und sobald du dies über das Kind gesprochen hast, laß es auf die Lampe
schauen. Erlaube nicht, daß es nach einem (andern) Gegenstande des
Hauses, außer der Lampe allein, schaue. Sollte es nicht danach schauen,
sondern sich umdrehen, so thue alles, was folgt. Wenn du bestehst
auf deine Befragung, so kehre es (das Kind) nach dir um, bringe es
in Schlaf und sage über es den andern unten folgenden Spruch her,
nämlich, während die Götter ankommen und das Kind sich umwendet, indem
es sie schaut: +~Archechemphe-Zeu-Hele-Satrapermet~+.“
Die Lichterscheinungen, welche das Kind sieht, bilden eine ständige
Beigabe in den merkwürdigen Texten. Sie sind ein Anzeichen, daß die
Dämonen erschienen sind, um ihre Hilfe anzubieten. Ich habe nicht
nötig, auf manche Einzelheiten noch besonders hinzuweisen, welche an
die modernen Manipulationen beim Hypnotisieren lebhaft erinnern, wie
das Streichen mit der Hand, das Fixieren des Auges und anderes, das
den Beweis für die wirkliche Kenntnis des Hypnotisierens im Altertum
mindestens im dritten Jahrhundert unserer Zeitrechnung wesentlich
verstärkt. Alles ist schon einmal dagewesen und es giebt nichts neues
im Lichte der Sonne sagt ja schon Ben-Akiba.
Litteraten zur Moseszeit.
Langjährige Untersuchungen und gründliche Forschungen auf dem Gebiete
der Sprachwissenschaft haben die Beweise geliefert, daß kein Gebot und
keine Macht der Welt imstande ist, der Sprache ein neues Urwort oder
Wurzelelement hinzuzufügen. Die Sprachen wachsen, d. h. sie nehmen in
der geschichtlichen Entwickelung ihres Bestehens an Formenreichtum
und Formenschönheit zu, aber neue Wurzeln in ihren Boden zu senken,
erscheint ebenso unmöglich, als den Elementen, aus welchen die
materielle Welt zusammengesetzt ist, ein vorher unbekanntes, neues
zuzuführen.
Der Litterat, der gebildete Schriftsteller im besten Sinne des Wortes,
ist der Pfleger der Sprache. Er tritt aus dem beschränkten Kreise der
Sprache des ungebildeten Volkes heraus und veredelt dieselbe in der
schriftlichen Darstellung seiner Gedanken, mögen dieselben die gegebene
Wirklichkeit oder eine nur eingebildete phantastische berühren. Die
Formenvollendung und der schwunghafte Ausdruck seiner Sprache bis zum
Wortklang hin wird sich in dem Maße steigern, als die dichterische
Stimmung ihn gleichsam zu den Sternen erhebt.
Auch nach einer anderen Richtung hin wird die zunehmende Kultur
in Verbindung mit der wissenschaftlichen Erkenntnis im Laufe der
vorwärtsschreitenden Zeit eine Art von Umbildung der Sprache schaffen,
durch welche einer großen Zahl ihrer Wörter neben ihrer ursprünglichen
eine neue, abgeleitete Bedeutung verliehen wird. Den späteren Forscher
auf dem Gebiete der modernen Sprachwissenschaft ruft daher das Studium
des Wortes die ältesten Zustände und die einfachsten Erfahrungen
und Kenntnisse einer längst vergangenen Vorzeit in das Gedächtnis
zurück. Die Elle, die Hand, der Finger, der Fuß, die Spanne, bekannte
Maßbezeichnungen in der Sprache der Metrologen, gehen auf die
entsprechenden Teile des menschlichen Körpers zurück, nach welchen der
älteste Mensch Längen zu messen gewohnt war. So entwickelte sich aus
den einfachen, erfahrungsmäßig gewonnenen Kenntnissen der ältesten
Schiffahrt zur See die Wissenschaft der Astronomie u. s. w., wobei das
begriffliche Wachstum der alten Sprache des Handwerks gleichen Schritt
mit der vorwärtsschreitenden, wissenschaftlich begründeten Erkenntnis
hielt. Selbst die einer fremden Sprache entlehnte wissenschaftliche
Terminologie führt im letzten Grunde zu einfachen Urwörtern und
Urbegriffen zurück.
