nach Jahrhunderten, sondern nach Jahrtausenden vor

dem Beginn unserer Zeitrechnung zählen, eine Höhe der Entwickelung

und eine Schärfe der Auffassung und Beobachtung, die uns Epigonen

der Weltgeschichte um so mehr in Erstaunen versetzt, je weniger

wir selber noch nicht in der Lage sind, die äußerste Grenze ihrer

Anfänge zu bestimmen. Jahrtausende vor unseren eigenen Tagen und

im besonderen Falle vor der Einführung des metrischen Systems, am

Schlusse des vergangenen Jahrhunderts, hatte man bereits den Weg

entdeckt, das Grundlängenmaß in dem Durchmesser der Sonnenscheibe und

das Grundgewicht in der Schwere des Wassers, welches den Kubus des

Grundlängenmaßes und seine Teilstücke ausfüllte, in konstanter Weise

mit Hilfe der Zahl festzustellen und das zufällig Verlorene immer

wieder von neuem aufzufinden. Aber aus welchem Volke und in welchem

Lande erstand der erste Entdecker einer so folgenreichen Idee, welche

ihren siegreichen Umzug durch die ganze Welt hielt und bis in unsere

Zeiten hinein ihre Bedeutung nicht verleugnet hat? Die Frage wird

unbeantwortet bleiben, denn sie liegt jenseits aller Anfänge der

menschlichen Geschichte und nur die Sage berührt sie mit leisem Finger.

Die Altvorderen wußten es selber nicht mehr und setzten Götternamen an

Stelle von menschlichen ein. Was wir als Normalmaße bezeichnen, hatte

bei ihnen die Bedeutung des Heiligen gewonnen.

Feier der Grundsteinlegungen in ältester Zeit.

Die noch heutzutage beobachtete gute Sitte und Gewohnheit, bei der

Aufführung monumentaler Bauten die Legung des ersten Grundsteines in

feierlicher Weise zu vollziehen, um dem zukünftigen Werke von seinen

ersten Anfängen an den Segen des Himmels gleichsam mit auf den Weg zu

geben, ist so allbekannt, daß kein Wort darüber weiter zu verlieren

ist. Mögen die Bauwerke kirchlichen oder öffentlichen, dem Wohle der

Menschheit gewidmeten Zwecken dienen, die Weihe, welche ihnen durch

die vollzogene Feierlichkeit in Gegenwart allerhöchster, höchster und

priesterlicher Personen und der Vertreter des Baugewerkes verliehen

wird, verfehlt kaum je ihres tiefen Eindruckes. Die Feierlichkeit

erinnert an die Taufe, durch welche das neugeborene Kind von den

versammelten andächtig gestimmten Zeugen der Religionsgemeinschaft

derselben übergeben wird. An Glückwünschen fehlt es bei dieser Handlung

nicht, ebensowenig an Geschenken der Liebe und Freundschaft, um dem in

die Welt eintretenden Täufling als Angedenken für die späteste Zukunft

zu dienen. Auch in den Grundstein werden die Gaben der Erinnerung für

die spätesten Geschlechter niedergelegt.

Die Feierlichkeit, welche mit der Grundsteinlegung verbunden ist,

folgt alten Bräuchen und ist mit gewissen Förmlichkeiten verbunden,

die aus früheren Zeiten herstammen und noch in unserer Gegenwart

als unerläßlich betrachtet werden. Die Vermauerung der schriftlich

abgefaßten historischen Bauurkunde und des Verzeichnisses der Namen

der anwesenden Zeugen nach ihrer eigenen Unterschrift, die drei

Hammerschläge, das Streichen mit der Maurerkelle, das Senken des

Steines, gewisse Formeln, welche ihrem Wortlaut nach vorgeschrieben

und nur abzulesen sind, dies alles und manches andere führt von

vornherein zu dem Schlusse, daß die Grundsteinlegung einen sinnreichen

symbolischen Aktus darstellt, den nicht erst die Neuzeit erfunden hat,

sondern der in längst vergangene Zeiten zurückreicht.

