Es ist, wie gesagt, die Aufgabe der berechnenden Chronologie, den

gegebenen Tag aus irgend einer dieser Ären in dem entsprechenden

(julianischen) Datum unserer eigenen christlichen Ära wiederzufinden,

wobei die Astronomie ein wichtiges Hilfsmittel für die genauen

Bestimmungen bildet. Gelegentlich überlieferte Sonnen- oder

Mondfinsternisse und sonst auf die Bewegung der Gestirne bezügliche

Zeitangaben aus einer der angeführten Ären vollenden den Beweis

für das genau Zutreffende in den ausgeführten Berechnungen. Für

den Geschichtsforscher bieten die vergleichenden Tabellen der

korrespondierenden Jahre und Jahresanfänge, wie sie in unserer

Gegenwart in vielfachen Bearbeitungen vorliegen, ein ausgezeichnetes

Mittel, um die chronologischen Feststellungen mit Leichtigkeit

auszuführen oder einen begangenen Irrtum als Fehler nachweisen zu

können. Jenseits des achten Jahrhunderts vor dem Anfang unserer

Zeitrechnung ist der Gebrauch einer angewandten Ära in keinem Falle

nachweisbar. Die Chronologie ist deshalb auf Kombinationen angewiesen,

welche heutzutage in der Geschichte der ältesten Völker der Erde:

der Ägypter, Babylonier und Assyrer, den Gegenstand der gelehrten

Untersuchungen bilden.

Der Grund für diese Erscheinung ist leicht einzusehen. Die eigentliche

Geschichtsschreibung hatte vor dieser Zeit noch keinen Vertreter

gefunden. Wir besitzen nicht einmal die zusammenhängende Darstellung

irgend eines Teiles aus dem historischen Leben eines der vorher

erwähnten Völker, und die Inschriften auf den noch erhaltenen

Steindenkmälern, Papyrusrollen und Thontafeln lassen keine Spuren

erkennen, welche, und am allerwenigsten, auf eine kritische Behandlung

der Zeitgeschichte hinwiesen. Die Aufgabe des Historikers war von

keinem gelöst worden, der in jenen ältesten Kulturreichen die

Geschichte seines Volkes und seiner Zeit aus eigenem Augenschein kennen

gelernt hatte. Erst mit Herodot, in der Mitte des fünften Jahrhunderts

v. Chr., bricht sich die Geschichtsschreibung im höheren Sinne des

Wortes ihre Bahn und behandelt ihren Stoff mit selbständigem Urteil,

wie es dem damaligen Zeitalter der Menschheit entsprach. Nicht mit

Unrecht wird Herodot deshalb als der Vater der Geschichte von seinen

Nachfolgern bezeichnet.

