aufgefaßt, ist die merkwürdige Einschiebung im Koran, durch welche die
leichtfertige Frau des Potiphar ihren Fehltritt gegen die Ehre ihres
Mannes vor den Weibern ihrer Stadt zu rechtfertigen oder zu beschönigen
versucht.
„Aber die Frauen in der Stadt, so erzählt Mohammed, sagten: Die Frau
des vornehmsten Mannes forderte ihren jungen Sklaven auf, mit ihr zu
sündigen und er hat die Liebe für sich in ihrem Herzen angefacht und
wir sahen sie nun in offenbarem Irrtume.
„Als sie diese spöttischen Reden hörte, da schickte sie zu ihnen, um
sie zu einem für sie bereiteten Gastmahle einzuladen und legte einer
jeden ein Messer vor und sagte dann zu Joseph: Komm und zeige dich
ihnen!
„Als sie ihn nun sahen, da priesen sie ihn sehr, schnitten sich in ihre
Hände und sagten: Bei Gott! das ist kein menschliches Wesen, sondern
ein verehrungswürdiger Engel!“
„Darauf sagte sie: Seht, das ist derjenige, um dessentwillen ihr mich
so getadelt.“
In denjenigen Ländern des Ostens, in welchen das Verbot des Islam gegen
die bildende und malende Kunst, insoweit sie die gotteslästerliche
Nachahmung lebender Wesen betrifft, keine Beachtung mehr findet, und
es dem Künstler frei steht, mit der einzigen Ausnahme des Gesichtes
einer für heilig angesehenen Person, auch das Lebende mit Pinsel und
Farbe wiederzugeben, bildet die angeführte Stelle des Koran einen sehr
beliebten Vorwurf der künstlerischen Thätigkeit.
Ich hatte oft Gelegenheit, auf meinen Wanderungen im Lande Iran in
den Häusern selbst hochgestellter Personen von geistlichem Stande
Wandgemälden gegenüberzustehen, deren Gegenstand mir anfänglich
durchaus unverständlich war. Man stelle sich eine farbige Komposition
von mindestens hundert Personen vor, die sämtlich dem schönen
Geschlecht angehören und von denen jede, mit einem Messer in der
Hand, damit beschäftigt ist, einen Apfel zu schälen und in Stücke zu
schneiden. Aus den Fingern fallen reichliche Blutstropfen zur Erde
nieder. Aus Mangel an der richtigen perspektivischen Auffassung sitzen
die Gruppen der Frauen nicht nebeneinander, sondern übereinander.
Die Augen der versammelten Damenwelt sind auf ein schönes Pärchen
gerichtet, das über den Köpfen aller nebeneinander sitzt. Eine vornehm
gekleidete Frau wirft einen süßzärtlichen Blick auf ihr Gegenüber,
einen schönen rotwangigen Jüngling, der bescheiden das Auge zu Boden
senkt.
Das alles, was der Künstler damit sagen wollte, sollte als eine
Illustration zu der angeführten Koranstelle dienen. Die vornehme Frau
ist Madame Potiphar, der junge Mann neben ihr der schöne Sklave Joseph,
die versammelte Damenwelt stellt die eingeladenen Gäste dar, welche von
der Schönheit des Jünglings so berückt sind, daß sie kein Auge von ihm
lassen können und sich beim Apfelschälen in die Finger schneiden. Mögen
sich unsere Künstler ein Beispiel daran nehmen!
Man ist schon längst darauf aufmerksam geworden und hat es als eine
vollendete Bestätigung der Wahrheit des biblischen Berichtes mit Recht
angesehen, daß gewisse Einzelheiten der Erzählung so weit sie das
Verhältnis Josephs zu dem Pharao seiner Zeit berühren, sich durchaus
mit den Angaben der Denkmäler decken.
Dazu gehörte die Auslegung von Träumen fürstlicher Personen. Ein
zukünftiger Pharao, dessen Haupt dereinst die weiße Krone des Südlandes
oder Oberägyptens und die rote Krone des Nordlandes oder Unterägyptens
tragen sollte, sah im Traume zwei Schlangen neben sich, von denen die
eine mit der weißen, die andere mit der roten Königskrone auf dem Kopfe
geschmückt war. Als er aus dem Schlafe erwachte, warf er die Frage
auf „Warum ist mir dies geworden?“ Der Traum wurde ihm in dem Sinne
gedeutet, daß er über das ganze Ägypterland herrschen würde.
