Proportionszahl 1/7 zu gewinnen. Der kleine Fehler blieb indes
unbeachtet, sowohl hier als in den beiden darauf folgenden Stufen (in
denen er sich verdoppeln und vervierfachen mußte) um nicht unnötige
Rechnungsschwierigkeiten in das System hineinzutragen, in welchem 320
und die Unterabteilungen nicht bloße Zahlen, sondern Maßverhältnisse
ausdrücken, mit welchen der Landmann gewohnheitsmäßig vertraut war.
Auch unsere Bauern reden von einer Metze, ohne dabei an den 1/384
Teil des Wispels zu denken. Die 320 Teilstücke, aus welchen auf Grund
der ältesten ägyptischen Vorstellungen ein Ganzes bestand und deren
Haupteinheiten sich in Reihenfolge 160 (= 1/2), 80 (= 1/4), 40 (=
1/8), 20 (= 1/16), 10 (= 1/32), 5 (= 1/64), 4, 3, 2, 1 darstellen,
haben für das gesamte Rechenwesen der alten Ägypter eine weittragende
Bedeutung gehabt, insoweit sich dasselbe, wie bemerkt, zunächst auf
die Berechnung hohler Räume bezog ohne Rücksicht auf die verschiedenen
Einheitsgrößen der Maße des Raumes.
Als lehrreiches Beispiel dafür dient ein in demselben Museum von
Gizeh aufbewahrter Metallbecher aus einer der späteren Epochen
des ägyptischen Altertums, dessen Inhalt nach den Untersuchungen
meines Bruders Emil Bey 0,23 Liter in sich faßt. Von oben nach unten
fortlaufend und nach dem Boden zu immer kleiner werdend befinden sich
auf der Innen- und Außenseite desselben Ringe eingegraben, zwischen
welchen erklärende hieroglyphische Textworte und Bruchziffern deutlich
lesbar angebracht sind. Sie lauten, in der angegebenen Reihenfolge,
1/2, 1/4, 1/8, 1/16, 1/32, 1/64 Hin, entsprechen also genau den oben
angeführten Teilstücken. Mit dem Worte Hin, das sich außerdem in der
ebräischen Sprache in derselben Gestalt erhalten hat, bezeichnete man
ein Grundhohlmaß, das nach den sehr genauen Untersuchungen darüber
eine Fassung von 0,454 Liter besaß. Die Hälfte desselben betrug
mithin 0,227. Damit stimmt der oben besprochene geaichte Metallbecher
des Museums von Gizeh wohl überein, dessen Inhalt auf Grund der
eingegrabenen Inschriften die Hälfte eines Hin in sich faßte. In allen
Zeiten der ägyptischen Geschichte erscheint der Name Hin in Tausenden
von Texten wieder, um die kleinsten Grundeinheiten aller räumlichen
Maße zu bezeichnen, gerade wie wir in unseren Tagen das Litermaß als
eine solche auffassen. In den verschiedenen Sammlungen ägyptischer
Altertümer werden meist aus Alabaster angefertigte Gefäße aufbewahrt,
deren Aufschrift nicht selten den räumlichen Inhalt derselben mit
Hilfe des Hinmaßes anzeigt. Man begegnet Angaben darauf, wie z.
B. 9, 11, 21, 40 Hin, in einzelnen Fällen sogar mit hinzugefügten
Bruchteilen dahinter, welche die Beweise liefern, daß man den Inhalt
der bezüglichen Gefäße auf ihre Fassung genau zu prüfen verstand.
Das Maß des Hin, das für sich allein nach dem allgemein eingeführten
Rechnungssystem in 320 kleinste Teilstücke mit den Unterabteilungen
160, 80, 40, 20, 10, 5, 4, 3, 2 und 1 zerfiel, wurde anderseits für
sich allein als ein kleinstes Teilstück, d. h. als 1/320 betrachtet,
dessen Einheit somit das 320fache von 0,454 Liter in sich fassen mußte.