Die Denkmäler lassen es durchaus nicht an Nachrichten fehlen, welche

chronologische Bestimmungen enthalten, aber diese Bestimmungen reichen

nicht aus, um für die zusammenhängende Chronologie als feste Grundlagen

zu dienen. Die Zeitangaben, wenn solche überhaupt zum Vorschein kommen,

werden nach Tag, Monat und Jahr des regierenden Königs angegeben,

wobei nicht einmal die Sicherheit der Jahreszahl der Regierung in

allen Fällen unbezweifelt bleibt. Um mit den Ägyptern anzufangen, so

ist es eine erwiesene Thatsache, daß bis zu den Ptolemäern hin nach

einer gewissen Reihe von Jahren der Regierung des Vaters der Sohn

als Mitregent auftrat und die Jahre seiner späteren selbständigen

Herrschaft nach dem Tode des Vaters von dem Zeitpunkt seiner

Mitregentschaft zählte. Es ist ebenso erwiesen, daß ein vertriebener

König nach dem Sturze seines königlichen Gegners wiederkehrte und die

Regierungsjahre desselben seinem eigenen Konto hinzufügte. Jeder König

war der Stifter seiner eigenen Ära, die mit seinem Tode erlosch, um

der Ära seines Nachfolgers den Platz einzuräumen. Gesamtsummen, welche

die Regierung mehrerer Könige, etwa einer Dynastie, umfassen, kommen

nirgends zum Vorschein, mit einer einzigen Ausnahme, des berühmten

hieratischen Papyrus der ägyptischen Königsreihen (im Museum von

Turin), welcher in seinem zerstückelten Zustande der Chronologie

in ihrem Zusammenhange keine Dienste zu leisten vermag. Was sein

Fund wahrscheinlich macht, betrifft das schon im Altertum gefühlte

Bedürfnis, die Namen der Könige und ihre Regierungsdauer nach Jahren,

Monaten und Tagen anzugeben, nach Dynastien zusammenzustellen und

schließlich summarisch zu berechnen. Die Tempelarchive mußten manche

Materialien dazu enthalten, wenn auch bereits in den späteren Zeiten

des Altertums vieles im Strom der Zeiten verloren gegangen war. Ob

man schon damals die Fremdherrschaften und die Reihe der Gegenkönige

mitgezählt hatte, ist wiederum eine offene Frage. So genau wir in Bezug

auf einzelne Könige über die Dauer ihrer Herrschaft unterrichtet sind,

so wenig reicht dies aus, um mehr als ihre relative Stellung in der

ganzen Reihe der übrigen von chronologischem Standpunkte aus beurteilen

zu können.

Das Werk eines griechisch gebildeten Ägypters, des Priesters Manetho

aus der unterägyptischen Stadt Sebennytus, welches derselbe über die

Geschichte der Ägypter in griechischer Sprache in den Zeiten der

ersten Ptolemäer niedergeschrieben hatte, ist nur in schalen Auszügen

beim Josephus und bei einzelnen christlichen Kirchenschriftstellern

auf uns gekommen. Abschreiber haben Namen und Zahlen des Originals

verdorben und jüdische oder christliche Geschichtsschreiber zu

gunsten der eigenen Sache manches darin entstellt. Immerhin bilden

die überlieferten Fragmente in unserer Zeit die Grundlagen aller

Versuche eines chronologischen Aufbaues der ägyptischen Geschichte.

Den ersten Schwierigkeiten begegnet man in der Annahme oder Abweisung

von Nebendynastien; die einen kämpfen dafür, die andern dagegen, so

daß die Differenzen über 2000 Jahre auseinander gehen. Jeder Forscher,

wie dies wirklich und mit Recht bemerkt worden ist, trägt seine eigene

Chronologie in der Tasche. Der erste König Ägyptens, Menes, bestieg

nach A. Böckh 5702, nach Lepsius 3892, nach Bunsen 3623, nach andern

5613, 4455, 4157, 3917 u. s. w. den Thron. Wo herrscht auch nur die

Wahrscheinlichkeit einer annähernd richtigen Bestimmung? Das einzige

übereinstimmende Ergebnis der gelehrten Untersuchungen läuft auf die

Erkenntnis hinaus, daß die ägyptischen Könige bereits jenseits der

Grenzscheide des vierten Jahrtausends im Nilthale ihre Herrschaft

ausgeübt hatten.

