Das älteste Kulturvolk der Erde, oder die Ägypter, schlug einen

anderen Weg ein, indem es für jede Einheit einer dekadischen Reihe

ein besonderes Zeichen schuf, dessen Wiederholung die Vielfachen

ausdrückte. Ein stehender Strich besaß den Wert unserer Zahl 1, zwei,

drei u. s. w. bis neun nebeneinander stehende Linien hatten die Werte

von 2, 3 u. s. w. bis 9. Für 10 bildete man ein eigenes Zeichen in

Hufeisengestalt, dessen Wiederholung in derselben Weise die vielfachen

von 10 bis 90 dem Auge sichtbar darstellte, ebenso für 100, 1000 u. s.

w. bis zu einer Million hin. In der Kursivschrift der Hieroglyphen oder

der sogenannten hieratischen Schrift suchte man die dem Schreibenden

Zeit raubenden Wiederholungen der einzelnen dekadischen Zahlzeichen

möglichst zu vermeiden und sie für das Auge durch ein einziges Zeichen

darzustellen. Ein liegender Strich -- z. B. vertrat die Stelle von

|||, oder 4, zwei übereinander liegende = die Stelle von 2×4 Strichen,

oder mit anderen Worten der Zahl 8 nach ihrer hieroglyphischen

Bezeichnungsweise.

War es erforderlich in irgend einer Inschrift von Brüchen zu reden,

so spielten auch darin dieselben Bezeichnungen der Zahlen ihre Rolle,

nur setzte man ihnen das Wörtchen ro voran, welches soviel als unser

„Teil“, oder besser -tel, am Schlusse eines Zahlwortes bezeichnete.

~Ro~ 3, ~ro~ 4, ~ro~ 20, ~ro~ 124 hieß soviel als ein Drittel, ein

Viertel, ein Zwanzigstel, ein 124stel. Für die Hälfte hatte man ein

eigenes Zeichen erfunden, ebenso für 2/3 und wenige andere Brüche. Im

übrigen kannte man nur Brüche mit dem Zähler 1, also 1/3, 1/4, 1/5 u.

s. w. Zum Ausdruck solcher Brüche, deren Zähler größer als 1 war, nahm

man einfach seine Zuflucht zur Zerlegung derselben in solche mit dem

Zähler 1, deren Summe den gewünschten Hauptbruch ergab. So wurde 3/4

einfach in die Brüche 1/2 und 1/4 zerlegt, die in der schriftlichen

Darstellung hintereinander fortliefen. War eine derartige Zerlegung

nicht immer durchführbar, so ließ man den letzten kleinsten Bruch ganz

aus dem Spiele und übersah lieber den dadurch entstandenen kleinen

Fehler.

Wie beschwerlich und zugleich zeitraubend die Bezeichnungen einer

Reihe größerer Zahlen, vielleicht dazu noch mit hinzugefügten Brüchen,

in einer hieroglyphischen Darstellung sein mußten, das beweisen uns

Hunderte und aber Hunderte von Beispielen auf den steinernen Wänden der

altägyptischen Tempel und Gräber. Nur auf den hieratisch geschriebenen

Papyrusrollen nimmt ihre Darstellung aus dem oben angeführten Grunde

bescheidenere Dimensionen an.

Und dennoch haben nicht nur die jüngeren, sondern bereits die

ältesten Ägypter es fertig gebracht, trotz ihrer unbeholfenen

Zahlenbezeichnungen nicht nur die verzwicktesten Rechenoperationen

durchzuführen, sondern in Gestalt gewählter Beispiele ihre

arithmetischen Lehrsätze der Mit- und Nachwelt zur Nachachtung in

methodischer Weise zu enthüllen. Den ersten Anstoß dazu gab die

vielfach geübte Praxis der Vermessung.

Schon die Griechen lebten der Überzeugung, daß in Ägypten die Wiege

der Feldmeßkunst gestanden habe und daß diese Kunst von dort zu den

Hellenen gekommen sei. Das gesteht als einer der ältesten Zeugen

Herodot (II. 109.) ausdrücklich zu. Als Grund dafür giebt der Vater

der Geschichte die Notwendigkeit einer alljährlichen Berichtigung der

an den König zu entrichtenden Steuerquote an, weil die eintretende

Überschwemmung von den vermessenen Äckern der Einwohner gelegentlich

ein Stück loszureißen pflege und den Ertrag derselben dadurch

verringere. Um diesen Unterschied in gerechter Weise festzustellen,

seien die königlichen Feldmesser mit der Nachmessung von Amts wegen

betraut worden. Aber auch sonst fehlt es nicht an Zeugnissen aus dem

klassischen Altertume, daß nicht bloß die Feldmeßkunst, sondern das

gesamte Rechenwesen auf altägyptische Ursprünge zurückzuführen sei.