Die vollzogene Rechnung führt auf ein größtes räumliches Maß, dessen
Inhalt sich auf 145,35 Liter berechnet. Das ist aber genau die Fassung
der altägyptischen Kubikelle (von 0,527 Meter Längenausdehnung),
deren Teilstücke nach dem allgemeinen Schema, wie ich es kurz vorher
wiederholt habe, die hauptsächlichsten Unterabteilungen der ägyptischen
Maße darstellten, d. h. 1/2, 1/4, 1/8, 1/16, 1/32, 1/64 Kubikelle oder
mit anderen Worten 160, 80, 40, 20, 10 und 5 Hin.
Ich habe kaum nötig, darauf hinzuweisen, welche merkwürdige Analogie
das altägyptische System der Getreide- und Flüssigkeitsmaße mit unserem
modernen darbietet, in welchem bekanntlich das Liter den Raum eines
Kubikdecimeters oder den tausendsten Teil eines Kubikmeters bezeichnet.
Der Unterschied liegt allein in der Teilzahl 320, welche wir durch die
Decimalberechnung ersetzt haben.
Die Zahl 320, welche bereits auf den beiden ältesten Rechentafeln aus
der Mitte des dritten Jahrtausends v. Chr. zum Vorschein kommt und
deren Ursprung sicherlich in ein noch höheres Zeitalter zu versetzen
sein dürfte, hatte ihre nachgewiesene Bedeutung nicht nur für das
kubische Maß, sondern auch für die Berechnung der Flächenmaße,
besonders der Feldmaße, in den Zeiten des ägyptischen Altertums.
Erhaltene Inschriften liefern die Beweise, daß die größte Grundeinheit
des Feldmaßes in 1/2, 1/4, 1/8, 1/16, 1/32 geteilt, mit andern Worten,
dabei dasselbe Prinzip verfolgt wurde, welches dem uralten System mit
Hilfe der leicht teilbaren Zahl 320 zu Grunde lag.
Einen merkwürdigen Gegensatz zu dieser Zahl und ihren Teilstücken
bildete die von dem alten Kulturvolke der Babylonier angewandte
sexagesimale Rechnungsmethode, in welcher sich die Hauptstufen in
der Ordnung 360, 60, 1, 1/60, 1/360 darstellten. Die geschichtliche
Bedeutung dieses Systems, dessen Spuren sich bis in unsere Zeiten
hin verfolgen lassen, ist weltbekannt. Es beherrschte die gesamte
Kulturwelt des Altertums und verbreitete sich von Volk zu Volk auf den
ältesten Handelsstraßen zu Wasser und zu Lande. Ob es auch Ägypten
beeinflußt hatte oder ob im Verlaufe der späteren Geschichte von
Ägypten aus der Anstoß dazu gegeben worden ist, muß vorläufig als
eine unentschiedene und schwebende Frage bezeichnet werden. Auf
alle Fälle haben die ältesten Rechentafeln der Welt im Museum von
Gizeh, welche ich zum Gegenstande dieser Betrachtung gewählt habe,
uns die Gelegenheit geboten, Lichtblicke in eine ferne Vergangenheit
zu werfen, in welcher der menschliche Scharfsinn die Schwierigkeiten
glücklich zu überwinden verstand, mit ganzen und gebrochenen Zahlen die
Grundoperationen des Rechenwesens ohne auffällige Fehler im einzelnen
mit Erfolg durchzuführen.
Der Hypnotismus bei den Alten.
Der Hypnotismus oder die Kunst geeignete Personen in Schlaf zu
versetzen und sie in diesem Zustande zu Handlungen zu bewegen,
welche von dem ausgesprochenen Willen des Hypnotiseurs abhängig
sind, hat in den neuesten Zeiten durch öffentliche Schaustellungen
die allgemeine Aufmerksamkeit im höchsten Grade auf sich gezogen.
Die Meinung, daß bei den Versuchen in kleineren und größeren Kreisen
ein verabredetes Einverständnis zwischen den beteiligten Personen
vorliege, ist durch die Thatsachen vollständig widerlegt worden, und
seitdem die medizinische Wissenschaft, auf Grund strenger Prüfungen und
wiederholter Experimente, die Thatsachen ihrerseits bestätigt hat, sind
die Zweifel daran als unberechtigt angesehen worden.