Auch der Pfleger des Schrifttums, der Litterat, kann sich denselben
Voraussetzungen nicht entziehen und dem Jüngsten unserer Zeit muß, wie
ein Urvater in nebelhafter Ferne, der älteste Litterat gegenüberstehen.
Bevor ich ihn suche und finde, wird einem jeden die Wahrscheinlichkeit
einleuchten, daß man bei der Beurteilung seiner Leistungen in
formaler Beziehung nicht den modernen Maßstab anlegen darf, denn
die Entwickelung des Schrifttums ist abhängig von der zeitlichen,
kulturgeschichtlichen und nationalen Stellung des Schriftstellers und
sein Gedankenkreis durch seine nächste Umgebung und seine Erziehung
und Bildung bedingt. Allein von +diesem+ Standpunkte aus darf
sein hinterlassenes Werk dem modernen Urteil unterzogen werden, ohne
ein Hindernis zu bieten, die Schärfe des menschlichen Gedankens mit
dem heutigen Maßstabe zu messen. Unter allen litterarisch gebildeten
Völkern und zu allen Zeiten der Kulturgeschichte ist der Geist
des Menschen derselbe geblieben, nur abhängig, wie gesagt, von
geschichtlichen Epochen und der sprachlichen Entwickelung innerhalb
derselben. Die erste Offenbarung seines Daseins für die Zeitgenossen
und die Nachlebenden ist die Schrift.
Ein berühmter Gelehrter, R. Lepsius, hat die Einleitung zu einem
größeren Werke über die Chronologie der alten Ägypter einen eigenen
Abschnitt über das Alter der Geschichte dieses Volkes gewidmet,
das seiner wohlerwogenen und durch Beweise gestützten Meinung nach
die Anfänge der Geschichte aller übrigen Kulturvölker der Welt bei
weitem überragt und durch gleichzeitige, bis auf den heutigen Tag
erhaltene inschriftliche Überlieferungen gestützt wird. Die Erfindung
der Buchstabenschrift und die Bearbeitung der massenhaft im alten
Nilthale wachsenden Papyruspflanze zu einem passenden Schreibmaterial,
auf welches sich leichter und schneller als auf Stein und Holz,
die Schriftzüge hinwerfen lassen, forderten schon frühzeitig zu
litterarischen Leistungen auf, wie sie uns in der Gegenwart in
überkommenen zahlreichen Beispielen vorliegen. Man wird beinahe
versucht, wenn auch in einem anderen Sinne, den lebenden Soldaten
des Schrifttums die bekannten Worte Napoleon Bonapartes zuzurufen:
„Soldaten von der Feder, sechs Jahrtausende schauen von der Spitze der
Pyramide der Litteratur auf euch nieder. Darum vorwärts!“ Wer nach dem
ältesten Litteraten aussucht, kann ihn zunächst nur an den Ufern des
heiligen Nilstroms finden und damit glaube ich den einzig sichern und
rechten Boden für meine Betrachtung gewonnen zu haben.