Daß etwas Ähnliches nicht nur im Mittelalter, sondern bereits in den

Zeiten der Griechen und Römer in ähnlicher Weise vollzogen ward,

dürfte ziemlich bekannt sein. Selbst der Jugend auf der Schulbank wird

erzählt, in welcher Weise Romulus die älteste Stadt Rom gegründet

habe, indem er mit einem Pfluge die Grenzen derselben in den Erdboden

zog. Die Gelehrten wissen es genauer, daß Rom wie jede Stadt in

Latium nach „etruskischem Ritus“ gegründet wurde. Die Regionen des

sogenannten Templum oder des eigentlichen Innern der Stadt wurden nach

den Himmelsgegenden hin durch den Augurenstab bezeichnet, ähnlich wie

man den Lagerraum abzustecken pflegte, der Gründer spannte einen Stier

und eine Kuh vor den Pflug und führte denselben, dabei die Richtung

nach rechts einschlagend. War das Quadrat der zukünftigen Stadt in

der angegebenen Weise abgefurcht, so wurde gerade im Mittelpunkt

des Stadtvierecks eine Grube ausgehöhlt und mit den Erstlingen der

Feldfrüchte angefüllt.

Mochten auch sonstige Einzelheiten des sogenannten „etruskischen Ritus“

dem Gedächtnis entschwunden sein oder in den Überlieferungen fehlen,

nichtsdestoweniger hatten die Schriftsteller der späteren Zeiten der

Römergeschichte über eine Anzahl von Nachrichten zu verfügen, welche

über die altertümlichen Förmlichkeiten bei der Gründung der ewigen

Stadt keinen Zweifel übrig ließen. Dazu gehörten auch die Art und

Weise, in welcher jedes von den drei Thoren -- mehr ließ derselbe

etruskische Ritus nicht zu -- bei der Gründung seiner künftigen Stelle

nach bezeichnet wurde. Der Pflüger unterbrach dreimal das Geschäft des

Furchens und trug den Pflug in der Hand. Da im Lateinischen das Verb

tragen durch das Wort ~portare~ ausgedrückt wird, so leitete man

das Wort ~porta~ für das Thor von jenem Zeitworte ab.

Das wäre das älteste Beispiel einer Gründung, wenn auch einer ganzen

Stadt, aus den sogenannten klassischen Zeiten des Altertums, aber es

ist nicht das älteste, das uns in der Welt überhaupt durch schriftliche

Überlieferungen bezeugt ist. Ich werde den Beweis führen, daß etwa

anderthalb Jahrtausende vor der Aufführung Roms von einer Gründung die

Rede ist, deren Bauurkunde in unserer Weltstadt Berlin -- und zwar in

den Räumen der ägyptischen Abteilung unserer königlichen Museen, als

ein wertvoller Schatz aus den ältesten Zeiten aller Menschengeschichte

aufbewahrt wird, obgleich es mir eigentlich leid thut, mit der

Geschichte ihrer Erwerbung meinen eigenen Namen in Verbindung bringen

zu müssen. Jedenfalls gehört er zur Sache und ich finde keinen

plausiblen Grund, die Erwähnung desselben zu umgehen.

Es war im Jahre 1858, im Monat November, als ich zum zweitenmale

die gewaltige Ruinenstätte der ehemaligen altägyptischen Haupt-

und Residenzstadt Theben an den Ufern des Niles besuchte, um

wissenschaftlichen Forschungen obzuliegen und die umfangreichen

Trümmerfelder nach allen Richtungen hin zu durchstreifen. Eines Tages

hatte mich über meinen Arbeiten der Abend überrascht, die Schakale

fingen bereits an ihr widerliches Geheul hören zu lassen und mit

eiligen Schritten kehrte ich zu Fuß von dem Gebirge auf der Westseite

Thebens nach dem Flusse zurück, an dessen Ufer mein Nilschiff am

Landungsplatze angepflockt lag.