Man hat sich bei dieser Gelegenheit mit Recht daran erinnert, daß schon
in den vorangehenden Jahrhunderten, man braucht nur an +Mesmer+
und den Mesmerismus zu denken, ähnliche Erscheinungen festgestellt
worden sind, die freilich auf übernatürliche Ursachen zurückgeführt
wurden und die Träger der geheimnisvollen Kraft geradezu in den
Ruf von Geisterbeschwörern brachten. Der bekannte Abenteurer Graf
+Cagliostro+, welcher sein Unwesen in der letzten Hälfte des
vorigen Jahrhunderts in den Hauptstädten Europas trieb, in Rom zum
Tode verurteilt wurde, jedoch begnadigt im Jahre 1795 im Fort San
Leon als Gefangener starb, kann als der Typus dieser sogenannten
Wundermänner angesehen werden. Man ist noch weiter zurückgegangen
und hat die Vermutung ausgesprochen, daß bereits dem Altertum
dieselben Erscheinungen nicht unbekannt gewesen seien, indem man
gewisse Arten von Orakeln und den Tempelschlaf mit dem Hypnotismus
in unmittelbaren Zusammenhang setzte. Die in den letzten Zeiten
öffentlich ausgesprochenen Ansichten darüber haben in der That vieles
für sich, aber die Schlüsse sind nur allgemeine, denn sie gehen von den
überlieferten Erscheinungen aus, deren nicht überlieferte, absichtlich
oder unabsichtlich verschwiegene Ursache den Ursprung derselben
verdunkelt, d. h. den vorausgesetzten Zustand hypnotisierter Menschen,
wie er heutigestags selbst von den wissenschaftlichen Größen zugegeben
wird.
Ich bleibe beim Altertume stehen, um die Beweise zu liefern, daß man
wirklich einzelne Individuen in Schlaf zu versetzen vermochte, um
sich derselben als Medien zu bedienen und durch sie eine Verbindung
zwischen einer übernatürlichen Welt mit der sinnlichen herzustellen.
Die Thatsache wird durch den Inhalt einer langen Papyrusrolle erwiesen,
welche in ägyptischer Volksschrift abgefaßt und mit vielen griechischen
Beischriften versehen ist. Nach dem Urteile gelehrter Forscher
fällt ihre Abfassung in die Mitte des dritten Jahrhunderts unserer
Zeitrechnung, in welchem die sogenannte +Gnosis+ in vollster
Blüte stand und die Anhänger derselben, die Gnostiker, je nach dem
Gründer und dem Systeme ihrer Schule, sich bemühten, die heidnischen
Mythen und die Gottheiten und Dämonen, vorzüglich der ägyptischen
und syrischen Tempelwelt, mit dem Christentum zu verquicken und auf
diesem verkehrten Wege in die Tiefen der Erkenntnis von Gott und Welt
einzudringen. Die hinterlassenen Schriften der Gnostiker, welche sich
vor allem an die Namen der Stifter der einzelnen Schulen und berühmter
Theosophen wie Marcus, Valentin, Basilides, Jamblichus knüpfen, lassen
ein ganzes Geisterreich erkennen, in welchem die Dämonen wie gehorsame
Diener und Vermittler zwischen dem „großen Gotte“ und dem Anhänger der
Gnosis auftreten. Durch geheimnisvolle Mittel, auch die schrecklichsten
Drohungen gehörten dazu, wurden sie gezwungen zu erscheinen und den
Willen des Beschwörenden auszuführen.