Kein Volk der Erde war so schreiblustig und schreibselig wie das
ägyptische; der Besuch eines jeden ägyptischen Museums liefert
dafür die vollgültigsten Zeugnisse. Ob Stein, ob Holz, ob Leinwand
oder Papyrus, alles ist mit Schriftzügen bedeckt, die uns bald
die Hieroglyphe, bald eine für die Schnellschrift hergestellte
Kursivschrift vor Augen führen. Der letzteren oder der sogenannten
hieratischen Schrift bedienten sich die ältesten Litteraten zur
Abfassung ihrer Werke auf Papyrus. Ein Schreibrohr, eine Art von
Palette aus Holz mit eingeschnittenen runden Farbennäpfen und ein
kleines Wassergefäß vertraten die Stelle von Tinte und Feder. Alle drei
Instrumente miteinander verbunden bildeten nebst einer Schreibtafel
aus Holz oder der Papyrusrolle mit ihrem Bandstreifen die Attribute
eines schriftkundigen Mannes, nicht weniger auch des Gottes Thot,
des ägyptischen Hermes, des Erfinders der Schrift und des gesamten
Schriftentums, wie es in den „+Häusern der Bücherrollen+“ oder
den Bibliotheken der Tempel in einer größeren oder kleineren Auswahl
niedergelegt war. Es ist bekannt, daß die Inschrift an der königlichen
Bibliothek zu Berlin „~Nutrimentum spiritus~“ von Friedrich dem
Großen, wenn auch nach einer schlechten französischen Übersetzung
ihrer griechischen Fassung, der Aufschrift einer altägyptischen
Tempelbücherei entlehnt ist, welche Ramses II. auf der Westseite der
ehemaligen Residenzstadt Theben der Ramessiden gestiftet hatte, wofern
man der Überlieferung des griechischen Schriftstellers Diodor guten
Glauben schenken darf.
Der altägyptische Litterat führte die gewöhnlichste Bezeichnung eines
„+Schreibers+“, ~scriptor~, oder schriftkundigen Mannes, und empfing
seinen ersten Unterricht in den Tempelschulen des Landes. Seine weitere
Ausbildung in den verschiedenen Fächern des gelehrten Schriftentums
steuerte zunächst der heiligen Wissenschaft oder den „+göttlichen
Dingen+“ zu, ohne das man darüber das Irdische verloren hätte. Denn
die 42 sogenannten hermetischen Bücher, welche nach der Versicherung
des Bischofs Clemens von Alexandrien den Inbegriff des höheren Wissens
bildeten, behandelten neben den göttlichen Dingen auch die Gesetzkunde,
die Kosmographie, die Geographie, die Topographie, die Astronomie, die
Kunst und die Musik.
Wenn noch bis zum heutigen Tage bei den Bekennern des Islams im
Morgenlande das gesamte Schrifttum in den Händen priesterlicher
Personen ruht und die Bildung von der Volksschule an sich auf
theologischem Boden aufbaut, so wird dennoch, wie bei den alten
Ägyptern, in der geistigen Entwickelung des Einzelnen die Pflege der
Wissenschaft und der Litteratur mit dem religiösen Wissen als vereinbar
betrachtet. Denn nach den großen Lehrern der Anhänger des Propheten
Mohammed sind die Kenntnisse, welche der Mensch zu erwerben vermag, aus
zwei Quellen abzuleiten: aus dem Verstande und aus dem Glauben, mit
anderen Worten: aus dem weltlichen Wissen und aus der Religion. Selbst
Mohammed, dessen Gefährten und Schüler in seiner unmittelbaren Umgebung
nur aus litterarisch gebildeten Arabern bestanden (der erste Chalif
Moawiju war sein Schreiber gewesen) that den Ausspruch: „Suchet die
Wissenschaft zu erlernen und wenn ihr sie in China finden solltet“, und
empfahl jedem unter den Gläubigen: „Arbeite auf Erden, um Wissenschaft
und irdische Güter zu erwerben, als wenn du ewig leben solltest, richte
deine Handlungen im Hinblick auf das zukünftige Leben ein, als wenn du
morgen sterben müßtest.“ Seinen Schwiegersohn Ali, welcher besondere
Verdienste um die litterarische Entwickelung der arabischen Sprache
erworben hatte, ehrte er durch die Worte: „Das Wissen ist eine Stadt,
deren Thor Ali ist.“
In ganz ähnlicher Weise finden wir bei den alten Ägyptern den
mythologischen Glauben mit der Erkenntnis durch die Vernunft verbunden
und die litterarische Leistung nur insofern durch den Glauben
beeinflußt, als das Walten des Göttlichen in den Vordergrund des
Schicksals des Menschen tritt. Das Gute findet seinen Lohn, das Böse
seine Strafe. Das ist der allgemeinste Grundgedanke.