Das Wohlgefallen, welches Pharao an der Auslegung seines Traumes von
den sieben fetten und sieben mageren Kühen und von den sieben vollen
und sieben leeren Kornähren empfand, erhielt nach der biblischen
Erzählung seinen äußerlichen Beweis durch eine echt ägyptische
Investitur. Die Bibel sagt es mit klaren Worten: „Und that seinen Ring
(+Tabacat+) von seiner Hand, und gab ihn Joseph an seine Hand, und
kleidete ihn mit weißer Seide (+schesch+, nach Luther, richtiger:
in ein Byssosgewand) und hing ihm eine goldene Kette um den Hals.“
Genau ebenso verfuhr die ägyptische Majestät, wie es die Denkmäler
in Bild und Wort bezeugen, sobald sie das Verdienst eines Mannes nach
Gebühr zu belohnen im Begriff stand. Der königliche Siegelring, auch
in der altägyptischen Sprache mit dem Worte ~tabacat~ bezeichnet,
wurde dem zukünftigen Würdenträger verliehen, ihm ein Festgewand aus
feinster Byssosleinewand (+sches+) und die unvermeidliche „goldene
Kette“, an Stelle unserer modernen Ordensdekorationen, feierlichst und
vor versammeltem Volke überreicht. Das Umbinden der goldenen Kette um
den Hals bildete sogar einen sehr beliebten Vorwurf des hierarchischen
Ehrgeizes bis in die Gräberwelt hinein.
Viel bedeutungsvoller, weil die genaueste Kenntnis mit dem
altägyptischen Titelwesen vorauszusetzen ist, sind dagegen der Name
und die Bezeichnungen der Würden, welche Pharao dem ehemaligen Sklaven
asiatischer Abkunft verleiht.
Der König wählt für ihn einen ägyptischen Namen aus, den Joseph fortan
zu führen ermächtigt wird. Er nennt ihn +Zaphnathpaneach+, was
freilich unser Luther irrtümlich, älteren Auslegungen folgend, durch
„heimlicher Rat“ verdeutscht hat. Sinnvoll, wie alle ägyptischen
Eigennamen bedeutet der aus mehreren Wörtern der ägyptischen Sprache
zusammengesetzte Name: „+Es sprach Gott: Er lebe.+“
Unter den Würden, welche Pharao dem jungen Beamten verlieh, ist keine,
welche in den ägyptischen Inschriften nicht ihr Gegenstück fände.
Josephs Ernennung zum +Ab+ -- Luther hat das ägyptische Wort
für das gleichlautende ebräische mit dem Sinne von „Vater“ gehalten
-- ist gleichbedeutend mit unserem deutschen „Beschließer“, und als
das hohe Amt jener in der nächsten Umgebung des Pharao befindlichen
und häufig aus gekauften Sklaven (den modernen +Mamelucken+)
bestehenden Hofdienerschaft zu bezeichnen, denen nach dem Beispiel
der heutigen +Abdar+ in den Palästen der orientalischen Fürsten
die Sorge überlassen blieb, das königliche Eigentum bis zu den
Speisen und Getränken hin unter Siegel zu halten. Daß die Stellung
der „Beschließer“, und zwar mit dem Siegel Pharaos, den Wert eines
Vertrauenspostens hatte, liegt nach dem Gesagten auf der Hand.
Joseph erhält einen noch höheren Beweis der pharaonischen Gnade
durch seine Erhebung „zum Fürsten in ganz Ägyptenland“, genauer zum
+Adon+ von ganz Ägypten oder des Stellvertreters, denn diesen
Sinn schließt das wiederum echt ägyptische Wort +Adon+ in sich,
des Regenten selber. Auch dieser Titel, und zwar genau in derselben
Fassung, kehrt auf einzelnen Denkmälern zur Bezeichnung des höchsten
Amtes im Staate wieder, häufig genug mit dem Zusatz hinter dem Namen
des altägyptischen Reichskanzlers: „Der Zweite nach dem König“.