Mystische Namen und Titel spielten hierbei eine bedeutende Rolle und
dieselben, ihren gemalten oder geschnittenen Bildern beigefügt, galten
als Schutzmittel gegen alles Unheil. Die in den europäischen Museen
aufbewahrten gnostischen Steine können noch heutigestags als beredte
Zeugen jener wunderlichen Lehren dienen, welche genaue Vorschriften
über die Ausführung derartiger Talismane enthalten. So sollte z. B. ein
goldener Ring von ganz besonderer Wirkung sein und vor jedem Unglück
bewahren, an welchem ein Jaspis gefaßt war, der das geschnittene
Bild einer Schlange zeigte, die sich in den eigenen Schwanz biß,
darüber die Sonne, zwei Sterne und den Mond und daneben die drei Namen
+Abrasax+, +Jao+ und +Sabaoth+. Selbst jüdische Gottesgelehrte und
christliche Bischöfe standen nicht an, der Dämonenlehre ihren Beifall
zu schenken, denn sie spielen in ihren Äußerungen und Schriften bei
passender Gelegenheit häufig darauf an. Die Gnostiker schienen niemals
in Verlegenheit zu sein, um selbst das Unmöglichste zu erreichen. Es
gab förmliche Rezepte um glücklich zu sein, um Gegenliebe zu gewinnen
und Haß hervorzurufen, um Träume zu haben und Träume zu senden, mit
einem Worte, um jeden Wunsch in Erfüllung zu bringen. Sie legten damit
den eigentlichen Grund zu dem im Mittelalter allgemein verbreiteten
Glauben an eine höhere Magie und wenn in ihren Schriften auch keine
Vorschriften darüber enthalten sind, wie man schlechte Metalle in Gold
verwandeln könne, so sind die Rezepte in den gnostischen Schriften
um so zahlreicher, welche von der Mischung der Metalle handeln und
chemische Prozesse berühren.
Die Alchimie, die Mutter unserer Chemie, ging mit der Magie Hand in
Hand und es setzt in Erstaunen, mit welcher Auswahl von Mitteln man
das gesteckte Ziel zu erreichen glaubte. Selbst die Heilkunde wurde
in das Bereich der gnostischen Schulen gezogen. Die Beweise dafür
liegen in derselben Papyrusrolle vor, mit welcher ich mich gleich
näher beschäftigen werde. Es fehlt z. B. nicht an Rezepten, um das
Blut zu stillen, nicht an anderen, welche sich auf die Beseitigung von
Ohren-, Augen- und Fußleiden beziehen, auch nicht an Beschreibungen
von Pflanzen und Mineralien, welche auf das Gebiet der ~materia
medica~ verweisen. Die Gnosis umfaßte eben die Erkenntnis der Dinge
in ihrem letzten Grunde und ihre Verbindung mit dem Namen „des großen
Gottes“, unter welchem das Dämonenreich als Vermittler mit dem Anhänger
der Gnosis stehend angesehen wurde. Der Hypnotismus gehörte zu den
wirksamsten Mitteln, um diese Verbindung herzustellen und auf dem
Gebiete der Wünsche und des Wissens die wirksamsten Erfolge zu erzielen.
Der ägyptische Papyrus, von dem ich am Eingange gesprochen habe,
ist seit dem Jahre 1829 Eigentum des Museums (eingetragen als Pap.
~A~. Nr. 65) in der niederländischen Universitätsstadt Leiden. Er
ward in Theben entdeckt und gelangte durch Ankauf in den Besitz jener
Sammlung. Seine Länge beträgt 3,14 Meter, seine Höhe 25 Centimeter.
Von beiden Seiten mit zierlichen Schriftzügen in enger Zeilenfolge
bedruckt, hat er beim Aufrollen den Anfang eingebüßt. Es sind deutliche
Spuren vorhanden, daß sich der ehemalige Besitzer desselben häufig
bedienen mußte, denn er ist abgegriffen und danach zu urteilen sein
Inhalt häufig gelesen worden. Der Name des Verfassers oder selbst
nur der des Abschreibers oder Besitzers ist nirgends zu entdecken.
Vielleicht stand er am Anfange und ist bei der Zersplitterung der
ersten Seite verloren gegangen. Daß er für ägyptische Gnostiker
bestimmt war, darüber läßt die Sprache und selbst auch der Inhalt,
insofern er die Namen von ägyptischen Gottheiten wie Osiris, Isis,
Horus, Anubis, Seth u. a. m. berührt, keinen Zweifel übrig.
Unter den mannigfaltigen Vorschriften, welche größtenteils in
Gestalt von Beschwörungen und Zaubermitteln den Inhalt des langen,
merkwürdigen Schriftstücks bilden, befinden sich auch solche, welche
auf die Erscheinung von Dämonen hinauslaufen. Die Geister werden auf
geheimnisvolle Weise gerufen und genötigt, Antwort auf gestellte Fragen
zu geben. Dabei wird stillschweigend vorausgesetzt, daß sie nicht
erscheinen wollen oder eine ungenügende Antwort oder gar keine Antwort
erteilen. Für diesen möglichen Fall wird außer der Grundformel eine
andere Beschwörung empfohlen oder selbst eine dritte und vierte, die
eine unfehlbare Wirkung erzielen sollte.