Nur dem Mangel einer festen Ära ist diese Unsicherheit aller

chronologischen Bestimmungen zuzuschreiben. Man begreift es daher,

wenn der Priester und nachherodotische Geschichtsschreiber Manetho,

um diesem Mangel abzuhelfen, zuerst den Versuch wagte, die sogenannte

Sothis- oder Hundssternperiode für die berechnende Chronologie

der ägyptischen Dynastien zu verwerten. Das ägyptische Wandeljahr

von 365 Tagen begann mit dem 19./20. Juli (julianisch), an dessen

Morgendämmerung die Sothis oder der Hundsstern in nächster Sonnennähe

aufging. Der fehlende Vierteltag zum Sonnenjahr war schuld, daß

derselbe Stern jedesmal nach vier Jahren einen Tag später aufging und

erst nach 365×4 oder 1460 Sonnenjahren = 1461 Wandeljahren wieder an

seine alte Kalenderstelle zurückkehrte. Das war nach den historischen

Überlieferungen in dem Jahre 1322 vor und 139 nach dem Anfang unserer

christlichen Zeitrechnung geschehen, also der Berechnung nach auch

vorher in den Jahren 2784 und 4245. Aber kein gleichzeitiges Denkmal

und keine Inschrift erwähnt dieses Zusammentreffens, noch wird es mit

dem Namen irgend eines Königs in Verbindung gesetzt. Nur ein einziges

Mal wird der Frühaufgang des Hundssterns am 328. Tage des Jahres in

einem unbekannten Regierungsjahre Königs Thotmosis III. (aus der

achtzehnten Dynastie) auf einem Denkmale erwähnt, was nur in den Jahren

1477 bis 1474 stattfinden konnte. Eine so wertvolle Angabe, welche die

Wissenschaft einem ganz zufälligen Funde auf der Insel Elephantine

verdankt, kann in keiner Weise durch die wirklich ausgesprochene

Voraussetzung hinfällig werden, daß der Steinschneider sich in der

Bezeichnung der Monatszahl geirrt und den 328. an Stelle des 298. Tages

des Jahres eingesetzt habe. Zwei Neumonde, welche aus dem 23. und 24.

Regierungsjahre desselben Königs nach ihrem Tages- und Monatsdatum in

den Inschriften gelegentlich aufgeführt werden, stehen mit der Epoche

des erwähnten Königs nach dem Frühaufgang des Hundssterns in festem

Zusammenhang. Mit ihrer Hilfe ist es gelungen, infolge astronomischer

Berechnungen die genaue Regierungszeit Pharaos Thotmosis III. (vom 20.

März 1503 bis zum 14. Februar 1449) festzustellen. Böckh hatte auf

Grund seiner chronologischen Behandlung der manethonischen Listen das

Jahr 1586 als den Anfang seiner Regierung herausgerechnet, Lepsius

1597, beide sich daher um 83, bez. 94 Jahre von der wirklichen Zahl

entfernt, zur Warnung, mit welcher Vorsicht die manethonischen Angaben

zu behandeln sind.

Welche Dienste nicht nur in diesem Falle, sondern bei vielen ähnlichen

Gelegenheiten die berechnende Astronomie dem Geschichtsforscher

leistet, ist längst anerkannt und oben von mir bereits angeführt

worden. Die in historischen Überlieferungen enthaltenen Angaben von

Sonnen- und Mondfinsternissen bis zu den vergangenen Jahrtausenden

hinauf sind es hauptsächlich, deren astronomische Bestimmung die

unverrückbaren festen Punkte in der Geschichte der Vergangenheit der

Völker geliefert hat. Mit welcher Mühe und Arbeit diese astronomischen

Berechnungen jedoch verbunden sind, um die Sicherheit der Ergebnisse

dem Geschichtsschreiber zu Gebote zu stellen, das mag Th. von Oppolzers

berühmtes Werk „Kanon der Finsternisse“ beweisen, welches in 242 dicken

Foliobänden 10 Millionen Ziffern in sich schließt und die Daten von

8000 Sonnen- und 5200 Mondfinsternissen in der Zeit von 1207 v. Chr.

bis zum Jahre 2163 n. Chr. umfaßt. Es bedurfte einer ungeheuren Arbeit,

an der sich zehn gelehrte Rechner jahrelang beteiligten, um diese

Verzeichnisse herzustellen. Aber ihr Nutzen für den Geschichtsschreiber

leuchtet ein, sobald man die Beispiele näher prüft. Wir führen nur

zwei davon an. Die älteste Erwähnung einer Sonnenfinsternis findet

sich in dem chinesischen Werke Schu-king vor. Nach Oppolzers Rechnung

war sie am 22. Oktober des Jahres 2137 v. Chr. eingetreten, so daß

das Jahr 2141 den Anfang der Regierung des Kaisers Tschung-Khang, in

dessen 5. Jahre sie sich ereignet haben sollte, mit aller Notwendigkeit

angiebt. Nach der historischen Überlieferung der Chinesen hatte der

genannte Kaiser im Jahre 2158 den Thron bestiegen, es ist daher bei der

Differenz von 17 Jahren ein Fehler in der Überlieferung zu berichtigen.