Ich will an dieser Stelle und gleichsam in Parenthese eine Thatsache

anführen, welche die neueste Geschichte Ägyptens seit der englischen

Okkupation betrifft und mit der herodotischen Bemerkung in einem

gewissen Zusammenhange steht. Seit einigen Jahren beschäftigt

sich die britische Verwaltung im Nilthale mit der schwierigen und

zeitraubenden Aufgabe, eine Vermessung des gesamten urbaren Landes

durchzuführen, und zwar auf +Grund der Lehren der europäischen

Feldmeßkunst+, da nähere Prüfungen des Katasters der früheren

ägyptischen Verwaltung Ungenauigkeiten in den Angaben der vermessenen

Feldstücke herausgestellt haben. Die aus den europäischen Berechnungen

hervorgehenden Unterschiede waren bald größer, bald kleiner und

beeinflußten damit die Höhe der den Besitzern auferlegten Abgaben.

Aber dennoch war es nicht eine bloße Willkür, welche den ägyptischen

Vermessungen zu Grunde lag. Erst in diesem Jahre hat sich nämlich die

wunderliche Thatsache herausgestellt, daß die modernen ägyptischen

+Massahin+ oder Feldmesser, meistens Kopten, d. h. christliche

Nachkommen der alten Ägypter, sich eines Systems bedienten, das zwar

auf Grund seiner fehlerhaften Anlage unrichtig, seinem Ursprunge nach

uralt, mit andern Worten urägyptisch ist. In welcher sonderbaren

Weise die modernen Feldmesser, welche sich eines Rohrstabes oder

eines Palmenzweiges in der Länge einer sogenannten +Kassabeh+

(3,55 Meter) bei ihrer Arbeit zu bedienen pflegen, ihre Operationen

ausführten, mögen die folgenden Beispiele beweisen.

Um den Flächeninhalt eines beliebigen Dreiecks festzustellen, ohne

Rücksicht auf dessen Gestalt in Bezug auf die Winkel, multiplizieren

sie nach alter Gewohnheit die halbe Länge der kleinsten Seite mit der

halben Summe der Längen der beiden übrigen Seiten. Der Irrtum bei

dieser Art der Berechnung erreicht nicht selten das Vierfache des

geometrisch bestimmten wirklichen Wertes, so daß der Steuerzahler

sich im höchsten Maße benachteiligt sehen mußte. Bei einem

vierseitigen Feldstücke, wiederum ohne Rücksicht auf seine besondere

Gestaltung, multiplizieren sie die Hälfte der Längensummen je beider

gegenüberliegender Seiten miteinander. Eine solche Methode ergiebt nur

bei einem Viereck oder Rechteck das geometrisch richtige Resultat,

führt aber bei allen übrigen vierseitigen Feldstücken, z. B. in

Trapezform, zu den gröbsten Irrtümern.

Selbst die späteren Niederlassungen der Hellenen in Ägypten und

die Bekanntschaft mit den Fortschritten der angewandten Mathematik

änderten nichts an den herkömmlichen Gewohnheiten der ägyptischen

+Harpedonapten+ oder Feldmesser, Gewohnheiten, die sich bis

zur Stunde unter den modernen Ägyptern fortgepflanzt haben. So

befinden sich beispielsweise lange hieroglyphische Inschriften auf

den Mauerwänden des Tempels von Edfu, deren Inhalt die Größe des

heiligen Tempelgutes nach Zahl und Maß der Äcker auf Grund der Angaben

der Feldmesser betrifft. Die nun 2000 Jahre alte Methode kehrt auch

darin wieder. So wird darin ein quadratisches Feldstück von 2 Ruten

die Seite mit Hilfe der Formel (2 + 2)/2 × (2 + 2)/2 richtig auf 4 □

Ruten berechnet und ebenso ein rechteckiges, dessen gegenüberliegende

Seiten die Längen von 2 und 20 Ruten betrugen, durch die Formel (2 +

2)/2 × (20 + 20)/2 = 40 □ Ruten bestimmt, aber für ein trapezförmiges

Feldstück mit den gegenüberliegenden Seitenlängen 21 zu 20 und 4 zu 4

Ruten findet sich irrtümlich dieselbe Formel angewendet: (21 + 20)/2 ×

(4 + 4)/2 = 82 □ Ruten, während die geometrische Berechnung dafür die

Zahl 81,18 □ Ruten ergiebt.