Immer tiefer wurden die dunklen Schatten, welche sich über die letzten

Reste der einst mächtigen Stadt ausbreiteten, und ich wanderte

spornstreichs auf den letzten Feldwegen dahin, welche in der Gegenwart

die Stelle der alten Straßen der stolzen Residenz der Ramessiden

einnehmen. Die Fledermäuse huschten gespenstisch über mich hinweg,

und der Uhu seufzte seinen düstern Totenruf aus dem Laubdickicht der

nächsten Sykomore dem müden Wanderer entgegen. Es war mir selber mit

einem Worte überaus unheimlich zu Mute. Zu meinem Schrecken versperrte

mir plötzlich ein vermummtes menschliches Wesen den nach dem Flusse

führenden nächsten Seitenweg.

So viel ich bei der herrschenden Dunkelheit zu erkennen vermochte,

gehörte der würdige Thebaner, denn einem solchen war ich begegnet,

zur Klasse der vorgeschrittensten Weißbärte. Ein faltenreicher Burnus

umhüllte seinen ganzen Körper, denn bei 16 Grad Wärme friert es bereits

einen Thebaner in der winterlichen Jahreszeit, und ein langer und

dicker, an beiden Enden mit Eisen beschlagener Stock, der gefürchtete

+Nâbut+ der Araber, diente ihm als Stütze, wie in anderen Fällen

als gefährliche Waffe einem Angreifer gegenüber.

„~Es-salam aleïk~“, „Heil sei mit dir!“ rief er mir zu,

indem er stille stand und mich verhinderte, den vor mir liegenden

Seitenweg einzuschlagen. Ordnungsmäßig gab ich auf den Friedegruß

die gewohnheitsmäßige, aber diesmal in höflichster Weise verlängerte

Antwort: „Und mit dir sei der Friede und Gottes Barmherzigkeit und sein

Segen!“

„Habt Ihr Lust, fuhr er nach dieser Einleitung und fast mit ängstlicher

Stimme fort, eine Antika zu kaufen? Sie gehört nicht mir, sondern

einem meiner Brüder, der krank darnieder liegt und des Geldes bedarf.

Vielleicht daß Ihr mir noch eine besondere Belohnung -- das bekannte

Backschisch -- für meine Vermittelung zukommen lasset.“

Bei diesen Worten schob er die Hand unter die Falten des Burnus, holte

einen in Fetzen eingewickelten Gegenstand hervor, den er langsam von

seiner schmutzigen Umhüllung befreite und mir überreichte, um ihn näher

zu prüfen.

Ich zündete den Stumpf einer Kerze an, die ich bei dem Besuch

dunkler Grabkammern stets bei mir zu tragen pflegte, und maßlos war

mein Erstaunen, als ich in der Antika ein zusammengerolltes, durch

sein hohes Alter hart und steif gewordenes Pergament erkannte. Die

Innenseite, wie ich gleichzeitig entdeckte, war mit Schriftzeichen in

schwarzer und roter Farbe bemalt und der Name eines uralten ägyptischen

Königs sprang mir sofort in die Augen.

Wir wurden schnell handelseins, selbst das Backschisch fand seine

angemessene Erledigung, und mit eilenden Schritten -- meine ganze

Müdigkeit war wie durch Zauber entschwunden -- stürzte ich über Stock

und Stein nach dem Ufer, um meinem Schatze bei heller Beleuchtung und

in aller Muße in dem Salon meines Nilschiffes näher auf den Leib zu

rücken.