-- Nach den Andeutungen der Bibel wurde der Heiland am 3. April 33,

zur Osterzeit, gegen Abend an einem Freitage gekreuzigt. Auf Grund der

astronomischen Berechnung ging genau an demselben Tage und um dieselbe

Tageszeit der Mond zur Hälfte verfinstert auf, so daß hierdurch die

biblische Überlieferung von der plötzlich eingetretenen Verfinsterung

vollkommen bestätigt wird. Über den richtigen Anfangspunkt unserer

eigenen christlichen Ära können daher nach dieser astronomischen

Feststellung keine Zweifel mehr bestehen, wie sie thatsächlich öfters

geäußert worden sind. Dem Leser, der sich hierüber näher unterrichten

will, empfehlen wir ein in Berlin soeben erschienenes ungemein

anziehendes Werk, „Die Entstehung der Erde und des Irdischen“, von

~Dr.~ W. Meyer (s. S. 307 ff.).

Die Epoche des Königs Thotmosis III. hat in neuester Zeit eine besondere

Wichtigkeit durch ihre Beziehung zu den asiatisch-babylonischen

Zeitverhältnissen gewonnen, seitdem es geglückt ist durch die

Entzifferung der keilinschriftlichen Tafeln aus Tell el-Amarna, von

denen der größere Teil in den Besitz der Berliner Museen gelangt ist,

die Gleichzeitigkeit des babylonischen Königs Burnaburiasch, oder,

wie J. Oppert den Namen liest, Purnapuryas mit dem ägyptischen König

Amenophis IV. außer Zweifel zu stellen. Da der eben genannte ägyptische

Fürst als der dritte Nachfolger Thotmosis III. aufgeführt wird, so

liegt es nahe, die Zeit des Babyloniers gegen das Jahr 1400 oder etwas

später anzusetzen.

Ganz abgesehen von dem verderbten Zustande, in welchem uns

die Auszügler des Geschichtswerkes des Priesters Manetho die

chronologischen Königstafeln desselben hinterlassen haben, tritt eine

andere Frage in den Vordergrund selbst unter der Voraussetzung, daß

uns jene Listen mit ihren Namen und Zahlen vollständig unversehrt

hinterlassen worden wären. Sie betrifft die Zuverlässigkeit der

Angaben des gelehrten Priesters in allem, was die älteren Zeiten

der ägyptischen Geschichte angeht, mit anderen Worten die absolute

Genauigkeit seiner Zahlen in dem selbst geschaffenen Rahmen der oben

erwähnten Sothisperioden. Man darf daher einen Unterschied zwischen dem

(unverfälschten) Werke Manethos und der wirklichen Geschichte Ägyptens

und seiner Könige machen. Es ist kaum anzunehmen, daß sich in den

Archiven der Tempel zur Ptolemäerzeit Urkunden befunden haben, welche

ohne jede Lücke die Namen und Regierungsdauer der Könige des Reiches

über das sechzehnte Jahrhundert hinaus bis zu den Pyramidenkönigen

und bis zum ersten König Menes mit historischer Treue aufgezeichnet

enthielten. Im einzelnen mochte manches wertvolle und wichtige den

Inhalt der Überlieferungen bilden, aber schon die dynastischen

Interessen, im Anschluß an das ehrgeizige Priestertum der wechselnden

Residenzstädte, verhinderten eine parteilose Kritik und damit die

chronologische Genauigkeit der ägyptischen Geschichte mit ihren langen

Königsreihen.

Je mehr wir Einsicht in das Leben jener ältesten Epochen der

ägyptischen Geschichte gewinnen, je mehr kommt die Vorstellung zum

Durchbruch, daß die Gelehrten der späteren Zeiten sich weniger um die

Zahlen als vielmehr um die Abstammung ihrer Dynasten bis zu den Göttern

hinauf gekümmert und durch cyklische Rechnungen ergänzt hatten, was

ihnen der Mangel an wohlerhaltenen Aufzeichnungen aus den ältesten

Perioden der Geschichte der Könige ihres Landes vorenthielt. Die

wirklichen Zahlen rücken immer tiefer, und wir werden vielleicht zu der

Einsicht kommen, daß im Lande der Pharaonen das Jahr 3000 v. Chr. die

äußerste Grenze aller wirklichen historischen Personen bilden dürfte.