Dieselbe Formel, welche der Berechnung des Flächeninhaltes eines

vierseitigen Feldes ohne Rücksicht auf seine besondere Gestalt im

höchsten Altertum zu Grunde lag, findet sich in den Hunderten von

Beispielen der Edfuer Inschriften auch auf jedes Dreieck irgend welcher

Gestalt angewendet, nur mit dem Unterschiede, daß die der kleinsten

Seite gegenüber liegende Spitze des Dreiecks, gleichsam die vierte, zu

einem mathematischen Punkte zusammengeschrumpfte Linie, durch das Wort

„nichts“ ersetzt wurde. Wir würden dafür 0 sagen. Zur Berechnung eines

gleichseitigen Dreiecks von je einer Rute Längenausdehnung der Seite

findet sich daher der gewöhnliche Ansatz: (1 + 0)/2 × (1 + 1)/2 = 1/2 □

Rute, für ein gleichschenkliges Dreieck mit der Grundlinie einer Rute

und der Schenkellänge von 2 Ruten tritt der gleiche Ansatz ein, nämlich

(1 + 0)/2 × (2 + 2)/2 = 1 □ Rute. Thatsächlich beträgt aber der Inhalt

des ersteren 0,433 gegen 0,5 □ Ruten, und der des letzteren 0,968

gegen 1 □ Rute. Die Fehler, welche aus dieser Methode entspringen,

die noch in den Jahrhunderten unmittelbar vor dem Anfange unserer

Zeitrechnung ihre Verwendung fand, sind genau dieselben, welche sich

aus den gleichen Ansätzen der modernen Feldmesser in Ägypten ergeben

und welche mit allem Rechte die englische Verwaltung durch geometrische

Nachmessung zu beseitigen bemüht ist, um einen genauen Kataster des

urbaren Landes im Nilthale ein für allemal festzustellen und eine

gerechte Verteilung der Besteuerung bebauter Felder herbeizuführen.

Eine derartige Berechnung für alle Fälle verstößt gegen die

bekanntesten und einfachsten Regeln der Geometrie, wie sie heutzutage

unseren Kindern in der Schule gelehrt werden und rechtfertigt die

britische Rektifizierung, aber sie findet ihr ältestes Vorbild in

einem altägyptischen Papyrus, dessen Abfassung in die Zeiten zwischen

den Jahren 1800 und 2000 v. Chr. fällt. Beinahe 4000 Jahre hindurch

hatte sich danach die einseitige Lehre bis zu den modernen ägyptischen

Feldmessern fortgepflanzt, um schließlich von den Engländern über den

Haufen geworfen zu werden!

Der altägyptische Papyrus, auf welchen ich soeben angespielt habe,

befindet sich im Britischen Museum zu London, ist in hieratischen

Schriftzügen abgefaßt, mit mathematischen Figuren versehen und deshalb

in die Wissenschaft unter dem Namen des mathematischen Papyrus

von London eingeführt. Aus seinem reichen Inhalt, der durch die

Behandlung eines deutschen Gelehrten (Prof. Eisenlohr in Heidelberg)