Dasselbe sagte auch die biblische Überlieferung mit den Worten Pharaos
von Joseph aus: „allein des königlichen Stuhles will ich höher sein
denn du.“
So erscheint Joseph auf Grund seiner Titel als ein Vertrauter am Hofe
Pharaos, dem die Verwaltung des königlichen Hauses („Du sollst über
mein Haus sein“, ganz in Übereinstimmung mit dem ägyptischen Titel des
+Hri-pir+ oder der über das Haus gesetzt ist) übergeben war, und
der als erster Reichsbeamter die höchste Stelle im Staate bekleidete.
Der ägyptische Name Josephs: „+Zaphnathpaneach+“ und die zweimal
in der heiligen Schrift wiederkehrenden Eigennamen +Potiphar+
und +Potiphera+, altägyptisch: Petiphera „das Geschenk der
Sonne“, haben ihre eigene Bedeutung für die äußerste Grenze der
Abfassung der biblischen Erzählung vom Joseph in Ägypten. Sie sind den
älteren Epochen der Denkmälerwelt vollständig ihrer ganzen Bildung
nach unbekannt und treten als Namen echter Ägypter zum erstenmale im
+neunten Jahrhundert+ v. Chr., also etwa volle Tausend Jahre
+nach+ den in der Schrift geschilderten Begebenheiten auf.
Frühestens in dieser Zeit hatte der unbekannte mit ägyptischen
Verhältnissen so wohl vertraute Herausgeber der Geschichte Josephs die
vorhandenen schriftlichen Überlieferungen, deren ältere und jüngere
Redaktionen die Verschiedenheit in der Anwendung der Gottesnamen Elohim
und Jehovah in erster Linie verraten, zu einem Ganzen verarbeitet,
wie es den Lesern der Bibel späterhin geboten ward. Die Namen, welche
ich soeben angeführt habe, beruhten auf seiner Erfindung, wie er denn
überhaupt Ägypten und die ägyptische Hofhaltung von seinem späten
Standpunkte aus behandelt hat.
Es tritt die Frage nahe, in welcher Zeit und unter welchem Könige
Ägyptens Joseph gelebt haben möge, d. h. also unter einer Regierung,
unter welcher der Nil sieben Jahre lang seine Schuldigkeit zu thun und
das Land zu überschwemmen verabsäumt hatte.
Von Jahren der Hungersnot, sogar von „vielen Jahren des Hungers“ ist
auf den Denkmälern in einzelnen Inschriften die Rede. Die paar Stellen,
in welchen sich diese allgemeinen Andeutungen vorfinden, gehen jedoch
in die ältere Periode der ägyptischen Geschichte zurück, ohne eine
Gewähr dafür zu bieten, daß dies ausschließlich nur für die Altzeit
anzunehmen sei. Die Notiz, welche irgend ein Gelehrter dem Namen des
vierten ägyptischen Königs +Uenephes+ oder +Venephis+ in der
manethonischen Königsliste beigeschrieben hat: „zu dessen Zeit eine
Hungersnot wütete“, ist ebenso nebelhaft als der König, auf welchen sie
sich bezieht, und hat scheinbar keine Bedeutung zur Entscheidung der
Frage, die mich beschäftigt.
Aber anders sieht es mit einem Denkmale aus, das soeben erst einer
zweitausendjährigen Vergessenheit entrissen und auf photographischem
Wege zur Kenntnis der gelehrten Welt gebracht worden ist. Die lange
Inschrift, welche den Gegenstand meiner Betrachtung bilden soll, ist
das Neueste und das Wertvollste, was seit langem den ägyptologischen
Wissenschaften geboten worden ist, denn gerade sieben Jahre der
Hungersnot finden sich darin ausdrücklich erwähnt und zwar im
Zusammenhange mit einem geschichtlichen Datum.