Die Geschichte der Babylonier und Assyrer leidet ähnlich wie die

ägyptische an dem Mangel eines zusammenhängenden chronologischen

Systems, sobald man über die Zeit des achten Jahrhunderts v. Chr.

hinausgeht. Aber es muß zugestanden werden, daß den beiden asiatischen

Kulturvölkern ein entschieden anderer Geist inne wohnte, als er dem

ägyptischen Stamme eigen war. Das historische Bewußtsein und ein

eigener Sinn für den Zeitwert beherrschte sie in weit höherem Grade

als die Ägypter, und bis auf das räumliche Maß hin offenbarte sich bei

ihnen die Neigung nach strenger Genauigkeit in allem, was die Zahl

betraf. Die Tausende von Thontafeln, welche aus dem Schoße der Erde am

südlichen Euphrat und auf den Ebenen im Norden dieses Stromes an das

Tageslicht gestiegen sind, geben Zeugnis davon, denn sie enthalten auf

dem historischen Gebiete Angaben, wie sie niemals auf den ägyptischen

Denkmälern aufgetaucht sind noch jemals auftauchen dürften. Werden

erst die Namen der Könige ihrer Lesung nach mit zweifelloser Gewißheit

festgestellt und alle Überlieferungen chronologischer Natur gesammelt

und an richtiger Stelle eingesetzt worden sein, so wird sich für die

Geschichte von Babel und Assur ein ganz anderes chronologisches

Bild entwickeln, als es, bis jetzt wenigstens, die Angaben auf den

Denkmälern Ägyptens zu liefern imstande waren.

Aber auch an den Ufern des Euphrat und des Tigris bildete jede

Einzelregierung eine besondere Ära für sich, wobei die Summe der

Regierungen der ganzen Dynastie als Probe für die Rechnung galt. Durch

eine Liste assyrischer Könige, welcher ursprünglich die Angaben eines

chaldäischen Priesters, Berossos, zu Grunde lagen und die sich in der

armenischen Übertragung des Eusebius und beim Syncellus mit vielen

Fehlern in der Abschrift erhalten hat, kann der Beweis geliefert

werden, in welcher Art diese Verzeichnisse angeordnet waren, um einen

chronologischen Gesamtüberblick bis in die mythischen Zeiten hinauf zu

gestatten. Nach J. Opperts neuesten Berechnungen umfaßt diese Liste der

assyrischen Dynastien, wie sie in dem verloren gegangenen Werke des

Berossos verzeichnet standen, den Zeitraum von 2506 bis 606 v. Chr.

Wir lassen es natürlich dahingestellt sein, inwieweit die vorgelegten

Berechnungen des französischen Akademikers zutreffen oder nicht.

Wir verdanken erst dem Mathematiker und Astronomen Ptolemäus, welcher

am Anfang des zweiten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung in Alexandrien

seinen gelehrten Studien lebte, die Kenntnis einer Ära, die nach dem

Namen des babylonischen Königs Nabonassar als die nabonassarische

bezeichnet wird und mit dem 26. Februar 747 v. Chr. begann. Obgleich

zunächst Nabonassar und seine unmittelbaren Nachfolger dem Reiche von

Babylon und von Assur angehörten, so hatte Ptolemäus dennoch seinem

Kanon der Könige die Form des ägyptischen Wandeljahres zu Grunde

gelegt, so daß das Jahr nur aus 365 Tagen ohne den überschüssigen

Vierteltag bestand. In der Berechnung der Regierungen der einzelnen

Könige folgte er außerdem dem Beispiel der Ägypter (wenigstens zur

Ptolemäerzeit), indem er das Jahr der Thronbesteigung eines Königs

jedesmal als ein volles betrachtete und von dem Jahresanfang an

datierte, ohne Rücksicht auf die Monate und Tage vom Neujahrstage

an, welche noch seinem Vorgänger angehörten und die somit in Wegfall

kamen. Sein Kanon erhielt dadurch eine sehr einfache und übersichtliche

Gestalt und gestattet uns die chronologischen Reduktionen auf den

julianischen Kalender mit vollster Sicherheit durchzuführen. Ptolemäus

benutzte diese feste Ära z. B. um die am 19.-20. März 721 und die am

9. März und 1. September 720 eingetretenen Mondfinsternisse nach ihrem

genauen Datum der Nachwelt zu überliefern.