bekannter geworden ist, hebe ich nur hervor, daß die Berechnung des

Flächeninhaltes von Feldstücken und des kubischen Inhaltes meist zur

Aufnahme von Getreide bestimmter hohler Räume bis zu den kleinsten

Maßen hin den Hauptgegenstand der an Beispielen erläuterten Lehrsätze

bildet. Wie nahe man aber in einzelnen Fällen der geometrischen

Wahrheit war, dafür spricht vor allem die bereits vor fast 4000

Jahren aufgestellte Formel zur Berechnung des Flächeninhalts eines

kreisförmigen Feldstückes. Aus den im Papyrus vorgelegten Beispielen

erhellt, daß man von dem Durchmesser des Kreises ein Neuntel abzog und

den übrig bleibenden Rest mit sich selbst multiplizierte. Ich führe in

wörtlicher Übersetzung ein Beispiel an, dem ein Kreis beigefügt ist mit

den Schriftzeichen für „9 Ruten“ (oder Kassabeh) in seinem Innern. Der

dazu gehörige Text lautet wie folgt: „Berechnung eines kreisförmigen

Feldes von 9 Ruten (Durchmesser). Es wird die Frage nach seinem

Flächeninhalt gestellt. Ziehe bei dir sein Neuntel ab, das ist 1. Als

Rest bleibt 8. Multipliziere 8 mal 8. Das Facit ist 64 □ Ruten. Das ist

sein Flächeninhalt.“

Man muß billig erstaunt sein, daß dies Resultat sich nur unmerklich

von der wirklich richtigen Zahl (64,0224 □ Ruten) auf Grund unserer

modernen Methode unterscheidet, in welcher die Zahl π eine so

bedeutungsvolle Rolle für die Kreisberechnung spielt.

Die Beispiele, so viel deren in dem uralten Papyrus ziffernmäßig

entwickelt werden, beziehen sich mit äußerst geringen Ausnahmen auf

die praktische Thätigkeit des Ackerbauers in Bezug auf die Vermessung

seiner Felder und die räumliche Bestimmung der für die Aufnahme der

verschiedenen Getreidesorten errichteten Speicher oder sonstiger

Baulichkeiten mit Hilfe der bestehenden großen Getreidemaße und ihrer

Unterabteilungen. Das waren unentbehrliche Geschäfte gerade wie dies

bis zur heutigen Stunde in ganz Ägypten und in der übrigen Welt der

Fall ist. Daß man schon sehr frühzeitig daran dachte, die Hauptregeln

der Vermessungskunst für den alltäglichen Gebrauch des Landmannes

niederzuschreiben, dafür tritt der Londoner Papyrus als redender Zeuge

ein.

Soweit wir gegenwärtig in der Lage sind, die Textworte zu verstehen

und die Berechnungen von Zahl und Maß bis in ihre Einzelheiten zu

verfolgen, stellt sich als allgemeines und zweifelloses Ergebnis die

Thatsache heraus, daß die in dem Papyrus niedergelegten Regeln und

Methoden mit ihren als Erläuterung dienenden zahlreichen Beispielen

auf einer verständigen Grundlage beruhen und durchaus nicht an ein

Zeitalter der menschlichen Kindheit erinnern. Es ist im Gegenteil

erstaunlich, wie man ohne die Kenntnis des Stellenwertes der

Zahlenreihen die verwickeltsten Rechnungen durchzuführen vermochte und

selbst bei Bruchberechnungen nur in äußerst seltenen Fällen, wie man zu

sagen pflegt, selber in die Brüche geriet.

Nur +ein+ Umstand bleibt dabei auffällig, daß man nämlich nicht

nur die einfachsten Brüche mit dem Zähler Eins, die man in der

kürzesten Weise zu bezeichnen imstande war, in den häufigsten Fällen

in kleinere Brüche mit demselben Zähler Eins zerlegte, sondern die

Nenner in ein gewisses abhängiges Zahlenverhältnis zu einander stellte.

So finden sich beispielsweise in einer mir vorliegenden Rechnung, von

welcher weiter unten ausführlicher noch die Rede sein wird, die Brüche

1/10 und 1/5 durch die nebeneinanderstehenden Bruchzahlen 1/16, 1/32,

2/320 und 1/8, 1/16, 4/320 gleichsam umschrieben wieder. Durch eine

leicht ausführbare Nachrechnung überzeugt man sich sofort von der

Richtigkeit beider Ansätze.

Es diene zum Verständnis dieser auffallenden Erscheinung die

Bemerkung, daß die Bezeichnung jener Teilbrüche nicht mit Hilfe der

gewöhnlichen Zahlzeichen, sondern durch Schriftcharaktere vor sich

geht, von denen jedes einzelne ein besonderes Wort zum Ausdruck eines

bestimmten Hohlmaßes darstellt. Es ist etwa so als wollte man mit

Bezug auf unser älteres Getreidemaß-System die Brüche 1/2, 1/24 und

1/384 (Wispel) mit den Worten: Malter, Scheffel und Metze wiedergeben.