Bekanntlich bildet der erste Wasserfall bei der modern ägyptischen
Stadt Assuan, der älteren Stadt Syene, deren ägyptischer Name Siwene
so viel als „Handelsplatz“ bezeichnet, die Südgrenze des ägyptischen
Reiches. Sie liegt am rechten Ufer des Nils in einer palmenreichen
Gegend; in ihrer Nähe befinden sich die weltberühmten Steinbrüche von
Rosengranit, aus welchen die pharaonischen Baumeister und Künstler
das Hartmaterial zu ihren Werken zu beziehen pflegten. Die riesigsten
Blöcke, ich habe nur an die Obelisken zu erinnern, fanden ihren Weg von
hier aus nach den nördlich im Lande gelegenen Städten und Tempeln.
Gegenüber von Syene breitete sich die gleichfalls von Palmen bekränzte
Insel Elephantine aus, offenbar so benannt als Stapelplatz für das
sudanesische Elfenbein. Die Tempelbauten, welche meist die Insel
schmückten, sind bis auf wenige Überreste vom Erdboden verschwunden und
mächtige Scherbenhaufen allein bezeichnen heutzutage ihren ehemaligen
Standort.
In den Zeiten der späteren ägyptischen Dynastien, als Äthiopien
für Ägypten so gut wie verloren war und Einfälle der dunklen
Bevölkerung, nach der ägyptischen Grenze hin, die südlichsten Teile
des Pharaonenreiches bedrohten, befand sich regelmäßig eine ägyptische
Garnison auf Elephantine, um die Grenze zu decken und über die
Sicherheit der Gegend zu wachen. Schon der alte Herodot weiß davon zu
erzählen, denn er berichtet von 240000 Mann -- ein wenig stark als
eine bloße Garnison auf der schmalen Insel -- die unter dem ersten
Psammetichos, um die Mitte des siebenten Jahrhunderts v. Chr., von
Elephantine über die Grenze nach Äthiopien hinein abzogen, weil sie
vergeblich nach dreijährigem Aufenthalte auf ihre endliche Ablösung
gewartet hatten und des königlich ägyptischen Dienstes überdrüssig
geworden waren. Griechen und Römer setzten die alte Gewohnheit
des Garnisondienstes fort und Hunderte in griechischer Sprache
niedergeschriebene Sold- und Steuerquittungen auf Scherbenstücken
bezeugen in Schrift und Sprache die Anwesenheit ausländischer
Truppenkörper.
Der Hauptstock der Bevölkerung der Insel und der gegenüberliegenden
Stadt Syene bestand aus dunkelfarbigen Äthiopen vom Stamme der Kensi,
die nordwärts bereits etwa in der Nähe der heutigen Stadt Edfu in
Oberägypten ihre nördlichsten Ansiedlungen besaßen und südwärts bis
zum zweiten Wasserfall bei dem heutigen Wadi Halfa sich ausdehnten. Es
waren die Vorfahren der in der Gegenwart unter dem Namen der Berabira
oder Barberiner bekannten Bevölkerung, die längs der schmalen Nilufer
zwischen den vorher genannten Punkten und südlich über Wadi Halfa
hinaus bis nach Dongola hinauf ansässig sind und mit schweizerischer
Anhänglichkeit ihre traurige, wenn auch sonnige Heimat lieben. Ihre
Sprache, das sogenannte Nuba, scheint die Tochter des ehemaligen
Äthiopischen zu sein, das in Meroë die Hauptstätte seiner Entwickelung
fand und sich bis zu den Küsten des Roten Meeres hin ausdehnte.
Wenigstens lassen sich mehrere von den Alten überlieferte Wörter der
altäthiopischen Sprache nur mit Hilfe des modernen Nuba erklären.
Wenn beispielsweise Plinius den Namen der häufig von Nebeln umhüllten
und daher von den Schiffen gesuchten Topasen-Insel durch das Wort
+topazin+ erklärt, das in der Sprache der Troglodyten oder der
Höhlenbewohner in der Nähe der Küste so viel als „suchen“ bedeute, so
ist diese Erklärung vollkommen zutreffend, da noch in der heutigen
Sprache des Nuba +tabe-sun+ den Sinn von so viel als „du suchtest“
besitzt.