Wem die Glücksgöttin das große Los über nacht in den Schoß wirft, der

kann noch lange nicht die begeisterungsvolle Freude empfinden, mit

welcher den Antiquar die plötzliche Hebung eines wertvollen Schatzes

auf dem Gebiete der Kunst und Wissenschaft erfüllt. Selbst Hunger und

Durst wird in den Hintergrund gedrängt vor der sehnsüchtigen Wißbegier,

den plötzlich und unvermutet gewonnenen Schatz einer prüfenden

Durchsicht zu unterziehen. Für diesen Abend hatte mein Koch umsonst

den Tisch bereitet. Ein Glas Nilwasser genügte vollständig, um den

leiblichen Bedürfnissen nach Speise und Trank für den Augenblick zu

genügen. Mein Geist schwebte über allem Irdischen und versetzte mich

wie im Fluge zurück nach den Anfängen des dritten Jahrtausends vor dem

Beginn unserer christlichen Zeitrechnung, als Pharao Amenemes I. und

sein Sohn und Nachfolger Usortisen I. gemeinschaftlich regierten als

Stifter jener glanzvollen zwölften Dynastie altägyptischer Könige,

deren Größe und Ruhm eine Glanzepoche innerhalb der ägyptischen

Geschichte bildet. Habe ich in meiner nach Generationen zeitlich

bestimmten Königstafel jenen Herrschern ein Alter von ungefähr

4400 Jahren vor unseren eigenen Tagen angewiesen, so kann ich mich

vielleicht um ein paar Jahrhunderte, aber nicht um ein ganzes

Jahrtausend geirrt haben. Ein bleibendes Denkmal und ein ehrwürdiges

Wahrzeichen jener Epoche, von welcher die Lederrolle spricht, ist der

berühmte Obelisk von Heliopolis, welcher noch gegenwärtig als letzter

Rest des vom Erdboden verschwundenen Sonnentempels von +On+ in

der Nähe von Kairo, bei Matarijeh, aufrecht dasteht und in seinen

Inschriften den vorher genannten König +Usortisen+ I. als Urheber

preist.

Die augenblickliche Prüfung der wertvollen Urkunde, die ich ihres

gebrechlichen Zustandes wegen nur teilweise aufzurollen und zu lesen

vermochte, weihte mich in folgende Thatsachen ein.

Im dritten Jahre der Regierung des erwähnten Königs (die historisch

beglaubigte Mitregierung seines Vaters Amenemes I. ist in der Datierung

übergangen worden) rief der König seinen Rat zusammen, um dessen

Meinung über seine Absicht zu hören, dem Sonnengotte auf der Stätte

von Heliopolis ein würdiges Heiligtum zu errichten. Die Mitglieder

des hohen Rates billigen den Entschluß ihres Herrschers und erklären

sich mit seinem Plane einverstanden. Der König vollzieht darauf in

höchsteigener Person „+die Ausspannung der Meßschnur+“, d. h. um

nach unserer Weise zu reden, die feierliche Grundsteinlegung.

Meine erste Sorge war es, die kostbare Urkunde meinem Vaterlande zu

erhalten, und es dauerte nicht lange, bis daß ich die Freude hatte,

sie im Besitze unserer königlichen Museen zu wissen. Es war seitdem

gelungen, das spröde Leder zu erweichen, wenigstens bis zu dem Grade,

um nach allen Seiten hin das Lesen der Schriftzüge zu ermöglichen. Der

Inhalt liegt somit der Forschung auf dem bequemsten Wege vor und wir

gewinnen zunächst eine genauere Einsicht in die Verhandlung, welche

der Grundsteinlegung eines monumentalen Gebäudes vor mehr als vierzig

Jahrhunderten voranging.

Die Sprache, in welcher das Schriftstück abgefaßt ist, zeigt den

altertümlichen Charakter ihrer Zeit, gewinnt aber gerade dadurch an

Reiz für uns Epigonen der Weltgeschichte. Es sei mir darum gestattet,

die wichtigsten Teile des auf zwei Seiten verteilten 39 Zeilen

enthaltenden Textes in einer möglichst dem Wortsinn sich annähernden

Übersetzung vorzulegen. Die Urkunde beginnt: „Im dritten Jahre, am...

Tage des dritten Monats der Überschwemmungsjahreszeit, unter der

Regierung des Königs von Ober- und Unterägypten Choper-ke-re, des

Sohnes der Sonne Usortisen I., des Triumphators, der ewig und immerdar

leben wird, schmückte sich der König mit der Doppelkrone Ägyptens, um

sich im Thronsaal zu einer Sitzung niederzulassen.“

„Die Beratung mit denjenigen, welche sich in seiner Umgebung befanden:

den Freunden, den..... des königlichen Hauses und den (sonstigen)