Der Beschwörende, welcher die vorgeschriebenen Worte herzusagen hat,
unter welchen bekannte und unbekannte Namen aus allen möglichen
Sprachen als eigentlicher Mittelpunkt der Zauberei dienen, führt
sich selbst unter der Bezeichnung irgend einer Gottheit auf, um den
zitierten Dämon zu veranlassen, den ihm erteilten Befehl auszuführen.
„Ich bin +Horus+,“ so sagt er z. B. an einer Stelle, „der Bruder
(~sic~) der Göttin +Isis+, geboren von +Isis+, der herrliche Knabe,
welchen +Isis+ liebt und welcher nach seinem Vater +Osiris-Onnofer+
begehrt“. Dem Dämon wird somit die Täuschung zugemutet, als sei der
Beschwörende der ägyptische Gott +Horus+ in eigener Person, um seiner
Dienstfertigkeit einen besonderen Nachdruck zu geben und seine etwaige
Widerspenstigkeit durch das Gewicht der Autorität zu brechen. Den
Zweck der Beschwörung bildet in einer ganzen Reihe von Beispielen, wie
gesagt, die Absicht, den citierten Geist zu zwingen, auf gewisse Fragen
Rede zu stehen.
Als notwendigster Apparat zu der Zauberei gehörte eine Zauberschale
und eine neue Lampe aus Metall oder Thon, in welcher sich Öl und ein
neuer Docht befinden mußte, ferner zwei neue Kisten, welche, nach
ihrer Verwendung zu urteilen, als Stühle dienten, und schließlich ein
reiner, unschuldiger Knabe. Das Kind vertrat die Stelle des Mediums,
und aus seinem Munde vernahm der Beschwörer, ob der gerufene Dämon
oder die Dämonen zur Stelle waren, zugleich auch ihre Geneigtheit, die
betreffenden Fragen zu beantworten.
Aus den Beispielen, von denen ich mehrere unten in deutscher
Übertragung vorgelegt habe, wird der Leser eine Vorstellung über die
weiteren notwendigen Vorbereitungen gewinnen. Der Hauptakt der Handlung
bestand zunächst darin, das Kind zu hypnotisieren oder, wie der
ägyptische Text sich öfters wörtlich ausdrückt, „+zu veranlassen, daß
es seine Augen schließe+“. War dies erreicht worden, so rief es der
Beschwörer wieder wach oder, wie es im ägyptischen Stile heißt, „+er
veranlaßte, daß es seine Augen öffne+“. Das Kind mußte sagen, was
es (im Schlafe) gesehen und gehört habe, und damit war der Zweck der
vollzogenen Beschwörung oder Hypnotisierung erreicht.
Das „reine unschuldige Kind“ spielt in allen Beispielen die Rolle des
Mediums; weshalb? läßt sich leicht behaupten, da ein griechischer
Schriftsteller (Plutarch), welcher über ägyptische Glaubenslehren ein
ganzes Werk niedergeschrieben hat, ausdrücklich versichert, daß die
Ägypter den +kleinen Kindern+ (+Paidaria+) eine wahrsagende
Kraft beilegten und als Vorzeichen besonders die Ausrufungen nähmen,
die sie beim Spielen in den Tempeln zufällig hören ließen.
Die von mir beschriebene Handlung fand gewöhnlich in einem sauber
ausgewaschenen und abseits gelegenen Zimmer des Hauses statt, welches
von der angezündeten Lampe erhellt wurde. Nur der Beschwörer und das
Kind waren die einzigen gegenwärtigen Personen. Aber auch an die Sonne
und den Mond konnten von der höchsten Stelle im Hause, also vom Dache
aus, die Beschwörungen gerichtet werden, wobei wiederum das Kind die
Rolle des Mediums übernehmen mußte.
Mit diesen notwendigen Erklärungen vertraut, wird der Leser sich in
der Lage befinden, ohne Schwierigkeit die nachfolgenden Beispiele zu
verstehen, welche ich dem Papyrus des Leidener Museums entlehnt und in
wortgetreuer deutscher Übersetzung wiedergegeben habe.