Es ist sofort ersichtlich, daß diese Wörter der Reihe nach bestimmte

Bruchteile des Wispels andeuten, ohne daß dies zunächst aus ihrem Namen

selber hervorgeht. Für denjenigen, welcher mit den Getreidemaßen und

ihren Verhältnissen zu einander vertraut ist, sind ihre ziffernmäßige

Wertgrößen von vornherein verständlich.

Ich fühle mich bei dieser Gelegenheit veranlaßt, auf eine wenig

bekannte, sehr eigentümliche Rechnungsmethode überzugehen, welche

noch heutzutage von den koptischen Schreibern der Regierung, aber

auch sonst im gewöhnlichen Lebensverkehr ausgeübt wird, sobald es

sich um Rechnungen mit Brüchen handelt. Diese Methode, welche mit der

altägyptischen die größte Verwandtschaft besitzt, führt im Munde der

Eingeborenen den Namen der +indischen Rechnung+, obgleich ich

keinen Grund für ihren Ursprung anzugeben vermag.

Einleitend mache ich darauf aufmerksam, daß man bei Unterhaltungen

mit den modernen Ägyptern sehr häufig die Redensart vernimmt: das ist

wie die Elle, oder das paßt wie die 24, um die Genauigkeit irgend

einer Angabe im Besonderen zu bestätigen. Man muß dazu wissen, daß

nicht nur bei den gegenwärtigen Bewohnern im Nilthale, sondern schon

bei den alten und ältesten Ägyptern die Elle eine ganz besondere

Heiligkeit besaß, und daß man sie damals wie noch heute in 24 gleiche

Teile teilte, welche im Altertume „Finger“ hießen und jetzt den Namen

+Kirat+ tragen. Nicht nur die Einheit der Elle, sondern jede

Einheit überhaupt wird von den heutigen Ägypter als aus 24 gleichen

Teilen bestehend betrachtet, so daß ihre Hälfte durch 12, ihr Viertel

durch 6, ihr Sechstel durch 4, ihr Achtel durch 3 u. s. w. bezeichnet

zu werden pflegt. Handelt es sich in den modernen Berechnungen der

koptischen Schreiber z. B. um die Summierung der Brüche 1/2, 1/8, 1/12,

so addiert man die Teilstücke der Elle: 12 + 3 + 2 = 17 zusammen, und

zieht daraus die rechnungsmäßigen Schlüsse. Da ja der Bruch für sich

allein wieder als eine neue Einheit betrachtet wird, so entsteht daraus

ein weit verzweigtes Rechnungssystem, welches bis zu den kleinsten

Brüchen fortgeführt wird.

Ganz ähnliche Anschauungen herrschten bereits im höchsten Altertum

vor, wenigstens in Bezug auf die überlieferten zahlreichen Beispiele,

in welchen es sich bis zu den Brüchen hin um die Berechnungen von

Hohlmaßen für Getreide, Flüssigkeiten u. s. w. handelte. Jede einzelne

Maßeinheit wurde in 320 gleiche Teile geteilt, wobei die ganzen Zahlen

320, 160, 80, 40, 20, 10, 5, 4, 3, 2, 1 unserer 1 und den Brüchen 1/2,

1/4, 1/8, 1/16, 1/32, 1/64, 4/320, 3/320, 2/320, 1/320 entsprechen. Die

Beispiele, welche ich oben angeführt hatte, nämlich die Zerlegungen

der Brüche 1/10 und 1/5 in ihre besonderen Teilstücke, liefern dafür

sprechende Zeugnisse.

1/16 + 1/32 + 2/320 an Stelle des einfachen Bruches 1/10, besagen

nichts weiter, als daß es sich um die Summierung von 20 + 10 + 2 = 32

Teilstücken der 320 der Grundeinheit, d. h. um 1/10 derselben, handeln

soll.

Der Papyrus von London führt zahlreiche Beispiele dieser

Rechnungsmethoden an, die, wie angegeben ist, etwa in die Zeit

zwischen 1800 und 2000 v. Chr. fallen. Das ist ein hohes Alter, wie

es nur von wenigen Handschriften in der Welt übertroffen wird, aber

trotzdem bietet die merkwürdige Urkunde nicht das älteste Beispiel

der besprochenen Rechnungsmethode dar. Erst vor kurzem hat mich ein

glücklicher Zufall ein Schriftstück kennen gelehrt, das ich mit vollem

Rechte als die +älteste Rechentafel der Welt+ überhaupt bezeichnen

darf, wie es der Leser des weiteren sehen wird.