Die litterarische Ausbildung der Söhne aus den besseren Ständen in der
priesterlichen Schule nahm mit der Schrift ihren Anfang. Die Arbeit
war nicht leicht, denn mehr als 1500 Zeichen mußten in ihrem Bilde
nach ihrer kursiven Form erlernt werden, damit ihre Buchstaben- und
Silbenwerte und ihre Rolle als stumme Deutzeichen im Gedächtnisse
haften blieben. Im Grunde genommen mußte eigentlich die übliche
Schreibweise eines jeden einzelnen Wortes bis zu den grammatischen
Formen hin dem Schüler geläufig sein. Die Schriftstücke hervorragender
Litteraten dienten beim praktischen Unterricht als Muster für die
Schrift und den Stil und diktierte Texte stellten die erworbenen
Kenntnisse auf die Probe. Der Lehrer verbesserte auf dem oberen Rande
die vorhandenen Fehler, die meistens schlechte Schrift und falsche
Zeichen betrafen. Selbst das Verhören eines Wortes unaufmerksamer
Schüler läßt sich noch heutigestags nachweisen, da die Museen Europas
eine nicht geringe Zahl derartiger Schülerarbeiten auf Papyrus aus der
Zeit des vierzehnten und der unmittelbar nachfolgenden Jahrhunderte v.
Chr. enthalten. Der angehende Litterat, welcher sich durch Fleiß und
Aufmerksamkeit auszeichnete, ward gelobt, der faule getadelt, oder mit
dem Stock gezüchtigt, denn, wie es in einem der Schriftstücke wörtlich
gesagt wird: „die Ohren des Knaben sitzen auf seinem Rücken“. Die
Schule selbst hieß deshalb „das Haus der Züchtigung“ und „züchtigen“
fiel mit der Vorstellung des Lehrens zusammen. Nach wiederholten
Stellen in einem uralten Schriftstücke, das allgemeine Lebensregeln
enthält und dem Ende des vierten Jahrtausends angehört, sah man in dem
„+Hören+“ oder dem Gehorsam die höchste Tugend des Knaben. Mehr
als ein Jahrtausend später empfahl ein Vater in einem Schriftstücke
seinem Sohne die litterarische Ausbildung, indem er in drastischen
Beispielen und Schilderungen auf die Beschwerden und Plackereien
des menschlichen Handwerkes hinwies. Ein Litterat, welcher in der
kriegerischen Epoche Ramses II. um 1300 v. Chr. lebte und zu seinem
Bedauern die Neigung des jüngeren Nachwuchses für den Soldatenstand und
den Ackerbau wahrnahm, erinnert in einem noch erhaltenen Papyrusbriefe
an die Leiden eines ägyptischen Lieutenants während eines Feldzuges und
an die unvermeidlichen Verluste des Landmannes infolge von ungünstigem
Wetter, Viehsterben, Diebstählen und gewaltsamen Bedrückungen durch die
Steuerbeamten Pharaos. Wie ganz anders, so schließt er, steht es mit
dem Litteraten! Er hat Freude an seiner Arbeit, sie bringt ihm Ruhm
und Ehre ein und -- wie um einen Trumpf auf die ausgespielten Karten
zu setzen -- er braucht keine Abgaben zu leisten. Zu gleicher Zeit
verfehlt er nicht, die jungen Litteraten vor dem Besuch der Bierhäuser,
zumal solcher mit Mädchenbedienung und Musikantengesellschaft, zu
warnen.