Würdenträgern, betraf eine zu gründende bauliche Anlage.“

„Die Reden fielen, abwechselnd hörte man sie und die Beratung berührte

die Ausschachtung des Erdbodens.“

„Der König erging sich über den Nutzen von Arbeiten, deren Gedächtnis

als Beweis vortrefflichster Handlungen der Nachwelt dastehen sollte.“

„Ich will ein Denkmal ausführen (so sprach er) und ein dauerndes.....

aufstellen dem leuchtenden Sonnengotte Horus zu Ehren.“

Seine weitere Rede versteigt sich zu einer dichterischen Sprache, die

sich in Lobeserhebungen auf den Lichtgott erschöpft, als dessen Sohn

der König sich betrachtet, der ihn auf den Königsstuhl gesetzt und dem

er durch Opfer und Weihgeschenke seine Dankbarkeit und seine Verehrung

öffentlich zu bezeigen sich verpflichtet fühle.

Der hohe Rat bleibt die Antwort darauf nicht schuldig, denn im Verlauf

der Urkunde heißt es weiter: „Da redeten die Freunde des Königs, indem

sie an ihren Gott (d. h. den Herrscher) eine Erwiderung richteten,

also: „Der Überfluß ruht in deinem Munde und die Sättigung steht bei

dir, du königlicher Gebieter! Deine Absichten seien verwirklicht.

Schmücke dich mit der Doppelkrone der Herrschaft über Süd und Nord, um

die Grundsteinlegung (wörtlicher: die Ausspannung der Meßschnur) an

deinem Gotteshause zu vollziehen.“

Damit ist auch ihre Rede noch nicht zu Ende. Der Panegyrikus der

hohen Beamten richtet sich nunmehr an den König selber, um seinen

Entschluß zur Anlage des Bauwerkes zu preisen und ihm anzuraten,

seinem Oberschatzmeister sofort den Befehl zu erteilen, die nötigen

Vorkehrungen zu treffen, die Bauhandwerker herbeizurufen und die Arbeit

sofort in Angriff nehmen zu lassen.

Der Schluß, wenn auch kürzer als alles Übrige gefaßt, krönt das Ganze.

Er lautet: „Der König schmückte sich mit dem Federndiadem und die Leute

standen neben ihm. Der oberste Schriftgelehrte las aus dem Buche über

die Ausspannung der Meßschnur und die Einpfählung des Holzpflockes in

den Erdboden. Nachdem das für diesen Tempel vollzogen war, ging seine

Majestät von dannen und wandte sich angesichts der [versammelten Menge]

um.“

Trotz der besonderen Schwierigkeiten, welche neben lückenhaften

Stellen die Entzifferung und Auslegung der Bauurkunden im einzelnen

darbietet, darf die richtige Auffassung des rein historischen Teiles

als vollkommen gesichert betrachtet werden und gerade diese ist es, auf

welche ich die besondere Aufmerksamkeit des Lesers richten möchte.

Zunächst erscheint die pharaonische Majestät durchaus nicht als ein

in seinem Willen unbeschränkter Autokrat. Wie im Kriege, so ist auch

im Frieden der König durch das herkömmliche Recht darauf angewiesen,

seine Pläne und Absichten einem hohen Rate, der aus den vornehmsten

Beamten, den sogenannten Freunden (den gleichbedeutenden Philoi am Hofe

der späteren Ptolemäerfürsten) an seinem Hofe bestand, zur Begutachtung

vorzulegen, wie es der Fall lehrt, bis zu der beabsichtigten

Ausführung eines monumentalen Werkes hin. Das dienstbereite und dem

König ergebene Beamtentum, meist aus den die Würden erbenden Familien

der altägyptischen Aristokratie hervorgegangen, wird kaum je sich

veranlaßt gefühlt haben, dem Willen des Pharao einen offenen Widerstand

entgegenzusetzen, aber nach Sitte und Brauch war der Fall vorgesehen

und die selbständige Ausführung der königlichen Entschlüsse eine Sache

der Unmöglichkeit. Der formalen Beratung mußte Genüge geleistet werden.

Bei der Grundsteinlegung der monumentalen Werke war der König in

vollster Staatstracht in eigener Person anwesend, um mit eigenen Händen

die Meßschnur auszuspannen und den Pflock in den Erdboden zu schlagen.