Es war im April des laufenden Jahres 1891 als während meines

Aufenthaltes im Museum von Gizeh mein Blick zufällig auf zwei

beschriebene Holztafeln fiel, die sich in einer der obersten

Abteilungen eines Kastens mit ägyptischen Antiken halb versteckt

vorfanden. Auf meine Bitte wurden sie aus ihrem Verließe geholt und

mir die Gelegenheit geboten, sie in aller Ruhe unter dem Lichte

der klaren ägyptischen Sonne zu prüfen. Jede der beiden Tafeln

hat eine Länge von etwa einem Fuße, die Höhe eines halben Fußes,

und auf beiden befindet sich an der oberen Längsseite eine kleine

Öffnung, als ob man ehemals eine Schnur dadurch gezogen habe, um

sie mit Bequemlichkeit, etwa wie ein Schüler seine Rechentafel, zu

tragen oder an einen Nagel aufzuhängen. Beide Tafeln sind mit einem

Gipsstuck überzogen gewesen, der vollständig geglättet erscheint

und heutzutage eine schmutzige, wachsgelbe Färbung angenommen hat.

Sie waren auf beiden Seiten beschrieben, wobei es sich mir bald

herausstellte, daß die dick aufgetragenen Züge fast nur Ziffern

in kolonnenartig angeordneten Berechnungen enthielten. Ein großer

Teil der Schrift erscheint verwischt, allein dieser Übelstand ist

nicht beklagenswert, da derselbe Gegenstand meist drei- bis viermal

wiederholt entgegentritt, so daß eine gegenseitige Prüfung die

vollständige Herstellung der Grundrechnung gestattet. An dem Rande

beider Tafeln befinden sich lange Namensverzeichnisse von Personen,

die, wie die Zahlzeichen, in altertümlicher Schrift ausgeführt sind

und deren Ursprung nur der elften oder zwölften Dynastie, d. h. etwa

der Mitte des 3. Jahrtausends, angehören kann. Das geht nicht bloß

aus dem Schriftcharakter selber, sondern noch vielmehr aus einzelnen

Namensformen hervor, welche mit denen bekannter Könige jener Epoche

identisch sind. Ich nenne an dieser Stelle die drei auffallendsten,

nämlich Entef, Amenemhet und Ufurtisen. Es kann somit über das

angegebene Alter jener merkwürdigen Tafeln kein Zweifel obwalten und

wir sind dadurch in die Lage gebracht, den Ursprung der Rechnungen

selber in jene uralte Zeit zu versetzen.

Der Fundort der beiden erwähnten Rechentafeln war ein Grab gewesen,

und es läßt sich nach sonstigen Vorgängen und Beispielen mit

zweifellosester Gewißheit annehmen, daß sie als Erinnerungen an einen

teuren Toten, der Mumie desselben beigegeben waren, um vielleicht an

seine letzte Thätigkeit im Rechenfache auf Erden zu erinnern. Es war

offenbar ein Schüler, der das Zeitliche gesegnet hatte, ohne seine

Studien auf dem bezeichneten Gebiete vollendet haben zu können. Die

kleinen Fehler und Irrtümer nämlich, welche in den einzelnen Kolonnen

mit unterlaufen, die Wiederholungen der Abschrift derselben Rechnung

und sonstige Indizien weisen darauf hin, daß der ehemals Lebende sich

mitten in der Schulung befand, als er plötzlich seinem Leben Valet

sagen mußte.

Ein näheres Studium der Kolonnen, die ziemlich regellos und wild

neben- und untereinander fortlaufen und die beiden Seiten jeder Tafel

bedecken, läßt mit aller Bestimmtheit feststellen, daß es sich in

sämtlichen Rechnungen um die Proportion gewisser Zahlenreihen zu

einander handelte. Als Anfangsproportionen erscheinen die folgenden

fünf: 1 : 1/3, 1 : 7, 1 : 10, 1 : 11, 1 : 13. Obgleich die Zahlen

ohne besondere Rechnungszeichen neben- und untereinander erscheinen,

so lehrt schon der erste Blick, daß Zahlenverhältnisse vorliegen,

die in fortlaufender Stufenfolge von den einfachen Zahlen bis zu den

zusammengesetzten Brüchen hin entwickelt werden.