Die übergroße Schreiberzunft, welche in allen Zeiten der ägyptischen
Geschichte ihre besonderen Dienste der Tempelverwaltung, der Person
des Nomarchen oder des Gaugrafen und dem königlichen Hofe leistete,
besaß litterarisch mehr oder weniger gebildete Vertreter, welche als
solche besondere Beinamen und ehrenvolle Bezeichnungen empfingen. Man
nannte sie „Schreiber, welche die Sachen kennen“, d. h. sachkundige
Litteraten, oder „Schreiber, welche die Schwierigkeiten der Erkenntnis
des Himmels, der Erde und der Tiefe beherrschen“, auch wohl „Litteraten
von elegantem Stil“. Man rühmt die „+Süßigkeit+“, das heißt die
Anmut ihrer Sprache im schriftlichen Ausdruck und findet es nicht zu
stark, diese Süßigkeit mit der des Honigs zu vergleichen. Anderseits
entging die Mittelmäßigkeit litterarischer Leistungen dem Tadel in
keiner Weise, wenn er auch nach einem vorhandenen Beispiel aus dem
vierzehnten Jahrhundert v. Chr. in höflicher Form ausgedrückt ward.
Ein hervorragender Litterat leitet seine Antwort auf die schriftliche
Mitteilung eines Kollegen mit der kurzen Kritik ein: „Dein Schriftstück
ist allzu zusammengestoppelt. Es ist ein Ballast hochtrabender
Redensarten, deren Deutung der Lohn derer sein mag, die danach suchen;
ein Ballast, welchen du nach deinem Belieben aufgeladen hast“, und
er schließt mit den Worten: „Sehr unbedeutend ist es, was über deine
Zunge läuft, und ganz verwirrt sind deine Sätze. Du kommst zu mir
in einer Hülle von Verdrehungen und mit einem Ballast von Fehlern.
Du zerreißt die Worte, wie es dir in den Sinn kommt, und du bemühst
dich nicht, ihre Kraft bei dir selber herauszufinden. Eile stürmisch
dahin und du wirst nicht ankommen u. s. w.“ Wie zur Beruhigung fügt
er hinzu: „Besänftige dein Herz, dein Herz sei wohlgemut und lasse
dir den Appetit nicht vergehen.“ Immer noch nicht zu Ende mit seiner
Kritik, wiederholt er später aufs neue: „Was deine Worte enthalten,
das ist alles zusammen auf meiner Zunge und ist sitzen geblieben
auf meiner Lippe. Ein Durcheinander ist es, wenn man sie hört. Ein
Ungebildeter vermag sie nicht zu deuten. Sie sind wie die Sprache eines
Unterägypters mit einem Bewohner von Elephantine.“ Er bittet ihn zum
Schluß seine kritischen Bemerkungen nicht mißdeuten zu wollen und nicht
die Behauptung aufzustellen: „Du hast vor allen anderen Menschen meinen
Namen stinkend gemacht.“
In der bezeichneten Epoche, welche gleichzeitig mit der
Lebensgeschichte des jüdischen Gesetzgebers Moses dasteht, richteten
sich die litterarischen Bestrebungen der damals lebenden Schriftsteller
mit Vorliebe auf die Eleganz des Briefstiles, wie eine Menge noch
erhaltene Muster auf Papyrus es beweisen. Zu dieser Eleganz gehörte es
außerdem, sich semitischer Lehnwörter und Schreibweisen zu bedienen
und die echt ägyptischen Ausdrücke dafür beiseite zu schieben. Die
Jahrhunderte hindurch fortgesponnenen Kriege der Ägypter gegen die
semitischen Völker Vorderasiens, der anwachsende Handelsverkehr und
die Niederlassung semitischer Familien im Nilthale, deren Mitglieder
nicht selten vornehme Ämter am Hofe Pharaos bekleideten, hatten eine
wahre Sucht nach dem Fremdwort erzeugt, welcher dreitausend Jahre nach
der ägyptischen Ramessidenzeit die Neigung unserer deutschen Sprache
zu französischen Einmengseln ebenbürtig zur Seite steht. Wie gesagt
beschönigten die ägyptischen Musterschriftsteller der damaligen Zeit
diese Verunstaltung der eigenen Muttersprache in der auffälligsten
Weise und fanden geradezu Geschmack an den eingeführten fremden
Wörtern, deren Anwendung dem +gebildeten+ Litteraten unerläßlich
schien, wenigstens in dem Briefstil, wie er uns in vielen Proben mit
dem Namen der Schriftsteller vorliegt. Denn anders verhielt es sich mit
denjenigen Leistungen der ägyptischen Litteratur, die wir unter dem
Namen der schönen Litteratur zusammenfassen.