Es erklärt sich hieraus zur Genüge, daß im Altertum das sogenannte
Vorder- oder Oberland oder die nubische Provinz des ägyptischen
Reiches nicht mit der Insel- und Hauptstadt Elephantine, sondern weit
nördlicher ihren Anfang nahm, etwa in der Nähe von Edfu, woselbst
die dunkelfarbige Bevölkerung die ägyptische „rote“ Rasse nordwärts
ablöste. Das ist auch heutigestags der Fall.
In der Abbildung über der obenerwähnten Felseninschrift erscheint ein
König Ägyptens in altertümlicher pharaonischer Tracht, welcher drei
Gottheiten ein Rauchopfer darbringt. Die Beischrift nennt seine Titel
und Namen. Es ist König Toser, sonst auch in den Königslisten Toser-Sa
genannt, ein König der dritten Dynastie nach der manethonischen
Königsliste, in welcher er unter der griechischen Umschrift Tosortasis
an der bezeichneten Stelle wieder erscheint. Er gehört unter die Zahl
jener sagenhaften Herrscher, von welchen bis auf die oben erwähnte
Inschrift noch keine Denkmäler entdeckt worden sind.
Ihm gegenüber befindet sich der widderköpfige Kataraktengott Chnubis
von Elephantine in Begleitung von zwei Göttinnen, Satis und Anukis,
welche die Nilschwelle, die kommende und die gewordene, symbolisieren.
Der Gott verspricht nach den Worten des neben ihm stehenden Textes dem
König: „Ich schenke dir die Überschwemmung für jedes Jahr.“
Der darunter eingemeißelte, aus nicht weniger als zweiunddreißig langen
Kolumnen bestehende Text ist schon durch seine Einleitung von höchster
Bedeutung für die sieben Jahre der Hungersnot unter Josephs Regiment
in Ägypten, wie es der Leser selber aus der folgenden, möglichst
wörtlichen Übertragung der ersten vier Zeilen beurteilen kann.
„Im Jahre 18 der Regierung des Königs Tosertasis, damals, als erblicher
Fürst und Regent der Städte des Südens und Landpfleger der nubischen
Völker in Elephantine Madir war, da wurde diesem die folgende Botschaft
des Königs zu teil.
„Ich trage Kummer um den Thronsitz und die Insassen des Palastes. Es
ist in Trauer versenkt meine Seele wegen des übergroßen Unglücks, darum
weil die Nilflut in meiner Regierungszeit sieben Jahre lang nicht
eingetreten ist.
„Es herrscht Mangel an Getreide, es fehlen die Kräuter, und es ist eine
Leere an allem, was zur Speisung dient. Jedermann wird ein Räuber an
seinem Nächsten.
„Man will sich vorwärts bewegen, kann aber nicht gehen. Das Kind
vergießt Thränen, der Jüngling schleicht einher und die Alten, ihre
Seele ist niedergebeugt, ihre Beine sind zusammengekrümmt und auf dem
Boden ausgestreckt, und ihre Hände ruhen im Busen.
„Die Großen des Reiches sind ratlos. Die Vorratskisten werden
aufgerissen, aber nur Luft ist ihr Inhalt, denn alles, was vorhanden
war, ist aufgezehrt.“
Der Brief des Königs an den Fürsten von Elephantine +Madir+ oder
+Matir+, dessen Name ziemlich unägyptisch lautet und an den
ebräischen Eigennamen Matri (I. Sam. 10, 21) erinnert, beginnt also mit
einer Schilderung des allgemeinen Elends infolge der siebenjährigen
Hungersnot, die in der Bibel (I. Mos. 41, 56) mit den kurzen Worten
angedeutet ist: „Da nun das ganze Ägyptenland auch Hunger litt, schrie
das Volk zu Pharao um Brot.“
In der weiteren Entwickelung der Inschriften wird der Leser durch
die Fortsetzung des pharaonischen Sendschreibens davon unterrichtet,
daß der König sich an denjenigen seiner Gouverneure wendete, welcher
in Elephantine, d. h. in der Nähe der vermeintlichen Nilquellen auf
nubischem Gebiete seines Amtes waltete, um die Ursache der seit
sieben Jahren fehlenden Überschwemmung des Stromes zu erfahren. Seine
Hauptfrage berührte zwei sehr wesentliche Punkte, die Stelle des
Ursprungs des Niles und das Wesen der daselbst verehrten Gottheit.