„Nachdem du eine neue Lampe gebracht hast, in welche man keine
rotfarbige Erde hineingethan hatte, so ziehe einen sauberen (d. h.
frischen) Docht ein und fülle sie mit dem besten und reinsten Öle.
Stelle sie in ein abseits gelegenes Zimmer, das mit Seifenwasser
gereinigt worden ist. Stelle sie auf einen neuen Kasten, bringe ein
Kind herbei und lasse es seinen Platz auf einem andern neuen Kasten
einnehmen, der Lampe gegenüber. Laß den Schlaf über sein Auge kommen
und sprich über es das, was oben geschrieben steht (nämlich eine
längere Beschwörungsformel mit einer Menge wunderlicher Namen) zu
sieben Malen. Hast du es wieder erweckt, dann sage zu ihm: „Sahst du
das Licht?“ Antwortet es: „Ich sah kein Licht vom Lampenschein,“ so
rufe sofort den Namen +Heue+ aus, zu sieben Malen, und befrage es
nach allem, was du willst.“
* * * * *
„Hast du eine saubere und geputzte Lampe herbeigebracht, in welche man
weder rote Farbenerde noch Gummiwasser hineingethan hatte, so fülle
sie mit dem besten Öle oder auch mit ätherischem Öle. Umwickle sie mit
vier unangebrannten Zeugstreifen und hänge sie an eine nach dem Morgen
gelegene Wand auf an einen Pflock aus dem Holze des Lorbeerbaumes. Dann
stelle den Knaben vor sie hin, der sei aber rein und unschuldig. Bringe
ihn mit deiner Hand in Schlaf und zünde die Lampe an. Rufe über ihn
die Beschwörungsformel aus bis zu sieben Malen. Erwecke ihn wieder und
frage ihn also: ‚Was hast du gesehen?‘ Antwortet er: ‚Ja! ich schaute
die Götter in dem Umkreis der Lampe‘, so werden sie ihm Rede stehen in
Bezug auf alles, um was sie befragt werden.“
* * * * *
„Nachdem du einen reinen Knaben herbeigeholt hast, lege ihm einen
beschriebenen Talisman (?) an, stelle ihn der Sonne gegenüber und laß
ihn seinen Platz auf einem neuen Kasten einnehmen in der Stunde, in
welcher die Sonne aufgeht. Sobald ihre volle Scheibe emporgestiegen
ist, so laß einen Leinwandsack auf seinen Rücken legen. Bringe ihn in
Schlaf und +stelle dich mit deinen Füßen auf seinen Rücken+. Indem
du den Spruch über ihn thust, streiche über seinen Kopf hin und her,
und zwar mit deinem Sonnenfinger (Zeigefinger?) an deiner rechten Hand
u. s. w.“
* * * * *
„Beschreibung der Zauberlampe für den Knaben.“
„~+Tete-Ik-Tatak+~ u. s. w. Möchte mir Antwort auf alles, was
ich fragen werde, zu teil werden, sofort! Denn ich bin +Horus+,
das Kind in Mendes, denn ich bin +Isis+, die Wissende. Was ich mit
meinem Munde sage, das geschieht. Sieben Mal (dies) zu sprechen.“
„Nachdem du ein neues Gefäß herbeigebracht hast, thue einen frischen
Docht in dasselbe, der aus einem Tempel herrührt. Stelle das Gefäß auf
einen neuen Kasten, der aus der Vorratskammer herrührt. -- Stelle ihn
auf und weise dem Gefäße seinen Platz auf seiner Oberfläche an. Thue
vom besten Öle in dasselbe, oder auch Rosenöl. Stelle einen zweiten
neuen Kasten als Sitz für dich auf und laß den Knaben zwischen deinen
beiden Füßen stehen. Dann sage den oben niedergeschriebenen Spruch über
den Knaben her, wobei dein Auge auf den Spiegel seines Auges gerichtet
sei. Dann thue Myrrhe auf einem Weidenbaumblatt auf den oberen Teil der
Lampe. Sobald du es in einem Zimmer ausführst, so sei es finster, seine
Thüröffnung nach dem Osten oder dem Süden gerichtet und keine Stelle
lasse den Erdboden erkennen u. s. w.“ Der Text endet mit den Worten:
„Dann frage ihn: ‚Was hast du gesehen?‘ und er wird dir über alles
Mitteilung geben, worüber du ihm Fragen stellen wirst.“
* * * * *
Es ist nicht zu übersehen, daß auch der Beschwörer selber sich
hypnotisieren (lassen?) und damit die Rolle des Knaben übernehmen
konnte. Das geht mit größter Klarheit z. B. aus folgender Stelle hervor:
„Begieb dich in ein sauberes Zimmer, bringe ein metallenes Gefäß
herbei, wasche es mit Seifenwasser aus und thue zwei +Log+ (ein
besonderes Maß) Öl hinein und stelle es auf den Erdboden hin.