Gleichzeitig öffnete der „oberste Schriftgelehrte“ am königlichen

Hofe eine Papyrusrolle, um für das Ceremoniell des feierlichen Aktes

die erforderlichen Anweisungen zu geben. Und damit bin ich auf den

Punkt gelangt, für die Gründungsfeierlichkeiten die anziehendsten

Aufschlüsse der Denkmäler zu bieten. Die erwähnte +Meßschnur+ und

der +Pflock+ bilden dabei die Hauptsache.

Zur Erläuterung und zum besseren Verständnis des Nachfolgenden sei

vorausgeschickt, daß bei der Ausführung selbst die umfangreichsten

baulichen Anlagen im alten und, wie ich gleich hinzufügen will, selbst

im modernen Ägypten die solide Fundamentierung, nach unseren Begriffen

wenigstens, eine untergeordnete Rolle spielte. Baute man auf felsigem

Grunde, wie ihn die Wüste durch ihren Kalksteinboden darbietet,

so begnügte man sich damit, das Gestein zu ebnen und zufällige

Vertiefungen durch Mauerwerk auszufüllen. Ein so natürliches Fundament

stellt alles künstlich hergestellte in den Hintergrund und man begreift

vollkommen den Sinn des biblischen Gleichnisses von dem Bauen der

Kirche auf einem Felsen.

Anders lag die Sache, sobald es sich um die Ausführung eines Bauwerkes

auf dem schlammigen Boden des Nilthales selber handelte. Auch hierbei

ließ man die künstliche Fundamentierung aus dem Spiel, sondern nahm

zu dem Hilfsmittel seine Zuflucht, den vermessenen Baugrund in

erforderlicher Tiefe und Breite auszuschachten, den entstandenen hohlen

Raum mit genäßtem Wüstensand oder gestoßenen Scherben und Geröll

auszufüllen, um für den beabsichtigten Bau die nötige feste Grundlage

zu schaffen.

Man könnte geneigt sein, ein solches Verfahren mißfällig zu beurteilen,

um nicht von oberflächlichen oder gar liederlichen und kenntnislosen

Baumeistern zu sprechen, allein die Beobachtung hat gelehrt, daß

sämtliche Bauten, die uns erhalten geblieben sind und welche Erdbeben,

des Menschen Hand und der nagende Zahn der Zeit verschont hat,

Jahrtausende überdauert und an Festigkeit ihrer Fundamentierung nichts

verloren haben.

Die schlagendsten Beweise für die angeführte Art der Fundamentierung

in altägyptischer Zeit haben die so umfangreichen und von ganz

unerwarteten Erfolgen gekrönten Nachgrabungen des Engländers

Flinders Petrie in Ägypten geliefert, über welche mein Freund G.

Schweinfurth (in Petermanns Mitteilungen, 1890, Heft 2) wörtlich

folgende Bemerkung macht: „In Tanis sowohl wie zu Naucratis hatte

Petrie ausfindig gemacht, daß, wo nicht gerade Wüstenboden und Fels

einen sicheren Baugrund gewährten, die alten Tempelerbauer ihre

Mauern auf eine Lage von Sand (5 Meter) zu fundieren pflegten, mit

dem man eine entsprechende Ausschachtung des Nilthons gefüllt hatte.