„Sage mir, so schreibt er, wo ist die Stätte der Entstehung des
Nilstromes, welcher Gott oder welche Göttin ist der Schutzpatron (?) an
derselben und wie ist seine Gestalt?“
Madir machte sich auf den Weg, um zum Hofe des Königs in Memphis zu
gelangen und seinem Herrn und Gebieter persönlich Bericht abzustatten.
Seine Schilderung ist fast von dichterischem Schwunge und verrät im
einzelnen manches Altertümliche in Form und Fassung. Er leitet sie mit
den Worten ein: „Es liegt eine Stadt inmitten des Stromes, bei welcher
der Nil zum Vorschein kommt. Elephantine heißt sie von alters her. Es
ist die erste Stadt und der erste Gau, nach dem Negerlande Wawa zu,
der Anfang des ägyptischen Reiches.
„Es ist die hohe gewölbte Treppe, auf welcher der Sonnengott zur Zeit
der Frühlingsgleiche nach ihrer Rechnung emporsteigt, um allen Menschen
das Leben zu fristen. Anmutig zu leben, so heißt diese seine Wohnstätte.
„Die beiden Quelllöcher, also heißt das Gewässer. Das sind die Brüste,
welche allem Gedeihen schenken. Sie sind das Ruhebett für den Nil.“
Nach vervollständigter Schilderung fährt er fort, um die Natur des
Niles und des Schutzgottes Chnubis weiter auszumalen: „Er steigt (bei
Elephantine) achtundzwanzig Ellen empor und er sinkt bei Diospolis
in Unterägypten bis auf sieben Ellen. Die Sonne der Frühlingsgleiche
erscheint dort als Gott Chnubis. Er schlägt den Boden mit seinen
Fußsohlen und es mehrt sich die Fülle. Er öffnet den Riegel des Thores
mit eigener Hand und die Thüren seines Wasserspundes thun sich weit
auf.“
In der weiteren Fortsetzung seines Berichtes, die sich zunächst noch
mit dem Wesen des Gottes beschäftigt, ergeht sich der Berichterstatter
über die Insel und die Reichtümer der natürlichen Produkte in
ihrer Umgebung. Vor allem sind es die Edelsteine und das zum Bauen
verwendbare Material in den Gebirgen, welchen die Beschreibung gewidmet
wird. Jedes Erzeugnis wird mit botanischer und zoologischer Genauigkeit
geschildert und jede einzelne Pflanze und Steinart ihrem Namen nach
aufgeführt.
Der König ist entzückt von der Darstellung und fühlt sich für die
Zukunft beruhigt. „Meine Seele ist froh, so drückt er sich wörtlich
aus, nachdem ich solches gehört habe.“
Er begiebt sich nach Elephantine, um dem ihm bis dahin unbekannten
Gotte durch Opfer und Gebete seine Huldigung zu bezeugen, und der Gott
ist nicht unempfänglich für diese königliche Verehrung. Der König
erzählte: „Ich fand den Gott vor mir stehen, und ich betete ihn in
Demut an. Sein Auge that sich auf, sein Herz ward gerührt, und also
erscholl seine Stimme: ‚Ich bin der göttliche Baumeister (Chnum), der
dich erschaffen hat. Meine Hände ruhten auf dir, um deinen Körper zu
fügen und deinem Leibe Gesundheit zu verleihen. Ich flößte dir deine
Seele ein.‘“
Der Gott erleuchtete den Pharao über sein Wesen in längerer Rede
und fährt darauf fort: „Ich werde für dich die Nilflut ohne Fehl
alljährlich eintreten lassen, und sie soll sich niederlassen auf alles
Land. Es soll sprossen der Pflanzenwuchs, und sich beugen, was da
Mehl trägt. Der göttliche Segen soll auf allen Dingen ruhen und alles
millionenfach nach der Elle des Jahres sich mehren. Voll sollen haben
die Untergebenen und die Zuversicht in ihrer Seele samt ihrem Herrn
aufleben. Vorübergehen soll das Elend. War der Mangel bisher in den
Vorratskammern, so soll nun das Ägyptervolk auf das Feld gehen. Die
Auen werden strahlen und das Getreide soll auserlesen werden. Grünen
(d. h. erfreut sein) sollen ihre Herzen mehr als je vorher.“
Einem solchen Versprechen gegenüber gewinnt der König seinen ganzen
Mut wieder. Seine Worte, die sich den vorangehenden unmittelbar
anschließen, sagen dies auf das Klarste, geben aber auch zugleich
seinen Entschluß kund, sich dem Gotte für alle Zukunft hin dankbar
zu erweisen. Und das war, um es gleich von vornherein zu sagen, der
eigentliche Zweck der ganzen Inschrift.