Darauf zünde eine metallene Lampe an und setze sie auf den Erdboden
hin, neben das metallene Gefäß. Nachdem du dich mit einem linnenen
Gewande bekleidet hast, bleibe bei dem Zaubergerät und sage den
Spruch hinein in das Zaubergerät, mit geschlossenem Auge, bis zu
sieben Malen. Hast du deine Augen wieder geöffnet, so befrage
es über alles, was du wünschst. Wünschst du, daß die Götter des
Zaubergeräts zu dir reden sollen, mit ihrem Munde, so sprich:
+~Joa-Iph-Eoe-Kintathur-Naphar-Aphoe~+, bis sie dir auf alle
vorgelegten Fragen Antwort geben werden.“
* * * * *
Um eine Vorstellung von den Drohungen zu geben, welche gelegentlich den
Dämonen gegenüber ausgestoßen wurden, wähle ich zum Schluß das folgende
Beispiel in seinem ganzen Zusammenhange.
„Du bist +~Boel~+ (3 Mal zu sagen) ~ï-ï-ï-a-a-a Tat-Tat-Tat~, der,
welcher allein das Licht spendet, der Urheber des Feuers, in dessen
Munde das Feuer ist, welches des Rauches entbehrt. Du lebendiger,
unsterblicher Gott, du großer Gott, der du im Feuer ruhst, der im
Pfuhle des Feuers weilt, welches das Meer des Himmels bildet, in
dessen Hand die Jugend und die Kraft des Gottes ist, steige heraus aus
dem Pfuhle jenes Feuers, erscheine du diesem Kinde, sofort! Laß es
mir Antwort geben auf alles, was ich im Begriff stehe ihn zu fragen,
sofort! Sonst werde ich dich verachten am Himmel im Angesicht der
Sonne, werde ich dich verachten im Angesicht des Mondes, werde ich dich
verachten auf der Erde, werde ich dich verachten im Angesicht dessen,
welcher auf dem Stabe weilt und den Rauch erzeugt und in dessen Hand
die Jugend und die Kraft des Gottes ist, d. h. ~Peperi-Pater-Emphe~,
der zweimal große Gott, in dessen Hand der schöne Stab ist, du, welcher
einen Gott entstehen läßt, ohne daß ihn ein Gott entstehen ließ.
„Schenke die Stärke der Augen diesem Kinde, welches meine
Zauberschüssel heute trägt, damit es dich sehe, damit seine Ohren dich
hören. Indem du sprichst, frage es nach allen Angelegenheiten und nach
allen Dingen, um welche ich es befragen wollte, sofort!
„Großer Gott, ~+Sisaoth-Achrempto+~, komme hier herein aus dem
Pfuhl jenes Feuers, du, der du auf dem Berge von ~+Kabaon+~ ruhst.
~+Takrtat+~, der welcher nicht stirbt, sondern in Ewigkeit hinlebt,
tritt herein! Nahe dich, großer +~Boel-Arbeth bai nuthi~+, du großer
Gott, nahe dich +~Boel-Tat~+, nahe dich +~Boel~+!
„Indem du dies siebenmal über das Kind sagst, erwecke es wieder und
frage es, ob das Licht da war. Wenn das Licht nicht zum Vorschein
gekommen war, so laß das Kind mit seinem eigenen Munde also zur
Lampe reden: „Wachse, o du Licht, erhebe dich, du Licht, leuchte, du
Licht, erscheine du Licht des Gottes, damit ich salben kann den Gott,
in dessen Hand das Schicksal des heutigen Tages liegt und der mich
befragen wird.