An der Spitze derselben stand das Märchen und der Roman, deren Dasein
bereits die Überlieferungen griechischer Schriftsteller vermuten lassen
und deren Wirklichkeit die aufgefundenen Papyrustexte beweisen. Die
Erzählung Strabos von der rotwangigen Rhodopis, welcher beim Baden
ein Adler den niedlichsten aller Schuhe raubte und in den Schoß des
in Memphis zufällig im Freien sitzenden und Recht sprechenden Königs
warf, der von dem Schuh entzückt, die Trägerin desselben allenthalben
suchen ließ und sie endlich in der Stadt Naukratis entdeckt und zu
seiner Gemahlin erkoren habe, ist dem altägyptischen Märchenschatz
entlehnt und erinnert Zug um Zug an unser deutsches Aschenbrödel.
Die Geschichten von Rampsinit und seinem Baumeister, von der Königin
Nitokris, der Rächerin ihres Gemahles an seinen Mördern, vom König
Cheops, dem Pyramidenerbauer, und seiner allzu liebenswürdigen Tochter
und manche andere Überlieferung aus griechischer Feder bildeten den
Hauptinhalt alter Romane, die noch in den letzten Jahrhunderten v.
Chr. im Munde der Ägypter fortlebten oder neben der Tierfabel zur
Unterhaltung gelesen wurden. Man hatte das Zeitalter der uralten Könige
längst vergessen, aber auch das schon ein ganzes Jahrtausend früher,
und die geschichtlichen Lücken durch romanhafte Erzählungen und
Märchen ausgefüllt, deren Ursprung in die Ramessidenepoche oder ein
wenig vorher fällt.
Die Erzeugnisse der schönen Litteratur wurden von den Ägyptern dieser
Epoche, in der Moseszeit, mit besonderer Vorliebe gelesen und bildeten
die Papyrusschätze der Bücherei einer jeden gebildeten Familie. Selbst
in dem wie eine zweite Wohnung nach dem Hinscheiden ausgestatteten
Grabgemach dieses und jenes vornehmen Ägypters fehlten keineswegs
Abschriften litterarischer Meisterwerke und wenn man sie auch nicht
vom Anfang bis zum Schluß auf dem teuren Papyrus niederschreiben ließ,
so sollte wenigstens der auf ein rohes, ungeglättetes Kalksteinstück
aufgetragene Anfang des Werkes an die gute Absicht der Hinterbliebenen
erinnern, ihrem teuren Toten die Gelegenheit der litterarischen
Unterhaltung in seiner einsamen zweiten Wohnung zu bieten.
Zur ältesten Zeitrechnung.
Nichts ist uns in der Gegenwart bekannter als die Anwendung der
laufenden Jahreszahlen unserer christlichen Zeitrechnung, um irgend
ein Ereignis mit zweifelloser Bestimmtheit und jedem verständlich ein
für allemal zeitlich festzustellen. Die bestehende Form eines festen
Sonnenjahres und die wissenschaftlich begründete Lehre der Zeitmessung
erlaubt es außerdem bis zur Sekunde hin den Moment des Eintritts einer
Thatsache mit astronomischer Zuverlässigkeit anzugeben und für alle
kommenden Geschlechter zu überliefern. Aber so einfach auch die Methode
der strengsten Zeitmessung uns in der Gegenwart erscheinen mag, so
langer Erfahrungen bedurfte es, um die Wissenschaft der Chronologie zu
begründen, deren besondere Teile die mathematisch-astronomische und die
historische Zeitmessung umfassen.