„Ich fühle mich erweckt bei der Aussicht auf die Pflanze. Mein Mut kam
wieder und ins Gleichgewicht trat meine Niedergeschlagenheit.“
„Ich erließ folgenden Befehl an der Stelle, wo mein Vater, der
göttliche Baumeister weilt: ‚Ich, der König, gewähre dir, Gott Chnubis,
dem Herrn des Kataraktenlandes auf nubischem Gebiete, den Unterhalt als
Dank für das, was du mir thun wirst.‘“
Der „Unterhalt“ Gottes lief auf eins hinaus mit den notwendigen Mitteln
zu den üblichen Festopfern und zur standesgemäßen Ernährung der
Priester und zu sonstigen zum Tempelkult erforderlichen Ausgaben.
In diesem Falle sollte im Umkreise von zwanzig ägyptischen Meilen,
Schoinen nannten sie die Griechen, der Zehent für alle Zeiten erhoben
werden. Diese heilige Abgabe ist nicht bloß ägyptischen Ursprunges,
sondern auch bei semitischen und indogermanischen Völkern, ich erinnere
an die Ebräer und an die alten Deutschen, Brauch gewesen. Der zehnte
Teil der Einkünfte aus den Bodenprodukten, aus der Gewerbsthätigkeit,
aus der Kriegsbeute u. s. w. gehörte der Gottheit und ihrem
Priestertume an.
König Toser fühlte sich beflissen, den Zehent dem göttlichen Baumeister
zukommen zu lassen und so erfährt man aus dem Wortlaut der Inschrift
eine Menge von Einzelheiten, die einen Einblick in die Auflage der
heiligen Steuer nach ägyptischem Brauche gestatten.
Zunächst sind es die Bauern, die von ihren Ernten den zehnten Teil
als jährliche Abgabe an den Gott entrichten sollten. Ihnen schließen
sich die Jäger, Vogelfänger und Fischer an, denen der Zehent ihrer
Jagdbeute in gleicher Absicht auferlegt wurde. Dem Viehzüchter wird es
aufgegeben, jedes zehnte Kalb als Opfertier abstempeln zu lassen.
Viel wichtiger ist der darauf folgende Zehent auf alle von Äthiopien
aus nach Ägypten importierte Waren. Elephantine bildete das
Hauptsteueramt an der Grenze. Die eingeführten Produkte werden bei
dieser Veranlassung der Reihe nach in der Inschrift aufgeführt. An der
Spitze der äthiopischen Landeserzeugnisse stehen: Gold, Elfenbein,
Ebenholz und sonstige wertvolle Hölzer und Pflanzen oder deren Früchte.
Ausdrücklich wird von Pharao an die Zollbeamten die Mahnung gerichtet,
die Kaufleute, seien es Äthiopier oder Ägypter oder wer immer,
unangetastet zu lassen, nichts von ihnen zu fordern, da der Zehent des
Imports voll und ganz dem Schatzhause des Gottes angehöre. Auch den
Karawanenführern wird der Rat erteilt, jede Art von Bestechung der
Beamten zu unterlassen. Eine deutliche Anspielung auf den Backschisch
oder das übliche „Geschenk“, das im modernen Orient bis in die
Gegenwart hinein bekanntlich eine Hauptrolle im Verkehr mit amtlichen
Personen spielt.