Eine merkwürdige Bestätigung seines Kanons der Könige von Babylon

und Assyrien, welche vom Jahre 747 an (genauer vom 26. Februar

desselben) bis zum Anfang der Perser-Dynastie regiert hatten, lieferte

die Entdeckung (1884) einer keilinschriftlichen Königsliste, welche

die Wissenschaft dem englischen Gelehrten Theo G. Pinches schuldet.

Ihr Wert kann nicht hoch genug abgeschätzt werden. Von unserem

deutschen Assyriologen Prof. Schrader kritisch behandelt, bildet sie

heute die feste Grundlage der babylonischen Königsreihen von der

zweiten Periode an bis zum Untergange des babylonischen Reiches. Mit

Einschluß der letzten, aus den Perserkönigen bestehenden Dynastie

zählt die keilinschriftliche Urkunde zehn Dynastien auf, deren Dauer

im einzelnen wie im ganzen genau nach Jahren und Monaten angegeben

ist. Prof. J. Oppert hat in einer im Jahre 1888 veröffentlichten

englischen Abhandlung (~the real chronology and the true history

+of the Babylonian Dynasties+~) die chronologische Berechnung

auf Grund der keilinschriftlichen Angaben vorgelegt und danach den

Umfang derselben auf den Zeitraum zwischen den Jahren 2506 und 538 v.

Chr. zurückgeführt. Man wird die Wichtigkeit dieses Fundes begreifen,

der mit einem Schlage ein helles Licht in das zeitliche Dunkel der

babylonischen Könige geworfen hat und bis in eine Epoche zurückgeht,

welche nach gewöhnlicher Annahme etwa in die Zeit der zwölften

ägyptischen Dynastie hineinfällt. Hiermit ist die Geschichte an den

Ufern des Euphrat und ihre Berechnung noch lange nicht abgeschlossen,

denn sie überragt die Grenze des Jahres 2506 bis in eine mythische

Vorzeit hinein. Die beiden letzten Jahrtausende dieser langen und

sagenhaften Periode von 39180 Jahren, deren J. Oppert gedenkt,

versteigen sich bis zur ägyptischen Pyramidenzeit. Es steht sicher

fest, daß die beiden Fürsten von Agade, Sargon I. und Naram-Sin,

dem 38. Jahrhundert v. Chr. angehören, wenn einer Angabe des Königs

Nabonidus darüber Glauben zu schenken ist.

Die neueste Entdeckung auf Grund einer glücklich entzifferten

Keilinschrift hat für die Geschichte Babyloniens einen festen Rahmen

geschaffen, welcher den Mangel einer Ära einigermaßen ersetzt und

uns gestattet, geschehene und gemeldete Ereignisse mit einem relativ

richtigen Zeitmesser abzuschätzen. Gerade deshalb ist es zu bedauern,

daß durch eine Lücke nach den ersten sechs Königen der dritten Dynastie

die Namen und Jahreszahlen einer Reihe von Königen ausgefallen sind,

unter welchen der obengenannte Burnaburiasch oder Purnapuryas, der

Zeitgenosse des ägyptischen Königs Amenophis IV. notwendig seine Stelle

eingenommen haben dürfte. Vielleicht daß ein anderer späterer Fund auch

diese offene Stelle ausfüllen wird. Vorläufig behauptet die entdeckte

babylonische Königsliste ihre erste Stelle unter allen chronologischen

Denkmälern, welche von den ältesten Zeiten der Weltgeschichte überhaupt

gemeldet haben.