Diese Eigentümlichkeit gestattet, innerhalb des Kulturlandes die

alten Mauerwerke auch an solchen Stellen genau festzustellen, wo sie

längst abgetragen und zerstört worden sind. Durch Sondierung nach den

entsprechenden Sandlagern vermochte Flinders Petrie im Bezirk des

großen Tempels von Arsinoë (in der Landschaft des Fajum) die Richtung

oder Ausdehnung der Tempelmauern leichter festzustellen.“

Den praktischen Nutzen dieses Verfahrens lernte ich selbst erst aus

einer Unterhaltung mit dem vorletzten Vicekönig von Ägypten, dem

seines Thrones verlustig gegangenen +Chedive Ismaël+ Pascha

kennen. „Wie sonderbar, bemerkte er mir eines Tages, daß die in Ägypten

lebenden Europäer sich darauf versteifen, bei dem Bau ihrer Häuser

der europäischen Gewohnheit zu folgen und Fundamentierungen, sogar

mit Kellerräumen darin, anzulegen. Sie scheinen nicht zu wissen, daß

bei jeder alljährlich eintretenden Überschwemmung das Grundwasser

die Fundamentierung durchzieht und der sich im ägyptischen Erdboden

bildende Salpeter allmählich die solidesten Steine zerfrißt. Sand,

Sand, das ist und bleibt das beste Fundament zu einem Hausbau in

Ägypten.“

Der Fürst hatte so unrecht nicht, denn ich konnte erfahrungsmäßig nur

bestätigen, daß in dem von mir in Kairo bewohnten und nach europäischem

Muster gebauten Hause die Kalksteinblöcke und das Ziegelwerk der

Kellerräume trotz der wenigen Jahre seit Aufführung des Hauses vom

Salpeter in so starkem Maße angefressen waren, daß ich mit +einem+

Finger ganze Lagen der Außenseiten mit Leichtigkeit abzulösen und

abzublättern imstande war. Bekanntlich ist das ganze Nilthal derart

mit Salpeter geschwängert, daß die Regierung an verschiedenen Orten des

Landes künstliche Bassins mit Erdumwallungen anlegen ließ, um Salpeter

für die Zubereitung von Schießpulver zu gewinnen.

Der Grundstein war es daher im Altertum +nicht+, welcher bei

der Feierlichkeit der Taufe eines Denkmales eine besondere Rolle

spielte, sondern der +Aufriß des Baugrundes+ auf dem Erdboden

mit Hilfe der +Meßschnur+ und des +Holzpflockes+, wobei die

+Erdhacke+, das älteste Ackerwerkzeug des ägyptischen Landmannes,

die Stelle des Zeichenstiftes vertrat und gewisse +Gestirne des

Himmels als Kompaß für die Achsenrichtung+ des zukünftigen Gebäudes

dienten.

Damit ist der Weg zum vollsten Verständnis der zahlreichen bildlichen

Darstellungen und Inschriften geöffnet, welche mit der Feier der Anlage

eines monumentalen Werkes in Zusammenhang stehen und die unerwartetsten

Einblicke in die Einzelheiten dieser Feier gestatten. Ich darf kühn

behaupten, daß ich heutzutage imstande bin, den Inhalt jenes Buches,

welches der „oberste Schriftgelehrte“ seinem Könige +Usortisen+

I. bei Veranlassung der Anlage eines Sonnentempels in Heliopolis vor

mehr als vierzig Jahrhunderten vorlas, mit derselben Genauigkeit

festzustellen, wie er es selber mit Hilfe seines beschriebenen Papyrus

mit der Überschrift: „+Über die Ausspannung der Meßschnur und das

Einpfählen des Pflockes+“ zu thun in der Lage war.

Und dieser Inhalt soll die nächste Fortsetzung und den Schluß

des von mir gewählten Themas bilden. Vor der Hand bin ich meinem

würdigen Thebaner noch einmal dankbar, mir durch den Verkauf seiner

altersgrauen Lederrolle den ersten Anstoß gegeben zu haben, meine ganze

Aufmerksamkeit genau von damals an auf das altägyptische Baugewerk zu

richten.

Die Denkmäler, soweit uns ihre letzten Reste ein Urteil darüber

gestatten, lassen in Bild und Wort die Gewohnheit der alten Ägypter

erkennen, mitten unter den zahlreichen Darstellungen, fast durchweg

mythologischen Inhalts, dem Gedächtnis des historischen Aktes ihrer

Grundsteinlegung durch den königlichen Erbauer eine besondere Stelle

einzuräumen. Für die älteren Zeiten, wobei ich an die letzte Hälfte des

zweiten Jahrtausends v. Chr. denke, schlug man ein ziemlich abgekürztes

Verfahren ein, um die Thatsache den späteren Geschlechtern zu melden.

Aus dem Morgenlande: Altes und Neues · 第 8 / 16 段