Ich führe als erstes, weil durchsichtigstes und einfachstes Beispiel

die Verhältnisse von 1 : 10 an, die ich in nachstehender Übertragung

nach dem Ziffernbilde der Tafeln wiedergebe.

Vervollständigt ist dies Bild durch mich selbst nur durch das moderne

Zeichen der Proportion, um auch für das Auge die einzelnen Verhältnisse

deutlicher hervortreten zu lassen:

1 : 10

10 : 100

20 : 200

2 : 20

1 : (20 + 10 + 2)/320 (= 1/10)

2 : (40 + 20 + 4)/320 (= 1/5)

4 : (80 + 40 + 5 + 3)/320 (= 2/5)

8 : (160 + 80 + 10 + 5 + 1/1)/320 (= 4/5)

Man überzeugt sich, auf welchem rationellen, wenn auch zeitraubenden

Umwege mit Hilfe der Teilzahl 320, in ihrer fortschreitenden

Entwickelung von Stufe zu Stufe, man es erreichte, die Bruchwerte

vollkommen zu beherrschen und ihre Multiplikation in leichtester Weise

durchzuführen. Noch viel beredter spricht ein anderer Ansatz dafür,

in welchem die Verhältnisse nach der Proportion 1 : 1/3 beginnen, und

deren fortschreitendes Schema nach dem mir vorliegenden Texte die

folgende Übertragung zeigt:

1 : 1/3

2 : 2/3

4 : 1-1/3

5 : 1-2/3

10 : 3-1/3

20 : 5 + 1-2/3 (= 6-2/3)

40 : 10 + 3-1/3 (= 13-1/3)

80 : 20 + 5 + 1-2/3 (= 26-2/3)

160 : 40 + 10 + 2 + 1-1/3 (= 53-1/3)

320 : 80 + 20 + 5 + 1-2/3 (= 106-2/3)

Das System der 320 begegnete nicht selten Schwierigkeiten, um

Brüche auszudrücken, deren Nenner aus einer wenig oder gar nicht

teilbaren Zahl bestand. In einem solchen Falle versuchte man mit

Annäherungswerten auszukommen, etwa nach Art unserer abgekürzten

Decimalbrüche. Ein lehrreiches Beispiel gewährt die dreimal auf den

beiden Tafeln wiederholte Reihe der Proportionen nach dem Grundschema

1 : 11, welche ich in nachstehender Umschrift wiedergebe.

1 : 11

10 : 110

20 : 220

2 : 22

4 : 44

8 : 88

11 : 121

1 : (20 + 5 + 4)/320 (= 29/320) 1/11

2 : (40 + 10 + 5 + 3)/320 (= 58/320) 1/6 + 1/66 (= 2/11)

4 : (80 + 20 + 10 + 5 + 1)/320 (= 116/320) 1/3 + 1/33 (= 4/11)

8 : (160 + 40 + 20 + 10 + 2)/320 (= 232/320) 2/3 1/22 1/66 (= 8/11)

In den letzten vier Zeilen sollten rechnungsmäßig der Bruch 1/11 und

seine vielfachen 2/11, 4/11, 8/11, das Ergebnis bilden. Thatsächlich

führte aber das System auf den Hauptbruch 29/320 an Stelle des

erwarteten 29/319 = 1/11. Man ließ ihn unbeschadet des Fehlers stehen,

wies jedoch durch ein dahingestelltes 1/11 auf die Erkenntnis des

Fehlers hin, ebenso auch in den folgenden drei Zeilen, worin außerdem

die Brüche 2/11, 4/11, 8/11 nach der üblichen Methode in solche mit dem

Zähler 1 zerlegt sind.

Ähnlich verhält es sich mit der Proportionsreihe, an deren Spitze sich

als Schema 7 : 1 befindet und die ich in genauer Umschrift wiedergebe:

7 : 1

1/4 : 1/28

1/2 : 1/14

1 : (40 + 5-1/2)/320 (= 91/640)

2 : (80 + 10 + 1)/320 (= 91/320)

4 : (160 + 20 + 2)/320 (= 182/320)

Aus dem Morgenlande: Altes und Neues · 第 2 / 16 段