Überlieferte Königsreihen nebst der Dauer der Regierungen der einzelnen

Fürsten bilden freilich noch keine Geschichte in unserem Sinne, denn

die Begebenheiten, welche damit in Verbindung gesetzt worden, betreffen

nur die Könige und ihre Thaten und überlassen es dem Forscher, zwischen

den Zeilen zu lesen und aus seinen Vermutungen und Schlußfolgerungen

einen geschichtlichen Hintergrund aufzubauen. Die auf den Denkmälern

der ältesten Kulturvölker der Erde enthaltenen Nachrichten haben

vorläufig nur den Wert mehr oder weniger vollständiger Annalen und

Chroniken, die mit jeder Einzelregierung abgeschlossen sind. Erst mit

der Schöpfung der Ären oder der auf gelehrter Forschung begründeten

Systeme der Zeitmessung von einem chronologisch fest bestimmten

Zeitpunkte an tritt die eigentliche Geschichtsschreibung in die Welt

und die pragmatische Behandlung gewinnt die Oberhand. Die Geschichte

der einzelnen Völker verkettet sich zu einem großen Gesamtbilde, in

welchem sich das staatliche und das Kulturleben der Menschheit in

seinen Wechselwirkungen und in seiner Entwickelung abspiegelt, während

die Ära als genauer und unverrückbarer Zeiger an der Weltuhr die ihr

zugewiesene Rolle erfüllt.

Die sieben Hungerjahre.

Die Geschichte Josephs in Ägypten ist und wird für alle Zeiten das

unerreichte Muster der morgenländischen Erzählungskunst bleiben, wie

immer man auch über die eigentliche Zeit ihrer Abfassung denken mag.

Selbst ein +Voltaire+ fühlte sich zu dem Bekenntnis gedrungen,

daß sie bewunderungswürdig und ihr kein ähnliches Beispiel an die

Seite zu stellen sei. Fesselnd und anmutig entwickelt die Geschichte

Josephs die außerordentlichen Schicksale eines ebräischen Hirtenknaben,

der sich bis zum Großwesir am Hofe Pharaos emporgeschwungen hatte und

zum Ahnherrn eines ganzen Volkes wurde, aus dessen Mitte der Messias

dereinst hervorgehen sollte.

Der Reiz des Altertümlichen und des Morgenländischen, welcher die ganze

Erzählung von Anfang bis zum Ende durchweht, wirkt in gleichem Maße

anziehend auf den Leser ohne Unterschied des Glaubens, der Abstammung,

der Heimat und der Zeit. Selbst der Stifter des Islam, der Prophet

Mohammed, fühlte sich von ihrem Inhalt so überwältigt, daß er ihr in

seinem Religionsbuche des Koran ein eigenes Kapitel der göttlichen

Offenbarungen widmete.

In der zwölften +Sure+ des erwähnten Buches, überschrieben:

„Joseph, der Friede sei mit ihm“, beginnt er seine Erzählung mit

den Worten: „Dies sind die Zeichen des deutlichen Buches, das wir

deshalb in arabischer Sprache geoffenbaret, damit es euch verständlich

sei. Wir wollen dir durch Offenbarung dieser Sure des Koran eine

der herrlichsten Geschichten erzählen, auf welche du früher nicht

aufmerksam gewesen.“

Die geschichtliche Offenbarung, welche er im Anschluß an diese

Einleitung seinen Lesern zu Herzen führt, folgt mit ziemlicher

Genauigkeit dem biblischen Berichte, nur mit dem Unterschiede, daß

hier und da Einzelheiten übersprungen sind, an deren Stellen anderes

hinzugefügt ist. So berichtet Mohammed, daß nach den sieben guten

Jahren und nach den sieben Jahren der Hungersnot „ein Jahr kommen

werde, in welchem es den Menschen nicht an Regen mangeln wird, und in

welchem sie Wein genug auspressen werden.“ Es bleibe dahingestellt,

woher der Stifter der Religion des Islam diese Zuthat geschöpft hat.

Ägyptisch ist sie auf alle Fälle nicht, denn der Regen ist keine

berechtigte Eigentümlichkeit in der Natur des Nilthales, und man

versteht es schwer, was der Weinbau mit dem Ende der Hungersnot zu

schaffen habe.

Aus dem Morgenlande: Altes und Neues · 第 5 / 16 段