Ihre Entstehung verdankt diese wichtige und dem Geschichtsforscher
unentbehrliche Wissenschaft zunächst dem Bedürfnis, Ereignisse aus
der Vergangenheit durch ein berechenbares Datum der zeitlichen
Vergessenheit zu entreißen oder eine Begebenheit in der Gegenwart durch
die Angabe von Jahr und Tag einer laufenden Ära für die Zukunft zu
erhalten. Dem ersten Geschichtsschreiber mußte sie als die notwendigste
Grundlage seiner Schilderungen erscheinen, sobald seine Aufgabe
zeitlich fern liegende Thatsachen berührte und sobald es ihm darauf
ankam, die genaue Zeitbestimmung durch Rückrechnung von der Gegenwart
aus mit gewissenhafter Treue den zukünftigen Lesern seiner Werke zu
überliefern.
Ein großes und in der Geschichte des eigenen Volkes bedeutsames
Ereignis gab den ersten Gedanken an die Stiftung und den Gebrauch
einer Ära ein, welche den Ausgangspunkt aller Berechnungen für das
zeitliche Eintreffen späterer Begebenheiten bildete. Zu den ältesten
Versuchen dieser Art gehört der Auszug der Kinder Israels aus Ägypten
und der Anfang des Exils in der Bibel. Die notwendige Voraussetzung,
welche auch bei der Gründung irgend einer Ära vorangehen muß, betrifft
zunächst die Jahresform selber, welche der Ära zu Grunde liegt und
wie sie mehr oder weniger vollkommen im bürgerlichen Leben gang und
gäbe war. Die ältesten Völker, aber auch noch heute die Anhänger der
Religion des Islam, bedienten sich erwiesenermaßen eines Mondjahres,
dessen Monate sich von einem Neumonde bis zum andern erstreckten, oder
eines sogenannten Wandeljahres von 365 Tagen, ohne den Vierteltag des
Sonnenjahres, so daß am Schlusse 365 × 4 = 1460 Sonnenjahre gerade 1461
Wandeljahre ausfüllten.
Die Zurückführung irgend einer Zeitangabe aus dem Altertum, welcher
eine Ära zu Grunde liegt, auf Tag, Monat und Jahr unserer eigenen
christlichen Zeitrechnung ist Gegenstand der berechnenden Chronologie,
wobei die genaue Kenntnis des Anfangstages der betreffenden Ära als
die notwendige Vorbedingung gilt. Zu den bekanntesten und in der
Geschichte am häufigsten erwähnten Ären gehören aus der Epoche vor
Christi Geburt die der Olympiaden (776 eingesetzt), der Gründung
Roms (21. Aprilis 753), des Königs Nabonassar (26. Februar 747), des
Philippus (12. November 324), der Seleukiden (in Syrien 1. Oktober
312), die antiochisch-cäsarische (1. Oktober 48), die Ära des
Augustus und die alexandrinische (29. August 30, mit der Form des
Sonnenjahres von 365-1/4 Tagen), und aus den Epochen nach dem Beginn
unserer christlichen Zeitrechnung: die Ära des Diokletian oder der
Märtyrer (29. August 284), der Flucht Mohammeds (14./15. Juli 622),
die persische Ära des Königs Jezdegird, des letzten Sassaniden (16.
Juni 632) und des Königs Dschelal ed-Din Melek Schah, daher Dschelali
genannt (15. März 1079). Erst vom elften Jahrhundert an kam bei den
Israeliten die Ära von Erschaffung der Welt in Gebrauch, die nach der
jüdischen Rechnung am 6.-7. Oktober 3761 vor Christi Geburt ihren
Anfang nimmt.